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Jugend in Breslau

Karl von Holtei: Jugend in Breslau - Kapitel 3
Quellenangabe
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typeautobiography
authorKarl von Holtei
titleJugend in Breslau
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann GmbH
isbn3-87584-227-8
editorHelmut Koopmann
year1988
firstpub1843-1850
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid7d8ab6ea
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Beginnende Theaterwut

Niemals habe ich ein Tagebuch geführt, niemals wichtige Begebenheiten notiert; als Kind war ich oft nachdenklich und ernsthaft, den Umgang und das Gespräch der Erwachsenen suchend; als Mann bin ich kindisch geblieben. Was Wunder, wenn bei dem Mangel jedes schriftlichen Leitfadens sich die Ereignisse meines Lebens mir in der Erinnerung bunt und willkürlich durcheinander mischen, so daß ich oft nicht weiß, welcher Eindruck, welcher Gedanke dem Knaben, welcher dem Manne angehört?

Von den Jahren achtzehnhundert und acht, neun, zehn, elf sind die Gestalten am verworrensten. Nur einzelne Momente treten hervor. Unter diesen ist der hellste, freudigste, daß der stets wachsende Verfall ihrer pekuniären Angelegenheiten meine Pflegemutter geradezu zwang, mich aus der Erziehungsanstalt wegzunehmen, weil sie das enorme Jahrgeld nicht mehr zu erschwingen vermochte. Ich mag zwölf Jahre alt gewesen sein, als die selige Stunde schlug. Das Magdalenengymnasium blieb mir und ich ihm. Wir haben beiderseits keine große Ehre davon gehabt; ich freilich nur durch eigene Schuld.

Mutter hatte mir eines der großen Vorderzimmer eingeräumt, in welchem, mich nächtlich zu schützen und zu bewachen, auch ein Bedienter schlafen mußte. So war ich eingezogen, und der erste Akt, den ich nach meiner Emanzipation ausübte, war ein Gang auf den »Kränzelmarkt«, Jetzt: Hintermarkt. wo neben Blumenverkäuferinnen auch die Vogelhändlerinnen ihren Markt hielten. Vögel waren stets mein Entzücken. In der Pension durften wir uns nichts Lebendiges halten, als die kleine Menagerie auf dem Kopfe, die von einem Sonnabend zum andern gehegt wurde, um nach siebentägiger Schonung desto bessere Jagd zu geben. Ich flog also, als ob ich selber Flügel hätte, auf den Kränzelmarkt und tauschte, was ich an erspartem Taschengelde besaß, gegen Stieglitze, Gimpel, Zeisige, Finken um, verschmähte sogar den simplen Sperling nicht, um nur die Zahl zu vermehren. Sorglos um die saubere Stube und ihre Mobilien, ließ ich die befiederte Schar ihren Unfug darin treiben und habe es im Verlaufe jener Zeit manchmal bis auf fünfzig Individuen gebracht, die unter dem Ofen hockenden Wachteln nicht einmal mitgerechnet. Die Liebe zu diesen heiteren, klugen, leichtgezähmten Geschöpfen, diesen flatternden Blüten unserer nordischen Wälder, diesen naiven Sängern und Verkündigern einer allgemein verständlichen Sprache der Naturfrömmigkeit hat mich nie verlassen, und wenn ich jetzt, vom Leben, Hoffen, Irren und Kämpfen müde, mir für die letzten Tage meines Lebens ein Asyl träume (Träumereien, die nicht in Erfüllung gehen werden), so spielen zahme Vögel dabei die Hauptrolle.

Nicht mehr unter der Willkür eines heuchlerisch-frömmelnden Tyrannen, nicht mehr in knechtischer Furcht vor einem bornierten Despoten, fing ich an, das eigene Leben zu fühlen, und stellte mich nun auch der Mutter, der ich in diesen Jahren doch schon über den Kopf gewachsen war, entgegen. Ich war bald so weit, daß ich thun und lassen durfte, was mir gefiel.

Nun begannen die eigentlichen Schulfreundschaften, die oft bis zur Zärtlichkeit stiegen, gewöhnlich aber in einer Prügelei untergingen. Nun begann die Theaterwut. So lange ich in der Pension gewesen, hatte diese wenig oder gar keine Nahrung gefunden. Den dreizehnjährigen Knaben ließ man schon allein ins Parterre wandern. Das Breslauer Theater war damals vortrefflich. Unter Leitung des Regierungsrats Streit, eines Mannes, dem Schlesien und zunächst Breslau unendlichen Dank schuldig ist, war dies Theater eines der besten in Deutschland. Die Einnahmen waren dennoch schlecht, und Streit zog sich, allseitigen Undankes müde, gänzlich davon zurück. Kaum war dies geschehen, so wendete sich das Glück in Fülle dem täglich schwächer werdenden Institute wieder zu. Ludwig Devrient, in jugendlicher Kraftfülle, die Zier dieser Bühne. Ohne Ruf, selbst den Theaterfreunden dem Namen nach unbekannt, war er als Franz Moor aufgetreten und seit jenem Abende der Gegenstand uneingeschränkter, allgemeiner Bewunderung, die sich nicht selten bis zum Enthusiasmus – eine in Breslau seltene Ware – steigerte. Ich hatte ihn in Kotzebue's »Schauspieler wider Willen« als Pfifferling gesehen, und von Natur mit einem subordinierten Talent, eigentlich nur Geschick, begabt, Organe, Dialekte, Sprachweisen nachzuahmen, spielte ich den staunenden Hausgenossen gar bald den ganzen Devrient'schen Pfifferling in seinen fünf oder sechs Verkleidungen vor. Man lud eine Gesellschaft zusammen, Ofenschirme, wie spanische Wände wurden theatralisch gestellt. Der Dümmste meiner Genossen gab den Murrkopf; ich erntete so lauten Beifall als Devrient, und am andern Tage machte ich in der Klasse bekannt, ehe noch der Justinus, den wir exponieren sollten, aufgeschlagen war, ich würde Schauspieler werden! Nun gute Nacht Fleiß, Ausdauer, Bestreben, Ehrgeiz und wie die Stacheln heißen mögen, die den begabten Schüler durch die staubige Bahn des Schulschlendrians der klaren Morgenröte heiterer Wissenschaft entgegenführen. Bis dahin hatte ich schlechte, aber auch gute Epochen gehabt; ich war abwechselnd faul und fleißig gewesen, dabei merklich fortgeschritten; von nun an wurde mir die Schule zuwider, und ich sah nur Coulissen, roch nur Lampendunst.

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