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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 30
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Korpsbrüder.

Mit tiefer Wehmut mustere ich die lange Reihe der 44 Korpsburschen, die von 1841 bis zum Herbst 1844 der Suevia mit mir angehörten. Ihre Namen sind mit dem Korpswappen auf einem riesigen Pfeifenkopf eingebrannt, den mir stud. jur. Edmund Kamm aus Karlsruhe verehrte. Von den 44 atmen nur noch zwei im rosigen Licht, auch der liebenswürdige Geber dieses Andenkens ist in das dunkle Reich des Todes hinabgestiegen. Er starb 1895 als Präsident des Konstanzer Landgerichts.

»Ubi sunt, qui ante nos
in mundo fuere?«Wo sind, die aus dieser Welt
Sind vor uns geschieden? (Gaudeamus)

Von den zwei Ueberlebenden bin ich der eine. Der andere ist Wilhelm Pleikart, Freiherr von Gemmingen, Oberstkammerherr des Großherzogs Friedrich von Baden.

Die meisten meiner ehemaligen Korpsbrüder haben es zu geachteten Lebensstellungen gebracht, mehrere zu hervorragenden, einige sind leider frühe gestorben oder verdorben.

In weiteren Kreisen machten sich bekannt Rudolf von Freydorf, der mich ins Korps aufnahm, Hermann von Hillern, Gemahl der Dichterin Wilhelmine von Hillern, gestorben 1882 als Präsident des 130 Landgerichts in Freiburg i. Br., der Chirurg Bernhard Beck, Friedrich Kapp, Eugen Regenauer, Heinrich Lepique, endlich Heinrich Goll.

Rudolf von Freydorf führte als Student auf der Hirschgasse eine gefährliche Klinge und im Rate der Senioren eine gefürchtete Zunge. Im Jahre 1870 hat er als badischer Minister des Auswärtigen beim Ausbruch des französischen Kriegs seine alte Schlagfertigkeit in den Depeschen bewiesen, die er mit dem Duc de Grammont wechselte.

Im Spätherbst 1858 hatte ich mit meinem ehemaligen Senior eine medizinisch-interessante Begegnung beim Schwurgericht in Mannheim, gelegentlich eines Rechtsfalls, wobei er das Amt des Staatsanwalts und ich das des ärztlichen Sachverständigen versah. Ich war damals a. o. Professor der Medizin in Heidelberg und hatte kurz vorher einer Versammlung der deutschen Augenärzte in Heidelberg angewohnt, wo Albrecht von Graefe sein neues Verfahren mitteilte, das akute Glaukom auf operativem Wege zu heilen, und Bericht gab über die damit erzielten Heilungen der schlimmen, das Auge mit Erblindung bedrohenden Krankheit. – Ich erschrak, als mich Freydorf begrüßte; die Pupille seines rechten Auges war weit und starr und blaugrün statt schwarz. Er teilte mir auf Befragen mit, daß er vor kurzem eine heftige Entzündung an diesem Auge gehabt habe, doch sei sie glücklich geheilt, er habe in der letzten Zeit wie früher auch in den Nächten hinter den Akten gesessen, gelesen und geschrieben. Ich verschwieg ihm meine Bedenken nicht, denn ich hielt die Sache für ein mit Erblindung abgelaufenes akutes Glaukom und veranlaßte ihn, nach Heidelberg zu kommen, wo ich ihn einem meiner Bekannten, Dr. Jung, einem Schüler von Graefe und Helmholtz und nachmaligem Professor der Augenheilkunde in Moskau, vorstellte. Eine genaue Untersuchung ergab, daß die Sehkraft des rechten Auges bereits vernichtet war, bei geschlossenem linken Auge vermochte Freydorf mit dem rechten nicht einmal das Licht einer brennenden Kerze wahrzunehmen. Das linke Auge war noch gesund, aber nach wenigen Wochen begann, wie Jung gefürchtet, das Glaukom auch an diesem. Sofort unterzog sich der schwer Bedrohte der Graefeschen Operation; Prof. Franz Chelius führte sie mit vollkommenem Erfolg aus, das Auge wurde 131 gerettet. Freudig bewegt schied Freydorf von Heidelberg mit den Worten: »Gott sei Dank! ich bin mit einem blauen Auge davon gekommen.«

Das Ideal eines ritterlichen Korpsburschen ohne Furcht und Tadel war Bernhard Beck, gebürtig aus Freiburg, der Sohn des Professors der Chirurgie Karl Josef Beck und Schüler von Stromeyer, dem Nachfolger seines Vaters. Er hatte in Freiburg das Korps der Rheinländer aufgetan und nur sein letztes Semester in Heidelberg zugebracht. Er ist, von Großherzog Friedrich in den erblichen Adelstand erhoben, als Generalarzt a. D. 1894 in seiner Vaterstadt, wohin er sich zurückgezogen hatte, aus dem Leben geschieden.

Unwandelbar treu seinen Freunden ergeben, ist Beck auch mir zeitlebens ein treuer Freund geblieben, obwohl ich, wie ich bald erzählen werde, im Herbst 1844 dem Korps abtrünnig wurde. Er hat mich kurz nachher, an Ostern 1845, auf seiner Heimreise aus den Hospitälern von Paris und Berlin in Heidelberg aufgesucht und ist einige Tage mein Gast geblieben. Vier Jahre vor seinem Tode veröffentlichte er in dem Organ der deutschen Korpsstudenten, den »Akademischen Monatsheften« vom 26. Dezember 1890, seine Lebensbeschreibung und schickte sie mir mit der Widmung: »Dem alten Freunde und Korpsbruder als Neujahrsgruß.«

Diese Lebensgeschichte ist ein kulturgeschichtliches Dokument ersten Rangs zur Beleuchtung des studentischen Geistes der deutschen Hochschulen des 19. Jahrhunderts. Nie fand das Korpsleben einen wärmeren Lobredner, als unsern »Bernhard«. Er blieb, wie er sich selbst rühmt, den, »Korpsidealen« seiner Jugend treu bis ans Ende. Das Korpsleben sei, in richtiger Weise genossen und durchgeführt, die beste Schulung des Jünglings auf der Universität und bilde männliche, makellose Charaktere. – Sicherlich besaß Beck eine große Willens- und Arbeitskraft neben einem unbedingten Selbstvertrauen. Er wußte mit seltener Beharrlichkeit als Student seine Zeit so zwischen Studium, Fecht- und Mensurboden einzuteilen, daß er mit vorzüglichen Kenntnissen von der Hochschule abging. Er kam nur an den vorgeschriebenen Abenden auf die Kneipe, trank wenig und rauchte nicht. Er ist mit der Zeit ein abgesagter Feind des Tabakrauchens geworden. Welch 132 ein großer Mensurhahn Beck gewesen, erhellt aus den Worten, die ich in seiner eigenen Fassung getreu wiedergebe: »Noch nicht 21 Jahre alt, hatte Beck, als schneidiger Gegner und fixer Schläger bekannt, 51 Mensuren auf Schläger, Säbel und Pistolen rühmlichst ausgefochten.«

Bernhard Beck bewahrte seine Lust am Waffentanz durchs fernere Leben. Er wurde ein gefeierter Militärchirurg. In den Jahren 1848 und 1849 eilte er auf die Schlachtfelder Italiens, wo ihm Radetzky eigenhändig die goldene Verdienstmedaille an die Brust heftete. Als badischer Militärarzt machte er die Feldzüge von 1866 und 1870/71 mit. In der dreitägigen Schlacht an der Lisaine rief ihn eine erschütternde Botschaft zu dem verwundeten Sohne, dem eine Kugel durch beide Oberschenkel gegangen war. Wunderbarerweise hatte sie die wichtigen Nerven und Gefäße, auch die Knochen nicht verletzt. In sieben Feldzügen, erzählt Beck in seiner Biographie, hat er 36 Schlachten und Gefechten, Belagerungen und Blockaden angewohnt. Das eiserne Kreuz I. Klasse und unzählige Orden schmückten seine tapfere Brust.

Ein ebenso treuer Freund wie Beck war mir Friedrich Serger, der 1892 als Präsident des Oberlandesgerichts in Karlsruhe starb. Er studierte zuerst in Bonn, gehörte dort dem Korps der Westfalen an und wurde dann Senior der Schwaben. Mit ihm verlor das Land einen seiner besten Juristen und edelsten Männer.

Obwohl viele Jahre durch das Weltmeer von Europa geschieden, blieb mir auch Friedrich Kapp aus Hamm in Westfalen in fester Freundschaft verbunden. Er war ein schöner Jüngling, der schönste vielleicht der Hochschule, eine Hermannsgestalt mit goldblondem, das kühne Haupt umwallendem Haar, heiter und frei gesinnt. Er beendigte seine juristischen Studien in Berlin, beteiligte sich 1848/49 an der Revolution und flüchtete dann nach den nordamerikanischen Freistaaten. In New-York errang er sich als Advokat eine unabhängige Stellung, wurde ein genauer Kenner des amerikanischen Rechts, der Geschichte und der wirtschaftlichen Verhältnisse der großen Republik. So ausgerüstet machte er sich als Publizist und Geschichtschreiber einen angesehenen Namen. Von seinen zahlreichen Schriften sind wohl am 133 bekanntesten die Lebensbeschreibungen der deutschen Offiziere, die unter den Fahnen Washingtons fochten, und die Geschichte des Soldatenhandels der kleinen deutschen Fürsten in der schlimmsten Periode deutscher Vergangenheit. Sein Patriotismus führte ihn 1870 nach Deutschland zurück, wo er in Berlin lebte; mehrmals in den Reichstag gewählt, starb er unerwartet rasch 1884.

Am 6. Dezember 1897 verschied Eugen von Regenauer, einer der Besten der Suevia. Während des deutsch-französischen Kriegs in den Reichsdienst berufen, bewies er in Elsaß-Lothringen ein großes Geschick zu organisieren und erwarb sich dort große Verdienste um das Steuer- und Zollwesen. Nach Baden zurückgekehrt, wurde er von Großherzog Friedrich zum Präsidenten der Generalintendanz der Zivilliste ernannt, und in den erblichen Adelstand erhoben.

Heinrich Lepique, dessen ich später noch gedenken werde, wurde Vorstand der badischen Zolldirektion, Vertreter des Großherzogtums bei den Zollkonferenzen des deutschen Reichs und Gr. Bad. Geheimer Rat. Mein wackerer Freund starb am 22. März 1902.

Zum Schluß noch einige Worte über Heinrich Goll, dessen die Biographen Scheffels und Eichrodts wiederholt als eines Bekannten der beiden Dichter gedenken. Er war ein Karlsruher Kind, wie sie, aber einige Jahre älter, hatte die Rechte studiert, wurde jedoch Publizist und versuchte sich auch als Lustspieldichter. Er war eine Falstaffnatur und nicht ohne Humor, aber schwerfällig an Geist und Leib. Als Redakteur der Karlsruher Zeitung beschloß er 1883 sein Leben. 134

 

 

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