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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 38
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In memoriam.

Der Abfall des Neckarbundes wurde von den Zurückgebliebenen schwer empfunden, sie begingen den Fehler, sich weiter zu spalten; im nächsten Semester verschwand die Alemannia, und an ihre Stelle traten neue Verbindungen, wie man in der angeführten Schrift von Dietz lesen kann, wo die Ereignisse bis auf unwesentliche Einzelheiten richtig dargestellt sind.

Mannigfaltig, wie die Schicksale der Neckarbündler, waren auch die der Alemannen. Nur wenige von ihnen sind noch am Leben, fast alle bereits in das dunkle Reich der Toten geschieden.

Die beiden Idealisten Eduard Bronner und Franz Volk, die mit mir aus der Suevia gingen, zog ihr schwärmerischer Patriotismus in den wilden Strudel der badischen Revolution. Für die todgeborne deutsche Reichsverfassung der Frankfurter Nationalversammlung setzten sie Vermögen und Existenz auf einen aussichtslosen, verzweifelten Wurf.

Bronner hatte sich 1848 in Wiesloch als Arzt niedergelassen und im Frühjahr 1849 gerade sein geliebtes und liebenswertes Weib heimgeführt, als der Sturm losbrach. Sein Wahlbezirk schickte ihn als Abgeordneten in die sog. konstituierende Versammlung in Karlsruhe. Nach der Niederlage der Aufständischen bei Waghäusel floh er in die Schweiz, irrte mit seiner jungen Frau durch Frankreich und fand erst im Juli 1852 ein sicheres Asyl in England. In Bradford, inmitten einer ansehnlichen deutschen Kolonie, erwarb er sich als ein in allen Fächern der Heilkunde bewanderter, ebenso geschickter als 174 aufopfernder Arzt das unbedingte Vertrauen seiner Landsleute und als gentleman die Achtung der Engländer. Er gründete ein Hospital für Augen- und Ohrenkranke, das erste dieser Art, das außerhalb Londons in England eingerichtet wurde; nach seinem Tode übernahm es die Stadt Bradford als Eigentum. – Welch dankbare Verehrung ihm die Kolonie zollte, zeigte das originelle Fest, das sie zur Feier deiner silbernen Hochzeit 1874 mit ihm beging. Die gesamte Jugend, die er in Bradford als glücklicher Geburtshelfer im Laufe von 22 Jahren ans Licht der Welt gefördert hatte, erschien teils auf eigenen Füßen, teils auf den Armen ihrer Mütter und Ammen, um ihm ihre Glückwünsche darzubringen. Und weder sie, noch ihre Eltern kamen mit leeren Händen, jene brachten ihm einen Check von 600, diese von 1000 Pfund und machten so die silberne Hochzeit zur goldenen. – Im Jahre 1877 erwies die Medicochirurgical Society Bradfords dem Foreigner die seltene Auszeichnung, ihn zu ihrem Vorsitzenden zu erkennen. – Seine grenzenlose Hingebung verkürzte des edeln Mannes Leben. Im März 1895 befiel ihn eine Bronchitis. Der Bitten und Warnungen der Gattin nicht achtend, eilte er in eisiger Nacht an das Bett eines seiner Kranken, der dringend nach ihm verlangte. Eine Pneumonie war die Folge und raffte ihn am 18. hinweg. Ganz Bradford beklagte den schweren Verlust.Vergl. badische Biographien von Fr. v. Weech, Bd. II., S. 57.

Franz Volk war eine ritterliche, schöne Erscheinung von kräftigen, edeln Zügen. Auch ihn hatte sein heimatlicher Wahlbezirk, die Stadt Offenburg, 1849 nach Karlsruhe abgeordnet; er war noch Rechtskandidat und in der Vorbereitung zum Staatsexamen begriffen. Volk besaß Vermögen, das der Fiskus nach dem Aufstand einzog. mittellos weilte er als Flüchtling in der Schweiz, von wo aus er nach Amerika auswandern wollte, doch vertauschte er vorher in Zürich das Studium des Rechts mit dem der Medizin, weil er in der neuen Welt als Arzt sein Auskommen leichter zu finden hoffte. Eine schwere Brustfellentzündung befiel ihn und schädigte seine Gesundheit für das ganze Leben. Nachdem ihm die Amnestie von 1857 die Rückkehr nach Baden ermöglicht hatte, ging er seiner geschwächten 175 Gesundheit halber nach der Heimat zurück und beendigte in Heidelberg seine medizinischen Studien. Da ich inzwischen daselbst Dozent geworden war, konnte ich ihm vielfach nützlich sein. Es ist ihm nicht leicht geworden, wie er mir mehrmals klagte, das Denken des Juristen mit dem des Mediziners zu vertauschen. Während sich jenes in Syllogismen streng an der Schnur der Gesetzesparagraphen zum festen Urteil fortbewegt, läuft das medizinische suchend und vergleichend durch eine labyrinthische Galerie von Bildern, ehe es zum Abschluß und Entschluß gelangt. Dennoch ist unser Jurist schließlich ein guter Arzt geworden.

Nach glücklich bestandenem Examen ließ sich Volk in seiner Vaterstadt nieder. Papa Volk, wie ihn schon als Knaben seine Mitschüler nannten, gewann das ärztliche und politische Vertrauen seiner Mitbürger. Kaum ein anderes Gemeinwesen des Großherzogtums ist so in politische Parteien gespalten wie Offenburg, aber die Bürgerschaft erwählte ihn einmütig dreimal von je fünf zu fünf Jahren zu ihrem Bürgermeister. Leider unterlag er am 1. März 1890 den Folgen der Krankheit, die ihn als Flüchtling in Zürich heimgesucht hatte.v. Weech, a. a. O. Bd. II., S. 480.

Volk hinterließ eine lesenswerte Schrift: »Hexen in der Landschaft Ortenau und der Reichsstadt Offenburg«, Lahr, 1882, einen wertvollen Beitrag zur Geschichte des Hexenwesens.

In der Alemannia war Volk weitaus der beste Redner gewesen. Ich habe ihn zuletzt, als er in Offenburg bei einer öffentlichen Feier seine Vaterstadt vertreten mußte, reden gehört und der volkstümlichen, kernigen Worte mich gefreut, die er an die Teilnehmer des Festes richtete. Am 29. Juli 1883 wurde in Gegenwart zahlreicher Gäste das Denkmal Okens eingeweiht, das die Stadt dem verdienten Naturforscher und Patrioten in Gestalt einer wohlgelungenen, von Volz in Karlsruhe ausgeführten Büste auf einen ihrer Brunnen gesetzt hat. Lorenz Oken (eigentlich Okenfuß) ist als armer Bauernknabe in dem Dörfchen Bohlsbach bei Offenburg zur Welt gekommen und hat auf dem Gymnasium dieser Stadt seine erste gelehrte 176 Bildung empfangen. Neben den Naturforschern der benachbarten Universitäten waren deshalb auch der Gemeindevorstand von Bohlsbach, die Schuljugend des Dorfes und das Gymnasium von Offenburg zu der Einweihung geladen. Professor Weismann von Freiburg würdigte und feierte den Naturforscher, Volk den Patrioten. Den Bohlsbacher Bauern rief er zu: »Seid stolz darauf, daß euer barfüßiges Lorenzli ein Mann geworden, dessen Andenken wir ein Jahrhundert nach seiner Geburt hier feiern,« – die Gymnasiasten ermahnte er, auch unter dem Sonnenhimmel ihrer Jugend der ernsten Pflicht eifriger Pflege der Wissenschaft und der Ausbildung eines ehrenfesten Mannescharakters nicht zu vergessen, denn sie seien später vorwiegend berufen, Ferment und Träger der Bildung zu sein.

Einer der liebsten Freunde ist mir Sigmund Pfeufer geworden. Er war der jüngste Bruder meines Lehrers Karl Pfeufer und studierte die Rechte. In Heidelberg bei seinem Bruder angekommen, sprach er diesem den Wunsch aus, das Burschenleben mitzumachen, wie er mir viele Jahre nachher erzählt hat, und erhielt von ihm den Rat, sich an mich zu wenden. Ich kann mir das große Vertrauen, das mir mein Lehrer schenkte, nur aus dem Umstand erklären, daß ich es fertig gebracht hatte, als Korpsbursche die Preisfrage der medizinischen Fakultät mit Erfolg zu bearbeiten. Sigmund suchte mich auf der Schwabenkneipe auf und folgte mir in die Alemannia, die wir gerade stifteten.

Pfeufer war ein klarer Kopf, ein Mann von Geist und unverwüstlicher Laune bei großer Arbeitskraft. Nach der Staatsprüfung ging er nach Paris, um das französische Recht und Schwurgericht kennen zu lernen, beim Ausbruch der Februarrevolution eilte er nach Bayern zurück. Am 1. März kam er auf dem Heimweg nach Mainz und fand hier angekündigt, daß am nächsten Tag die Nassauer in Wiesbaden Revolution hätten. Es belustigte ihn, daß die Nassauer ihre Revolution einen Tag vorher anzeigten, gewissermaßen freundlich zu der Vorstellung in Wiesbaden einluden, er beschloß, sich die Sache anzusehen. Neugierig fuhr er in den Kursaal hinüber, wo eine Volksversammlung wirklich stattfand und 177 die damals üblichen Forderungen an den Herzog, der eben in Berlin abwesend war, gestellt wurden. Der Minister versprach einstweilen, bis zu des Herzogs Rückkehr, Preßfreiheit und gestand Volksbewaffnung zu, die aus den Vorräten des Zeughauses sogleich ins Werk gesetzt wurde. In einem launigen Briefe schilderte Pfeufer diese Vorgänge den Seinigen in Bamberg, der Brief gelangte in die Hände des Freiherrn von Lerchenfeld, dem bald nachher die Leitung eines liberalen Ministeriums in Bayern übertragen wurde, und erwarb ihm die Gunst dieses klugen Staatsmanns, der sich daraufhin seiner Dienste versicherte.

Während des Krieges 1870/71 versah Pfeufer in Speier den wichtigen Posten eines Präsidenten der Rheinpfalz. Als nach beendigtem Kriege in Bayern aufs neue ein liberales Ministerium ans Ruder kam, wurde er im August 1871 Minister des Innern. König Ludwig II. erhob ihn 1887 in den erblichen Adelstand. Zuletzt verwaltete er das Amt eines Präsidenten von Oberbayern bis zu seinem Tode im September 1894.

Ein mir gleichfalls teurer Freund war Eduard Pickford. Englisches und deutsches Blut kreiste in seinen Adern. Sein Vater war in Manchester Spinnereibesitzer gewesen, hatte eine deutsche Dame, eine geborene Schunk, geehlicht, 1811 sich von den Geschäften zurückgezogen und in Heidelberg niedergelassen. Vor dem Karlstor baute er sich eine noch heute vorhandene Villa, auffallend durch ihre niedrigen Säulen an der Eingangstüre; man sieht es ihr nicht mehr an, daß Kaiser Alexander I. im Juni 1815 sein Hauptquartier darin aufgeschlagen hatte, wie eine Inschrift, versteckt unter dem Balkon über der Türe, der Nachwelt in lateinischer Sprache vermeldet. Das unansehnliche Haus hat eine interessante Geschichte. In seinen Räumen empfing der Kaiser die überspannte Frau von Krüdener, die im Gewande einer Seherin seiner schwärmerischen, der Mystik zugeneigten Seele die romantische Idee von der heiligen Allianz der Fürsten und Völker einflößte. – Der alte Pickford hatte zehn Kinder, die meist von der Schwindsucht hingerafft wurden; ein älterer Bruder meines Freundes war Percy Pickford, Dozent der Medizin in Heidelberg von 1844–54, ein strebsamer und beliebter 178 Arzt. Er und auch Eduard Pickford erlagen dieser Geißel ihrer Familie. – Eduard war zum Kaufmann bestimmt gewesen und dazu in Leipzig und Lyon erzogen worden, aber eine unwiderstehliche Neigung trieb ihn zum Studium der Volkswirtschaft. Er war Dozent von 1849 bis 1864, leitete volkswirtschaftliche und politische Zeitschriften im Geiste des Freisinns und Freihandels und machte sich seiner Vaterstadt vielfach nützlich durch Gründung eines Gewerbevereins, eines Arbeiterbildungs- und eines Vorschußvereins. Sie wählte ihn deshalb 1863 und 1865 zu ihrem Vertreter in der zweiten badischen Kammer. In Karlsruhe erlag der tätige Mann am 19. März 1866 seinen Leiden.Vgl. v. Weech, a. a. O. Bd. II, S. 136.

Von andern, denen ich näher trat, gedenke ich noch des stud. jur. Westphal aus Schwerin, eines wackeren Jünglings, nachmaligen Bürgermeisters von Schwerin und mecklenburgischen Reichstagsabgeordneten; ferner Fridolin Sandbergers, der als Professor der Mineralogie und Geologie 1898 in Würzburg starb; endlich des Mediziners Felix Kunde aus Berlin. Kunde hatte sich durch einige gute experimentelle Arbeiten über den Ursprung der Galle in der Leber, die Ursache des grauen Stars beim Diabetes u. a. bereits vorteilhaft bekannt gemacht, als er mich in Heidelberg aufsuchte, es mag im Herbst 1856 gewesen sein. Er war auf der Durchreise nach dem Süden, litt an der Schwindsucht und gab sich keiner Täuschung über sein Schicksal hin. »Meine Tage sind gezählt,« klagte er mir beim Abschied, »ich sterbe ungern, denn ich hatte gewünscht, meinen physischen Tod durch reifere Arbeiten in unserer Wissenschaft zu überleben.« Er starb 1865 in Rom.Gregorovius (römische Tagebücher, 1892, S. 296) berichtet am 27. Febr. 1865: »Gestern starb Dr. Kunde an der Schwindsucht. Wir begruben ihn heute. Als man ihn vor seinem Sterben fragte, ob er noch etwas wünsche, sagte er ruhig: den Tod, und starb.«

Außer Schwanitz, Westphal und mir sind meines Wissens die noch einzig lebenden Alemannen: der in Heidelberg praktizierende Medizinalrat Karl Mittermaier und der in Konstantinopel wirkende deutsche Botschaftsarzt und konsultierende Arzt des Sultans, Georg von Mühlig.

179 Karl Mittermaier ist ein Sohn des berühmten Heidelberger Rechtsgelehrten und war mit seinem jüngeren Bruder Franz, der die Rechte studierte, in die Verbindung eingetreten. Franz mußte bald nach beendigtem Studium, eines Lungenleidens wegen, nach Madeira reisen, wo er drei Winter mit Nutzen verbrachte, begleitet von seinem Bruder Karl, der, gestützt auf seine eigenen Beobachtungen, eine sorgfältige Monographie der als klimatischer Kurort viel gepriesenen Insel veröffentlichte. Franz lebte dann geheilt als Privatgelehrter in Heidelberg, mit seinem Bruder für das Wohl der geliebten Vaterstadt eifrig besorgt, und erreichte ein Alter von 66 Jahren. Er starb an einem unerwarteten Rückfall der Tuberkulose 1891.

Georg Mühlig, geboren in Zweibrücken, wuchs in der Levante auf, wo sein Vater sich als Kaufmann niedergelassen hatte. Nach früh erledigter Promotion in Heidelberg und eifrigen Studien in Wien und Prag ließ er sich in Konstantinopel nieder, wo er, im Besitze vorzüglicher Kenntnisse und der Hauptsprachen der polyglotten Stadt, rasch eine große Praxis erwarb. In seinem gastlichen Hause verlebte ich im September 1887 unvergeßliche, herrliche Tage. Die Reise nach der Türkei über Griechenland habe ich mit dem Reichstagsabgeordneten Dr. Hammacher ausgeführt, dessen Bekanntschaft gleichfalls aus der Heidelberger Studienzeit datiert; er war damals von Bonn zu Besuche gekommen und als Korpsbursche der Guestphalia Gast der Suevia gewesen. 180

 

 

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