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Jugenderinnerungen eines alten Arztes

Adolf Kussmaul: Jugenderinnerungen eines alten Arztes - Kapitel 100
Quellenangabe
typeautobio
booktitleJugenderinnerungen eines alten Arztes
authorAdolf Kußmaul
year1906
firstpub1899
publisherAdolf Bonz und Comp.
addressStuttgart
titleJugenderinnerungen eines alten Arztes
pages496
created20110330
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Schluß.

Sobald ich hoffen durfte, meine Gesundheit wieder zu erlangen, entschloß ich mich, die Landpraxis aufzugeben, weil ich ihr nicht mehr gewachsen war, und kam auf den alten Gedanken zurück, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Ich hatte ihn aufgegeben, weil mir die Mittel dazu fehlten, jetzt hatte ich sie mir in der Praxis erworben, sie konnten für 2–3 Jahre hinreichen. Mein Plan war, mich im Sommer durch Seebäder völlig herzustellen und im Herbste nach Würzburg zu gehen, um dort nochmals zu studieren und zu promovieren. Dann erst wollte ich mich in Heidelberg niederlassen und habilitieren.

Zur Badekur wählte ich die Küste der Normandie. Auf dem Wege dahin besuchte ich in Paris Karl Schaible, der dort in Verbannung lebte, aber gerade im Begriffe war, Frankreich mit England zu vertauschen. Er entschloß sich, mit mir an die See zu gehen, wir verweilten mehrere Wochen zusammen in dem kleinen Dorfe Sanvic bei Havre, machten auch Ausflüge nach Trouville, das gerade bei der vornehmen Welt in Aufnahme kam, nach Etretat und Honfleur. Die Bäder kräftigten mich, ohne mich gänzlich herzustellen.

Nach Würzburg zog mich Virchow. Seit dem Herbste 1849 lebte er nicht mehr in Berlin. Die preußische Regierung hatte ihm seiner demokratischen Gesinnung wegen im Frühjahr 1849 die Prosektur weggenommen und das Dozieren nur aus besonderer Gnade bis auf weiteres gestattet. Dies hatte ihn bestimmt, einem Rufe der bayerischen Regierung nach Würzburg zu folgen, wo er die medizinische Jugend mächtig anzog und mit erstaunlicher Fruchtbarkeit fortfuhr, die Heilwissenschaft durch wichtige Entdeckungen und Ideen zu fördern. Preußen und Bayern hatten die Rollen vertauscht; einst hatte Preußen Schoenlein, unbekümmert um die Anklage auf 491 Hochverrat, die ihm in Würzburg gedroht, nach Berlin geholt, jetzt berief Bayern ebenso unbekümmert den erklärten Demokraten Virchow von Berlin nach Würzburg.

Ich blieb zwei Semester in Würzburg, hörte, nochmals immatrikuliert, Vorlesungen und Kurse bei Virchow, Koelliker und Scherer, arbeitete im Winter täglich mehrere Stunden im Präpariersaal und im Sommer im chemischen Laboratorium. Mit Heinrich Müller, dem frühe verstorbenen, um die Erforschung des mikroskopischen Baus der Sehhaut so verdienten Anatomen, erneuerte ich die schon in Heidelberg gemachte Bekanntschaft,. und mit Nikolaus Friedreich, dem nachmaligen Heidelberger Kliniker, der gerade Dozent geworden war, schloß ich Freundschaft. Der Zufall machte mich gleich am ersten Tage zu seinem Tischnachbarn im Gasthofe zum Schwanen. Er war noch unverheiratet, und ich hatte meine Frau bei ihren Eltern zurückgelassen, erst an Ostern kam sie nach. Friedreich und ich richteten einen Mittagstisch um 5 Uhr für uns ein, um den Tag besser ausnützen zu können; George Harley, später Professor und Physician am London University Hospital, der Verfasser einer geschätzten Monographie der Leberkrankheiten, und mehrere ältere Studenten der Medizin schlossen sich uns an. Gegen Ende des Sommersemesters promovierte ich, wobei mir Friedreich opponierte.

Um eine in der Praxis schmerzlich empfundene Lücke meines ärztlichen Wissens auszufüllen, ging ich von Würzburg nach der badischen Landes-Irrenheilanstalt Illenau, wo ich den größten Teil des Herbstes mit psychiatrischen Studien verbrachte. Neben dem Direktor Roller und den Aerzten Hergt und Fischer waren hier als Hilfsärzte Gudden, traurigen Andenkens, und Kast angestellt. Gudden beschäftigte sich eifrig mit mikroskopischen Untersuchungen, zeigte mir seine lehrreichen Präparate, namentlich über Hautparasiten, und setzte mir seinen Plan auseinander, die physiologischen Verrichtungen der Gehirnteile durch ihre operative Ausschaltung bei neugebornen, am Leben zu erhaltenden Tieren, aufzuklären. Auch Kast war ein gescheiter Kopf von selbständigem Urteil. Aus dem steten Verkehr mit diesen jungen Aerzten und aus den Krankenvisiten mit den erfahrnen älteren zog ich großen Gewinn.

492 Erst zu Beginn des Winters siedelte ich mit Frau und Kindern nach Heidelberg über; zu dem ersten Töchterchen war noch in Kandern, kurz nachdem ich das Krankenlager verlassen hatte, ein zweites gekommen. Im folgenden Jahre habilitierte ich mich. Von meinen alten Lehrern fand ich nur noch Chelius und Delffs; an Henles Stelle lehrte Fr. Arnold Anatomie und Physiologie, statt Pfeufer leitete Hasse die innere Klinik, Geburtshelfer war Lange.

Ich vermochte erst später ganz zu ermessen, welch ein Wagnis ich unternommen hatte, als ich mitten aus der Landpraxis heraus mich entschloß, mit noch siechem Körper und beschränkten äußeren Mitteln die akademische Laufbahn einzuschlagen. Der Versuch ist über Erwarten gelungen, und die Krankheit hat mir statt Verderben Glück gebracht; wäre ich auch länger gesund und Landarzt geblieben, so wäre ich doch zweifelsohne frühe den Strapazen erlegen, aber die Ausführung meines Wagnisses ist mir nicht leicht geworden. Kaum war ich in Heidelberg eingezogen, so sah ich mich beinahe gezwungen, zur Praxis zurückzukehren. Aus unklugem Mitleid hatte ich in Kandern beim Weggehen meinem Hauswirte, einem gutmütigen, aber schwachen Menschen mit großer Familie, der in Gant geraten war, den Einzug meiner Ausstände, gegen einen Anteil an der Einnahme, übergeben; er hatte den Einzug zwar besorgt, aber das Geld für sich und seine Familie verbraucht. Schlimmer noch war es, daß meine Gesundheit Jahre lang schwach und schwankend blieb; das Gespenst einer rückfälligen Lähmung erschreckte mich von Zeit zu Zeit, vermutlich wäre ich den Sorgen und Mühen unterlegen, hätte mir nicht die treue Gefährtin, deren Tapferkeit ich einst richtig erkannt, stets unverzagten und heiteren Sinnes ermunternd zur Seite gestanden.

Seit der überstandenen Lähmung war meine Haut, wie nie zuvor, gegen Temperatureinflüsse empfindlich geworden; sie war es auch nach den Seebädern geblieben, obwohl ich in den nächsten Jahren methodisch in der kalten Jahreszeit laue Wannenbäder und in der warmen, kalte Fußbäder gebrauchte; einige Versuche mit der kalten Brause bekamen mir schlecht. Auch bei warmem Wetter durfte ich es nicht wagen, aus Furcht mich zu erkälten, ohne Ueberzieher im 493 Freien zu sitzen, auf kaltem Boden bekam ich rasch kalte, schwer zu erwärmende Füße. Es befielen mich Schmerzen und ein Gefühl von Schwäche in Lende und Beinen, wie beim Beginn meiner Lähmung, ich mußte mich Stunden lang niederlegen und fürchtete, nie wieder ganz gesund zu werden; alle die Opfer an Geld und Mühe glaubte ich vergeblich gebracht zu haben.

Eine lästige Erscheinung war auch im heißen Sommer eine übermäßige Transpiration nachts im Bette; sie raubte mir den erquickenden Schlaf. Ich führte sie auf eine Lähmung der schweißabsondernden Hautnerven infolge der Entzündung des Rückenmarks zurück, erst nach zwei Jahren erkannte ich ihren wirklichen Grund. Vor dieser Krankheit hatte ich nie Unterjacken angelegt, seither trug ich Flanelljacken mit kurzen Aermeln auch in der Nacht. Die Wolle überreizte mir in der Bettwärme die Haut; von der Nacht an, wo ich die Flanelljacke wegließ und sie nur noch bei Tage trug, hörte der Nachtschweiß auf und erquickte mich wieder ein ruhiger Schlaf. Ich trug jetzt in der Nacht wie früher ein baumwollenes Hemd und aus Vorsicht darüber noch eine baumwollene Jacke, was ich vorher nicht getan. Die Flanelljacken untertags vertauschte ich später mit Netzjacken; in der kalten Jahreszeit griff und greife ich seitdem zu wollenen, in den wärmeren Monaten zu baumwollenen, je nach der Temperatur bald mit dickeren Fäden und engen Maschen, bald mit dünneren Fäden und weiten Maschen; auch seidene Netzjacken benutze ich im Sommer; über leinene Jacken habe ich kein Urteil aus eigener Erfahrung. Bekanntlich stehen die »normalwollenen« Herren von der hygienischen Industrie in heftiger Fehde mit den »normalbaumwollenen« und den »normalleinenen«; es dürfte hier wie in den meisten Dingen der alte Spruch des weisen Plinius zutreffen: Non omnibus eadem conveniunt, zu deutsch: Kein Ding taugt für jedermann.Vgl. die vortreffliche Abhandlung von M. Rubner: »Bekleidungsreform und Wollsystem.« (Zeitschr. f. diätat. u. physikalische Therapie II, 1.)

Weit länger hat es gedauert, bis ich lernte, meine Füße vor Erkältung zu schützen, überhaupt meinen Körper gegen Temperatureinflüsse widerstandsfähig zu machen, mit einem Worte, mich abzuhärten.

494 Die gebräuchlichen Mittel zum Warmhalten der Füße: Pelzfutter des Schuhwerks, eingelegte Fußsohlen, Ueberschuhe und dergl. sind Palliativmittel und härten die Haut nicht ab, tragen nach Umständen dazu bei, sie noch weicher zu machen. Pelzfutter wird durch das Wasser, das auf der Haut stets abdunstet, bald feucht, leitet dann die Wärme zu gut und ist nur schwierig trocken zu halten. Ueberschuhe taugen nur dann, wenn sie den Fuß nicht luftdicht umschließen. Am wärmsten hielten mich ganz kurze, nur an die Knöchel reichende Uebersocken, die ich über den langen Untersocken trug und mindestens einmal am Tag mit neuen wechselte. Unangenehm aber ist dabei, daß man das Schuhwerk entsprechend weiter einrichten muß. Wirkliche Abhärtung erzielte ich allmählich durch Jahre lang fortgesetztes tägliches Eintauchen der Füße in kaltes Wasser und Abwaschen der Beine mit dem Schwamm bis zu den Knien herauf, mit rasch nachfolgendem Wiedererwärmen im Bette, morgens kurz vor dem Aufstehen.

Dieses einfache Verfahren läßt sich zu jeder Jahreszeit leicht ausführen, und es verlangt keine großen Vorkehrungen. Jedes zur Aufnahme beider Füße hinreichend große, tiefe und starke Wasserbecken eignet sich dazu. Am besten wird das Becken schon am Abend zuvor mit Wasser so hoch gefüllt, daß die Füße darin bis über die Knöchel eintauchen, und an das Bett gestellt; daneben sind Trockentücher gerichtet. Befolgt man gewisse Vorsichtsmaßregeln, so lernt die verzärtelteste Haut das kalte Wasser ertragen. Man darf nur nicht gleich mit zu niedrigen Temperaturen beginnen; man fängt, je nachdem die Individuen reagieren, mit 20, ja 22 und 24° R an und geht ganz sachte im Laufe von Wochen auf 16° R, nur ausnahmsweise tiefer, herab. Unter allen Umständen muß man dem kurzen, nur wenige Sekunden währenden Fußbade ein rasches Erwärmen der Beine folgen lassen. Dies geschieht in der Regel in wenigen Minuten, wenn man sie nach flüchtigem Abtrocknen in das warme Bett zurückbringt; ein Abreiben ist unnötig; je rascher sie in das Bett zurückgebracht werden, desto besser wird das Fußbad ertragen; nur bei zu niedriger Temperatur kann es länger als 10 Minuten dauern, bis sie gut warm werden. Bei sehr geschwächten und 495 alten Personen meide man zu niedere Temperaturen und bleibe bei 16 bis 20° R.

Statt solche einfache, zu jeder Jahreszeit und fast allenthalben leicht zu beschaffende Fußbäder zu gebrauchen, huldigen romantische Schwärmer für »Naturheilmittel« dem Wassersport des Barfußlaufens auf taufrischen Wiesen und blinkenden Schneefeldern. Das Beispiel der Proletarier, die im Sommer barfuß laufen, lehrt, daß die Fußsohlen dadurch hart, schwielig, und gegen den kalten Fußboden unempfindlich gemacht werden, aber der alte Spruch des Plinius behält recht. Was in Wind und Wetter aufgewachsenen Burschen und Dirnen keinen Schaden bringt und sie hart zu machen mithalf, kann den Zärtlingen, die sich vom Arbeitstisch an solche Kuren wagen, Ischias, Eiweißharnen und Siechtum bringen, wie ich es in der Praxis erlebte; einmal büßte sogar ein unkluger Mensch eine solche ungeschickte Schneepromenade mit Brand der Zehen.

Zur Abhärtung der Haut des ganzen Körpers genügt selbstverständlich die tägliche Einwirkung des kalten Wassers nur auf die Füße nicht, der ganze Körper muß ihr täglich unterzogen werden. So lange ich aber anfangs es versuchte, morgens mit der gewöhnlichen Methode der allgemeinen Abwaschung in der Wanne stehend mein Ziel zu erreichen, bekam ich von Zeit zu Zeit rheumatische Schmerzen danach, bald da, bald dort, auch wenn ich gleich nachher noch das warme Bett aufsuchte; erst als ich die Abwaschung des Leibes mit dem Fußbad nicht auf einmal vornahm, sondern abgesetzt in zwei aufeinander folgenden Abteilungen, blieb ich für immer von Rheumatismen verschont und erreichte meinen Zweck der Abhärtung völlig. Ich darf so empfindlichen Personen, wie ich es gewesen, folgendes Verfahren empfehlen. Man nimmt zuerst das Abwaschen des Körpers bis herab zu den Knien vor, am besten stehend oder kniend über das Wasserbecken gebeugt, und läßt das Wasser aus dem Schwamm namentlich über Nacken und Hals kräftig strömen; dann trocknet man rasch sich ab, hüllt den Leib ein, setzt sich auf den Bettrand und taucht jetzt die Füße in das Becken, das am Bette steht, wäscht die Beine bis zu den Knien herauf, trocknet sie flüchtig und zieht sie zuletzt unter die warme Bettdecke zurück. Waschung und 496 Fußbad beanspruchen wenige Minuten, in 10 bis 15 weiteren Minuten längstens wird der ganze Körper im Bette warm. Man steht dann sofort auf.

Wohl denen, die solcher vorsichtiger Methoden der Abhärtung nicht bedürfen und schon in der Kindheit daran gewöhnt wurden, morgens gleich beim Aufstehen ein flüchtiges kaltes Wannenbad, eine kalte Brause oder eine Abwaschung des ganzen Körpers im kalten Sitzbad zu gebrauchen!

Hiemit bin ich zum Schlusse meiner Erinnerungen gekommen. Den wiederholten Aufforderungen alter und junger Freunde, meine Lebensgeschichte zu schreiben, habe ich damit nur teilweise entsprochen, aber ich glaube sie nicht weiter, als bis zur Aufnahme meiner akademischen Tätigkeit führen zu sollen. Die spätere Periode meines Lebens ist den Fachgenossen bekannt und würde andern Lesern kaum Interesse bieten, wohl aber mag die Geschichte meiner Jugend Aerzten und Nichtärzten Lesenswertes bringen. Der Weg, den ich vom Landarzt zum klinischen Lehrer zurücklegte, hat vielfach Neugierde erregt, weil er nur selten, wenn je, begangen worden ist. Meine Erinnerungen geben darüber Aufschluß; sie liefern zugleich Beiträge zur Geschichte des medizinischen Unterrichts und der Medizin selbst in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die den jüngeren Aerzten wenig bekannt ist, sowie zur Geschichte unsres deutschen Universitätswesens, unsrer Kultur und politischen Entwicklung. Möchten die Bilder aus meinen Jugendjahren dem Leser ebensoviel Vergnügen bereiten, als mir ihre Aufzeichnung gewährte.

* * *

Der Abend verglüht und die Nacht bricht ein,
O flimmernder Staub im Sonnenschein,
Bald wirst du im Dunkel verschwunden sein.

 

 

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