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Judith die Kluswirtin

Louise von François: Judith die Kluswirtin - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorLouise von François
titleJudith die Kluswirtin
publisherGauverlag Bayreuth GmbH.
addressBayreuth
seriesBayreuther Feldpostausgaben
volume
printrun
editor
year1944
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid32fe26f3
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Vorboten

Jahr um Jahr war auch über dieser neuesten Wandlung des Klushofes hingegangen, die Maienzeit wiedergekehrt; die Natur hatte in lachenden Festgewändern ihre Schaffensfreude ausgestrahlt. Die ersten gelblichen Sprossen sprengten die glänzend braunen Blatthülsen des Eichenforstes, die Apfelbäume im Garten strotzten in Blütenübermut, vor dem Hause blähten sich Tulpen und Kaiserkronen über die bescheiden am Boden verduftenden Frühlingskinder; das Auge ruhte mit Erquickung auf dem saftigen Grün der unübersehbaren Feldgebreite. – Die Nacht hatte die vorzeitige Sommerschwüle der vergangenen Tage kaum abgekühlt, und die Sonne, ohne Taufrische niedersengend, erst den weißen, dann den purpurnen Nebelschleier in die Höhe gezogen, in die sie sich gehüllt; kein Atemzug bewegte die Luft, selbst die Hausvögel schwiegen beklommen. Nur der Finke in der Buchenhecke zirpte sein Regenlied, und die Maikäfer schwirrten in schläfrigem Taumel von Baum zu Baum. »Sturm, Sturm!« surrten sie den Schmetterlingen zu. Die leichtfalterigen Luftgesellen aber saugten sich an die Kelche und lispelten: »Lasset uns nippen und naschen, denn morgen sind wir tot!«

Es war Werkeltag, aber eine sabbatliche Stille rings um das Klusgehöft. Kein Dreschflegel oder Seihrad in der Scheuer, nicht Pflug noch Spaten in Garten und im Acker regten sich. Die Tiere des Hofes, nach Wirtschaftsbrauch zeitweise ihrer Stallhaft entlassen, weideten im abgeschlossenen Gehege der Waldwiese, die einstmals Forst gewesen war und jetzt ausschließlich »der Kamp« geheißen ward. Oben am Tränkquell lagerte das stattliche Roßgespann. Aber auch unter diesen Freigelassenen kein munterer Laut, schlendernd und gläsernen Auges duckten sie sich zu Boden und kauten mit Gier unter dem bleiernen Drucke der Luft. Und auch im Hause keine hörbare Bewegung. Durch die blanken Scheiben des Wohnzimmers schimmerte die Frühsonne, die weiße Sandschicht am Boden übersilbernd; nicht ein Fleckchen oder Stäubchen längs der hellgetünchten Wände und des glänzend gebohnten Eichengeräts, das ihr scharfer Strahl entdeckt; alles stand einfach, streng geordnet an seiner Stelle, nichts Überflüssiges oder Städtisches, nichts, was an die ehemalige Schenkenzeit erinnerte, aber freilich noch weit weniger an die Tage der alten Eichenklus, der die Mehrzahl der übrigen Dorfgehöfte zur Stunde selbst auf ein Titelchen ähnlich sieht.

In einem Lehnstuhle am Fenster, die steifen Glieder in weiße Wollendecken gehüllt, die schwarze Witwenhaube auf dem zur Brust hinabgesunkenen Kopfe, ruht die alte, kranke Sachsenwirtin, die nach schweren nächtlichen Gebresten erst gegen Morgen in einen sanften Schlaf gesunken war. Sei's, daß die Sonnenwärme dem absterbenden Leib oder daß ein Traum der halberloschenen Seele ein flüchtiges Behagen zurückgab, sie lächelte im Schlummer wie ein glückgewohntes Kind, und in dieser Erquickung des Ausruhens, unter dem Hauche, welchen das Frühlicht auf die noch immer rundlichen Wangen gemalt, hätte einer wohl heute noch das Sachsenröschen wiedererkannt, das einst lachend in diesen Räumen gehaust: gutherzig, treuherzig, geschickt und tätig für einen angemessenen Betrieb. Aber in diesem leichten Gliederbau, der engen, zurückstrebenden Flucht der Stirne, dem schmalen, spitzen Näschen und seidenweichen, weißgebleichten Haar würde er auch die Anzeichen mangelnder Kraft gegen Drang und Last entdeckt und ihren Anteil an dem bösen Umschlag der Zeiten entschuldigt haben.

Der Knabe, ihr Enkel, der, etwa fünfzehnjährig, im dunklen städtischen Schüleranzuge am zweiten Fenster ihr gegenübersitzt und so früh am Tage schon emsig über seinen Heften brütet, zeigt sich von nicht minder zartem, aber bleicherem und tieferem Gepräge; kein Bauern- oder Landeskind, ein geborner Kopfarbeiter offenbar; dahingegen uns mit einem Blicke durch die nach der Küche halbgeöffnete Tür die kraftvolle Natur der Tochter in ihrem ländlichen Ursprunge und Zusammenhange, wenn auch keineswegs im Alltagsausdrucke, vor Augen tritt und gar das sonntägig ausstaffierte Gesindepaar als Musterstücke urwüchsiger Leibes- und Arbeitskraft aufgestellt werden können.

Der Knecht im weißen, rotwollengefütterten, blankgeknöpften Leinenkittel und steifen Kniestiefeln, trotz der durch ein prasselndes Herdfeuer just nicht gemäßigten Schwüle die fuchsverbrämte Pudelmütze auf dem flachshaarigen Kopfe; die Magd im buntgesäumten Scharlachrock, das schwarzweiße Nackentuch über dem kurzen Mieder, die dicke Bernsteinkette um den Hals geschnürt und das Haar bis zur Stirn herab in die schwarze Kapselmütze eingepreßt, so sehen wir beide an dem Küchentische sich gegenübersitzen und mit einer rascheren Bewegung als wohl sonst die dunkeln Brotflocken in die Schüssel schneiden, über welche die Wirtin die kochende Milch zur Morgensuppe schüttet, darauf aber, während jene taktmäßig Löffel um Löffel den mächtigen Napf bis auf den letzten Tropfen leeren, zwei Pfund schwere Speck- und Pumpernickelscheiben, reinlich in Papier gewickelt, vor eines jeden Platze niederlegt. Keines redet ein Wort; Geschäft wie Genuß wird gelassen, aber ohne Aufenthalt vollzogen.

Ein Stilleben friedlich einladend also von außen her überschaut. Wer aber mit feineren Spürfäden in seinen Mittelpunkt gedrungen wäre, der hätte gleichsam in der Luft – nicht in der Schwüle der äußeren Luft, welche die willenlosen Geschöpfe beklemmte – eine Bangigkeit spüren müssen, er hätte einen Schemen ahnen müssen, der wolkengleich Licht und Laut in diesen Räumen umschleierte. Der mahnende Geist entschwundener Tage, von wem schwebte er aus? Von jener greisen, zusammengesunkenen Gestalt, die jetzt im Traume nur frohen Erinnerungen nachzulächeln scheint? Von der schuldlosen Stirn dieses Knaben, der mit frühreifem Ernst sich auf die Pflichten der Zukunft vorbereitet? Oder gar aus den kindischen Blicken der Mietlinge, die Arbeit, Ruhe und Genuß nicht über den Tag hinaus in ihre Betrachtung ziehn? – Nein; die nachzehrende Vergangenheit steht in den Zügen jenes Mädchens geschrieben, das jung noch an Jahren, wenn auch nicht jugendlich, streng, stetig und besonnen, in redlichem Schaffen sie zu sühnen trachtet; sie spielt hervor aus den Schatten unter dem großen Auge, aus der Bleiche der Haut, der Furche inmitten der fast trotzig gewölbten Stirn, aus den fest geschlossenen Lippen, welche das Lächeln nicht gekannt zu haben scheinen, aus den Trauerkleidern selbst, die streng und züchtig die markige Gestalt umhüllen.

Denn auch in der Tracht, wie in der gesamten häuslichen Einrichtung, hatte Judith, die Kluswirtin, die Landessitte ihrem eigentümlichen Wesen angepaßt. Der schwarze Wollenrock fiel in reichlichen Falten auf die Knöchel hinab; das Mieder bis zur Nackenbiegung erhöht und durch die blendendweiße Hemdkrause geschlossen, machte das einengende Brusttuch entbehrlich, und das mattblonde Haar legte sich ohne Hülle, sauber gewunden gleich einer Krone, um das stolz und stark gebaute Haupt. Sie öffnete den Mund zu einer kurzen Anordnung, und horch! sie redete nicht in der landesläufigen, niederdeutschen Mundart, auch nicht mit den gemütlich unklaren Lauten, welche die Mutter aus der Heimat beibehalten, sie spricht das Hochdeutsch der Kanzel und Schule, das wir selber in gebildeteren Gesellschaftsschichten selten so lauter und richtig vernehmen wie da, wo es außerhalb des täglichen Verkehrs, gleichsam als Fremd- oder Festsprache, angewendet wird, und da sie nur das Erforderliche und mit tiefem, klangvollem Laut jederzeit bedachtsam spricht, erscheint es in ihrem Munde so rein, fest und voll, wie die Schriftzüge ihrer Hand auf jener Anweisung, die sie dem Knechte zur Besorgung an ihren städtischen Weber übergibt.

Denn es ist heute Markttag und zugleich der Schluß der Jubilatemeßwoche in der Stadt, und damit erklärt sich der Ferienbesuch des Schülers wie die Feierstille auf dem Hof und der festliche Schmuck des Gesindepaares, das, mit der Mehrzahl von Knechten und Mägden der Umgegend, der Lust eines freien Meßtages als einem zuständigen Rechte entgegenharrt. Zum ersten Male, seit sie der Kluswirtin dienen, sollen sie die Wanderung gemeinschaftlich antreten, und die Vorfreude einer darob erhöhten Erwartung malt sich auf den breiten, glänzenden Kindergesichtern, während wir die um eine Linie tiefer gezogene Falte zwischen den dunklen Brauen der Herrin dahin deuten, daß sie nur widerwillig einer unaufschieblichen Arbeitsnötigung im Laufe der Woche nachgegeben und in ein Abweichen von der Regel des Einzelnbesuchs gewilligt hat. Schweigend schnürt sie das Wintergespinst des Haushalts, das der Knecht bei dieser Gelegenheit an den Weber befördern soll, zu einem Bündel, und indem sie es ihm nebst jener schriftlichen Anweisung einhändigt, legt sie den üblichen Marktpfennig vor ihm auf den Tisch mit den Worten: »Zehn Mariengroschen mehr als ausbedungen, aber keinen Tropfen, Klaas, hörst du, keinen Tropfen!«

Klaas strich die Münze ein mit einer Miene, in welcher die Befriedigung über die gewohnt gewordene, von Messe zu Messe um einen Groschen sich steigernde Zulage mit dem Verdruß über das ebenso gewohnte, aber nie ohne Ärger empfundene Verbot eines kräftigen Meßtrunkes schwankte. »Jubilatemarkt, Wirtin!« knurrte er, den Löffel zwischen den Zähnen; »einmal im Jahre, Wirtin!« – »Niemals, Klaas!« versetzte sie ruhig, »weder auf dem Hofe noch auswärts. Du bist auf den Verspruch gedingt: Branntwein niemals!« – »Der Pfarrer nimmt's nicht so genau wie die Wirtin«, murmelte der Knecht, indem er sich beeiferte, mit dem Löffel nachzuholen, was er durch den unnützen Widerspruch in der Suppenschüssel eingebüßt. – Die Wirtin wußte, daß ohne ausdrücklichen, an jedem freien Tage vergeblich angestrebten Erlaß ihr Verbot nicht übertreten werden würde, sie sparte daher jedes fernere Wort und wendete sich zu dem blankgereiften Zuber, in welchem die Magd die Vorräte des Hofes zu Markt tragen sollte: Klusbutter, Klushonig, Klusspargel und Lattichsprossen, sorgfältig zwischen rein gespülte Kohlblätter geschichtet, obenauf ein dichtes Straußbündel von Frühlingsblumen werden eine gar willkommene Marktware liefern.

Die Magd, die ihre Mahlzeit beendet, blickte schmunzelnd auf die ihres Hauptes harrende Zier, mischte die runden Kirschlippen mit der flachen Hand, steckte den blauen Strickstrumpf zu gelegentlicher Verwendung für den eigenen Nutzen in den Schürzenbund, schwenkte den Zuber auf den Kopf und streckte die Finger nach dem Marktpfennig aus, den ihr die Wirtin noch nicht gereicht hatte. Sie empfing die nämliche Gabe und Zulage wie der Knecht und, wie dieser das Verbot des Branntweins, mit gleich knappen Worten den Befehl: bei Sonnenuntergang auf dem Hofe zurück zu sein.

Auch an diese Hausregel war man seit Jahren gewöhnt, schien aber nach dem Zugeständnis der gemeinsamen Wanderung heute auf eine weitergehende Freiheit gezählt zu haben, denn die Dirne glotzte betreten zu dem Burschen hinüber, dem eine jähe Röte bis unter die Pudelmütze den apfelrunden Kopf überflog. Schon die Klinke in der Hand, kehrte er bei dieser Weisung zu einem Einwande in die Küche zurück. »Vor Abend heim? Jubilatemarkt, Wirtin!« sagte er rascher und lauter denn gewohnt. – »Vor Sonnenuntergang auf dem Hof«, wiederholte die Gestrenge. – »Markttag, Wirtin!« Das Pläsier geht erst los, wenn's dunkel wird, Wirtin.« – »Du kannst bleiben bis Mitternacht, Klaas, die Christine ist pünktlich bei Sonnenuntergang auf dem Hof.« – »Der Hof ist versorgt, wenn die Wirtin daheim ist.« – »Es ist nicht um den Hof, es ist um die Zucht. Eine Klusmagd darf nicht bei Nacht gleich einer Landstreicherin gesehen werden.« – »Ich bin bei ihr, Wirtin, ich!« – »Desto schlimmer!«

Es lag ein Gewitter in der Luft, und ungewohnte Rede, Widerrede zumal, erhitzt; vergällte Hoffnung aber ist ein gewaltiger Blasebalg: dieses eisige »desto schlimmer« schnellte den gelassenen Burschen in einen trotzigen Zorn. – »Und wenn eine eines Schatz ist?« stieß er heraus, indem er mit der geballten Faust auf den Tisch schlug. – Die Wirtin stutzte einen Augenblick, die puterrote Dirne mit einem scharfen Blick musternd, sagte aber darauf so ruhig wie bisher: »Zu Peter Paul ist Ziehzeit. Vier Wochen Kündigung. Ihr verlaßt den Hof.«

Die Magd, die offenen Mundes vor Wunder über ihres Kameraden Kühnheit unter der Tür gelehnt, ließ bei diesem harten Entscheid einen kurzen, bellenden Schrei vernehmen. Sie stützte mit einer Hand den schwankenden Zuber und führte mit der anderen die Schürze vor die Augen in Erwartung der Tränen, die ihr gottlob nicht geläufig waren. Der Klaas hingegen fühlte es gleich einer wilden Hummel durch seinen Hirnkasten brausen; die Adern fingerdick auf der zornroten Stirn geschwollen, schleuderte er die Mütze in die Herdecke und stampfte den Boden, daß Schüssel und Löffel auf dem Tisch aneinander klappten. Er war jählings ein anderer, als er sein Lebtage gewesen und voraussichtlich sein Lebtage wieder sein wird. »Gesagt ist gesagt!« brüllte er mit einer Stimme, die er seinem Bullen abgelauscht zu haben schien. »Gesagt ist gesagt! wir ziehen! Ja, heule nicht, Christine! Wer auf dem Klushofe futtern und buttern gelernt hat, braucht nicht Hungerpfoten zu saugen. Nein! Heule nicht, sage ich. Du bist mein Schatz, und ich bin dein Schatz. Ja! Denn warum? Ein Mensch ist ein Mensch, und ein Mensch hat ein Herz so gut wie das liebe Gottesvieh. Allein aber die Wirtin –«

»Schweig und geh!« unterbrach Judith den Sinnlosen, mit einer unwilligen Gebärde auf die Haustür deutend, nachdem sie die, welche nach dem Wohnzimmer führte, schon während des vorangegangenen Zwiegesprächs vorsichtig geschlossen hatte. Die Magd schluchzte und heulte nun wirklich; der Knecht aber fühlte blitzartig die Wehr des getretenen Insekts in seiner Brust. Ja, er hatte Stachel und Gift, und es war ein tückischer Blick, den er zu der unerbittlichen Herrin hinüberschoß. – »Heule nicht, Christine!« schrie er, ohne sich von der Stelle zu rühren. »Heule nicht, sag ich! Du hast dein Erspartes, und ich habe mein Erspartes. Und dienen ist gut, ja, aber eigen Haus haben ist besser. Ja! Und Schwein und Ziege im Stall! Ja! Und zum Quatember kommt's zur Subhaste, das im Walde drüben. Denn warum? Es verfällt, und fünf Jahre hat er noch zu sitzen. Und keiner will's nicht, nein! Aber ich will's, ich! Und ich kauf's, des Quellensimon ...«

Bei dem Namen des Quellensimon deutete die Magd mit einer Gebärde des Entsetzens auf die Wirtin, die plötzlich zusammenzuckte, als wäre ihr ein Messer in das Herz gestoßen worden. Die Einrede war erstickt; starr und steif ließ sie den nachströmenden Schwall wie im Traume an sich vorüberrauschen.

Die Leidenschaft hatte die Sinne des blöden Klaas gestachelt; mit trotziger Schadenfreude bemerkte er die Wucht seines Streiches und hieb und stieß darauflos, bis sein Mütchen gekühlt. Er focht wie beim Dreschen oder Mähen mit den Armen in der Luft, trat taktmäßig einen Schritt vor und einen zurück, um das ungeübte Redewerk im Gange zu erhalten, und begleitete jeden seiner Sätze mit einer der beiden gewichtigen Silben, auf welche sich eine Willensäußerung bis heute möglichst beschränkt. Im Flusse der Rede dämpfte das Rachegeköch sich ab, die Zornesadern senkten sich allmählich, die Truthahnsröte schwand und die blauen Augen glotzten harmlos wie allezeit; aber das Ventil war einmal geöffnet, und das Gefäß strömte über bis auf den letzten Tropfen, den das arme Hirn ihm zuzuführen imstande war.

»Des Quellensimon Haus?« wiederholte er. »Du denkst dir was dabei, Christine, ja, und die Wirtin denkt sich was dabei, ja, und die Leute denken sich was dabei, ja! Denn warum? Spuk ist Spuk, und wenn einer ist totgeschlagen worden, geht er um und sucht seinen Mörder! Und der Papiermüller ist totgeschlagen worden, ja! Und der Quellensimon ist wegen Totschlag gesetzt worden, ja!

Und keiner darf reden von dem Papiermüller auf der Klus, keiner nicht, nein, und von dem Quellensimon darf einer auch nicht reden, nein! Denn warum? Der Papiermüller ist der Wirtin ihr Freiersmann gewesen, und die Wirtin hat gegen den Quellensimon ausgesagt, vor Amt und Zeugen hat sie gegen ihn ausgesagt, und derhalben dürfen wir nicht davon reden! Heule nicht, Christine! Ich will davon reden, denn fort muß ich doch! Und du denkst dir was bei dem Hause, Christine, ja! Aber ich kann mir nichts dabei denken, nein! Denn warum? Zehn Jahre ist's her, heuer zum Jubilatemarkte zehn Jahr. Und im Hause oben ist's nicht geschehen, aber unten in der Stadt, und wenn einer umgeht, geht er unten um, am Damm, und nicht hier oben vor dem Wald. Und wenn's der Simon getan hat, hat er's getan, ja. Aber er hat's auch wieder nicht getan, nein. Denn warum? Der Simon hatte einen Rausch! ›Ich hatte einen Rausch‹, hat der Quellensimon gesagt, und weiter kein Wort nicht, nein, vor Amt und Zeugen hat er's gesagt: ›Ich hatte einen Rausch!‹ Und die Wirtin gesteht keinen Tropfen zu, nein! Nicht einmal zur Kirchweih und zu Jubilate, nein! Denn warum? Die Wirtin ist wie ein Mann, ja. Aber sie ist doch kein Mann nicht, nein! Und ein Mann verlangt seinen Tropfen, und wenn ein Mann seinen Tropfen hat, da hat er seine Courage, und er hat sein Pläsier. Außerdem ein Tropfen zuviel, und mit seiner Wissenschaft ist's aus.

Und der Quellensimon war ein Mensch wie ein Lamm. Nicht eine Sau konnte er schlachten sehn, da wurde er weiß. Und ich habe mit ihm gedient bei der Kompanie, da die Untat geschah, und der Hauptmann, der anjetzo der Oberste im Zuchthause ist, der hat auf den Simon gehalten wie auf sein Fleisch und Blut und hat sich verschworen Stein und Bein, daß der Quellensimon es nicht getan. Denn der Quellensimon war ein Mensch wie ein Lamm. Und bloß von wegen seinem Rausch. Und das Messer, das in dem Papiermüller seinem Leibe gesteckt, ist nicht des Quellensimon sein Messer gewesen, denn warum? Der Simon hat sein eigen Messer zugeklappt in der Hosentasche. Und der Hieb, der dem Papiermüller den Hirnkasten eingeschlagen, der ist auch nicht mit des Quellensimon Stocke geführt gewesen, denn des Quellensimon Stock hat fünfzig Schritte davon am Damme gelegen und eine erbärmliche Haselrute mit einer Krücke, weiter nichts. Allein aber der Totschlägerstock, das muß ein fremder Stock gewesen sein, oben darauf mit einem bleiernen Knopf. Und in der nämlichen Nacht ist der junge Sachsenwirt davongegangen auf der Eisenbahn übers Meer, und keine Seele hat wieder ein Sterbenswort von dem jungen Sachsenwirt gehört, und diese Jubilatemesse sind's just zehn Jahre.« –

Wie das Streiflicht eines Blitzes über eine Leiche, so zuckte es bei dem letzten Satze über die Gestalt der Wirtin; nur ein einziger Augenblick, im nächsten stand sie so unbelebt wie zuvor. Der Redner bemerkte es nicht; der Zorn war längst von seinem Siedepunkte gesunken, der Trotz des Ungehorsams gestillt, auch die Eitelkeit war nicht gestachelt, denn die eine seiner Zuhörerinnen stand schier wie taub, und die andere fragte den Kuckuck nach dem Quellensimon und seiner Missetat, nur nach des Quellensimon verrufenem Haus, dessen Notdurft sie gegen den reichlichen Hofedienst vertauschen sollte. Der Klaas hielt bei dem verpönten Gegenstande daher nur noch aus, weil er einmal im Zuge war und zu seinem eignen Wunder eine denkwürdige Erinnerung aus einem Winkel seiner Seele in die Höhe tauchte. Der an Ordnung Gewöhnte machte bloß reinen Tisch, indem er die letzten Brocken aus seinem Gedächtnisse zusammenstrich.

»Und von wegen des Messers«, so fuhr er nach einem kräftigen Atemzuge fort, »und von wegen des Stockes und von wegen etwelchem anderem, das nicht hotte noch hü passen getan im Verhör, hätten sie dem Quellensimon nichts anhaben können vor dem Amt, nur ganz allein, daß der Quellensimon gesagt: ›Ich hatte einen Rausch, ich kann's getan haben, und ich will's getan'haben‹, hat er gesagt. Allein aber an Leib und Seele sind sie dem Quellensimon nicht gegangen vor dem Amt, denn warum? Der Quellensimon lebt, und ich habe ihn gesehen, und wenn er nicht lebte, hätte ich ihn nicht gesehen, und wenn sie ihm ans Leben gegangen wären, da lebte er nicht, nein! Und er hatte nicht mehr ein Ansehen wie Milch und Blut, wie damals unter der Kompanie, aber wie pure Milch und hager wie ein Stecken, und weiße Haare auf dem Kopf. Aber gekannt habe ich ihn auf den ersten Blick, denn der Simon hatte eine Art, die setzt sich einem ins Herz, und der Simon, das war ein Mensch wie ein Lamm. Und die Züchtlinge karrten Pflastersteine im Hof, und graue Hosen hatten sie an und Jacken von Zwilch, und der Simon hatte auch eine Hose und Jacke an von Zwilch, aber gekarrt hat er nicht. Mit den Buben vom Hauptmann hat er im Hofe gespielt, der anjetzo der Oberste im Zuchthause ist, und Klötzchen von Holz hat er den Buben geschnitzt, und der Hauptmann hat dabei gestanden und dem Quellensimon auf die Schulter geklopft. Und das Zuchthaustor stand auf, und ich habe am Tore gelehnt und es mit meinen leiblichen Augen gesehn. Und es war, wie ich die Blesse zu dem Schlächter treiben tat, und – und – und –«

Der Schwätzer stockte; er hatte noch Atem, aber der Stoff war ihm ausgegangen. Er focht ein paarmal mit den Armen in der Luft, trat von dem rechten Bein aufs linke und von dem linken aufs rechte, aber einen frischen Satz fand er nicht. – »Und damit gut, ja!« sagte er, suchte die Pudelmütze hinter dem Herdwinkel vor, faßte mit der einen Hand das Garnbündel und mit der andern das eingewickelte Morgenbrot, das er vorhin mit einer Miene, als ob er Speckscheiben und Pumpernickel niemals wieder seiner Labung würdig halten werde, auf den Tisch geschleudert, und verließ, gefolgt von seiner Schönen, die Küche.

Keine Fiber hatte an dem Leibe der Kluswirtin gezuckt; die Hände an den Tischrand geklammert, den Kopf zur Brust herabgesunken, aschfarbig, stieren Auges, so stand sie wie im Krampfe gebunden, und erst als die Tür hinter dem sich entfernenden Paare in das Schloß fiel, schreckte sie, wie erwachend, zusammen.

Eine Minute – und sie richtete sich in die Höhe, die Hände sinken schlaff am Leibe herab, mit scheuen Blicken durchspäht sie den Raum. Hat sie ein Traum genarrt, ein böser Traum, wie so oft in der Nacht? Ein verhaßter Traum, über den sie keine Herrschaft hat wie mit offenem Auge im Tageslicht? Sie sieht durch das Fenster die breiten Sonnenstrahlen und das Hantieren der Leute auf dem Hofe. Nein, es ist Wirklichkeit. Das Schauerbild ihrer Jugend ist vor ihren Augen entrollt worden, mit groben Zügen, mit plumper Hand – aber doch das Bild! Die Satzung des Hauses ist gebrochen, der Name genannt, das Schicksal heraufbeschworen worden, die in der Stille ihres Hauses und Herzens wie in einem Grabe geruht. Sie schauderte: Es gemahnt sie, all ob der Geist des Schicksals einen Vorboten entsendet habe.

Aber Judith, die Kluswirtin, ist keine Träumerin und Geisterseherin von Natur. Dreimal atmet sie bis auf den Grund, schlägt mit den geballten Händen dröhnend gegen die Brust, als ob sie den Deckel über einem Sarge verschließe, und sie fühlt sich wieder klar, fest, zum Kampfe gerüstet, wie sie sich vor wenigen Minuten gefühlt. Sie lauscht eine Weile an der Stubentür. Alles still! Die da drinnen haben nichts von dem Ärgernis vernommen. Sie sinnt einen Augenblick und schreitet dann entschlossen in den Hof hinaus. – Auch der Knecht ist wieder der alte Klaas, von dem seltsamen Eifer nichts zurückgeblieben als gezeitigter Appetit. Er sitzt auf dem Garnbündel, das er über den Kornsack auf seinen Schiebkarren geladen, und verzehrt die Brot- und Speckscheiben, die ohne die vorherige Anstrengung nicht unter etlichen Stunden an die Reihe gekommen sein würden. Die einzige Unberuhigte von den dreien scheint allenfalls die Magd, denn sie steht vor ihrem Auserkorenen mit geballter Faust und pufft auf den Kornsack unter dem Protest: »Und ich will nicht in das Mörderhaus, und ich gebe der Wirtin ein gut Wort, und ich will nicht in des Quellensimon Haus!«

Ehren-Klaas hat genugsam geschwätzt für lange Zeit, er läßt sich auf Erwiderungen nicht ein. So wenig er sich bei des Quellensimon Haus hat denken können, so wenig hat er im Ernste an das abgelegene, verrufene, verfallene Waldhaus gedacht, ja in hausväterlich Absichten überhaupt sich erst in der Galle über einen vereitelten Meßtanz hineingeredet. Er weiß, daß Knechtsbrot sicherer zu verdienen ist als Heierlingsbrot, und wie herzhaft es mundet, das glaubt er noch niemals so empfunden zu haben wie über den saftigen Speckscheiben, die er in langsamen Bissen schnalzend zwischen seiner Zunge zerdrückt. Freilich in keinem Dienste so herzhaft als in dem zur Vergütung ihrer strengen Enthaltsamkeitsverbote reichlich lohnenden und köstigenden Kluswirtin. Indessen da der Zungenteufel ihn einmal aus dem gelobten Lande geritten, wird der Klaas sich auch an einem mageren Platze genügen lassen und noch am heutigen Tage unter den Marktgästen nach einer schicklichen Gelegenheit Umfrage halten.

Mit diesem Kern- und Schlußpunkte seiner stummen Erwägungen war der Knecht bei dem letzten Bissen des Pumpernickels angelangt, als die Wirtin ihm unerwartet gegenüberstand. »Klaas, Christine«, sagte sie so ruhig, als ob das kürzliche Zwischenspiel nicht stattgehabt, »ich dulde keine Liebesleute auf dem Hofe, ihr wißt's. Aber werdet Mann und Frau, so mögt ihr bleiben. Dort oben das Gelaß im Gartengiebel richte ich euch her. Im übrigen bleibt's beim alten. Künftigen Sonntag das Aufgebot. Soll's so sein?« – Der Klaas bat dem Gottseibeiuns sein sträfliches Mißtrauen ab; er hätte an eine Wiederholung des Pfingstwunders glauben mögen, des wunderlichsten Wunders, das er den Pfarrer von der Kanzel verkündigen hören; der trockene Bissen stockte in seiner Kehle; der Christine aber flimmerte es vor den Augen, so als ob mitten in der Nacht ein Goldregen sich auf die Erde niedergelassen. »Es soll so sein, Wirtin«, sagten sie beide einmündig, nachdem sie ihrer Geister wieder Herr geworden.

Damit zog der eine seinen Karren an, die andere ihren Strickstrumpf aus dem Schürzenbund, und beide bewegten sich dem Hoftore entgegen. Die Wirtin folgte ihnen. Bevor sie den Ausgang überschritten, trat sie noch einmal zwischen sie, legte eine Hand auf eines jeden Schulter und sagte leiser und weniger zuversichtlich denn vorhin: »Über die Dinge von – damals keine Silbe wieder, Leute!« – »Keine Silbe wieder und keinen Tropfen, Wirtin!« – »Heim vor Nacht und keine Silbe, Wirtin!« beteuerten die Neugeworbenen, indem sie in die ausgestreckte Hand der Wirtin schlugen.

Ohne ein Wort miteinander zu wechseln, setzten sie ihre Straße fort. Die Braut strickte an ihrem Hochzeitsstrumpf, will's Gott; in dem Bräutigam dämmerte eine Weisheit, welche der Welt vor ihm schon mehr als einmal nach einem Sturme aufgegangen. Die Weisheit nämlich, daß ein unrechtes Wort zu rechter Zeit gelegentlich einen Treffer zieht. Möglich, aber schwerlich, daß Ehren-Klaas im Verlaufe seines Lebens auch zu der weiteren Erkenntnis gelangt, nach welcher ein rechtes Wort zu unrechter Zeit allemal eine Niete ist.

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