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Jugenderinnerungen

Sofja Wassiljewna Kowalewskaja: Jugenderinnerungen - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeautobiography
authorSonja Kowalewski
titleJugenderinnerungen
publisherS. Fischer Verlag
printrun3. Auflage 7.-8. Tausend
editorMarianne Spiegel
year1968
isbn3100412109
translatorLouise Flachs-Fokschaneanu
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20090616
modified20170706
projectid57f4a4e7
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IX

Die Abreise der Gouvernante.
Die ersten literarischen Versuche Anjutas.

Seit dem frühen Morgen steht im Vorzimmer ein großer, altmodischer, mit Leinwand sorgfältig überzogener und gut verschnürter Koffer; an ihm hängt ein ganzes Sortiment kleiner Kartons, Körbchen, Säckchen und Bündel, ohne die eine alte Jungfer keine Reise antritt. Der altersschwache Tarantaß mit einem Dreigespann in einfachstem Geschirr, das der Kutscher Jakow immer verwendet, wenn eine weite Reise zu machen ist, wartet schon vor der Freitreppe. Die Dienstmädchen laufen hin und her, allerhand Kleinigkeiten geschäftig bringend und wegtragend; Papas Kammerdiener Ilja aber steht unbeweglich, an den Türpfosten gelehnt, und drückt durch seine ganze nachlässige Haltung aus, daß die bevorstehende Abreise gar nicht so wichtig sei und es sich nicht verlohne, deswegen im Hause so viel Aufhebens zu machen.

Nach altem Brauch fordert der Vater alle auf, vor der Abreise sich noch einmal zu setzen; die Herrschaft nimmt die vorderen Plätze ein, und etwas weiter nach hinten drängt sich das Gesinde, das sich ehrerbietig auf den Rand der Stühle setzt. Einige Minuten vergehen in andächtigem Schweigen, während welcher Zeit die Seele unwillkürlich von einem Gefühl nervöser Schwermut erfaßt wird, die jede Trennung und Abreise unvermeidlich hervorruft. Nun gibt der Vater das Zeichen zum Aufbruch; er bekreuzigt sich vor dem Heiligenbild, die übrigen folgen seinem Beispiel und hierauf beginnen die Umarmungen unter Tränen.

Ich sah jetzt meine Gouvernante an, die ein dunkles Reisekleid trug und in ein weiches Tuch gehüllt war, und auf einmal erschien sie mir anders als bisher. Sie kam mir plötzlich gealtert vor: ihre volle energische Gestalt war wie gebrochen; ihre »blitzeschleudernden« Augen, wie wir sie heimlich scherzweise nannten, denen nie einer meiner Verstöße entging, waren jetzt rot, verschwollen und voll Tränen; ihre Lippen zuckten krampfhaft. Zum ersten Mal hatte ich Mitleid mit ihr. Sie umarmte mich lange, mit einem Ausbruch von Zärtlichkeit, die ich bei ihr nie vermutet hätte. »Vergiß mich nicht und schreibe mir! Es ist keine Kleinigkeit, sich von einem Kind zu trennen, das man seit seinem fünften Lebensjahr erzogen hat!« sagte sie schluchzend.

Auch ich falle ihr um den Hals und beginne verzweifelt zu weinen. Mich ergreift eine trostlose Schwermut, der Gedanke an einen unwiederbringlichen Verlust, als ob mit ihrer Abreise unsere Familie zerfallen würde. Und dazu kam noch das Bewußtsein meiner eigenen Schuld. Ich schäme mich so entsetzlich, wenn ich mich erinnere, wie ich all die letzten Tage, sogar noch an diesem Morgen, im Geheimen jubelte bei dem Gedanken an ihre Abreise und an die bevorstehende Freiheit.

»So habe ich denn erreicht, was ich wollte, da reist sie wirklich fort, und wir bleiben allein!« Und in diesem Augenblick tat es mir um sie so leid, daß ich Gott weiß was darum gegeben hätte, sie zurückhalten zu können. Ich klammere mich an sie und glaube, mich von ihr nicht trennen zu können.

»Es ist Zeit zu fahren, wenn man die Stadt noch bei Tageslicht erreichen will!« sagt jemand. Alle Sachen sind schon im Wagen verstaut. Auch die Gouvernante hat bereits Platz genommen. Noch eine lange, zärtliche Umarmung.

»Fräulein, geben Sie acht, geraten Sie nicht unter die Pferde!« schreit jemand und der Wagen setzt sich in Bewegung.

Ich laufe hinauf in das Eckzimmer, von dessen Fenster man den Blick hat auf die ganze, lange, eine Werst sichtbare Birkenallee, die vom Hause auf die große Landstraße führt, und drücke das Gesicht an die Scheibe. Solange man den Wagen sieht, kann ich mich vom Fenster nicht losreißen, und das Gefühl meiner eigenen Schuld wird immer stärker. Mein Gott! Wie leid mir jetzt die fortreisende Gouvernante tut! Alle unsere Auseinandersetzungen – und es gab deren sehr viele in der letzten Zeit – erscheinen mir jetzt in ganz anderem Licht.

»Sie liebte mich. Sie wäre geblieben, wenn sie gewußt hätte, wie viel sie mir bedeutet. Jetzt liebt mich niemand, niemand mehr!« dachte ich in später Reue, und mein Schluchzen wurde immer lauter.

»Wegen Margareta grämst du dich so sehr?« ruft mir der Bruder Fedja im Vorbeilaufen zu. Aus seiner Stimme hört man deutlich Verwunderung und Spott heraus.

»Laß sie in Ruhe, Fedja, das macht ihr Ehre, so anhänglich zu sein«, höre ich die belehrende Stimme der alten Tante, die wir Kinder nicht liebten, weil wir sie für falsch hielten.

Der Spott des Bruders wirkte ebenso unangenehm auf mich wie das süßliche Lob der Tante. Ich konnte es schon seit der Kindheit nicht vertragen, wenn mich Leute in meinem Leid ohne ehrliche Anteilnahme zu trösten versuchten. Deshalb stieß ich zornig die Hand, welche die Tante in scheinbarer Zärtlichkeit auf meine Schulter gelegt, weg und erwiderte erbost: »Weder gräme ich mich, noch bin ich anhänglich!« und lief schnell in mein Zimmer.

Beim Anblick des leeren Arbeitszimmers hätte mich beinahe wieder die Verzweiflung übermannt. Allein der Gedanke, daß mich jetzt niemand stören wird, mit meiner Schwester so oft es mir beliebt beisammen zu sein, tröstete mich ein wenig. Ich beschloß sofort, zu ihr zu gehen und nachzusehen, was sie wohl macht.

Anjuta geht im großen Saal auf und ab, wie immer, wenn sie etwas Besonderes beschäftigt oder ihr irgend etwas Sorge macht. Sie ist zerstreut, die leuchtenden grünen Augen erscheinen ganz durchsichtig und bemerken nicht, was ringsherum vorgeht. Ohne es zu wissen, paßt sie ihre Schritte ihren Gedanken an – sind diese traurig, geht sie langsamer, beleben sie sich, dann werden die Schritte schneller und schneller, so daß sie schließlich hin und her zu laufen beginnt. Alle im Hause kennen diese Gewohnheit und ziehen sie damit auf. Ich habe sie oft heimlich beobachtet, wenn sie so umherging, und hätte zu gern gewußt, woran Anjuta denkt.

Wiewohl ich aus Erfahrung weiß, daß in solchen Augenblicken nichts aus ihr herauszubekommen war, verliere ich denn doch die Geduld, als ich sehe, daß ihr Spaziergang gar kein Ende nimmt, und mache einen Versuch zu sprechen.

»Anjuta, mir ist so langweilig! Gib mir eines deiner Bücher zum Lesen!« sage ich mit flehender Stimme. Aber Anjuta setzt ihren Spaziergang fort, als ob sie nichts gehört hätte.

Abermals einige Minuten Schweigen. »Anjuta, woran denkst du?« entschließe ich mich endlich, zu fragen.

»Ach, geh doch, ich bitte dich! Bist noch zu klein, als daß man dir alles sagen könnte!« lautet die verächtliche Antwort.

Jetzt bin ich die Beleidigte. »So bist du . . . du willst nicht einmal mit mir sprechen! Margareta ist jetzt fort, und ich glaubte, wir werden so freundschaftlich zusammen leben, und nun jagst du mich fort! Gut, ich gehe, aber lieben werde ich dich gar nicht, gar nicht!«

Ich war dem Weinen nahe und wollte gerade gehen, da rief mich die Schwester zu sich. Im Grunde brannte sie selbst vor Verlangen, irgend jemandem von alldem zu erzählen, was sie so sehr in Anspruch nahm, und da sie mit niemandem im Hause darüber sprechen konnte und sie kein besseres Publikum hatte, war auch die zwölfjährige Schwester gut genug.

»Hör' einmal!« sagte sie, »wenn du versprichst, daß du keinem, niemals, unter gar keinen Umständen etwas ausplaudern wirst, so vertraue ich dir ein sehr großes Geheimnis an.«

Meine Tränen versiegten im Augenblick, und der Zorn verging, als wäre er nie gewesen. Ich schwur selbstverständlich, daß ich schweigen werde wie ein Fisch, und erwartete mit Ungeduld, was sie mir sagen würde.

»Gehen wir in mein Zimmer«, sagte sie feierlich. »Ich werde dir etwas zeigen, was du sicherlich nicht erwartet hättest.«

Und da führt sie mich in ihr Gemach, zu ihrem alten Schreibtisch, in dem – ich weiß es – ihre heiligsten Geheimnisse aufbewahrt sind. Ohne sich zu beeilen, langsam, um die Neugier zu erhöhen, öffnet sie eine der Schubladen und zieht aus ihr ein großes Couvert, das mit einem roten Siegel mit der Aufschrift »Epoche« versehen ist. Auf dem Couvert die Adresse: Donna Nikitischna Kusmin. (Das war der Name unserer Wirtschafterin, die meiner Schwester mit ganzer Seele ergeben ist und für sie durchs Feuer gegangen wäre.) Aus diesem Couvert zieht die Schwester ein anderes, kleineres heraus mit der Aufschrift: »Zur Übergabe an Anna Wassiliewna Korwin-Krukowski«, und endlich gibt sie mir einen Brief mit großen, männlichen Schriftzügen.

Ich habe den Brief in diesem Augenblick nicht bei mir, allein ich habe ihn in meiner Jugend so oft gelesen und wieder gelesen, und er hat sich meinem Gedächtnis so sehr eingeprägt, daß ich ihn beinahe Wort für Wort wiedergeben kann.

»Verehrte Anna Wassiliewna!

Ihr Brief voll von einem so lieben und freundlichen Vertrauen zu mir hat in mir ein solches Interesse erweckt, daß ich mich unverzüglich an das Lesen Ihrer eingesandten Erzählung machte.

Ich gestehe Ihnen, ich begann nicht ohne geheime Furcht zu lesen; uns Redakteuren von Zeitschriften ist so oft die traurige Pflicht auferlegt, junge Schriftsteller, die uns ihre ersten literarischen Versuche zur Prüfung einsenden, zu enttäuschen. In Ihrem Falle wäre mir dies sehr schmerzlich gewesen. Aber während ich las, verschwand meine Furcht, und ich gab mich mehr und mehr dem Zauber jener jugendlichen Unmittelbarkeit, jener Aufrichtigkeit und Wärme des Gefühls hin, von denen Ihre Erzählung erfüllt ist. Eben diese Eigenschaften bestechen bei Ihnen so sehr, daß ich fürchte, ich befinde mich auch jetzt unter deren Einfluß, deshalb wage ich es noch nicht, kategorisch und unparteiisch auf die Frage, auf die Frage, die Sie mir stellen: ›ob sich mit der Zeit eine große Schriftstellerin aus mir entwickeln wird‹, zu antworten.

Eines kann ich Ihnen sagen: ich werde Ihre Erzählung mit großem Vergnügen in der nächsten Nummer meiner Zeitschrift veröffentlichen; was aber Ihre Frage betrifft, so rate ich Ihnen: schreiben und arbeiten Sie, das übrige wird die Zeit erweisen.

Ich möchte es Ihnen nicht verschweigen: es gibt in Ihrer Erzählung viel Unfertiges und allzu große Naivität, es gibt sogar, verzeihen Sie die Offenheit, Verstöße gegen die russische Grammatik. Aber alles das sind kleine Mängel, die Sie, wenn Sie sich Mühe geben, überwinden können; im allgemeinen ist der Eindruck sehr günstig.

Deshalb wiederhole ich, schreiben Sie, schreiben Sie! Ich werde mich aufrichtig freuen, wenn Sie mir etwas mehr über sich selbst mitteilten; wie alt Sie sind, in welcher Umgebung Sie leben. Das alles zu wissen, ist für die richtige Würdigung Ihres Talents von Wichtigkeit.

Ihr ergebener                    
Fedor Dostojewski.«

Ich las diesen Brief, und vor meinen Augen tanzten die Buchstaben vor Erstaunen. Der Name Dostojewski war mir nicht unbekannt; ich hatte ihn in der letzten Zeit oft in den Debatten zwischen Vater und Schwester bei Tische nennen hören. Ich wußte, daß er einer der hervorragendsten russischen Schriftsteller sei. Aber wie kommt er dazu, Anjuta zu schreiben, und was hat das alles nur zu bedeuten? Einen Augenblick dachte ich, daß mich die Schwester zum besten halte, um dann über meine Leichtgläubigkeit zu lachen.

Als ich den Brief zu Ende gelesen, sah ich die Schwester schweigend an und wußte nicht, was ich sagen sollte. Anjuta ergötzte sich augenscheinlich an meiner Verwunderung.

»Verstehst du das, verstehst du!« rief sie endlich mit freudig erregter Stimme. »Ich habe eine Erzählung geschrieben, und ohne jemandem ein Wort zu sagen, schickte ich sie an Dostojewski. Und siehst du, er findet sie gut und wird sie in seiner Zeitschrift veröffentlichen. So haben sich auch meine geheimen Träume verwirklicht. Jetzt bin ich eine russische Schriftstellerin!« jubelte sie in ihrem nicht mehr zu bändigenden Entzücken.

Um zu verstehen, was für uns das Wort »Schriftstellerin« bedeutete, muß man bedenken, daß wir in einem ganz entlegenen Dorf lebten, fern von jedem noch so schwachen Verkehr mit der literarischen Welt. Zwar wurde in unserer Familie viel gelesen, und man bestellte auch viele neue Bücher; aber jedes Buch, jedes gedruckte Wort betrachteten wir, nicht nur wir, sondern unsere ganze Umgebung wie einen Boten aus einer fernen, unsichtbaren, fremden Welt, die mit uns nichts Gemeinsames hat. So seltsam dies auch klingen mag, weder die Schwester noch ich hatten jemals einen Menschen gesehen, der auch nur eine Zeile veröffentlicht hätte. Es gab zwar in unserer Kreisstadt einen Lehrer, von dem plötzlich das Gerücht ging, er schreibe hie und da Berichte über unseren Kreis, und ich erinnere mich, mit welch ehrerbietiger Furcht ihm alle begegneten, bis man endlich entdeckte, daß diese Berichte nicht von ihm, sondern – von einem durchreisenden Journalisten aus Petersburg verfaßt worden waren.

Und da mit einemmal ist meine Schwester – Schriftstellerin! Ich fand keine Worte, ihr mein Entzücken und mein Erstaunen auszudrücken; ich warf mich an ihren Hals, und wir hielten uns lange umschlungen, lachten vor Freude und schwatzten allerhand Unsinn.

Keinem von den übrigen Hausgenossen wollte die Schwester von ihrem Triumph erzählen; sie wußte, daß alle, sogar die Mutter, erschrecken und alles dem Vater mitteilen würden. In den Augen des Vaters aber würde das Vorgehen, ohne zu fragen, an Dostojewski zu schreiben und sich seiner Kritik und vielleicht seinem Gespött hinzugeben, als ein furchtbares Verbrechen erschienen sein.

Mein armer Vater! Er verabscheute weibliche Schriftsteller und sagte jedem von ihnen einen lockeren Lebenswandel nach, der mit der Literatur gar nichts Gemeinschaftliches habe. Und ihm war es beschieden, der Vater einer Schriftstellerin zu sein.

Persönlich kannte mein Vater nur eine einzige dieser schreibenden Frauen, die Gräfin Rostoptschin. Er sah sie in Moskau zu der Zeit, da sie als glänzende Schönheit galt, für welche die ganze damalige Jeunesse dorée – auch mein Vater gehörte dazu – hoffnungslos seufzte. Viele Jahre später begegnete er ihr im Ausland wieder, ich glaube im Spielsaal von Baden-Baden.

»Ich sehe . . . und traue meinen Augen nicht«, erzählte der Vater oft, »die Gräfin tritt ein, gefolgt von einer Schar höchst verdächtiger Personen, eine verkommener und ordinärer als die andere. Alle schreien, lachen, schnattern und benehmen sich ihr gegenüber sehr vertraulich. Sie geht an den Spieltisch und schleudert ein Geldstück nach dem andern hin. In ihren Augen glüht es, das Gesicht ist gerötet, und der Chignon sitzt schief. Sie verspielte alles bis zum letzten Goldstück und schrie ihren Begleitern zu: ›Eh bien messieurs, je suis vidée! Rien ne va plus! Gehen wir den Schmerz in Champagner ertränken!‹ Dahin führt die Schriftstellerei eine Frau!«

Es ist daher begreiflich, daß die Schwester sich nicht beeilte, dem Vater von ihrem Erfolg zu berichten. Aber gerade das Geheimnisvolle, mit dem sie ihr Debüt auf der literarischen Bühne zu umgeben gezwungen war, verlieh allem einen besonderen Reiz. Ich erinnere mich, welches Entzücken es gab, als einige Wochen später das Heft der »Epoche« kam und wir auf dem Titel lasen: »Der Traum«, eine Erzählung von J. O-wa. (Jurij Orbjelowa war das von Anjuta gewählte Pseudonym, da sie unter ihrem eigenen Namen nichts veröffentlichen konnte.)

Anjuta hatte mir selbstverständlich schon längst ihre Erzählung aus der bei ihr aufbewahrten Abschrift vorgelesen. Jetzt aber erschien mir diese Erzählung auf den Seiten der gedruckten Zeitschrift ganz neu und wunderbar schön. Der Inhalt war folgender:

Die Heldin Liljenka lebt unter bejahrten Menschen, die das Leben hart mitgenommen hat und die sich in einen stillen Winkel zurückgezogen haben, um dort Ruhe und Vergessen zu finden. Sie bemühten sich, ihre Furcht vor dem Leben und seinen Stürmen auch Liljenka einzuflößen. Sie aber lockt und zieht es zu sich, dieses unbekannte Leben, von dem bis zu ihr nur ein schwacher Widerhall dringt, wie das ferne Rauschen des Meeres, das hinter den Bergen verborgen liegt. Sie glaubt daran, daß es einen Ort gibt:

»Wo die Menschen fröhlicher leben,
Die Spinne nicht sticht, bloß blüht das Leben.«

Aber wie soll sie zu solchen Menschen gelangen? Ohne es selbst zu bemerken, war Liljenka von den Vorurteilen ihrer Umgebung angesteckt worden. Fast unbewußt drängt sich ihr bei jedem Schritt die Frage auf: schickt es sich für eine Dame, so zu handeln, oder nicht? Sie möchte sich aus dieser engen Welt herausreißen, aber alles, was nicht comme il faut, was gewöhnlich ist, schreckt sie ab.

Auf einem Spaziergang durch die Stadt machte sie die Bekanntschaft eines jungen Studenten (selbstverständlich mußte der Held der damaligen Erzählungen ein Student sein). Dieser junge Mann machte einen tiefen Eindruck auf sie, aber sie verhielt sich wie eine wohlerzogene junge Dame und verriet nicht ihre Gefühle. Ihre Bekanntschaft beschränkte sich auf diese Begegnung.

In der ersten Zeit war Liljenka traurig, dann beruhigte sie sich, und nur, wenn ihr zufällig unter den verschiedenen »Andenken« ihres farblosen Lebens, von denen die Schubladen ihrer Kommode wie bei den meisten Mädchen vollgepfropft sind, eine Kleinigkeit in die Hände fiel, die sie an den harmlosen Abend erinnerte, schlug sie rasch die Kommode zu und ging den ganzen Tag unzufrieden und mürrisch umher.

Da träumt ihr einmal, der Student komme zu ihr und mache ihr Vorwürfe. Und vor Liljenka zieht im Traum eine Reihe von Bildern des rechtschaffenen und mühseligen Lebens mit einem geliebten Manne unter begabten Freunden vorbei, von Bildern eines vollen, warmen Lebens, des hellen, gegenwärtigen Glückes und reicher Zukunft. »Sieh und bereue! So wäre unser Leben gewesen!« sagt der Student und verschwindet.

Liljenka erwacht, und unter dem Eindruck dieses Traumes beschließt sie, sich nicht mehr darum zu kümmern, was sich für ein junges Mädchen schickt. Sie, die bisher niemals anders als von dem Dienstmädchen oder Diener begleitet ausging, verläßt jetzt heimlich das Haus, nimmt die erste Droschke, die ihr begegnet, und fährt in jene entlegenen Gassen der Armen, wo, wie sie weiß, ihr geliebter Student wohnt.

Nach vielem Suchen und allerhand Hindernissen findet sie endlich seine Wohnung, erfährt aber dort von seinem Zimmergenossen, daß der Ärmste einige Tage vorher am Typhus gestorben ist. Der Freund erzählt, wie schwer sein Leben war, welche Not er gelitten und wie er im Delirium, einige Male von einem Mädchen gesprochen hat. Zum Trost oder auch zum Vorwurf zitiert er der weinenden Liljenka die Verse Dobroljubows:

»Ich fürcht, es treibt wohl auch der Tod
Nur bittern Scherz mit meiner Not.
·   ·   ·   ·   ·   ·   ·   ·   ·   ·   ·   ·
Ich fürcht, was ich im Leben
So heiß ersehnet hab,
Wird lächelnd mir gegeben,
Wenn man mich senkt ins Grab.«

Liljenka kehrt nach Hause zurück. Keiner hat je erfahren, wo sie an diesem Tage gewesen ist. Sie ist nun davon überzeugt, daß sie ihr Glück verscherzt hat. Vergebens trauert sie um ihre dahingeschwundene Jugend, die ihr auch nicht eine einzige helle Erinnerung zurückgelassen, und stirbt.

Der erste Erfolg gab Anjuta viel Mut, und sie machte sich gleich an eine andere Erzählung, die sie innerhalb weniger Wochen vollendete. Diesmal war der Held ein junger Mann, Michail, der fern von seinen Angehörigen im Kloster unter der Aufsicht von Mönchen lebte.

Diese zweite Arbeit lobte Dostojewski viel mehr als die erste und fand sie reifer. Die Gestalt Michails hatte einige Ähnlichkeit mit Aljoscha aus den »Brüdern Karamasow«. Als ich diesen Roman einige Jahre später gleich nach seinem Erscheinen las, fiel mir diese Ähnlichkeit sofort auf, und ich sagte dies Dostojewski, mit dem ich damals sehr oft zusammentraf.

»Das könnte sein!« sagte Fedor Michailowitsch und schlug sich mit der Hand an die Stirn. »Allein, glauben Sie mir aufs Wort, als ich meinen Aljoscha ersann, hatte ich Michail völlig vergessen! Sollte er mir übrigens unbewußt vorgeschwebt haben!?« fügte er nachdenklich hinzu.

Die Veröffentlichung dieser Erzählung lief aber nicht so glücklich ab wie die der ersten. Es kam zu einer Katastrophe. Dostojewskis Brief fiel dem Vater in die Hände, und der Skandal war da.

Wieder einmal nahte der 5. September, der denkwürdige Tag in den Annalen unserer Familie. In gewohnter Weise versammelten sich bei uns zahlreiche Gäste. Gerade an diesem Tage erwartete man die Post, die bloß einmal wöchentlich zu uns kam. Gewöhnlich ging die Wirtschafterin, unter deren Namen Anjuta mit Fedor Michailowitsch korrespondierte, dem Briefträger entgegen und nahm ihm ihre Briefe ab, ehe er die Post zum Herrn brachte. Aber dieses Mal war sie wegen der Gäste beschäftigt; zum Unglück hatte der Briefträger, der immer die Postsendungen brachte, anläßlich des Namenstages der gnädigen Frau ein wenig getrunken, das heißt, er war total betrunken, und man hatte an seiner Statt einen Jungen geschickt, der die geheimen Abmachungen nicht kannte. So geriet das Säckchen mit den Briefen in Papas Arbeitszimmer, ohne daß sie vorher durchgesehen und aussortiert worden waren.

Dem Vater fiel sofort ein rekommandierter Brief mit der Adresse unserer Wirtschafterin und dem Stempel der Zeitschrift »Epoche« in die Augen. Was mochte nur dahinterstecken? Er hieß die Wirtschafterin kommen und zwang sie, den Brief in seiner Gegenwart zu öffnen. Man kann sich vorstellen oder richtiger gesagt, man kann sich nicht vorstellen, welche Szene folgte. Zum Unglück sandte Dostojewski in diesem Briefe gerade der Schwester das Honorar für die Erzählungen, etwas über dreihundert Rubel, soviel ich mich erinnere. Die Tatsache, daß die Schwester von einem unbekannten Manne heimlich Geld erhielt, erschien dem Vater so peinlich und verletzend, daß ihm unwohl wurde. Er hatte eine Herzkrankheit und litt überdies an Gallensteinen; die Ärzte meinten, jede Aufregung sei mit Gefahr für ihn verbunden und könne einen plötzlichen Tod herbeiführen; und die Möglichkeit einer solchen Katastrophe war der Schrecken unserer ganzen Familie. Sein Gesicht wurde bei jedem Ärger, den ihm die Kinder bereiteten, schwarz, und uns erfaßte dann immer die furchtbare Angst, seinen Tod zu verschulden. Und dann plötzlich dieser Schlag! Und gerade das ganze Haus voller Gäste!

Dieses Jahr war in unserer Kreisstadt ein Regiment stationiert. Zum Namensfest meiner Mutter war der Oberst mit allen Offizieren zu uns gekommen, und sie hatten als Überraschung die Regimentsmusik mitgebracht.

Das Festdiner war bereits seit drei Stunden vorbei. Oben im großen Saal hatte man alle Leuchter und Kandelaber angezündet, und die Gäste, die nach Tische geruht und sich für den Ball umgekleidet hatten, begannen sich zu versammeln. Die Offizierchen knöpften sich pustend und schnaufend die weißen Handschuhe zu; die ätherischen Damen in Tarlatan-Kleidern und großen Krinolinen, die damals modern waren, drehten und wendeten sich vor den Spiegeln. Anjuta, die sonst diese Gesellschaft von oben herab behandelte, war heute von dem glänzenden Fest, dem blendenden Licht und dem Bewußtsein, daß sie die schönste und eleganteste sei, wie berauscht. Sie vergaß ihre neue Würde als russische Schriftstellerin, vergaß, wie wenig diese roten, schwitzenden Offizierchen den idealen Menschen, von denen sie träumte, ähnlich waren, und ging zwischen ihnen hin und her, lächelte einem jeden zu und ergötzte sich an dem Bewußtsein, allen die Köpfe zu verdrehen.

Man wartete nur noch auf den Vater, um mit dem Tanz zu beginnen. Da trat der Diener ein, ging auf Mama zu und sagte: »Seine Excellenz ist unwohl. Bittet die gnädige Frau, sich zu ihm ins Arbeitszimmer zu bemühen.«

Alle waren bestürzt. Die Mutter stand eilig auf und verließ, die Schleppe ihres schweren Seidenkleides mit der Hand fassend, den Salon. Die Musikanten, die im Nebenzimmer auf das verabredete Zeichen zum Beginn der Quadrille harrten, erhielten den Befehl, noch zu warten.

Es verstrich eine halbe Stunde. Die Gäste wurden unruhig. Endlich kehrte die Mutter zurück. Ihr Gesicht war vor Aufregung gerötet, aber sie bemühte sich, gelassen zu erscheinen, und lächelte gezwungen.

Auf die besorgten Fragen der Gäste: »Was ist mit dem General?« erwiderte sie ausweichend – »Wassili Wassiliewitsch fühlt sich nicht ganz wohl und bittet um Entschuldigung! er bittet, den Tanz ohne ihn zu beginnen.«

Jeder bemerkte, daß etwas Besonderes vorgefallen sein müsse; allein aus Rücksicht sprach man nicht weiter darüber. Überdies wollten alle endlich tanzen, da sie sich einmal deswegen versammelt und in Putz geworfen hatten. Und so begann der Tanz.

Als Anjuta bei einer Quadrille-Figur an der Mutter vorbeikam, sah sie ängstlich zu ihr hinüber und las in ihren Augen, daß etwas Ernstes passiert war. Die Mutter benutzte eine Tanzpause, führte Anjuta beiseite und fragte sie vorwurfsvoll:

»Was hast du angerichtet? Alles ist entdeckt! Papa hat Dostojewskis Brief an dich gelesen, und vor Scham und Verzweiflung wäre er beinahe auf der Stelle gestorben!«

Anjuta wurde leichenblaß; aber Mama fuhr fort: »Ich bitte dich, beherrsche dich wenigstens jetzt! Bedenke, wir haben Gäste, welche alle gern über uns klatschen! Geh, tanze, als wäre nichts geschehen!«

Und so tanzten meine Mutter und meine Schwester tatsächlich bis zum frühen Morgen, obwohl sie sich in ständiger Angst vor dem Gewitter befanden, das über ihnen losbrechen würde, sobald die Gäste das Haus verlassen hätten.

Und in der Tat entlud sich ein fürchterliches Gewitter.

Ehe nicht alle fortgefahren waren, ließ der Vater niemand vor und blieb in seinem Zimmer eingeschlossen. In den Tanzpausen liefen die Mutter und die Schwester aus dem Saal und horchten an seiner Tür, wagten aber nicht einzutreten, sondern kehrten mit dem bangen Gedanken zu den Gästen zurück: »Wie geht's ihm jetzt? Ist's ihm nicht schlechter?«

Als es im Hause still geworden war, hieß der Vater Anjuta kommen. Was er ihr da alles gesagt hat! Einer seiner Aussprüche hat sich ihrem Gedächtnis besonders eingeprägt: »Bei einem Mädchen, das fähig ist, ohne Wissen von Vater und Mutter mit einem unbekannten Mann in Korrespondenz zu treten und von ihm Geld anzunehmen, kann man sich auf alles gefaßt machen! Jetzt verkaufst du deine Erzählungen und morgen vielleicht dich selbst!«

Der armen Anjuta wurde es bei diesen entsetzlichen Worten kalt. Sie wußte wohl im Innern, daß man sie ungerecht behandelte, aber der Vater hatte so sicher, mit dem Ton tiefster Überzeugung gesprochen; sein Gesicht war so vergrämt, und überdies galt seine Autorität noch immer bei ihr so sehr, daß der quälende Zweifel doch einen Augenblick in ihr aufstieg: habe ich mich vielleicht getäuscht? Habe ich vielleicht unbewußt doch etwas furchtbar Ungehöriges begangen?

Die folgenden Tage gingen wir alle, wie stets nach einer solchen Szene, wie begossene Pudel umher. Die Dienstleute brachten bald alles in Erfahrung. Papas Kammerdiener Ilja hatte nach seiner löblichen Gewohnheit das Gespräch des Vaters mit Anjuta belauscht und legte es sich auf seine eigene Weise aus. Die Nachricht von dem Vorgefallenen verbreitete sich in der ganzen Umgegend, selbstverständlich in übertriebener und entstellter Form, und lange Zeit noch wurde unter den Nachbarn bloß von dem »unglaublichen Betragen« des »Palibinskischen Fräuleins« gesprochen.

Nach und nach legte sich jedoch der Sturm. In unserer Familie vollzog sich ein Vorgang, der in russischen Familien oft vorkommt: die Kinder erziehen ihre Eltern um. Dieser Prozeß der Umerziehung begann mit der Mutter. Im ersten Augenblick hatte sie wie stets bei Zwistigkeiten zwischen den Kindern und dem Vater völlig seine Partei ergriffen. Sie grämte sich, daß der Vater krank wurde, und war empört: wie kann Anjuta den Vater so ärgern! Als sie aber sah, daß Ermahnungen nichts nutzten und Anjuta traurig umherging, tat es ihr auch um diese leid. Bald zeigte sich bei ihr die Neugierde, Anjutas Erzählung zu kennen, dann auch der heimliche Stolz, daß ihre Tochter eine Schriftstellerin sei. So ging ihre Sympathie langsam auf Anjutas Seite über, und der Vater fühlte sich ganz vereinsamt.

Im ersten Zorn hatte er der Tochter das Versprechen abgefordert, daß sie nie mehr schreiben werde; nur unter dieser Bedingung wolle er ihr verzeihen. Natürlich ließ sich Anjuta nicht dazu bewegen, ein solches Versprechen zu geben, und infolgedessen sprachen sie tagelang nicht miteinander, ja, die Schwester erschien nicht einmal bei Tische. Die Mutter lief begütigend zwischen beiden hin und her. Endlich gab der Vater nach. Sein erster Schritt zur Versöhnung war, daß er einwilligte, Anjutas Erzählung anzuhören.

Die Lesung ging sehr feierlich vor sich. Die Familie war vollzählig versammelt. Anjuta erfaßte die Bedeutung des Moments sehr wohl und las mit vor Aufregung bebender Stimme. Die Situation der Heldin, die Kluft zwischen ihr und der Familie, ihr Leiden unter dem Drucke des ihr auferlegten Zwanges – alles das paßte so sehr auf die Lage der Autorin selbst, daß es jedem unwillkürlich auffiel. Der Vater hörte schweigend zu, unterbrach die Vorlesung mit keinem Wort. Als aber Anjuta zu den letzten Seiten kam und, das Schluchzen mit Mühe verhaltend, vorlas, wie Liljenka sich um ihre Jugend härmt und stirbt, kamen ihm plötzlich große Tränen in die Augen. Er erhob sich, ohne ein Wort zu sagen, und ging aus dem Zimmer. Weder an diesem Abend noch an den folgenden Tagen sprach er mit Anjuta von ihrer Erzählung; er war zu ihr bloß merkwürdig weich und zärtlich, und alle begriffen, que sa cause était gagnée.

Seit jenem Tage begann in unserem Hause die Ära der Weichheit und der Nachsicht. Das erste Zeichen hierfür war, daß die Wirtschafterin, der der Vater im Zorn die Stelle gekündigt hatte, gnädige Verzeihung erhielt und in ihrem Amt verbleiben durfte.

Der zweite Beweis der Milde war noch verblüffender: der Vater gestattete Anjuta, an Dostojewski zu schreiben, unter der einen Bedingung, daß sie ihm den Brief vorher zeige, und er versprach ihr noch, daß sie bei der nächsten Reise nach Petersburg seine persönliche Bekanntschaft machen dürfe.

Wie bereits erwähnt, fuhren Mutter und Schwester fast jeden Winter nach Petersburg, wo es eine ganze Kolonie von unverheirateten Tanten gab. Sie bewohnten ein Haus auf der Wassili Ostrow und überließen der Mutter und Schwester zwei bis drei Zimmer. Der Vater blieb gewöhnlich auf dem Lande zurück, und mich ließ man zuhause unter der Fürsorge der Gouvernante. Aber diesmal beschloß die Mutter zu meiner unbeschreiblichen Freude, mich auch mitzunehmen, da die Engländerin abgereist war und die neue Gouvernante, eine Schweizerin, noch nicht in genügendem Maß ihr Vertrauen besaß.

Wir reisten im Januar ab, um guten Schnee zu haben. Eine Reise nach Petersburg war keine leichte Sache. Man mußte sechzig Werst auf Landstraßen mit eigenen Pferden fahren; dann zweihundert Werst auf der Reichsstraße mit Postpferden und schließlich etwa vierundzwanzig Stunden auf der Eisenbahn.

Wir reisten in einem großen, geschlossenen Wagen, an dem man Schlittenkufen befestigt hatte. In diesem mit sechs Pferden bespannten Fahrzeug nahmen die Mutter, Anjuta und ich Platz, voran fuhr die Troika mit der Kammerzofe und dem Gepäck; so vernahmen wir während der ganzen Fahrt das tönende Schellengeklingel, bald sich nähernd, bald sich entfernend, bald ganz ersterbend, dann wieder plötzlich neben uns, mit uns reisend und uns in den Schlaf singend.

Und wieviel für die Reise vorbereitet worden war! In der Küche hatte man so viele schmackhafte Gerichte gebraten und gebacken, daß sie, glaube ich, für eine Expedition hingereicht hätten. Unseren Koch rühmte man im ganzen Umkreis, er war ein Meister im Teigausrollen, und niemals setzte er soviel Mühe an die Sache, als wenn er den Herrschaften mürbes Buttergebäck für die Reise bereitete.

Und welch herrliche Fahrt das war! Die ersten sechzig Werst ging es durch dichten Fichtenwald, nur hie und da von unzähligen größeren und kleineren Seen unterbrochen. Während des Winters bildeten diese Seen große Schneefelder, auf denen sich deutlich die dunklen Föhren ringsum abzeichneten.

Bei Tag war die Fahr gut, nachts noch besser! Man träumte eine Weile, dann erwachte man durch einen Stoß und konnte sich anfangs nicht zurechtfinden. Die oben im Wagen hängende kleine Reiselaterne beleuchtete zwei seltsame, schlafende Gestalten in großen Pelzen und weißen Kapuzen. Ich kann Mutter und Schwester kaum erkennen. Auf den vereisten Wagenfenstern treten silberne, wunderbare Zeichnungen hervor; die Schellen klingen unaufhörlich – das alles ist so seltsam neu, daß man auf einmal gar nichts mehr fühlt und denkt; bloß in den Gliedern empfindet man wegen der unbequemen Lage einen dumpfen Schmerz. Plötzlich fällt ein heller Strahl ins Bewußtsein: wo sind wir? Wohin reisen wir und wieviel Neues und Schönes steht uns bevor? – und die Seele wird von hellem, atembeklemmendem Glück ganz erfüllt!

Ja, sie war herrlich, diese Reise! Und sie bleibt wohl die strahlendste Erinnerung an meine Kindheit . . .

 

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