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Jugenderinnerungen

Sofja Wassiljewna Kowalewskaja: Jugenderinnerungen - Kapitel 4
Quellenangabe
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typeautobiography
authorSonja Kowalewski
titleJugenderinnerungen
publisherS. Fischer Verlag
printrun3. Auflage 7.-8. Tausend
editorMarianne Spiegel
year1968
isbn3100412109
translatorLouise Flachs-Fokschaneanu
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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III

Mit der Übersiedelung aufs Land veränderte sich bei uns im Hause alles, und das Leben meiner Eltern, bisher heiter und sorglos, nahm mit einem Mal einen ernsteren Charakter an.

Bisher hatte der Vater uns wenig Aufmerksamkeit geschenkt, da er die Kindererziehung für Sache der Frauen und nicht der Männer hielt. Mit Anjuta beschäftigte er sich noch am meisten, weil sie die Älteste und sehr drollig war. Er liebte es, sie mitunter zu hätscheln, nahm sie im Winter manchmal zu Schlittenfahrten mit und brüstete sich mit ihr gern vor den Gästen. Wenn ihr Tollen schon jedes Maß überschritt und die anderen Hausgenossen die Geduld verloren und sich bei ihm über sie beklagten, pflegte er die Sache gewöhnlich mit einem Scherz abzutun; sie selbst wußte sehr wohl, daß er im Stillen über ihre Streiche lachte, auch wenn er manchmal ein strenges Gesicht machte. Die Beziehung des Vaters zu uns jüngeren Kindern beschränkte sich darauf, daß er, wenn er uns traf, die Njanja befragte, ob wir gesund seien, daß er uns zärtlich in die Wangen kniff, um sich zu überzeugen, ob sie auch dick genug seien, und daß er uns manchmal in der Luft herumschwenkte.

An Festtagen, wenn der Vater zu einem offiziellen Empfang ging und die große Uniform mit Orden und Sternen anlegte, rief man uns in den Salon, daß wir uns an Papachen in Gala ergötzten, und dieses Schauspiel bereitete uns ein ungewöhnliches Vergnügen; wir sprangen um ihn herum und klatschten beim Anblick seiner glänzenden Epauletten und Ordenssterne begeistert in die Hände.

Nach der Ankunft auf dem Lande veränderte sich plötzlich dieses unbefangene Verhältnis. Wie es nicht selten in russischen Familien vorkommt, machte der Vater plötzlich die Entdeckung, daß seine Kinder bei weitem nicht so musterhafte und wohlerzogene Geschöpfe seien, wie er vermutet hatte.

Das fing, glaube ich, damit an, daß ich mit meiner Schwester einmal von Zuhause fortschlich, wir uns verirrten und einen ganzen Tag verschwunden waren; als man uns endlich am Abend fand, hatten wir uns bereits derartig an Wolfsbeeren übergessen, daß wir einige Tage krank darnieder lagen. Dieser Vorfall bewies, daß wir sehr schlecht beaufsichtigt waren.

Den ersten Entdeckungen folgten andere, eine peinlicher als die andere.

Wir alle hatten bisher fest geglaubt, meine Schwester sei ein beinahe phänomenales Kind – klug und über ihre Jahre hinaus reif. Jetzt aber zeigte es sich plötzlich, daß sie nicht nur äußerst verzogen, sondern auch für ein zwölfjähriges Mädchen höchst unwissend sei und nicht einmal die russische Orthographie beherrschte.

Was noch schlimmer war – man ertappte die Französin bei etwas so Abscheulichem, daß man vor uns Kindern nicht einmal davon sprechen durfte.

In jenen Tagen, die unserem verbotenen Waldausflug folgten, Tagen, deren ich mich voller Trauer erinnere, ereignete sich so etwas wie eine häusliche Katastrophe. Im Kinderzimmer den ganzen Tag Lärm, Schreien und Tränen: alle streiten miteinander, und jeder – Schuldige und Unschuldige – bekommt sein Teil. Papachen ist zornig, Mama weint, die Njanja murrt, die Französin ringt die Hände und packt ihre Siebensachen. Meine Schwester und ich sind still und wagen nicht, uns zu rühren, da jeder jetzt seinen Ärger an uns ausläßt und das geringste Vergehen als schwere Schuld angerechnet wird. Nichtsdestoweniger beobachten wir mit Neugierde, ja sogar nicht ohne eine gewisse kindliche Schadenfreude die Streitigkeiten zwischen den Älteren und warten – »wie das alles enden wird«!

Der Vater, der halbe Maßregeln nicht liebte, entschied sich für eine gründliche Umgestaltung unseres Erziehungssystems. Die Französin jagte man fort, die Njanjuschka entfernte man aus der Kinderstube und übertrug ihr die Aufsicht über die Wäsche; ins Haus kamen zwei neue Personen: ein polnischer Hofmeister und eine englische Gouvernante.

Der Hofmeister erwies sich als ein ruhiger und gebildeter Mann, unterrichtete vorzüglich, hatte aber auf meine Erziehung wenig Einfluß. Dagegen kam mit der Gouvernante ein ganz neues Element in unsere Familie.

Obgleich sie in Rußland erzogen war und gut Russisch sprach, hatte sie alle Eigenheiten des englischen Volkes bewahrt: die Pedanterie, die Ausdauer und die Zähigkeit, jede Angelegenheit zu Ende zu führen. Diese Eigenschaften machten sie allen anderen Hausgenossen überlegen, die gerade entgegengesetzt veranlagt waren, und dadurch erklärt sich jener Einfluß, den sie in unserem Hause gewann.

Als sie zu uns kam, wandte sie gleich alle ihre Mühe darauf, aus unserer Kinderstube eine Art englischer nursery zu machen, in der sie uns zu vorbildlichen englischen Ladies erziehen könnte. Und Gott weiß, wie schwer es war, ein Treibhaus für englische Ladies in einem russischen Gutsbesitzerhaus zu errichten, wo seit Jahrhunderten, von Generation zu Generation, sich Despotismus, Unordnung und Nachlässigkeit eingenistet hatten. Dank ihrer bemerkenswerten Beharrlichkeit setzte sie jedoch ihren Willen bis zu einem gewissen Grade durch.

Meine Schwester, die bisher volle Freiheit gewohnt war, konnte sie allerdings nie zähmen. Ein, zwei Jahre verstrichen unter fortwährenden Kämpfen und Auseinandersetzungen, und als Anjuta endlich fünfzehn Jahre alt wurde, gehorchte sie der Engländerin gar nicht mehr. Ihre tatsächliche Befreiung aus der Vormundschaft der Gouvernante wurde dadurch bekundet, daß ihr Bett aus der Kinderstube in ein Gemach neben Mamas Schlafzimmer gebracht wurde. Seitdem betrachtete man Anjuta als eine junge Dame, und die Gouvernante benutzte jede geeignete Gelegenheit, um zu manifestieren, daß sie sich jetzt um Anjutas Aufführung nicht mehr zu kümmern habe und daß sie ihre Hände in Unschuld wasche.

Dafür konzentrierte sie mit noch größerem Eifer alle ihre Fürsorge auf mich, isolierte mich von allen Hausgenossen und von dem Einfluß meiner älteren Schwester wie vor einer Pest.

Die Geräumigkeit unseres Hauses, in dem drei, vier Familien bequem hätten wohnen können, begünstigten dieses Streben nach Absonderung.

Fast die ganze untere Etage, einige Räume für die Dienstboten und für zufällige Gäste ausgenommen, wurde der Gouvernante und mir überlassen. Die obere Etage mit den Empfangsräumen gehörte der Mutter und Anjuta. Fedja trieb sich mit dem Hofmeister im Seitenflügel herum, und das Herrenzimmer befand sich im Erdgeschoß des dreistöckigen Turmes, lag also ganz abseits.

So hatten die verschiedenen Elemente, aus denen unsere Familie bestand, ihr eigenes Gebiet, konnten, ohne einander zu stören, ihren eigenen Weg gehen und trafen bloß zu den Mahlzeiten oder beim Tee zusammen.

 

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