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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 18
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mein Bruder Rudolf

Der Bruder, der mir im Alter am nächsten stand, hieß Rudolf. Er besuchte, wie ich, das Lyceum, hätte aber besser für eine Kriegsschule getaugt.

Schlank und hoch gewachsen, hatte sich mein Bruder mit siebzehn Jahren bereits so kräftig entwickelt, wie ein neunzehnjähriger Jüngling. Er glich meiner Mutter, hatte dunkle Haare, eine bräunliche Hautfarbe und die stolze Haltung eines spanischen Hidalgo. Sein verwegenes Herz kannte nicht Furcht noch Gefahr und dürstete nach Abenteuern.

Die Kinderjahre hatten ein so kräftiges Gedeihen Rudolfs nicht voraussehen lassen. Seine Augen waren lange skrofulös entzündet und dadurch am Sehen verhindert gewesen; als er eines Tages unter der Bettlade eine blinde Ratte fing, war die Freude der Geschwister groß, – ein Blinder hatte eine Blinde gefangen! Im zehnten Jahre befiel ihn nach einem leichten Stoß an das Schienbein eine Beinhautentzündung, die ihn monatelang ans Bett fesselte. Mit dem Eintritt der Mannbarkeit verlor sich diese krankhafte Anlage völlig, er wurde stark und kerngesund.

Je länger der Knabe latein und griechisch trieb, desto weniger gefielen ihm die alten Sprachen, seine Zeugnisse wurden mit jedem Jahre schlechter. Als mein Vater im Sommer 1841 wieder einmal nach Heidelberg kam, um bei uns nachzusehen, waren Rudolfs Noten so überaus schlecht ausgefallen, daß er, in hohem Grade aufgebracht, dem großen Menschen eine Ohrfeige gab. Rudolf entfernte 76 sich schweigend, ging aus dem Hause und kam nicht wieder. Alles Nachforschen war vergeblich, er blieb verschwunden. Nach einigen Tagen erhielt mein Vater aus Mannheim einen Brief von unbekannter Hand, des Inhalts, man habe seinen Sohn auf dem Dampfschiff abfahren sehen, er habe eine Fahrkarte nach Straßburg gelöst. Damals befuhren Dampfschiffe, die Adler genannt, den Oberrhein bis Straßburg und Basel. Erkundigungen in Straßburg stellten fest, daß sich ein junger Mann, Rudolf Osmund, der von Mannheim kam, bei der Fremdenlegion hatte anwerben lassen. Dieser Osmund war unser Rudolf, er hatte Straßburg bereits verlassen und den Marsch nach Toulon angetreten, dem Sammelorte der Legionäre, von wo sie nach Algier verschifft wurden. Mein Vater erschrak in den Tod, in Algier mußte sein Sohn an Leib und Seele verderben. Unverzüglich fuhr er nach Karlsruhe und suchte Hilfe bei dem Minister des Aeußeren.

Auf dem Bureau des Ministeriums erteilte man ihm den Rat, sich unverzüglich an die französische Gesandtschaft zu wenden. Hier nahm ein junger Attaché sein Gesuch teilnehmend entgegen und versprach ihm, es solle von seiten der Gesandtschaft was irgend möglich geschehen. Die Entlassung Rudolfs aus der Armee stieß nach des Attachés Versicherung auf keine Schwierigkeit bei den französischen Behörden, weil er das gesetzliche Alter zum Eintritt in das Heer noch nicht erreicht hatte. Bedenklicher war ein anderer Umstand. Einzig und allein der Kriegsminister war berechtigt, über die Entlassung zu verfügen. Somit mußte das Gesuch nach Paris gerichtet werden, und bis hier der Befehl ausgefertigt und nach Toulon gelangt sein konnte, schwamm Rudolf bereits auf dem Meere nach Algier. In diesem Falle war nicht mehr mit Sicherheit auf die Ausführung des Befehls zu rechnen.

Mit so schwachem Troste kehrte mein Vater nach Hause zurück. Wer beschreibt seine Freude, als nicht lange nachher eine amtliche Anzeige eintraf, der Legionär Rodolphe Osmond sei auf Befehl des Kriegsministers und Marschalls Soult aus dem französischen Heerdienst entlassen und bereits auf dem Heimweg. In der Tat, der verlorene Sohn traf bald in Heidelberg ein und brachte eine Flasche 77 Tisane de Champagne aus Welschland mit, die er vergnügt zur Feier seiner Heimkehr mit uns Geschwistern leerte.

Getrieben von dem Gefühle inniger Dankbarkeit fuhr mein Vater wieder nach Karlsruhe und erfuhr hier, daß die Rettung seines Sohnes einzig und allein durch das persönliche Eingreifen des jungen Attachés möglich geworden war. Der gutherzige Franzose gehörte einer vornehmen Familie an und war ein Vetter des Präfekten in Straßburg. Von tiefem Mitleid mit meinem Vater ergriffen, hatte er sich unverzüglich an den Präfekten gewandt und ihn vermocht, den Kriegsminister in Paris mittelst des damals in Frankreich benutzten optischen Telegraphen um die Entlassung Rudolfs anzugehen. Der Minister schickte gleichfalls telegraphisch den Befehl nach Toulon, wo er gerade noch rechtzeitig, am Abend vor der Einschiffung der Legionäre, ankam.

Leider konnte mein Vater dem Attaché seinen Dank nicht persönlich aussprechen, der junge Herr hatte Karlsruhe eben verlassen und war nach Frankreich zurückgekehrt. Mein Vater war ein großer Franzosenfreund – ich werde darauf zurückkommen – und dieses Erlebnis bestärkte ihn vollends in seiner Franzosenliebe. Sobald er mich wieder sah, begrüßte er mich mit den Worten: »Begreifst du nun, weshalb ich für diese Nation so eingenommen bin? Was hat der Franzose nicht alles für mich getan, obwohl ich ihm fremd gegenüberstand und nur ein unbedeutender Arzt vom Lande bin! Präfekten und Minister hat er aufgeboten, um mir meinen Sohn wieder zu verschaffen, und für deinen Bruder, diesen dummen Jungen, sogar den Staatstelegraphen durch ganz Frankreich in Bewegung gesetzt. Gott lohne es ihm, wenn er einst selbst Familie besitzt, an seinen Kindern!«

Freilich war damit nur eine drückende Sorge beseitigt, um einer andern Platz zu machen. Was sollte jetzt mit dem Geretteten geschehen? – Ein Freund meines Vaters in Karlsruhe riet ihm, es nochmals mit den hnmanistischen Studien in dem ganz vorzüglich geleiteten Karlsruher Lyceum zu versuchen, und erbot sich, Rudolf in die eigene Familie aufzunehmen. Dieses Anerbieten wurde dankbar angenommen, und die hohe Gestalt des Jünglings zierte jetzt die 78 Bänke des Karlsruher Lyceums. Er wurde bald in der Klasse beliebt, das bestandene Abenteuer verlieh ihm einen romantischen Schimmer, und ein unleugbares poetisches Talent verschaffte ihm gleich talentierte Freunde. Einige Mitschüler, Ludwig Eichrodt, Karl Blind u. a. hatten einen Dichterbund geschlossen, dem er beitrat. Weniger erbaut von ihm schienen seine Lehrer. Er stand nach wie vor mit den alten Sprachen auf gespanntem Fuße, und ein lateinischer, mit Fehlern reich gespickter Stil bereitete seinen klassischen Studien für immer ein Ende. Die argen Versündigungen wider die edle Sprache Latiums in diesem Schriftstück hatten den Professor S., den größten Schulfuchser des Lyceums, ganz aus dem Häuschen gebracht. Mit dem Stilheft in der Hand hatte er sich vor dem unglücklichen Lateiner aufgestellt und die ganze Flut seiner vernichtenden Kritik über ihn ergossen. Seine Erregung wuchs von Minute zu Minute, und zuletzt erhob er die Hand, als wolle er zum Schlage ausholen. In geziemender Haltung hatte der Schüler stehend bisher mit kalter Ruhe den Tadel hingenommen, jetzt aber erhob auch er die Hand, und die Augen der ganzen Klasse hafteten bange an der peinlichen Scene. Da sank zuerst die Hand des Lehrers, die des Schülers folgte, erleichtert atmete die Klasse auf, aber das Schicksal Rudolfs war besiegelt, die letzte Lateinstunde hatte für ihn geschlagen.

Schon vorher hatte der Freund meines Vaters ihn gebeten, er möge ihm Rudolf wieder abnehmen, er könne die Verantwortung für diesen verwegenen Menschen nicht länger tragen. Der gute Mann war ein ängstlicher Bureaubeamter, an den Schreibtisch gebunden und der freien Luft entwöhnt. Er fürchtete das kalte Wasser wie den bösen Feind und mußte schaudernd erfahren, daß Rudolf – es war im Winter – im Rhein zwischen den Eisschollen sich badend vergnügt habe. Seit dieser Nachricht, so lautete sein Brief, bekomme er eine Gänsehaut, wenn er Rudolf ansehe.

In dieser betrübten Lage ging mein Vater auf den Vorschlag eines befreundeten Beamten in Wiesloch ein; für einen Menschen, wie Rudolf, konnte man keinen verkehrteren erdenken. Der Amtsrevisor, ein gewiegter Kameralist, hatte an dem Jüngling Gefallen 79 gefunden und meinte, er könne ihn zu seinem Gehilfen und mit der Zeit zu einem brauchbaren Beamten seines Fachs erziehen. Er nahm ihn auf die Schreibstube, und Rudolf fand sich, in Ermangelung eines Besseren, eine Weile darein. Da überraschte ihn eines Tages sein Vorgesetzter beim Reinschreiben eines Liedes zum Lobe der edeln Schreiberzunft, das er soeben auf dem Bureau gedichtet hatten statt die ihm überwiesenen Rechnungen zu revidieren. Das Gedicht war betitelt »Federfuchserlied«; Eichrodt hat ihm unter seinen gesammelten Dichtungen einen Platz angewiesen.

Federfuchserlied.

            Ich bin ein lust'ger Tintenfisch,
Auf Akten hinterm Bureautisch
    In Eile konzipiert;
Zum Vorschein kam die reine Hand
Zuerst, als man mich kunstgewandt
    Ans Licht herausradiert.

    Wenn sich die Sonn' am Himmelsdom
Als wie ein roter Tintenstrom
    Auf Gottes Welt ergießt,
Weckt mich ein Jucken in der Hand,
Ich schreibe, bis zuletzt gewandt
    Ein guter Schnörkel schließt.

    Ich treib' es, wie die Sonn' es treibt,
Die ihren Bogen auch beschreibt
    Und erst am Abend ruht:
So lenk' ich rastlos meinen Kiel
Nach einem vorgeschriebenen Ziel
    Mit federleichtem Blut.

    Diktiert der Tod mir Punktum vor,
Laßt mir die Feder hinterm Ohr,
    So ihr mich sandelt ein;
Statt Hobelspänen soll Papier
Im Tode wie im Leben mir
    Die Unterlage sein. 80

    »Hier unten modert das Konzept,
Die Abschrift hoch im Himmel schwebt,«
    Soll meine Grabschrift sein,
Nur sei ich sicher eines Schrecks,
Nur macht mir keinen Tintenklecks
    Auf meinen Leichenstein!

Außer sich kam der Amtsrevisor zu meinem Vater gelaufen und erklärte ihm rundweg, das Kameralfach vertrage sich nicht mit dem Dichten, er möge seinen poetischen Sohn vom Bureau wegnehmen.

Rudolf war dessen herzlich froh. Er wollte als Soldat auf Offiziersbeförderung dienen. Mein Vater brachte ihn nach Freiburg in das dortige Infanterieregiment, aber der Gamaschendienst behagte ihm nicht auf die Dauer. Er schrieb meinem Vater, es währe ihm zu lange, bis er in badischen Diensten den Marschallstab erringe, überhaupt sei ihm Europa zu enge, es verlange ihn nach der neuen Welt.

Mit guten Empfehlungen an Bekannte in New-York fuhr er über das Weltmeer. Mein Vater und ich begleiteten ihn nach Mannheim, wo er das Dampfschiff zur Fahrt nach Rotterdam bestieg. Bei der Abfahrt stand er wie ein junger Cortez auf dem Verdeck und winkte uns Abschied zu. Meinem Vater brach fast das Herz, wir gingen in den nahen Schloßgarten, heiße Tränen rannen ihm über die Wangen.

In New-York gab Rudolf seine Empfehlungskarten nicht ab, es lockte ihn nach kriegerischen Taten unter dem Sternenbanner. Zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko war Krieg entbrannt; bald nach der Ankunft trug ihn ein Schiff als Soldaten der Republik nach Tampico an der mexikanischen Küste, wo General Scott die amerikanischen Truppen sammelte, die zur weiteren Fahrt nach Vera Cruz bestimmt waren. Im Lager von Tampico hätte er fast, ehe er den Feind gesehen, durch Pulver und Blei geendigt. Der englischen Sprache noch nicht mächtig, verstand er eine Weisung seines Sergeanten nicht, worauf sich dieser, über den Ungehorsam außer sich, tätlich an ihm vergriff. Rudolf gab ihm den Schlag mit Zinsen zurück und würgte ihn bis zum Ersticken. Soldaten eilten 81 dem Sergeanten zu Hilfe. Gebunden und ins Loch gesteckt, der Todesstrafe gewärtig, kritisierte er sich selbst richtig mit dem Vierzeiler:

»Im Land der Freiheit Knecht
Auf Tod und Krüppel hin,
Da sieht man wieder recht,
Daß ich ein Esel bin.«

Mit großem Humor erzählt der Abenteurer im ersten Bande der bald eingegangenen Münchener Hauschronik, erschienen im Verlag von Braun und Schneider, wie ihm sein Kapitän Mackenzie Pardon erteilte, und welche Treffen und Schlachten er dann unter dessen tapferer Führung auf dem Boden Mexikos ausfechten half.

In der Nacht, die der Schlacht von Cerrogordo, am 18. April 1847, vorausging, auf der Feldwacht unter dem leuchtenden Sternenhimmel des feindlichen Landes, schweiften die Gedanken des reuigen Sohnes über das Weltmeer zur fernen Heimat, zum Grabe der Mutter, zu dem treuen, in nimmer müder Sorge sich verzehrenden Vater; seinem gepreßten Busen entquoll ein tief empfundenes Gedicht:

Memento mori!

        Sohn der Verirrung, laß Gedanken
Hinüber übers Weltmeer schwanken,
Nicht alles wirst du wieder finden
Wie einst im Lande deiner Sünden. –
                Memento mori!

Im Schoß der Erde ruht der Kummer,
Der Himmel ist des Todes Schlummer,
Noch hör' ich ihre Worte wehen:
»Wir werden uns nicht wiedersehen!«
                Memento mori!

Und du, gekreuzigt' Herz, aus Gluten
Der Wunden Liebe nur zu bluten,
Mißbrauchte Großmut ohne Ende,
Ach, daß ich je vergelten könnte!
                Memento mori! 82

Lebt wohl! Schon nahen die Geschütze
Heran zur Schlacht; schon zucken Blitze
Durch Nacht und Blut die Fahnen wehen;
Ob wir uns jemals wiedersehen?
                Memento mori!

Zuletzt, bei der Erstürmung Tschepultepeks, zerschmetterte ihm eine Kugel den rechten Oberarm. Der Arzt wollte den Arm abschneiden. »Nein, Doktor!« protestierte er, »den Kopf, aber nicht den Arm!« Das Glied blieb erhalten, wurde wieder brauchbar und kräftig, nur bezeichnete eine faustgroße Knochenverdickung (Callus) noch beinahe zwei Jahre nachher, als er im Herbst 1849 nach Hause kam, die Stelle, wo der Knochen zersplittert worden war. Als ich fragte: »wo hast du die Splitter hingebracht?« lächelte er listig »ich habe sie an vielen Orten versenkt, im See der Hauptstadt Mexiko, im Mexikanischen Meerbusen, andre im Mississippi und Ohio, etliche im Atlantischen Meer und der Nordsee, die letzten im Rhein und Neckar.« – »Warum denn so weit auseinander?« – »Die Sache ist leicht zu begreifen, mein lieber Bruder. Du weißt ja, wir müssen im Fleische auferstehen, und ich bin ein großer Sünder. Ruft mich die Weltposaune vor das jüngste Gericht, so gewinne ich Zeit, und es mag manches Jahr vergehen, bis ich meine Knochen zusammengefunden habe.«

Eine echte Landsknecht-Natur! Er ist nach Nordamerika zurückgekehrt, überschickte mir das Manuskript der Geschichte seiner Abenteuer nach Kandern, wo ich mich als Arzt niedergelassen hatte, und schrieb dazu: »Die Union hat mich reichlich mit Land bedacht und mir eine Pension ausgesetzt, so daß zeitlebens für meine Bedürfnisse wohl gesorgt ist. Du siehst, ich habe es ohne Gelehrsamkeit weiter gebracht, als du mit deinem Studium.« – Im fernen Westen, als ein Farmer und ehrwürdiger Patriarch, starb er vor einigen Jahren im Kreise seiner Kinder und Enkel. 83

 

 

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