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Judith die Kluswirtin

Louise von François: Judith die Kluswirtin - Kapitel 10
Quellenangabe
typenovelette
authorLouise von François
titleJudith die Kluswirtin
publisherGauverlag Bayreuth GmbH.
addressBayreuth
seriesBayreuther Feldpostausgaben
volume
printrun
editor
year1944
firstpub
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectid32fe26f3
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Klärung

In der Mittagsstunde, welche jenem stillen Begräbnismorgen folgte, betrat ein trauerndes Weib die Zelle des Gefangenen Simon Lauter. Er saß, mit dem Rücken der Türe zugewendet, in seine kunstvolle Arbeit vertieft und blickte nicht früher auf, bis er seine Knie krampfhaft umklammert und glühende Tränen auf seine Hände niederrieseln fühlte. Es war Judith, die stolze Kluswirtin, die sich zu Füßen des Züchtlings wand und zitternd seine Vergebung erflehte. Aber auch, als sie nach langer Stille beruhigter, ihre Hand in der seinen, ihm gegenüberstand, war ihr erstes einziges Wort: »Vergib!« Spät und mühsam rang das zweite sich hervor: »Ich habe heute morgen meinen Bruder begraben.«

Der Hauch des Glücks, der kaum die bleichen Wangen des Gefangenen überflogen, wich einem eiskalten Schatten. – »Heimgekehrt, tot?« rief er entsetzt. – »Heimgekehrt, tot!« sagte Judith; »das Erbteil seiner Schwester: einen Schuldlosen zu entlasten.« – Simon schlug die Hände vor das Gesicht und stand in heftiger Erschütterung. – »Ihr Erbteil – sein Sohn!« murmelte er ihr nach. Die letzte Versuchung mußte überwunden werden.

Des Mädchens Seele ergoß sich vor ihm, knapp, gepreßt, Silbe um Silbe; dann immer voller und voller. Nicht den Toten verklagte sie, nur sich selbst. Sie war die Schuldige, deren Kleinglaube sein Opfer bezweifelt, deren Kleinmut seine Rechtfertigung versäumt. »Simon«, sagte sie zum Schluß, »jedes graue Haar auf deinem Haupt klagt mich an um eine Stunde der Qual, aber – dieser Friedensblick deines Auges, – vergib mir, Simon, denn ich habe mehr gelitten als du!« – Ja, er blickte in Frieden; die Versuchung war überwunden, die Stunde gekommen, in der er wieder an sich selber glauben, in der er vor sie treten und sagen durfte: »Es ist der Simon, den du liebgehabt«, die Stunde auch, in welcher das Gelübde des Schweigens vor ihrem Ohr, und vor ihrem allein, sich lösen durfte. »Um dieser Stunde willen«, sagte er, »habe ich gebüßt zehn Jahre lang; nicht das Verbrechen, dessen man mich angeklagt, aber – vom Laster zum Verbrechen ist kaum ein Schritt –, aber das Laster, Judith, das uns entzweit.« Er zog sie neben sich auf die Bank, und ihre Hände in den seinen, wie einst, hob er den letzten Schleier von einer dunklen Tat.

»Als ich mit dir und jenem Unglücklichen zusammenstieß«, so lautete sein Bekenntnis, »als ich ihm nach seinem Hause folgte, um deinem Bruder Lebewohl zu sagen, da zweifelte ich nicht, daß du seiner Werbung nachgegeben; ich war zu Tode betrübt; aber ich grollte weder dir noch ihm, denn Geist und Leib waren rein. Und in derselben Nacht haßte ich diesen Mann, von dem ich nichts Böses wußte, den Mann, der dich liebte, als einen tödlichen Feind; ich hätte ihn erwürgen mögen, und wenn meine Hand frei vom Blut geblieben, nicht der Wille hat sie gebannt, nur die körperliche Scheu, welche die Natur mir eingebunden. Ich war ein Mörder vom Herzensgrunde, denn ich war im Rausch. Ich sah jenen anderen, der mir von Jugend ab ein Bruder gewesen, von einer bösen Leidenschaft gepackt, suchte ihn zu warnen, zurückzuhalten, – und mein Lallen verhallte. Ich sah ihn in eine unselige Verwirrung rennen, verließ ihn, um für ihn einzutreten, und statt das Geld in meinem Hause zu holen, taumelte ich in der Richtung, von welcher du kommen solltest, Judith. Da unten an der Vorfahrt lauerte ich, um dich dem Feinde zu entreißen; des Freundes hatte ich vergessen – denn ich war im Rausch. –

Ich hörte und sah die Ringenden, strebte, sie voneinander zu reißen, und brach zusammen gleich einem Rohr, ich, den die Natur mit Kräften ausgerüstet, stärker als jene beiden vereint. Ich, der Ruhige, trug die Schuld eines Sinnlosen, die Schuld, die ich zu hindern vermochte und nicht verhindert habe – denn ich war im Rausch. – Und dies alles stand plötzlich klar vor meiner Seele, da ich dich neben dem blutigen Opfer erkannte, dich, Judith, der ich mein Wort verpfändet und gebrochen, die ich mehr zu lieben glaubte als mein Leben, und doch weniger liebte als den Dämon, dem ich Gewalt über Leib und Seele eingeräumt, da ich dein wahrheitzeugendes Ja wie die Posaune des richtenden Engels in meinem Herzen widerhallen hörte.

Und nun jene stillen Tage der Haft, jene Tage der Einkehr und Prüfung! Vor kurzem, als ich im Schachte arbeitete, hatte ich einen Beamten die Geschichte eines Freundes erzählen hören, eines gebildeten Mannes, der sich freiwillig das Leben genommen, weil er durch das Laster des Trunks den Widerwillen des geliebten Weibes erregt und doch von dem Laster nicht zu lassen vermochte. Das war im Freien, zwischen Himmel und Wald, und ich hoffte noch, glaubte noch an mich selber zu jener Zeit. Aber, daß ich es mit Worten aussagen könnte, wie mich die Erinnerung an dieses Schicksal in der einsamen Zelle durchschüttelte. Auch ich hatte die reine und starke Liebe eines Weibes verwirkt durch jenes Laster, auch ich konnte von dem Laster nicht mehr lassen ohne Gewalttat an mir selbst. Der Selbstmord soll eine Todsünde sein, eine Feigheit, eine Roheit der Seele. Vielleicht. Ich für mein Teil hatte einfach nicht das Blut für eine rasche Tat. Ich war ein Feigling, wenn ich jener langsamen Vergiftung des Lasters, die wohl mit größerem Rechte eine Todsünde und eine Roheit genannt werden darf, – denn sie entquillt einem Unmaße der Lust und jene einem Übermaße des Leidens, – wenn ich dieser langsamen Vergiftung nicht einen Damm entgegensetzte. Einen Damm, wie du es einst genannt, Judith; aber einen Damm von außen, denn mein Wille, ich wußte es, war keiner.

In diesem Wirbel der Gedanken, wenige Stunden vor der Katastrophe, welche über Tag und Nacht für mich entscheiden sollte, kam es über mich gleich einer Erleuchtung von oben. Eine Mauer um mich ziehen gegen das Laster, das ich freiwillig nicht mehr zu bannen vermochte, eine Gewissenssünde sühnen, deren Unterlassung nicht mein Verdienst, von meinem Freunde und Bruder, – merke es wohl, Judith, dies letzte war nur die Folge, nicht der Ausgang meiner Erkenntnis, – von dem Sohne meiner Wohltäter eine Anklage lenken, die sich unzweifelhaft gegen ihn erheben mußte, wenn ich die stückweisen Erinnerungen jener Nacht enthüllte – Reinigung, Buße und Wohltat mit einem Worte, das ich sprach, und mit einem, das ich auch ferner zurückhielt, wie ich es bisher im traumhaften Schwanken zurückgehalten. Ich sage die Wahrheit, Judith, ich hatte die Tat nicht verüben sehen, denn ich war im Rausch.

Mein Leben, ich wußte es, schützten Zweifel und Bedenken, die sich nicht überspringen ließen. Seiner harrte das Schafott. Mochte er sich durch die Flucht diesem Äußersten entzogen haben, seine Mutter lebte, sein Kind, du lebtest, Judith, um Stunde für Stunde das schwebende Beil über seinem Haupte zu empfinden. Ich stand allein, die einzige Liebe hatte ich verwirkt. Rausch entschuldigt, ein Mord schändet nicht, wohl aber ein Raub, und Schande wird höher als Sünde angeschlagen in den Augen der Welt. Man mochte mich für einen Mörder halten, nimmer für einen Dieb. Seine Ehre war gebrandmarkt, der Name, den ein schuldloses Kind zu tragen hatte, den eine Schwester im Schweiße ihres Angesichts reingewaschen, so sah ich's, Judith, und so sehe ich's noch heute. Es war Notwehr gegen mich selbst, es war Buße, und das, was du ein Opfer nennst, nur ein erquickender Segen, der aus jenen beiden erwuchs.

Und nun, Judith, bringe mich nicht um diesen heimlichen Lohn. Wühle nicht in ein Grab, wühle nicht in dein eignes Fleisch und Blut. Er ist dir nicht vergebens zum Bruder gesetzt gewesen; ehre den ewigen Willen, der seine Schuld mit Nacht gedeckt. Ja, tätest du's dennoch, Judith, weil starken Seelen wie der deinen das Schwerste immer das Nächste und das Übernatürliche häufig natürlich scheint, ließest du die Stimme vernehmen, die dir als Gerechtigkeit gilt, ich würde diese Stimme verleugnen, Judith, und der Schatten eines zwecklos Gezeichneten, eines, den bereits sein höchster Richter gefordert, hätte sich für ewige Zeiten zwischen dich und mich gedrängt.«

Judiths Augen hatten unbeweglich an dem Redenden gehangen wie an einer himmlischen Lichtgestalt. »Und du, Simon!« rief sie jetzt, da er geendet, erschauernd über den ganzen Leib und noch einmal zu seinen Füßen niedersinkend, »Simon, und du!« – Er richtete sie auf, zog sie an sein Herz und blickte sie an mit heiterer Ruhe, ja, ein Lächeln auf den bleichen Lippen. »Ach, Judith«, sagte er, »ich werde der Gnade harren oder der Endzeit meiner Strafe. Ich fühle mich nicht unglücklich hier, ja, ich bin das Hätschelkind dieses Hauses, das dir als ein Grab erscheinen mag. Unter meinen elenden Mitbrüdern sind manche, die mich lieben; der Direktor verkehrt mit mir nahezu als einem Freund. Schau dich um, Judith, ich habe lohnende Beschäftigung, habe Schreibzeug und Bücher, glaube mir, ich wäre in der Freiheit nicht so weit gekommen. Ich war ein Schwächling, ich bedurfte der Zucht. Darum, wenn Liebe sich erklären läßt, darum liebte ich dich ja, Judith, dich vor allen andern, weil du Kraft hattest für mich mit. Die stärkende Liebe ist die stärkste, nun wohl bin ich ein Mann geworden; die Erinnerung, der Glaube an deine Liebe hat mich zum Mann gemacht. – Soll ich aber Gnade finden, dann um so größer freilich mein Glück. Die Gerechtigkeit kann ich missen, wer sich unschuldig fühlt oder durch Buße entsühnt, sieht sich nimmer im Schatten. Sei's, daß ich mir unter Fremden eine Heimat suche«, er sah Judith erbleichen und setzte rasch hinzu, einen hellen Freudenglanz über den klugen, »oder auch hier in der alten Heimat. Mir bleiben Beschäftigung und Bücher, wie ich sie im Kerker lieben lernen, ich finde meinen Wald wieder, Gottes Himmel, – und unsre alte Freundschaft, Judith, über allem.« – So schieden sie voneinander.

Aber erst nach einer langen Unterredung mit dem Direktor und ihrem geistlichen Freunde kehrte die Wirtin in ihre Klus zurück. Mit einer Hast, die keiner an ihr gekannt, mit fliegenden Schritten und leuchtenden Blicken rüstete sie ihren Hof für einen mehrtägigen herrenlosen Selbstbetrieb und verließ ihn, in ihre Trauerkleider gehüllt, mitten in der Nacht, um eine heimliche Reise anzutreten.

Am übernächsten Abend brachte eine Nachricht des Telegraphen direkt aus dem königlichen Kabinette der Residenz eine unerhörte Bewegung in das Getriebe der Strafanstalt, und einen Morgen später, während Simon Lauter, der Begnadigte, heiße Tränen im Auge und von manchem aufrichtigen Händedruck begleitet, aus den Mauern schied, die er sich in Wahrheit zu einem Zuchthause werden lassen, während er zum erstenmal seit zehn Jahren den Atem seines geliebten Waldes in tiefen Zügen in sich sog, verbreitete sich diese Bewegung über Stadt und Land, eine freudige Begeisterung entzündend, wie sie leider nur allzuselten den trägen Tageslauf der Herzen durchrüttelt.

»Der Simon Lauter, im Volke der ›Quellensimon‹ genannt, vor zehn Jahren des Mordes angeklagt und seit der Zeit die über ihn verhängte Strafe mit musterhaftem Betragen verbüßend, hat ohne ein Wort der Einrede jene Strafe für einen andern erduldet, den der Tod bereits vor einen höheren Richter geführt und dessen Namen, nach des Simon Lauter Wunsch und Willen, ein ewiges Vergessen decken soll. Seine Majestät der König, durch unwiderlegliche Beweise von der Wahrheit dieser seltnen Handlungsweise überzeugt, haben dem Erlasse Allerhöchst Ihrer Gnade diese rechtfertigende Erklärung hinzuzufügen befohlen. Sie beauftragen die betreffenden Kreisbehörden, dem Simon Lauter mit Rat und Tat zu seinem Fortkommen behilflich zu sein und über seine etwaigen Bedürfnisse oder Wünsche Allerhöchsten Orts zu berichten, wie sie denn auch dem Simon Lauter für seine unerschrockene Hilfleistung und aufopfernde Rettung mehr als eines Menschenlebens bei der nützlichen, von Sr. Majestät tiefbeklagten Heimsuchung Ihrer getreuen Stadt *** das Kreuz .... zu verleihen geruhen.« –

Also war es mit gesperrter Schrift an der Spitze des amtlichen Teiles der städtischen Zeitung verkündet und Simon Lauter über Nacht der Held seiner heimatlichen Gegend geworden. Ja, das war erst der rechte Born, der Born der Liebe, der sich dem Quellenfinder aufgeschlossen! Man wallfahrtete nach dem verrufenen Waldhause, schüttelte ihm die Hand, bot ihm Hilfe von fern. Keiner hatte von Anbeginn an seine Schuld geglaubt, jedweder im stillen auf Gottes rechtfertigenden Finger gerechnet. Man pries ihn mit tausend Zungen – seine stille Geduld, sein Kunstgeschick, seinen Heldenmut, die Himmels-, nicht Teufelsgabe seines Quellenblicks und – selber das gelassene Schweigen bei allen groben wie feinen Spürversuchen nach seiner Heimlichkeit.

Simon Lauter ließ lächelnd wie ein Weiser diese volkstümlichen Huldigungen über sich ergehen; er dankte mit Hand und Mund für alle Anerbietungen von höchster Stelle bis zur niedrigsten, ohne von einer einzigen Gebrauch zu machen, lebte still in seinem Waldhause, den künstlichen Arbeiten hingegeben, die er in bösen Tagen als seinen Beruf erkennen und lieben lernen, oder draußen im Wald, dessen Hütung er einzig von allen angetragenen Ämtern wieder versah, gab auch wohl hin und wieder einen Rat bei den Bewässerungsanlagen der Gegend, für einen ernstlichen Wiederangriff des Bergwesens aber erkannte er den Ablauf der Jugendkraft. Alles in allem, er blieb auf seinem mäßigen Grunde, ohne sich von der Woge plötzlicher Gunst in luftige Regionen wirbeln zu lassen.

In der Nacht, die seiner Freigebung folgte, hatte er die von ihrer rätselhaften Reise heimkehrende Kluswirtin auf dem städtischen Bahnhofe empfangen, und sie, heute ohne zimperliches Zagen, ihren Arm in den seinen gelegt, um sich von ihm nach ihrem Hofe zurückleiten zu lassen. Schweigend gingen sie bis jenseits der Stätte ihrer dunklen Erinnerungen, dann aber sagte er mit einem herzlichen Händedruck: »Judith, Judith, und das hast du für mich getan!« – Sie aber versetzte lächelnd, so warm und glücklich wie im Leben noch nie: »Hätte ich weniger tun dürfen für einen, der die Gerechtigkeit missen kann?«

Von der Residenz ausgehend, hat sich manches fabelhafte Gerücht über die Aufnahme verbreitet, welcher sich die schöne, beherzte, westfälische Bäuerin bei dem hohen Königspaare erfreut, und der Name Judiths, der Kluswirtin, ist rühmend über ihren engen Bezirk hinausgetragen worden. Sie selber jedoch hat jener Reise und ihres Zweckes nie gegen einen andern berührt als den Pfarrherrn und den Vorsteher der Anstalt, welche das von ihr überreichte Gnadengesuch beglaubigt hatten und welche beide ihre treuen Freunde geblieben sind. Im Herzen aber und gegen den, dessen Rechtfertigung ihr kluges, vertrauendes Wort erwirkt, gedenkt sie einer erhabenen Stunde mit alter westfälischer Bauerntreue. Wenn aber auch dem, welchem das zeitliche Amt der Gnade zusteht, der Blick der Gerechtigkeit als einem Beichtiger geöffnet werden durfte, so ist doch vor allen andern Augen das dunkle Geheimnis des Klushofes Geheimnis geblieben. Manches mag gemunkelt worden, manche Mutmaßung der Wahrheit nahegekommen sein; laut und öffentlich wird der Name August Frobel nicht als ein Räuber- und Mördername genannt, und keine Seele ahnet, daß der verunglückte Amerikaner der einstige Sachsenwirt gewesen, der zwischen den Gräbern der eignen Mutter und der seines Sohnes den ersten sicheren Erdengrund gefunden hat.

Noch vor Ablauf der anberaumten Prüfungsfrist hat Sylvians drängender Sehnsucht nachgegeben werden müssen, vor wenigen Tagen ist er in das Seminar getreten, um durch ein priesterliches Leben das Werk der Heiligung, das seiner Liebe hienieden entrückt worden war, jenseitig im Glauben zu fördern. In einer andern Weise ist die redliche Strenge der Kluswirtin bemüht gewesen, jene unselige Verirrung ihres Blutsverwandten durch ein Werk der Barmherzigkeit auszugleichen. Da die Hinterlassenschaft des Papiermüllers Berg noch heute ohne nachweisliche Erben in gerichtlichem Verwahrsam ruht, hat Judith jene entwendete Summe, Zins auf Zins und aus ihren Ersparnissen erheblich vermehrt, zu einer Stiftung angelegt, mit welcher gleichzeitig die letzte unheilvolle Erinnerung von dem Klushofe getilgt werden soll. Das Seitenhaus mit dem Gartengiebel ist zu einer Herberge umgebaut, in welcher sechs verwaiste, der Zucht bedürftige Knaben Pflege, Unterricht und die Heranbildung zu einem ländlichen Berufe genießen. Judith schafft mit Muttertreue für diese Kinder, und der Freund ihrer Jugend, der wieder wie einst der Weiheengel des Kluslebens geworden ist, steht ihr mit seinen Erfahrungen dem Bereiche verwahrloster Herzen als Helfer und Rater zur Seite.

Rater und Helfer gegenseitig, Nachbarn und Freunde, Bruder und Schwester am Schlusse der Geschichte, – und nicht mehr? Die er von der Wiege ab geliebt, dem sie die Treue verlobt und wäre es über zehnmal drei Jahre, – und einander nicht mehr? Nein, nicht mehr. Zwölf Trauermonde sind noch nicht abgelaufen; und wie vieles mußte vergessen, wie vieles überwunden werden, was das Schicksal den Seelen einwirkt, wie vieles auch gelernt nach zehn Jahren einsamer Gewöhnung! Auf den lange bleichen Wangen erblüht ein jugendlicher Hauch, ihre Worte sind rascher, ihre Blicke feuriger geworden; sie arbeiten lächelnd, aber – noch ist es nicht wieder Mai. Als Freunde verlassen wir sie, und so dem Erzähler seine Aufgäbe gelungen, als Freunde scheiden wir von Judith, der Kluswirtin, und Simon, dem Quellenfinder.

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