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Jost Seyfried. Zweiter Band

Cäsar Flaischlen: Jost Seyfried. Zweiter Band - Kapitel 114
Quellenangabe
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typefiction
authorCäsar Flaischlen
titleJost Seyfried. Zweiter Band
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1922
correctorJosef Muehlgassner
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XII

Dich, dein Leben zu Kunst klären, mit allem, was Tag und Alltag ein Recht hat, von dir zu fordern ... bis aufs Kleinste hinein ...
deine Kunst leben, nicht bloß dichten ...
da liegts!
sie an dir erproben, dich an ihr: wie weit möglich, was du willst und von anderen forderst!
das allein entscheidet!
das allein reift eine Ernte!

 

Kunst muß gelebt werden können, sonst ists ... Handwerk oder ... Schwindel!

*

Eine Kunst, die bloß bunte Träume weiß, die alles, was ich bin, in Sehnsucht und Selbstbetrug einlullt ...
eine Kunst, die keine Rückwirkung auf mein Leben will, die nicht zu erzwingen vermag, daß ich mich ihr entgegen umgestalte ...
eine Kunst, die mir nicht die Augen hell macht und das Herz frei ...
andere mögen anders denken ...
mir scheint nur hier ein Weg zu gehen!

*

Es liegt nicht am Nichtkönnen ... wir können vielleicht viel zu viel ...
es liegt auch nicht am Weniggelernthaben ...
es liegt am Nichtweiterlernenwollen ...
unsere Dichter sollten weniger dichten und lieber ihre Seele reifen ... sie sollten sich nicht bloß zu Genies, sondern zu auch sonst brauchbaren Menschen machen ...

*

Und wenn sie immer und immer wieder von Kunst an sich reden, als ob es das Endziel aller Dinge wäre ... immer stehe ich wieder wie ein Fremder dabei:

 

Wenn euer Glaube nicht höher kann, habe ich nie etwas mit Kunst zu tun gehabt und möchte nie etwas damit zu tun haben wollen ...

 

Seele, Seele! nicht Kunst! ... Nicht Kunst! Seele!

*

Daß man das alles aber immer noch sagen muß! so urselbstverständliche Dinge!

Die Menschen wissen sie auch! sehr wohl! sie wissen sie auswendig, wie Kinder ihre Katechismussprüche ... wirkliches Leben aber ist ihnen nichts davon geworden!

Noch immer nicht!

*

Ein Gedicht machen, ein Bildchen malen, ein Figürchen modellieren ...
ich kann mir nicht helfen: ich denke: das müsse man allmählich können, wie Lesen, Schreiben und Rechnen
und wer will, kanns auch!

Das Wertmaß aber muß dann ganz wo anders liegen!

*

Vor etlichen Jahren begannen alle Aufsätze: Wir wissen nachgerade, daß alle echte Kunst realistisch ist! und man bewies es an Goethe!

Eine Zeitlang später: wir wissen nachgerade, daß alle echte Kunst symbolistisch ist! und man bewies es an ... Goethe!

Das Bleibende, die Wurzel daraus also wäre: Goethe!

Nörgelt man weiter, was demnach vielleicht unter ›Goethe‹ zu verstehen sei? so verlautet etwas wie ›Persönlichkeitskunst‹, und man wüßte also: daß alle echte Kunst Persönlichkeitskunst!

Geht man noch weiter, was hierunter zu verstehen sei, so könnte die Antwort wohl nur derart sein, daß alle Aufsätze von nun ab beginnen müßten: Wir wissen nachgerade, daß es sich bei echter Kunst immer um Dinge handelt, die ... die ... die bisher eigentlich als Nebensache betrachtet wurden!

*

Kunst soll nichts sollen?

O nein! sie soll sehr viel! sie soll das Höchste! sie soll alles! Sie soll die innere Lebenseinheit wieder schaffen, die wir uns zerstört haben! Sie soll für unser Herz möglich machen, was die Wissenschaft entdeckt, ersonnen und errungen hat, und uns zeigen, es zu leben und nicht bloß es zu wissen!

 

Die Wissenschaft ist unser Kopf, die Kunst ist unser Herz. Unser Kopf aber ist viel weiter voraus als unser Herz ... daher der ganze Jammer!

 

Das aber darum sei das Ziel unserer Kunst, wie es wohl zu allen Zeiten das Ziel aller Kunst war: was der Kopf ersann, zu Blut umzubilden für unser Herz!
den Boden, den die Wissenschaft erobert, umzupflügen und urbar zu machen, damit wir ihn leben können, wie wir heute den leben, den die Kunst früherer Zeiten derart umgeschaffen hat.

Ziele sinds, die da not tun!

*

So viel vielleicht auch schon versäumt ... weiß Gott, es handelt sich zunächst noch immer um viel Wichtigeres, als um ›neue Kunst‹!

Ich meine, wir hätten übergenug an Kunst! und ein paar neue Schnörkel zu erfinden, sei kein Ziel, das eines ernsten Mannes Leben lohne:

 

Neue Menschen gilt es zu werden! neue Seelen gilt es zu schaffen, neue Lebenswerte! dann findet sich die ›neue Kunst‹ von selber!

Wohin man aber sieht, hängt alles, was dazu helfen sollte, wie Fliegen zappelnd im Spinnwebnetz ältester Überlieferung!

 

Neue Menschen gilts zu werden!

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