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Jost Seyfried. Zweiter Band

Cäsar Flaischlen: Jost Seyfried. Zweiter Band - Kapitel 40
Quellenangabe
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typefiction
authorCäsar Flaischlen
titleJost Seyfried. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XXXVIII

Für uns zwei beide aber, Hannie, soll es endlich feststehen und erledigt sein, mit allen Folgerungen ... wir müssen weiter! man kann nicht immer wieder an so hahnebüchen selbstverständlichen Abc-Voraussetzungen hängen bleiben:

Mensch und Dichter ist nicht zweierlei! und ist nicht zu trennen! und wer als Mensch null ist, ist auch als Dichter null!
und wenn es Leute gibt, die anderes behaupten, dann irren sie! und wenn sie sämtliche Literaturbücher der Welt herbeiholen: Mensch und Dichter sei auseinander zu halten! dann sind sämtliche Literaturbücher der Welt eben falsch und müssen umgeschrieben werden! Es wäre so wie so längst Zeit dazu!

Nicht Kunst und Leben, nur Kunst und Handwerk sind getrennte Dinge.

*

Man kommt als Künstler immer nur bis zu der Stufe, bis zu der man als Mensch kommt. Man springt nicht über seinen Schatten! und wer als Mensch nur bis Stufe vierzig oder fünfzig kommt, kommt auch als Künstler nicht höher!
und wenn ihm auch einmal etwas gelingt, das eine Zeit lang Aufruhr macht und aussieht, als obs länger leben könnte ...
es fehlt der Kern, es fehlt, was Keimkraft hat für später! und wenn es viel ist, hält es bis zum Herbst, der Winter gräbt es lautlos in die Grube!

Einmal glückt jedem ein Gedicht!
einmal schreibt jeder auch ein besseres Buch, doch das entscheidet nur für heute, nicht für morgen!
nur wer auf die Dauer etwas kann, ist Meister! und auf die Dauer kann nur der überlegene Mensch etwas!
und:
aus diesem Grunde, guck, ist Goethe ... Goethe und Heine ... Heine!

 

Kunst ist nicht bloße Form!
die Seele macht es, nicht Geschicklichkeit! man dichtet nicht, wie man Zigarren wickelt, und auch nicht, wie ein Schneider Hosen macht! ... man kann nur geben, was und wie man eben ... als Mensch empfindet, denkt und hört und sieht und ist! so und so geworden und so und so gewillt!
man hat nicht zweierlei Gehirn! und fehlts beim Menschen, hat der Künstler auch keins! wahrscheinlich wenigstens! ich nehm es an! ich bin nicht Fachmann!

*

Wär beides aber wirklich zweierlei und wären Mensch und Künstler wirklich so getrennte Dinge ...
warum, wozu denn gräbt man überall und immer wieder nach dem Menschen und kramt ihm Küche und Schlafzimmer auf und stöbert hinter den Kulissen alle Winkel durch und läßt es nicht an dem genug sein, das ihm beliebte, vor die Rampe zu bringen?!
was will man denn von ihm?
wen gehts denn etwas an, weshalb und wann und wo und wie sich ... Faust an Gretchen machte! oder ... wann und wieso und auf was hin Goethe meinetwegen einmal Kopfweh hatte oder Katzenjammer ... wenn Mensch und Dichter wirklich zweierlei?! wozu dann diese ganze Schreiberei? Sie ist dann nichts als kleinliche Altjungferneugier! Entweder ... oder!

*

Ich weiß, es gibt natürlich viele gute Menschen, die nur sehr mangelhafte ... Musikanten, und viele gute Musikanten, die stellenweis recht mangelhafte Menschen ... aber:
was heißt mangelhaft?
wer hat denn hier den Maßstab, der entscheidet? wer hat denn hier das Recht, zu richten?

 

Ein jed Jahrzehnt stellt andere Gesetze ...
und soll ein deutscher Dichter etwa leben, wie seinen späteren Literatologen wünschenswert erscheint, daß er gelebt?
soll Goethe denn gewesen sein, wie eine Handvoll alter Weiber von ihm haben möchte?

Zum Donnerwetter:

Goethe ist ... Goethe! und wer sind die Leute, wer sind die Leute, die da wollen, daß er ihrer Weltauffassung sei und ihrem Pumpernickel-Ideal entspreche! und die vermeinen, ihn ›weißwaschen‹ zu müssen!

Goethe hat nicht nötig, weiß gewaschen zu werden! von niemand! laßt ihn, wie er war! er ist ... weiß genug, wenn man mit weißen Augen sehen kann!

Wascht lieber anderweit! es gibt noch viel, wo es ein bißchen sauberer werden dürfte!

*

Doch ... wer es haben will, wie's Goethe hatte ... nichts steht im Weg! Er geh und geb sich Müh und werde Goethe! gut! und gebe, was er gab ...
und alles sei ihm ebenso erlaubt!

Bis dahin aber allerdings ... bis dahin aber ... gelten die Gesetze für ihn, die für die Menschen eben gelten und gelten müssen, so lange sie nicht Goethe sind!

 

Der Künstler steht nicht außerhalb der Grenzen, die sie ziehen, aber ... über ihnen ... wie jeder andere ... so bald er nur die Kraft hat, sich in freier Größe aufzuheben über sie ...
und um so höher, je höher seine Flügel tragen!

 

Auf hohlem Boden baut sich kein Palast!

Ein kleiner Mensch wird nie ein großer Künstler sein!

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