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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 13
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Buch.

Auf den Gymnasien.

Hatte, gottlob! einen guten Magen,
Kraut und Rüben konnt' ich vertragen,
Bin gesund, bin frisch geblieben,
Habe mich auch nicht krumm geschrieben.

 


 

Wertheim.

Im Frühjahr 1833 kam ich auf das Gymnasium in Wertheim, das meinen Eltern am bequemsten lag. Ich blieb nur ein Jahr in der kleinen, an der Mündung der Tauber in den Main anmutig gelegenen Stadt. An Ostern 1834 vertauschte ich das Wertheimer Gymnasium mit dem Mannheimer Lyceum, weil mein Vater in diesem Jahre von Boxberg nach Wiesloch in die Rheinebene versetzt wurde.

Auch in Wertheim wurde ich bei einem Geistlichen untergebracht, aber nicht, wie in Buch am Ahorn, als einziges Kind des Hauses, die Familie war mit Kindern reich gesegnet; ich mußte mich mit den Brosamen von Liebe begnügen, die für den kleinen Fremdling übrig blieben. Zwar die Frau des Geistlichen war nicht ohne Güte, er selbst aber kümmerte sich kaum um mich; den größten Teil des Tages hielt er sich abgeschlossen in seiner Studierstube, und schrieb seine Predigten oder arbeitete zu seinem besonderen Vergnügen in Pappe.

Ueber meinen Aufenthalt in Wertheim habe ich nichts mitteilenswertes zu berichten, wenn ich ein einziges Ereignis ausnehme, woran ich gerne zurückdenke.

Die Tauber teilt, von Süden kommend, die Stadt in zwei Hälften, eine kleinere linke und eine größere rechte, die durch eine Brücke verbunden sind. Die Wohnung des Pfarrers lag auf der Kleinseite nahe der Brücke. Die Tauber hatte hier ein starkes Gefälle, und in der Flut schwammen viele kleine Fische, die uns Kinder zum Angeln verlockten. Der Staden am Ufer der Kleinseite 46 unterhalb der Brücke eignete sich gut zum Auswerfen der Angeln, und es hielten sich deshalb hier gerne Knaben und Mädchen auf, teils um selbst zu fischen, teils um zuzuschauen. – Eines Nachmittags stahl ich mich aus der Wohnung, bog mir eine Stecknadel zu einer Angel zurecht, band sie mit Schnur, Kork und Federkiel an eine Rute und eilte damit zum Staden, wo ich bereits große Gesellschaft fand. Ich stellte mich zu unterst ans Ufer, befestigte eine Fliege an die Nadel und warf die improvisierte Angel in den Fluß. Unter den Kindern befand sich ein kleiner pausbackiger Junge im langen Röckchen. Er kam dem Flusse zu nahe und fiel hinein, die Flut trieb ihn rasch fort am Staden hin abwärts. Die Kinder erhoben ein großes Geschrei: »Die Polizei kommt!« und liefen davon. Ich allein blieb zurück und sah, wie die Strömung den Kleinen in seinem gebauschten Röckchen gegen mich herantrieb. Alsbald warf ich die Angelrute zur Seite, kniete am Ufer nieder, beugte mich vornüber, erwischte den Rock, zog den Knaben ans Land und stellte ihn auf die Beine. Dies alles geschah in einem Augenblick. Jetzt begann das Kind, das von Wasser triefte, furchtbar zu schreien. Die entflohenen Kinder liefen wieder herbei und faßten Mut, mich aber überkam jetzt erst die Angst vor der Polizei, die damals jedem Deutschen schon in der Wiege als grausiger Popanz vorgehalten wurde. Ich überließ den Geretteten seinen älteren Spielkameraden, die ihn zu seinen Eltern heimführten, Glasersleuten, die in der Nähe der Brücke wohnten, und lief, so rasch ich konnte, die Angel im Stiche lassend, nach Hause zu meiner Schulaufgabe.

Es war mir am nächsten Tage bedenklich zu Mute, als mich der Pfarrer in seine Studierstube rufen ließ. Vermutlich hatte er erfahren, daß ich angeln gegangen war, statt mich hinter »den kleinen Broeder« – die lateinische Schulgrammatik jener Zeit – zu setzen, und ich war eines scharfen Verweises gewärtig. In der Tat, der Pfarrer hielt mir eine Strafpredigt über den Text: »Fischfang und Vogelstellen verdirbt manchen guten Gesellen.« Ich war herzlich froh, daß er nicht von dem Kinde sprach, das ich aus dem Wasser gezogen hatte, und nicht von der Polizei, vor der ich mich rechtfertigen zu müssen fürchtete.

47 Der Vorgang hatte ein Nachspiel. Wenige Tage darauf begann der große Wertheimer Jahrmarkt, der »Wörthmarkt«, auf den Wiesen vor der Stadt. Er dauerte 14 Tage und meine Schulkameraden hatten sich schon seit Wochen darauf gefreut, namentlich auf die Wurstbuden und Karusselle, und von ihren Eltern das Meßgeld dafür erhalten. Ich wagte nicht den Pfarrer darum anzusprechen, seine kalte Art hielt mich ab, und so hatte ich, als das Fest gekommen war, das leere Zusehen. Tiefbetrübt stand ich vor den Holzpferdchen, die so flink im Kreise liefen; beim Klange der Musik ritten meine Kameraden, kleine Degen in der Hand, an mir vorüber und stachen Ringe. Da berührte plötzlich jemand meine Schultern. Ich sah mich um und gewahrte einen freundlichen, noch jungen Bürgersmann, der mich anredete: »Bist du der Knabe, der mir meinen Kleinen aus der Tauber gezogen hat? Ich bin der Glasermeister, der an der Brücke wohnt und möchte dir eine Freude machen. Nimm hier, mein Lieber, einen Gulden Meßgeld!« – Warum ich mich schleunigst davon machte, statt zuzugreifen und auf ein Pferd zu steigen, was ich noch eben so sehnlich gewünscht hatte, kann ich nicht sagen. Ich fühlte mich beglückt und hätte um keinen Preis der Welt für meine Tat Geld angenommen. Nachdem ich eine kleine Strecke gelaufen war, sah ich mich nach dem Glaser um, er stand noch an dem Karussell und schaute mir lächelnd nach. 48

 

 

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