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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 17
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Heidelberger Lyceum.

Bei dem Tausch des Mannheimer Lyceums mit dem Heidelberger bin ich nicht gut gefahren, aus einer Schule mit idealem Streben kam ich in eine mit handwerksmäßigem Betriebe. Lehrer ersten Rangs, wie Nüßlin und Eisenlohr, hatte Heidelberg nicht. Leider mußte ich hier noch ein halbes Jahr in Quinta und zwei Jahre in Sexta zubringen, ehe ich zur Universität abgehen konnte.

In Quinta herrschte ein böser Geist. Obwohl die Schüler im Alter von 16–18 Jahren standen, gefielen sich die meisten noch in Knabenstreichen, wie sie in Mannheim kaum in Quarta vorkamen. Am schlimmsten trieben es die ältesten; es waren rohe Bursche darunter, die man schon aus den unteren Klassen hätte entfernen sollen. Vergeblich regnete es Mahnungen, Verweise und tagelange Karzerstrafen. – Mit den Schulstrafen geht es, wie mit manchen Arzneien, ihr allzu häufiger Gebrauch stumpft dagegen ab.

Hauptlehrer der Quinta und alternierender zweiter Direktor des Lyceums war ein alter pedantischer Herr in weißer Halsbinde, über das unbewegliche Gesicht mit immer gleicher, würdiger Miene kam nie ein flüchtiger Strahl heiteren Lächelns. Und doch war auch dieses ausgetrocknete Männchen einmal jung gewesen, hatte Romane geschrieben, sogar erlebt, freilich war es schon lange her. Wie die meisten unserer älteren Professoren hatte er Theologie und Philologie studiert; er lehrte Latein und Griechisch und erteilte den evangelischen Schülern den Religionsunterricht. Wir lasen mit ihm kursorisch das Neue Testament im griechischen Urtext und übersetzten 70 es ins Deutsche. Da er nie ein erläuterndes Wort dazu sprach, so war diese sog. Religionsstunde nichts als eine weitere griechische Stunde, wir hätten ebensogut den Hesiod mit ihm lesen können. Sie unterschied sich von dem andern lediglich durch das Gebet, was ihr voranging. Er hatte zwei Gebete verfaßt, die er abwechselnd auf dem Katheder vorlas, das eine schloß mit den Worten: »hegen mögen«, das andere mit »Glauben rauben«. Nach dem Amen erhob er das gesenkte Haupt und schaute andächtig zur Stubendecke.

Als er nun eines Morgens gerade das »hegen-mögen-Gebet«, wie wir es nannten, geendet hatte und in gewohnter Weise zur Decke aufsah, blieb er starr vor Entsetzen. Ueber dem Katheder tanzte eine lustige Figur aus steifem Papier in der Luft. Ohne ein Wort zu verlieren, eilte er fort und holte den ersten alternierenden Direktor, der alsbald kam und mit gelassenem Ernste den Frevel beschaute. Eine Untersuchung folgte. Der Täter, der älteste und roheste Schüler der Klasse, wurde rasch zum Geständnis gebracht. Mit Hilfe eines feuchten Ballens gekauten Papiers am Ende eines Fadens, woran er die Figur befestigt, hatte er sie kurz vor Beginn der Stunde geschickt über das Katheder an die Decke geschleudert. – Die Direktoren beriefen eine Konferenz sämtlicher Lehrer und der Missetäter wurde ausgestoßen.

Pedanten sind beliebte Zielscheiben mutwilliger Jungen. Der alte Herr verstand es wenigstens, sein Ansehen bei der Jugend durch seine ernste Würde so zu wahren, daß nur die frechsten Burschen sich an ihn wagten. Schlimmer erging es einem andern unserer Lehrer. Der Unglückliche, im übrigen ein wohlmeinender Mann, hatte ein reizbares Temperament und explodierte wie trockenes Pulver auf die albernste Neckerei hin, obwohl er bereits in den Fünfzigen stand. Die Jungen benützten deshalb jede Gelegenheit, ihn »grün und blau« zu ärgern. Ließ er sich zuletzt dazu hinreißen, sie mit Kosenamen, wie »Troßbuben, Stallknechte, Pferdejungen« u. dgl. zu belegen, so war ihr sehnlichster Wunsch erfüllt, und sie nickten einander befriedigt zu.

Direktor Brummer leitete die oberste Klasse. Er stand im Rufe eines guten Philologen und wurde von den Schülern sehr 71 respektiert; aber auch bei ihm blieben uns die idealen Grundsätze der alten Welt verschlossen, über die rein grammatische Schulung kamen mir nicht hinaus. Nur durch eigenen Trieb und privates Studium habe ich mich mit den Meisterwerken der griechischen und römischen Literatur und dem Geiste, der sie durchweht, bekannt gemacht.

Gar übel stand es um unsern mathematischen Unterricht. Die Schulbehörde hatte damit einen Docenten der Universität betraut, dessen wissenschaftliche Arbeiten bei seinen Fachgenossen recht geschätzt waren, seine Lehrmethode aber taugte nichts. Von meinen sämtlichen Mitschülern konnte ihm nur einer folgen, der bei einem Privatlehrer besondere Stunden nahm. Ebensowenig taugte sein Unterricht in der Physik; wir bekamen keine Versuche, keine Apparate zu sehen, nur mathematische Formeln auf der Schultafel. Die Unzufriedenheit der Schüler war groß. Sie führte bald nach meinem Abgang vom Lyceum zu einer Verschwörung. Die Jungen wollten seine Entfernung aus dem Lyceum durchsetzen und blieben deshalb bei der öffentlichen Schulprüfung auf alle seine Fragen die Antwort schuldig. Die Verabredung lag offen zu Tage. Man wies die Rädelsführer aus dem Lyceum, den Zweck ihres Komplotts haben sie nicht erreicht.

In der Sexta war Philosophie vorgeschrieben. Die Schulbehörde hatte einen Fachgelehrten dafür gewonnen und eben angestellt, einen Schüler Krauses. Er muß sich eines gewissen Ansehens erfreut haben, denn bald nachher wurde er als Lehrer der Philosophie an eine Universität berufen. Wir waren voll Erwartung; er sollte uns in Logik, Psychologie und Metaphysik unterrichten, und er ließ es an Eifer und Mühe nicht fehlen, aber doch lag die Schuld nicht an uns, wenn wir von der höchsten aller Wissenschaften nur wenig begriffen. Unser Lehrer war schwerfällig und ungelenk, leiblich und geistig. Er diktierte uns stundenlang in die Feder, war aber nicht imstande, seine Lehrsätze mündlich klar zu entwickeln. Am besten gefiel mir seine Metaphysik, er versuchte es, dem Uebersinnlichen mit dem Kreidestift durch bildliche Darstellung beizukommen. Er malte Gott und die Welt mit sämtlichen Kräften, die das All bewegen und zusammenhalten, in Form von ineinander 72 geschachtelten Kreisen an die Schultafel. Die Zeichnung leuchtete mir ein, und vor Freude dichtete ich ein metaphysisches Trinklied nach Baggesens Beispiel, und wir sangen es nach der Melodie: »Die Welt ist rund und muß sich drehn«, Samstag abends im Bremeneck; man hatte uns erlaubt, in dieser, durch die Rodenstein-Lieder jetzt so berühmt gewordenen Bierwirtschaft einmal in der Woche heitere Geselligkeit zu pflegen.

Endlich, im Herbst 1840, schlug die Stunde meiner Erlösung aus dem verhaßten Froschteiche. Als Erster mußte ich die lateinische Abgangsrede halten. Außer dem Prüfungskommissär, Professor Kaercher aus Karlsruhe, achtete von den vielen Teilnehmern und Gästen niemand auf mein schönes Latein, und es kam mir vor, als ob dieser Einzige nicht sonderlich davon erbaut wäre.

Nach meiner, wie ich glaube, berechtigten Ueberzeugung habe ich das letzte Jahr auf dem Lyceum nutzlos verloren; ich hätte es besser für neue Sprachen, Zeichnen, Mathematik und Naturwissenschaften verwendet.

Wie es in den unteren Klassen aussah, weiß ich aus eigener Kenntnis nicht zu sagen, ich könnte deshalb das Kapitel schließen, aber mancher Leser früge vielleicht enttäuscht: wo bleiben denn die berühmten Schulgeschichten von dem merkwürdigen Kauz, der damals das Klassenzepter über der Quarta schwang? und in der Tat, zu dem Bilde jener Zeit gehört notwendig die lange, vornübergebeugte Gestalt des Klassenlehrers der Quarta mit den buschigen Brauen, den wulstigen Lippen und der bedächtigen Rede, deren dialektische Färbung die nahe ländliche Heimat des unvergeßlichen Schulmanns unschwer verriet. Der Kreis seiner noch lebenden Schüler verengt sich immer mehr, es ist hohe Zeit, seine Aussprüche zu sammeln, ehe er, zur mythischen Gestalt verblaßt, in Nacht und Nebel versinkt. Einer meiner alten, mir leider kürzlich entrissenen Freunde gehörte zu jenem Kreise. Er war zu trüben Verstimmungen geneigt, und wenn der finstere Geist über ihn kam, besaß ich ein sicheres Mittel, diesen zu bannen; ich zitierte den Schatten des seligen X. Dann ging die Sonne der Heiterkeit strahlend am Himmel auf, wie in den längst entschwundenen Tagen der Heidelberger Schulzeit. Eine 73 kleine Blütenlese aus den Erzählungen meines Freundes sei dem Andenken des berühmten Professors gewidmet.

Der gelehrte Thebaner liebte es, seinen Quartanern Kommentare zu den Schriftstellern, die sie übersetzten, zu diktieren. Das Wort Scala schien ihm einer Erläuterung dringend bedürftig. »Ad vocem: Scala!« rief er der Klasse zu, »schreibt, ihr Buben: vermöge einer Treppe pflegten die Römer aus dem unteren in den oberen Stock zu gelangen.«

Auch große Gelehrte sind mitunter zerstreut. So ist es denn nicht zu verwundern, daß es ihm begegnete, die lateinischen Genusregeln zu vergessen. – »Wer ist heute an der Reihe?« begann er eines Tages die Stunde. – »Der Müller, Herr Professor!« rief es zurück aus den Bänken. – »Gut! Müller, nenne mir die geschlechtlichen Beugeformen von ille!« – »Ille, illa, illud, jener, jene, jenes.« – »Falsch, Müller! vivat sequens! Fischer, sag' du's!« – »Ille, illa, illum.« – »Recte dixisti, du hast recht! 'runter, Müller! 'nauf Fischer!« – Da protestiert Müller: »Herr Professor, hier in meiner Grammatik von Zumpt steht illud!« – Er schaut hinein, da steht illud. »Guck emol an,« korrigiert er sich, »der Zumpt hat wahrhaftig illud. Da wollen wir Gnade vor Recht ergehen lassen. Müller, du kannst meinethalben sitzen bleiben!«

Die Topographie der alten Welt gibt harte Nüsse aufzuknacken. – »Sag' einmal, Müller, auf welchem Ufer des Euphrat hat Babylon gelegen?« – »Auf dem linken, Herr Professor.« – »Fischer, sag' du's besser!« – »Auf dem rechten!« – »Gut, Fischer, setz' dich 'nauf!« – Aber der Müller protestiert: »Herr Professor, in meinem Buche steht: Babylon hat an beiden Ufern gelegen!« – »Ich will euch etwas sagen,« erklärt jetzt der Professor, »ihr habt beide recht. Dein Babylon, Müller, hat auf dem linken Ufer gelegen, dein Babylon, Fischer, auf dem rechten, und mein Babylon am linken und rechten. In Gottes Namen, ihr könnt beide sitzen bleiben!«

Am besten zog er sich in der Geschichtsstunde aus großer Verlegenheit. Er hatte gerade von der Schreckenszeit der französischen Revolution erzählt und daß die Franzosen sogar ihren 74 König geköpft hätten. Ein vorlautes Bürschlein rief: »Die Königin haben sie auch geköpft!« – »Ei! wo denkst du hin?« korrigiert er den Knaben, »die Franzosen sollen ihre Königin geköpft haben? Ein so höfliches, man darf sagen, galantes Volk!« – Der Schüler blieb jedoch bei seiner Behauptung: »In meinem Buche steht's, die Franzosen haben auch die Königin geköpft, nur später!« – Es bleibt nichts übrig, er muß einlenken. –»Ja freilich später,« gibt er zu, »später freilich! da haben sie natürlich auch die Königin geköpft!« 75

 

 

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