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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 37
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Neckarbund.

Am 29. Januar 1845 machte mir Adolf Hexamer, ein älterer Mediziner, die Mitteilung, daß er und zehn andre Alemannen sich entschlossen hätten, auszutreten, weil das Programm der Verbindung ihnen nicht mehr genüge. Sie wollten nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern die Grundsätze des entschiedenen Fortschritts in Wissen, Glauben und Politik pflegen. Einige Gleichgesinnte aus den andern Verbindungen würden sich ihnen zugesellen.

Diese Nachricht überraschte und erschreckte mich. Ich beschwor ihn, seine Freunde möchten ihr Vorhaben nochmals mit einigen von uns Aelteren besprechen, ihr Schritt sei verhängnisvoll, ihre Verbindung werde ein politischer Klub sein und die ganze studentische Reform gefährden; es war vergebens. Er rückte nun mit der vollen Wahrheit heraus: ihre Verbindung war bereits Tatsache, sie nannten sich den Neckarbund, außer den zehn Alemannen hatten sich ihnen noch drei Mitglieder andrer Verbindungen angeschlossen. Sie verzichteten auf farbige Bänder als kindische Abzeichen, legten ihre blauen Mützen ab und stolzierten zunächst in grünen Samtmützen einher, vertauschten diese aber bald mit den dunkeln Filzhüten, die man 1848 nach dem roten Hecker Heckerhüte, auch Freischärlerhüte nannte.

Blind, der mit sämtlichen oben genannten Karlsruher Füchsen dem Neckarbunde beitrat, hat, wie Proelß (a. a. O.) mitteilt, darüber mit den Worten berichtet, ihre grünen Samtkappen oder grauen Filzhüte seien manchem Landsmannschafter aus adligem Geblüt oder bureaukratischer Familie ein Dorn im Auge gewesen, denn sie hätten 169 »eine sehr vorangeschrittene Richtung« bedeutet im philosophischen Deuten und in den politischen Bestrebungen, von denen Südwestdeutschland damals erfüllt und erregt gewesen. Bei der Aufnahme in den Bund habe eine gewisse Ausschließlichkeit geherrscht, »da die Grundsätze stark gepflegt wurden. Wir lasen Feuerbach, Bruno Bauer, Strauß, Spinoza, erfreuten uns an allem, was im Sinne der deutschen Freiheit an die Oeffentlichkeit trat in gebundener oder womöglich recht ungebundener Rede. Wir verfolgten aufmerksam die Vorgänge in Frankreich, und Louis Blancs Geschichte der zehn Jahre wurde mit dem gleichen Eifer studiert, wie Carlyles Geschichte der französischen Revolution.«

Die merkwürdigste Persönlichkeit, die dem Neckarbunde beitrat, war jedenfalls Peter Michel, ein Student der Philosophie, der von Bamberg frisch auf die Hochschule gekommen war, der Sohn eines bayerischen Offiziers. Er hatte sich auf der Schule beim Turnen einen Absceß des rechten Psoasmuskels im Unterleibe zugezogen und lange Zeit Bett und Zimmer hüten müssen. Noch immer erinnerte seine gebeugte Haltung und die fast leichenhafte Blässe seines Gesichtes an die überstandene schwere Krankheit. Er war eine auffallende Erscheinung: rabenschwarzes Haar hing ihm dicht und lang auf die Schultern herab, seine Nase war in scharfem Bogen geschnitten, seine dunkeln Augen glühten, er trug einen schwarzsamtenen polnischen Schnürrock und weite Pumphosen; ein kleiner schwarzer Bart begann bereits Kinn und Wangen zu umsäumen. In seiner weichen fränkischen Mundart erzählte er uns, nachdem er in der Alemannia heimisch geworden war, daß ihn auf seinem langwierigen Krankenlager eine wahre Lesewut befallen hätte. Er habe mit besonderer Gier philosophische Werke gelesen, Spinoza und Hegel, zuletzt Feuerbach. Von den Philosophen wandte er sich zu Proudhon und Fourier, wurde ein eifriger Bekenner der neu aufgetauchten sozialistischen Lehre und beschloß, auf der Hochschule Philosophie zu studieren und Apostel des Sozialismus zu werden.

Warum er gerade Heidelberg, das sich damals keines hervorragenden Philosophen erfreute, für sein Studium aussuchte, weiß ich nicht. Von den Vorlesungen des Ordinarius, Freiherrn von 170 Reichlin-Meldegg, war die besuchteste über Goethes Faust wenig mehr als ein Rendezvous sich belustigender Studenten, und Dozent Roeth, der 1846 zum a. o. Professor der Philosophie ernannt wurde, gewann seinen Ruf als Lehrer hauptsächlich erst durch Julius Braun, Blind und die Neckarbündler, die seinen gewagten Hypothesen mit dem vollen Vertrauen gläubiger Jünger lauschten, obwohl sich seine kühnen Behauptungen gegenüber der genaueren wissenschaftlichen Prüfung als Irrlehren erwiesen. Auch der dritte, Hofrat Kapp, war kaum ganz ernst zu nehmen.

Sei dem, wie ihm wolle, unserem Michel gefiel Heidelberg, wo ihn seine sozialistische Mission von Anfang an mehr beschäftigte, als sein Fachstudium. Gleich nach seiner Ankunft sah er sich, wie er selbst seinen Freunden später vertraute, bei verschiedenen Verbindungen, auch Korps, auf ihren Kneipen um, ob er fruchtbaren Boden für sein Evangelium fände. Der tauglichste schien ihm die Alemannia, die ihn aufnahm. Er brachte seine Lehren sehr bescheiden, sogar sanft und schmeichelnd vor und gewann allmählich einen großen Einfluß auf Hexamer und Blind, obwohl er sie nie zu entschiedenen Sozialisten bekehrte. Im Neckarbund rückte er mit seinem inneren Menschen ohne weiteren Zwang heraus, konnte unbändig grob sein und wie ein Flötzer schimpfen auf die »Holben« und »Liberolen, nomentlich solche Jommermenschen, wie den Gervinus«. – Wie ernst es ihm aber mit dem Evangelium, das er verkündete, war, bewies er 1849. Wie ein Feldprediger der Revolution zog er mit den aufständischen badischen Truppen wider den Feind. In dem Treffen bei Oos am 30. Juni drang ihm eine Kugel in den Leib, er endete tödlich verwundet in dem städtischen Hospital in Baden. So besiegelte er seinen Glauben mit dem Tode.

Wie es mit dem Neckarbunde weiter ging, ist mir aus den Erzählungen meines späteren Freundes Tenner, der ihm eine Zeitlang angehörte, und aus der Kneipzeitung des Neckarbundes, in die ich Einsicht erhielt, bekannt. Er schritt auf der abschüssigen Bahn, die er eingeschlagen hatte, keck weiter, und einige seiner Mitglieder, namentlich Blind, Steinmetz, Michel und Hexamer beteiligten sich bald tätig an Volksversammlungen und als eifrige Korrespondenz an der 171 radikalen Presse. Die Kneipzeitung wurde namentlich von Blind mit satyrischen Erzeugnissen bedient, die mit besonderer Vorliebe die »Enfants terribles« der radikalen Partei aufs Korn nahmen. Beinahe klassisch sind zwei parodierende »Motionen« geraten, die der, auf der äußersten Linken sitzende Abgeordnete Offenburgs, Hofrat Kapp, seit 1840 o. Professor der Philosophie in Heidelberg, in die badische Kammer eingebracht haben sollte. Die eine lautete auf »die Erfüllung des Wortbruchs«, die andre auf »Verallgemeinerung der Hundesteuer«. In dem ersten Antrag donnerte der feurige Redner auf »das Schlangennetz des Bajonettismus, das sich um das Mark der Nation gelegt hat«, im zweiten »auf die zweibeinigen Fleischerhunde, die der deutschen Nation den letzten sauern Knochen von der Lippe reißen und in den eigenen Beutel stecken«.

Die Schicksale der Neckarbündler haben sich sehr verschieden gestaltet. Die meisten beteiligten sich an der badischen Revolution; die Rolle, die Blind in ihr gespielt hat, ist hinreichend bekannt. – Von den Karlsruher Füchsen schloß sich Wilhelm Wagner gleich der ersten Erhebung an, dem Heckerputsche im Frühling 1848, und ging 1849 nach dem Scheitern des großen Aufstandes nach Nordamerika. Er machte in dem Bürgerkriege den berühmten Reiterzug Sheridans als Feldarzt mit, wurde des badischen »Diktators« Brentano Schwiegersohn und starb als praktischer Arzt in Chicago. Auch Frank und Sommerschuh gründeten sich eine neue Heimat in Amerika; beide weilen nicht mehr unter den Lebenden.

Adolf Hexamer, der hauptsächlich, wie ich sicher erfuhr, den linken Flügel der Alemannia zum Austritt angetrieben hatte, spielte in der badischen Revolution eine Rolle, die von Häußer eine schlimme Kritik erfuhr. Er war in Koblenz geboren, seine Mutter aber nach Heidelberg gezogen, der Erziehung ihrer Kinder wegen. Seine beiden jüngeren Brüder beteiligten sich mit ihm an dem Aufstand. Nach den ersten unglücklichen Gefechten an der Bergstraße flüchtete die Familie nach der Schweiz und von da nach New-York, wo Adolf als Arzt praktizierte und frühe starb.

Einer aus dem Neckarbund, ein Rheinpreuße, war schon 1846 nach Amerika ausgewandert. Er war an die Schrift von Max 172 Stirner geraten: »Der Einzige und sein Eigentum.« Sie kam seinen natürlichen Instinkten entgegen, weil sie den rücksichtslosesten Egoismus des Individuums verficht, dem er schon vorher, nur nicht auf wissenschaftlich-philosophischer Grundlage, gehuldigt hatte. Am Schlusse seiner Rechtsstudien erklärte er seinem Vater, einem angesehenen Arzte, er sei europamüde, es verlange ihn sehnlichst nach dem Lande der Freiheit. Sobald er dessen Zustimmung erlangt hatte, verteilte er an seine Heidelberger Bekannten Abschiedskarten mit der Aufschrift: »Ernst P. aus Amerika«, und fuhr nach Hause. Hier verschaffte ihm sein Vater eine wohlhabende Frau und ließ ihn als glücklichen Ehemann in das Land der Verheißung übersiedeln. Nach einigen Jahren zog es ihn nach den Weinhügeln des Rheinstroms zurück, er ließ Frau und Kind im Stich und war wie vorher »Ernst P. aus Europa«.

Nicht alle Neckarbündler trieben ihr Schiff in das stürmische Fahrwasser der badischen Erhebung. Zwei haben es zu Ministerstellungen gebracht, der liebenswürdigste der Karlsruher Füchse, Ludwig Eichrodt, nur zum badischen Amtsrichter. Ueber die Gefahren der Revolutionsjahre half ihm eine schwere Brustfellentzündung weg, über die niedrigen Sorgen des Lebens die Muse, seine heitere Freundin bis zum letzten Atemzuge. Sie umschwebte ihn auf der Gerichtsstube und wenn er aufs Land fuhr zu gerichtlichem Augenscheine:

    »Wohin ich schaue und wandle
Begegnet mir unversehns,
Zur Poesie verkläret,
    Die alte Jurisprudenz.« 173

 

 

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