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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 15
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das Mannheimer Lyceum.

Man unterschied im Großherzogtum Baden bis in die fünfziger Jahre Gymnasium und Lyceum; der Studiengang der fünf unteren Klassen war in beiden der gleiche, dem Gymnasium aber fehlte die sechste Klasse des Lyceums mit den neu hinzutretenden Lehrfächern der Philosophie und Physik. Man zählte die Klassen nicht von oben nach unten wie heute, sondern ansteigend von der Prima zur Sexta, wie es in Bayern noch jetzt geschieht.

Ich wurde in Mannheim für die Tertia reif befunden, hatte aber einige Schwierigkeit mitzukommen, namentlich in der Mathematik, weil meine Aufnahme in die Mitte des Schuljahrs fiel. Mit Hilfe eines gefälligen Mitschülers holte ich das Versäumte leidlich nach und wurde im Herbst in die Quarta befördert.

Die Seele des Mannheimer Lyceums war der alternierende Direktor der Anstalt und Hauptlehrer der Sexta, Professor Nüßlin. Er war ein Schüler des großen Philologen Friedrich August Wolf und gehörte dem Lyceum seit 1807 an. Der ebenso geistvolle als liebenswürdige und formgewandte Mann stand bei seinen Kollegen, bei den Schülern und in ganz Mannheim in großer Achtung. Seine Sextaner entflammte er für die Ideale der alten, klassischen Welt, zumal der griechischen, und ich bedauere noch heute, den Unterricht des ausgezeichneten Lehrers nicht genossen zu haben, weil ich Mannheim schon in der Quinta verlassen mußte.

Neben ihm war der bedeutendste Lehrer der Professor der Mathematik und Physik an den vier oberen Klassen, Wilhelm 54 Eisenlohr. Er schrieb ein vorzügliches Lehrbuch der Physik, das elf Auflagen erlebte und vierzig Jahre lang, von 1836–1876, in allgemeinem Gebrauche war. Er war ein heiterer, in der Schule niemals verdrossener, sehr beliebter Mann. Einen besonderen Stolz setzte Eisenlohr darein, auch wenig beanlagten Schülern mathematische Kenntnisse beizubringen; er behauptete, wie ich ihn sagen hörte, wenn die Schüler nicht rechnen lernten, so läge die Schuld an den Lehrern. – Die Regierung versetzte ihn 1840 als Professor der Physik an das Polytechnikum in Karlsruhe, wo er 1873 starb. – In Mannheim hat Eisenlohr die erste badische Gewerbeschule gegründet.

In der Tertia, wo ich Aufnahme fand, war Professor Johann Peter Behaghel Hauptlehrer, der nachmalige, ganz im Sinne seines Vorgängers Nüßlin wirkende Direktor des Lyceums. Er war eben als Lehrer in Mannheim eingetreten und wußte sich rasch bei den Knaben Ansehen zu verschaffen.

In Quarta erteilte den Unterricht in den klassischen Sprachen, auch in Geographie und badischer Geschichte, Professor Rappenegger, ein Schwarzwälder und katholischer Priester. Wie es mitunter geschieht, behielt ich von seinen Lehren das Unnützeste am besten. Gelegentlich der geographischen Besprechung der westindischen Inseln erfuhren wir, daß der Negerkönig Christof von Haiti am liebsten seinen Rheinwein getrunken habe, und aus der badischen Geschichte blieb mir die Ableitung der römischen Benennung des Schwarzwalds, Abnoba, aus dem alemannischen Deutsch. In dem wohlerhaltnen Römerbade zu Badenweiler steht noch heute ein Altar, geweiht der Diana Abnoba. Ueber diesen wunderlichen Namen braucht man sich den Kopf nicht zu zerbrechen. Wenn der Schwarzwälder von Herrischried oder Todtmoos an den Rhein herabstieg nach Augusta Rauracorum und der Legionär ihn zur Rede stellte: »Woher des Wegs, Freund?« so wurde ihm die Antwort: »Von oben abe!« Daraus machten die Römer durch Silbenumstellung Abnoba.

Während ich in Quarta war, ließ mir mein Vater durch einen Schulmeister Unterricht im Schönschreiben erteilen, woran er sehr wohl tat. Eine alte Klage lautet: Docti male pingunt, zu deutsch: 55 Gelehrte haben eine schlechte Handschrift. Auf den Mittelschulen geschieht zu wenig für Schönschreiben. Schon aus Höflichkeitsgründen sollte man die Jugend wenigstens leserlich schreiben lehren, denn es ist unhöflich, dem Leser zuzumuten, seine kostbare Zeit mit der Enträtselung abscheulicher Hieroglyphen zu verderben. – Im ersten Jahre meines Aufenthalts in Mannheim benützten wir noch Federkiele, und die erste Schönschreibstunde verwendete der Schulmeister zum Unterricht im Schneiden, Spalten und Spitzen der Kiele. Bald nachher kamen die Stahlfedern in Gebrauch. Sie waren anfangs steif und zerkratzten das Papier, glitten aber bald leicht und biegsam darüber hinweg.

In der Tertia, weniger schon in der Quarta, ging es bei den Lehrern, die es nicht verstanden, den Jungen Respekt einzuflößen, oft noch kindisch mutwillig zu, am schlimmsten bei dem französischen Sprachlehrer. Ein Franzose von Geburt, bereits in den Fünfzigen, erfreute sich der gutmütige Monsieur D. eines runden Bäuchleins. Er war unfähig, die Knaben zu bemeistern, schon der französische Accent, womit er das Deutsche aussprach, machte ihn der Klasse zur komischen Person. Wenn die Wogen in der Tertia hoch gingen, glich er ganz und gar dem Greise in dem bekannten Studentenliede:

»Auf dem Dache sitzt ein Greis,
Der sich nicht zu helfen weiß.«

In seinen Lehrstunden wurde weniger Französisch als Unfug getrieben. – Um die Schüler in der Aussprache zu üben, mußten sie – es waren ihrer mindestens dreißig – den Text aus dem französischen Lesebuch zusammen laut syllabierend ablesen. Kam das Wörtchen avec, so machten sie sich immer den gleichen Spaß. Das Wort erinnerte sie an den »Sewek« der Odenwälder Bauern, auch Nebelspalter genannt, den dreispitzigen Hut, den noch viele Odenwälder trugen, wenn sie in die Stadt kamen. Warum die Knaben diesen Dreispitz Sewek nannten, weiß ich nicht; sobald sich ein Bauer in Mannheim damit blicken ließ, liefen ihm die Knaben auf der Straße nach und jubelten: »Sewek, Sewek!« Und wenn in der 56 Stunde A – vec syllabiert wurde, folgte regelmäßig hintennach Se – wek. Mochte sich Monsieur D. ereifern, so viel er wollte, Avec und Sewek waren unzertrennliche Geschwister.

Bei einer solchen Leseübung ging es eines Tages dermaßen ausgelassen zu, daß Monsieur D. außer sich geriet und den Direktor holte. Nüßlin brachte den Schuldiener mit, der eine Rute trug. Mr. D. bezeichnete vier Bürschlein als die ärgsten Missetäter. Nüßlin hieß sie aus der Bank treten, sich in einer Reihe aufstellen und die Hände vorstrecken. Dann bestrich der Diener Hand für Hand mit kräftigem Hiebe. Wir andern mußten stehend als Zuschauer uns ein abschreckendes Beispiel an der Züchtigung nehmen. Wir fühlten kein Mitleid, nur Neugierde, wie die vier sich verhalten würden. Sie hatten, während der Sprachlehrer zu Nüßlin gelaufen war, in sicherer Erwartung der Rutenstreiche sich vermessen, sie lautlos zu ertragen. In der Tat zuckten sie wohl und wurden blaß, schrien aber nicht; wie junge Spartaner gingen die Bürschlein in die Bänke zurück. – Ob das Mittel lange gefruchtet hat, kann ich nicht sagen.

Viele Schüler besuchten das Lyceum nur deshalb, weil es noch an höheren Realschulen fehlte, und verließen es schon in Tertia und Quarta.

In der Tertia erhob sich in der Pause vor der letzten Stunde des Sommerhalbjahrs 1834 ein schon älterer, 15jähriger Schüler von kräftigem Gesichtsausdruck und nahm von uns Abschied mit den Worten: »Lebt wohl und bleibt bei eurem dummen Latein! Ich weiß Besseres und werde Schlosser!« Er strahlte von Zuversicht. Der junge Mensch hieß Karl Metz, ging wirklich zunächst in eine Mannheimer Schlosserwerkstätte und später nach Mülhausen im Elsaß, wo er ein geschickter Mechaniker wurde. Dann ließ er sich in Heidelberg nieder, gründete eine berühmte Fabrik für Feuerspritzen und organisierte das freiwillige deutsche Feuerwehrwesen. – Am Aufgang des Fahrwegs zum Schlosse steht ein Denkmal zu seinem Andenken, das ihm die deutschen Feuerwehren errichteten. Die Fremden, die vorbeigehen, halten den ausdrucksvollen Kopf der bronzenen Büste für den Kopf Bismarcks. – Ein anderer solcher Mitschüler, der erst später austrat, galt für ganz talentlos; mitleidig wurde ihm prophezeit, aus 57 ihm könne nichts werden. Er hat es in Mannheim vom unbemittelten Manne zum Großindustriellen und vielfachen Millionär gebracht. – Wie manches arme Kerlchen, das es in der Werkstätte oder im Kontor weiter brächte, wird unbarmherzig gezwungen, sich an Homer und Cicero abzuquälen.

Lehrer der beschreibenden Naturwissenschaften war Professor Kilian, ursprünglich Theolog und Philolog. Er hatte sich die Naturgeschichte leidlich einstudiert, war Custos des Mannheimer Naturalien-Kabinetts und unterstützte die Schüler, die sich mit Sammeln von Naturalien befaßten, nach besten Kräften, machte auch Ausflüge mit uns. Ich besuchte mit ihm den Donnersberg, die Bergstraße bei Schriesheim und die Kalkhügel bei Wiesloch.

Als Quartaner schloß ich Freundschaft mit drei Quintanern, die eifrigst botanisierten: Dettmar Alt, Franz Goerig, und Fritz Sauerbeck. Sie begnügten sich nicht mit Ausflügen in die Pfalz links und rechts vom Rhein, sie dehnten zuletzt ihre Fahrten ins Elsaß und den Schwarzwald aus und knüpften Verbindungen an mit den ersten Botanikern des Oberrheins.

Von diesen drei Jünglingen wurde Alt, nachdem er lange Assistent bei Chelius gewesen, ein sehr beschäftigter Arzt in Mannheim, wo er leider in den besten Mannesjahren starb. – Auch Goerig studierte Medizin, praktizierte lange in Schriesheim an der Bergstraße und beschloß als Siebziger sein Leben in Mannheim. – Merkwürdigerweise blieb Sauerbeck allein zeitlebens der Botanik treu, obwohl er Jurist wurde. Er bereicherte die Algenkunde und vollendete nach dem Tode von August Jaeger in Freiburg dessen großes Werk: »Adumbratio Florae muscorum totius orbis terrarum, St. Gallis, 1870-79«. Der gutherzige, von seinen juristischen Kollegen hochgeschätzte und von seinen Freunden warm geliebte Sauerbeck starb als Oberlandesgerichtsrat 1882.

Ein Gönner der drei jungen Botaniker war der joviale Gartendirektor Zeyher in Schwetzingen. Er besaß ein großes Herbarium, namentlich reich an Pflanzen vom Kap der guten Hoffnung, wo sein Bruder dem botanischen Garten in der Kapstadt vorstand, und beschenkte die fleißigen Sammler daraus freigebig. Zweifellos war er 58 auch der neckische Urheber einer botanischen Ueberraschung, die ihnen eines Tags zu teil wurde, als sie die feuchten Niederungen bei Ketsch am Rhein – bekannt durch Scheffels Enderle von Ketsch – spähend durchstreiften. Sie entdeckten hier ein bisher in der deutschen Flora unbekanntes lilienartiges Gewächse, das sie gewaltig aufregte. Ein alter Botaniker, Suckow, der eine Mannheimer Flora herausgegeben hatte, wurde um nähere Bestimmung der Pflanze angegangen. Er fand, daß sie ein Kind der Bermuda-Inseln war, Sisyrinchum bermudanum, eine niedliche Schwertlilie. – Wie kam sie nach Ketsch? Zweifelsohne aus dem Schwetzinger Schloßgarten durch Zeyher; er wußte, daß seine jungen Freunde dieser Gegend schon längst einen Besuch zugedacht hatten.

Ein eifriger Botaniker am Lyceum war auch Professor Doell, der Hauptlehrer der Sekunda, mit dem ich mehrere Ausflüge machte. Er hat später (1843) eine rheinische Flora herausgegeben, noch später (1857–62) eine badische in drei Bänden, und ist als Oberschulrat und Oberbibliothekar der großherzoglichen Bibliothek in Karlsruhe 1885 gestorben.

Im Herbst 1835 kam ich in die Quinta. Hauptlehrer dieser Klasse war Professor Graeff, der mit Nüßlin als zweiter alternierender Direktor jährlich abwechselnd die Geschäfte der Anstalt besorgte. Obwohl ein guter Lehrer, war er launenhaft und deshalb wenig beliebt, doch wußte er sein Ansehen bei den Schülern zu wahren. Er hatte die für einen Lehrer bedenkliche Gewohnheit, seinen Sätzen das Umstandswort wieder, auch wiederum und dawiederum, als Flickwort einzuschalten. Die Quintaner behaupteten, er habe eines Morgens der Klasse mitgeteilt, ihr Mitschüler Maier sei in der Nacht dawiederum gestorben.

Der talentvollste und fleißigste Schüler der Quinta ist später von allen der berühmteste Mann geworden, der nachmalige badische Staatsminister Julius Jolly. Er war der Sohn des Bürgermeisters von Mannheim, Ludwig Jolly, und der jüngere Bruder des in München verstorbenen Professors der Physik, Philipp Jolly. Obwohl der jüngste in der Klasse, war er stets der erste, einen Tag wie den andern in allen Fächern gleich sorgfältig vorbereitet, dabei auffallend 59 selbständig im Urteil. Eines Tages rühmte ich ihm die verhängnisvolle Gabel des Dichters Platen, dessen prosodische Kunstfertigkeit mir imponiert hatte, er aber erklärte kühl und bestimmt die damals so viel bewunderte Komödie für prosodische Künstelei ohne Poesie und Humor.

Jolly war ungewöhnlich nüchtern und ernst für sein Alter, obgleich ihm der Sinn für Humor nicht abging. Eine lustige kleine Geschichte, die mit unserer Schulzeit zusammenhing, erzählte er mir in den siebziger Jahren, als ich ihn eines Tages amtlich in Angelegenheiten der Freiburger medizinischen Fakultät in Karlsruhe aufsuchte; er war damals Staatsminister und Excellenz. – »Du wirst dich,« begann er lächelnd, »an unsern Schulkameraden B. aus W. erinnern. Er ist Theologe geworden und jetzt Landpfarrer im Unterland. Ich habe ihn seit den Universitätsjahren nicht mehr gesehen, bis er gestern in Sachen seiner Gemeinde bei mir war. Er kam in mein Bureau, verbeugte sich beinahe bis auf den Boden und begann: »Excellenz geruhten . . .« Ich unterbrach ihn mit den Worten: »Lieber B., laß die Excellenz, wir sind alte Schulkameraden, teile mir dein Anliegen ohne weitere Umstände mit!« – Er verbeugte sich noch tiefer und fing wieder an: »Excellenz haben geruht . . .« – Da mußte ich lachen und sagte: »Nun gut, wie du willst, nenne mich Excellenz und Sie, ich bleibe bei dem alten Du.« 60

 

 

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