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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 24
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Buch.

Burschenleben.

    Laßt die Flammen himmelan
Von den Fackeln lodern!
Nach der Jugend goldnem Morgen
Und des Alters Last und Sorgen
    Müßt im Grab ihr modern.

 


 

Der Maulesel.

Als glücklicher Maulesel verbrachte ich sechs rosige Wochen bei meinem Vater in Wiesloch. Die bilderreiche Sprache des Studenten nennt die Jünglinge, die nicht mehr Schüler und noch nicht akademische Bürger sind, Maulesel. Sie hängen nicht mehr als Grautiere ihre Köpfe im Pferch des Gymnasiums und sind jetzt freigelassen und aufgestiegen zur höheren Stufe des mulus. Nach den seligen Tagen der Kindheit, wo noch keine Schulwolke am Himmel steht, ist die goldene Mauleselzeit im Leben die schönste.

Ich vertrieb mir die sechs Wochen mit naturwissenschaftlichen Studien und Ausflügen, auch unter Beistand meines Vaters mit Knochenlehre, und harrte mit Ungeduld des Augenblicks, wo die Vorlesungen in Heidelberg beginnen würden. Es war mir zu Mute, wie acht Jahre zuvor auf der Reise mit meinem Vater in Karlsruhe, wo ich im Hoftheater neben ihm saß und es kaum erwarten konnte, bis der Vorhang endlich aufging. Bisher hatten mich nur Marionetten entzückt, jetzt aber saß ich vor einer wirklichen Schaubühne und sollte Mozarts Don Juan sehen und hören.

Der Abend war herrlich, und er wäre noch schöner gewesen, wenn nicht zu meiner Rechten ein alter Kanzleirat gesessen hätte, der unnötigerweise Furcht hatte, ich könne das Spiel ernst nehmen und Schaden an meiner Gesundheit leiden. Ich begriff ja den Sinn der Handlung nicht und schwelgte glückselig in der Betrachtung der wechselnden Bilder und den süßen Melodien der Musik; darum war es überflüssig, daß der Kanzleirat in steter 108 Sorge mich jedesmal tröstete, so oft eine Scene bedenklich wurde, und mir zusprach: ich solle nicht bange sein, denn alles, was auf der Bühne vorgehe, sei kein wirkliches Ereignis, sondern eitel Blendwerk.

Gleich zu Beginn des ersten Aktes, wo der gottlose Kavalier den Gouverneur mit dem Degen niedersticht, und dieser singend das Leben aushaucht, flüsterte mir der Kanzleirat zu: »Aengstige dich nicht, mein Kind, der Stich hat dem alten Manne nichts getan, er stellt sich nur tot.« – So ging es durch die ganze Oper fort, und bei den schönsten Scenen, wo es gehörig Hiebe absetzte, quälte mich der lästige Nachbar mit seinem Zuspruch. – Ja, zuletzt noch beim Aufbruch, nachdem der Bösewicht in den Flammen der Hölle versunken war, mahnte er mich: »Gräme dich nicht, mein Söhnchen, um den Don Juan, ich kenn' ihn persönlich, er ist ein braver Mann und geht jetzt ganz solide nach Hause. Seine Frau wartet auf ihn mit dem Essen, und es ist kein Scheinessen, wie das Geflügel aus Pappe, das ihm sein Bedienter, der Leporello, vorgesetzt hat.«

Wie damals in Karlsruhe, stand ich jetzt als Mulus mit heißem Erwarten vor dem Vorhang einer Bühne, doch sollte sich darauf wirkliches Leben abspielen, das fröhliche Burschenleben, und ich selbst mitspielen auf der akademischen Bühne. Sicherlich setzte es dabei Hiebe ab und richtige, wirkliche Hiebe, die mir kein Kanzleirat als Blendwerk ausreden konnte, doch war meine Haut nicht sehr empfindlich, und ich hatte kräftige Arme, mich zu wehren. Auch ist es von der Natur gut eingerichtet, daß die Jugend Schmerzen leichter vergißt, als gute Bissen, die ihr ein gütiges Geschick zwischen hinein auftischt. 109

 

 

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