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Jugenderinnerungen

Sofja Wassiljewna Kowalewskaja: Jugenderinnerungen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typeautobiography
authorSonja Kowalewski
titleJugenderinnerungen
publisherS. Fischer Verlag
printrun3. Auflage 7.-8. Tausend
editorMarianne Spiegel
year1968
isbn3100412109
translatorLouise Flachs-Fokschaneanu
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090616
modified20170706
projectid57f4a4e7
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I

Aus der Kindheit

Zu gerne wollte ich wissen, ob irgend jemand jenen Augenblick seiner Existenz feststellen kann, da in ihm zum ersten Mal eine bestimmte Vorstellung von seinem eigenen Ich – der erste Schimmer des bewußten Lebens entstand? Ich kann es nicht. Wenn ich meine ersten Erinnerungen im Geiste zu sichten und ordnen beginne, wiederholt sich stets dasselbe: sie weichen gleichsam vor mir zurück. Da glaube ich schon, jenen ersten Eindruck gefunden zu haben, der in meinem Gedächtnis eine deutliche Spur hinterließ, ich brauche aber nur meine Gedanken eine Zeit lang auf ihn zu konzentrieren, so beginnen auch schon andere, einer früheren Epoche angehörende Eindrücke aufzusteigen. Das Gefährliche liegt hauptsächlich darin, daß ich selbst gar nicht bestimmen kann, an welche dieser Eindrücke ich mich tatsächlich erinnere, das heißt, welche ich tatsächlich erlebt oder von welchen ich bloß später über meine Kindheit gehört und mir eingebildet habe, daß ich mich deren entsinne, während mir bloß das im Gedächtnis geblieben ist, was mir mitgeteilt wurde. Was noch schlimmer ist – es gelingt mir niemals, auch nur eine dieser ersten Erinnerungen in ihrer ganzen Klarheit hervorzurufen, ohne ihr während des Prozesses des Erinnerns selbst unwillkürlich etwas Fremdes beizumischen.

Wie dem auch sei, wenn ich mich der ersten Lebensjahre zu entsinnen beginne, tritt vor allem folgendes Bild hervor: Glockengeläute, Weihrauch, die Volksmenge, die aus der Kirche drängt, die Njanja, die mich an der Hand führt und sorgsam vor Stößen beschützt. »Gebt acht auf das Kindchen!« fleht sie die uns umdrängende Menge an . . . Ein Bekannter der Njanja in einem langen Rock – wahrscheinlich der Diakon oder der Küster – nähert sich ihr und reicht ihr das Abendmahl . . . »Gott segne's Ihnen, meine Gnädige«, sagt er.

»Nun, und wie heißen Sie denn, mein braves Kindchen?« wendet er sich zu mir. Ich schweige und sehe ihn mit großen Augen an.

»Eine Schande, Fräulein, seinen Namen nicht zu wissen!« neckt mich der Diakon.

»Sag' mein Mütterchen: mich heißt man Sonjitschka, und mein Papa ist der General Krukowski!« lehrt mich meine Njanja.

Ich bemühe mich, ihre Worte zu wiederholen, aber sie kommen wohl nicht ganz so fließend heraus, denn die Njanja und ihr Bekannter lachen. Er begleitet uns bis zum Hause. Den ganzen Weg lang hüpfe ich vor ihnen her und wiederhole die Worte der Njanja, indem ich sie nach meiner Art verdrehe. Offenbar ist dieses Faktum mir noch neu, und ich strenge mich an, es meinem Gedächtnis einzuprägen.

Als wir bei unserem Haus angekommen sind, zeigt mir der Diakon das Tor. »Sehen Sie, kleines Fräulein, über dem Tor befindet sich ein Haken«, sagt er mir, »wenn Sie einmal vergessen, wie Ihr Papachen heißt, denken Sie nur daran: es ist ein Krjuk über dem Tor des Krukowski – und Sie werden sich sofort erinnern.«

Es ist mir peinlich, gestehen zu müssen, daß dieses schlechte Wortspiel des Diakon sich meinem Gedächtnis eingeprägt und in meinem Leben geradezu Epoche gemacht hat; von da ab beginne ich meine Zeitrechnung . . . das erste Aufkeimen einer präzisen Vorstellung davon, wer ich eigentlich bin, welche Stellung ich in der Welt einnehme.

Aller Wahrscheinlichkeit nach dürfte ich damals zwei, drei Jahre alt gewesen sein und sich diese Szene in Moskau, wo ich geboren wurde, zugetragen haben. Mein Vater gehörte der Artillerie an, und wir mußten oft, ihm in den Obliegenheiten seines Dienstes folgend, von Stadt zu Stadt ziehen.

Dieser ersten Szene, die sich in meiner Erinnerung treu erhalten hat, folgt wieder eine große Lücke; von dem grauen, nebligen Grunde heben sich, bloß hier und da zerstreut, wie helle kleine Punkte allerlei kleine Reiseerlebnisse ab: das Sammeln von Steinchen auf der Chaussee, die Nachtlager in den Poststationen, wie ich die Puppe meiner Schwester aus dem Wagenfenster werfe – eine Reihe unverbundener, aber ziemlich deutlicher Bilder.

Einigermaßen zusammenhängende Erinnerungen beginnen bei mir von meinem fünften Lebensjahr an, als wir in Kaluga wohnten. Wir waren damals drei Kinder: meine Schwester Anjuta, um etwa sechs Jahre älter, und der Bruder Fedja, um drei Jahre jünger als ich.

Vor meinen Augen erscheint unsere Kinderstube als ein großes, aber niedriges Zimmer, die Njanja brauchte nur auf den Stuhl zu steigen, und sie konnte mit der Hand die Decke berühren. Wir drei schliefen im Kinderzimmer; Anjuta sollte zwar im Zimmer ihrer Gouvernante, einer Französin, schlafen, aber sie weigerte sich und zog es vor, bei uns zu bleiben.

Unsere Kinderbettchen, umgeben von Netzen, stehen nebeneinander, so daß wir am Morgen eines zum anderen hinüberkriechen können, ohne den Fuß auf den Boden zu setzen. Nicht weit davon steht das Bett der Njanja, auf welchem sich ein ganzer Berg von Daunenkissen erhebt. Das ist der Stolz der Njanja. Manchmal, während des Tages, wenn sie guter Laune ist, gestattet sie, daß wir uns auf ihrem Bett herumwälzen. Wir klettern mit Hilfe des Stuhles hinauf, aber kaum haben wir die höchste Spitze erreicht, fällt der Berg auch schon unter uns zusammen, und wir versinken in einem Meer von Daunen. Das unterhält uns sehr.

Ich brauche nur an unsere Kinderstube zu denken, so spüre ich sofort in unvermeidlicher Ideenassoziation einen sonderbaren Geruch – ein Gemisch von Weihrauch, Leinöl, Balsam und Talgkerzendunst. Lange habe ich diesen eigenartigen Geruch nicht mehr wahrgenommen, ich glaube, daß man ihn jetzt nicht nur im Ausland, sondern auch in Petersburg oder Moskau selten findet; da besuchte ich aber vor ungefähr zwei Jahren meine Bekannten auf dem Lande, und als ich ihre Kinderstube betrat, schlug mir sofort der alte Geruch entgegen und weckte in mir eine ganze Reihe längst vergessener Gefühle und Erinnerungen.

Die Gouvernante kann in unsere Kinderstube nicht treten, ohne voll Ekel das Taschentuch an die Nase zu führen. »Aber öffnen Sie doch das kleine Fenster!« fleht sie in gebrochenem Russisch die Njanja an.

Die Kinderfrau betrachtet diese Bemerkung als eine persönliche Beleidigung. »Da sieh' mal, was die Ungläubige ausgeheckt hat! Ich werde das Fensterchen öffnen, damit sich die herrschaftlichen Kinder erkälten!« brummt sie, während die Gouvernante hinausgeht.

Ihre Scharmützel mit der Erzieherin wiederholen sich jeden Morgen in schöner Regelmäßigkeit.

Die liebe Sonne blickt schon längst in unsere Kinderstube. Wir öffnen, eines nach dem andern, die Äuglein, beeilen uns aber keineswegs, aufzustehen und uns anzukleiden. Zwischen dem Augenblick des Erwachens und dem, da wir uns anziehen müssen, vergeht noch eine lange Zeit mit Herumbalgen, Kissenwerfen, in die nackten Beine zwicken, Unsinn schwätzen.

Im Zimmer verbreitet sich ein appetitlicher Kaffeegeruch; die Njanja selbst, erst halb angekleidet, vertauscht bloß die Nachthaube mit dem Seidentuch, welches sie tagsüber zu tragen pflegt, bringt das Servierbrett mit der großen kupfernen Kaffeekanne und wartet uns, die wir ungekämmt in den Bettchen liegen, mit Sahne, Kaffee und Butterbrötchen auf. Manchmal schlafen wir, vom vorhergegangenen Herumbalgen ermüdet, nach diesem Frühstück wieder ein.

Aber da öffnet sich geräuschvoll die Tür der Kinderstube, und auf der Schwelle erscheint die erzürnte Gouvernante. »Comment! Vous êtes encore au lit, Annette! Il est onze heures. Vous êtes de nouveau en retard pour votre leçon!« ruft sie empört.

»So lange dürfen die Kinder nicht schlafen, ich werden mich beklagen beim General«, wendet sie sich an die Njanja.

»Nu lauf' beklage dich, du Schlange!« brummt die Njanja ihr nach und kann sich noch lange nach ihrem Fortgehen nicht beruhigen und brummt weiter:

»Selbst Herrschaftskinder darf man nicht ausschlafen lassen! Deine Stunde versäumt! Ein großes Unglück das! Du wirst auch warten können, wichtigtuerische Person, du!«

Ungeachtet des Brummens hält es die Njanja nun für angezeigt, sich ernstlich an unsere Toilette zu machen, und das muß man zugeben – wenn auch die Vorbereitung sich verzögert, so geht dafür das Ankleiden selbst sehr rasch vor sich. Die Kinderfrau wäscht uns mit einem feuchten Handtuch Gesicht und Hände, fährt mit dem Kamm ein-, zweimal durch unsere zerzausten Mähnen, streift uns die Kleidchen über, an denen nicht selten einige Knöpfe fehlen – und fertig sind wir.

Die Schwester begibt sich zur Lektion, ich und der Bruder bleiben in der Kinderstube.

Die Njanja läßt sich durch unsere Gegenwart nicht stören, wirbelt beim Kehren ganze Staubwolken vom Boden auf, deckt unsere Bettchen zu, schüttelt ihre eigenen Kissen und dann heißt das: das Kinderzimmer ist für den ganzen Tag in Ordnung gebracht.

Ich sitze mit dem Bruder auf dem Lederdivan, an dem stellenweise der Bezug weggerissen ist und das Roßhaar in großen Büscheln hervorquillt, und wir beschäftigen uns mit unserem Spielzeug. Man führt uns nur selten spazieren, nur bei schönem Wetter oder an großen Festtagen, wenn die Kinderfrau mit uns in die Kirche geht.

Wenn die Lektion zu Ende ist, eilt die Schwester sofort wieder zu uns, bei der Gouvernante ist es ihr langweilig, bei uns ist es lustiger, umsomehr als zur Njanja oft Gäste kommen, andere Kinderfrauen oder ein Stubenmädchen, denen sie mit Kaffee aufwartet und von denen man viel Interessantes erfahren kann.

Manchmal wirft die Mutter einen Blick in unsere Stube. Wenn ich mich der Mutter aus dieser ersten Zeit meiner Kindheit erinnere, erscheint sie mir immer als eine ganz junge, wunderschöne Frau, fröhlich und geschmückt. Am häufigsten erinnere ich mich ihrer im Ballkleid, dekolletiert, mit entblößten Armen und einigen Armbändern und Ringen. Sie ist im Begriff, irgendwohin zu gehen, zu einer Soiree, und kommt, um sich von uns zu verabschieden.

Kaum zeigt sie sich in der Tür der Kinderstube, läuft Anjuta sofort auf sie zu, beginnt ihr Hände und Hals zu küssen und alle ihre goldenen Ringe zu betrachten und betasten. »Ich werde auch so schön sein wie Mama, wenn ich erwachsen bin!« sagt sie, indem sie Mamas Schmuck anlegt und sich auf die Fußspitzen stellt, um sich in dem kleinen Spiegel, der an der Wand hängt, zu bewundern. Das unterhält Mama sehr.

Auch ich habe manchmal das Verlangen, mich an die Mutter zu schmiegen, auf ihren Schoß zu klettern; aber diese Versuche enden immer damit, daß ich ungeschickterweise der Mutter bald weh tue, bald das Kleid zerreiße, und dann laufe ich beschämt davon und verstecke mich in einem Winkel. Deshalb entwickelte sich in mir eine gewisse Scheu in dem Verhältnis zur Mutter, und sie wurde dadurch noch größer, daß ich oft Gelegenheit hatte, von der Kinderfrau zu hören, Anjuta und Fedja seien Mamas Lieblinge, ich aber werde nicht geliebt.

Ich weiß nicht, ob es sich wirklich so verhielt, aber die Njanja wiederholte das oft, ohne sich durch meine Anwesenheit daran hindern zu lassen. Vielleicht schien ihr dies bloß deshalb so, weil sie selbst mich viel lieber hatte als die anderen Kinder. Obgleich sie uns alle in gleicher Weise großzog, behandelte sie mich als ihren besonderen Schützling, und deshalb fühlte sie sich wegen jeder ihrer Ansicht nach mir zugefügten Kränkung für mich verletzt.

Anjuta, als die bedeutend ältere, erfreute sich selbstverständlich im Vergleiche zu uns großer Vorrechte. Sie wuchs wie ein freier Kosak auf und erkannte niemanden als Autorität über sich an. Ihr war der freie Zutritt in den Salon offen, sie erwarb sich schon im Kindesalter den Ruf eines entzückenden Geschöpfes und gewöhnte sich daran, die Gäste mit ihren Witzen, manchmal mit sehr groben Spaßen und naseweisen Bemerkungen zu unterhalten. Der Bruder und ich durften uns nur bei besonderen Anlässen zeigen; gewöhnlich nahmen wir das Frühstück und Mittagsmahl in der Kinderstube ein.

Manchmal, wenn bei uns Gäste zu Mittag waren, kam, wenn das Dessert aufgetragen wurde, Mamas Stubenmädchen Nastasja ins Kinderzimmer gelaufen.

»Njanjuschka, schnell, ziehen Sie Fedjenka das blaue Seidenhemdchen an und bringen Sie ihn ins Speisezimmer! Die gnädige Frau will ihn den Gästen zeigen«, sagte sie.

»Befahl man auch Sonjitschka anzuziehen?« fragte die Njanja mit erzürnter Stimme, als wußte sie schon im voraus die Antwort.

»Sonjitschka? Nicht nötig! Sie wird im Kinderzimmer bleiben! Sie ist unsere Stubenhockerin!« antwortete das Mädchen lachend und wohl wissend, wie sehr diese Antwort Njanjuschka erzürnen würde.

Und in der Tat sieht die Njanja in diesem Wunsch, den Gästen bloß Fedjenka zu zeigen, eine grausame Kränkung für mich und geht dann lange böse umher, brummt etwas, sieht mich mit einem mitleidigen Blick an und sagt, indem sie mir liebevoll über die Haare streicht: »Du mein Armes!«

Es ist Abend. Die Njanja hat mich und den Bruder schon zu Bett gebracht, aber sie selbst hat das seidene Kopftuch noch nicht abgenommen, was bei ihr den Übergang vom Tag zur Ruhe bedeuten würde. Sie sitzt auf dem Divan vor dem runden Tisch und trinkt in Gesellschaft Nastasjas noch ein Täßchen Tee.

Nur die trübe Flamme der blakenden Talgkerze, welche die Njanja lange zu putzen vergaß, tritt wie ein gelber Fleck aus der Dunkelheit hervor, und in dem gegenüberliegenden Winkel des Zimmers wirft das blau flimmernde Licht der kleinen Lampe vor dem Heiligenbild auf der Decke seltsame Schatten und beleuchtet in hellen Umrissen die segnende Hand des Erlösers.

Dicht neben mir höre ich das gleichmäßige Atmen meines schlafenden Bruders, und aus dem Winkel hinter dem Ofen vernimmt man das schwere Schnaufen unseres Dienstmädchens, der stumpfnasigen Fekluscha, die der ständige Sündenbock der Njanja ist. Sie schläft hier in der Kinderstube auf der Diele, auf einem Stück grauen Filz, das sie am Abend ausbreitet und am Tage in der kleinen Rumpelkammer aufbewahrt.

Die Njanja und Nastasja besprechen mit halblauter Stimme, in dem Glauben, daß wir fest schlafen, ungeniert alle häuslichen Ereignisse. Ich schlafe aber nicht, im Gegenteil, ich höre aufmerksam zu, was sie sagen. Vieles verstehe ich natürlich nicht, manches erscheint mir nicht interessant genug; es kommt sogar vor, daß ich inmitten einer Geschichte einschlafe, ohne das Ende gehört zu haben. Aber aus den Abrissen ihrer Gespräche, die zu meinem Bewußtsein gelangen, gestalten sich phantastische Bilder und lassen unauslöschliche Spuren für das ganze Leben zurück.

»Nu, wie soll ich sie denn nicht lieb haben, lieber als die anderen Kinder«, höre ich die Njanja sagen und merke, daß von mir die Rede ist. »Hab' ich sie doch fast allein aufgezogen. Die anderen haben sich gar nicht um sie gekümmert. Als Anjutitschka uns geboren wurde, konnten sich Väterchen und Mütterchen und Großväterchen und die Tantchen an ihr nicht satt sehen, weil sie das Erstgeborene war. Man ließ mir manchmal gar nicht die Zeit, sie richtig zu warten; jeden Augenblick nimmt sie mir bald der eine, bald der andere ab! Nun, mit Sonjitschka war die Sache anders.«

Bei dieser Stelle der Erzählung, die sich sehr oft wiederholte, senkte die Njanja immer geheimnisvoll die Stimme, was mich selbstverständlich noch mehr die Ohren spitzen ließ.

»Sie ist nicht zur gelegenen Zeit geboren, mein Täubchen, das ist es!« sagt die Njanja halb flüsternd. »Unser Herr hat, glaube ich, am Vorabend ihrer Geburt im englischen Klub viel verspielt . . . es kam bis dahin, daß man die Brillanten der Gnädigen verpfänden mußte! Nu, konnte man sich da über die Geburt einer Tochter freuen? Ja, und außerdem haben sowohl der gnädige Herr wie die gnädige Frau durchaus ein Söhnchen haben wollen. Die gnädige Frau hat immer zu mir gesagt: »Na, wirst schon sehen, Njanja, es wird ein Bub!« Sie haben auch alles vorbereitet für einen Jungen – ein Kruzifix und ein Häubchen mit blauen Bändchen. Indes war's keiner, da hast du es! Wieder ein Mädchen! Die Gnädige hat sich darüber so sehr gegrämt, daß sie es gar nicht ansehen wollte; aber Fedjenka hat beide dann getröstet.«

Diese Erzählung der Njanja wiederholte sich sehr oft, und doch hörte ich sie jedesmal mit derselben Neugierde an, so daß sie sich tief in mein Gedächtnis eingegraben hat. Dank dieser Gespräche nistete sich in mir frühzeitig die Überzeugung ein, daß ich nicht zu den Lieblingen gehörte, und das wirkte auf meinen Charakter zurück, es entwickelten sich bei mir immer mehr und mehr Scheu und Verschlossenheit.

Man brachte mich mitunter in den Salon – ich stehe da, mache ein mürrisches Gesicht, fasse mit beiden Händen nach dem Kleide der Njanja, man kann kein Wort aus mir herausbringen. Wie die Njanja mir auch zureden mag, ich schweige hartnäckig und sehe wie ein gehetztes Tierchen alle tückisch, ängstlich und böse an, bis die Mutter endlich ärgerlich sagt: »Nu, Njanja, bringen Sie Ihren Wildfang in die Kinderstube zurück! Man muß sich ja vor den Gästen schämen! Sie hat wohl ihr Zünglein verschluckt!«

Unter anderen Kindern, die ich selten zu sehen bekam, war ich ebenfalls sehr scheu. Wenn ich auf Spaziergängen mit der Njanja manchmal Kinder auf der Straße lärmend spielen sah, empfand ich Neid und den Wunsch, mich zu ihnen zu gesellen. Allein die Njanja erlaubte es mir nie. »Was? Du, Mütterchen? Wie darfst du, ein Fräulein, mit gewöhnlichen Kindern spielen!« sagte sie in so verweisendem und überzeugtem Ton, daß ich – ich entsinne mich dessen ganz genau – mich sofort meines Wunsches schämte. Im übrigen vergingen mir bald Lust und Sinn, mit anderen Kindern zu spielen: wenn mitunter ein Mädchen meines Alters mich besuchte, wußte ich niemals, wovon ich mit ihr sprechen sollte, und stand da und dachte bloß: »Wird sie denn nicht bald fortgehen?«

Am glücklichsten fühlte ich mich, wenn ich mit meiner Njanja allein blieb. An den Abenden, wenn Fedja bereits zu Bett gebracht war und Anjuta in den Salon zu den Gästen lief, setzte ich mich zur Njanja auf den Divan, schmiegte mich ganz eng an sie, und dann erzählte sie mir Märchen. Welche tiefe Spuren diese Märchen in meiner Phantasie zurückließen, schließe ich daraus, daß ich mich in wachem Zustande ihrer nur schwach zu erinnern vermag, jedoch jetzt noch manchmal vom »schwarzen Tod«, dem »Werwolf«, der »zwölfköpfigen Schlange« träume, und sie rufen in mir stets denselben atembeklemmenden Schreck hervor, den ich mit fünf Jahren empfand, als ich den Märchen der Njanja lauschte.

Zu dieser Zeit meines Lebens ging mit mir etwas Seltsames vor. Manchmal überkam mich das Gefühl einer unerklärlichen Bangigkeit. Ich erinnere mich lebhaft dieses Gefühls. Es stellte sich gewöhnlich ein, wenn ich bei Eintritt der Dämmerung allein im Zimmer blieb. Wenn ich dann, wie es vorkam, während des Spielens plötzlich aufblickte, gewahrte ich einen schwarzen Schatten unter dem Bett oder sah ihn aus irgendeinem Winkel hervorkriechen; mir war dann, als hätte sich etwas Fremdes eingeschlichen, und diese Anwesenheit eines Neuen, Unbekannten begann mir so das Herz zu beklemmen, daß ich schnell die Njanja suchen lief, deren persönliche Nähe mich zu beruhigen imstande war. Diese quälende Empfindung konnte allerdings mehrere Stunden währen.

Ich glaube, viele nervöse Kinder empfinden Ähnliches. In solchen Fällen sagt man gewöhnlich, das Kind fürchte sich im Finstern; allein dies ist ganz falsch. Erstens ist diese komplizierte Empfindung viel eher der Bangigkeit als der Furcht ähnlich; zweitens wird dieselbe nicht durch die Finsternis selbst oder irgendwelche mit ihr zusammenhängende Vorstellungen hervorgerufen, sondern gerade durch das Vorempfinden des Hereinbrechens der Finsternis. Ich kann mich auch erinnern, daß ein ähnliches Gefühl mich in der Kinderzeit unter ganz anderen Umständen erfaßte, zum Beispiel wenn ich bei Spaziergängen plötzlich ein großes, im Bau befindliches Haus mit kahlen Ziegelmauern und leeren Fensterhöhlen vor mir sah. Ich empfand es auch im Sommer, wenn ich mich auf den Rücken ins Gras legte und nach oben in den wolkenlosen Himmel blickte. Es zeigten sich allmählich noch andere Symptome übergroßer Nervosität, zum Beispiel ein bis zum Erschrecken gehender Abscheu vor jeder physischen Abnormität. Wurde in meiner Gegenwart von einem Hühnchen mit zwei Köpfen oder einem Kalb mit drei Hufen erzählt, so zitterte ich am ganzen Körper und sah dann in der darauffolgenden Nacht die Mißgeburten im Traume und weckte die Njanja mit einem durchdringenden Schrei. Ich entsinne mich noch jetzt des Menschen mit drei Füßen, der mich während meiner ganzen Kindheit im Traum verfolgte.

Selbst der Anblick einer zerbrochenen Puppe setzte mich in Schrecken; ließ ich meine Puppe einmal fallen, mußte die Njanja sie aufheben und mir sagen, ob ihr Kopf heil geblieben; war dies nicht der Fall, so mußte die Njanja sie fortschaffen, ohne sie mir zu zeigen. Ich erinnere mich jetzt noch folgenden Falles: als Anjuta mich einmal allein traf und mich damit neckte, daß sie mir eine Wachspuppe, an welcher die herausgefallenen schwarzen Augen baumelten, ins Gesicht steckte, bekam ich Krämpfe.

Ich war überhaupt auf dem Wege, ein nervöses, kränkliches Kind zu werden, allein bald darauf kam ich in eine andere Umgebung, und alles das nahm ein Ende.

 

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