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Jost Seyfried. Zweiter Band

Cäsar Flaischlen: Jost Seyfried. Zweiter Band - Kapitel 91
Quellenangabe
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typefiction
authorCäsar Flaischlen
titleJost Seyfried. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XXXIX

Das kleine Bildchen, das du schicktest, ist so hübsch und zierlich.

Es steht auf meinem Tisch im Sonnenschein vor einem Glas mit blauen Glockenblumen
und sieht mir zu, was ich tue!
und ich rede mit ihm ...
ganz dumm!
und sage, o du liebe, liebe Liebste du!
und es lacht dann, wie du selber manchmal lachst:
ich solle nicht so töricht sein!
und freut sich doch darüber und macht so glückliche Augen
und dann küß ich es und sage immer wieder:
o du liebe, liebe Liebste du!

*

Hast du den Sturm gehört heute Nacht?!

Mond und Sterne und ... Sturm ... als ob es den ganzen Wald auf der Höhe droben entwurzeln wollte!

Südost ... und jetzt noch und immer heftiger!
und wie das Meer aufsteigt, sieh doch! und wie es braust und brandet, den ganzen Strand entlang und ...
bis zum Horizont hinaus lauter weiße Schaumköpfe!

Es ist schön, so Sturm!
und wir haben keine Angst, gelt? er kann uns nichts nehmen! er soll wettern, so viel er mag! wir stehen! so fest! wie drüben unser Wald!

*

Klein-Hannie ist traurig heute ... es zuckt um seinen Mund, als wolle es weinen!
was hast du denn? was hast du denn?

Bist du traurig, weil es draußen so trübe und so nebelig?

Der Sommer ist vorbei, ja ja! und den Tag über stehen Wolken am Himmel ... aber nachts sind immer doch die Sterne wieder da!

 

Nun weint es! aber ... was hast du denn? Wir haben uns doch versprochen, nicht mehr zu weinen! über nichts!
wir haben uns doch gesagt: wir wollen der Sonne treu sein und an sie glauben, auch wenn wir sie nicht sehen, und fröhlich bleiben, auch wenn es nicht immer so sein kann, wie es jetzt war!

Was ist dir denn? was ist dir denn?

Denk doch nur, wie gut wir es hatten! und wie wunder-wunder-wunderschön es war! so schön, wie andere es gar nicht haben können!
wie wir in den Dünen saßen und am Strand und in der Heide und im Wald und Kinder waren und lachten und uns küßten vor allen Bäumen und Blumen und Schmetterlingen und Schwalben!
und wenn wir auch nicht bei einander sein können, wie wir möchten ... wir sind doch bei einander und über Berg und Tal und Land und Meer und alle Menschen hinweg und nichts und niemand kann es uns wehren!

Nun lacht es wieder! ach ja!

*

Und heute nachmittag vielleicht schon scheint die Sonne wieder
und dann gehen wir ... und sehen den Spinnen zu an den Hecken, wie sie ihre Netze aufhängen oder wir holen uns Ebereschen oder wir tun gar nichts und freuen uns bloß, wie schön es noch, und singen unsere Lieder!

Und wenn wir heimkommen, liegt ein Brief von Groß-Hannie auf dem Tisch, und wir schreiben ihr wieder: wie alles überall nach ihr frage und wie wir Sehnsucht hätten ...
aber auch Sehnsucht zu haben sei schön! ...
und wir schicken ihr das kleine Liedchen vom Sonntag Morgen:

*

Ich soll, Herzliebste, dich grüßen
von Sonne und von Meer,
vom Strand und vom Wald und den Wiesen
und von allen den Schwalben umher ...

Sie kommen ans Fenster geflogen,
zutraulich treu,
und zwitschern, zwitschern und zwitschern:
wo meine Liebste sei?!

*

Ich habe Klein-Hannie heute gar nicht Guten-Morgen gesagt!
ist das nicht schlecht von Jostel?!
und aus lauter Freude, daß die Sonne wieder scheint! ist das nicht noch schlechter?!

Wenn es trüb ist und regnet, kommt er, und wenn die Sonne da und wenn er vergnügt ist, läuft er weg und vergißt, Klein-Hannie Guten-Morgen zu sagen!
ein ganz schlechter Jostel!

 

Aber ... denk mal, ich war schon den ganzen Weg entlang am Wald! und es war so jung und frisch und fröhlich alles, wie im Frühling, und in den Birken im Niederholz standen die Rehe, mitten auf dem Weg, wie damals!

 

Man müßte das öfters tun ... man müßte morgens immer gleich ein bißchen ins Freie ... man hätte dann den ganzen Tag immer ein Stückchen Frühling in der Seele ... jeder Tag ist ja doch ein kleines Jahr mit Frühling und Sommer und Herbst und Winter!

 

Und dann saß ich noch ein Weilchen auf unserer Bank ...

das Meer unten wieder so blau wie damals ... ein paar Boote mit Fischern, die Netze auslegten, in der Ferne ein großer Dreimaster ... und Thiessow, Lobber Ort, das ganze Mönchgut in heller froher Morgensonne ...
und saß und dachte so umher
wie klar und frei und offen alles und wie schön und einfach diese ganze Welt hier
und dachte an die andere Welt dann, hinter dem schattigen Streifen am Horizont ...
hier die Welt, die man möchte ...
dort die Welt, die man muß ...
hier die Welt Gottes, einfach, groß und klar und selbstverständlich ...
dort die Welt der Menschen, eng und klein und unfrei und gebunden ...

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