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Jugenderinnerungen

Sofja Wassiljewna Kowalewskaja: Jugenderinnerungen - Kapitel 6
Quellenangabe
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typeautobiography
authorSonja Kowalewski
titleJugenderinnerungen
publisherS. Fischer Verlag
printrun3. Auflage 7.-8. Tausend
editorMarianne Spiegel
year1968
isbn3100412109
translatorLouise Flachs-Fokschaneanu
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090616
modified20170706
projectid57f4a4e7
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V

Mein Onkel Peter Wassiliewitsch

Das Bewußtsein, daß man mich in der Familie weniger als die anderen Kinder liebte, kränkte mich um so tiefer, als das Bedürfnis nach einer kräftigen und ausschließlichen Zuneigung sehr frühzeitig in mir erwachte. Infolgedessen hegte ich sofort eine an Vergötterung grenzende Sympathie für jeden Verwandten oder Freund unseres Hauses, der – aus welchem Grunde immer – mir ein wenig mehr Geneigtheit zeigte als meinem Bruder oder der Schwester.

Während meiner Kinderzeit war ich vor allem zweien meiner Onkel besonders zugetan. Der eine war der ältere Bruder meines Vaters, Peter Wassiliewitsch Korwin-Krukowski. Er war ein sehr interessanter alter Herr, von hohem Wuchs, mit einem großen Kopf, der von weißen, dichten Locken ganz umrahmt war. Sein Gesicht, mit regelmäßigem, strengem Profil, grauen buschigen Brauen und einer tiefen Falte, die seine hohe Stirn der Länge nach durchschnitt, hätte einen strengen, fast bösen Ausdruck gehabt, wäre es nicht von so guten, treuherzigen Augen erhellt worden, wie sie sich sonst nur bei Neufundländern oder kleinen Kindern finden. Dieser Onkel schien im wahren Sinne des Wortes »kein Mensch für diese Welt«. Obgleich er als Ältester in gewissem Sinne das Oberhaupt der Familie darstellte, ließ er sich von jedem, dem es eben einfiel, alles gefallen, und alle Verwandten behandelten ihn wie ein altes Kind. Seit langem stand er im Ruf eines Sonderlings. Seine Frau war vor einigen Jahren gestorben. Er hatte sein ganzes, ziemlich beträchtliches Vermögen seinem einzigen Sohn überlassen und sich bloß eine recht unbedeutende monatliche Rente ausbedungen. Da er nun keine richtige Beschäftigung mehr hatte, besuchte er uns oft in Palibino und blieb wochenlang zu Gast. Seine Ankunft wurde bei uns stets als ein Fest betrachtet, denn wenn er kam, wurde es in unserem Hause immer so eigenartig gemütlich und viel lebendiger als sonst.

Sein Lieblingsplatz war die Bibliothek. Physisch außerordentlich träge, saß er mitunter ganze Tage lang unbeweglich auf dem großen Lederdivan, das schwächere linke Auge zusammengekniffen, völlig versunken in die Lektüre seiner Lieblingszeitschrift, der »Revue des deux mondes«.

Bis zur Betäubung lesen – das war seine einzige Leidenschaft. Die Politik interessierte ihn außerordentlich. Er verschlang gierig die Zeitungen, die einmal wöchentlich eintrafen, und dann blieb er lange sitzen und dachte nach: »Was braut diese Canaille Napoleoschka Neues zusammen?« In seinen letzten Lebensjahren bereitete ihm auch Bismarck einiges Kopfzerbrechen. Der Onkel war davon überzeugt, daß »Napoleoschka den Bismarck verspeisen wird«, und da er 1870 nicht erlebte, starb er auch in diesem Glauben.

In politischen Dingen war der Onkel von ungewöhnlicher Blutgier. Eine Hunderttausende zählende Armee niederzumachen, war für ihn ein Kinderspiel. Nicht weniger grausam gebärdete er sich, wenn er – im Geiste – Verbrecher bestrafte. Ein Verbrecher war für ihn übrigens ein reines Phantasiegebilde, da er im wirklichen Leben alle Menschen für »Gerechte« hielt.

Ungeachtet der Einsprache unserer Erzieherin verurteilte er alle englischen Beamten in Indien zum Galgen. »Ja, mein Fräulein, alle, alle!« schrie er und schlug in der Hitze des Disputs kräftig mit der Faust auf den Tisch. Er sah dann so grausam und wütend aus, daß jeder, der das Zimmer betreten hätte, bei diesem Anblick ohne Zweifel erschrocken wäre. Mit einem Male aber beruhigte er sich, und Verlegenheit und Reue spiegelten sich auf seinem Gesicht – er hatte bemerkt, daß er mit seiner unbedachten Bewegung unser aller Liebling, den Windhund Grisi, der neben ihm auf dem Divan lag, aufgescheucht hatte.

Am meisten freute es den Onkel, wenn er in einer Zeitschrift den Bericht über eine bedeutende wissenschaftliche Entdeckung fand. An solchen Tagen gab es bei Tische heiße Debatten und Auseinandersetzungen, während in Abwesenheit des Onkels das Mittagsmahl gewöhnlich unter Schweigen vorüberging, da die Hausgenossen in Ermangelung gemeinsamer Interessen nicht wußten, worüber sie sprechen sollten.

»Haben Sie gelesen, Schwägerin, was Paul Bert ersonnen hat?« sagte der Onkel einmal, indem er sich an meine Mutter wandte. »Er bringt auf künstlichem Wege so etwas wie siamesische Zwillinge hervor; er läßt die Nerven zweier Kaninchen zusammenwachsen. Schlägt man dann das eine, so fühlt das andere Schmerz. Begreifen Sie die ganze Tragweite dieser Erfindung?«

Und der Onkel beginnt, den Anwesenden den Inhalt des Artikels, den er soeben in der Zeitschrift gelesen, wiederzugeben, indem er ihn dabei fast unbewußt ausschmückt und erweitert und daraus kühne Schlüsse und Konsequenzen zieht, von denen der Verfasser selbst sich sicherlich nichts träumen ließ.

Nach seinem Bericht beginnt eine hitzige Debatte. Die Mutter und Anjuta stellen sich sofort auf Seite des Onkels und stimmen in den Enthusiasmus für die neue Erfindung ein. Die Gouvernante mit ihrem Widerspruchsgeist steht fast immer in den Reihen der Opposition und bemüht sich eifrig, die Bedeutungslosigkeit, bisweilen sogar die Sündhaftigkeit der von dem Onkel auseinandergesetzten Theorie nachzuweisen. Auch der Hofmeister gibt manchmal seine Stimme ab, wenn es sich darum handelt, irgend etwas sachlich darzustellen, vermeidet es aber klüglich, an der Diskussion selbst teilzunehmen. Der Vater spielt den skeptischen, spöttischen Kritiker, der sich keiner der Parteien anschließt, der bloß scharf beobachtet und auf die schwachen Punkte in beiden Lagern hinweist. Diese Debatten nehmen manchmal einen fast kriegerischen Charakter an und enden durch irgendeine verhängnisvolle Wendung häufig damit, daß man von Fragen abstrakter Natur plötzlich sogar auf das Gebiet persönlicher Zwistigkeiten gerät.

Als heftigste Gegnerinnen stehen immer im Mittelpunkt des Kampfes die Erzieherin Margareta Franzowna und Anjuta, zwischen denen ein geheimer »siebenjähriger« Krieg herrscht, der bloß zeitweilig durch Waffenstillstandsperioden unterbrochen wird.

Verblüfft der Onkel durch die Kühnheit seiner Generalisierungen, so zeichnet sich dagegen die Gouvernante durch die nicht geringere Genialität aus, mit der sie persönliche Ausfälle einfügt – mitten in abstrakten, dem praktischen Leben scheinbar sehr fern liegenden gelehrten Theorien entdeckt sie plötzlich einen Anhaltspunkt, Anjutas Betragen zu tadeln, und dies geschieht so unerwartet und in so origineller Weise, daß alle die Hände zusammenschlagen.

Anjuta bleibt nichts schuldig und erwidert so boshaft und unhöflich, daß die Gouvernante vom Tisch aufspringt und erklärt, sie könne nach solchen Beleidigungen nicht länger in unserem Hause bleiben. Den Anwesenden wird es peinlich und unbehaglich zumute; die Mutter, die Streit und derartige Szenen nicht verträgt, versucht zu vermitteln, und die ganze Affäre endet nach langem Hin- und Herreden in Frieden.

Ich entsinne mich, welchen Sturm zwei Aufsätze der »Revue des deux mondes« in unserem Hause hervorriefen. Der eine – über die »Einheit der physischen Kräfte« (Bericht über eine Broschüre von Helmholtz), der andere – über »Claude Bernhards Versuche mit herausgeschnittenem Taubengehirn«. Helmholtz und Claude Bernhard wären wohl sehr erstaunt gewesen, wenn sie erfahren hätten, welchen Zankapfel sie in eine friedliche russische Familie, die irgendwo im sumpfigen Gouvernement Witebsk wohnte, geschleudert haben.

Allein nicht bloß die Politik und die Berichte über die neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen vermochten mein Onkelchen Peter Wassiliewitsch aufzuregen. Mit derselben Begeisterung las er auch Romane, Reisebeschreibungen und historische Aufsätze. In Ermangelung eines Besseren las er sogar Kinderbücher. Ich bin später nie mehr einem Russen mit einem solchen Lesehunger begegnet.

Man könnte meinen, daß es für ihn, den reichen Gutsbesitzer, leicht gewesen wäre, seine harmlose Leidenschaft zu befriedigen. Indessen besaß Onkelchen Peter Wassiliewitsch nur wenige Bücher, und bloß in seinen letzten Lebensjahren, und das nur dank unserer Bibliothek in Palibino, fand er die Möglichkeit, sich dem einzigen Genuß hinzugeben, den er schätzte.

Infolge seiner ungewöhnlichen Willensschwäche, die zu seinem energischen, mächtigen Äußeren in schroffem Widerspruch stand, wurde er sein ganzes Leben lang von seiner Umgebung tyrannisiert und zwar in solchem Maße, daß von einer Befriedigung seiner Wünsche oder seiner persönlichen Neigungen gar nicht die Rede sein konnte.

Dieser Charakterschwäche wegen betrachtete man ihn in der Jugend als untauglich für den Militärdienst – nach damaliger Anschauung der einzige Beruf, dem der Sprößling eines altadligen Geschlechtes sich widmen sollte –, und da er friedfertiger Natur und tollen Streichen abgeneigt war, beschlossen die zärtlichen Eltern, ihn zu Hause zu behalten und bloß so weit erziehen zu lassen, als notwendig war, um nicht in der Gesellschaft als Bauerntölpel zu gelten. Alles, was er wußte, hatte er sich selbst durch Nachdenken erworben oder später aus Büchern gelernt. Er besaß tatsächlich erstaunlich viele Kenntnisse, allein wie bei allen Autodidakten, fehlte die rechte Ordnung und Ausgewogenheit. Auf dem einen Gebiet wußte er viel, auf dem anderen wieder gar nichts.

So wuchs er auf dem Gute seiner Eltern heran. Es zeigte sich bei ihm nicht der geringste Ehrgeiz, und in der Familie nahm er den bescheidensten Rang ein. Die jüngeren, begabteren Brüder behandelten ihn von oben herab und beschützten ihn wohlwollend – wie einen unschädlichen Sonderling.

Plötzlich traf ihn aber, wie vom Himmel herab, ein unverhofftes Glück: das schönste und reichste Mädchen des ganzen Gouvernements, Nadeschda Andrejwna N., schenkte ihm ihre volle Aufmerksamkeit. Ob sie sich von seinem schönen Äußeren bestechen ließ oder bloß glaubte, in ihm den ihr entsprechenden Gatten gefunden zu haben, einen Mann, der ihr ergeben und treu sein und stets zu ihren Füßen liegen würde, das weiß Gott. Immerhin gab sie deutlich zu verstehen, sie werde ihn gern heiraten, wenn er sich um sie bewürbe.

Peter Wassiliewitsch selbst hätte es nicht gewagt, von etwas Ähnlichem auch nur zu träumen, allein die Schar der Tantchen und Schwägerinnen setzte ihm eifrig auseinander, welches Glück ihm zuteil werde, und so war er, ehe er sich dessen versah, der erkorene Bräutigam der schönen, reichen, verhätschelten Nadeschda Andrejwna.

Aber diesem Bündnis entsprang kein Glück. Wir Kinder waren von der Überzeugung durchdrungen, Peter Wassiliewitsch sei hauptsächlich zu unserem Ergötzen und deshalb auf der Welt, daß wir mit ihm ungeniert allen erdenklichen Unsinn sprechen könnten; wir fühlten indessen instinktiv, daß man eine Angelegenheit nie berühren dürfte – und die betraf seine verstorbene Frau.

Über Tantchen Nadeschda Andrejwna waren unter uns Kindern dunkle Gerüchte im Umlauf. Die Erwachsenen sprachen in unserer Gegenwart nie ihren Namen aus. Aber Tantchen Wassiliewna, des Vaters jüngste und unverheiratete Schwester, kam mitunter die Lust zu plaudern an, und sie erzählte uns dann allerhand entsetzliche Dinge von der seligen Nadeschda Andrejwna.

»Das war eine Natter! Daß Gott bewahre! Mich und Schwesterchen Marienka hätte sie stückweise verspeisen mögen! Und gar der Bruder Peter, der hat's von ihr gekriegt! Wenn sie sich einmal über eines der Dienstmädchen ärgerte, lief sie gleich zu ihm ins Arbeitszimmer und forderte, er solle die Schuldige eigenhändig bestrafen. Da er sehr gut war, wollte er es nicht tun. Er will sie zur Vernunft bringen, ach freilich . . . seine ›Vernunft‹ steigerte nur noch ihre Wut. Sie wendet sich gegen ihn, beschimpft ihn mit den häßlichsten Ausdrücken.

Er ist ein Hasenfuß, ist gar kein richtiger Mann . . . Als sie endlich einsieht, daß man ihm mit Worten nicht beikommen kann, erfaßt sie mit einem Griff seine Schriften, Bücher, was sie gerade auf dem Tisch findet und wirft alles in den Ofen. ›Ich will dieses Zeug nicht in meinem Hause haben!‹ schreit sie. Es kam sogar vor, daß sie das Pantöffelchen vom Fuße zog, ja, und es ihm ins Gesicht warf. Wahrhaftig! Sie hat ihn auch geschlagen. Und er machte sich nichts daraus, hielt ihr bloß die Hände fest, recht vorsichtig, um ihr nicht weh zu tun, und sagte ihr zärtlich: ›Was tust du, Nadinka, besinne dich! Schämst du dich denn nicht? Und gar vor den Leuten . . .‹ Aber sie schämte sich gar nicht.«

»Wie konnte aber der Onkel ein solches Betragen dulden? Warum hat er seine Frau nicht sitzen lassen?« riefen wir unwillig aus.

»Ach, meine Lieben, wirft man denn eine rechtmäßige Frau wie einen Handschuh fort? Ja, ich muß noch sagen – wie schlecht sie ihn auch behandelte, so liebte er sie doch unsinnig!«

»Hat er sie wirklich geliebt? So eine böse Hexe?«

»Und wie er sie liebte, Kinderchen, er konnte ohne sie nicht leben! Als man ihr den Garaus machte, grämte er sich so sehr, daß er beinahe Hand an sich legte.«

»Was sagen Sie da, Tantchen? Wie ist das – den Garaus gemacht?« fragen wir neugierig.

Die Tante merkt nun, daß sie zuviel gesagt hat, bricht die Erzählung plötzlich ab und beginnt energisch an ihrem Strumpf zu stricken, um uns zu zeigen, daß es keine Fortsetzung gibt. Allein unsere Neugierde ist geweckt, und wir lassen keine Ruhe! »Tantchen, Täubchen, erzählen Sie doch!« bestürmen wir sie.

Tantchen sieht ein, daß sie sich einmal verplaudert hat und nicht dabei stehenbleiben kann.

»Ja . . . so . . . ihre leibeigenen Mädchen haben sie erdrosselt!« sagt sie plötzlich.

»O Gott! Wie schrecklich! Wie ist denn das geschehen? Liebstes Tantchen, erzählen Sie!« rufen wir.

»Nun so, ganz einfach!« erzählt Anna Wassiliewna. »Sie blieb einmal abends allein zu Hause – den Bruder Peter und die Kinder hatte sie fortgeschickt. Ihr Lieblingsmädchen Malanja hatte ihr, wie gewöhnlich, beim Entkleiden geholfen, ihr die Schuhe ausgezogen und sie zu Bett gebracht . . . da klatscht das Mädchen plötzlich in die Hände. Auf dieses Zeichen hin treten aus allen anliegenden Räumen andere Mädchen herein, dann der Kutscher Fedor und der Gärtner Eustignei. Nadeschda Andrejwna sieht bloß ihre Gesichter an und weiß sofort, was die Stunde geschlagen hat; allein sie verzagt nicht, verliert nicht die Fassung. Sie schreit sie an: ›Was habt Ihr denn hier zu suchen, Ihr Gesindel! Seid Ihr verrückt geworden? Augenblicklich alle hinaus.‹

Schon zittern sie wieder vor ihr und wenden sich bereits den Türen zu, aber Malanja ist beherzter und beginnt die anderen zu überreden.

›Was für niederträchtige Feiglinge Ihr seid! Fürchtet Ihr denn nicht um Eure Haut? Sie wird Euch doch alle morgen nach Sibirien wegschicken!‹

Da besinnen sie sich – der ganze Haufe geht auf ihr Bett zu, die einen fassen die selige Schwägerin an den Händen, die anderen an den Beinen, sie werfen Kissen über sie, um sie zu ersticken. Sie bittet inständig, verspricht ihnen Geld und alles Gute! Nein, die lassen sich durch nichts mehr zum Narren halten! Und ihr Liebling Malanja ruft noch: ›Ein Handtuch, werft ihr ein nasses Handtuch über den Kopf, damit nicht blaue Flecke auf ihrem Gesicht bleiben!‹

Später denunzierten sie sich selbst. Nachdem sie mit Ruten gezüchtigt waren, erzählten sie vor Gericht alles ausführlich. Nun freilich, für ihre schöne Tat hat man ihnen nicht den Kopf gestreichelt, einige von ihnen verfaulen wahrscheinlich jetzt noch in Sibirien.«

Tantchen hält inne, und wir schweigen auch vor Entsetzen.

»Seht nur zu, daß Ihr vor Papachen oder der Mutter nicht davon sprecht, was ich Euch dummerweise ausgeplaudert habe!« prägt uns Tantchen ein; wir haben schon selbst begriffen, daß man von dergleichen weder mit dem Vater noch mit der Mutter, noch mit der Gouvernante reden darf. Es käme nur eine böse Geschichte heraus.

Dafür verfolgt mich abends zur Schlafenszeit diese Erzählung und läßt mich nicht einschlafen.

Als ich mich einmal auf dem Gute des Onkels befand, sah ich das in Ölfarben lebensgroß gemalte Portrait der Tante Nadeschda Andrejewna – ein Schablonenarbeit, so wie man zu jener Zeit alle Porträts malte. Und da stand sie wie lebendig vor mir: klein, elegant, zierlich wie ein Porzellanpüppchen, in hellrotem, dekolletiertem Sammetkleid, mit einem Granatgeschmeide um den üppigen, weißen Hals, helles Rot auf den Wangen, einen hochmütigen Ausdruck in den großen schwarzen Augen, mit dem stereotypen Lächeln auf dem rosigen Mündchen. Und ich bemühe mich, mir vorzustellen, wie sich diese großen Augen noch erweitern, welcher Schreck sich in ihnen abspiegelte, als sie auf einmal ihre demütigen Sklaven vor sich sah, die gekommen waren, um sie zu ermorden!

Dann dachte ich mich selbst an ihre Stelle. Während mich Dunjascha entkleidet, kommt es mir plötzlich in den Sinn: wie, wenn ihr gutmütiges, rundes Gesicht sich plötzlich in ein böses verwandelt, wenn sie auf einmal in die Hände klatscht und Ilja und Stephan und Sascha ins Zimmer treten und sagen: »Wir sind gekommen, um sie zu ermorden, Fräulein!«

Bei diesem unsinnigen Gedanken erschreckte ich so, daß ich Dunjascha nicht wie gewöhnlich zurückbehalte, sondern im Gegenteil beinahe froh bin, daß sie, nachdem meine Nachttoilette beendet ist, endlich fortgeht. Allein ich kann doch nicht einschlafen und liege lange in der Dunkelheit mit offenen Augen da und warte voll Ungeduld, daß die Gouvernante, die oben blieb, um mit den anderen Karten zu spielen, endlich komme.

Sooft ich mit Onkel Peter Wassiliewitsch allein bleibe, kehrt unwillkürlich auch diese Geschichte in mein Gedächtnis zurück, und es erscheint mir seltsam und unbegreiflich, wie dieser Mensch, der in seinem Leben so viel gelitten, jetzt so ruhig, als ob sich gar nichts ereignet hätte, mit mir Schach spielt, mir Schiffchen aus Papier faltet oder sich wer weiß wie ereifern kann, wenn er aus der Zeitung von der Wiederherstellung des alten Flußbettes Sir-Dari oder von irgendeinem anderen Projekt erfuhr. Es fällt Kindern immer schwer, sich vorzustellen, daß jemand von ihren nächsten Verwandten, den sie im häuslichen Verkehr zu sehen gewohnt sind, etwas außergewöhnlich Tragisches erlebt habe.

Manchmal hatte ich eine Art krankhaften Verlangens, den Onkel zu befragen, wie sich alles zugetragen hat. Ich sah ihn dann lange an, ohne die Augen zu senken, und stellte mir vor, wie dieser große, kräftige, kluge Mann vor der kleinen, schönen Frau zittert und weint und ihr die Hände küßt, und sie seine Schriften und Bücher zerreißt oder ihr Pantöffelchen vom Fuß zieht und ihn damit ins Gesicht schlägt.

Einmal, bloß ein einziges Mal während meiner ganzen Kindheit, hielt ich mich nicht zurück und rührte an des Onkels wunde Stelle. Das geschah abends. Wir waren in der Bibliothek allein. Der Onkel saß wie gewöhnlich mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Diwan und las; ich lief ballspielend im Zimmer herum, endlich setzte ich mich zu ihm, und als ich mich an ihn schmiegte, mußte ich wieder an seine Geschichte denken.

Der Onkel legte plötzlich das Buch weg und fragte mich, mir zärtlich den Kopf streichelnd: »Woran denkst Du, Kindchen?«

»Waren Sie mit Ihrer Frau sehr unglücklich, Onkel?« kam es mir fast unwillkürlich von der Zunge.

Ich werde niemals vergessen, welchen Eindruck diese unerwartete Frage auf den armen Onkel machte. Sein ruhiges, ernstes Gesicht zog sich plötzlich wie bei einem physischen Schmerz in lauter kleine Falten zusammen. Er streckte die Hände vor, als wollte er einen Schlag abwehren. Er tat mir so ungeheuer leid, und ich schämte mich sehr. Es kam mir vor, als hätte auch ich das Pantöffelchen vom Fuß gezogen und ihm ins Gesicht geschlagen.

»Onkel, Täubchen, verzeihen Sie! Ich habe gefragt ohne zu denken«, sagte ich, indem ich mich an ihn schmiegte und mein vor Scham rotes Gesicht an seiner Brust verbarg. Und der liebe Onkel mußte mich noch trösten. Seitdem rührte ich nicht mehr an diese unerquickliche Angelegenheit.

Über alles andere aber durfte ich getrost an Onkelchen Peter Wassiliewitsch Fragen stellen. Ich galt als sein Liebling, und wir saßen oft stundenlang zusammen und plauderten über alles mögliche.

Befaßte sich der Onkel mit einer bestimmten Idee, so mußte er unentwegt an sie denken und konnte nur von ihr sprechen. Er vergaß völlig, daß er sich an ein Kind wandte und entwickelte nicht selten vor mir die kompliziertesten Theorien. Und gerade das gefiel mir, und ich fühlte mich als Erwachsene behandelt, spannte alle meine Kräfte an, um ihn zu verstehen oder mir wenigstens doch den Anschein zu geben, als verstünde ich ihn.

Zwar hatte er Mathematik nicht studiert, war aber für diese Wissenschaft außerordentlich eingenommen. Er hatte aus verschiedenen Büchern einige mathematische Kenntnisse gesammelt und sprach gern darüber, wobei es ihm oft widerfuhr, daß er in meiner Gegenwart laut dachte. So hörte ich von ihm etwas über die Quadratur des Kreises und von vielen ähnlichen Dingen, deren Sinn ich selbstverständlich nicht erfassen konnte, die aber auf meine Phantasie einwirkten und mir Begeisterung für die Mathematik einflößten. Ich sah in ihr eine höhere, geheimnisvolle Wissenschaft, die dem Kundigen eine neue, herrliche Welt eröffnet, zu welcher gewöhnliche Sterbliche jedoch keinen Zutritt erlangen können.

Da ich von diesen meinen ersten Begegnungen mit der Mathematik spreche, kann ich nicht umhin, eines höchst merkwürdigen Umstandes zu gedenken, der gleichfalls in mir das Interesse für diese Wissenschaft erweckte.

Als wir aufs Land zogen, mußte man das ganze Haus neu herrichten und alle Zimmer mit frischen Tapeten versehen. Wegen der großen Zahl der Räume reichten die Tapeten für das Kinderzimmer nicht mehr hin; es hätte zuviel Umstände gemacht, erst eine Tapete aus Petersburg zu beziehen, und das war bei der Bestellung für nur einen einzigen Raum wirklich nicht der Mühe wert. Man wartete daher eine günstige Gelegenheit ab, und so blieb dieses Zimmer jahrelang mit alten Schriften beklebt. Glücklicherweise hatte man zu diesem provisorischen Ankleben gerade die lithographierten Vorlesungen Ostrogradskis über Differential- und Integralrechnungen verwendet, die mein Vater in seiner Jugend gekauft hatte. Diese Bogen mit den bunten, unverständlichen Formeln nahmen bald meine Aufmerksamkeit in Anspruch. Ich stand, wie ich mich erinnere, als Kind stundenlang vor dieser geheimnisvollen Wand und bemühte mich, zum mindesten einzelne Sätze zu entziffern und die Ordnung herauszufinden, in der die Bogen aufeinander folgen mußten. Vom täglichen langen Beobachten prägte sich meinem Gedächtnis das äußere Bild vieler Formeln ein, selbst der Text hinterließ in meinem Gehirn eine tiefe Spur, obgleich ich ihn beim Lesen nicht verstand.

Als ich viele Jahre später, schon als fünfzehnjähriges Mädchen, bei dem bekannten Professor der Mathematik, Alexander Nikolaiwitsch Strannoljubski, in Petersburg die erste Lektion in den Differential-Rechnungen nahm, wunderte er sich, wie rasch ich begriff, was er über die Asymptote sagte »gerade als hätte ich im voraus alles über sie gewußt« – ganz so drückte er sich aus. In jenem Augenblicke, da er mir diese Begriffe erklärte, erinnerte ich mich tatsächlich in lebhafter Weise daran, daß all das auf jenem Bogen Ostrogradskis stand, und Begriffe wie »Grenzwert« und andere kamen mir wie längst bekannt vor.

 

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