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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 41
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Buch.

Medizinisches Studium.

Gute, fast vergess'ne Zeit,
Oeffne deine Tore weit:
Sieh! in stolzer Majestät
Naht die alte Fakultät.

 


 

Romantik und Rationalismus zu Beginn des Jahrhunderts in Heidelberg.

Mitten in dem Zusammenbruch des heiligen römischen Reichs trieb die Romantik in Deutschland zu Beginn des Jahrhunderts üppige Blüten. Ihre Poeten schwärmten für die mittelalterliche, mondbeglänzte Zaubernacht, für girrende Troubadours und psalmodierende Waldbrüder; ihre Gelehrten spähten nach wunderbaren Schätzen in der verborgenen Tiefe der Geheimlehren, Mythologien und Völkersagen. Die Einbildungskraft entrang sich den Zügeln der nüchternen Kritik und wagte die kecksten Einbrüche in die Natur- und Heilkunde. Uebersättigte Sinne und unbefriedigte Gemüter lechzten nach Seligkeit und Erlösung und suchten sie im Schoße der römischen Kirche.

Für solche Stimmungen und Richtungen war Heidelberg der gelegenste Ort. Unter den melancholischen Trümmern seiner Burg, an den Ufern seines rauschenden Stroms, in der Waldeinsamkeit seiner Berge ließ es sich köstlich träumen und dichten.

Heidelberg, meinte GoerresVgl. Georg Weber, Heidelberger Erinnerungen, Stuttgart, 1886, S. 105 u. f., der 1806 und 1807 hier weilte und wirkte, sei selbst prächtige Romantik und ein Wundermärchen der Vorzeit. – Achim von Arnim und Clemens Brentano hausten am Fuße des Schloßbergs im »faulen Pelz« und ließen des Knaben Wunderhorn 1806 in die Weite klingen. – Der volkstümlichste Sänger der romantischen Dichterschule, Josef von Eichendorff, 188 studierte 1807 und 1808 in Heidelberg. – Unwillig sah Tieck, bei einem seiner Besuche der Schloßruine, die unwegsame Wildnis, die ihn bis dahin entzückt hatte, in einen Park mit sauberen Wegen umgeschaffen. – Die altdeutschen Gemälde der Gebrüder Boisserée, heute ein kostbarer Besitz der Münchner alten Pinakothek, leuchteten damals in ihren herrlichen Farben auf Goldgrund in dem heutigen Amthaus am Karlsplatz. – Creuzers symbolische Lehren erregten Goethes Interesse, der sich auf dem Schloß oben, wie die Steintafel im Stückgarten meldet, 1814 und 1815 »sinnend und dichtend« erging. Viele Gedichte des westöstlichen Divan sind hier entstanden, und das merkwürdige Laub eines Baumes aus dem Osten, der in den Schloßgarten gepflanzt war, reizte ihn zu symbolischer Deutung. Es war eine GingkoSalisburya adiantifolia, Lam., ein taxusartiger Baum, dessen Blätter aus Nadeln zusammengesetzt und aus zwei innig verschmolzenen Hälften gebildet zu sein scheinen. Er schrieb in das Buch »Suleika« die Verse mit der Aufschrift:

»Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie's den Wissenden erbaut.«

Der Sinn, den der Dichter, der Frankfurter Freundin gedenkend, in das Blatt legte, war das Geheimnis eines Bundes, der aus zwei liebenden Wesen eines macht:

»Fühlst du nicht aus meinen Liedern,
Daß ich eins und doppelt bin?«

Am Ufer des Neckars vor dem Karlstor wurde sogar die Politik zur Romantik und tauchte die weltgeschichtliche dunstige Gestalt der heiligen Allianz der christlichen Fürsten und Völker vor des Zaren Seele empor.

Aus der Vergangenheit jener ersten Jahrzehnte ragten in meine 189 Studienzeit nur noch wenige, fast verwitterte Säulen herein. Wenn wir jungen Leute den hochbetagten, einst so viel gefeierten Creuzer sich abends zur Museumsgesellschaft schleppen sahen, fragten wir uns verwundert: »War es möglich? Konnte dieser Alte mit der roten Perücke einst das Herz einer edlen, schönen und geistreichen Jungfrau so in Liebe entzünden, daß sie dem, durch die Bande der Kirche und der Dankbarkeit bereits gefesselten Freunde nicht zu entsagen vermochte und sich verzweifelnd den Dolch in den Busen stieß?«

Mit dem Schimmer der Romantik war es zu Anfang der vierziger Jahre in Heidelberg vorbei. Heftige Gegner waren ihr schon bei der Wiedergeburt der Universität erstanden, trotzige, auch hagebuchene Verfechter des Rationalismus, der in der medizinischen Fakultät von Beginn an ausschließlich herrschte.

Damit die Heidelberger Universität im Glanze berühmter Namen gleich bei der Neubegründung weithin strahle, berief Karl Friedrich 1805 den sprachgewaltigen Johann Heinrich Voß, der den Deutschen den Homer geschenkt hat, wie einst Luther die Bibel. Der Löwe von Eutin hatte sich in Jena zur Ruhe gesetzt, als ihn Karl Friedrich einlud, nach Heidelberg überzusiedeln, um an der Hochschule mitzuwirken, nicht als tätiger Professor auf der Lehrkanzel, sondern einzig durch seine anregende Gegenwart, und er folgte dem Rufe. Der streitfertige, knorrige Niedersachse wirkte mit elektrischer Kraft durch Reibung und Induktion und brachte mit Wettern und Blitzen dem fruchtbaren Erdreich Segen. Mit Schwert und Schild wahrte er grimmig die reine Wissenschaft vor der Verführung durch die leichtfertigen Romantiker, Symboliker und Mystiker. In seinen Augen waren die Goerres und Creuzer gefährliche Phantasten, ihre Lehren eitles Geflunker; des Knaben Wunderhorn schalt der Grobian einen »zusammengeschaufelten Wust«Wörtlich aus Georg Weber, a. a. O. S. 147. und »heillosen Mischmasch von allerhand bugigen, schmutzigen, trutzigen und nichtsnutzigen Gassenhauern, samt einigen abgestandenen Kirchenhauern«. Ebenso wie die Wissenschaft war der Glaube dem ehrlichen Manne Verstandes- und Herzenssache zugleich. Er haßte die katholisierende Richtung 190 der Zeit und schrieb sogar dem alten Jugendfreunde und Göttinger Hainbundgenossen den Absagebrief mit der Aufschrift: »Wie ward Fritz Stolberg ein Unfreier?«

Voß zur Seite stand bis zu dessen Tode 1826 der nicht minder streitbare Schwabe, der großherzoglich badische geheime Kirchenrat, Professor der Exegese und »Erzvater des Rationalismus«, Gottlob Paulus, in den Augen der Orthodoxen der leibhaftige Antichrist. Auf meiner erwähnten Ferienreise in den Schwarzwald 1842 begrüßte mich mein strenggläubiger Oheim in Buhlbach mit den Worten: »Hat der Teufel euern Paulus in Heidelberg noch immer nicht geholt?« – Der Teufel fürchtete die scharfen Waffen des unerschrockenen Theologen, der ihm keine Macht und nicht einmal die Existenz zugestand, und Paulus hat es, trotz ewiger Fehden auf allen Gebieten des Wissens, Glaubens und des öffentlichen Lebens, auf 90 Jahre gebracht; er ist erst 1851 gestorben.

Glücklicher, als Voltaire einst für die Sache des schändlich verurteilten Calas stritt, rettete Paulus dem Kölner Fonck das, nach dem Urteil des Schwurgerichts verwirkte Leben. Er wagte noch Kühneres, fast Unglaubliches, denn er trat furchtlos für das junge Deutschland ein und für Gutzkows gottlose »Wally, die Zweiflerin«, obwohl der hohe Bundestag jenes in Acht getan und Gutzkow, auf Menzels Betreiben, vor die Gerichte gestellt hatte.

Der unermüdliche Kämpe hat sich auch die Medizin verpflichtet.Vgl. die geistvolle Würdigung der Tätigkeit von Paulus in den bad. Biogr. Bd. II, durch Prof. Hausrath in Heidelberg. Fast früher als die Aerzte erkannte der Theologe die Gefahr, womit Schellings Naturphilosophie die Heilkunde bedrohte. Den Einfluß solcher Phantasmen auf das ärztliche Studium nannte er »tragisch«, man könne solcher»Taschenspielerei« nicht frühe genug ein Ende machen. Es sei ein gefährliches Spiel, die Medizin am Studiertisch aus dem Kopfe, statt aus der Beobachtung und dem Versuche, aufzubauen. Der Rationalist besah sich ohne Brille die Welt. Wenn die deutsche Medizin fast in allen Stücken hinter der französischen und englischen zurückblieb, so war nur die schlechte 191 Methode der deutschen Forschung daran Schuld, die sich durch blendende Phrasen auf die Abwege oft geistreicher, aber hohler Spekulation hatte verlocken lassen.

Neben Paulus und anderen Gelehrten, z. B. dem Geschichtsschreiber Schlosser, pflegte innige Freundschaft mit dem alten Voß der berühmte Anatom Friedrich Tiedemann. Er war von dem trefflichen Berater und Minister Karl Friedrichs, dem Freiherrn von Reitzenstein, 1816 von Landshut berufen worden. Die Wahl war ausgezeichnet, denn was damals die deutschen medizinischen Fakultäten am nötigsten brauchten, waren nüchterne Forscher, und nüchterner als Tiedemann konnte niemand sein. Während die Vorlesungen Schellings alle andern Zuhörer hinrissen, wurde er, der sie in Würzburg besucht hatte, gerade durch sie von allen naturphilosophischen Anwandlungen für immer geheilt. Seitdem blieb er, wie er seinem Schwiegersohn Bischoffv. Weech, Bad. Biogr., Bd. II, S. 352. erzählte, ein unentwegter Anhänger Franz Bacons. – Eine Anekdote, die in Heidelberg umlief, kennzeichnet vorzüglich das hausbackne Urteil des Anatomen. Ein befreundeter Professor, der Orientalist Hanno, überreichte ihm ein Bändchen überschwenglicher Gedichte, die er eben dem Druck übergeben hatte. Tiedemann las darin den gewagten Ausdruck: »Auch mein Herz ist voll bis über'n Rand!« – »Aber was fällt Ihnen ein, mein Lieber?« so verwies er dem bestürzten Dichter seinen unglücklichen Vergleich, »meinen Sie, das Herz sei eine Waschschüssel?«

Der induktiven Methode huldigte wie Tiedemann die ganze medizinische Fakultät. Diese bestand im Beginn meines Studiums neben ihm aus dem Ordinarius Franz Carl Naegele, Maximilian Josef Chelius, Benjamin Puchelt und Leopold Gmelin, aus dem Extraordinarius Theodor Bischoff und dem Prosektor Ludwig Kobelt. Daß die induktive Methode nicht notwendig den Forscher und Lehrer trocken und ledern machen müsse, bewies in diesem Kreise der alte Geburtshelfer Naegele, einer der unterhaltendsten Professoren, die je einen Lehrstuhl einnahmen.

Kaum eine der deutschen medizinischen Fakultäten stand so fest 192 auf dem einzig sichern naturwissenschaftlichen Boden wie die Heidelberger, und nur eine war ihr an Bedeutung ihrer Lehrer überlegen, die Berliner. Den Triumvirn Johannes Müller, Dieffenbach und Schoenlein waren die Tiedemann, Chelius und Puchelt nicht ebenbürtig, Naegele allein, um den sich Berlin vergeblich bemüht hatte, durfte sich ihnen als gleicher zur Seite stellen.

Freilich hatte die Fakultät bereits zu altern begonnen. Sie fühlte es selbst, daß sie der Zufuhr frischen Blutes bedürfe, und auf ihren Antrag berief die Regierung 1844 den Anatomen Henle und den Pathologen Pfeufer. Ich hatte das Glück, ein Jahr noch den Unterricht auch dieser bedeutenden Männer genießen zu können.

Indem ich jetzt die medizinische Lehrweise und die Lehrer der Heidelberger Schule meiner Studienjahre schildere, habe ich keine andere Absicht, als anspruchslose Bilder zu liefern, wie sie mein Kopf und mein dankbares Herz im Gedächtnis bewahren. 193

 

 

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