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Jugend in Breslau

Karl von Holtei: Jugend in Breslau - Kapitel 7
Quellenangabe
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typeautobiography
authorKarl von Holtei
titleJugend in Breslau
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann GmbH
isbn3-87584-227-8
editorHelmut Koopmann
year1988
firstpub1843-1850
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid7d8ab6ea
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Breslauer Freikorps

Wir sitzen denn eines Abends beisammen, die Zeitungen sind gekommen, – Schaubert ergreift die erste Nummer, dem Datum nach, und ich fasse, um flüchtig darin zu blättern, nach einer spätern.

» Napoleon Bonaparte ist in Frankreich gelandet

Am 24. Januar 1815 hatte ich mein siebzehntes Jahr zurückgelegt.

Wer durfte mich halten?

*

Es fiel auch keinem ein. Der Baron war der erste, der mit Thränen im Auge, die ihm überhaupt leicht und willig flossen, und indem er sein »Kommuniongesicht« Ich hatte den guten, frommen Onkel, wenn er zum Abendmahl ging (in Schlesien sagt man kommunizieren), dieses in Andacht und Rührung aufgehende Gesicht zeigen gesehen, und wir wendeten daher den Ausdruck »Kommuniongesicht« immer an, wenn wir ihn bewegt und ergriffen erblickten. anlegte, aussprach: »Ja, Karl, Du mußt mit!« Schaubert, schon von Anfang an unzufrieden über das dem Welteroberer gewordene milde Schicksal, geriet jetzt in erbitterten Zorn und labte sich nur an der Hoffnung, daß die Verbündeten, durch diese Erfahrung gewitzigt, wenn sie diesmal wieder seiner Herr würden, nicht so viel »Komplimente mit ihm machen« dürften. Daß dazu jeder, der noch die Kraft in seinen Gliedern spürte, mit helfen müsse, war seine lebhaft vertretene Ansicht, und er billigte meinen Entschluß. Soll ich sagen, was mich trieb? Ich muß es bekennen, die reine Begeisterung, die ich beim ersten Aufruf empfunden, empfand ich nicht mehr. Es mischten sich selbstsüchtige Beweggründe hinein, von denen ich mir wohl keine Rechenschaft gab, die aber endlich darauf hinausliefen, daß nach Beendigung des Feldzuges die Mittel schwer zu finden sein würden, mich aus fernen Landen nach Obernigk zurück zu zwingen. Dem Retter des Vaterlandes, dem jungen Helden konnte man nicht verwehren, seinen künftigen Beruf frei zu wählen. Freilich blieb der Patriotismus das Kleid, welches ich trug; die Nebengedanken waren nur in die Falten genäht, wie heimlich gehaltene Goldstücke.

Schaubert begnügte sich nicht, aus seiner Burg mich allein zum Heere zu senden. Er wollte auch den Nachwuchs der Gemeinde zu freiwilliger Anmeldung aufregen. Zu diesem Ende lud er mehrere Nachbarn zusammen, und es wurde ein Bankett gehalten, welches folgendermaßen beschloß: Wir zogen von Musik begleitet durchs Dorf, bis an den sogenannten Hechtteich. Dort war ein kleiner Scheiterhaufen errichtet, und auf diesem wurde Napoleon's Bildnis verbrannt, wobei ein Lied im Chorus abgesungen ward, dessen Verfasser zu sein ich die Ehre hatte. Die Schlußzeilen dieses Liedes kann ich der begierigen Nachwelt noch überliefern: Sie lauteten:

»Und somit bleibt es beim Rechten,
Jetzt Hecht, jetzt fahre zu Hechten.«

Die Asche wurde mit Besen in den Teich gefegt! Und wenn Trinksprüche, begleitet von tiefen Zügen aus großen Gläsern irgend Wirkung haben können, so durfte nach diesem unserm Autodafee an den Siegen der vereinigten Heere nicht mehr gezweifelt werden. Das erste, was mir not that, war eine gute Kugelbüchse; denn mit meiner Jagdflinte konnte ich den Franzosen keinen erklecklichen Schaden zufügen. Ich trug demnach dies an Menschenblut unschuldige Rohr in rascher Fußwanderung nach Prausnitz, einem Nachbarstädtlein, wo in der Person des Büchsen- und Uhrmachers Kern ein durch die ganze Umgegend bei allen Kugelschützen beliebter Gewehrhändler lebte. Dort geschah der Umtausch nicht ohne gewichtigen Zuschuß von meiner Seite, und ich hielt nun, nachdem ich Kugelform und Pulvermaß eingesteckt, die Mordwaffe in Händen, aus der ich nach bestem Willen und Vermögen auf die Söhne des schönen Frankreichs knallen sollte und wollte. Hocherhobenen Hauptes ging ich stolz durch das Thor von Prausnitz, als ob ich bei irgend einer Schlacht den Ausschlag schon gegeben hätte. Das Wetter war mild und heiter, die Luft frisch und rein. Ich tanzte die Straße dahin, die Büchse auf der Schulter, und dachte, so werden wir leichten Sinnes und frohen Mutes nach Frankreich wandern. Plötzlich fing sich die Sonne zu umwölken an, ein schneidend kalter Wind erhob sich, und noch hatte ich weit hin bis zu einem am Wege liegenden Kiefernwäldchen, als eines jener wilden Regenwetter, in welchem Hagel, Schnee und Wasser um die Wette toben, sich heftig entlud. Mein dünnes Röckchen war im Nu durchweicht, ich triefte wie ein gebadetes Schaf und klapperte vor Kälte. Dieses physische Unbehagen deprimierte meinen Mut gewaltig. Die Viertelstunde, welche ich unter dem wenig schützenden Kiefergebüsch zubrachte, ist eine derjenigen aus meinem Leben, welche sich am tiefsten mir ins Gedächtnis prägten. Ein solcher Übergang von zuversichtlichstem Vertrauen zu einer fast feigen Verzagtheit mußte mich erschrecken. Ich legte mir selbst allen Ernstes die Frage vor: ob ich denn auch gewiß vor dem Feinde meine Schuldigkeit thun würde, und ward von einer schrecklichen Angst befallen, daß ich trotz meines festen Willens doch vielleicht Angst bekommen könnte. Aber als der Himmel wieder blau, die Sonne wieder frei war, und ich wieder rüstig des Weges zog, sah ich auch nicht mehr schwarz und kam guter Dinge mit meiner gezogenen Büchse in Obernigk an.

Schaubert ließ die Freude sich nicht nehmen, den jungen Vaterlandsverteidiger mit seinen besten Braunen nach Breslau zu führen. Ein herzlicher und gerührter Abschied vom Baron und seinem dienenden Mentor, vom Verwalter Wallheim und dem alten Koch, von dem braven Förster Zacher und vom edlen Pastor Wolte, der mich liebevoll segnete, ging denn doch nicht ohne Thränen ab. Jeder gab mir guten Rat, nach seinem Sinne. Der Onkel ermahnte mich zu sittsamem Lebenswandel; der Pastor schärfte mir ein, auf dem Marsche nicht kalt zu trinken; der Förster, meinen Mann hübsch fest aufs Korn zu nehmen und seinem Unterricht keine Schande zu machen; der Verwalter und der Koch empfahlen mir, tüchtig Beute heimzubringen; Franz aber sagte gar nichts, als, indem er sich mit seiner dicken Hand die Augen wischte: »Schreiben Sie uns auch, wie's Ihnen geht!« –

Die ersten Erkundigungen, die ich in Breslau einzog, bestimmten sogleich meine Wahl, welcher Truppe ich mich anzuschließen hätte. Es hieß, daß der Hauptmann von Fock ein Freikorps bilde, welches unter seiner Leitung ins Feld rücken und den Namen »Breslauer freiwillige Jäger« führen werde. Das klang nach »Lützow's wilder verwegener Jagd!« und so ein kleiner schlesischer Körner zu sein, dünkte mir gar nicht übel. Ich ging denn also mit eiligem Schritt in das Bureau, welches der Hauptmann eröffnet hatte, und ließ mich einschreiben. Noch an demselben Morgen wurde ein Hirschfänger gekauft, an lackiertem Riemen übergehangen, und ein gewisses graues Röckel mit blauem Kragen versehen, – ad interim, bis der Schneider die Uniform fertig hätte. Ein wenig verletzt war ich allerdings, daß mich im Bureau nur der Kompagnieschreiber empfangen und notiert hatte, und daß gar nicht die Rede davon gewesen war, mich meinem Chef zu präsentieren. Ich hatte mir auf dem Wege nach Breslau, in Schaubert's Korbwagen sitzend und künftige Größe träumend, meine Reception feierlicher, erhabener ausgemalt. Das beste bei der Sache schien mir, daß, da alles im Werden und ich einer der ersteren war, für jetzt noch keine Rede von militärischer Dienstpflicht sein konnte und eine Woche mindestens für mich und meine Freuden abfiel. Jetzt besaß ich volle Freiheit. Ein Schwert an der Seite, einen Kragen auf dem Rock, vielleicht bald auf dem Marsche, dem drohenden Tode entgegengeführt ... was hätte man mir verweigert? Ich erhielt Geld, so viel ich wünschte, und durfte thun, was ich wollte. Ich mag vielerlei Albernes und Lächerliches gethan haben, worüber ich heute nicht mehr im stände bin, Rechenschaft zu geben; aber das Lächerlichste in meinen Augen war, daß ich genötigt wurde, mein Testament zu machen. Ein, wenn ich nicht irre, für diesen Fall speziell erlassener Kabinettsbefehl berechtigte die ausmarschierenden Freiwilligen, zu testieren. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich erst, daß ich ein eigenes, mir von meiner leiblichen Mutter hinterlassenes Vermögen von 8000 Thalern besaß, welches fünf Prozent trug. Es waren also bisher jährlich 400 Thaler für meine Erziehung eingegangen. Das war mir ganz neu. Und es war wohl sehr gut, daß ich früher nichts davon erfahren, denn ich würde dann wahrscheinlich in meinen Forderungen nach Theaterzuschuß höchst unbescheiden gewesen sein. Als nun das Testament verfaßt werden sollte, bekam ich die romanhafte Idee, für den Fall glorreichen Todes auf dem Felde der Ehre Natalie zur Erbin einzusetzen, damit selbige nach meinem bedauerlichen Hinscheiden durch diese sehr edle Rache beschämt werden und bereuen möge, mich einem russischen Lieutenant hintangesetzt zu haben. Der Advokat, welcher von den Meinigen beauftragt war, meinem letzten Willen die Form Rechtens zu geben, redete mir das aus und wies mich auf die naheliegende Verpflichtung hin, an meine Stiefgeschwister, die Kinder meines Vaters aus einer zweiten Ehe, zu denken. Das war mir einleuchtend; ich gab nach, fügte meinen letzten Willen in des Justizrats ersten und setzte Bruder und Schwester zu Erben ein. Es freut mich wahrlich über die Maßen, daß ich doch einmal in meinem Leben das Vergnügen genossen, ein Testament zu machen, Erben zu ernennen u.s.w., und daß ich weiß, wie einem Menschen zu Mute ist, der diesen hochwichtigen Akt vollzieht. Denn jetzt, obgleich dem sichern Grabe um so viel näher, bin ich beim besten Willen außer stande, die Sache noch einmal zu leisten, weil ich durchaus nichts zu »vermachen« habe.

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