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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 32
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Pauken.

Die Korps nannten sich zum Unterschied von den rein gesellschaftlichen Studentenvereinen mit Recht Waffenverbindungen, denn sie pflegten das blutige Waffenspiel fast mehr noch als die brüderliche Geselligkeit und übten es nach den festen Satzungen des Paukkomments. Sie nannten die Waffengänge Paukereien oder Mensuren und führten sie in Heidelberg und an den meisten Hochschulen mit dem Korbschläger aus, in Leipzig und Halle mit dem Glockenschläger, ausnahmsweise griffen sie zu Säbel und Pistole, der Schläger blieb jedoch die eigentliche und eigentümliche Waffe des deutschen Studenten. – Die Bezeichnung Duell für den kommentmäßigen Zweikampf auf Hiebwaffen war ungebräuchlich, sie wurde selbst dann, wenn die Schußwaffe gewählt wurde, nur ausnahmsweise angewendet.

Bei den gewöhnlichen leichten Paukereien war durch geeignete Schutzvorrichtungen, die in ihrer Gesamtheit der Paukwichs genannt wurden, dafür gesorgt, daß nur das Gesicht und die Brust völlig ungeschützt blieben. Der Komment ließ jedoch auch schwere Paukereien zu, die den Namen Duelle wohl verdienten, auf Schläger und Säbel, wobei die Schutzvorrichtungen eingeschränkt wurden oder ganz wegfielen.

Zu Anfang der vierziger Jahre stand das Paukwesen in vorher nie gesehener Blüte. Es war zum gröbsten Paukunwesen geworden, unter vier Augen bezeichneten wir selbst es ganz aufrichtig als Pauksimpelei und Paukeselei. Die meisten älteren Burschen der Suevia hatten 10–12, auch 20, einige sogar 40–60 Mensuren hinter sich; 140 das Korpsband, worauf man sie einschrieb, reichte bei diesen kaum aus, sie alle aufzuzeichnen.

Dies war nicht immer so gewesen. Die alten Herren der Suevia im Philistertum versicherten, daß noch in den dreißiger Jahren manche Schwabenbursche nur ein- bis zweimal oder sogar niemals auf der Mensur gestanden hätten.

Als die Korps bei ihrer Gründung 1810 den Paukkomment ausdrücklich zur Hebung des Burschentones einführten, verboten sie jede tätliche Beleidigung von Kommilitonen mit Androhung der Strafe des Verrufs – nicht einmal an den Kleidern durfte der Gegner bei Streithändeln angefaßt werden – und formulierten genau den »Tusch«, das beleidigende Wort, das sofort dem Wortwechsel ein Ende machte und die Forderung auf die Mensur nach sich zog. Außer dem »dummen Jungen« und dem weit schärferen »Hundsfott« wurde kein andres beschimpfendes Wort für kommentmäßig erachtet. Mit der vollzogenen Mensur aber war die Beleidigung ausgelöscht, die Satisfaktion gegeben, wie es das Lied besagt:

»Hat der Schmiß gesessen,
Ist der Tusch vergessen.«

Hieraus geht hervor, daß die Mensur ehemals als Mittel zu dem löblichen Zwecke gewählt worden war, die Streithändel und damit die Duelle unter Burschen zu vermindern, jetzt aber war die Mensur selbst Zweck geworden, und man tuschierte, um sich auf der Mensur zu messen, um durch Pauken Ansehen zu gewinnen. Je mehr Tusche, desto mehr Mensuren, je mehr Mensuren, desto mehr Ehre. – Der Stolz des Korps waren seine Waffengänge. Man schlug sich nicht mehr für die Ehre der eigenen Person, sondern zu Ruhm und Ehre seines Korps, »in gloriam patriae«. Solche Paukereien nannte man »Skandäler pro patria«, wobei die sonderbare Verwechslung von Korps und Vaterland unterlief.

Unter den Korpsbrüdern selbst mußten alle Ehrenhändel friedlich ausgetragen werden. Es ist mir nie ein Duell unter den Schwaben zu Ohren gekommen, während sie mit den andern Korps, abwechselnd bald mit diesen, bald mit jenen, ewig in Fehde standen, wie der alte 141 Götz von Berlichingen und seine ritterlichen Vettern sich ehemals einander ununterbrochen ihre Eisenwämse ausklopften. – Die Suevia hatte sogar einen Erbfeind in der Rhenania, weil ihr diese die Mannheimer Füchse wegkaperte, während sie doch als anerkannte Vertreterin der badischen Studentenschaft auf die Mannheimer Anspruch zu haben meinte. Die beiden Verbindungen haßten sich gegenseitig, und an Ostern 1842 hatte die Erbitterung einen hohen Grad erreicht.

Auf dem allgemeinen Abschiedskommers pflegte jeder Hader zu schweigen, diesmal aber kam es zu einem kaum erhörten Skandal. Der Senior der Rhenanen hatte es gewagt, unsern Korpsbruder Bernhard Beck, diesen Ausbund von Tapferkeit, zu hänseln und seinen Mut anzuzweifeln, worauf ihm dieser, ohne ein Wort zu erwidern, eine kommentwidrige Ohrfeige versetzte. Eine solche Verletzung des Komments unter Korpsburschen war in Heidelberg noch nie vorgekommen. Der Seniorenkonvent erteilte der Rhenania die Erlaubnis, Beck beim Amte zu verklagen, das solche Vergehen mit Konsilium oder Relegation bestrafte, aber Beck hatte sein Abgangszeugnis von der Hochschule bereits in der Tasche und verließ Heidelberg sofort. Für ihn sollte nunmehr die ganze Suevia büßen. Im nächsten Semester verbündeten sich vier der bestehenden sechs Korps, um die Schwaben zu züchtigen, die nur in den Nassauern, die heute nicht mehr bestehen, treue Alliierte fanden. Die Suevia war gerade in diesem Semester auf einen Bestand von wenigen Leuten zurückgegangen, ihre sechs Korpsburschen mußten jeder zehnmal die Mensur betreten, doch kämpften sie fast in allen Waffengängen siegreich.

Ungeachtet ihres guten Willens hatte es den Korps zu Anfang des Jahrhunderts nicht recht gelingen wollen, den rohen Burschenton zu verfeinern. Sie rückten einander häufig abends auf die Kneipe, randalierten und kontrahierten, wobei es oft garstig zuging. Da beschloß der Seniorenkonvent, immer bedacht auf die Hebung der Sitten, diesen Brauch abzuschaffen und für das Paukbedürfnis in anderer Weise zu sorgen. Er dekretierte ewigen Frieden zwischen den Korpskneipen, verbot die gegenseitigen Einbrüche pro gloria patriae und richtete besondere Kontrahierabende ein, in zu diesem Zweck gemieteten Sälen, am liebsten im faulen Pelz.

142 Abends zur festgesetzten Stunde zogen sämtliche Korps in hellen Haufen von ihren Kneipen in die Arena zu fröhlichem Tuschieren, jedes besetzte den Tisch, den seine Füchse im voraus belegt hatten. Waren sie alle eingetroffen, so war die Neugierde groß, welche Losung die verschiedenen Korpskonvente ausgegeben hatten, doch die unheimliche Stille währte nicht lange. Ein Bursche erhob sich und schleuderte einem ebenbürtigen Kämpen an einem der feindlichen Tische höhnenden Schlachtruf zu. Besaß der Gegner Witz, so erwiderte er mit Gegenhohn, wenn nicht, was die Regel war, sofort mit dem Tusch. Nach dieser ersten »Kontrahage« ging das Kampfgeschrei an allen Tischen los. Die Luft schwirrte von dummen Jungen, dazwischen sausten einzelne schwere Hundsfotte nieder. Die Helden der Ilias hätten ihre helle Freude an dem Treiben gehabt.

Die schweren Forderungen, die an diesen Abenden gestellt wurden, kamen nicht alle zum Austrag. In und außer dem Saale waren Lauscher auf der Lauer, auch die Kellner paßten auf und berichteten den Pedellen, diese dem Universitätsamtmann. Manches schlimme Duell wurde dadurch verhindert. Der Amtmann zitierte die Kontrahenten und verlangte das Versprechen auf Ehrenwort, sich nicht zu schlagen, verweigerten sie es, so drohte er mit Karzer bis zu besserem Besinnen.

Um die Forderungen zum Austrag zu bringen, schickte das herausgeforderte Korps seinen Kartellträger mit dem Bestimmzettel dem feindlichen auf die Kneipe. Die Person dieses Heroldes, eines Korpsburschen, war durch seine Mission geheiligt. Er wurde mit ausgesuchter Höflichkeit empfangen und Tag und Stunde der Mensuren artigst mit ihm vereinbart. Solche Bestimmungsmensuren wurden von den persönlichen, auf private Streithändel hin, unterschieden.

Wie schlimm das Paukwesen war, wußte der Paukarzt Hofacker am besten. Er hatte in 24 Jahren mehr als 20 000 Mensuren auf Hiebwaffen, denen er beiwohnte, aufgezeichnet. Seine reiche Erfahrung auf diesem Gebiete der Wundarzneikunde verwertete er zu zwei Abhandlungen, die 1828 und 1836 in den Heidelberger klinischen Annalen erschienen; er brachte darin wertvolle Mitteilungen über die Wiederanheilung abgehauener Nasen- und Lippenstücke. Das Verbot, Hunde 143 auf die Mensur mitzunehmen, wurde zum Teil darauf zurückgeführt, daß eine Dogge die abgehauene Nasenspitze ihres Herrn bei solcher Gelegenheit eiligst aufgeschnappt und mit besonderem Appetit verzehrt habe. – Tödliche Verwundungen durch Hiebwaffen waren äußerst selten, nur die damals bei der mangelhaften Einsicht in die Natur der Wundgifte häufig nachfolgenden Infektionskrankheiten, namentlich die Kopfrose, brachte das Leben zuweilen in Gefahr.

Ueber die Häufigkeit der Pistolenduelle läßt sich nichts Gewisses sagen, weil man sie sehr geheim hielt. Während ich in der Suevia war, sind mir fünf Pistolenduelle bekannt geworden, die von Schwaben ausgeführt wurden. Es ist merkwürdig, daß sie unblutig verliefen, vielleicht nur, weil die Pistolen wenig taugten. Doch wurde in einem dieser Duelle einem Schwaben, der eben aus Berlin zurückgekehrt war, der runde Hut, den er sich von da mitgebracht hatte, auf dem Kopfe, ohne daß die Kugel die Haut berührte, durchschossen, in dem andern, wo ich sekundierte, streifte die Kugel des Schwaben dem Gegner die Haut an der rechten Schulter. Die Anlässe zu diesen fünf Duellen waren der nichtigsten Art.

Nur ein Pistolenduell verlief, während ich in Heidelberg studierte, tödlich.

Ein Studiosus juris W., Korpsbursche der Rhenania und Sohn eines verstorbenen Heidelberger Stadtdirektors, geriet aus geringer Ursache beim Verlassen des Hörsaals mit einem andern Rechtsbeflissenen, der keiner Verbindung angehörte, in einen Wortwechsel und ließ sich zu einer rohen kommentwidrigen Beschimpfung des verachteten Kamels hinreißen. Vergeblich ließ ihn der schwer Beleidigte auffordern, abzubitten; ungeübt in der Führung der Hiebwaffen mußte er Pistolen wählen. Das Duell fand oberhalb der Hirschgasse statt, der Beleidigte hatte den ersten Schuß, die Kugel drang dem Rhenanen in den Unterleib. Man trug ihn zu seiner Mutter in die Stadt, er war ihr einziges Kind, in ihren Armen hauchte er am 29. Januar 1841 sein Leben aus.

Die Korps bestatteten den Gefallenen feierlich. Auf dem Kirchhof kam es zu einem ärgerlichen Auftritt zwischen dem strenggläubigen evangelischen Stadtpfarrer und dem Senior der Rheinländer. Jener 144 schleuderte sein Anathema auf die Unsitte des Duells und bezeichnete den Rächer seiner Ehre als einen Mörder, worauf ihm der Senior am Grabe widersprach. Die Regierung schickte einen Beamten, um diese Vorgänge zu untersuchen und der Duellwut zu steuern. Es führte zu nichts, man hieb und schoß sich nach wie vor.

Dieses Duell hatte wichtige Folgen im Schoße der Studentenschaft selbst. Es rief wegen des äußerst verächtlichen Schimpfwortes, das der Korpsbursche dem Kamel erteilt hatte, unter den Wilden eine große und nachhaltige Erbitterung hervor und trug wesentlich dazu bei, eine mächtige Opposition wider die Korps und ihre Paukwut zu wecken.

Fast zu gleicher Zeit kostete jugendlicher Unverstand und Korpsübermut auch einem Rhenanen in Freiburg das Leben. Der junge Korpsbursche, ein allgemein beliebter, hübscher und liebenswürdiger Adeliger, ließ sich, aufgeregt vom Weine, hinreißen, grundlos einen Philologen zu beleidigen, der lediglich seinen Studien lebte und seinen schon von Geburt an verstümmelten rechten Arm nur unvollkommen gebrauchen konnte. Auch der Freiburger Korpsbursche konnte es nicht über sich gewinnen, Abbitte zu leisten, und büßte dies mit dem Leben. Der Verstümmelte, unfähig Hiebwaffen zu führen, wählte die Pistole und schoß den Beleidiger nieder. Die Furien des Gewissens verfolgten den unglücklichen Schützen durchs ganze Leben. 145

 

 

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