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Jost Seyfried. Zweiter Band

Cäsar Flaischlen: Jost Seyfried. Zweiter Band - Kapitel 27
Quellenangabe
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typefiction
authorCäsar Flaischlen
titleJost Seyfried. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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XXV

Von Hannie

Es schlägt eben zehn und der Mond steht über dem Meer und ich denke an meinen Liebsten und möchte, er wäre hier und wir könnten, statt einander zu schreiben, draußen im Mondschein sein oder ein bißchen hinausrudern oder ...

 

Innigen Dank für deine Grüße und die lieben Blätter vorige Woche.

Es ist eigentlich ein sonderbares Ding, so ein Brief. Ein Stückchen Papier, Name und Marke darauf und irgendwo in einen Schalter gesteckt, und es wandert durch die halbe Welt und kommt und findet und liegt auf meinem Tisch und sagt mir guten Tag und bringt mir Grüße und erzählt mir: heute macht mein Liebster das und morgen das! Ich kann mir kaum vorstellen, wie die Menschen lebten, als es so etwas noch nicht gab!

 

Rat einmal, wen ich traf? Frau von Ohlen! Wir standen am Samstag Morgen auf der Post plötzlich nebeneinander und du kannst dir unser Erstaunen denken! Ich war dann zum Kaffee bei ihr und mußte erzählen, was ich irgend wußte, von dir und mir, und wenn wir uns dieses Jahr wieder so wenig sehen ließen, würde sie ernstlich böse. Vorgestern machten wir mit Hella einen Wagenausflug zusammen nach Ruta. Martin gehe es gut. Sie hatte noch kürzlich einen langen Brief von ihm. Dora ebenso! Sie bleibt noch diese Woche und geht dann nach Florenz. Es ist immer noch die gleiche liebe prächtige Frau.

Hella wird von Alt und Jung immer mehr verwöhnt und Hannie desgleichen. Beim Abendessen sitzt uns ein junger Privatdozent gegenüber und fühlt sich verpflichtet, uns über neuere Literatur aufzuklären. Ich weiß natürlich von gar nichts, und es ist ... recht scherzhaft mitunter.

Nächste Woche machen wir bei einer Wohltätigkeitsgeschichte für einen verunglückten Rappallesen mit, die von einer Frau Bürgli-Ermatingen ausgeht. Wer was kann, muß mittun. Ich werde Beethoven spielen und Gedichte von Jost Seyfried vorlesen und Hella soll ein paar Lieder singen. Und nachher wird getanzt ... ohne das geht es offenbar auch hier nicht. Hannie als Ballmutter!

Das Wetter war miserabel die letzten Tage ... alle Stunden ein Regenguß, gerade wenns wieder trocken geworden ... und Hella hat mir gestern Nachmittag die ersten drei grauen Haare ausgezupft. Aber es wird trotzdem Frühling! Wir haben hier ein Amselchen im Garten und wenn wir ihm Futter geben, zwitschert es ein wenig, beim Aufpicken ... und ich denke, so wird es immer mehr zwitschern, bis ihm sein ganzes Lied wieder einfällt, und wenn es das singt, ists Frühling und ... Sommer! und Hannie will sich dann auch mehr Zeit für ihren Liebsten frei halten, vorausgesetzt, daß er damit einverstanden ist.

 

Im allgemeinen aber sind die Menschen hier wie überall. Große Titel und feierliche Worte, und wenn man ein paar Mal mit ihnen zusammen war, ist man um ihre sämtlichen Grenzen herum und merkt, wie wenig eigentlich dahintersteckt. Es ist alles bloß Schauseite, und ich ärgere mich über mich selbst, daß man sich immer wieder dumm machen läßt. Wie alt muß man eigentlich werden?

Und so besonders vergnügt, so wie man meint, daß da sein müsse, wer an der Riviera sitzt, sind die Leute auch nicht. Sie kommen auch hier nicht über ihr kleines Werktagweh und über ihre Unbehaglichkeitskümmernisse hinaus.

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