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Jugend in Breslau

Karl von Holtei: Jugend in Breslau - Kapitel 5
Quellenangabe
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typeautobiography
authorKarl von Holtei
titleJugend in Breslau
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann GmbH
isbn3-87584-227-8
editorHelmut Koopmann
year1988
firstpub1843-1850
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Breslau 1812

Von dem, was um jene Zeit die Zeit erfüllte, von dem Zuge des großen französischen Heeres und seiner Bundesgenossen, ist mir durchaus kein Merkmal in der Erinnerung geblieben, wenn nicht die Behauptung, auf die ich mich noch aus dem Munde meiner Pflegemutter und ihrer Freundinnen besinne, daß der drohende Krieg durch den Kometen vom Jahre Achtzehnhundertelf veranlaßt und herbeigeführt sei, dafür gelten soll. Ich war ein verzweifelt aufgeklärter junger Mann und kämpfte mit den schärfsten Waffen der Physik und anderer Künste, die man uns in der Schule dargereicht, gegen Aberglauben und Gespensterfurcht, – wohl verstanden, bei hellem Sonnenschein, denn im Dunkeln gab ich klein bei, – und deshalb stritt ich auch gegen alle und jede Konsequenz, die meine Altenweiberumgebungen aus dem Kometen zu ziehen suchten. Die Streitigkeiten, bei welchen Kanngießer auf boshaftspöttische Weise mir beipflichtete, indem er durch ganz thörichte Gründe den Damen Recht gab, sind mir sehr gegenwärtig geblieben. Desto überraschender war es mir im Jahre 1827, wo ich mit Immermann mehrere Tage in Düsseldorf und Köln zubrachte, von ihm eine Ansicht aufstellen und entwickeln zu hören, die mir jene Gespräche vom Jahre Zwölf auffrischte. Es war nämlich die Rede von dem Zusammenhang, in welchem die Geschichte zur Natur stände, und wie durch diesen, wenn man ihn ganz und tief zu erfassen vermöchte, allerdings aus Naturerscheinungen zu prophezeien wäre, was sich im großen der Historie begeben würde; so könnte man, fuhr Immermann fort, sehr wohl die Behauptung aufstellen, der harte Winter, der die Franzosen in Rußland tötete, sei in Verbindung mit der Kometenhitze zu bringen, und demnach hätten diejenigen doch eigentlich wahr gesprochen, die aus dem Erscheinen jenes Kometen den Untergang einer großen Weltherrschaft oder Nation vorherverkündigt.

Ich kann gar nicht beschreiben, mit welchem Glänze diese Immermann'sche Ansicht in meinen Augen die längst verstorbene Pflegemutter und ihre seligen Klatschschwestern verklärte.

Welche Stimmung aber sonst der gewaltsam erzwungene Anschluß der preußischen Truppen an die französischen in Breslau hervorgebracht? Wie man sich darüber geäußert? Welche Befürchtungen oder Hoffnungen die schlesischen Politiker von vorn hinein daraus gezogen? Darüber bin ich völlig im Dunkel. Wahrscheinlich durch meine Schuld und weil ich, gar zu sehr von eigenen Theaterträumen umnebelt, dem, was um mich her abgehandelt wurde, kein Ohr lieh; denn Kanngießer kanngießerte sehr gern und setzte gewissermaßen einen Stolz darein, das Beste und Neueste vom Markte der Neuigkeiten mitzubringen.

Die erste Rückerinnerung an den Rückzug der französischen und ihrer Bundesheere kommt mir, – aber diese um desto lebhafter – auf dem Wege über das Theater entgegen. Man gab »Herodes vor Bethlehem«, jene vortreffliche Mahlmann'sche Parodie, wo Devrient als thränenreicher Viertelsmeister unbeschreiblich war. Als im dritten Akte die Truppen des Herodes gegen den drohenden Feind geführt werden sollen, und der Adjutant die Soldaten mit den herrlichen Worten: »Helden meiner Wachtparade« etc. zur Bravour anfeuert, erschien unter diesen Helden, die ihre Courage durch Zittern und Beben an den Tag zu legen suchten, einer mit zerrissener französischer Uniform, in Lappen und Pelze gewickelt, vor Frost klappernd, und wurde vom Publikum, welches ähnliche Unglückliche schon auf dem Wege von Rußland her hatte ankommen sehen, mit wildem Hurrageschrei begrüßt. An diesem Abende, muß ich bekennen, erhob sich in meiner Brust zum ersten Male eine Flamme patriotischer Begeisterung, die zwar durch das Mitleid mit den erfrorenen, mir eigentlich sehr lieben Franzosen gedämpft wurde, die aber doch immer wieder hervorbrach, obschon ich es höchst tadelnswert fand, daß Töpfer,– denn Karl Töpfer hieß der junge, talentvolle Schauspieler, der sich diesen Scherz erlaubte, – so namenloses Elend in das Gebiet der Posse gezogen.

Von nun an habe ich auf meine Weise teilgenommen an dem, was in der Welt vorging.

Und da komme ich denn auf den Schluß des Jahres Zwölf, den Anfang des Jahres Dreizehn, wo Breslau das Herz Deutschlands, ja gewissermaßen das Centrum Europas wurde. Es ist schwer über jene Tage zu sprechen, ebenso schwer würde es mir werden, davon zu schweigen. Was hätte ich zu sagen, neues oder bedeutendes, ich armer unbedeutender Einzelner, was nicht schon von vielen, klügeren und besseren, in größeren und kleineren Werken, in Prosa und Dichtung, in allen Zungen gesagt wäre? Und dennoch: Keiner von allen hat erzählt, wie mir, dem fünfzehnjährigen Jüngling, dabei zu Mute war, was in mir vorging? Welchen Einfluß die Gewalt einer großartigen, begeisterten Erhebung aus den egoistischen Armseligkeiten des gewöhnlichen Lebens zu den Höhen der Begeisterung, der Aufopferung für eine Idee auf mich und meine Zukunft übte! Und da in keiner Schilderung jener Zeit davon die Rede ist, so muß ich wohl davon sprechen, denn das gehört in dies Buch.

Die weisesten Sprüche der Moral, die ich bis dahin vernommen – (absichtlich habe ich von den Vorbereitungsstunden zu der sogenannten »Konfirmation« und von dieser selbst geschwiegen. Sollte ich über den zu diesem Zweck genossenen Unterricht, über die in mir täglich lebendiger gewordenen Zweifel und Widersprüche, über die Rücksichtslosigkeit, mit der man trotz meiner Zweifel und Widersprüche mir befahl, öffentlich das Glaubensbekenntnis herzusagen, ohne mich doch zu fragen, ob ich es glaubte – sollte ich über alles das, was um mich und in mir dabei vorging, reden – o mein Gott, wann würde ich da fertig?) – die weisesten Sprüche der Moral, die ich bis dahin vernommen, liefen darauf hinaus: sei christlich fromm, gehe in die Kirche und zum Abendmahl, bete, gieb den Armen manchmal einen Groschen, sündige nicht gegen die Gebote der Keuschheit, (hätte ich nur lieber gewußt, was das ist), suche möglichst Deinen irdischen Vorteil zu erringen, sei sparsam, lege Deine Kleider ordentlich zusammen, wahre Deine Gliedmaßen vor körperlichem Schaden, menge Dich nicht in fremde Händel und lebe so, daß Du als wohlhabender Mann sterben und als Auserwählter des Himmels in die ewige Seligkeit eingehen mögest!

Wie man bei genauer und genauester Befolgung solch freundlicher Hausmittel ein gemeiner, feiger, selbstsüchtiger, verächtlicher Schuft und Schurke sein kann, – das ist mir wohl heute ziemlich klar; damals natürlich ahnte ich nichts davon und hatte, wenn ich die Regeln auch nicht stets alle befolgte, doch einen Höllenrespekt vor ihrer Kraft und Würde. Die Möglichkeit, sie anzufechten und sie in ihren Grundfesten zu erschüttern, erschien mir nur dann, wenn ich erwog, in welchem Widerspruch sie mit ihrer Absicht, Schauspieler zu werden, stehen müßten, weil diese als der ewigen Seligkeit schnurstracks entgegenlaufend angeklagt wurde. Vergebens hatte das Altertum seine Donnerworte griechisch und lateinisch in unsere Ohren gerufen; mir waren sie nicht tiefer gedrungen; zu nüchtern, zu nichtig, zu geistlos war ich erzogen, zu erbärmlich, was ich täglich sehen und hören und erleben müssen. In den Dichtern, die ich liebte und kannte, reizte mich nur die Form, der Sinn war mir nicht aufgegangen.

Er ging mir auf, als es damals hieß: die Franzosen sind geschlagen, Napoleon aus Rußland geflohen, seine Heere zerstreut, Deutschland kann sein Joch abwerfen; was wird Preußen thun?

Und als es ferner hieß: Der König verläßt Berlin, er wird nach Breslau kommen. Das ist ein gutes Zeichen ... Ich lief hinaus vors Thor und erwartete mit einem Häuflein Breslauer an dem Gasthause zum »Bären«, eine Viertelstunde von der Stadt den ersehnten, den geliebten, den guten König, den redlichen Friedrich Wilhelm III.!

Als der Wagen sichtbar wurde, schwenkten wir die Mützen und schrien ihm jubelnd entgegen, und alle jauchzten ihm zu: » Gegen Frankreich!« Und ich jauchzte mit, die Augen voll Thränen, zum erstenmale von einem Gedanken ergriffen, von einer Meinung, von einem Gefühle des Vaterlandes!

Da begann ein neues Dasein. Sogar das Theater ward mir weniger wichtig und behielt seinen Wert nur deshalb, weil der König und seine Familie fast täglich dort waren; weil sie täglich, wenn sie kamen, mit Freudengeschrei empfangen wurden; weil jede nur irgend zu deutende Stelle, jede noch so entfernte Anspielung mit Enthusiasmus bezogen, gedeutet, aufgenommen ward; weil der arme französische Gesandte, der samt dem königlichen Hofhalte von Berlin mitgekommen war, in seiner Loge Blut schwitzte und doch nicht wegbleiben durfte, da noch nichts offiziell ausgesprochen war.

Ob es im Jahre 1813 ein Gymnasium zu St. Maria-Magdalena gegeben habe, ob in demselben doziert worden sei, das würde ich wahrhaftig gar nicht wissen, wenn ich nicht wüßte, daß in der Klasse in Gegenwart des Lehrers der königliche »Aufruf an mein Volk und an mein Heer« vorgelesen worden. Die unerläßlichen »siebzehn Jahre« überhörten wir. Darnach fragte keiner; nicht einer fragte: »Wie alt bist Du?« Sondern jeder rief: »Gehst Du mit? Ich gehe!«

Am Abend desselben Tages ward im Theater das Kotzebue'sche Schauspiel: »Die deutsche Hausfrau« Ich habe keinen gedruckten Beleg dafür zur Hand, ob es wirklich dieses Stück war; aber ich möchte darauf schwören, daß ich mich nicht irre. aufgeführt. Die versammelten Zuschauer achteten wenig oder gar nicht auf die Darstellung. Aller Blicke waren auf eine Loge gerichtet. Der König fand sich erst in der Mitte des zweiten Aktes ein. Heiliger Gott, welch' ein Augenblick! Das waren nicht Unterthanen, die, weil es eben hergebracht ist, von flüchtigem Enthusiasmus oder von angeborener Anhänglichkeit bewegt, dem Monarchen huldigen wollen; das war nicht ein König, der diese Huldigung mit gnädigem Lächeln hinnimmt und sich dann bequem nach der Bühne wendet: Nein, das waren Menschen, die in rein menschlicher Empfindung dem Manne Treue schwuren, den sie in seinem Unglück achten und lieben gelernt; dem Manne, der ihrer bedurfte, um auf dem Throne seiner Väter zu bleiben. Ihm wollten sie sagen: Da sind wir, alle für einen, und Du, unser König: Einer für alle! Niemand mochte in diesem Augenblicke an Orden und Ehrenstellen denken: Kampf, Blut, Rache, Freiheit, Sieg und Tod! Um ihm näher zu sein, dem ritterlichen Vater, von seinen holden Kindern umgeben, stiegen die Leute im Parterre auf die Bänke; ich hatte mich glücklich an einer Ecke der vordersten Bank emporgeschwungen; da stand ich neben des Grafen Henckel von Donnersmarck Excellenz, der in der neuen Uniform seines Regiments aus voller Seele »Heil Dir!« schrie; aber ich blieb nicht hinter ihm zurück.

Die »deutsche Hausfrau« ging dabei zu Grunde. Die Schauspieler hatten gut weiter spielen, sie brachten nichts mehr zu stande; denn teils erregte jede Silbe in ihren Reden, die nur irgendwie eine Beziehung gestattete, neuen Ausbruch der dröhnenden Freude, teils waren sie selbst von dem Nieerlebten so wahrhaft ergriffen, daß sie krampfhaft schluchzten, statt zu sprechen. Sie haben niemals schöner gesprochen.

Es ist bekannt, wie jung und alt dem Aufruf genügte, wie Beamte und Handwerksburschen, Räte und Diener, Lehrer und Schüler sich dahin drängten, wo die Freiwilligen eingeschrieben wurden.

Wir gingen auch, wir armen fünfzehnjährigen, wir drängten uns auch. Aber die Zeugnisse über die erreichten »Siebzehn« wurden gefordert, und wer sich nicht besonderer Protektion erfreute, mußte wegbleiben. So auch ich! Meine Thränen hat Gott gezählt; ein Mensch vermöchte es nicht.

Glücklicher als ich war einer meiner näheren Schulfreunde, Theodor Senft von Pilsach; obgleich nur wenige Monate älter als ich, brachte er es dahin, angenommen zu werden. Ausgezeichnet durch Fleiß, Verstand, feinste Sitten und zarte weibliche Schönheit, gab er das anmutigste Bild eines werdenden Jünglings; und da gerade in den letzten Monaten vor jenen großen Ereignissen die Vertraulichkeit früherer Kindertage durch Annäherungen in der Schule wieder zwischen uns lebendig geworden war, so that es mir doppelt weh, ihn zu verlieren, wo er dem höchsten Ziel entgegenziehen durfte, ich aber in unserm Staube zurückblieb. Siegestrunken folgte er dem schmetternden Feldruf, und schon in der ersten Schlacht sank er unter feindlichen Schwertern, furchtbar zusammengehauen, des frühen Todes Raub. Nicht selten in meinem unstäten Leben habe ich, seiner gedenkend, aus tiefster Brust geseufzt: »Daß ich an Deiner Seite läge im Boden des Schlachtfeldes, Theodor, wie ich so oft bei unseren kindischen Soldatenspielen, wenn wir das ›Feldlager am Pferdestall oder auf den Heuböden‹ bezogen, an Deiner Seite lag. Beneidenswerter, Du bist als Knabe gefallen für das höchste Ziel in der Blüte des Lebens; in begeisterter, unenttäuschter Zuversicht hast Du den vollen Frühling deutscher Hoffnungen geatmet, und von seinen blutigen Rosen geschmückt moderst Du in vaterländischer Erde. Aber wir?« –

Damals gingen wir gesenkten Hauptes zurück und schlichen, unsere Mappen unterm Arm, nach der Schule! – – Sollten gehen, sollten schleichen! Ich that es nicht. Mir schien die allgemeine Aufregung willkommene Ausrede; ich meinte im vollen Rechte zu sein, wenn ich bei solch' großer Zeit die Schule mit dem Rücken ansah. Was war da nicht zu sehen, zu hören, zu besprechen. Alle Plätze belebt, alle Gassen erfüllt von kriegerischem Geräusch, Truppen jeder Gattung, Waffen jeder Art! Soldaten und Bürger vermischt, die letzteren vom gereiften Manne bis zum Jüngling, vom jungen Fürsten über den rüstigen Beamten bis zum alternden Diener oder Handwerksmann mit den Zeichen ihrer Wahl geschmückt, oft noch ohne Uniform; auf ihrem gewöhnlichen Rock ein bunter Kragen, über die Schulter ein Gurt, an dem das Schwert hing, Landwehrmänner mit Piken; alle in feuriger Hast, als wolle sich niemand Zeit nehmen, bis morgen zu warten, als dränge es jeden, schon heute in dieser Stunde durch Wort und That zu zeigen, daß er sich, seine Verhältnisse, sein Leben zum Opfer bringe, und ergriffen von dem Gedanken eines freien Allgemeinen, die engherzigen persönlichen Bedenklichkeiten seines gewohnten Daseins, froh und gern besiegt habe. Riemer, Sattler, Schmiede, Schuster, Klempner, Schwertfeger saßen Tag und Nacht in ihren Werkstellen, um Kleider, Sättel, Waffen, Feldkessel zu schaffen und durch ihren Fleiß zu ersetzen, was ihnen an Arbeitern fehlte, von denen die meisten Freiwillige waren. Wer daheim zu bleiben genötigt ward durch Geschlecht, Amt, Alter, Jugend oder Krankheit, der gab, was er konnte, andere auszurüsten; alle Sparbüchsen wurden geleert, viele Silberschränke geplündert. Graf Ferdinand Sandretzky auf Manze schickte, nachdem er am Abend vorher das Glück genossen, seinen König bei sich zu empfangen und zu bewirten, das große, vollständige Familienservice in die Münze und speiste fürder von Porzellan.

Wo Friedrich Wilhelm III. sich blicken ließ, sei es allein, oder begleitet von blühenden Kindern, überall empfing ihn das Jubelgetön seiner Getreuen; aus allen Provinzen fanden sich rüstige Kämpfer voll Mut und Treue in Breslau ein; jeder Tag brachte frische Kräfte, neue Kunde, steigende Begeisterung. Die Mütter weinten freilich, daß ihre Söhne sich nicht zurückhalten ließen, aber hätten sie's gethan, hätten die Söhne den Bitten nachgegeben, die Mütter würden vor Scham vergangen sein; durch ihre Thränen strahlte der gerechteste Stolz.

»Einquartierung zu bekommen« war keine Last mehr; man räumte den Gästen die Putzgemächer, man bewirtete sie festlich. Auch wir hatten die Freude, einen jungen Mann aufnehmen zu dürfen, der aus dem Berliner Kadettencorps zu den Garden versetzt, als Junker eingetreten und fürs erste in der Welt so fremd war als in Breslau. Noch nicht 18 Jahre alt, aus einem edlen, weit verbreiteten märkischen Geschlecht, von sanftem, gutmütigem und bescheidenem Wesen, gewann er schon in den ersten Stunden alle Herzen und war am zweiten Tage heimisch bei uns. Ich wendete mich ihm mit unsäglicher Liebe zu, und wir wurden bald auf das innigste vertraut. Auch er hieß Karl. Die beiden Karls waren unzertrennlich. Was er mir an Jahren, das war ich ihm in Wissen und geistiger Gewandtheit vielleicht überlegen, und da uns beiden eine gleiche Gutmütigkeit innewohnte, so glichen sich die Unterschiede freundlich aus. Nie in meinem Leben ist mir wieder ein so treuherzig lächelndes Angesicht, nie ein solcher Kopf voll blonder Locken, nie ein so tiefblaues, weichverschwimmendes Auge begegnet. Während er seinen Pflichten auf den Exerzierplätzen oblag, streifte ich entweder in seiner Nähe oder doch bei andern Truppenabteilungen umher und nährte meine gierige Phantasie an dunklen Bildern von Schlacht und Sieg, in welche sich jedoch, der Wahrheit gemäß muß ich es sagen, nicht selten ein aufrichtiger Schauder von Wunden und Blut mischte. Diese Mischung von Mut und Verzagtheit, von Kraft und Schwäche bildet, streng genommen, mein Naturell und hat sich zu meinem Schaden in den verschiedensten Lagen des Lebens geltend gemacht. Unbedenklich haben angeborene Eigenschaften bei mir einen traurigen Kampf mit weibisch-ängstlicher Erziehung zu bestehen gehabt; und wenn ich von Vätern abstammend, die nur Schwert und Roß kannten, die durch und durch Männer waren, nicht auch diese Richtung nahm, so darf ich den Grund davon in den ersten fünfzehn Jahren meiner Jugend suchen. Man hat mich gelehrt, abgerichtet, durch Warnung und Beispiel, verzagt, bedenklich, rücksichtsvoll zu sein. Erst wenn leidenschaftliche Regung im guten oder schlechten Sinne mich erfüllte, war ich im stände, die Fesseln der Kindheit abzustreifen, und nur bei gewaltigen Ereignissen oder in wirklicher, ernsthafter Gefahr bin ich meiner selbst Herr und frei von Zweifeln und Furcht. Daher ist es leider gekommen, daß ich bei allen Versuchen und Unternehmungen, wo ein rascher Anlauf nötig ist, mit kühner Entschlossenheit gehandelt und manches erreicht, wo aber besonnene Ruhe, feste Ausdauer gefordert wird, oft auf halbem Wege stehen geblieben bin und mein Ziel, noch bevor ich es für verloren erachten durfte, schwach und unmännlich aufgegeben habe. [...] Aus allen jenen Tagen des Erwachens und der Erhebung strahlt ein Tag mit hellstem Glänze, ein Tag, den hunderttausend Seelen wie einen Tag glorreichster Freude begingen; der Tag, wo Alexander von Rußland an der Seite seines königlichen Freundes in Breslau einzog. Ihr Weg führte die Monarchen durch unsere Gasse, und aus den Fenstern meines Arbeitsstübchens, – es trug diesen Namen wie lucus a non lucendo, – blickte ich mit einigen Freunden auf die gekrönten Häupter hinab. Sie hatten lange auf sich warten lassen, die Stunden des ungeduldigen Harrens waren uns schon zur Qual geworden, und in dieser Qual der Langeweile habe ich etwas verübt, dessen ich mich heute noch im innersten Herzen schäme, was ich bis heute noch niemand zu bekennen wagte, und was ich nun durch ein offenes Bekenntnis mir von der Brust, auf der es seit so langen Jahren wie eine schwere Last liegt, abwälzen will. Es ist, um gleich schonungslos das Kind beim rechten Namen zu nennen, ein von mir begangener Diebstahl.

Unter die Hauptfreuden der Breslauer gehörte damals der Besuch derjenigen Plätze in der Vorstadt, wo Kosaken, Baschkiren und andere bärtige Kinder anderer Zonen bei ihrem Durchzuge zu biwakieren pflegten. Sie empfingen die Besucher freundlich, aber mit leeren Händen durfte man nicht kommen. »Geben« war im Jahre 1813 überhaupt die Losung, und in die fliegenden Lager jener flüchtigen Helden, die wahrhaft vergöttert wurden, ging man scharenweise, alle Hände und Taschen voll von Brot, Wurst, Tabak und Schnaps. Die Kerls waren in ihrer tierischen Gier, in ihrer wilden Dankbarkeit hinreißend. Wenn sie, über die Oderbrücken nach der Stadt reitend, auf ihren kleinen Pferden hängend, die lange Lanze in der nervigen Faust, freundlich fragten, wo der nächste Weg nach Paris ginge, mußte man sie lieb gewinnen. Man folgte ihnen durch die Stadt, kaufte im Vorübergehen zusammen, was nur zu kaufen war, und verteilte es dann unter sie, sobald sie auf der anderen Seite Halt gemacht und sich mit ihrem »Kosakenvieh«, nach Friedrich Rückert aus kleinen Rossen und großen Läusen bestehend, behaglich in den nassen Boden gewühlt hatten.

Derlei Spenden zu machen, wäre auch meine Lust gewesen. – Aber, wie ein altes schlesisches Sprüchwort lautet: wo hernehmen und nicht stehlen? – Meine Sparbüchse hatte ich längst in die Kollekten-Kasse des Magistrats für »Freiwillige« ausgeleert! Nun denn, ich stahl. Und in jenem düsteren Augenblicke, wo ich dieses Verbrechen an mir selbst beging, bewährte sich durch mich das schwere Gewicht des Satzes, daß »Gelegenheit Diebe macht«. Kanngießer hatte Besuch empfangen, einen fremden Gelehrten, den er zu bewirten für passend fand. Er hielt sich mit diesem seinem Gaste in einem unserer Vordergemächer auf, eben auch um des Einzuges der Monarchen dort zu harren, und entsendete mich von dort in sein Wohnzimmer, um aus seinem Kasten, zu dem er mir den Schlüssel reichte, Geld zu nehmen und ihm aus der Weinhandlung in unserem Hause eine Flasche süßen Ungarweines, sein Liebling, heraufzuholen. Ich leistete Folge, öffnete die obere Lade und sah darin unter einem chaotischen Haufen von Wäsche, bunt durcheinander geworfen, einen Hügel verschiedener Münzarten blinken. Ich that einen Griff in diesen Schatz, griff zusammen, so viel meine Hand fassen konnte und in diesem Momente wurde ich schon ein Dieb, denn ich kannte den Preis einer Bouteille des bestimmten Weines sehr genau und konnte leicht ermessen, daß die Handvoll Geld, die ich hielt, mehr als das Doppelte dieses Preises betrug. Nie mehr mein Leben lang habe ich so deutlich zwei Stimmen vernommen, die mir im Innern gegen einander sprachen. Leider trug die böswillige den Sieg davon. Ich behielt das Geld in der Hand, schloß den Kasten, stieg hinunter in die Weinhandlung, bezahlte, steckte den Überschuß in die Tasche und kehrte eiligst zurück, immer noch mich täuschend, ich wäre willens, dem Besitzer mit Wein und Schlüssel zugleich auch das zuviel genommene Geld wiederzugeben. Ich gab Schlüssel und Wein, schob aber die Rückgabe des Geldes wiederum auf, indem ich mir sagte, das schicke sich nicht in Gegenwart des Fremden. Später, als die Fürsten kamen und der Tumult begann, vergaß ich wirklich die Schuld. Abends, als ich meine Tasche vor zu Bette gehen leerte, war Kanngießer nicht zu Hause.

Am anderen Morgen fiel mir ein, wie viel Tabak und Schnaps ich meinen bärtigen Kosaken dafür kaufen und bringen könnte! Und noch einmal erhob sich die warnende Stimme in mir und drängte mich, rechtlich zu bleiben. Aber wodurch brachte ich sie zum Schweigen? Durch die sophistische Entgegnung, daß Kanngießer, der selbst für die nordischen Gäste schwärmte, sich herzlich freuen würde, wenn ich sein Geld zu ihrer Erheiterung verwendete; und ich kaufte wirklich einen Korb voll Tabak und Schnaps, ließ ihn mir durch einen Tagelöhner nachtragen, verteilte die Gaben und tröstete mich mit dem Gedanken, dem Bestohlenen die Wahrheit zu bekennen und dann die Sache ins Komische zu ziehen.

Natürlich unterblieb dies Bekenntnis, und ich behielt ein böses Gewissen – monatelang! Das Bewußtsein meiner sträflichen Handlung machte mir viel zu schaffen. Doch hatte es auch eine günstige Folge. Ich wurde und blieb von nun an in allem, was Mein und Dein heißt, streng gegen mich, rein gegen andere; pflegte den Keim des Abscheus vor jeder Unredlichkeit dieser Art, der durch meine Gewissensbisse in mich gelegt worden, mit Sorgsamkeit und wünschte nur, daß ich mir, wenn ich der Vergangenheit gedenke, in allen Punkten ein so günstiges Zeugnis ausstellen dürfte, als über den, welcher die von mir verübten Eingriffe in fremdes Eigentum anlangt. Wo es darauf ankam, daß in verwickelten Geldangelegenheiten zwischen mir und einem anderen, gleich viel wem, einer von beiden Teilen zu kurz kommen sollte, da war ich mein Lebenlang wohl stets der zu kurz Kommende, und immer mit meinem Willen oder doch durch meine Schuld. Vielleicht hat jetzt der 46jährige Mann abgetragen, was einst der 15jährige Junge verbrach?

*

Die Einsegnung der verschiedenen ausrückenden Truppenabteilungen, wo um die Scharen junger freiwilliger Krieger Scharen von Eltern und Verwandten versammelt den Scheidenden das Geleit gaben, wo der feurige Mut ungeduldiger Kämpfer aus den Thränen der Ihrigen sich erhob, wie die Sonne aus dem Schoß des Meeres, wo der Bräutigam seine Braut, wo der junge Vater seine stammelnden Kinder noch einmal ans Herz drückte, und dann das Gewirbel der Trommeln, die Ausbrüche krampfhafter Rührung überlärmte, wo die Glocken von den Türmen klangen, und des jungen, neu erwachenden Frühlings sanfter Hauch ihre feierlichen Klänge über die unabsehbaren Menschenmassen, über die Häupter einer hochbewegten Bevölkerung hinaustrug ins weite Land, als sollten die emporsprießenden Grashalme lauschen dem dröhnenden Rufe zum furchtbaren Weltkriege, zum Kreuzzuge gegen den Ungeheueren, der aus dem Kampfe mit den Elementen, aus den Wüsten des starren Eises und gefrorenen Blutes hervorgetreten war wie ein Halbgott, um, eben erst geschlagen, besiegt, vernichtet, schon wieder frisch gerüstet der halben Erde Trotz bieten zu können!

Wer es mit erlebt hat, mag es festhalten in seinem Gedächtnis, in seiner Phantasie. Zum zweitenmal wird er es nicht erleben.

Mir ist es wie der schönste, herrlichste Traum, ein Traum, in dem ich mein deutsches Vaterland als ein gewaltiges Deutschland sehe und liebe, ein Traum, in dem ich mich glücklich fühlte, ein Deutscher zu sein, ein Traum, aus dem ich niemals erwachen möchte!

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