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Judith die Kluswirtin

Louise von François: Judith die Kluswirtin - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorLouise von François
titleJudith die Kluswirtin
publisherGauverlag Bayreuth GmbH.
addressBayreuth
seriesBayreuther Feldpostausgaben
volume
printrun
editor
year1944
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid32fe26f3
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Gesichte

Judith schloß das Tor und ging nach dem Hofe zurück. Sie würde nicht die planvolle Hausregentin gewesen sein, die sie war, wenn sie den Widerspruch mit ihren wirtschaftlichen Grundsätzen, in die sie durch die getroffene Entscheidung geraten, ohne Mißmut hätte empfinden sollen. Sie hatte die Ordnung des Gebietens und Gehorchens, welche ihr Werk bis heute getragen, durchbrochen, sie hatte nachgegeben und wußte, daß sie aufgeben, neue Opfer bringen, neue Anstrengungen über sich nehmen müsse.

Zu keiner Zeit hatte man verheiratete Dienstleute auf dem Klushofe gekannt. Mit einem Liebeshandel und seinen Folgen war es indessen erst unter dem gegenwärtigen spröden Regimente genau genommen worden. Wo alles noch so eng mit dem Natürlichsten zusammenhängt, in diesem nach außen ungeselligen In- und Miteinander menschlicher und tierischer Hausgenossen, der gemeinsamen, selbst nächtlichen Arbeit, ist die geschlechtliche Sitte des Landes – den träumerischen, nördlichen Bischofsbezirk etwa ausgenommen – vor der Ehe eine leichte, und unter dem Schenkenzeichen des gutwilligen Sachsenröschens war sie leichter noch als in der übrigen Gegend gehandhabt worden, wer aber eben mühsam einen Moderflecken von seinem Spiegel getilgt, der hütet ihn ängstlich vor dem ersten trübenden Hauch; und Judiths Spiegel war ihr Hof. Der Schande, dem üblen Leumund hatte sie durch ihre Entschließung vorgebeugt, der Zucht eine neue, um so festere Schranke gezogen, wenn auch voraussichtlich manche Ungehörigkeit, manchen störenden Zwischenfall in den Kauf genommen.

Indessen war sie durch die sittlichen Erwägungen doch erst in zweiter Reihe getrieben worden. Weit obenan stand das Bedürfnis der Grabesruhe über jenem Namen, jenem Schicksal, die sie in ihrem Bereiche zum Gesetz erhaben und auf diese Weise am leichtesten gesichert glaubte. Mochten dieser Name, dieses Schicksal zur Stunde in dem schweigseligen Lande verklungen sein, ein Unberechenbares konnte sie gleich einer alten Sage wiederaufleben lassen; mochten ihre Abgeschlossenheit und der Bann ihres Willens sie vor Berührungen schützen – schon die Erneuerung dieses Bannes über fremde, wechselnde Hausgenossen, die Möglichkeit einer Wiederholung des eben Erlebten erfüllten sie mit Grauen. Sie kam daher zu dem Abschluß, daß sie für eine unvermeidliche Herzensunruhe das leichtere Teil äußerer Belastung eingetauscht, dem ihre Kräfte wie Mittel gewachsen waren, drängte die demütigenden Hintergedanken zurück, und rasch, auch zu widerstrebenden Ausführungen, säumte sie nicht, das dem künftigen Ehepaare überwiesene Wohngelaß prüfend in Augenschein zu nehmen.

Die Giebelstube im Seitenbau bildete den Schluß einer Reihe kleiner Zimmer, welche zu Gasthofszeiten der Klus geringen Leuten als Herberge gedient. Ihr Bruder hatte sich den freundlichen, in das Grün des Gartens blickenden Raum seit seinen Ehetagen zur eignen Einkehr eingerichtet, und noch stand alles unverrückt, wie er es in der letzten Stunde verlassen: das Bett ungemacht, das Gerät verschoben und mit wertlosen Tändeleien beladen, vertragene Kleidungsstücke in der geöffneten Lade, im Winkel die zerbrochene Gitarre, zerlesene Scharteken wirr durcheinander auf dem Regal. Die wand war mit bunten Klecksereien bemalt und beklebt; dort hing Sylvias Schattenriß und daneben in Lebensgröße das eigne Konterfei des verkommenen Erben, mit welchem ein Kunstbruder dereinst seine Zeche bezahlt. Ja gröblich die Leistung, das blitzende Augenpaar, die langflatterigen hellgelben Locken, wie das gewichste Stutzbärtchen über den lachenden Lippen und dem kurz abgeschlossenen Kinn, der stutzerhafte Schlafrockstaat hätten einem Freunde allenfalls das Andenken Mosjö Gusts zurückrufen können. – Die Schwester hatte an jenem Morgen das Zimmer abgeschlossen und seitdem nicht wieder geöffnet. Nun aber, da sie plötzlich auch diesen Bann überschritten, wurde sie von allen Seiten in das Damals zurückgedrängt, dessen letzte Spur sie in ihrer Klus zu löschen gedachte, indem sie den gemiedenen Raum einem nützlichen Zwecke übergab. »Und in dieser Nacht ging der junge Sachsenwirt übers Meer, und keine Seele hat wieder ein Wort von dem jungen Sachsenwirte gehört!« Mit dieser Erinnerung aus ihres Knechtes Rede kehrte sie nach dem Wohnhause zurück. Die alte Frau schlummerte, der Knabe memorierte noch wie vorhin; die außerhäuslichen Geschäfte ruhten während des heutigen Meßtages, die häuslichen waren bis zur Bereitung der Mittagskost gerüstet; die unermüdliche Wirtin durfte rasten und sinnen. Aber selbst die Gegenwart der beiden achtlosen Zeugen im Wohnzimmer störte sie; sie trug das Rad in die Küche, schloß die Tür, setzte sich und spann.

Der Sagenglaube des Landes sieht die Urmutter der Natur, ein Vorbild des Fleißes, spinnend vor der Himmelstür; wer aber dieses Mädchen beobachtet hätte unter dem düsteren Rauchfang, in welchem der letzte Rest des Eichenklobens verkohlte, die kräftige trauerverhüllte Gestalt mit den reinen, festen Zügen, die wohl an ein Vor- und Urbild gemahnen durften, wie sie so unveränderlich die ernsten Kugen gleichsam nach innen gekehrt, zurücksann und dabei taktmäßig das Rad bewegte und den Faden zog: nicht an die heiterzeugende Perchta, an eine jener Schicksalsspinnerinnen würde er erinnert worden sein, welche die Gerechtigkeit einst dem Gotte des Himmels geboten, daß sie unwandelbar, unerbittlich Lohn und Strafe in einem Lebensfaden zusammendrehen. Ja, eine Parze. Aber wehe dem sterblichen Kind, dem im engen Bezirk das Amt dieser Himmlischen zuteil geworden, Liebe und Lust entweichen seiner Bahn. Denn mitten durchs Herz bohrt die Achse, deren Erdenpol Ehre heißt und der gen Himmel deutet – das Gewissen. – So saß sie still in sich verloren unter dem leisen Surren des Rades und merkte eine lange Weile nicht, daß das Schweigen im Nebengelaß unterbrochen worden war.

Die alte Frau erwachte, das Lächeln des Traumes noch auf den Lippen und über den Wangen den jugendlichen Schlummerhauch. Sie dehnte sich behaglich im wärmenden Sonnenschein, schaute in die saftgrüne Aue hinaus, grüßte nickend durch die Scheiben, als sähe sie statt der Tulpen im Beet die alten bekannten Gesichter in der Ligusterlaube. Die Lippen bewegten sich anfänglich lautlos: dann, mit schlafgestärkter Kinderstimme hoben sie eine Trällerweise an, erst leise und immer frischer und frischer: »Tanzt mit mir, tanzt mit mir, trallala, hopsassa!«

Der Knabe, welcher die Großmutter nur stumpf und für die drängendsten leiblichen Bedürfnisse empfänglich gekannt, sie vor ihrem Morgenschlummer noch in schwerem Atmungskampfe gesehen, ließ erschrocken das Buch aus den Händen fallen, und dieses Geräusch lenkte die Augen der Alten zu ihm hinüber, sein Anblick schien sie zu erfreuen, denn sie lachte hell auf und nickte noch herzlicher denn zuvor. – »Gotts Wunder!« rief sie, mühsam die steifen Hände aneinander klappend. »Schon aus den Federn, Gust? Die Dithel wieder den Wasserkrug über den Ratzen gegossen, gelt? Der Frühauf, die Dithel, ja, die Dithel! Und gleich über der Scharteke? Dummes Zeug, Gust! 'naus, 'naus ! Eine Wonne draußen, Gust, purer Balsam die Luft und die Musik, die Musik! Horch, wie sie locken und stimmen! Versteck deine Kratzfiedel, Stümperchen, die kleinen Pieplerchen droben hutzen dich aus. – Na, wird's bald, Mosjö? Klapp zu das Buch. Ein Wirtssohn muß Beine haben! Der Alte zapft Bier. Trag ihm den Stummel 'nunter, Gust. Das Morgenschälchen mundet nicht außerdem. Nur nicht gleich nüchtern einen Schluck, Frobelchen! Nur erst was warmes gegen den Durst, alter Jobst! Willst nicht? Schon wieder rackerig bei so tagfrüher Zeit! Herr meines Lebens, der Wacholder, der Wacholder!« – Die Alte seufzte; kaum eine Minute jedoch und der Schatten war verweht, lustig wie zuvor kicherte und blinkerte sie zu dem Knaben hinüber. »Guck, Gustel, guck«, rief sie, »wie die Bienen sich tummeln in der Kufdemath Sächsischer Provinzialismus für Flieder holperte, polterte in die Kelche hinein! Haben sich beizeiten einen Spitz gezippt! So'n Bienchen, so'n Bienchen! Ja, wenn's der Mensch ebenso gut haben tät! Nur immer zippen und nippen, und das Haus wird voll!« –

Der Enkel, der allmählich begriffen hatte, daß ein wacher Traum die Ahne weit zurück in seines Vaters Knabenzeit geführt, vermochte, seiner natürlichen Ernsthaftigkeit zum Trotz, ein leises Kichern nicht zu unterdrücken. Die Alte drohte, selber lachend, mit dem Finger. »Sachtchen, sachtchen, Goldsohn!« flüsterte sie, »der Alte ist rabiat, fuchswild, sag ich dir. Zetert und poltert in der Kammer drinnen. Nächtens der Punsch, ja der Punsch, daß Gott erbarm! – Aber pfui doch, Gust«, fuhr sie nach einer Pause ernsthafter fort, »mußt nicht so lästerliche Reden führen wider dein eigen Fleisch und Blut. Du sollst nicht aufdecken deines Vaters Scham! Denk an Noah, Gust. Eine Seele von einem Mann, wie Vater Noah, mein Jobst, kein Neidhammel und Geizkragen nicht, Gott bewahre mich. Das Land ist schuld, nur allein das Land! Ein garstig Land hiesig, mein Lämmchen. Kein Thüringen nicht, du liebe Zeit! und kein Kanaan nicht, wo der Weinstock wächst und Milch und Honig herniederfleußt. Nur der Wacholder im Sande, und der Wacholder macht so 'nen schweren Durst! – Lachst immer noch, Gust? Höre, du Naseweis, höre ! Der Noah, der hatte drei Söhne, die hießen, die hießen – ei du weißt ja, wie sie heißen taten, Gust, hast's gelernt in der Kinderlehre – ach, großer Gott, in deine Hände, nein! Bist ein Katholischer, armer John, darfst dich nicht stärken im Bibelbuch, armer Sohn, armer Sohn!«

Der Knabe fuhr bei dieser Wendung in die Höhe, als hätte er eine Gotteslästerung vernommen; er war kreideblaß geworden und blickte ängstlich nach der Tür, wie um zu flüchten oder Hilfe anzurufen. Die Gedanken der alten Frau hüpften indessen noch eine Weile kraus durcheinander zwischen Freud und Leid ihrer Vergangenheit, bis sie endlich erschöpft in die Lehne zurücksank und die Augen wieder schloß. Der Enkel stand unschlüssig; er hätte die Muhme suchen mögen, die er außer dem Hause beschäftigt glaubte, und scheute sich doch auch wieder, die Großmutter allein zu lassen. Jetzt, da er sah, daß sie schlummerte, schlich er auf seinen Platz zurück, schmiegte sich in die Ecke und lauschte ängstlich zu ihr hinüber. Eine Weile blieb alles stumm. Die Augen der Greisin waren halb geöffnet, ruhige Atemzüge, ein Lächeln, ein sanftes Wiegen des Haupts. Allmählich regten sich die Lippen, lautlos von Anfang, dann lispelnd, endlich frisch und deutlich wie vorhin. Sie bemerkte den Enkel nicht, und es war ein anderes Traumbild als das des Sohnes, daß ihren Sinnen vorschwebte,

»Simonchen, Simonchen!« rief sie beglückt und breitete ihre Arme aus, als ob sie einen Daherstürmenden auffangen wollte. »Kind, Kind, welche Hast! Außer Atem wie ein Blasebalg, ei du gottloses Weiheengelchen! Setz die Kappe auf, Simon! Und da, hurtig ein Tränchen gegen den Verschlag! Ei, du Zipphahn, du verstehst's! Gelt! das tut gut? Aber so weiß und timide, Simon! Hast Hunger, bist noch nüchtern gar, armer Schelm? Keine Mutter im Haus, und nichts warmes im Topf! Warte, warte, habe was für dich; Speckfladen warm aus dem, Ofen, mein Goldsöhnchen, Kümmel drauf und Zwiebeln und ein Eierguß. Das mundet, gelt? Verstehen's nicht, hierzuland, dummes Volk, hierzuland! Der Speck saftig von der Eichelmäste und würzhaft vom Holderrauch, aber die Kunst, Simon, die Kunst! Nur grober Pumpernickel, schmählich dummes Volk hierzulande! Bist satt, Simon, dick und voll wie genudelt, he? Setz ein Gläschen drauf zur Verdauung! Schüttelst? Dummlack, wächst doch! Mannsen wie Bäume hierzuland, und das Bullchen allwegs im Sack! – Zur Schule willst du? Nur zu. Die Dithel lauert schon, Simon. Aber der Gust? Ja, wo der steckt, der Sausewind! Rate mal, Bürschchen, vorn auf dem Bock beim Postillion, zur Messe in die Stadt, schetteretäng, hui, hast du nicht gesehn! Na, nicht so kleinlaut, Simon. Kann ja schon schreiben und lesen, mein Gust, ist ein Hofesohn und der Kluswirt dermaleinst. Nur hübsch manierlich, Gustel, einen Kopfnicker hier, einen Kratzfuß da, und die Worte fein gesetzt, ein Wirtssohn muß zu leben wissen. – Hat die Exempel nicht gerechnet, der Gust, ei was, ein andermal ist auch nach Zeit! Mach zu, mach zu, Simon, die Dithel lauert in der Gartenhütte. Hat schon die Waben geschnitten, die Dithel. Das ist eine Bescherung, die du ihr angerichtet mit dem Bienenhaus mitten in der Kufdemath. Ist auch so 'n Bienchen, die Dithel, lustig draußen im Klee und eifrig im Haus. Aber einen Stachel hat sie, die Dithel, daß dich, komm ihr keiner zu nah! Na, na, laß den Kopf nicht hängen, Simonchen, dich sticht sie nicht, dich nicht. Hast sie schon still gemacht, da sie noch in der Koje lag, du Weiheengelchen, und alleweile noch; vor dir ist sie still, eitel Wachs und Honigseim vor dir. Ich will dir was sagen, Simon, sachtchen, sachtchen, daß es keiner nicht hört! Und wenn du groß wirst, sprich: ›Die Sachsenwirtin hat's gesagt.‹ Bist nur ein armer Kiekinsland, Simon, und die Dithel ist eine Hofetochter und hoffärtig wie eine, aber die Dithel nimmt einstens doch keinen anderen als –«

»Haltet ein, Mutter!« unterbrach eine zitternde Stimme die gemütliche Plauderei, und Judith, wie an dem Faden dieser letzten Erinnerungen herbeigezogen, faßte krampfhaft schüttelnd der Alten Arm. Auch der Knabe schlich aus seinem Versteck hervor, mit bänglichem Zweifel von seiner Pflegerin auf die Ahne und von dieser auf die Pflegerin blickend. Der friedliche Traum war unter dem Griffe von der Tochter Hand, unter ihrem gellenden Gebot entflohn; die alte Frau starrte zu ihr hinauf, wand die gefaltenen Hände und schauerte wie im Fieberfrost. »Dithel!« rief sie scheu, »was, willst du, Dithel? was hast du, Dithel? Komm zu mir, Gust, ganz nahe, Gust, hierher, hierher, Gust!« – »Euer Geist wandert, Mutter«, sagte Judith schon wieder gefaßt. »Das ist nicht Euer Sohn, es ist Euer Enkel, der Sylv.« – »Sylvian, Sylv?« murmelte die Alte, mit leeren Blicken den Kopf schüttelnd. Judith stand ratlos, woher dieses auflodernde Leben in dem lange abgestumpften Hirn? Ihr ahnete das Letzte; sie hätte nach Arzt und Seelsorger schicken mögen.

»Sylv, Sylv!« flüsterte die Mutter noch immer in sich hinein. »Sylvchen, ja Sylvchen hieß sie, Sylvia –« Und plötzlich, wie sich besinnend, schrie sie auf: »Die im bunten Rock, da oben am Kirchenknopf! Herr Jesus, sie schwankt, halt auf, halt auf! – Bringst sie, Gust, willkommen, Gust! Gottloses Kind, gutes Kind! Murre nicht, Dithel! Gib ihr die Hand, Dithel, – sie ist –« – Judith gab dem Knaben ein gebieterisches Zeichen, sich zu entfernen, die Alte aber rief beklommen, indem sie die zitternden Arme nach ihm ausstreckte: »Bleibe bei mir, Gust! Laß dich nicht von mir treiben, Gust! Die See ist tief, tief und so weit, so weit! Bleibe im Lande, Gust, ersäufst Leib und Seele, Gust, bleibe bei mir, Gust!« – Sylvian kniete erschüttert neben ihrem Stuhle nieder und faßte ihre beiden Hände in die seinen. Die Angst löste sich nach und nach unter dieser leisen, warmen Berührung, der Kopf sank zurück, die Lider fielen zu, nur die Lippen flüsterten noch ein paarmal: »Sylvchen, Sylv!« – dann ruhten auch sie.

Die Tochter, die rasch in der Küche den braunen Labetrank der Mutter aufgebrüht, stand schon eine Weile sorgenvoll lauschend unter der Tür, ehe jene die Augen wieder aufschlug. Sie schauderte wie vor einem Gespenst, als sie die Tochter, die Tasse in der Hand, auf sich zutreten sah; sie riß ihre Hände aus denen des Enkels und wehrte in Todesangst die Gabe von sich ab. »Warum fürchtet sie sich vor dir?« flüsterte Sylvian, erstaunt zu der Muhme aufblickend, die er kindlich verehrte und deren geduldige Pflege er oft mit Bewunderung beobachtet hatte. Sie antwortete nicht, aber der Schatten eines unsagbaren Wehs glitt über ihr Gesicht. »Es ist Kaffee, Mutter«, sprach sie sanft, indem sie noch einmal den Versuch machte, ihr die Tasse zu reichen. – »Gift, Gift!« kreischte die Alte auf. »Hast wieder Gift gebraut, Dithel? Nur nüchtern nicht, Dithel, nur heute nicht, Dithel! Siehst nicht, wie er sich wehrt? Siehst nicht, wie er schwach wird? Es ist dein Erzeuger, Kind, hab Erbarmen, hab Erbarmen, Dithel!« – Sylvian sprang in die Höhe und starrte entsetzt der einen und der anderen in das Gesicht. »Was tatest du, Muhme?« fragte er zitternd. – »Ich tat, was recht war, Sylvian«, entgegnete Judith mit erzwungener Ruhe und gab ihm die Tasse, sie der Großmutter zu reichen., Mit einer heftigen Bewegung schlug sie dieselbe aus seiner Hand.

»Du auch, Gust?« schrie sie auf, »du auch?« Dann, in eine flehende Weise übergehend, fuhr sie, die Hände windend, fort: »Höre nicht auf den Doktor, Gust, trau dem Pfaffen nicht, es ist ein katholischer, was fragen sie nach dem Fremden? Das Stümpfchen Lebenslicht, was schiert es die Fremden? Aber dein Vater, Dithel! Laß ihn leben, Dithel, nur leben! Siehst nicht, wie es ihn widert? Siehst nicht, wie er schmachtet? Nur einen Löffel voll ohne Gift, nur einen Bissen ohne Gift! Möchtest den Geist wieder aufbringen, Dithel, ihm die Ehre wiedergeben? Ach Dithel, Dithel, hin ist hin. Vergibst den Leib, ladest Missetat auf dein Herz, hin ist hin!« Tränen rannen über die alten, je mehr und mehr erbleichenden Wangen; auch Sylvian weinte, ergriffen von ihren Jammerlauten, und Judith stand vernichtet.

Und jählings durchzuckte die Alte ein elektrischer Schlag. »Herr Jesus, wie er weiß wird!« schrie sie. »Laßt mich nicht allein mit ihm! Einen Wermut, Mann! Es schüttelt ihn, er nimmt ihn nicht. Erbarme dich, erbarme dich! wie er sich bäumt! Da, da – er jappst nur noch – tot, tot!« Die Greisin glich dem Leichengesichte, das ihr vor Augen stand, die zitternden Lippen und Nasenflügel wurden weiß; kalt und schweißbedeckt klappten die krampfhaft zuckenden Glieder gegeneinander, die Tochter stützte sie mit kräftigem Arm. Sie kannte die Todesboten, zählte nicht mehr auf Tröstung und Hilfe, aber sie wollte allein mit der Sterbenden sein, den letzten Kampf ohne Zeugen mit ihr durchringen. »Sattle, Sylvian!« raunte sie dem Knaben zu, »in die Stadt zum Arzt!« Doch Sylvian hörte nicht, er rührte sich nicht – auch er sah das Ende; er lag auf seinen Knien und murmelte Credo und Paternoster.

Die alte Frau schlug die Augen nicht wieder auf, aber ihr Kampf war noch nicht zu Ende. Ein harter Kampf und wohl der erste ernstliche im Leben, unter welchem das friedselige Sachsenröschen von hinnen schied. Sie ächzte in Pausen, in denen sie bänglich um Atem rang, ein und das andere Mal schrie sie auf in wildem Schmerz und lächelte dann wieder wie getröstet in sich hinein. Gegen das Ende steigerten sich die Gesichte zu einer Leidenschaft, die ihr im Leben fremd gewesen.

»Ich komme, Mann, ich komme!« rief sie freudig. »Halt deine Arme auf, Frobeljobst, ich komme; wollen wieder anfangen miteinander vor Gottes Thron. Hast keinem Menschen ein Leids getan, da du drunten warst. Bist kein Neidhammel und Geizkragen gewesen, hast keine Mördergrube aus deinem Herzen gemacht. Nur deinen eignen Leib hast du verbrannt, armer Mann, und der Leib bleibt drunten für das Gewürm, aber das Herze fliegt hinauf, und unser Herrgott heilt und labt. Gelt, kein Fegefeuer drüben, alter Jobst? Bringe die Botschaft, Väterchen, Post aus dem Klushofe, gute Post! Alles still, still, auf der Klus. Kein Leumund mehr über den Saufaus, den Sachsenwirt, der sein Vatererbe hinuntergegurgelt, Tropfen um Tropfen, und dann Tropfen um Tropfen an dem Gifte verschmachten mußte. Die Dithel hat's wiederhergestellt; die Dithel hat's still gemacht auf der Sachsenklus. Die Dithel versteht's ! – Wie es schwarz wird! Nacht, Nacht! Ich komme, Frobeljobst, ich komme!«

Judith sank zu Boden und umklammerte die Knie der alten Frau. Sie wähnte sie geschieden, denn das Haupt war schlaff auf die Brust hinabgesunken. Noch aber flog der Atem, und das Herz klopfte gleich einem Hammer. Und plötzlich schnellte sie in die Höhe; in dem welken Marke ist ein Lebensfunken aufgewacht; sie steht aufrecht, die Blicke rollen wie vor einem greulichen Gesicht. »Wo dein Sohn ist, Mann? Dithel, Dithel!« kreischt sie auf, indem sie die Tochter mit beiden Armen rüttelt. »Hörst du nicht, Dithel, wie er um seinen Erstgeborenen ächzt? Munkelt ihr, zwinkert ihr, ich hör's, ich schau'«! – Da drüben am Wasser – der in seinem Blut – der, der – der Simon, sagen sie, der jetzt der Quellensimon heißt? Unser Weiheengel? Erbarme dich, erbarme dich! Fort, fort, du Unglückskind, fort übers Meer! – Nein, nein, hört nicht auf ihn, den Klusengel – den Friedenbringer! O du Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt! Nicht er, nicht er! Fort, fort! Der ihn erschlug, ist –« – »Hinaus, Sylvian!« schrie Judith mit gesträubtem Haar. »Stopfe deine Ohren zu, Sylvian, sie rast!« –

Die arme Sachsenwirtin nannte den mörderischen Namen nicht. »Hilf Gott, hilf Gott!« röchelte sie und stürzte tot zu Boden in der Tochter Arme.

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