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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 22
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die alte Landstraße im Rheintal.

Seit der Riese Dampf den Verkehr der Personen und Güter auf eisernen Schienen besorgt, ist die Poesie von der Landstraße abseits geflüchtet und wird in der alten bunten Gestalt wohl niemals wiederkehren.

Verklungen ist der seelenvolle Klang des Posthorns, der das Nahen des Eilwagens und der Extrapost verkündete, verschwunden das leichte Gefährt des Handelsreisenden und der schwere Frachtfuhrwagen, der ächzend seine tiefen Geleise in den Boden eingrub. Starke Pferde zogen bei munterem Schellengeläute zu vieren und fünfen die hochgetürmte Last; der Fuhrmann, die Geißel schwingend, schritt auf festen Beinen neben den Rossen einher, in Zipfelmütze und Fuhrmannskittel, in Kniehosen und Wadenstrümpfen, in schweren, über die Knöchel reichenden Schnallenschuhen; in der Linken hielt der wetterfeste Mann die kurze Tabakspfeife mit dem Maßholderrohr und dem messingbeschlagenen Ulmerkopf. Unter dem Wagen auf der Schaukel wiegte sich ein wachsamer Hund. Verschwunden endlich ist der ehrbare Handwerksbursche mit Felleisen und Knotenstock; statt seiner wandert auf der verödeten Straße der arbeitsscheue Stromer, am liebsten in Gesellschaft zu zweien oder dreien, mit leichtem Bündel, von Dorf zu Dorf, von Herberge zu Herberge.

Ich habe bereits erwähnt, daß ich im Herbst 1831 meinen Vater auf einer Fußreise von Boxberg nach dem Breisgau begleiten durfte. Wir benützten die Landstraße viel, ein kleines Erlebnis auf 98 ihr zeichnet getreu die Zeit und die Menschen. In Durlach hatten wir übernachtet, waren früh aufgebrochen und einige Stunden landaufwärts gegangen. Da kam hinter uns her eine Extrapost gefahren und holte uns ein. Zwei Reisende saßen im Wagen, beide in mittleren Jahren. Der eine, ein auffallend langer Herr, saß, ins Lesen vertieft, auf der uns abgewandten Seite und achtete nicht auf die Gegend, der andre, von kleinerem, gedrungenem Bau, besah sich Land und Leute. Als dieser uns bemerkte, weilte sein Blick ein wenig auf mir. Dann wechselte er mit dem Langen einige Worte, befahl dem Postillon zu halten und lud meinen Vater freundlich ein, mit mir in den Wagen einzusteigen und mitzufahren. Die Einladung wurde dankend angenommen, und bald entspann sich eine lebhafte politische Unterhaltung zwischen ihm und meinem Vater, die sich um die Julirevolution und ihre Folgen drehte. Der freundliche Mann war ein Schweizer, sein langer Gefährte ein Engländer; der Zufall hatte sie zusammengeführt. Der Engländer sprach kein Deutsch, aber der Schweizer englisch. Bisweilen fragte der Schweizer den Engländer um seine Ansicht über diese oder jene politische Frage und erhielt stets eine kurze, bestimmte Antwort, worauf der Englishman sofort wieder zu seinem Buche griff. – Die beiden Reisenden waren mir äußerst merkwürdig, ich hatte vorher zwar von Schweizern und Engländern gehört, aber keine bis dahin gesehen. – Noch lange nachher stellte ich mir, so oft von diesen Nationen die Rede war, die Schweizer als gedrungen und gerne plaudernd vor, die Engländer als lang und einsilbig mit dem Buche in der Hand. – Wir legten ein gutes Stück Weg mit den beiden Herren zurück; wo wir uns verabschiedeten, ist mir entschwunden.

Nicht nur an unterhaltender Staffage, auch an landschaftlichem Reize hat die Landstraße verloren; weil sie eine Menge edler Nußbäume mit ihren stolzen Stämmen und prächtigen Kronen einbüßte; das feste Holz der schönen Bäume mußte zu Gewehrschäften dienen.

Viele Gasthöfe von großem Rufe, wo die Fuhrleute sowohl wie die Reisenden gerne einkehrten, sind seither eingegangen. Auch 99 die berühmte Post zu Müllheim hat ihren Schild eingezogen und das Sprüchlein gilt nicht mehr:

»Z' Müllen an der Post,
Tausigsappermost!
Trinkt me nit 'n gute Wi!
Goht er nit wi Baumöl i
Z' Müllen an der Post!«

Das Haus, worauf sich der Vers Hebels bezieht, liegt nicht oben in der Stadt Müllheim, sondern unten im Tal an der Landstraße, eine Strecke unterhalb des Bahnhofs.

Die Poesie ging Hand in Hand mit dem Volkshumor, und als sie flüchtete, ist er ihr gefolgt. Wie das Steindruckbild des schwäbischen Roehrle ist auch das des schwäbischen Hansjörgle, das einst neben ihm an den Wänden der Herbergen hing, verschwunden. Der Hansjörgle war ein Fuhrmann und Nachts müde in der Herberge eingekehrt: Er hat seine Pferde besorgt und liegt jetzt auf der Ofenbank mit der Zipfelmütze auf dem Haupt in Pfülben und Decken eingegraben. Noch ruht er in süßem Schlummer, da öffnet das Annamareile, die dralle Herbergsmagd und getreue Freundin der Fuhrleute, die Türe und ruft herein: »Hansjörgle! steh' auf! die andern Fuhrleut' sind schon aufgebrochen und fahren mit den Wagen die Brücke 'nab!« Doch das schiert ihn wenig. Er brummt und meint: »Laß sie nur fahren! Sie haben weiter heim, als ich.« – Sie geht, kommt aber bald wieder und meldet, daß die Spatzen schon murren, es sei wirklich an der Zeit aufzustehen. – Es läßt ihn abermals ungerührt: Die Spatzen sollen murren nach Herzenslust, sie haben kleinere Köpfle, als die schwäbischen Fuhrleute. – Wiederum muß das Annamareile unverrichteter Sache abziehen, doch sie kennt die schwache Seite des Hansjörgle, zum drittenmal kehrt sie zurück und bringt die erfreuliche Nachricht, die Wirtin trage bereits die Morgensuppe auf. Da springt er mit einem Satz vom Lager und schreit: »Hurtig! hurtig! wo isch mi große Löffel!« – Eile tut jetzt not! Er fürchtet zu wenig abzubekommen.

Freilich hatte die Landstraße auch ihre üble Seite. Wer 100 beispielsweise die vier Wegstunden von Mannheim nach Heidelberg nicht zu Fuße zurücklegen mochte und den Eilwagen der Post oder den Landauer des Lohnkutschers zu teuer fand, war auf den Hauderer angewiesen, der mit seinem Omnibus den Verkehr der beiden Städte unter sich und mit den großen dazwischen liegenden Dörfern vermittelte. Mit Grauen gedenke ich einer solchen Fahrt, die ich als Mannheimer Lyceist nach Heidelberg ausführte. Wir waren nur vier Passagiere: eine Matrone aus Holland mit ihrer erwachsenen Tochter, eine Mannheimer Bürgersfrau und ich. Der Kutscher war ein junger, leichtfertiger Bursche. Er hielt überall an, wo ihm das Wirtshaus oder die Kellnerin gefiel, trank über den Durst und blieb halten, so lang es ihm beliebte. Der Wein stieg ihm bald in den Kopf, und es machte ihm großes Vergnügen, die Frauen beim Fahren zu ängstigen. Er fuhr im Zickzack von einer Seite zur andern bis nahe an den Wegrain. Wenn dann der Wagen in den Graben zu fallen drohte und die Frauen aufschrieen, grinste er vor Vergnügen. Wir wären zu Fuße in derselben Zeit und mit weniger Gefahr nach Heidelberg gekommen. Man konnte von Glück sagen, wenn man mit solchen heillosen Kutschern unversehrten Leibes ans Ziel kam.

Wie viel sicherer, rascher und angenehmer fährt es sich heute mit der Eisenbahn, die seit 1840 die Städte Mannheim und Heidelberg verbindet und dem Reisenden jetzt täglich mehr als zwanzig Züge nach beiden Richtungen zur Verfügung stellt. Ihre Eröffnung fällt in die Zeit, wo ich eben das Lyceum verlassen hatte; ihr sei das letzte Kapitel dieses Buchs gewidmet. 101

 

 

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