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Jost Seyfried. Zweiter Band

Cäsar Flaischlen: Jost Seyfried. Zweiter Band - Kapitel 117
Quellenangabe
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typefiction
authorCäsar Flaischlen
titleJost Seyfried. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1922
correctorJosef Muehlgassner
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XV

Man soll die Pferde satteln!
ich will über die Berge reiten!

Die Wintersaat grünt ... und die Sonne glimmert durch die Nebel und es ist mild und schön ... mitten im Dezember!

Der Fachmann nennt solch Wetter ungesund und bedenklich, der Nichtfachmann freut sich daran und denkt an ... Frühling!

*

Gewiß, Flöte:
man kann, was einem nicht paßt, mit einem einzigen Witz abmachen ... Dinge, Menschen, die ganze Welt und sich mit ...
aber es ist dann nur bei Seite geworfen, nicht erledigt und fruchtbar gemacht!

Witz ist noch lange nicht Humor! Witz ist Groll! Humor ist Liebe! Witz hat man im Tal, Humor nur auf der Höhe!

*

Aber ... es nutzt nichts, Flöte:
wir kommen nicht vom Fleck, weder mit unserer Kunst noch mit unserem Leben, wenn wir immer nur Witze machen, wenn wir, was uns nicht genehm, nur bei Seite schieben!

 

Wir kommen freilich ebensowenig vom Fleck, wenn wir uns nicht erst wieder festen Boden unter die Füße schaffen, so oder so!
wenn wir uns nicht endlich von dem Bann losketten, mit dem Wissen und Wissenschaft an jedem Punkt uns immer wieder in den Arm fällt und Unmittelbarkeit und Freude bricht mit ihrer ewigen Schulmeisterei!
wir kommen nicht vom Fleck, wenn uns an jeder Ecke immer nur Suchen nach Erkenntnis als letztes und höchstes Ziel entgegengehalten wird!

Der Mensch hat nicht bloß Kopf, er hat auch Herz. Bloßes Wissen-wollen aber ist Professorenideal und Professorenideale leiden immer an Herzfehlern!

 

Wir wollen hundert und tausend Lehrstühle errichten, den Geheimnissen in Himmel-, Erd- und Menschenwelt nachzuspüren und ihre Kraft in unsere Gewalt zu bringen ...
aber wir dürfen nicht vergessen: daß all diese Erkenntnisse für uns da sind, nicht wir für sie!
und uns das Leben lieb und leicht zu machen und nicht zu Last und Übermüdung, ist das nächste und vielleicht sogar noch höhere Ziel!

*

Statt daß es wie ein befruchtender, verjüngender Mairegen niedergegangen und neues Leben und neue Blüte emporgelockt, kam es wie Windwehen und übergrieselte alles mit seinem grauem durchdringendem Staub!
und überall nun
statt Jugendfreudigkeit und Frische ängstliches Zweifeln und Zögern und Unsichersein!
und daneben
ein ... sonderbarer Hochmut auf äußeres Einzel- und Besser-wissen! schon in Kleinkinderschulen! wer die meisten Regeln kann, wird Erster!

*

Hinauszuwissen über bloßes Wissen ists, was not tut und es nutzbar und fruchtbar machen können für dich selbst und andere!

Backsteine allein sind kein Haus und Grundmauern allein ebensowenig!

Für beinah alle freilich bleibt ihr ganzes Wissen tote Sammlung! Sie vermögen es nicht für das eigene Leben lebendig zu machen! sie können kein Haus damit bauen! und unterbinden so sich selbst den ganzen Sinn!

Auch alles Wissen ist nur Mittel und nicht Zweck!

*

Mit bloßem Aufspeichern in Scheunen ist nichts getan.

Es muß auch gedroschen werden und nicht bloß gedroschen, es muß auch Mehl gemahlen werden und aus dem Mehl muß Brot gebacken werden!
und
der Kornspeicher täte darum gut, ein bißchen weniger hochmütig auf Tenne, Mühle und Backtrog herunterzusehen. Es sind auch ehrliche Leute und am Ende steht er nur auf ihrem Grund und Boden!

*

Wissenschaft hat nicht volkstümlich zu sein, aber volkstümlich zu machen!

*

Wenn du die Welt als Ganzes überspannst ... mache dir nicht das Herz schwer und wenn auch jede Woche neue Bücher bringt, immer dicker und feierlicher ...
man könnte schließlich überhaupt nichts weiter tun mehr, als sitzen und lesen und anderen nachdenken, und drei Leben damit verleben!

Wenns dich beruhigt freilich, tus! ich hab es auch getan und immer wieder! ... doch wenn ich durch war und die Rechnung machte:
was ich gewonnen, waren ein paar kleine Dinge mehr an sich sehr wertvoll! ein paar Nebenwege, die da und dort abkürzten! die großen Linien aber hatte ich längst auf meinen Karten!

*

Wer selber etwas schaffen will, muß einmal aufhören, zu lesen und bloßes Wissen zu suchen! Er muß an einem Punkt sich sagen:

So, nun Schluß! Entweder, oder! ich kanns nun oder ich kanns nicht! die großen Linien sind es, die entscheiden! Sie müssen mich zum Ziele tragen!
und ob an dieser oder jener Ecke ein Kirschbaum einmal Apfelsinen trägt, ist einerlei:
ich will nach Rom!

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