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Judith die Kluswirtin

Louise von François: Judith die Kluswirtin - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorLouise von François
titleJudith die Kluswirtin
publisherGauverlag Bayreuth GmbH.
addressBayreuth
seriesBayreuther Feldpostausgaben
volume
printrun
editor
year1944
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid32fe26f3
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Ein Blick

Der Pfarrherr hatte sich von seiner Begleiterin nahe einer Lichtung getrennt, aus welcher sie in früheren Jahren das Waldhaus oftmals mit freudigem Herzen hatte hervorlugen sehen. Heute entdeckte sie es nicht früher, bis sie dicht vor seinem Eingange stand. Dunkle Edeltannen und frischgrünes Strauchgeschlinge bildeten eine Laube, unter welcher die Hütte ihren Verfall verbarg; die Wallhecken waren mannshoch in die Höhe geschossen, die Stege überwuchert, Hof und Gärtchen zur Wildnis ausgeartet, zwischen deren rankendem Gestrüpp eine einzelne Blüte, eine Genziana oder Iris, an die Zeiten erinnerte, wo der Simon sie für die Liebste seines Herzens gepflegt. Die Bienen waren längst ihren Stöcken entflogen, ihr Haus lag in Trümmern, nur der Brunnen rann noch unverkümmert wie damals, und seine abspringenden Tropfen labten die saftigen Kressen, die sich an seinem Rande eingebürgert, seitdem kein Menschenwesen mehr seiner Erquickung bedurfte.

Judith blickte eine lange Weile durch das morsche Pfahlwerk der Heckenpforte. Seit sie ihr Herz vor einem andern entlastet, seit sie jenes laute »Nein« gesprochen und vernommen, empfand sie eine Leichtigkeit, ein friedliches Rastverlangen, das sie seit langen, langen Jahren entbehrt. Ihr graute nicht mehr vor dem gemiedenen Hause; Erinnerung und Hoffnung lockten sie hinein, sie zog den Riegel von dem Gitter und setzte den Fuß in das kleine üppige Gehege. Seit sie ein Kind war, hatte sie es nicht mehr betreten, und sie dünkte sich wieder ein Kind, so neugierig verlangend spähte sie umher. Das Haus war verschlossen, das Fenster undurchsichtig verstaubt, aber sie vermochte sich nicht alsobald loszureißen; dorthin trieb es sie unter die Wermutskiefer am Wegzaun, Simons stolzen Lieblingsbaum als Knabe schon. An dieser Stelle hatte sie ihn getroffen an dem Tage, als der Vater zum erstenmal im Rausch die Hand gegen die Mutter erhoben und das Mädchen mit seinem Schreck und Schmerz zu dem jungen Freunde geflüchtet war. Er tränkte die Nadelstämmchen, welche der alte Waldheger auf dem Wallrand gesät, und sagte – sie hörte es noch, denn es war wohl das letztemal, daß er den kindlichen Trostgedanken ausgesprochen: »Wenn sie Bäume sind, heiraten wir uns, und alles ist gut.« Und sie hatte ihre Tränen getrocknet, ihm das Wasser zum Begießen zugetragen, sich endlich von ihm nach dem Hause zurückführen lassen, das sie in trotziger Empörung je wieder zu betreten verschworen. Jetzt standen die Stämme breit und dicht gleich einer Wand, und der, welcher sie gepflegt –?

Noch regnete es nicht, ein glühender Gürtel schien den Niederschlag zu dämmen; aber die schieferschwarzen Wolken senkten sich tief zur Erde, über eine Weile mußten sie den Gürtel durchbrechen. Die wetterkundige Wirtin überließ sich achtlos der Ruhe eines lastfreien Augenblicks. Sie setzte sich auf den Wallrand unter die niederhängenden Zweige der Kiefer; Geißblatt und Flieder dufteten betäubend in der atemlosen Schwüle; halb im Sinnen, halb in Ermattung schlossen sich die Augen. Sie fühlte jenes elektrische Zucken der Nerven, das nach der Erregung die Schlummerruhe verkündet. »Nein, nein, nein!« flüsterte sie halb schon im Traum.

Aber nach den Laut auf den Lippen schreckt sie zusammen; sie hört einen schleichenden Schritt auf dem Stege jenseits des Zaunes, hört ein Streifen und Rauschen im Gesträuch, und das Auge nach der Richtung gewendet, fühlt sie sich wie gebannt durch einen starren, gläsernen Blick, der durch die Öffnung zweier Äste in das Gehege dringt. Ihre hastige Bewegung scheuchte den Späher. Sie sprang auf, eilte nach der Gittertür und schaute umher. Nein, es war nicht eine Täuschung des Traums, dort floh er, als werde er verfolgt auf dem Wege, drr vom Waldhause nach der Landstraße hinüberführte. Sie hatte sein Gesicht nicht gesehen, den glasigen Strahl gleich einem Schlangenblick mehr empfunden als geschaut, sie sah auch jetzt nur den Rücken des Mannes, wie er dem Karren entgegenrannte, der, etwa fünfzig Schritte entfernt, an einem Baum angebunden hielt, wie er sich hinaufschwang, mit Ungestüm den armseligen Klepper antrieb und, ohne sich umzublicken, mit dem Gefährt zwischen den Hecken verschwand. Eine verkommene, höckerige Gestalt, das Bein schleppend und fremdartig ausstaffiert; im breitkrempigen federgeschmückten Hut, langen, steifen, rotgefütterten Mantel, die Zipfel des Halstuches unter dem breiten weißen Halskragen in der raschen Bewegung flügelartig flatternd. Ein Gaukler ohne Zweifel, der im planenverdeckten Wägelchen seinen Kram zu Markt fuhr. Aber was bedeutete dieser stiere, lugende Blick in das von seinem Wege abliegende fremde Gehege, was diese angstvolle Flucht? Dieser Blick, dieser Blick! – Das Mädchen fühlte einen Schauder bis in das Mark, der flüchtige Friedenstraum war verscheucht.

In mächtiger Aufregung schritt sie den Waldpfad entlang. Das Sterbegesicht ihrer Mutter, das ihrer eignen schlaflosen Nächte und – die Gestalt mit dem verglasten Blick, sie schwammen ineinander zu einem verfolgenden Gespenst. Hatte sie es mit jenem »Nein« heraufbeschworen? Lauerte ein Frevel hinter jenen Nein? Ein Frevel gegen die Natur? – Die Luft war erstickend, aber eiskalte Tropfen perlten auf ihrer Stirn.

Und jetzt steht sie an der Stelle, die sie kaum vor einer Stunde einem Fremden mit Worten vorgemalt: das dunkle Tor, der Damm, der Weidensumpf und das Schrecknis lebt auf vor ihren Augen, grell, wie keine Worte es vormalen konnten. Sie sieht den Sinnlosen, Taumelnden: und sie weckt ihn nicht; sie hört die nahenden Tritte, und sie warnt ihn nicht, scheucht ihn nicht. Hinter ihr die Mannschaft; und sie stürzt ihr nicht entgegen, schreit nicht: »Haltet ein! Dieser Mann ist meiner Treue verlobt und seine Hand ist rein!« Starr vor Entsetzen gleich ihr selber stehen die Bewaffneten, seine eignen Kameraden, die der Zufall als Blutzeugen herbeigeführt, an ihrer Spitze der Hauptmann, dem er bis vor kurzem gehorcht, – der Unglückliche achtet ihrer nicht. Der erste, einzige Blick des Erkennens ist auf Judith, auf sie allein. Er schleudert das Messer von sich, schwankt einen Schritt ihr entgegen, – ist umringt, gefangen. Keine Regung der Abwehr, keine Antwort auf die Frage des Führers: er starrt nur auf sie in traumhaftem Nebel. Und nun das Verhör der Zeugin und das »Ja«, das sich unwiderstehlich zwischen ihren Lippen hervordrängt. Hundertfach deucht ihr der Widerhall dieses Ja in dem dunkeln Gewölbe. Daß es nicht zusammenstürzt unter dem Schall dieses mörderischen Ja! Ja und Ja, und wieder Ja! Ja, sie kannte diesen Mann. Ja, sie hätte ihn spät am Abend allein mit dem Erschlagenen nach dessen Hause gehen sehen; ja, sie hat ihn vor wenigen Minuten unter allen Anzeichen der Schuld in der Nähe des Opfers angetroffen! Dieses Ja rüttelt den Regungslosen aus seiner Erstarrung; er preßt die Hände vor das Gesicht und steht versunken, sinnt, läßt die Arme sinken und blickt wie erwacht. »Trunken, trunken!« murmelt er, tritt auf sie zu und flüstert: »Trunken!« – Sie weicht zurück vor dem Mörderatem. »Judith, Judith!« ruft er schaudernd, verzweifelnd, und kann sich nicht fassen. Noch einmal forscht der Hauptmann in mildem Zweifel. Er schweigt; der andere drängt, und er antwortet: »Ich war im Rausch! Ich war im Rausch!« – Kein Wort darüber.

So gehen sie nach der Stadt; er der Verbrecher, sie die Zeugin, vor ihnen, hinter ihnen die Wache. Vor dem Richter die nämlichen Fragen und das nämliche »Ja«, das nämliche »Ich war im Rausch«. Keine Rechtfertigung, keine Erörterung, keine Verdächtigung eines andern, nicht ein Name wird herbeigezogen. Ohne Trotz, zerschlagen, haltungslos, bleibt er bei dem einen: »Ich war im Rausch!« – Und noch einmal sieht sie ihn wieder, das letztemal. Die Halle gedrängt, Kopf bei Kopf: hier der Ankläger, hier der Verteidiger, die Geschworenen, die Richter und die Zeugen, obenan Judith, die Kluswirtin, die erste, die wichtigste. Ihr gegenüber der Angeklagte totenbleich, aber nicht mehr zerschlagen, haltungslos, nein, hochaufgerichtet und gefaßt zu einem männlichen Entschluß. Die nämlichen Fragen, die nämliche Antwort; die Rede des Verteidigers warm aus dem Herzen, warm zu dem Herzen; hat der Angeklagte ein eignes Wort hinzuzufügen? »Nein!« spricht er aufrecht mit fester, klangvoller Stimme. »Nein, nichts Weiteres. Ich war im Rausch, ich war von Sinnen. Ich kann die Tat getan haben und will sie getan haben, ja, ich will

So nackt und klar hatte Judith diese Szenen nicht wieder nachgelebt, weder im Wachen noch im Traum, wie jetzt im Fluge des Gedankens, als sie, alle Sinne aufgerüttelt, mit ungezügelten Schritten dem Schauplatz von damals vorüberstreifte. Hin durch das dunkle Tor, vorbei dem Gericht und dem hohen, schweigenden Gefangenenhause, hinter dessen Mauern der Unglückliche zehn Jahre lang gebüßt. Grabesstill, ist es hier, kein Laut dringt hinüber von dem wimmelnden Markt. Sie hört nichts als das hämmernde »Nein«, das in ihr aufgewacht in jener Minute, als sie Simon Lauters letztes, unwiderrufliches Wort vernommen – um seit jener Minute nimmer in ihrem Herzen zu rasten.

Nur eine Straße weiter, und sie stand im Getriebe des Tages, und von den beiden in ihr mächtigen Wesen regierte wieder jenes, dem sie vor jedem fremden Auge die Oberherrschaft eingeräumt. Sie faßte sich, zügelte ihre Schritte und erfüllte in besonnener Folge den Zweck ihres städtischen Wegs. Der Sarg für die Tote wurde bestellt, Trauerzeug eingehandelt, bei dem Lehrer Sylvians verzögerte Rückkehr bis nach dem Begräbnisse entschuldigt. Sie hatte sich bis jetzt in stilleren Nebenstraßen halten dürfen, nun war das Gedränge nicht länger zu vermeiden, denn das Haus des Predigers lag am Domhof, dem Sammelplatz des Marktvergnügens.

Als sie sich durch das Budengewühl längs der noch unbelaubten Lindenreihen wand, sah sie ein fahlgelbes Feuer hinter der Wolkenschicht zucken, die schieferfest, einer Säule ähnlich, tief, wie mit Händen zu greifen, über dem Platze hing; trotz des Menschenschwirrens hörte sie ein grollendes Rollen, spürte einen Schwefelbrodem in der atemlosen Luft. Ein Ausbruch drohte mit lange verhaltener Wucht. Doch hoffte sie vor demselben noch das Geschäft bei dem Prediger zu erledigen und in dem Laden ihrer Händlerin einen oder den andern ihrer Dienstleute anzutreffen, um, nachdem das Wetter sich gelegt, den Heimweg in ihrer Begleitung anzutreten. Denn die Dämmerung war im Hereinbrechen, und sie mußte darauf gefaßt sein, ihren Hof nicht vor der Nacht zu erreichen.

Keiner der lärmenden Marktgäste schien indessen ihre Voraussicht zu teilen; nur die fürsorglichen Krämer legten ihre Waren ein und schlossen die Buden. Gekauft wurde ohnehin wenig mehr, seitdem Hofwirte und Wirtinnen den morgendlichen Wochenmarkt verlassen. Der Nachmittag gehörte der Jugend, galt dem Spiel, dem Trunk und Tanz, dem letzten Juchhei. Das schiebt und stößt sich an den Lebkuchenbänken, den süßen Tauschplätzen ländlicher Galanterie! Der Bursche feilscht für seine Dirne um einen braunen Schatz, die Dirne für den Burschen um ein weißes Herz; und nun ein Buchstabieren und Erläutern der aufgeklebten Reime, unverblümte Neckereien, lautschallendes Gelächter, und Arm in Arm gassenbreit voran unter Lust und Schabernack, bis die Sonne sinkt und der Tanz in den Schenken im Schwange geht. Immer dichter wird der Knäuel. »Stück für Stück einen Silbergroschen!« schnarrt der billige Mann. »Stück für Stück einen Mariengroschen!« überbietet ihn sein Nachbar, und so weiter die Reihe entlang. In den Spielbuden um noch kleinere Münzen der lockendste Gewinn, wie gierig die Blicke und glühend die Backen unter Pudel- und Kapselmütze! Die Würfel rollen und – wie tobend Enttäuschung und Jubel! Ein Pfeifenkopf, ein rosendurchwirkter Hosenträger der Magd; ein spruchgeschmücktes Strumpfband dem Knecht; Schachern, Tauschen, Höhnen, Schmunzeln und vorwärts zu neuem Glücksversuch! Die Masse lockert sich. Würzige Düfte, kreischende Anlockungen verkünden ein weibliches Bereich. Hinter mächtigen Tonnen wird der unvermeidliche Hering für den Heimweg in Stroh gewickelt; saftige Würstchen brodeln über dem Kohlenbecken, Solei und Bückling sind Leckerbissen auch bei achtundzwanzig Grad über Null und in Erwartung einer minniglichen Ballnacht; zartere Gaumen locken Magdeburger Schmalzbrocken und holländische Waffeln aus der Pfanne.

Ein Schritt weiter, und das schnurrende Rad des Scherenschleifers bildet den Übergang zu den öffentlichen Schnellkünstlern des Gemeinnutzens: Der Kittenjakob hier, der den zerbrochenen Krug im Handumdrehen heil lötet, der Schmierjokel dort, der den fettigsten Rockkragen wieder blank und neu bürstet. – Der Menschenstrom stockt: die Wunderschau der Raritäten beginnt. Abgerichtete weiße Mäuse und fabelhafte Siebenschläfer; plaudernde Vögel, Vögel in allen Farben des Regenbogens und an Figur doch nicht unterschieden von heimischen Elstern und Spatzen. Wehe ihrer Zierde, wenn der schwarze Kegel da oben sich entladet! Auch Freund Petz zeigt sein Geschick, Kamel und Affe fehlen nicht; an tanzende Hunde schließen sich menschliche Zauberkünstler, Bauchredner und Taschenspieler, die im Lampenqualm der Schenke am Abend ihre Stücke mit eindringlicherer Wirkung wiederholen werden.

Sie sämtlich finden indes nur ein wandelndes Publikum, das im Vorüberstreifen einen Augenblick haltmacht und wenn der Tribut der Verwunderung gesammelt wird, mit lachender Eile vorwärts drängt. Um so brennender die Anziehung des nächstfolgenden Raums; in Tierbuden und Panoramen lösen die Schulklassen sich ab, drängen hinaus und folgen jubelnd den Lockungen der Trompeten und Pauken zu einer Rundfahrt auf dem Karussell. Todesmutig, Rippenstoß um Rippenstoß strebt und ringt die kleine Welt mit der bewaffneten Landesmacht, mit den Fäusten, die Zugstiere und Dreschflegel regieren. Hoch zu Roß, die Beine ausgespreizt, triumphiert die Amazone in der Kapselmütze: den Glimmstengel zwischen den Lippen, wiegt sich der Musketier im bequemen Phaeton, an seiner Seite die ehrwürdige Kindermuhme, den flachslockigen Pflegling, das Püppchen im Arm, auf ihrem Schoß; kein leuchtenderes Augenpaar auf dem Markt als das des barfüßigen Buben, der, an den Schweif des Schimmels geklammert, sonder Schoß und Gebühr sich auf die Rundbahn geschwungen. Schmetternder Tusch! Die Reise beginnt!

Hart an seiner Seite, längs der Nordseite des alten Domes, harren ernstere Marktgenüsse. Feierlich, grauenhaft, Mark und Bein erschütternd ragen die Schauerbilder der blutigen Mordtaten alter und neuer Zeit. Das Gedränge wird lebensgefährlich, Kopf bei Kopf lauscht die Menschenmauer, starr und stumm folgen ihre unverwendeten Blicke dem Stabe des Erklärers. Kaiser und Könige, Priester und Weltbürger, stolze Ritter und zarte Frauen, aber auch arme Teufel, geringes Volk wie die Hörer und Schauer, bluten da oben aus wundenzerfleischtem Leib; Gift und Dolch werden nicht gespart; im Hintergrunde lauern Schafott und Galgen, Folter, Henker und Rad, – lauert vor allem auch die alte heimische »Wyd« des entlarvten Missetäters. Mit kläglichem Tonfall, gereimt und ungereimt wird der alte und neue Pitaval, werden die Schauerlügen der Feme in die Herzen geträufelt; zwischen Bild und Bild, unter obligater Orgelbegleitung, krächzt eine weibliche Stimme die abschließende Moral. Seufzer klagen, Tränen fliehen, ein Schrei entringt sich der geängstigten Brust, das Haar sträubt sich unter Kapsel- und Pudelmütze; aber ohne Mordtaten kein Marktvergnügen, nach dem Schauerkitzel der Mordtaten erst der rechte Jubel beim Schenkentanz!

An all dieser Augen- und Ohrenschau ging die ernsthafte Kluswirtin achtlos vorüber, auch ein Schauerbild im Herzen, aber eines, das noch keinen Erklärer gefunden. So hastig das Getümmel es gestattete, steuerte sie dem Predigerhause zu, das an der Schmalseite des Platzes, dem hohen Kirchenchore gegenüber, gelegen war, eine der säkularisierten Stiftskurien, im Angesichte des katholischen Gotteshauses dem protestantischen Prediger als Dienstwohnung eingeräumt und mit ihren gemeißelten Wappenschildern inmitten der Steinbrüstung der Auffahrt an glänzendere Tage erinnernd, als sie die Nachfahren Doktor Luthers zu genießen pflegen.

Die Reihe der Schaubilder hatte mit den Rücklehnen der Kirchenpfeiler aufgehört; die schmale, stille Gasse, die bis zum abschließenden Kreuzgang den Dom zur Hälfte umkreist, mußte freigehalten werden. Hier aber, dem lutherschen Hause gegenüber, schien sich ein Nachzügler eingerichtet zu haben, dessen schmetternde Einladung einen immer dichteren und dichteren Menschenknäuel an sich zog. Noch hatte die Darstellung nicht begonnen, der vorläufigen Ankündigung folgte das Ausbieten der gedruckten Textexemplare, anlockend durch die Hälfte des üblichen Preises. Dennoch aber war das Publikum nicht geneigt, die Katze im Sack zu erstehen; keine Hand regte sich nach den vorgehaltenen Bogen, bis man sich durch den mündlichen Vortrag von seinem Grauen- oder Tränenwerte überzeugt, während dahingegen aller Augen in einem Ausdruck der Überraschung oder Vorahnung nach dem Bilde gerichtet waren, das auf dreifüßigem Gestell vor ihnen aufgerichtet stand. Man staunte, deutete, munkelte, winkte einander herbei, schüttelte die Köpfe und drängte immer näher und näher.

Judith merkte nichts von diesem auffälligen Gebaren; das Bild wie seinen Erklärer deckte die lebendige Mauer, durch die sie sich wand, und das, was lichtscheu und lichtverlangend zugleich in ihrem Innern wühlte, stumpfte sie ab für jede Erregung der Phantasie. Von einer Menschenwoge erfaßt, wurde sie Schritt für Schritt die Rampe hinangetrieben, deren Erhöhung den günstigsten Aussichtspunkt gewährte, und hatte schon die Hausklingel gezogen, als die Stimme des Ausrufers ihr Ohr erreichte: »Freund für Freund! Eine stumme Heldentat, so auf Roter Erde sich zugetragen. Wer Ohren hat zu hören, der sperre sie auf, wer ein Herz hat zu fühlen, der öffne sein Herz! Horcht, horcht, schaut, kauft! Freund für Freund auf Roter Erde!«

Die Stimme war die eines Schwachen, der sich anstrengt stark zu sein, der Akzent ein fremdländischer, beide, Klang wie Laut, der lauschenden Kluswirtin unbekannt. Dennoch stockte ihr Atem. Der Titel, die hochgeschraubte Anlockung, ein fistulierendes Heben des Tons – sie fühlte unwillkürlich wieder den gläsernen Strahl in der Tannenwand und kämpfte mit vollen Kräften um einen freien Blick auf das Bild und seinen Erklärer. Aber sie kämpfte vergeblich; die Tür wurde durch einen Druck von oben geöffnet, und sie betrat die Predigerwohnung in so unruhiger Beklommenheit, daß sie sich eine lange Weile auf den Zweck ihrer Vorsprache besinnen mußte. – Sie fand ihren Seelsorger im Familienkreise geistlicher Amtsbrüder, welche den zerstreuten protestantischen Gemeinden im nördlichen Umkreise vorstanden und samt Frauen und Kindern stundenweit zu Marktkauf und Marktschau gekommen waren. Er hatte daher wenig Muße zu Teilnahmsbezeugungen, und die Angelegenheit war mit kurzen Worten beendigt. Der heißen Witterung halber schon am übernächsten Morgen sollte die Beerdigung stattfinden, selbstverständlich ohne ein Jota von den Ehren und Rechten eines im gereinigten Glauben verschiedenen Gemeindemitgliedes aufzugeben oder die Bereitwilligkeit des katholischen Pfarrers höher als eine zuständige Gebühr anzuschlagen.

Zu einer anderen Stunde würde die sinnvolle Kluswirtin das Haus nicht verlassen haben ohne betrachtenden Vergleich dieser geschäftlichen, nur im Proteste eifrigen Abfertigung eines Zugehörigen mit der milden Eingänglichkeit des Fremden, dem sich in der ersten Stunde ihre Seele erschlossen; möglich auch, daß der Einfluß oder der Mangel an Einfluß jener sich auf das Amtliche beschränkenden Kürze auf ihr eignes Gemütsleben ihr nicht entgangen wäre. Heute dachte sie nichts als: »Hinunter, hinaus, Aug in Auge dem Bildermann des ›Freund für Freund‹.« Während ihres Verhandelns hatte sie, heimlich nach der Straße hinunterlauschend, einen einleitenden Sang vernommen, dem Wortlaute nach ihr unverständlich, heiser, krächzend, und statt der üblichen Orgel von einer Violine begleitet. Sie stürmte die Treppe hinab und öffnete die Tür mit zitternder Hand; der Sang war verstummt, und die Geigenbegleitung schloß in dem Augenblick mit einer eigentümlich schrillen Figur, die das Blut in ihren Adern stocken ließ. Sie hatte diese mißtönige Melodie schon gehört, oftmals, vor langer Zeit, dann nicht wieder; wie die Zauberformel einer fremden Sprache wachte sie auf in dem unmusikalischen Ohr und spornte die Kräfte zu unwiderstehlicher Anstrengung.

Ein Platz nahe der Brüstung war errungen, der Geigenspieler aber von dem Gewühl unter der Rampe gedeckt. Ihr Blick streifte das Bild, das auf gleicher Höhe mit ihrem Stand, kaum zehn Schritt von demselben entfernt, trotz des Wolkendunkels noch deutlich erkannt werden konnte. Nicht auf Wachsleinwand, sondern in starken Umrissen auf Pappe gemalt, nahm es einen umfänglicheren Raum ein als die Nachbarstücke, wie es denn auch durch die grell aufgetragenen Farben schon von weitem in die Augen sprang. Nicht minder unterschied sich die Anordnung von der gewohnten, indem die Fläche, statt in viele kleine Felder mit liliputischen Figürchen zu zerfallen, der Breite nach eine doppelte ineinandergreifende Handlung darstellte, in welcher die nämlichen drei Gestalten in halber Lebensgröße, und daher von sich einprägender Wirkung, vorgeführt wurden. Über und unter diesem Hauptfelde boten in verjüngtem Maßstäbe zwei sehr verschiedenartige Landschaftsbilder gleichsam Eingang und Abschluß. Oben: ein stattliches Ziegelhaus in sichtlichem Verfall, grüne Lauben und ein Schenkenzeichen vor der Tür, durch welche ein junger Stutzer, Stock und Wandersack in der Hand, das bunte Taschentuch vor die Augen gepreßt, mit den Gebärden der Verzweiflung seinen Ausgang nimmt. Unten: ein wildbrausendes Meer, ein strandendes Schiff, als Staffage aber an unwirtlicher Felsenklippe der nämliche Stutzer halbnackt, ein Skelett, und mit dem Unterteile bereits im Rachen einer grauenhaften Bestie, die, halb Schlange, halb Tiger, aus den Wellen lugt und den händeringenden Burschen im nächsten Augenblicke verschluckt haben wird.

Der Haupteindruck indessen, wie gesagt, wird durch das große Mittelstück hervorgebracht, auf welchem der stutzerhafte Held in Gesellschaft zweier andern in Handlung tritt. Der eine im gegürteten Faltenkittel und schwarzen Bergmannsschurz, groß, schlank, schön, die buchstäblich goldenen Locken gleich einer Cherubsglorie auf dem Haupte in die Höhe strebend; der andere kurz, dick, rot wie der Krebs, mit violetter Kartoffelnase und hellgrauem Rock und Hut; alle drei sichtbarlich erhitzt, und zwei von ihnen, der Held und der Graurock, in einem Ringkampfe sinnloser Wut. Die Szene ist wieder im Freien. Blutiges Morgenrot, eine kahle, glatte, gradlinige Erhöhung, auf welcher zwei schwarze Streifen eine Bahnschiene bezeichnen mögen. Zu ihren Füßen spinatgrünes Gestrüpp. Der Gegenstand des Haders scheint ein weiblicher Schattenriß, welchen der Graue dem Helden zu entreißen sucht, während dieser ihn dem mit dem Schurzleder entgegenstreckt. Ein handfester Stoß des Grauen bringt den armen, auf seinen Füßen nicht sicheren Cherub in Taumel. Gnade ihm Gott! Rollt er die Anhöhe hinab, bricht er den Hals; der Held aber wird ihn rächen; schon ist sein Reisedolch gezückt nach des wütenden Graurocks Brust. Auf der zweiten Hälfte des Bildes die nämliche Szene. Die Sonne steht hell am Himmel; unten im Gebüsch liegt der Graue, mit Blut beschmiert, den Dolch in der Brust, eine Leiche; neben ihm kniet der Cherub, die Hände gefaltet, von einer Söldlingsschar umringt, die den lammstillen Dulder in Ketten schlägt. Am äußersten Ende der Erhöhung ein Dampfzug, voran die glühende Maschine und der Held, gesträubten Haares, mit weitausgespreizten Schritten und den Gebärden des ewigen Juden ihm entgegenstürzend.

Alles das, was viele Worte doch nur halb beschrieben, das Absichtliche, Übertriebene, nur für die eine Beschauerin Charakteristische der Schilderei, das war in einem einzigen Blick, einem Augenaufschlag wie mit glühender Platte ihrer Fassung eingegraben. Im nächsten Moment lag das Gestell umgestürzt am Boden. Ein Wirbelwind hatte jach die regungslose Luftschicht durchbrochen, ein krachender Stoß die leichte Budenwelt geschüttelt. Der Geigenspieler, sein Instrument unter dem Arm, stürzte hervor, das Kunstwerk zu retten. Eine verkommene, höckerige Gestalt, hinkend, in flatterndem, rotgefüttertem Mantel, den Kragen von steifem Papier breit darüber geklappt. Ein Windstoß führte den Federhut hoch in die Luft, der Kopf ist kahl wie eine Hand, das Gesicht lederartig gelb, mit bläulicher, dünner Nasenspitze, und einem schwarzen Ziegenbart bis auf die Brust hinab; er hat nur ein lebendiges Auge und das nicht weniger vorstehend als das zweite, das künstlich von Glas in die leere Höhle gedrängt ist.

Wieder nur ein einziger Augenblick! – Ein gellender Schrei aus einem Weibermunde erstickte in einem donnerkrachenden Aufrufe der Natur, in tausendstimmigem Gekreisch. Es ist plötzlich Nacht geworden; der Wolkenkegel schießt zu Boden; die Domglocken rühren sich wie von Dämonenhand geläutet, der Platz zu Füßen steht verwandelt in einem See, aus welchem das Wrack des Bretterbaues emportaucht, seine Leinendächer gleich Segeln vom Sturme zerfetzt in die Lüfte wirbeln. – Im Nu war die Tür des lutherischen Hauses in Stücke getreten; Judith sah sich inmitten eines drängenden, ringenden, ächzenden, schreienden Getümmels.

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