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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 12
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zeitbegebenheiten.

Auf dem großen Septembermarkt in Königshofen an der Tauber durfte ich mir kolorierte Bilderbogen kaufen und erfuhr daraus als Knabe zuerst von den Welthändeln der zwanziger Jahre, von den türkischen Greueln und den Heldentaten der Griechen und Russen in den Freiheitskämpfe der Griechen und dem russisch-türkischen Kriege von 1828/29. Natürlich schlug mein Herz für die christlichen Brüder.

Mit dem wichtigsten Ereignis jenes Jahrzehnts, der Seeschlacht von Navarino am 20. Oktober 1827, machte mich ein großes Marionettentheater bekannt, das im Winter 1829/30 in Boxberg Vorstellungen gab. Die Seeschlacht war das Nachspiel des ergreifenden Stückes von Doktor Fausts Leben und Höllenfahrt. In stolzer Pracht, mit dem Halbmond auf der Flagge, segelte zuerst das Schiff des Kapudan-Pascha aus den Kulissen auf die Bühne, hinter dem Türken drein die Flotte der Alliierten, Linienschiffe und Fregatten, alle wohl gespickt mit Kanonen. Es war ein großartiges Schauspiel für uns kleine Landratten. Die Schiffe stellten sich in Schlachtordnung, ein furchtbares Schießen ging los, und es roch erschrecklich nach Pulverdampf, plötzlich flog das türkische Admiralschiff mit großem Knall in die Luft und der Vorhang fiel. – Fast 60 Jahre nachher, im August 1888, fuhr ich auf dem österreichischen Lloyd-Dampfer Urános an der Bucht von Navarino vorüber. Die Reisenden standen auf dem Verdeck, den Blick nach Bucht und Küste gerichtet, der Schlacht gedenkend. Ein englischer Gentleman erzählte 38 nicht ohne Stolz, sein Vater habe unter dem Admiral Codrington mitgekämpft. Was wollte das sagen? Ich hatte mit eigenen Augen das Schiff des Kapudan-Pascha mit Mann und Maus in die Luft fliegen sehen!

Das Jahr 1830 brachte große Aufregung unter die Honoratioren des Amtsbezirks Boxberg, denn die Luft war gewitterschwanger und in Europa folgte eine Revolution der andern. Nach der Julirevolution der Franzosen kam der Abfall der Belgier von Holland und der Aufstand der Polen. So jung ich war, merkte ich doch, daß die Ansichten der Herren in dem Städtchen weit auseinander gingen. Der Herr Amtsrevisor verfocht stirnrunzelnd, mit starrer Bestimmtheit, die Ansprüche der Legitimität. Er schalt die aufständischen Völker samt und sonders Rebellen, auch die Griechen hieß er Hochverräter wider die geheiligte Majestät des Sultans; das Prinzip der staatlichen Ordnung verlange, daß der Sultan seinen aufrührerischen Untertanen die störrigen Köpfe vor die Füße lege. Das war sogar dem Herrn Amtmann zu viel; dieser gestrenge, aber billig denkende Beamte wollte das legitime Prinzip nicht in den Staaten der Ungläubigen und Barbaren gelten lassen, dagegen richtete sich sein bitterster Zorn gegen die Franzosen, die den Völkern stets mit schlimmem Beispiele, Hochverrat und Aufruhr vorangingen. Nur mein Vater wagte die Franzosen zu entschuldigen, ihr legitimes Herrschergeschlecht, die Bourbonen, erwiesen sich unfähig zu regieren, hätten nichts gelernt und nichts vergessen, wie damals die geläufige Redensart lautete. Ich verstand sie nicht, doch gab ich meinem Vater recht, weil er mein Vater war.

Die Eingebornen in Boxberg und der ganzen Umgegend nahmen an den politischen Ereignissen kaum teil, sie verhielten sich stumpf dagegen. Während der größte Teil des Großherzogtums in lebhafte Bewegung geraten war, blieb das Land zwischen Neckar und Main fast unberührt von den welterschütternden Vorgängen. Der ehemalige badische Main- und Tauberkreis, der 1834 aufgehoben und mit dem Neckarkreis zu dem heutigen Unterrheinkreis verschmolzen wurde, stand, wenn wir etwa Wertheim ausnehmen, an Wohlstand und Bildung hinter den übrigen Teilen des Großherzogtums zurück. 39 Obwohl es ihm nicht an fruchtbarem Gelände und lieblichen Tälern und Höhen fehlte und die Hügel an Main und Tauber einen guten Wein erzeugen, so betrachteten doch viele Beamte diesen Landesteil als das badische Sibirien und sehnten sich wie Verbannte daraus weg. Seine Bewohner, ostfränkischen Stammes, standen an geistiger Begabung nicht tiefer als die Rheinfranken und Alemannen in den andern Teilen des badischen Landes, aber sie lebten abseits vom großen Verkehr und ihre politische Vergangenheit war eine schlimmere.

Kaum irgendwo im ganzen heiligen römischen Reich lagen so wie zwischen Main und Neckar geistliche und weltliche, große und kleine Herrschaften bunt durcheinander, und fast nirgends vielleicht war der Bauer so schutzlos der Willkür der Bischöfe, des hohen und niederen Adels preisgegeben. Die mächtigsten Herren waren die Bischöfe von Mainz und Würzburg und der Pfalzgraf vom Rhein, von den kleinen die schlimmsten die Ritter von Rosenberg auf der Feste Boxberg. Die malerischen Ruinen dieser Burg, worin ich mich als Knabe mit den gleichaltrigen Gespielen so oft und gerne tummelte, sind von der Höhe über dem Städtchen verschwunden; ihre Steine dienten zum Bau des Stationsgebäudes, das in dem nahen Wölchingen an der Bahn von Heidelberg nach Würzburg liegt.

In ewigen Fehden machten die gebietenden Herren einander und alle zusammen den Bauern das Leben sauer. Wie gestrenge die Rosenberger regierten, lehrt eine Erzählung, die noch bei den Bauern im Amte Boxberg umlief; ich erzähle sie, wie sie mein Vater mir erzählt hat.

Eines Tages hatte sich der Junker von Rosenberg über seine fünf Dorfschulzen schwer geärgert. Er entbot sie zu sich auf sein Schloß. Vier davon trafen ein zur befohlenen Stunde, nur der fünfte, der Schulz von Schillingstadt, hatte sich unlieb verspätet. Erhitzt vom eiligen Lauf und keuchend kommt er in Boxberg am Fuße des Schloßbergs an und will gerade den Burgweg hinaufsteigen, da kommt ihm von oben ein Knecht entgegen, ein Schillingstadter Dorfkind, und ruft ihm zu: »Wohin so eilig, Gevatter?« – »Zum gnädigen Junker,« lautet seine Antwort, »er hat uns Schulzen 40 aufs Schloß geladen, ich fürchte fast, ich komme zu spät.« – Da meint der Knecht: »Ihr kommt noch zeitig genug, der gnädige Herr ist über euch Schulzen arg aufgebracht, er wartet nur noch auf Euch, die vier andern sind schon im Schloßhof aufgehängt.« Als der Schulz von Schillingstadt diese üble Auskunft erhalten hatte, kehrte er schleunigst um und salvierte seinen Leib. – Noch lange blieb es ein geflügeltes Wort bei dem Landvolk um Boxberg: »Fast wär' er zu spät gekommen, wie der Schulz von Schillingstadt!«

Solche Zustände machen es begreiflich, warum gerade im Taubergrund schon 1476 der Pfeifer von Niklashausen den Kommunismus predigte, bis ihn der Bischof von Würzburg verbrennen ließ. – Fünfzig Jahre nachher erhob zu Ballenberg bei Krautheim der wilde Metzler das Banner des Bundschuhs. Bei Königshofen kam es am 2. Juni 1525 zwischen dem wohlgeführten Adel und dem zuchtlosen Bauernheere zur entscheidenden Schlacht. Der Truchseß von Waldburg vernichtete die Macht des Bundschuhs und hielt auf dem Schlachtfeld ein furchtbares Blutgericht. Wie Wolfgang Menzel in seiner Geschichte der Deutschen (Bd. 3. S. 53) nach dem Berichte von Hormayr erzählt, ließ der Bauernjörg, so hieß er beim Volk, die Gefangenen in der Reihe niederknien und sein »lustiger Knecht Hans« ging hinter ihnen mit dem Richtschwert auf und ab. Der Truchseß fragte, wer von ihnen beim Aufruhr gewesen sei? Keiner gestand es. Wer von ihnen die Bibel gelesen habe? Mehrere sagten ja, und jedem, der es bejahte, schlug der lustige Hans den Kopf ab unter lautem Gelächter der Junker. Ebenso jedem, der lesen und schreiben konnte. – Der alte gichtbrüchige Pfarrer von Schüpf hatte sich von vier Bauern zum Truchseß tragen lassen, um den Dank für seine dem Fürsten erwiesene Dienstbeflissenheit zu ernten, weil er den Bauern eifrig widerstrebt hatte. Der lustige Hans glaubte, der Pfarrer sei auch einer von den Rebellen, und schlug ihm flugs von hinten den Kopf ab. »Da habe ich,« erzählte der Truchseß selbst, »dem guten Hans seinen Fürwitz ernstlich verwiesen«.

Nach diesem blutigen Tag war das Volk in die alte Knechtschaft gesunken. Es begann erst unter der badischen Herrschaft aus 41 seiner Erstarrung langsam aufzutauen, doch zogen die Bauern noch in den dreißiger Jahren, wenn ihr Geschäft sie an dem Amtshaus in Boxberg vorbeiführte, demütig die Mütze, auch wenn der Herr Amtmann nicht am Fenster stand. Noch immer regierte der Stock. Zuweilen sahen wir Kinder vor dem Amthaus die Pritsche herrichten. Dann eilten wir herbei, neugierig und besorgt, wir könnten das Schauspiel verfehlen. Ein armer Sünder wurde vom Büttel vorgeführt, aufgebunden und mit der ordnungsmäßig verfügten Zahl von Hieben bedacht. Sie trafen denjenigen Teil des Leibs, den die Natur – nach dem alten Glauben der Pädagogen – mit den innigsten Beziehungen zu den Organen der Sittenlehre ausgestattet hat.

Aeußerlich erstarb der Bauer in Demut, aber es hieß von dem Taubergründer und Odenwälder im Bauland: »er red't nit aus«. Der Haß glimmte versteckt im Innern fort, wider den Junker, dem er Zehnten und Gülten entrichtete, und wider den Juden, der dem Bauern in Handel und Wandel, Listen und Schlichen weit überlegen war.

Während der Julirevolution hielt sich das Land zwischen Main und Neckar ruhig, aber 18 Jahre nachher, als der Thron Louis Philipps im Februar 1848 in Trümmer ging, da durchbrach der verhaltene Groll die festen Schranken, die ihm die Staatsgewalt bisher gesetzt hatte. Was fast nirgendwo sonst im Großherzogtum geschah, ereignete sich dort. Haufen Vermummter zogen von Ort zu Ort, von Schloß zu Schloß, erbrachen die Archive, verbrannten die Gültenbriefe und Urkunden und plünderten die Juden.

Wunderlicher Weise begab sich auch wieder ein Götz von Berlichingen, ein Nachkomme des alten Götz, ein Mannheimer Schulkamerad und Heidelberger Studiengenosse von mir, ein ritterlicher junger Herr, zu den aufrührerischen Bauern. Was er ausrichtete, habe ich nicht erfahren.

Besser weiß ich Bescheid, wie es einem Studiosus Schloeffel erging, der gleichfalls von Heidelberg zu den Bauern gereist war, aber nicht um Ordnung zu stiften, wie der Sprosse des alten Rittergeschlechts, sondern um den Aufruhr zu schüren. Er war der 42 Sohn des wütenden schlesischen Demagogen Schloeffel, hatte anderthalb Jahre zuvor, während ich Assistent an Pfeufers medizinischer Klinik war, am Typhus darin gelegen und war dem Tode mit Mühe entronnen. Von daher kannte ich ihn persönlich und wußte, daß er wie sein Vater ein fanatischer Republikaner war. Zufällig traf ich ihn nach meiner Heimkehr von Prag und Wien im März unterwegs im Eilwagen auf der Strecke von Heidelberg nach Wiesenbach, wo wir uns trennten; ich fuhr nach Sinsheim, er nach Mosbach. Ich erriet den Zweck seiner Reise und warnte ihn, obwohl er mir sein Vorhaben nicht eingestand. Er lächelte überlegen, als ich ihm prophezeite, die Bauern würden ihn packen und den Gendarmen überliefern, denn sie stünden treu zur badischen Regierung, und ihr Haß gelte nur den Grund- und Standesherren und den Juden. Es kam, wie ich voraussah. Die Bauern ergriffen ihn, steckten ihn ein und übergaben ihn den Gendarmen, die ihn zurück nach Heidelberg ins Gefängnis brachten. Er blieb nicht lange in Haft, wurde amnestiert und freigelassen. – Am 21. Juni 1849 fand er als Adjutant Mieroslawskies den Tod auf dem Schlachtfeld bei Waghäusel. 43

 

 

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