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Jost Seyfried. Zweiter Band

Cäsar Flaischlen: Jost Seyfried. Zweiter Band - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorCäsar Flaischlen
titleJost Seyfried. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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projectid75027f19
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XVIII

Der schaffende Künstler brauche Stille und Einsamkeit. Berlin sei glattes Verderben, dieser stete Lärm, diese stete Unruhe ringsum lasse niemand zu Sammlung kommen und zu innerlichem Reifen und man begreife nicht, wie man es hier aushalten und was schaffen könne.

Ich habe das so oft nun hören müssen, daß ich anfange, stutzig zu werden, ob es nicht auch nur bloßes Gerede? ob es nicht auch nur eine der vielen petrefakten Behauptungen unseres alten literarischen Landpostreglements aus Großvaterzeiten? und ob dieser berühmte Einsamkeitsdichter nicht überhaupt nur Mythe?

 

Was heißt Berlin? was heißt Einsamkeit? was heißt ... Schaffen und ... Dichten?!

Menschen sind immer Lärm! gewiß! aber ... man ist unter Menschen, um die man sich nicht zu kümmern braucht, wenn man nicht will, einsamer, als auf dem menschenlosesten Einöddorf ...
und je größer die Stadt, um so einsamer kann man sein ... wenn man will. Man will nicht immer! man will vielleicht um so weniger, je größer die Stadt und je mehr sie an Zerstreuung bietet, aber ... das gerade ist der Punkt, der entscheidet:
freiwillig einsam sein! Alles haben können, aber wollen ... nur, was deinem Ziel zu gute kommt!

 

Wenn man in Kopf und Herzen Ruhe hat, ist Lärm von außen einerlei! so laut er sei!
nur freiwillige Einsamkeit ist fruchtbar, nicht durch Abgeschiedenheit erzwungene!
ich kenne sie auch, diese Einsamkeit im Gebirge oder am Meer!
sie schafft nur ein paar Tage, dann wird sie lauter und brüllender und zerbrechender, als aller Großstadtlärm!
ich kenne sie, diese Einsamkeit!

 

Außerdem aber ...
ich will nicht Gelehrter, ich will nicht Mönch, ich will nicht Einsiedler, ich möchte ... Dichter sein!
ich muß die Fenster offen haben ... ich muß Leben hören! und wenn es lärmt, so soll es lärmen! ich will wissen was um mich vorgeht! die Welt ist meine Welt! ich grabe nicht in alten Büchern! ich will auch keine neuen machen! ich will Leben schaffen! und abmessen können ... jeden Augenblick ... wie weit es trägt und ob es trifft, was ich will!

 

Doch sieh, wenn man so spräche, dann schüttelten die Leute verwundert den Kopf und kämen mit Witzen: wie und wo und wann ich dann am besten in Stimmung wäre?
und wenn ich darauf einginge: am freiesten und wohlsten sei mir ... je nach dem ... auf der Eisenbahn! würden sie lachen: wie man überhaupt gern Eisenbahn fahren könne! Eisenbahnfahren sei etwas Entsetzliches! und es sei nur ein Glück, daß ... daß ich dann eben jetzt auf der Welt sei! obwohl es auch vor hundert Jahren schon ... ganz gute Dichter gegeben habe!
und wenn ich antwortete: das sei in der Tat der Unterschied zwischen damals und heute! dann kämen sie mit Zeitungsweisheiten und Literaturstundenerinnerungen:

Goethe habe am besten beim Spazierengehen gedichtet und Schiller habe faule Äpfel auf dem Tisch haben müssen und Lord Byron und ... Victor Hugo und ... Zola und ... ihr Blatt habe ganz kürzlich noch eine sehr interessante derartige Zusammenstellung gebracht! ...
und da sitzt man da und macht mit: Ja ja! ja ja! und ein berühmter französischer Dramatiker schreibe seine Stücke sogar im Schlaf und auch in Deutschland versuche man das mit immer größerem Glück! und lacht und
greift sich an den Kopf im stillen! das sind nun die Menschen ... das sind nun die Menschen, für die man sozusagen sein Leben verlebt!!
und schweigt
und sollte eigentlich aufstehen und ans Glas klopfen:

 

Verzeihung! nein! man dichtet weder wie noch wo noch wann am besten!
man ist nicht etwa vormittags von zehn bis zwölf oder nachmittags von drei bis fünf oder abends von neun bis elf Dichter, wenn man am Schreibtisch sitzt und Papier vor sich hat und es mit Versen, Novellen oder Theaterstücken beschreibt! man ist nicht nur Künstler, wenn man vor seiner Staffelei steht und Leinewand, Holz oder Pappe bemalt ...
man ist den ganzen Tag Dichter! und ... Künstler! und die ganze Nacht! jeden Augenblick! zu Hause, unterwegs, in Gesellschaft, im Konzert, auf der Eisenbahn, im Bett, in der Badewanne, wo Sie wollen! Man ist es oder ist es nicht! wie man Mensch ist oder eben nicht! und man frägt niemand: wie oder wo oder wann sind Sie am besten Mensch!

 

Aber ...
man wird immer höflicher, je älter man wird! und es verlohnt sich auch nicht: weder den Leuten klar zu machen, was Dichter sein heißt! noch am Ende auch, es werden zu wollen!

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