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Judith die Kluswirtin

Louise von François: Judith die Kluswirtin - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorLouise von François
titleJudith die Kluswirtin
publisherGauverlag Bayreuth GmbH.
addressBayreuth
seriesBayreuther Feldpostausgaben
volume
printrun
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year1944
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
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Erweckung

So still war es noch zu keiner Zeit in der stillen Klus gewesen als während der Stunden, welche diesem Schreckensende folgten. Ja, Totenstille! Kein Laut der Klage oder des Trostes zwischen den beiden Lebendigen, kein Seufzerhauch; nicht ein Fußtritt hörbar, die Handhabung leise wie von Geisterhänden!

Wenige Minuten besinnungslosen Entsetzens, und die Tochter erhob sich vom Boden neben der Hingeschiedenen, richtete sie in die Höhe und trug sie auf ihren Armen in die Nebenkammer. Sie drückte ihre Augen zu, netzte und kleidete sie, bettete sie auf dem gewohnten, mit frischen Linnen verhüllten Lager; alles sonder Zeugen oder Hilfe. Der Knabe saß regungslos im Zimmer, betete und brütete über das Unbegreifliche. Und da liegt sie nun, die Frau mit dem guten Herzen, in ihrem Nachtmahlsstaate, die Hände gefaltet über dem Bibelbuche auf ihrer Brust, und die Tochter sitzt neben ihr auf dem Bettrande und starrt trocknen Auges mit einem Blick des Neids, jawohl des Neids, in den Frieden, das milde Entzücken der Züge, die manchen von uns auf einem Totenantlitz zwischen den Stunden der Erlösung und Erstarrung mit Himmelreichsahnung getröstet haben.

Ohne eine Muskel zu regen, ohne deutliches Fühlen und Denken, nur einen sengenden Punkt im Herzen, saß sie lange, sie wußte nicht wie lange, als die Tür leise geöffnet ward und Sylvian in die Kammer geschlichen kam. Bleich und bebend beugte er sich über die tote Gestalt, Mund und Hände mit seinen Küssen und strömenden Tränen bedeckend. Erst dieser kindlichen Rührung gegenüber erwachte die Tochter zu dem Gefühl ihrer Verwaisung. Wohl hatte sie Mutterwillen, Mutterlehre und Schutz wenig gekannt und mütterliche Zusprache selber schon lange eingebüßt, damals, als nach der Sterbestunde des Sachsenwirts, unter mächtig andrängenden häuslichen Wirrnissen ein jäher Schlag den Geist der schwachen Frau gelähmt. Sie hatte nur den Leib noch gepflegt wie den eines kranken, hilflosen Kindes. Auch der Leib war jetzt dahin, Band und Pflicht für die Vergangenheit gelöst. Nein, nicht die Pflicht, solange die tote Gestalt noch über der Erde ruhte. Der letzte Gang ist ein Ehrengang und vieles, schweres herzurichten, was ihr jetzt erst klar vor die Augen tritt.

Und sie entbehrte jeder helfenden Hand. Sie würde ihrer entbehrt haben, auch wenn Knecht oder Magd nicht zufällig von dem Hofe entfernt und ihr Bruderssohn älter und erfahrener gewesen wäre. Sie, das Kind dieses Bodens, war eine Fremde unter seinen Bewohnern; sie hatte keinen Blutsfreund, keinen Glaubensgenossen in der Gemeinde, sie mußte sich selbst zu dem schweren Weg rüsten, den sie zehn Jahre lang gemieden und dessen qualvolle Eindrücke sie nach dem erschütternden Erlebnisse mit verdoppelter Schärfe im voraus fühlte. Aber sie schwankte und zögerte nicht. Entschlossen stand sie auf und verließ die Totenkammer. Sylvian folgte ihr. Zaghaft faßte er ihre Hand und fragte mit niedergeschlagenen Augen und kaum hörbarer Stimme: »Was die Großmutter im Sterben sah, Muhme Judith, was sie sagte, das Schreckliche –« – Sie ließ ihn nicht zu Ende reden. »Ein Wahn des Todeskampfes«, fiel sie ein. »Aber frage nicht weiter, Sylvian, nicht heute und morgen, da sie noch über der Erde ruht. Später.« Sie gab ihm darauf einige häusliche Anweisungen für die Stunden ihrer Abwesenheit und machte sich ohne Aufenthalt für den Gang bereit.

Sie hatte nicht erst Trauerkleider anzulegen, nur ihren Anzug säuberlich herzustellen und Kopf und Nacken gegen den Sonnenbrand durch ein weißes Linnentuch zu schützen, das ihr das Ansehen einer Nonne gab. Schon ruhte ihre Hand auf dem Drücker der Haustür, als Sylvian noch einmal hinter ihr stand. »Nur eines«, so flehte er mit aufgehobenen Händen, »eines, Muhme Judith, sage mir – daß ich Ruhe finde. Ist eine Missetat in diesem Hause geschehen, – oder – von denen meines Bluts, – für die ich zum Heiland um seine Barmherzigkeit bitten muß?« – Ihr Blick ruhte düster am Boden, die Antwort kostete ihr einen Kampf. Nach einer Pause sagte sie mit ungewohnt hastigem und schneidendem Klang: »Bete, Sylvian, bete! Irrtum und Schmach sind reichlich in diesem Hause abzusühnen. Auch für einen Missetäter bete, – aber – nicht für einen – deines Bluts.« Sie schlug die Tür in die Angel und stürzte über den Hof, getrieben von einem bösen, ihre Worte strafenden Gesichte. Das Gesicht ihrer Mutter im Todeskampfe, das ihrer eignen Träume und tiefvergrabenen, als Frevel gebannten, nächtlichen Gedanken! Draußen im Freien atmete sie auf. Sie stand eine Weile gewaltsam mit sich selber ringend und nahm dann raschen Schrittes die Richtung nicht nach der Stadt, sondern innerhalb ihrer eignen Flur den dörflichen Feldweg entlang.

Gewohnt, wie sie war, sich zu dem Nächstliegenden zusammenzufassen, stand ihr auch heute die Reihenfolge ihrer Obliegenheiten klar vor Augen. Zuvörderst die Anmeldung bei dem Gemeindepfarrer und die Unterhandlung hinsichtlich der Begräbnisfeier. Solange sie zurückzudenken vermochte, war kein Andersgläubiger in dem katholischen Kirchspiele zur Ruhe getragen worden; sie kannte Person und Sinnesweise des Pfarrers, der seit etlichen Jahren das Gemeindeamt versah, nur von der Kanzel und aus den Lehren, welche Sylvian vom Schulunterrichte heimgetragen. Predigt wie Lehre waren die mildesten; aber Judith, die Kluswirtin, hätte auch das Herz dazu gehabt, allenfalls gegen harten Widerstand die letzte Pflicht gegen ihre Mutter – ehrendes Grabgeläut, Segen und Trauerrede eines Geistlichen ihrer eignen Kirche durchzusetzen. Denn so harmlos treuherzig wir uns die alte Sachsenwirtin im nahen wie fernen Verkehr mit Andersgläubigen vorstellen dürfen und so zutätig sie in ihrer guten Zeit den vormaligen Gemeindepfarrer mit dem Besten ihres Haushalts bedient, sooft er als Seelsorger von Mann und Sohn auf dem Klushofe eingesprochen, nicht um die Welt würde sie dem Meßopfer in einer päpstlichen Kirche beigewohnt, ihre Knie vor einem Tabernakel gebeugt haben, unter einer Gemeinde zumal, in welcher sie um ihren reinen Bibelglaubens willen mißachtet, wohl gar, heimlich und laut, ihr, der Ketzerin, der Verfall des Erbes und der Familie zur Last gelegt worden war. Es gibt einen Punkt, auf welchem auch der Schwache unbeugsam ist, und je schwächer häufig, desto mehr.

Aber auch die freier denkende, stärkere Tochter war entschlossen, nicht von einem innerlichen Rechts- und Ehrenpunkte abzulassen, und so fühlte sie sich denn keineswegs im unklaren überrascht, als ihr, in die Dorfstraße einbiegend, der, welchen sie aufzusuchen im Begriffe stand, scheinbar lustwandelnd entgegentrat, vielmehr kam es ihr erwünscht, die möglicherweise peinliche Angelegenheit ohne zufällige Zeugen und, wo es ihr jederzeit am wohlsten war, unter dem freien Himmel ihres eignen Reviers abzusprechen. Sie trat zur Seite und neigte sich ehrerbietig, wie sie es jederzeit auf dem Kirchwege, den rechtmäßigen Pfarrkindern gleich, getan, redete ihn darauf in bescheidener Fassung an, indem sie das Abscheiden der Mutter meldete und um ein Begräbnis nach dem Brauche ihrer protestantischen Religionsgenossen auf dem Gemeindefriedhofe bat.

Der geistliche Herr, dem Alter näher als der Jugend, aber nach Farbe, Gestalt, Ausdruck und Habitus unverkennbar ein Sohn jenes nördlichen Gebietes der Roten Erde, dessen Lüfte den Traum der Kindheit auf dem Antlitze festzubannen scheinen, war einer der Begnadigten seines Standes, deren geistiges und leibliches Wohlgefühl ungesucht sich spröden oder zagenden Herzen mitzuteilen pflegt. Schon daß er bedächtig, in Pausen, mit den getrennten provinziellen Zischlauten redete, heimelte die rein und fließend, gleich einer Hochgeborenen sich äußernde Bäuerin vertraulich an, und der warm sich in den ihren senkende Blick des großen, ein wenig vorliegenden, hellblauen Kinderauges gab ihr die Beruhigung einer ernstgemeinten Teilnahme, ohne das Mißbehagen lästiger Neugier zu erwecken, das lebhaftere, nicht minder wohlwollende Naturen selten vermeiden, wenn sie uns fragend und forschend gegenübertreten.

»Das sächsische Mutterchen heimgeschieden, o weh!« sagte er, der Bittstellerin herzlich die Hand drückend. »Nun, Gott der Herr bereit' ihr eine gesegnete Urständ! – Euch aber, brave Tochter, fülle Er in Liebe die leere Stelle. Denn, wenn ihr unsterblich Teil auch lange vor dem sterblichen in Schlummer gefallen ist, es war doch immer noch das Mutterleben, gelt? und ein gut's End eigen Leben, ich weiß, ich weiß! – reißt mit dem alten Faden ab. – Und mein Sylv, mein Sylv!« so fuhr er nach einer Stille fort, in welcher Judith die ersten Tränen um ihre Verwaisung getrocknet, – »der noch niemalen ein Auge brechen sehen, ja, ja, ein Gebet mit seinem alten Lehrer tut dem frommen Herzchen gut. Ist's Euch genehm, Jungfer Wirtin, so wandeln wir den Weg nach Eurer Klus zurück und ratschlagen mitsammen hier unter Gottes Himmel, was in Eurer Angelegenheit zu beschaffen ist.« – So gingen sie denn zwischen den Hecken des Feldstiegs, der katholisch Geweihte und die ketzerische Gemeindetochter hart an seiner Seite; denn als die letztere bescheidentlich einige Schritte zurückbleiben wollte, winkte er sie zu sich heran und rief: »Hübsch hier neben mich, liebes Kind! Die Worte fließen noch einmal so leicht, wenn eines dem anderen dabei ins Antlitz schaut.«

Es entspann sich darauf das folgende Zwiegespräch: »Das selige Mutterchen war von Geburt – nun das versteht sich ja – ein Sachsenkind! Ich meine: sie war von Herzensgrund eine Luthersche?« hob her Pfarrer an, indem er nach Art seiner landsmännischen Glaubensbrüder die erste Silbe des Wortes Lutherisch betonte. – »Von Geburt und Herzensgrunde, ja, Herr Pfarrer«, antwortete Judith. »Und hat die heilige Zehrung, so wie die Euren sie darreichen, mit auf den Weg genommen?« – »Am Karfreitag zum letztenmal, Herr Pfarrer.« – »Und Ihr mit ihr, Jungfer Wirtin?« – »Ich allein mit ihr in meinem Zimmer, wie alle Jahre.« – »Wie soll ich es mir aber auslegen, liebes Kind, daß ich Euch, seitdem ich diesem Amte diene, andächtig und regelmäßig an Sonn- und Festtagen –- außer denen, die wir Katholischen vor Euch voraus haben freilich – in unserer Gemeinde wahrgenommen?« – »Herr Pfarrer, ich bete in der Christengemeinde, in die ich von Gott mit meinem Vatererbe eingestellt worden bin, und habe allezeit durch des Herrn Pfarrers Lehren mich in meiner eignen Heilsordnung gestärkt gefunden.« – »Und ist niemalen eine Anwandlung, ich meine so ein Spüren heimlicher Sehnsucht über Euch gekommen, Euch auch mit dem Bekenntnis in Eure Vätergemeinde einzustellen?« fragte der Priester ein wenig eifriger, und das Mädchen antwortete ein wenig trotziger denn bisher: »Herr Pfarrer, ich bin dem Bekenntnis meiner Mutter nach dem Landesgesetze vor Taufstein und Altar zugeschworen.« – »Aber der Sylv, Euer Bruderskind, bei dem Ihr Elternstelle vertretet?« forschte jener mit einem bedenklichen Seitenblick. – »Der Sohn meines Bruders steht mit dem nämlichen Rechte auf des Vaters Seite und wird ohne Anfechtung in seiner Väter Glauben herangezogen«, versetzte die Kluswirtin, ein kaum merkliches Lächeln auf den Lippen.

Nachdem der geistliche Herr auf diese Weise sein Gewissen beruhigt, gab er nach einigen weiteren ähnlichen Fragen seinen endgültigen Bescheid in den nachfolgenden, mildheiteren Worten: »Nun denn, liebe Tochter, so ladet Euren lutherischen Beichtiger ein, dem alten Mutterchen, die letzte Erdenklus nach seinem Glauben einzusegnen; und weil Euer Bruderskind seinen leiblichen Vater nicht zur Stelle hat, so will ich, als sein geistlicher Vater, dem Verwaisten an die Gruft seiner Ahne das Geleite geben.« – Judiths Augen hatten sich gefüllt und die bleichen Wangen gefärbt. »Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen«, sagte sie leise, indem sie sich niederbückte, um seine Hand zu küssen. Ja, sie war einen Augenblick versucht, das Knie vor ihm zu beugen, denn das verschlossene Herz begriff in diesem Augenblicke, wie die Beichte nur einem wahrhaften Gottverkünder eine belastete Menschenseele zu erlösen vermöge. – »Laß gut sein, laß gut sein, Kind!« rief der Pfarrer, seine Hand zurückziehend und sie freundlich auf die Schulter klopfend. »An welcher Stätte sollen Christenmenschen sich denn vertragen lernen, wenn's nicht einmal an einer Grabesstätte ist?«

Er ließ hiermit den leidvollen Gegenstand fallen und bemühte sich, die Vorstellungen seiner Begleiterin in eine erheiternde Bahn zu lenken, indem er, als ein sachverständiger Bauernsohn, wie er sich nannte, den vor allen anderen wohlbestellten Stand der Klusflur, zwischen welcher sie wandelten, lobpries. »Der Tausend, wie ist nur das Schenkentöchterchen zu dieser Bauernwissenschaft gekommen?« rief er aus. – »Es hat mir im Blut gelegen, Herr Pfarrer«, versetzte Judith, »und unser Herrgott gab das Gedeihen.« – »Unser Herrgott – nun freilich, freilich! Indessen zwischen eines Menschen Neigung und dem Segen von oben liegt noch ein Spatium, das –.« – »Ich hatte meinen Kopf darauf gesetzt, Herr Pfarrer.« – Der geistliche Herr lachte. »Lutherscher Dickkopp!« sagte er mit dem Finger drohend. »Aber nichts für ungut, Kind. Weiß gar wohl, daß Doktor Luther nicht der Töpfer gewesen für diesen Ton. Rote Erde heißt Eisenerde und gibt fest Gefäß. Nur nicht allzu fest, Jüngferchen! Dem Topfe ein Deckelchen aufgesetzt, daß das Beste nicht überläuft oder heimlich verdampft.« –

»Ich verstehe den Herrn Pfarrer nicht.« – »Ei nun, ei nun, das Mütterchen hinüber, Haus und Herze leer, wie wär's mit einem Herrn, einem Oberherrn?« – »Heiraten, meinen der Herr Pfarrer?« – »Heiraten, nun freilich, heiraten, Jungfer Wirtin.« – »Ich werde niemals heiraten, niemals!« – »Halt, halt! Nichts verreden, Kind. Verreden heißt: nicht wollen wollen. Annoch ist man in den Jahren, da das Herz seine Stimme führt. Und wenn nun Gott der Herr im Herzen spricht: ich will?« – »Gott will es nicht, Herr Pfarrer«, entgegnete das Mädchen mit finsterer Stirn, aber so überzeugendem Klang, daß der fromme Mann auch diesen Gegenstand fallen ließ.

»Das schöne Anwesen«, meinte er weiterhin, »so hübsch rund beieinander! Wir Bauern bei der Arbeit denken an unsern Erben. Euer Bruder, wenn er eines Tages zurückkehrt –.« – »Er wird schwerlich zurückkehren, Herr Pfarrer.« – »Hat er so gar nichts von sich hören lassen, seitdem er von Euch geschieden?« – »Niemals ein Wort.« – »Und der Sylv ist Euer einziger Blutsverwandter hierzuland?« – »Mein einziger.« – »Der Tausend, Mosjö Sylv! wächst die Klus so fort, wirst du ein Herrenleben führen deiner Zeit!« rief der Pfarrer, sich vergnügt die Hände reibend; aber seine Begleiterin stimmte ihn herab, indem sie trocken entgegnete«: »Sylvian wird keinerzeit der Kluswirt werden, Herr Pfarrer.« – »Anjetzo bin ich's, der Euch nicht versteht, Jungfer Wirtin.« – »Er hat nicht Bauernsinn und Geschick, und wenn er es hätte – ich will es nicht. Er soll studieren.« – »Geistlich werden?« fragte der Pfarrer, merklich belebt. – »wenn er seine Reife hat und das Herz ihn dahin treibt, meinethalben, vorderhand soll er lernen und freie Wahl haben.« – »Lutherscher Dickkopp!« schalt der Pfarrer von neuem mit gutmütigem Lachen. »Aber warum seid Ihr so widerhaarig gegen ein Bauernleben, Jüngferchen, da Ihr doch selber von Herzen eine Bäuerin scheint? Mit dem Handwerk heißt das, mit dem Mundwerk ei bewahre!«

Judith zögerte eine Weile, ehe sie Antwort gab. Indessen schien sie zu fühlen, daß der geistliche Herr ein Anrecht zu der das Wohl seines Pfarrkindes betreffenden Frage gehabt, und so erklärte sie sich, anfänglich stockend und mit niedergeschlagenen Augen, in eingänglicherer Weise als bisher über diesen peinlichen Punkt. »Um seines – Vaters Willen, Herr Pfarrer«, sagte sie, »und um seiner Mutter willen, die als eine – Gaukelspielerin im Lande bekannt gewesen. Schon sein Name mahnt an die Fremde, und daß er ein dunkles, schwächliches Ansehn trägt, und dann – wer kann wissen –. Nein, nein, Herr Pfarrer, die Nachbarn würden ihn nicht als ihresgleichen schätzen lernen. Es braucht einer einen harten Kopf, um als ein Fremder unter Bauern fortzukommen. Ich habe es erlebt an Vater und Mutter. Ein jeder Stand hat seine Ehre, Herr Pfarrer, und der Bauer hält auf reines Blut. Höher hinauf soll's anders sein in der Welt. Da fragen sie nicht woher, aber wohinaus? und wenn einer was hat und was kann, vergönnen sie ihm seinen Platz.«

Wie, wenn nur die erste harte Eisschicht durchbrochen, Welle für Welle das Bachwasser seinen Lauf nimmt, so mit dem lange verschlossenen Quell der Gedanken, dem Schicksal oder Anteil den ersten Tropfen entlockt haben. Ein halbschmerzliches Lächeln spielte um die Lippen der schweigsamen Wirtin, als sie nach diesem Erguß die verwunderten Blicke ihres Begleiters bemerkte, »Woher ich das genommen habe, Herr Pfarrer?« sagte sie; »die Klus war ein Wirtshaus ihrer Zeit, darin sich manches lernt, Gutes und Schlimmes; jetzt ist sie wie eine Klause, und Klausner kommen auf vielerlei Gedanken. Der Sylvian soll hinaus und mit etwas Neuem einen Anfang machen.« – »Und Ihr derweile, seltsames Mädchen?« fragte der Pfarrer. – »Ich helfe ihm zum Anfang, Herr Pfarrer«, antwortete sie, »und ich schaffe, was eines Tages Eignen oder Fremden zugute kommen wird. Ein anrüchiges Haus bringt keinen Segen.«

Beide sprachen kein Wort weiter, bis sie das Hoftor erreichten; schweigend, mit gesenkten Blicken gingen sie nebeneinander her. In dem geistlichen Herrn kämpfte ein weiterforschendes Verlangen sichtlich mit rücksichtsvoller Schonung, und auch das Mädchen rang zwischen Trieb und Scheu einer tiefer schneidenden Mitteilung; beider Gedanken steuerten, ohne daß sie es ahneten, nach dem nämlichen Ziel. Unter dem Tore hielt sie plötzlich still, indem sie krampfhaft nach dem Herzen faßte, brach aber ab, schüttelte heftig den Kopf und ging voran. – Der freundliche Gast lehnte es ab, als ihm die Wirtin das Geleit in die Räume des Hauses geben wollte; ein Gewitter ziehe sich zusammen, meinte er, und es sei gut, die Sache in der Stadt sobald als möglich zum Abschluß zu bringen. Als Judith aber, seinem Rate folgend, ihre Schritte nach dem Tore zurücklenkte, munterte er sie auf, den duftigen Waldweg im Schatten der Bergwand der sonnenglühenden Landstraße vorzuziehn. Sie zögerte und blickte mit einem Ausdruck zwischen Verlangen und Grauen nach der Gegend des Forstes. Ein Zufall entschied. Wirbelnde Staubwolken und der Lärm truppweise zum Markte ziehenden Volks drangen von der Straße herüber; rasch entschlossen schlug sie durch Garten und Kamp die heimlich einsame Richtung ein.

Seltsame Widersprüche kreuzten sich in ihrer Brust. Der lang gemiedene Pfad schreckte und lockte sie zu gleicher Zeit; sie fühlte ihr Herz im Schmelzen und hätte es umpanzern mögen vor den Eindrücken, die ihrer harrten; sie wollte keine Zeugen und spürte doch wieder nahezu ein Bangen nach dem tröstenden Menschen, der sie soeben verlassen. In dieser Unruhe hörte sie einen nachfolgenden Schritt, und als ob das Schicksal ihr die ausgleichende Bahn bezeichnen wolle, sah sie, kaum daß sie den Kamp betreten, den ersehnten Tröster wieder an ihrer Seite stehn. Auch er vermochte einen Anflug von Verlegenheit nicht zu verbergen, da er sich noch einmal unerwartet in diesem zweiten Gehege der Kluswirtschaft einführte; er habe, so sagte er, von der Straße aus oft mit Herzenslust den kräftigen Wiesenhang angeschaut und nehme nun die Gelegenheit wahr, sich die künstliche Berieselung, durch welche eine wüstliegende Rodung so nutzbringend verwertet worden, ein wenig in der Nähe zu betrachten.

Und in der Tat, einem Liebhaber ländlichen Wesens mochte die Waldwiese, die sie jetzt nebeneinander durchwandelten, eine anmutende Augenschau gewähren von der Berglehne im Rücken weit hinab über die Aue bis zum Flussesufer. Schmale Gerinne, aus einem Quelle am Forstsaume sickernd, befeuchteten den Grund für einen Gras- und Kleewuchs, der eben im frischesten Maiensafte stand; die Linnengewebe des vergangenen Jahres lagen, bei der sprichwörtlichen Treue der Gegend, Tag wie Nacht ohne Wächter zum Bleichen ausgebreitet; in besonderer Umhegung, von welcher ein sich absenkender Pfad nach der Tränkquelle leitete, lagerten die heute freigelassenen Tiere des Hofes, Musterstücke ihrer Art vom ostfriesischen Rind bis zum landestümlichen Borstenvieh; ein Weidengebüsch am Rande der Wassergrube, mit den niederhängenden, frühbelaubten hellen Zweigen sich gar angenehm gegen den bräunlichen Waldeshintergrund abhebend, hielt die Sonnenstrahlen fern und die Quellenkühle fest; eine also umschattete Rasenbank hätte nicht an einem einladenderen Platze der Gegend angebracht werden können.

Keine dieser Wahrnehmungen entging dem geistlichen Herrn, und für keine mangelte ihm ein anerkennendes Wort. Er klopfte über den Plankenzaun hinweg die glänzenden Weichen der Rinder, verhieß lächelnd, den Sylv zum Benetzen des Linnens anzuhalten, wenn nicht in Bälde der Himmel selber diesen Dienst übernehmen werde; vor allem aber pries er die geschickte Anlage des Borns an einer Senkung, wo die absickernden Bergwässer, statt eingeschlossen zu versumpfen, den mäßigen Quell verstärkten, und endlich, einer hinter diesem heitern Bezeigen lauernden Absicht nachgebend, fragte er mit einem raschen Blick auf seine Begleiterin: »Die Anlage rührt von dem Quellensimon, gelt?«

Das war nun zum drittenmal an diesem Tage, daß der Name des Quellensimon unerwartet wie ein Blitz in des Mädchens Seele schlug; aber wie weit weniger heftig war die Erschütterung, seitdem das Herz sich einem milden Vertrauensbedürfnis geöffnet hatte. Nur einen Moment stand sie regungslos; dann neigte sie bejahend den Kopf, und auf die weitere Frage, ob sie den Simon gekannt, antwortete sie schon gefaßt und mit bedeutungsvollem Ausdruck: »Ja, ich kannte ihn.«

»Schau, schau, wie weißschäumend diese Bläschen in die Höhe perlen«, hob nach einer Pause der geistliche Herr wieder an, indem er sich auf die Rasenbank niederließ und in den Brunnen zu seinen Füßen blickte. »Der Quell muß tief liegen, aber trefflich, trefflich, diese Leitung! Ich habe ähnliche in der Gegend gesehen, sämtlich nach des Simon Angabe. Das Volk nennt ihn einen Quellenfinder, schreibt ihm einen leiblichen Blick in die Tiefe zu, Zauberkünste wohl gar, eine Haselrute und dergleichen. Das Volk hierzulande hat noch mehr, als man denken sollte, von seinem alten Heidenglauben festgehalten, was achtet Ihr, die Ihr ihn gekannt, wie Ihr sagt, von dieser seltsamen Gabe, liebe Tochter?« – Der Frager hatte seinen Zweck erreicht, die Befragte sich während seiner Auslassung zu erwünschter Ruhe gesammelt. Aufrecht ihm gegenüberstehend ging sie mit Besonnenheit, ja mit einem Zuge von Befriedigung auf die Erklärung ein, von welcher er Schritt für Schritt seinem Ziele näherzukommen hoffte.

»Der Simon Lauter«, so sagte Judith, »lachte schon damals über den Aberglauben der Leute, schalt wohl auch über das, was er eine Lästerung nannte. Sie versuchen's nur nicht, meinte er. Weil von alters her kein Born an der Stelle geflossen, wo er nottut, soll und kann kein Wasser in der Tiefe sein. Zehnmal mißlingt der Versuch, glückt er aber das elftemal, da schreien sie über Zauberkünste. Vom Arzt gilt das nämliche. Sterben die Kranken, ist's ihnen von oben beschert gewesen, kommt einer durch, heißt der Doktor ein Wundermann. Als ob das Gute, durch Menschenfleiß und Kraft hervorgebracht, nicht erst recht eine Bescherung von oben wäre! – Schon sein Vater, der von Bergleuten aus der Fremde abgestammt, hatte dem Simon manche natürliche Kenntnis beigebracht. 2m übrigen, sagte er, sei der Wald sein Lehrmeister gewesen. Das Erdreich unter den tiefliegenden Wurzeln der Eichen, die er schon als Knabe roden half, der Stand der Kräuter und Moose, das Verhalten der Tiere selber leitete ihn auf richtige Spuren. Ihm zuerst ist es aufgefallen, als er in seinen Soldatenjahren längere Zeit jenseits auf einem Hofe in Quartier lag, daß die Sauen, die sich täglich mehrmals mit Gier in einer Lache wälzten, ein vorzugsweise kräftiges Ansehn trugen. Der Schlamm wurde untersucht, und heute soll ein mächtiges Salzwerk über dem Sauenpfuhle aufgerichtet stehen. Und schon vor jener Zeit fiel ihm in ähnlicher Weise die Entdeckung der warmen Quelle zu, in welcher jetzt so viele unserer Bauern sich nach der Ernte von Fluß und Gliederreißen heil baden. Der Simon behauptete, ein Walnußbaum, der vereinzelt auf dem Wiesengrunde gewachsen und weit üppigeres Laub und größere Früchte getragen, als die sonst spärlich in unseren Gärten gedeihen, ein Trupp blauer Glockenblumen darunter, die er sonst nirgendwo wild aufschießen sehen, haben ihn auf den Gedanken des heißen Untergrundes geführt. Das mag wahr sein, Herr Pfarrer. Aber warum hatte keiner vor ihm sich über die kräftigen Früchte oder die seltene Blume verwundert? Einen besonderen Blick hatte er doch.«

»Ja, der Blick, der Blick!« rief der Pfarrer mit der begeisterten Freude eines Menschen, dem sein liebster Gedanke von einem anderen bestätigt wird, – »der heimliche Sinn in die Tiefe, der die Beobachtung bannt und jedweder Kenntnis die Bahn bricht! Und nicht im sichtbaren Naturreiche allein. In der Wissenschaft vor Gott heißt dieser Blick der Glaube, fällt er aber in ein Menschenherz, so nennen wir ihn Liebe. Was alle nicht sehen, sieht der Liebende, und nur der Liebende sieht recht. – Und auch Ihr, meine Tochter«, fuhr er nach einer Pause zu seinem Zwecke zurücklenkend fort, »auch Ihr scheint mit einem Blick in die Tiefe gesegnet, da Ihr in so liebreicher Weise die Gaben eines Unglücklichen ausdeutet, der schweres Herzeleid über Euch verhängt. Seine Missetat an Eurem Bräutigam –.« – »An meinem Bräutigam?« fuhr Judith auf; »mein Bräutigam, wer sagt das?« – »Euer Liebster denn oder Freiersmann, der mit der Zeit –.« – »Nimmer, nimmer! Ich verabscheute den Mann, ich haßte ihn!« – »Ihr haßtet ihn?« rief der Pfarrer mit unverhehltem Staunen, »ihn, den Gemordeten, bei dessen Leiche Ihr als Zeugin –.« – »Ich zeugte die Wahrheit, unterbrach ihn Judith stammelnd, »die Wahrheit, – wie meine leiblichen Augen sie geschaut, – mein Herz war – für nichts in der Sache.« Sie hatte sich geisterbleich verfärbt, die Züge waren entstellt, der innerlichste Wehepunkt aufgerüttelt; ihre Füße schwankten, sie klammerte sich an einen Weidenstamm.

Der geistliche Herr, mitergriffen von dem Ausdruck einer Qual, deren Ursprung ihn je mehr und mehr verwirrte, erhob sich von seinem Sitze und faßte des Mädchens Hand. – »Ich habe diese grausamen Erinnerungen nicht aus müßiger Neugier in Euch wachgerufen, meine Tochter«, sagte er; »ich bekenne Euch im Gegenteil, daß ich lediglich um dieser Erinnerungen willen heute morgen den Weg nach Eurem Hause eingeschlagen. Indessen, da ich Eure Trauerbotschaft vernommen, war es meine Absicht, mein Anliegen auf eine gelegenere Stunde zu verschieben und zur Zeit nur Euren Sinn für eine zutrauliche Aussprache vorzubereiten. Habe ich Euch wehe getan, so glaubt, es war eine christliche Absicht, die ich im Herzen trug.« – Er wendete sich, um zu gehen. Als er aber Judith, wie um ihn zu halten, beide Arme nach ihm ausstrecken sah, kehrte er zurück, nahm ihre Hände noch einmal in die seinen und schaute in ihre düstern Augen wie in ein Rätsel. »Ich kann es hören«, flüsterte sie, sich allmählich belebend, »alles hören, – was verlangen Sie von mir?« – Noch stand er eine Weile in zweifelndem Sinnen unter ihrem drängenden Blick, und da er sich endlich zur Rede entschloß, war es nicht in dem gemütlichen Tonfall des Alltagsumganges, sondern mit dem reinen Laut und der eindringlichen Weihe des Priesters, der sein Amt erfüllt.

»Ihr wollt es«, so hob er an, »nun denn: ich fordere Euch auf zu einer wahrheitsgetreuen Darstellung dessen, was Euch von des Simon Lauter Gemütsart und Lebensweise vor seinem Unglück bekanntgeworden. Die schwerste Missetat kann schon hienieden eine Sühnung finden, und Gnade für den Reuigen ist nicht Gottes Amt allein. Der Vorsteher der Strafanstalt, welcher schon vor Jahren den Simon Lauter als militärischen Untergebenen schätzen lernte, und der dem eignen Eingeständnisse zum Trotz noch heute an seine Unschuld glaubt, findet kein Ziel, des Gefangenen gesittetes Verhalten, seinen sänftigenden, ja veredelnden Einfluß auf die rohen Mitsträflinge anzupreisen; des Fleißes, der Kunstfertigkeit nicht einmal zu gedenken, durch welche er, neben dem Aufwande für seinen eignen Unterhalt, manchem hilflos entlassenen Bruder eine Wohltat erweist. Kaum daß seine Anstrengung der Fülle der Bestellungen von nah und fern genugzutun vermag. Man lohnt ihn reichlich, und da er von Hause aus nicht ohne Vermögen ist, hat man ihm vergönnt, die erworbene Sparsumme in jenem gütigen Sinne anzuwenden. Schaut hier dieses Heilandshaupt, das ich mir neulich bei einem Besuche des Gefängnisses unter seinen Schnitzereien ausgewählt und dessen Anblick mich jede Stunde an den unglücklichen Büßer mahnt. Betrachtet diesen Frieden, dieses himmlische Entzücken in dem Antlitze dessen, der um der Gerechtigkeit willen sein Leben dahingegeben. Und das in rohem Holz! Meine Tochter, die Hand, die dieses Bildnis meißelte, mag einen Menschen getötet haben im Wahn, im Rausch – vielleicht; aber einer, der im Geiste den Tod in solcher Herrlichkeit geschaut, glaubt es mir: nun und nimmer ist er ein Mörder von Herzensgrund.«

Judith, selber einem gemeißelten Bilde ähnlich, blickte mit starrem Auge auf das kaum handgroße, in weißem Holz geschnitzte Medaillon, das der Pfarrer aus seiner Brusttasche gezogen und in ihre Hände gelegt hatte. Auch ein minder empfängliches Gemüt als das des frommen Mannes würde von der warmen, tiefen Empfindung, von dem feinen Kunstsinn der bescheidenen Gefangenenarbeit gerührt worden sein; – ob Judith etwas andere sah als die im Innersten aufgeregten Gesichte, der geistliche Mahner erriet es nicht.

»Der Vorsteher der Anstalt«, fuhr er fort, »bereitet mit preiswürdigem Eifer ein Gnadengesuch für seinen Schützling vor, dessen Erfolg dem Unglücklichen fünf schwere Jahre seiner Haft erlassen würde; fünf Jahre nach zehn, meine Tochter! Meine Befürwortung seines früheren Wandels dürfte nicht ohne Wirksamkeit sein, zumal ich, da der Gefangene dem lutherischen Bekenntnisse angehört, meine Stimme als Parteiloser für ihn erheben würde. Nun bin ich aber erst Jahre nach jener unseligen Tat in mein hiesiges Amt eingetreten, und mir fehlt die Berechtigung, mich eingänglich über des Gefangenen Seelenstimmung zu unterrichten. Zwar sah und sprach ich ihn während jenes Besuches der Anstalt; aber bei seinem Anblicke sank mir das Herz für eine tiefer schneidende Berührung des Vergangenen. Der so wenig mit Mördersinn gearbeitet hat, er blickte und redete noch weniger mit dem Sinn eines Mörders. Die Stimme tönt und das Auge strahlt im Frieden der Heiligung. ›Ich bin nicht unglücklich‹, sagte er lächelnd. Meine Tochter, so spricht kein Schuldbewußter oder ein Heuchler, wie es nie einen gegeben. Und doch bekennt er sich zu der Tat heute wie damals mit den nämlichen Worten. Hier ist ein Dunkel, eine Heimlichkeit, und es verfolgt mich Tag und Nacht, dieselbe zu lichten. Die Forschungen in der Gegend führten auf keine deutliche Spur. Die Älteren haben nur den Quellenfinder in ihm geschätzt oder geschmäht, die Jüngeren nicht auf ihn geachtet oder ihn vergessen. Er war ein Fremder, ohne Angehörige in der Gegend, dazu ein Andersgläubiger. Die einzigen verfolgbaren Fäden ziehen sich nach der Klus.«

Der Geistliche machte eine Pause, griff noch einmal nach des Mädchens Hand und schloß dann seine Rede mit einer warmen Ermahnung: »Ich habe Euch nur diese einzige Stunde gesehen und sprechen hören, liebe Tochter, aber ich weiß es, daß Ihr auch im Eifer, nicht Euch selber zuliebe und keinem Feinde zuleide, ein anderes als die Wahrheit sagen werdet; desselbigengleichen als Ihr vorhin gestandet: ›Ihr habet ihn gekannt‹ – da spürte ich's an Eurem Blick und Ton, daß es ein Kennen von Grund aus war, nicht nach Ansehn und Hörensagen, wie die anderen, auch nicht mit deren Wahn und Aberglauben. Ihr kanntet ihn, das heißt: Ihr schautet in sein Tiefstes. Darum prüfet Euch mit dem Blick auf dieses Bild der Barmherzigkeit, das Ihr zum Angedenken dieser Stunde bewahren sollt. Sinnet zurück, sammelt, was die Zeit zerstreut, klärt, was durch erlittenes Weh getrübt; und an dem Morgen, wo wir von dem Grabgange Eurer seligen Mutter heimkehren werden, da öffnet mir Euer Herz um Gottes willen, zum Frommen einer christlichen und menschlichen Liebespflicht.« – Er trat nach diesen Worten rasch und ohne umzublicken den Rückweg an, hatte aber den Ausgang nach dem Garten kaum erreicht, als er einen hastigen Schritt sich folgen hörte und ein fester Griff seinen Arm von der Heckenpforte zurückzog. Judith stand hinter ihm mit fieberischem Auge und glühendem Gesicht, von einer Leidenschaft durchrüttelt, die ihm das Rätsel in ein neues Rätsel verwandelte.

»Nicht morgen oder später«, sagte sie kaum hörbar und mit fliegender Brust. »Zur Stunde, gleich jetzt hören Sie mich an, gleich jetzt. Ich weiß nicht, ob das, was ich zu bekennen habe, ein Licht über jene Tat ergießen wird. Ich glaube es nicht. Aber mir, mir wird es das Herz erlösen von einer Last, die es zehn Jahre lang gepreßt. Es soll so sein, ja, ja! Dreimal ist die Mahnung an mich ergangen, heute, wo es zehn Jahre ist, daß diese Tat geschah. Dem blöden Knechte löste sich die Zunge bei der Erinnerung an diese Tat, die er zehn Jahre lang vergessen. Das Sterbegesicht der alten Frau war diese Tat, von der sie nichts vernommen, noch verstanden. Und zum dritten, da kommt ein Fremder, ein Gottesbote, mit der Mahnung an diese Tat. Und seit er das erste gute Wort gesprochen, da treibt es mich: rede, rede zu ihm von dieser Tat! Und diese Quellen, die jener aus dem Erdengrunde gelockt, sie raunen mir zu: rede, rede über diese Tat! Ja, ich kannte ihn; keiner kannte ihn wie ich – und doch, doch –! Ich habe ihn – ich war – drei Jahre lang war ich – später – später! – Ich habe nicht zurückzusinnen. Hier«, sie schlug mit der Hand an ihre Brust, »hier innen, da steht's wie mit Lettern, ewig, ewig! Ich habe auch keine Missetat zu bekennen, ich bin mir keiner Schuld bewußt, und doch, – und doch –! – Setzen Sie sich, Herr Pfarrer, hier im Schatten auf die Rasenbank. Da unten der Quell. Das Wasser ist ein Heiligtum im Evangelium. Sitzen Sie, als wär's in der Beichte. Knien darf ich nicht, aber stehen will ich vor Ihnen und mein Herz ausgießen, ausgießen, als wär's vor Gott!« – Sie beugte sich nach diesen Worten zu dem Born herab und netzte ihre Schläfe und Pulse in seiner Kühle; als sie sich wieder erhob, blickte sie ruhiger, und als der Pfarrer mit väterlicher Milde über ihre Wangen strich, löste sich die Brust in einem Tränenstrom.

»So sei es denn, mein Kind«, sagte jener, »zur Stunde sei es, da das Herz Euch treibt. Aber keinen Aufenthalt an dieser Stelle. Schaut, wie der Himmel sich umzieht, kaum, daß Ihr die Stadt vor dem Unwetter erreichen werdet. Der Waldpfad ist menschenleer. Ich begleite Euch. Redet ohne Scheu, als ob Ihr neben Eurem Vater ginget.« – Sie gehorchte ohne Widerspruch, schritt voran und zog den Pflock von der Heckentür, die nach dem Forste führte. Ihr Begleiter blieb mit Absicht etliche Schritte zurück, indem er sich bückte, die am Wege stehenden Maienglocken zu pflücken. Nach einigen stummen Minuten hob die Kluswirtin gesammelt und mit sicherer Stimme ihre Mitteilung an.

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