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Jugend in Breslau

Karl von Holtei: Jugend in Breslau - Kapitel 10
Quellenangabe
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typeautobiography
authorKarl von Holtei
titleJugend in Breslau
publisherNicolaische Verlagsbuchhandlung Beuermann GmbH
isbn3-87584-227-8
editorHelmut Koopmann
year1988
firstpub1843-1850
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Theatralisches Debüt

Am 5. November sollte ich debütieren. Mein Gönner, der Regierungsrat, hatte auf Schall's Vorschlag veranlaßt, daß einige Tage vor der wirklichen Theaterprobe eine Nachmittagsprobe privatim nur vor einem kleinen Kreise wohlmeinender und beratender Freunde und Freundinnen vor sich gehen sollte, wo ich einige Scenen durchspielte, hauptsächlich um die Hörer prüfen zu lassen, ob ich deutlich und verständlich reden würde. Das lief denn ganz erträglich ab, bis auf den Auftritt im vierten Akte, wo Mortimer, von Marias leiblichen Schönheiten und ihren Erdenreizen besiegt, einige Male vergessen zu wollen scheint, daß er ein idealistischer Schwärmer ist. Diese Ausbrüche wilder Sinnlichkeit mußten mir mißlingen. Nicht etwa weil meine Maria, die ich bei den häufig vorangegangenen Zimmerproben im schmutzigsten Negligee kennen gelernt, nicht im stande war, mich irgend zu begeistern, sondern einfach, weil die nur einigermaßen erträgliche Darstellung jener Scene schon eine höchst schwierige Aufgabe für einen vollendet routinierten Schauspieler bleibt, und weil sie für einen Anfänger nicht etwa noch schwieriger, nein, weil sie ihm schlechthin unmöglich ist. Wo muß doch Schall seine Beurteilungskraft gelassen haben? War sie ganz im Entzücken für die Catalani untergegangen?

An allerlei Bemerkungen über mein Spiel fehlte es nicht, weder in den Privatproben, noch in den wirklichen Theaterrepetitionen, weder von Freunden außer der Bühne, noch von Schauspielern. Aber ich wüßte nicht, daß mir etwas Praktisches zugekommen wäre, was ich hätte in mich aufnehmen und benützen können, auch aus Schall's Munde nicht. Es waren eben allgemeine, sich zum Teil unter einander widersprechende Bemerkungen, die eigentlich darauf hinausliefen, daß ich, um ihnen zu genügen, ein anderer Mensch hätte werden, eine andere Persönlichkeit hätte anlegen müssen. Ach, und laufen nicht leider die meisten Theaterkritiken darauf hinaus?

Und der große Tag erschien. Ich sah den Zettel kleben, der meinen Namen trug. Ich ging beim Verkaufsbureau vorüber und vernahm, daß schon seit gestern keine Loge mehr zu haben war. Ich kam auf die Hauptprobe und fühlte mich vollkommen sicher. Ich blickte Nachmittag vor drei Uhr aus meinem Fenster auf die Gasse und sah die Menge, die sich vor der noch uneröffneten Eingangspforte drängte und stieß. Mich überkam so etwas von den Empfindungen derjenigen, denen die Henkersknechte Bahn zu machen genötigt sind durch Haufen von Zuschauern, welche sich eben auch ihrethalben versammelt haben. Ja, je näher die Stunde rückte, desto hinrichtungsartiger wurde mir ums Herz. Hoffnung, Freude, Ungeduld, Selbstvertrauen und Mut entschwanden eins ums andere, und als ich endlich den Weg nach der Garderobe antrat, hätte mir der Beichtvater an meiner Seite gar nicht übel gethan.

Der Garderobengehilfe Müller half mich aus einem mageren, spießigen Jüngling in einen wohl proportionierten, mit Sammet ausstaffierten Mortimer verwandeln. Als mein blasses, langes Gesicht durch ein sauber aufgelegtes Schnauzbärtchen abgetheilt, und der Raum zwischen Backenknochen und Augen mit frischem Rot hervorgehoben war, sah ich, wie aus den Händen eines Zauberers hervorgegangen, so völlig anders aus, daß alle Schauspieler in der Garderobe ihre beifällige Teilnahme laut werden ließen, und als ich mich vor den Spiegel stellte, gefiel ich mir selbst. Über mein Spiel weiß ich wenig zu sagen. Wie ich es mir ins Gedächtnis zurückzurufen vermag, ist es eben das eines steifen, ungelenken Anfängers gewesen, der einmal die rechte, einmal die linke Hand erhebt, einen Schritt vorwärts, einen Schritt zurück macht und mit völlig unausgebildetem, jedes festen Grundtones ermangelndem Organ seine sicher auswendig gelernte Rolle nicht ohne Feuer, doch aber ohne geistiges Leben hersagt. Ich empfand sogar in mir selbst, wie schlecht ich es machte, und dadurch wurde es natürlich immer schlechter. Wie konnte es anders sein? Um aus einem denkenden und fühlenden Menschen, – wie ich es allerdings war, – auch ein darstellender zu werden, – wie ich es sein wollte, – ist unumgänglich ein Prozeß im Innern notwendig, von dem bis jetzt noch niemand eine genügende Beschreibung zu geben vermochte. Alles, was ich bisher über diesen merkwürdigen Gegenstand las, auch wenn es von Praktikern herrührte, blieb mir unklar und weit hinter dem zurück, was ich ahne, aber auch nicht auszudrücken vermag. Doch das gehört nicht hierher. Hier reicht die Bemerkung hin, daß ich jenes lebendige Behagen, welches mich schon bisweilen bei den Grafenorter Darstellungen durchströmt und mich mit dem Bewußtsein einer schaffenden, reproduzierenden Kraft erfüllt hatte, auf den Breslauer Brettern gänzlich vermißte; daß ich, weit entfernt davon, mich auch nur auf einen Augenblick für Mortimer halten zu können, ebensowenig im stande war, die Mittel anzuwenden, die zur Täuschung der Zuschauer nötig gewesen wären. Ich kannte sie sehr wohl, diese Mittel, kannte sie aus jahrelangen Anschauungen guter und schlechter Aufführungen, kannte sie aus eigenen, sorgsamen Studien und Exercitien, ja, was noch mehr ist, ich sah sie vor mir, außer mir, während ich spielte, sprach, schrie, rang und mich abquälte; sah sie, – und konnte sie nicht fassen, wie man im bangen Traume Schätze sieht, die man mit bleiern-schweren Gliedern nicht zu erreichen vermag. Es war ein Zustand der nüchternsten Klarheit. Jede Spur von Angst war verschwunden, als ich einmal zu sprechen begonnen. Ich hörte, ich vernahm mich selbst. Meine Stimme klang mir hohl und seelenlos. Meine Beine waren mir im Wege, die Arme baumelten mir wie Würste am Leibe herab. So lange ich zu reden hatte, blieb ich noch gefaßt. Wenn Maria begann und ich ihr zuhören sollte, war ich völlig ratlos. Die aufmerksame Stille des überfüllten Hauses war furchtbar. Sie wirkte narkotisch. Ich befand mich auf Augenblicke, auf halbe Minuten ganz und gar in dem Zustand, der einem festen Schlafe vorangeht, und ich würde, – so unglaublich dies klingen mag, – wahrscheinlich auf der Bühne stehend eingeschlafen sein, wenn mich das Stichwort nicht immer wieder erweckt hätte. Dennoch empfing ich schon in der ersten Scene einen Applaus. Meine voreilige Eitelkeit hatte denselben bereits nach Mortimers römisch-katholischer Übertrittsrede gehofft, wo er jedoch ausblieb. Dann aber, nach den Worten:

»Und die Empörung mit gigant'schem Haupt
Durch diese Friedensinsel schreiten, sähe
Der Brite seine Königin!«

ließ Schall, dessen Accent ich aus Tausenden hervorzuhören vermochte, ein teilnehmendes »Bravo!« vernehmen, welchem allsogleich 300 Universitätsfreunde das ihrige donnernd nachfolgen ließen. Auch beim Abgange fehlte es nicht. – Und dennoch war ich gerichtet. Ich empfand es in meiner Brust. Ich war kein Schauspieler.

Meine Rolle ging zu Ende. Mortimer stach sich tot, entkleidete sich, – und Holtei verließ das Haus, während die letzten Akte ihren langsamen Weg nahmen. Zuerst begab ich mich zu meiner Pflegemutter, welche ihre Winterherberge »auf der Hummerei« bereits bezogen und nun, um 9 Uhr, mit ihrer Zofe in voller Gebetarbeit saß. Ein eigenes Genrebild: die alte, betschwesterliche Frau, arme Witwe eines reichen Barons, früher Herrin eines großen, glänzenden Hausstandes, fast blind, in dürftiger Umgebung, bei kümmerlichem Lampenlicht, von Gebetbüchern und Bibelspruchkasten eingeschlossen; vor ihr ein junger Mann, als Kind zu großem Besitz, vornehmer Stellung bestimmt, jetzt, als schon verunglückter Gaukler, sein bleiches Angesicht von halbverwischter Schminke gerötet und eifrig bemüht, ihr den Glanz eines Erfolges zu rühmen, an den er selbst nicht glaubte! Es war eine garstige, düstere Stunde, eine der trübsten in meinem trüben Leben. Mochte die Alte noch so albern erscheinen, dumm war sie nicht. Und das bewies sie auch hier, wo sie trotz meiner lebhaften Schilderung des lebhaften Beifalls doch mit scharfem Urteil ergriff, was daran unecht schien. »Du hast halt die Studenten für Dich,« sagte sie.

Als ich meine stille Wohnung suchte, schien eben der Vorhang nach dem fünften Akte der unsäglich langen Tragödie gefallen zu sein, und während ich den Nachtschlüssel in die Thüre des längst geschlossenen Töpferhauses stecken wollte, vernahm ich von gegenüber das brüllende Herausrufen, in welchem mein Name deutlich vorklang. Bescheidener Klugheit angemessen wäre es natürlich gewesen, ruhig zu öffnen, unbekümmert um das Geschrei über die finstre Stiege zu schreiten, mich demutsvoll auf mein Lager zu werfen und jeder eitlen Thorheit zu entsagen. Doch so vernünftig war ich leider nicht. Meinen Hausschlüssel in der Hand, sprang ich quer über die Straße, war mit zehn Schritten auf der Bühne und kam eben zurecht, um vom Inspizienten, der, sich nach dem Abendbrote sehnend, mich und Schiller verfluchte, hinausgeschoben zu werden. Feierlichst trat ich vor, eine Rede zu halten, die mir schon seit vielen Jahren auf den Lippen schwebte. Als ich beginnen wollt, riefen mehrere Stimmen laut und vernehmlich nach Anschütz, der als »Lester« den Sieg des Abends davon getragen. Maria Stuart war schon vor mir mit allen möglichen Triumphen bedacht und entlassen worden. Ich erbebte, verlor aber doch die Fassung nicht, sondern sah starr ins Parterre, in welchem es nun unruhig wurde, und wo verschiedene Rufe pro und kontra sich erhoben. In dieser Spannung hörte ich sehr deutlich, wie Baron Reitzenstein auf Zedlitz, ein alter Freund unseres Hauses, in der Eckloge dicht am Theater zu seinem Nachbar sagte: »Herr Gott, jetzt kommt der bittere Moment!« Diese Worte einer aus meiner Kindheit mir vertrauten Stimme ermutigten mich wieder. Ich trat noch einen Schritt weiter vor und hielt meine Rede, in welcher »Anfänger, – Nachsicht, – Fleiß, – Ausdauer, – Vaterstadt« – wie Brocken in einer dünnen Brühe umherschwammen.

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