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Jost Seyfried. Zweiter Band

Cäsar Flaischlen: Jost Seyfried. Zweiter Band - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorCäsar Flaischlen
titleJost Seyfried. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1922
correctorJosef Muehlgassner
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XXXIV

Hofrat von Muckermann taucht wieder auf ... Man kommt nicht zur Ruhe! Anstatt der alten Frau daheim, die sich nicht verteidigen kann, ein paar liebenswürdige Worte zu sagen, wenn man ihr begegnet ... macht man ihr immer wieder das Herz schwer:
es sei ein Jammer, daß ich so verberlinert sei und meine gesunde schwäbische Natur an all diesen Großstadtunfug zersplittere!

 

Jaja! jaja!
seit zehn Jahren hör ich das nun schon! und wenn man sich einmal die Mühe nähme, meine Bücher zu lesen ... allerdings anders als man seine Zeitungen liest ... und wenn man sich die Mühe nähme, etwas dabei zu denken, fände man überall klar und deutlich genug:
weswegen ich in Berlin sein will!

*

Zehn Jahre geht das nun und noch länger ... und ich habe immer dazu geschwiegen und gelacht und gedacht: Tat beweise!
aber es war falsch! es war falsch!
denn ... dieser Muckermann ist nicht bloß dieser Muckermann, der um zwölf Uhr auf den Schloßplatz zur Parade geht ...
dieser ... Muckermann sitzt zu Hunderten und Tausenden im ganzen Reich von Schwaben bis ins hinterste Pommern, auf jedem Dorf und in jeder Stadt ...
er sitzt in hundert Berufen und Ämtern, mit tausend Namen und Befugnissen, souverän und subaltern ...
und haßt und höhnt und hemmt und unterbindet alles, was jung ist und höher möchte und auf eigene Kraft und eigenes Können vertrauen, und macht allerorten alten Müttern, die an uns glauben, das Leben schwer mit hofrätlich bedauernder Kritik und hinterhofrätlichem Geschwätz und Klatsch!

Es war falsch, nur zu lachen.

*

Was heißt denn: gesunde schwäbische Natur! Was kann ich denn mit einer gesunden schwäbischen Natur Besseres anfangen, als sie da in den Kampf stellen, wo wenigstens die Möglichkeit gegeben ist, sie zu beweisen! Wozu hab ich sie denn? was soll ich sonst damit!

Was wollen sie denn, diese Muckermänner?!

*

Was sie vorzubringen wissen, ist immer nur: Berlin verderbe und löse auf und zersetze!

Zum Kuckuck aber: ich hab doch auch so was wie ein Gehirn im Kopf und sehe damit selber, wie Berlin zersetzt und zerfetzt! zehn, fünfzehn Jahre lang schon! jeden Tag! und ich seh es nicht bloß, ich fühls und leids! am eigenen Leib! jeden Tag! jede Stunde! und ... ich bin trotzdem hier!
und . ich . bin. trotzdem . hier! Ja, ich bin sogar nur deshalb hier, Herr Hofrat! in allem Ernst, ich . bin . nur . deshalb. hier! wozu hab ich denn mein Leben?! wozu bin ich auf der Welt?!

Berlin ist nicht bloß Berlin!
es soll auflösen! es soll zersetzen! ich will nicht, was nicht Stich hält, wenns drauf ankommt! es soll alles brechen, was es brechen kann! ich bin nur deshalb hier!

Den letzten Grundkern kanns mir doch nicht packen! der ist stärker! der ist Granit!

*

Wem nur darum zu tun ist freilich, ein freundliches Leben zu haben oder eine Rolle zu spielen oder Schultheiß zu werden oder Hofrat ...
der braucht nicht in Berlin zu sein! er hat das überall anderswo leichter!
aber diesen Ehrgeiz hab ich nie gehabt! mein Ehrgeiz war immer nur der Ehrgeiz meiner Sache!
meine Sache aber und was ich will, muß die Kraft haben, auch in Steinboden Wurzel zu fassen, und soll sich da erproben und bewähren, wo der Kampf am schwersten ... denn es ist alles nur so stark als sein schwächster Punkt!

Meine Sache muß siegen!
und lieber drum in Rom der Letzte, als auf einem Dorf der Erste! am runden Tisch im goldnen Lamm kann Jeder Bismarck sein!

Was wollen sie denn diese Muckermänner?!

*

Und selbst wenn es eines Tags mich über den Haufen nähme, gegen meine Sache bewiese das nichts! es bewiese nur, daß ich eben zu schwach war und zu allein stand!
und hier, mein lieber Hofrat, kommen wir zusammen:

Anstatt daß Sie helfen, wo Sie helfen könnten, wie es Ihre verdammte Pflicht wäre! ... und ein paar freundliche Worte täten schon viel: da draußen steht einer, im Kampf der Zeit! recht so! nicht nachgeben! ... und wenn er nichts zu Stande weiter bringt, als daß er sich hält, wo er steht ... er gibt sich Mühe und ... es ist einer von uns! wir wollen ihm den Rücken decken und ihn halten!
statt dessen nörgeln Sie hinter einem herum und gehen einem an die Wurzeln: man sei seiner Heimat untreu und Umstürzler geworden ... man wolle ein bequemes Leben haben und schreibe so-so'ne Bücher ... und sagen einer alten Frau, die nicht darauf antworten kann: es sei schade um ihren Jungen!

Zum Donnerwetter, Herr Hofrat, wenn ich mir nicht zu schade bin, zu sein, der ich bin, und zu machen, was ich mache ... brauch ichs Ihnen zehnmal nicht zu sein! es ist meine Haut, die ich zu Markte trage!

*

Und wenn ich sage, was ich sage, Herr von Muckermann, so tu ich es nicht meinetwegen! Ich bin längst darüber hinaus und lache!

Ich sage es aber derer wegen, die noch nicht so weit sind, die Sie noch zu Fall bringen können, und aller derer wegen, die nach mir kommen ...
einerlei woher und einerlei: ob sie nach Berlin oder nach Paris oder sonst wohin wollen!
ich sag es nicht, um Sie zu bekehren: unserer Jugend den Weg lieber zu erleichtern als zu erschweren ... Leute wie Sie bekehrt man zu nichts!
ich sag es dieser Jungen wegen:

Vergrämt euch nicht, wenn euch die Heimat fallen läßt! das ist immer so und muß vielleicht so sein! und sagt: nun erst recht! und bleibt ihr trotzdem treu ...
und seid Kerle!
und bringts zu was! und schlappt nicht ab!
sonst haben diese Muckermänner recht!

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