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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 3
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Buch.

Kindheit.

Längst Vergangenes liegt mir nah',
Als ob gestern es geschah,
Doch was gestern sich begeben,
Will mir heute schon entschweben.

Einleitung.

Geboren am 22. Februar 1822 ist es mir vergönnt, am Ende des Jahrhunderts die Erinnerungen meiner Jugend niederzuschreiben. Ich preise mich glücklich, als ein Kind dieses Jahrhunderts durch das Leben gegangen zu sein, denn kaum einem von den unzähligen, in der Zeiten Schoß versunkenen, ist die Menschheit zu größerem Danke verpflichtet. Keines ist ihm vergleichbar an Mut und Geschick, in die tiefsten Geheimnisse der Natur einzudringen, keines hat mit gleich erfinderischem Geiste und gleichen Erfolgen die allgemeine Wohlfahrt gefördert und das Leben verschönert und veredelt, keines endlich entschlossener und siegreicher in allen Weltteilen die Ketten der Sklaverei gesprengt.

Die Natur hat allen Dingen Grenzen des Raums und der Zeit gezogen, aber kühner denn je zuvor nahm der Mensch den titanischen Kampf mit ihr auf und durchbrach die Schranken, die sie seinen Sinnen, seinen leiblichen Kräften gesetzt hat. Mit den Werkzeugen der Wissenschaft bemeistert er Zeit und Raum, Stoff und Kraft. Er zerlegt die Materie in ihre Elemente und zwingt ihre Atome, neue Verbindungen mit neuen Eigenschaften und Werten einzugehen. Mit dem Spektrum enträtselt er den Bau des Weltalls, mit der Linse des Mikroskops den Bau der organischen Welt. Hinter der wechselnden Gestalt der Naturkräfte erkennt er deren Einheit und macht sie seinen Zwecken dienstbar. Listig entnimmt er dem Lichte Strahlen, begabt mit der Kraft, das Undurchsichtige zu durchdringen; gehorsam treiben Wärme und elektrischer Strom Schaufeln und 4 Räder, und sprengen befreite Spannkräfte die granitnen Wälle der Alpen. Mit eisernen Schienen hat dieses Jahrhundert den Erdball umgürtet, mit den Flügeln des Dampfes Wagen und Schiffe beschwingt, in allen Zonen dem Austausch der Güter und Gedanken offene Wege gebahnt. Mit der Geschwindigkeit des Blitzes eilt das gesprochene Wort von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, das geschriebene über Weltteile und Meere, ja, der Phonograph zaubert die Stimme des Verstorbenen aus der Tiefe der Grüfte. – Mit besserer Aussicht als die Theosophie vergangener Jahrtausende wagt sich die exakte Forschung an die Lösung des Problems der Weltschöpfung.

Als Wissenschaft und Kunst hielt die Medizin gleichen Schritt mit den Naturwissenschaften und den technischen Künsten. Sie löste die unnatürliche Allianz, die sie mit der Spekulation geschlossen hatte, und nahm ihren richtigen Platz bei den Erfahrungswissenschaften. Als eine Schwester der Biologie teilt sie mit ihr Methode und Werkzeuge. Reich an Entdeckungen und Erfindungen, behorcht sie mit Glück Atmung und Kreislauf, beleuchtet die dunkeln Tiefen der Leibeshöhlen, mißt die bewegende und empfindende Kraft der Nervensubstanz und deckt die mörderischen Feinde auf, die, unsichtbar aus ihren Verstecken hervorbrechend, Völker und Individuen mit furchtbaren Seuchen heimsuchen und die Geschicklichkeit der Aerzte, Chirurgen und Geburtshelfer zu Schanden machen. Nicht länger steht die Heilkunst den vergifteten Pfeilen der grausamen Natur, die mit grimmiger Lust zerstört, was sie eben schuf, ratlos in Ohnmacht entgegen. Sie hat zwei Triumphe errungen, wie sie kein früheres Jahrhundert geahnt: durch die empfindlichsten Gebilde des Leibes hat sie die Schneide des Messers schmerzlos führen und die Wunde vor der Tücke der Sepsis wahren gelernt.

Uns Deutschen gebietet die Pflicht, dem scheidenden Jahrhundert ein doppelt feuriges Danklied zu singen. Den patriotischen Sinn, der uns in der langen Zerrissenheit und dem unseligen Hader der Stämme, Fürsten und Konfessionen verloren gegangen war, hat es dem deutschen Volke wieder gegeben. Es schenkte uns zur rechten Stunde den Fürsten von unerschütterlichem Pflichtbewußtsein und 5 klarem Urteil, der mit sicherem Blick die genialen Helfer zu dem großen Werke der Wiederherstellung des Reiches fand, den Staatsmann und den Feldherrn, um die uns die Welt beneidet. In treuer Hingebung und felsenfestem Vertrauen folgte die Nation den herrlichen Führern und erkämpfte auf den blutgetränkten Schlachtfeldern Frankreichs die ersehnte Einheit und die Deutschland gebührende Stellung im Rate der Völker.

Möchten die Söhne und glücklichen Erben den heiligen Besitz, den sie ebensowohl der klugen Besonnenheit, als dem Wagemut und Genie der Väter verdanken, treu schirmen und fernen Geschlechtern wahren. 6

 

 

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