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Joseph Kerkhovens dritte Existenz

Jakob Wassermann: Joseph Kerkhovens dritte Existenz - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorJakob Wassermann
titleJoseph Kerkhovens dritte Existenz
publisherSigbert Mohn Verlag
year1961
firstpub1934
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidc894bb3d
created20070228
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Ganna
oder
Die Wahnwelt

Spiegel der Jugend

Sechs vom gleichen Stamm

Sie hatte fünf Schwestern, vier ältere und eine jüngere. Die sechs Mewistöchter waren stadtbekannt. Bei gemeinsamem Auftreten wirkten sie wie eine kleine Armee von Amazonen, von der klassisch schönen Lydia bis zur graziösen Traude eine geschlossene Phalanx. Als Heerführer und Vater der Professor Gottfried Mewis, Leuchte der juristischen Fakultät, markige Erscheinung, eine Art Barbarossa. Sechs Töchter und kein Sohn, das war immerhin ein interessantes Naturspiel. Spöttische Propheten sagten als Nachkommenschaft einen ganzen Volksstamm voraus. Frau Mewis, Alice mit Vornamen, war eine geborene Lottelott aus Düsseldorf. Lottelott & Grünert, vereinigte Stahlwerke. Sie hatte ein großes Vermögen geerbt. Die Familie, geachtet und beneidet, lebte in behaglicher Breite in einer Cottage-Villa.

Entlein

Zweifellos stand Ganna, was körperliche Vorzüge betrifft, hinter ihren Schwestern zurück. Dessen war sie zu ihrem Schmerz sehr früh innegeworden. Die Spiegel sagten es aus, die Haltung der Menschen verriet es; ihre Rolle war ein wenig die des häßlichen Entleins unter fünf Schwänen. Sonach war es ihre Aufgabe, sich als unscheinbares Entlein durchzusetzen gegen fünf hochmütige Schwäne. Mit dem bloßen Sichdurchsetzen war es aber nicht getan; Ganna wollte auch über sie triumphieren. Sie war von unbändigem Ehrgeiz beseelt. Sie träumte von einer großen Zukunft. Es waren nicht allgemeine, banale Mädchenträume, sondern Bilder und Vorstellungen von erstaunlicher Bestimmtheit. Sie fühlte sich auserwählt, wennschon sie ihren Weg noch nicht kannte.

Schon als Kind war sie schwer zu behandeln. Ich habe mir erzählen lassen, daß es beständig Szenen und Aufregungen mit ihr gab. Um ihr zehntes Jahr herum pflegte sie Professor Mewis zweimal in der Woche prophylaktisch zu prügeln, um ihr das Lügen abzugewöhnen. Eine barbarische Maßregel, die ihren Zweck verfehlte und Ganna nur überflüssige Leiden verursachte. Denn diese Lügen waren ja sicherlich nur Schutz- und Phantasielügen. Die Züchtigungen machten sie verstockt und trieben sie in das Übel erst hinein. Wenn sie geschlagen wurde, schrie sie wie am Spieß. Manchmal warf sie sich schreiend auf den Boden und strampelte mit Armen und Beinen. Das machte den Professor vollends wild. Einmal ließ die Mutter den Arzt holen, weil sich Ganna gar nicht beruhigen wollte. Jedoch Irmgard, die nächstältere Schwester, zuckte die Achseln und meinte herzlos, das sei alles Verstellung, Ganna spiele »epileptischen Anfall«, da sie einige Tage zuvor einen solchen bei einer Mitschülerin beobachtet habe.

So wurde mir berichtet. Auch daß der Professor sie bei anderer Gelegenheit schwer mißhandelt und ihr in seiner Raserei, in der er sich selbst genoß wie alle Tyrannen, die Worte ins Gesicht schleuderte: »Du bist der Nagel zu meinem Sarg!« Ganna soll sich dabei auf die Knie geworfen und flehend die Arme zu ihm erhoben haben. Mehrere Schwestern hatten mit lüsternem Gruseln hinter der Türe gelauscht. Seitdem nannten sie Ganna, wenn sie unter sich waren, den Sargnagel. Woraus erhellt, daß ein Entlein keinen leichten Stand hat gegen fünf Schwäne. Schwäne sind grausame und anspruchsvolle Vögel.

Sie dünkt sich mehr als wir, sagten die Schwestern, und bisweilen erhoben sie sich gegen sie und machten gemeinsame Sache gegen sie wie eine feindliche Partei. Ganna entzieht sich allen häuslichen Pflichten, so mag sie herhalten für alles häusliche Ungemach. Sie richtet durch ihre Fahrigkeit so viel Schaden an, daß man ihr die Schuld an jeglichem Schaden zuschreibt. Eine Schachtel Büttenpapier ist abhanden gekommen; die Badewanne ist übergelaufen; eine Vase liegt in Scherben auf dem Teppich; in eine weißlackierte Tür sind tanzende Männchen eingeritzt: Wer war die Verbrecherin? Ganna. Seht doch, wie sie dasteht, sagten die Schwestern, wie sie mit züchtig gesenkten Augen verschmäht, sich zu verteidigen, Märtyrerin von Kopf bis Fuß; gib dir keine Mühe, Ganna, du bist durchschaut!

Sie wollen, daß man lügt

Pünktlichkeit war strenge Vorschrift im Hause Mewis. Das väterliche Gesetz verlangte, daß man auf die Minute genau beim Mittagessen zu erscheinen hatte. Immer wieder geschah es, daß alle bei Tische saßen: Lydia, Berta, Justine, Irmgard, Traude, der Professor, Frau Mewis, die alte Kümmelmann, nur Gannas Stuhl war leer. Gannas tief eingewurzelte Abneigung gegen Zeiteinteilung gehörte zu den Familienüberlieferungen. Professor Mewis tut, als merke er nicht, daß Ganna fehlt, aber seine Stirn zuckt unheilvoll. Frau Mewis wirft unruhige Blicke nach der Tür; sie leidet Qualen. Endlich schießt in irrer Eile ein Wesen ins Zimmer, das Gesicht violett verfärbt, die Augen entsetzt aufgerissen, die Frisur zerrauft, und während der grimmgeladene Vater, den roten Bart in der Faust zerknüllend, den finsteren Drohblick nicht von ihr wendet, schmunzeln die Schwestern, fünf Muster der Tugend, still vor sich hin, weil kein Zweifel darüber besteht, daß Ganna jetzt eine ihrer berühmten Geschichten erzählen wird, an denen kein wahrer Faden ist, so meisterhaft sie vorgetragen sind. Arme Ganna. Sie dauert einen. Sie stottert, sie verhaspelt sich, sie ist so rührend in ihrer großen Not, man müßte sie ein wenig streicheln, acht Augenpaare sind auf sie gerichtet, keines freundlich, keines hilfreich, und nichts Meisterhaftes ist an der Geschichte, im Gegenteil, ihre Rede wird immer verworrener, endlich schweigt sie verzweifelt und beginnt die Suppe zu löffeln. Da ich ähnliche Szenen späterhin miterlebt habe, bin ich ziemlich sicher, daß sie sich stets in derselben Weise abgespielt haben.

Jedenfalls wurde Ganna zur Überzeugung gebracht, man müsse lügen, um sich mit einigem Erfolg seiner Haut zu wehren. Sie wollen es nicht anders. Sie zwingen einen dazu. Das Lügen ist eine unentbehrliche Waffe für Ganna, wie für den Tintenfisch die schwarze Flüssigkeit, die er ausströmt, um sich unsichtbar zu machen. Die einfache Wahrheit leuchtet ihnen nicht ein, sie lassen sie nicht gelten, man schafft sich keinen Frieden mit ihr. Dadurch wird alles Erleben zu einem etwas anrüchigen Abenteuer, und nach und nach gefällt sich der Geist nicht mehr in der farblosen Wirklichkeit.

Mehrere Schwäne verlassen den heimischen Teich

Um das Jahr 1895, als Ganna siebzehn war, begann das Heiraten der älteren Schwestern. Eine nach der anderen, wie durch Ansteckung, verliebte sich, verlobte sich, verehelichte sich, gründete einen Hausstand und war dann nur noch in Gesellschaft des betreffenden fremden Mannes zu sehen, gegen den sie sich mit unschicklich wirkender Vertraulichkeit benahm. Die Erinnerung an drei Hochzeiten innerhalb kurzer Frist war für Ganna ausgesprochen peinlich. Es war die Verquickung von Liebe und Niederlassung, von Mitgift und heimlichem und öffentlichem Gekose, die ihr idealistisches Empfinden beleidigte. Wenigstens nehme ich es an. Sie machte aus ihrer Verachtung kein Hehl: Die edlen Schwäne hatten ihr Gefieder beschmutzt. Ich las einmal in einem ihrer Mädchentagebücher eine Stelle aus jener Zeit. Da hieß es treuherzig: Niemals könnte ich mich einem Manne hingeben, der mich geistig enttäuscht. Als einmal Lydias Gatte, der ein berufsmäßiger Schürzenjäger war, eine zärtliche Annäherung bei Ganna versuchte, biß sie ihn so kräftig in den Daumen, daß er tagelang einen Gummifinger tragen mußte. »Ein verfluchter kleiner Satan«, sagte er nachher wütend, wenn von ihr die Rede war.

Obwohl die drei makellosesten Schwäne solcherart das Feld geräumt hatten, blieben immer noch zwei, die wegen der Altersnähe die unbequemeren waren. Auch ließen sich die verheirateten nicht abhalten, ihren exemplarischen Wandel und Charakter weiterhin gegen die einsame Ganna auszuspielen, und genossen dabei die Unterstützung ihrer glückstrahlenden Ehemänner, die allen Grund hatten, auf soviel Ehrbarkeit, Verstand und Häuslichkeit stolz zu sein.

Gannas Sonderwelt

Sie parierte in keiner Weise. Was ihr nicht frei gewährt wurde, verschaffte sie sich heimlich. Darin war sie voller List. Wenn ein Mensch ertrotzen muß, was er fordern dürfte, wird er verschlagen. Sogar ihre Zerstreutheit nützte sie zur Erlangung kleiner Vorteile aus. Die Leute zum Lachen bringen heißt sich milde Richter sichern. Ich kenne närrische Personen, die es mit so viel Bewußtsein sind, als sie brauchen, um von der Narretei leben zu können. Die Konfusionen, die Ganna anrichtete, bildeten die ständige Erheiterung ihrer Bekannten und der Familie. Vertauschte Briefe, verwechselte Namen, vergessene Verabredungen, verwirrende Zeit- und Ortsangaben, stehengelassene Schirme, verlorene Handschuhe, Hinausgehen durch falsche Türen, verkehrte Antworten, sinnlose Wege: eine fortgesetzte Komödie der Irrungen. »Wißt ihr schon das Neueste von Ganna Mewis?« war eine stereotype Frage in ihrem Freundeskreis. Dann wurde etwa erzählt, wie sie neulich in der Sommerfrische des Morgens mit der Haarbürste unterm Arm träumerisch in den Wald gewandelt sei, fest überzeugt, sie habe »Jenseits von Gut und Böse« mitgenommen. Entzückend, sagten die Leute und lachten Tränen. Es war ja sehr unschuldig, das alles, sehr liebenswürdig. Das Gewinnendste dabei war, daß sie selber über ihre zahllosen Verstöße lachen konnte, mit einem reizenden Lachen, das sogar mit den groben Taktfehlern versöhnte, die sie oft in ihrer Traumverlorenheit beging. Sie lebte in einer Sonderwelt, die eigens für sie gezimmert schien.

Dem Vater am ähnlichsten

Professor Mewis zerbrach sich nicht den Kopf über erzieherische Probleme. Wo der Machtspruch versagte, gab es nur noch die Gewalt. Ganna war ihm ein Ärgernis. Der Geist der Auflehnung, von dem sie erfüllt war, machte ihn hart gegen sie. »Wären wir sie nur schon los«, pflegte er zu seiner Frau zu sagen, »hätten wir sie nur schon unter der Haube.« Frau Mewis schüttelte dann bedenklich den Kopf. Sie war der Meinung, bei Gannas etwas dürftigen weiblichen Reizen bestehe wenig Aussicht, daß ihm ein annehmbarer Mann diesen Dienst leisten würde. Sie hat mir dies später einmal lachend gestanden.

Dennoch dünkte den Professor manchmal, als sei sie mehr seines Geistes und Fleisches als die Wohlgearteten. Der stämmige Körper, die trotzige Stirn, der kühne Blick; dazu das eigensinnige Beharren auf ihrem Recht, vermeintlichem oder wirklichem; die Herrschsucht und Hitzköpfigkeit: Es war, als sei die Natur schon halbwegs entschlossen gewesen, einen Sohn aus ihr zu machen, und hätte sich im letzten Augenblick anders besonnen. Keine der Schwestern konnte sich mit ihr an Kraft und Zähigkeit messen. Das sprach zu ihren Gunsten. Und noch etwas kam hinzu. Oft, wenn er vor Ungeduld und Wut glaubte bersten zu sollen, erschien sie ihm auf einmal so unwiderstehlich komisch, daß er eilends ins nächste Zimmer rannte, damit sie seine Heiterkeit nicht merkte und die Autorität nicht Schaden litt.

Was der Vater ihr bedeutet

Sie ihrerseits fürchtete ihn. Er war das Finstere über ihrer Jugend, Last und Bann. Der Furcht gesellte sich tiefer Respekt. Im Grunde empfand sie seine eiserne Hand als Glück. In der Kindheit war ihr dies stärker bewußt gewesen als in den Jahren der Entwicklung. Es war vielleicht jener geheimnisvolle Instinkt, der den Seelenkern so lange schützt und einhüllt, bis Sucht und Wille ihn allmählich aufzehren. Aber auch als junges Mädchen spürte sie zuzeiten noch die dunklen Drohungen, die von ihrem eigenen Wesen ausgingen, und daß sie des Gebieters bedurfte, der packenden Faust, wenn nicht alles in ihr zerfallen sollte. So träumte sie einmal, eine flammende Peitsche sause vom Himmel herab, und die fürchterliche Angst, mit der sie dem Hieb zu entgehen bemüht war, half ihr über einen Abgrund hinweg, in den sie sonst rettungslos gestürzt wäre. Ungeachtet der dauernden Revolten gegen ihn, der vielen kleinen Schwindeleien, mit denen sie ihn betrog, anerkannte sie seine Macht unbedingt, ja ihre ganze Physis stimmte dieser Macht zu. Sosehr die körperlichen Züchtigungen sie empörten und verstörten – war sie ihnen doch bis in ihr achtzehntes Jahr ausgesetzt –, eine mysteriöse kleine Wollust regte sich stets in ihr, wenn er sie schlug. Er allein hatte die Befugnis. Er allein unter allen Menschen der Erde war gegen sie im Recht. Dröhnte seine gewaltige Stimme durchs Haus, so daß sich alle feig duckten, dann war unterhalb der Furcht eine seltsame Zufriedenheit in ihr, ein Etwas, das sagte: der Herr; gut, daß ein Herr da ist. Seine Zornanfälle erschienen ihr wie großartige Elementarereignisse, bewundernswert wie siedender Geisir oder Feuersbrunst. Können Eigenschaften aufgebraucht werden? Gibt es einen Vorrat von Demut in der Brust, der spurlos versickert, wenn keine Erneuerung stattfindet? Nie wieder, das kann ich wohl behaupten, bei keiner Begegnung, in keinem Verhältnis, traf Ganna den Menschen, dessen Gegenwart und Einfluß sie zu fühlen zwang: gut, daß ein Herr da ist, der Herr auch über mir. Und das war ihr Verderben.

Unfug der Literatur

Nun komme ich auf ein heikles Thema. Zu jener Zeit gefielen sich die gebildeten Stände in einem scheinheiligen Interesse für Schrifttum und Dichtkunst. Es gehörte zum guten Ton, über die moderne Bewegung zu sprechen, »Germinal« oder die »Kreutzersonate« gelesen zu haben und beim letzten Theaterskandal gewesen zu sein, wobei es wieder schlechter Ton war, sich zu stark für diese Dinge einzusetzen. Die Namen der Werke und der Verfasser hatte man zu kennen, man mußte imstande sein, die Unterhaltung damit zu bestreiten, im übrigen hatten sie nicht mehr Bedeutung als die Namen der Speisen auf einer Menükarte. Die jungen Leute redeten viel vom »Leben«, ohne sich ihm ehrlich zu stellen; während sie vorgaben, sich für die Kunst zu begeistern, waren sie bestrebt, sich eine eitle Überlegenheit zu sichern und Urteile nachzuplappern, die sie aus der Zeitung bezogen oder aus dem Munde einer unverdächtigen Autorität gehört hatten. Ein Mann, der in einem Beruf stand, durfte nur eine gemessene Teilnahme für ein Dichtwerk zeigen, sonst wurde er nicht für voll genommen. Den Frauen hingegen war das literarische Gebiet bis zu einem gewissen Grad freigegeben. Da sie den Geschmack diktierten und die Mode machten, trugen sie das Ihre zu einer gründlichen Verwässerung bei, denn mit ihrem Herzen hingen sie, genau wie die Männer, am Zweit- und Drittrangigen; vom Erstrangigen nahmen sie überhaupt keine Notiz. Es war die Zeit des Simili und des verfälschten Geistes.

Mit Ganna verhielt es sich ein wenig anders.

Sie dichtet sich ihre Welt

Sie war überzeugt, an der Spitze der wahren Kenner zu marschieren, ganz vorn, wo Neuland gewittert wird, wo der jüngste, der zarteste Ruhm noch schüchtern sproßt, um von liebevollen Händen in die Unsterblichkeit getragen zu werden. Und in der Tat hatte sie etwas von einer Erglühten an sich. Sie konnte sich an einer Dichtung berauschen. Sie wußte ungefähr von den Kategorien. Sie verachtete das Mittelmäßige. Zweimal im Monat versammelte sie gläubige junge Freunde und Freundinnen um sich, denen sie beglückt ihre Funde mitteilte, auch, was sie selbst zu Papier gebracht, schamhaft und erregt vorlas. Ihre sonst helle, durchdringende Stimme klang dann gedeckt und heiser, als sei ihre Kehle mit Mehl verstopft. Als es ruchbar wurde, daß der Kritiker einer ersten Zeitung von ihren philosophischen Aufsätzen gesagt hatte, sie trügen den Stempel einer unverkennbaren, obschon zuchtlosen Genialität, frohlockte ihre Anhängerschar, indes sie selbst deren Jubel aufgeregt-bescheiden zu dämpfen bemüht war. Die literarischen Sitzungen fanden im kleinen Salon des Mewisschen Hauses statt. Sie hatten einen okkulten Charakter. Keine der Schwestern durfte wagen, den Raum zu betreten; Ganna traf Anstalten wie eine Priesterin, die den Gottesdienst vor profaner Störung schützen muß. Wäre ein Unberufener in das Heiligtum eingedrungen, sie hätte ihn mit Blicken erstochen. Alle im Haus wußten es. Man ließ sie gewähren.

Es war kein Zeitvertreib, kein Sport, nichts Vorgetäuschtes. Wie weit und wie tief es ging, ließ sich damals nicht entscheiden. Für Ganna war es die »höhere Welt«, ein Begriff, der ihren Kreisen in spöttischer Weise geläufig war. Aber war sie etwas Wirkliches, diese »höhere Welt«? Übte sie einen veredelnden, läuternden Einfluß aus? Schwer zu sagen. Gewöhnlich ist es ja so, und das wirft ein eigentümliches Licht auf die menschliche Natur, daß die enthusiastische Vorliebe für Dichtung und Gedicht oft nur einen inneren Hohlraum umkleidet und dort, wo sie zu Lebensverantwortungen zwingen müßte, in selbstvergessene Schwärmerei zerfließt. Ist gleich die Hingabe echt, so soll doch ein Geschäft mit ihr gemacht und die sittliche Schlußfolgerung vermieden werden. Ob es sich auch mit Ganna so verhielt, war, wie gesagt, damals noch nicht ergründbar. Eines Tages mußte sie wohl an den Scheideweg gelangen. Zu jener Frühzeit schwankte sie noch, tastete sie noch, suchte ihr Gesetz, suchte vor allem einen Spiegel. Menschen konnten nicht ihr Spiegel sein, die Wirklichkeitswelt konnte es auch nicht sein, nur aus den Büchern kam ihr ein Wesen ihresgleichen entgegen, so wähnte sie, ein Dämmerwesen voll Begeisterung, Zutraulichkeit und Aufrichtigkeit. Das Bild entzückte sie, es war ja ihr eigenes Gedicht, ihre eigene Schöpfung, sie verliebte sich in es, es machte sie in ihren Augen wahr und gut.

Es versteht sich also beinahe von selbst, daß ein Dichter, wenn er als solcher beglaubigt war, für Ganna den verkörperten Sinn des Universums bildete, der Erlöser von der abstoßenden Trivialität des Mewis-Reiches war, des Sumpfes mit den fünf musterhaften Schwänen. Und sie träumte von der Rolle und der Sendung einer Aspasia. Um eine Aspasia zu sein, braucht man aber einen Perikles und ein Athen. Um nur eine Rahel Varnhagen zu sein, braucht man einen Goethe. Aber wo waren ein Perikles, ein Goethe zu finden in der heroenlosen Welt von 1898? Nun, dazu sind ja die Träume da, daß man das Unwirkliche wirklich macht.

Ich

Im Mai dieses erwähnten Jahres geschah es, daß ich von München nach Wien verzog. Ich hatte kurz zuvor einen Roman veröffentlicht, »Die Schatzgräber von Worms« hieß er, und das Buch war nicht ohne Widerhall geblieben. Manche Fachleute strichen es sogar über Verdienst heraus und beehrten mich mit dem Titel eines »Neutöners«, einer damals trotz ihrer Geschmacklosigkeit beliebten Bezeichnung. Vielleicht imponierte ihnen die Finsterkeit des Stoffes und die genialisch erscheinende Ordnungslosigkeit der Darstellung; heute wundere ich mich über die zahlreichen freundlichen Stimmen und achtungsvollen Urteile, zu denen das unreife Erzeugnis eines Fünfundzwanzigjährigen Veranlassung gab.

Es war ein sogenannter literarischer Erfolg. Meine ziemlich trostlose materielle Lage damit zu verbessern war mir nicht gelungen. Ich hatte München fluchtartig verlassen, erstens, um meinen Gläubigern zu entrinnen, zweitens, weil eine Liebesaffäre so viel Klatsch und niederträchtige Ränke gegen mich aufgerührt hatte, daß meine besten Freunde von mir abfielen und die anständigen Bürger sich bekreuzigten, wenn man mich ihnen auf der Straße zeigte. In Wien hatte ich wenig Beziehungen, ein halbes Dutzend Verehrer, das war alles, und auf Verehrer kann man nur bauen, wenn man ihrer Hilfe nicht bedarf. Wovon ich leben sollte, da ich nur auf Zufallseinnahmen angewiesen war und jede Brotarbeit hochmütig verschmähte, war mir ein Rätsel. Glücklicherweise traf ich hier und da vermögende Leute, die nicht nur ein wenig Sympathie für mich hegten, sondern auch eine gewisse Portion Snobismus im Leibe hatten; die halfen mir gelegentlich mit einem Darlehen aus.

In einem stillen Viertel hinter der Votivkirche, Lackierergasse 8, mietete ich ein riesengroßes Zimmer mit Möbeln, die in Eile aus einer Trödlerbude zusammengerafft schienen. Die Tage verschlief ich, die Nächte verbrachte ich mit allerlei Berufskollegen im Caféhaus oder im sommerlichen Prater, wo es damals ein sonderbares Vergnügungs-Etablissement gab, Venedig in Wien geheißen, eine äffische und lächerliche Nachahmung venetianischer Stadtlandschaft mit Brücken und Kanälen. Wenn ich zu später Stunde heimkehrte, sang ich in den öden Gassen laut vor mich hin und strich wie ein betrunkener Student mit der Stockspitze lärmend über die eisernen Rolläden der Geschäftsauslagen.

Eines Tages aber hatte ich genug von der Stadt, hängte den Rucksack um und machte mich auf die Wanderschaft: durch die mährische Ebene, in die Berge im Süden, in den Böhmerwald, die Donau entlang, nie anders als auf Schusters Rappen, selten mit mehr als zehn Kronen in der Tasche, gern allein, ebenso gern mit einem Gefährten, mit dem sich vernünftig plaudern ließ. Da war zum Beispiel ein junger Mensch namens Konrad Fürst, der sich mir gleich in den ersten Tagen meines Wiener Aufenthaltes mit einer Art von Gefolgschaftstreue angeschlossen hatte; er hatte schriftstellerischen Ehrgeiz, war jedoch ein ziemlich oberflächlicher Bursche, der mit Vorliebe den Kavalier spielte und nichts im Sinn hatte als Weibergeschichten. Daß er mit mir auf die Walze ging, rechnete ich ihm hoch an und schrieb es der Bewunderung zu, die er für mich hegte. Davon habe ich mich immer fangen lassen. Dann war da ein gewisser David Muschilow, ein rothaariger Jude, der Theater- und Kunstberichte für Zeitungen schrieb und sich auf seine Unbestechlichkeit und seinen beißenden Witz viel zugute tat. Mit der Unbestechlichkeit war es nicht so weit her, wie er meinte, und der Witz ging mir ein wenig auf die Nerven. Gegen witzige Leute war ich von jeher mißtrauisch. Aber sie waren gute Kameraden, beide, das darf ich ihnen nicht vergessen, sie glaubten an mich, sie teilten ihr Brot und ihr Geld mit mir und waren immer zu munteren Späßen aufgelegt.

Im allgemeinen war ich mit der Veränderung meiner Lebensumstände zufrieden und fühlte mich in der leichteren Luft und unter den freundlicheren österreichischen Menschen wie neu geboren. Als der Herbst dem zigeunerischen Vagabundieren ein Ziel setzte, kehrte ich in das ungemütliche Quartier zurück, das mir die Hausfrau gegen geringes Entgelt offengelassen, mietete zu dem vorhandenen traurigen Möbelkram ein altes brauntastiges Pianino und trommelte zum Schrecken aller musikalischen Ohren der Nachbarschaft mehrere Stunden des Tages wie besessen darauf herum. Dann packte mich auf einmal die Lust zu neuer Arbeit. Ich hatte die Quelle schon vertrocknet geglaubt, und Nacht für Nacht, wenn ich von dem Zusammensein mit den Zufallsfreunden nach Hause kam, saß ich zwei Stunden am Schreibtisch und gab mich meinen Gebilden hin.

Wirkung eines Buches

Sonderbarerweise war es ihr Vater, durch den Ganna die »Schatzgräber von Worms« kennenlernte. Ein Universitätskollege hatte eines Tages dem Professor Mewis das Buch in die Hand gedrückt und ihm gesagt, das müsse er unbedingt lesen. Der Professor hatte mürrisch erklärt, er lese grundsätzlich keine Romane, hatte es aber in die Tasche gesteckt. Mit Abneigung begann er zu lesen, wurde widerwillig gefesselt, und als er zu Ende war, mußte er zugeben, daß an der Sache »was dran« sei. So hat er mir selbst nachher erzählt. Ihn als Juristen hatte die Darstellung eines kriminellen Vorgangs interessiert; dieser war freilich nur der Rahmen um ein tieferes Geschehen, das ihm nicht zugänglich war. Die künstlerischen Qualitäten, die das Buch sicherlich besaß, spürte er nicht, die leidenschaftliche Diktion und die düstere Stimmung über dem Ganzen waren ihm unbehaglich. Dennoch soll er zu jenem Kollegen, der ihm das Buch empfohlen, gesagt haben: »Nicht übel; den Mann muß man sich merken.« Für einen Staatsrechtslehrer alles mögliche.

Zufällig kam Ganna in sein Zimmer und sah das Buch auf dem Tisch liegen. Sie wußte von ihm, es stand längst auf ihrer Liste. Sie nahm es mit, es war sieben Uhr abends, und um drei Uhr nachts hatte sie es fertiggelesen. Hatte es einfach verschlungen. Hastig, wie man ein Elixier verschlingt, aus Angst, ein Tropfen könne verschüttet werden. Was traf sie so unmittelbar daran? Warum mußte sie sich's mit solcher Gier einverleiben? Das habe ich mich später oft gefragt. War es doch unbeschreiblich fremd für sie, mußte ihr fremd sein, eher abschreckend als werbend, reizvoll nur im Sinn des Metiers, verständlich nur für den, der in ähnlichem Zustand gelebt hatte. Sei dem, wie ihm wolle, der Eindruck, den sie empfing, war unverlöschlich und zweifellos echt. In der Folge sprach sie oft darüber, und es ist nicht ausgeschlossen, daß sie dann jedesmal den ersten Eindruck ein klein wenig übertrieb, ungefähr wie der Gewinner eines Haupttreffers, wenn er schwört, seine Finger hätten prophetisch gezuckt, als er das Los kaufte. Sicherlich war Ahnung im Spiel, die Überzeugung von Seelenverwandtschaft. Kurz darauf entdeckte sie in einem Verlagskatalog mein Bild. Sie schnitt es heraus und heftete es mit Reißnägeln an die Tapete neben ihrem Bücherregal. Dabei soll sie das Gelöbnis geleistet haben, so wurde mir später nicht nur von ihr, sondern auch von einer ihrer literarischen Gesponsinnen glaubhaft versichert, nicht zu ruhen und zu rasten, bevor sie meine persönliche Bekanntschaft gemacht. Das betreffende Konterfei von mir war übrigens sehr geschmeichelt. Es ist verlorengegangen, aber wenn ich mich nicht irre, sah ich darauf aus wie ein idealisierter Räuberhauptmann.

Eine Vermittlerin findet sich

Die Dinge spielten sich folgendermaßen ab. Im Sommer des Jahres 1899 erfuhr Ganna von einem ihrer Freunde, daß ich seit länger als einem Jahr in Wien wohnte. Er lebt aber in großer Verborgenheit, wurde ihr gesagt, ihn kennenzulernen ist nicht leicht. Ganna hatte übertriebene Ideen von der Existenz eines Schriftstellers und dachte zuerst an eine Art Hofhaltung, wie bei einem königlichen Prinzen. Als Wissende sie eines anderen belehrten und mich als armen Schlucker schilderten, hörte sie unwillig darüber weg. Sie haßte es, in ihren Einbildungen gestört zu werden. Sie hätte mir geschrieben, wenn nicht die Furcht sie abgehalten hätte, meine Wohnung sei von derartigen Briefen überschwemmt wie ein Postamt. Blieb der Brief aber unbeantwortet, so hatte sie überhaupt keine Aussicht mehr, meiner habhaft zu werden. Sie kundschaftete meinen Umgang aus und suchte Beziehung zu einzelnen Personen, die man ihr genannt hatte. Sie sagte mir einmal, es sei ihr zumut gewesen, als werde sie im Feuerkreis versengt, wenn sie denen nahte, die mir nahe standen. Sie hörte immer häufiger von mir, traf Leute, die wieder andere Leute kannten, in deren Gesellschaft ich mich täglich befand. Sie beneidete diese Leute, sie war eifersüchtig auf sie. In den ersten Briefen, die ich von ihr erhielt, war davon oft die Rede. Eines Tages, es war mittlerweile Spätwinter geworden, mußte sie eine alte Freundin ihrer Mutter besuchen, eine Frau von Brandeis. Diese führte ein Haus, wie man zu sagen pflegt, obschon in bescheidenster Weise. Ich hatte ein paarmal bei ihr gegessen. Gannas Mund floß stets von dem über, wovon ihr Herz voll war, und so beichtete sie der blaustrümpfig angehauchten Dame, was sie sich so innig wünschte. Frau von Brandeis sagte: »Wenn's weiter nichts ist, dem Mädchen kann geholfen werden. Ich lad' ihn dir einfach ein. Komm am nächsten Dienstag zum Souper.« Sie hat mir selber erzählt, Ganna sei in freudigem Schrecken blaß und rot geworden und habe ihr wortlos die Hand geküßt.

Erste Begegnung

Eine sonderbare Eigenschaft, unter der ich noch heute leide, zwingt mich, jedem Ruf, jeder Aufforderung zu folgen, die an mich ergehen, so, als ob ich fürchten müßte, diejenigen zu verletzen oder nur zu verstimmen, die sich vergeblich um mich bemühen. Manchmal freilich steckt nichts als Trägheit dahinter: Man geht gedankenlos in die Richtung, in die man geschoben wird. So sagte ich auch ohne Zögern zu, als mich Frau von Brandeis einlud, obgleich ich mich bei früheren Besuchen in ihrem Hause unsäglich gelangweilt hatte.

Nur undeutlich erinnere ich mich an den Eindruck, den mir Ganna an jenem Abend gemacht. Es verblieb das Bild eines etwas bunt gekleideten, überbeweglichen, höchst unruhigen jungen Mädchens. Ob sie gut oder schlecht angezogen war, weiß ich nicht. Dafür hatte ich keine Augen. Sie liebte schreiende Farben und die malerische Verbrämung mit kleinen Schals und flatternden Schleifen. Bei Tisch erzählte sie lachend, mit einem Seitenblick auf mich, daß sie auf der Stiege zur Brandeisschen Wohnung einen Schwindelanfall gehabt habe. Ihr exaltiertes und hastiges Sprechen fiel mir unangenehm auf, doch Frau von Brandeis hatte mich darauf vorbereitet, in welche Erregung sie durch meine Gegenwart versetzt sei, und so beurteilte ich ihr allzu lebhaftes Betragen mit Milde. Zwei- oder dreimal musterte ich sie flüchtig. Sie hatte ein unhübsches Gesicht mit angestrengten Zügen, sommersprossiger Haut und heftig blickenden, blauen Augen; die Backenknochen traten stark hervor; sehr anziehend war dagegen der sinnliche Mund mit herrlichen Zähnen und dem reizend unschuldigen Lächeln. Die ungewöhnlich kleinen, nervigen Hände hatten bestimmte wiederkehrende Gesten, die etwas Zackiges und Rechthaberisches an sich hatten, was sie in manchen Momenten spürte und zu mäßigen beflissen war.

Dieses ziemlich getreue Porträt hat sich wohl erst nach einer Reihe von Begegnungen in mir geformt. Zunächst war mein Interesse an Fräulein Ganna Mewis nur gering. Ich dachte mehr an meine Arbeit als an die Umgebung. Ich soll auch keineswegs gewinnend oder unterhaltsam gewirkt haben, auch nicht eben weltmännisch. Ich trug damals, wenn ich in Gesellschaft ging, einen bis zu den Knien reichenden Gehrock, der an den Rändern und Ellbogen spiegelte und nicht ganz sauber war, ein vorweltliches Kleidungsstück, das durch die pittoresk geschlungene schwarze Seidenkrawatte nicht salonfähiger wurde. Nach beendeter Mahlzeit begab ich mich ins Rauchzimmer, nahm auf einem unbequemen Sesselchen Platz, und alsbald gesellte sich Ganna zu mir. Ich hatte es erwartet. Wir kamen ins Gespräch. Ich wunderte mich über vieles, was sie sagte. Ich vergaß ihre aufgeregte, knisternde Beweglichkeit. Sie erschien mir originell. In allen ihren Äußerungen war eine seltsame Mischung von Torheit und Scharfsinn. Das reizend unschuldige Lächeln ließ mich bisweilen mitlächeln. Am stärksten berührte mich das Sucherische an ihr, das bittende Werben, das Umsichgreifen wie im Traum. Merkwürdiges Geschöpf, dachte ich immerfort. Aber schon, als ich nach Hause ging, wußte ich nichts mehr von ihr. Und wenn ich mich ihrer dringenden Worte und Blicke entsann, der glühenden Verehrung, von der ihr ganzes Wesen durchströmt war, überlief mich ein Unbehagen.

Briefe, Winke, Zauberworte

Am andern Tag erhielt ich einen Rohrpostbrief von ihr. Warum so eilig, fragte ich mich. Es stand durchaus nichts Eiliges drin. Die Schriftzüge waren ebenso dringlich wie ihre Rede. Große, spitze, stürmische Buchstaben, die einer Versammlung von Aufrührern ähnelten. Ich weiß nicht mehr, ob ich geantwortet habe. Mir kommt es vor, es war erst der dritte oder gar vierte Brief, der mich bestimmte, zu antworten. Denn sie schrieb mir fast täglich. Immer mit der Rohrpost. Wenige Zeilen, sorgsam stilisiert. Ich dachte spöttisch: Wenn man mit einem Schriftsteller korrespondiert, macht man geistig Toilette. Und der Inhalt? Ein Stimmungsbild: Glückliches Staunen über den neuen Aufschwung, den jetzt ihr Leben genommen habe; die Bitte, sie nicht völlig aus meinen Gedanken zu verstoßen; ein Gruß, weil der Himmel blau war; ängstliche Frage nach meinem Befinden, da sie einen bösen Traum gehabt. Sie war erfinderisch in Anlässen.

Warum habe ich mich eigentlich zu antworten entschlossen? Ich weiß es nicht. Wenn man sich grenzenlos bewundert fühlt, wird man schwach. Auch die verhärtetsten Menschenverächter haben eine Stelle, wo sie der Eitelkeit zum Opfer fallen. Und ich war kein Menschenverächter, ganz im Gegenteil. Trotz üblen Erfahrungen begann ich, Menschen erst dann zu mißtrauen, wenn sie mir, bildlich gesprochen natürlich, das Genick umgedreht hatten. Vielleicht hatte Ganna auf Antwort nicht zu hoffen gewagt, aber vom Augenblick der ersten Antwort an hatte sie ein für allemal das Recht auf Antwort erworben. So verstrickt man sich eben.

Ich hatte die schlechte Gewohnheit, Briefe, die ich erhielt, achtlos herumliegen zu lassen. Um diese Zeit hatte ich ein Verhältnis mit einer kleinen Schauspielerin, einer klugen, netten Person. Die erwischte eines Tages einen von Gannas Briefen, las ihn trotz meines Einspruches ironisch lächelnd durch, dann sagte sie: »Vor der nimm dich in acht.« – »Warum, was meinst du?« – »Ich kann's dir nicht erklären, aber nimm dich in acht. Ein Gefühl, weiter nichts.« – Sie war die erste Warnerin. Nach vielen Jahren habe ich noch dran denken müssen.

Beim Firnistag der Sezession traf ich Frau von Brandeis. Sie erkundigte sich, wie mir Ganna Mewis gefallen habe. Sie sang Gannas Lob in den höchsten Tönen. Geistreiches Wesen; ideal veranlagt; ein Herz von Gold; die Familie ein Hort bürgerlicher Tugenden. Sie packte mich beim Ärmel und raunte mir geheimnisvoll zu, der sei gut aufgehoben, der eine Mewistochter ergattere; ein gemachtes Bett für alle Zeiten; man bedenke, ein einfacher Professor, der jeder seiner Töchter achtzigtausend Kronen mitgebe! Ich machte mich etwas ungeduldig von der indiskreten Dame los, allein es nützte nichts, ich muß es gestehen, die Zahl schwirrte mir im Kopf herum. Es ist leider nicht anders: Ein Mann, der nicht weiß, wie er am Monatsende seine Miete bezahlen soll, kann leicht in die Versuchung kommen, sich auszurechnen, daß er mit einer solchen Riesensumme sechzig bis siebzig Jahre in Frieden seine Zelle bewohnen könnte. Eine sarkastische Betrachtung, mehr war es nicht, und doch ...

Indessen hatte ich an neutralen Orten einige Zusammenkünfte mit Ganna gehabt. Nachgiebigkeit zeugt Nachgiebigkeit. Ich darf aber nicht verschweigen, daß sie mir von Mal zu Mal besser gefiel. Sie hatte etwas unwiderstehlich Stürmisches an sich, das meine schwerflüssige Natur in Bewegung brachte. Sie erschien mir als ein außerordentlich geschlossener und einheitlicher Charakter. Dauernd störte mich nur eine gewisse Emphase in ihrer Redeweise. Eines Tages sagte sie, der Abglanz des Werkes, an dem ich arbeite, leuchte sichtbar von meiner Stirn. Ich erwiderte frostig, ich liebe an Menschen trockene Hände und eine trockene Sprache, an Feuchtem könne man sich nicht anhalten. Da erschrak sie und stimmte mir leidenschaftlich-reuig zu. Auch das war zuviel. Es war, wie wenn man zu einer einfachen Melodie das Pedal tritt. Nicht wenig betroffen war ich, als sie mir während eines gemeinsamen Spazierganges die Grundidee meines entstehenden Buches darlegte. Da ich mit keinem Menschen darüber gesprochen hatte, war ich mit gutem Grund erstaunt. Es war ein Untergangsmotiv, abgewandelt in einer bestimmten sozialen Schicht, getragen von einem modernen Parzivalcharakter. »Nur Sie können das machen«, sagte sie ergriffen, »Sie und kein anderer.« Ich hatte das unbehagliche Gefühl einer Hausfrau, die entdeckt, daß sich die Katze in die Vorratskammer geschlichen hat. Die Türe war versperrt, die Fenster waren vermacht, ein Loch in der Mauer ist nicht zu finden, folglich kann es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein. Divination? Vielleicht. Ganna ließ jedenfalls die Annahme zu. Sie gab mir damit zu verstehen: Ich lebe in deiner Sache drin, sie ist mein Fatum, sie ist ein Teil von mir. Es ist freilich möglich, daß ich die Allgemeinheit der Formulierung überhörte; auch lag der Vorwurf damals in der Luft; es war auch denkbar, daß sie mir eine Andeutung entlockt hatte, deren ich mich nicht mehr erinnerte. Trotzdem, etwas von einer Zauberin hatte Ganna entschieden an sich. Ich hielt sie jedoch für eine segensreiche Zauberin, für eine starke, energische, mutige kleine Fee. Und daß sie magdhaft demütig nach meiner Nähe verlangte, nach meinem sparsamen Gespräch, meiner kargen Belehrung, tat mir wohl, denn darin war ich nicht verwöhnt.

Es kommt, wie es kommen muß

So schmeichelte sie mir das Versprechen ab, sie einmal in ihrem Elternhaus zu besuchen. Wir vereinbarten Tag und Stunde, und Ganna traf Anstalten wie für den Empfang des Thronfolgers. Sie ließ das Verbot an die Schwestern ergehen, daß man ihr Beisammensein mit mir um keinen Preis störe. Späterhin beklagten sich Irmgard und Traude bei mir bitter über das Absperrungssystem, das Ganna in jener ersten Zeit rigoros durchgeführt hatte. Sie hätten so gerne einmal mit mir gesprochen, sagten sie, aber Ganna hätte es ihnen nicht erlaubt. Als ich in die Halle trat, verschwand blitzschnell eine Gestalt durch eine offene Tür, aber die Sekunde hatte genügt, daß ich einen groß-erstaunten Blick aus schwarzen Augen auffangen konnte. Und als ich nach einer Weile, von Ganna geleitet, wieder in der Halle stand, entfloh ein anderer Schatten durch eine andere Tür, und wieder musterte mich ein erstauntes Augenpaar, ein blaues diesmal.

Ich kam dann öfter ins Haus. Ganna bewirtete mich mit guten Brötchen und vortrefflichem Tee. Ich hatte beschlossen, das kleine Erlebnis sollte vorüber sein, wenn ich mich wieder auf die sommerliche Wanderschaft begab. Aber dann hätte ich Ganna nicht meinen Reiseplan verraten dürfen; hätte ihr nicht alle Orte nennen dürfen, wo ich mich aufzuhalten gedachte. Und nicht nur das; in meiner gedankenlosen Mitteilsamkeit sagte ich ihr außerdem, daß ich mich für den Frühherbst mit einigen Freunden am oberen Mondsee verabredet hätte; dort wollte ich mich in einem Bauernhaus verstecken und mein Buch beendigen. Ganz heiß vor Freude, antwortete sie, das treffe sich herrlich, die Mutter habe in der Nähe, am Attersee, eine kleine Villa gemietet, sie bliebe mit den Schwestern wahrscheinlich bis Oktober draußen, und wenn sie sich aufs Rad setze, könne sie in einer halben Stunde bei mir sein. Ich erschrak ein wenig. Ich ärgerte mich über meine Schwatzhaftigkeit. Doch was hätte ich tun sollen? Über irgend etwas muß man reden, und wenn man eine gewisse Furcht vor Gesprächen über hohe Dinge hat und vor Fragen, die, obwohl mit kindlicher Bangigkeit gestellt, nicht beantwortbar sind, weil sie fortwährend an Intimes rühren, rettet man sich in die groben Tatsachen. Ganna hatte mich immer wieder beharrlich ausgeholt; die Tränen schossen ihr in die Augen, wenn ich sie freundlich abwies oder unbestimmt vertröstete. Sie habe keinen Menschen, dem sie vertrauen könne, versicherte sie bewegt, in der Familie lebe sie als Fremde, die Schwestern seien ihre Feindinnen, Vater und Mutter verstünden sie nicht, sie sei verloren, wenn ich ihr nicht mehr von dem Himmelsbrot zu essen gäbe, das die einzige Nahrung ihrer Seele sei. Solche Worte rührten mich. Daß sie unter den Ihren das Aschenbrödel war, hatte ich schon gemerkt. »Werden Sie mir schreiben?« fragte sie mit dem hungrigen, verschlingenden Blick, der immer gleich das Äußerste zur Entscheidung stellte. Ich zögerte. Ich wich aus. Sie drang in mich. Schließlich versprach ich es. »Ja«, sagte ich, »ich will sehen.« Mit einem sonderbaren Raubtiergriff, den ich nie vergessen konnte, packte sie meine Hand. »Wirklich? Werden Sie wirklich schreiben?« Ich hatte plötzlich Angst, aber das reizend unschuldige, beseligte Lächeln ließ mir das Versprechen gefahrlos erscheinen.

Einige durchaus verspätete Glossen

Und da kamen wieder die Briefe. Eilbriefe. Da marschierten wieder die spitzen, rebellischen Buchstaben auf. Sie fügten sich zu Worten, und die Worte sprachen von ewiger Ergebenheit und Dankbarkeit, von geistiger Zwillingsschaft und herzgeborener Zugehörigkeit. Ich stutzte. Ich fragte mich: Sind denn diese Dinge so billig, daß man sie ohne Scheu und Bestimmung zu Papier bringen darf? Aber um die Wahrheit zu sagen: Ich las alles nur halb. Im Ohr blieb der Klang der bedrückend großen Worte. Manchmal, wenn ich einen ihrer Briefe öffnete, war es, als müßte ich die winzige Hand wegschieben, die mit dem sonderbaren Raubtiergriff nach mir langte. In diesem Sommer hätte ich noch offenen Weg vor mir gehabt, wenn ich mir die Situation ehrlich klargemacht hätte. Ich tat es nicht. Ich schwindelte mich darüber hinweg. Freiheit ist ein unschätzbares Gut; läßt man sie sich ablisten, dann wehe, an der Schuldenrechnung hat man zu zahlen, bis der blutige Schweiß aus den Augen rinnt. Jedoch ich hatte in frühem Kindesalter die Mutter verloren.

Wenn ich zurückschaue und mich selber betrachte, komme ich zu der Ansicht, daß ein Charakter wie der meine nur von seiner abgründigen Versponnenheit aus beurteilt werden kann. Alle meine Vorzüge und Fehler sind hier verankert. Ich stand immer so dicht bei der Wirklichkeit, wie ein Mann, der eine Maschine bedient, bei ihrem Schwungrad steht, und doch gewahrte ich sie nicht. Ich erschöpfte mich im Bemühen, sie zu erkennen, aber die Bilder, die sie mir lieferte, die Erfahrungen, die sie mir vermittelte, wurden durch den Galvanisierungsprozeß, den sie in der Phantasie erlitten, bis in den Stoff hinein verändert. Leichtes wurde schwer, Helles trüb, Warnung fand mich taub, ja Schmerz und Freude waren oft nur wie Hauch auf einer Glasscheibe. Es war ein so tiefes In-mir-selber-Stecken, ein so entrückter Rip-van-Winkle-Schlaf, daß der Zwang zum Handeln den ganzen Organismus erschütterte und die Seele aus ihrem entlegenen Versteck scheuchte und zu einem Hundertmeilenweg nötigte.

Das mag vieles erklären. Denn als Ganna eines Vormittags im September vor dem einsamen Bauernhaus, in welchem ich das Giebelzimmer bewohnte, vom Zweirad sprang und ich hinuntereilte, um sie zu begrüßen, sah ich nicht ein blaurot erhitztes Gesicht, eine schweißdurchnäßte Bluse, einen verworrenen, beinahe fieberkranken Blick; das zu sehen wäre mir widrig gewesen, es hätte mich abgestoßen für lange. Ich sah ein Geschöpf meiner eigenen Form und Vision. Ich empfand Mitleid. Vielleicht war es das übertragene Mitleid der Dichter, wenn sie aus einem leibhaftigen Menschen eine Figur ihrer Eingebung machen und sie mit dem Geheimnis umkleiden, das sie allein reizt und trägt. Ein gequältes Wesen, sagte ich mir, und ich fühlte, wie mein Herz für sie schlug. Eine Flüchtende, eine Liebende trat mir entgegen, eine Ergriffene auf dem Opfergang, eine Gehetzte, die um Obdach flehte und eine Brust suchte, um sich anzuklammern, über und über entflammt, der Zärtichkeit und Beschwichtigung bedürftig. Hätte ich mich zusperren sollen, hätte ich den Bedenklichen spielen und sagen sollen: Geh weg von mir, es ist kein Platz für dich in meinem Leben? Es war doch Platz. Freilich, daß ich sie so sah und fühlte, wie meine jäh erbarmende Hingegebenheit sie mir zeigte, dieser eine trächtige Augenblick, der dreißig Jahre Schicksal im Schoß trug, das hatte auch Gannas übermächtiger Wille vermocht, ihre blindmachende Zauberkunst. Aber das wußte ich damals nicht.

Fast eine Beichte

Mit ihr über den See rudernd, durch die herbstlichen Wälder schlendernd, erzählte ich ihr von meiner Vergangenheit. Ich war nun siebenundzwanzig Jahre alt, und etwas anderes als Mangel und Sorgen kannte ich eigentlich nicht. Besah ich's recht, so war jeder Tag ein ordinärer Kampf um den Fraß gewesen, um das Bett zum Schlafen, die Schuhe an den Füßen. Das einzelne ließ ich unerwähnt, das Erniedrigende, die Fülle des Häßlichen. Wozu hätte ich es vor ihr ausbreiten sollen? Ich genierte mich. Es hätte wie Klage und Anklage geklungen. Vielleicht spürte ich auch, daß sie niemals die richtige Vorstellung davon haben würde, eine im Luxus Aufgewachsene. Außerdem hatte ich den unklaren Verdacht, als seien ihr solche Geständnisse lieb, als bestärkten sie sie in einer Hoffnung, die ich durchaus nicht in ihr zu nähren wünschte. Ich muß aber doch mehr, als ich gewollt, aus mir herausgegangen sein, denn sie sah mich manchmal an wie eine Mutter ihr krankes Kind. Ich sprach viel von meinen Wanderungen, und daß ich nur in der Landschaft die Einsamkeit ertrug, in den Städten zermalmte sie mich; die Städte gaben mir nur gerade das nackte Brot, oft nicht einmal das. Warum man dabei nicht ganz und gar verzweifelt? Was einen aufrecht hält? Woher die unsinnig scheinende Zuversicht kommt? Was es für ein Licht im Innern ist, das einen führt? Warum man sich nicht in den finstern Fluß gleiten läßt, an dem man kauert auf der Flucht vor den Menschen? Warum man sich nicht zum Sterben hinlegt, wenn das Gehirn nichts mehr gebiert als Ekel und Grauen? Ja, siehst du, Ganna, werde ich wohl gesagt haben, es ist sehr seltsam, etwas Seltsames begibt sich da. Die Augenblicke der Todessucht und -bereitschaft haben immer noch eine kleine Flamme, die das Herz glühen und aufzucken macht. Da erscheint ein Kamerad, den du vergessen hast. Da begegnet dir ein Mädchen, das du nie gesehen hast, und schaut dich an und weiß alles von dir und lächelt dir zu. Unten in den Tiefen ist das kleinste Glück noch was unendlich Kostbares. So ist es denn auch zu jenem Liebeserlebnis gekommen, in das ich drei unwiederbringliche Jahre hineingeworfen habe, wie in einen bodenlosen Brunnen, und das mich, als es vorbei und mit Schmerzen abgetan war, so verarmt in der Seele zurückgelassen hat, wie ich am Leibe von jeher gewesen ... Was geht in Ganna vor?

So oder ähnlich werde ich wohl zu Ganna gesprochen haben, genau weiß ich es natürlich nicht mehr. Und sie? Zunächst war sie wie vor den Kopf geschlagen. Hier muß ich etwas Komisches erwähnen. Seit den ersten Tagen unserer Bekanntschaft hatte sie eine Art Merkbuch über mich geführt. Es war mit Gedanken und Reflexionen über meine doch reichlich uninteressante Person vollgeschrieben, enthielt verwickelte Deutungen meines Wesens und seitenlange Abhandlungen über die ethische Idee meines Werkes. Ich erfuhr es lange Zeit später, und ich verhehle nicht, daß ich herzlich lachen mußte, als sie mir das Heft zeigte. Echt Ganna, sagte ich mir; es kommt mir vor, wie wenn jemand von einer großen Liebe ergriffen wird und nicht säumt, seinen beschwingten Zustand zum Thema einer Doktorarbeit zu machen. Aber als ich diesen nüchternen Vergleich anstellte, war ich schon einigermaßen kritisch gestimmt. Es stand ja mit Ganna so, daß ihre Begriffe vom Leben aus Büchern stammten und sich zur Wirklichkeit verhielten wie ein gemalter Tiger zu dem, der einem die Pranke in die Schulter schlägt. Trotzdem war durch meine Erzählungen alles in ihr über den Haufen geworfen, wobei ich zugleich das deutliche Gefühl hatte, daß ich ihr nicht mehr so unerreichbar schien wie früher. Ihre Erschütterung war unverkennbar, aber es wurde ihr klar, daß sie etwas zu bieten hatte, was ich, wie sie hoffte, nicht ohne weiteres von der Hand weisen konnte. Meine Umgebung, meine Lebensweise mußten sie belehren, daß sich meine Lage im wesentlichen nicht gebessert hatte. Ich lebte von Erwartungen, vom Glauben an meine inneren Quellen, von der Freundlichkeit meiner Freunde und der vorsichtigen Großmut meines Verlegers. Ich hatte keine wirtschaftliche Basis. Ich war mit meinen Plänen und Gestaltungen aufs Ungewisse gestellt. Mein Gesicht war von Sorgen gezeichnet. Die Melancholie, die mich bisweilen übermannte, konnte ich nicht aus meinen Augen herausreißen. Das mochte in Gannas ingeniösem Kopf zu sehr nachdrücklichen Erwägungen führen. Wozu ist sie denn reich? Wozu haben die Lottelotts geschuftet und ein Vermögen zusammengescharrt? Her damit. Es steht in ihrer Macht, dem Menschen, den sie liebt, zu helfen. Und mit der bloßen Hilfe ist es nicht getan, sie kann ihn auch in seine geistigen Hoheitsrechte einsetzen. Es ist ein Jubel in ihr, der beweist, daß sie den Schlüssel zu diesem Manne hat, dem sie die Welt erobern will. Ich mißverstand ihre glänzenden Augen und beteuernden Blicke nicht. Aber Geduld, Ganna, Geduld: Willst du ihm das, was du deinen Reichtum heißt, bedingungslos und dich selbst auslöschend antragen, so oder so, heute oder morgen, in einem enthusiastischen Sturm und unter Umgehung der bürgerlichen Bahnen und Verträge? Es wäre ein wundervoller Impuls, gleichviel, ob er sich als durchführbar erwiese oder nicht. Oder bedarf es eines festen Pfandes hierzu, müßte die Person, die Zukunft, der ganze Mann mit Haut und Haar als Pfand dienen? Sprich!

Es ist wahr, diese Frage wurde niemals wörtlich formuliert, sie schwebte nur unbestimmt über den Wechselreden. Doch schien es mir, daß Ganna ihren tieferen Sinn nicht begriff. Weshalb sollte der Mann das Pfand nicht geben, sagte sie sich offenbar, da doch alle Schwierigkeiten damit gelöst, alle Finsternisse zerstreut sind? Erklärt er sich dazu bereit, dann will sie ihn unerhört glücklich machen, dann will sie ihn hüten wie ihren Augapfel, dann wird sie seine Sklavin sein, seine Großschatzmeisterin, seine Muse, die Verwalterin seines Ruhms, die Verkünderin seiner Größe. Alles für ihn, sagen ihre leuchtenden Augen und beschwörenden Blicke: ihre Träume, ihren Ehrgeiz, ihre Gaben, ihr Leben für ihn.

Aber ich war eigentlich noch immer ahnungslos.

Weil es neu ist

Bis sie eines Tages damit herausplatzte. Ohne Vorbereitung und mit demselben Mut, mit dem sie sich vor kurzem aufs Zweirad gesetzt hatte und losgefahren war, obgleich sie es nie ordentlich gelernt hatte. Ich war sehr betroffen. Die längste Zeit wußte ich nicht genau, was sie meinte. Sie hütete sich, es genau zu sagen. Sie hatte Angst. Doch begann sie immer wieder von neuem. Jedesmal um einen Ton vernehmlicher, mit etwas beredterer Ausmalung der praktischen Möglichkeit, etwas bewegterem Hinweis auf die großartige Lebens- und Werkentfaltung, die sie mir mit seherischer Glut voraussagte. Wenn ich heute daran zurückdenke, muß ich lächeln, denn instinktiv machte sie es wie der Verkäufer in einem Laden, der so tut, als zeige er die wertvollsten Gegenstände ungern her, und sie erst zuletzt auf den Tisch legt, wenn er den Kunden schon ein wenig müde geredet hat. Als ich endlich begriffen hatte, worauf sie hinauswollte, war ich um eine schickliche Antwort verlegen. An dergleichen hatte ich nie auch nur im entferntesten gedacht. Es war, als hätte mir jemand vorgeschlagen, ich solle mich auf dem Mond ansiedeln. Ich lachte sie aus. Ich behandelte das Ganze als einen närrischen Einfall. Ich sagte, ich sei vielleicht derjenige Mann in Europa, der am allerwenigsten Sinn und Eignung für die Ehe habe.

Aber wie es so geht, nach und nach brachten mich einige ihrer Argumente zum Nachdenken. War ich am ersten Tag entsetzt, so am zweiten nur verärgert und am dritten mäßig ungeduldig und abwehrend. Nicht zu jeder Frist konnte ich mich ihrem stammelnden Drängen, der feurigen Angelobung und einer Dienstbereitschaft entziehen, von der sie durchzittert war wie von einem Fieber. Nicht ganz wenigstens. Schließlich hatte sie mir ja den Beweis geliefert, obschon nicht den vollgültigen, daß sie nicht mit sich sparte. Das konnte unmöglich Berechnung gewesen sein. Ihre Zärtlichkeit war überströmend. Ihr Eifer, mir zu gefallen, mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen, grenzte an Besessenheit. Ich schämte mich oft. Hätte ich geahnt, daß diese Scham eine von mir nicht gewußte Schutzmauer war, ich hätte vielleicht anders gehandelt. Wohl fand ich sie komisch in ihrer Verworrenheit, ihrer Hilflosigkeit und Traumverfangenheit; aber auch liebenswert. Man kann ein Weib liebenswert finden, ohne es zu lieben; das führt ins gefährliche Halbe, wo Entschlüsse sich kreuzen und einander aufheben. Wenn ich ihr meine Hand überließ, konnte sie still verzaubert dasitzen, als sei die Minute eine singende Ewigkeit, dann beugte sie sich nieder und preßte ihre Lippen mit einer Andacht auf meine Finger, die mich manchmal zu sagen zwang: Tu das doch nicht, laß das doch. Es war mir neu. Die Frau, die ich geliebt hatte, erstmalig, uneingeschränkt, zu jeder Torheit, ja zum Verbrechen bereit und auch dem Verbrechen nah, hatte meine Liebe kühl geduldet und mich schmählich betrogen und ausgenützt. Es war eine Wunde, die noch nicht aufgehört hatte zu schwären. Wie wohltuend, einmal zu empfangen, statt immer geben zu müssen, unbedankt, ja verhöhnt.

Willst du oder willst du nicht?

Indessen ließ ich den Dingen ihren Lauf. Ich sagte nicht ja und sagte nicht nein. Das Ja hätte mein Leben umgestülpt, so daß es einem Planetensystem geglichen hätte, worin ein frecher Komet das Gesetz der Schwerkraft aufgehoben hat. Das Nein wiederum ... es war schwer. Nicht, als wäre ich lüstern gewesen nach den Fleischtöpfen Ägyptens. Ich leugne nicht, daß ich ein wenig müde war. Müde der unbeglichenen Rechnungen, der verlegenen Gesichter meiner Bekannten, wenn ich sie um ein Darlehen bat, der Löcher in meinen Strümpfen, die niemand stopfte, der zerfransten Manschetten in meinen Hemden und der täglichen kleinen Demütigungen, die ich von Leuten hinnehmen mußte, die nichts so verachteten wie die Armut. Ich hätte gern einmal nichts mehr gewußt von den Bitternissen und Kränkungen, wäre gern einmal abends im Bett gelegen, ohne mir das Hirn zu zermartern, womit ich die Erlaubnis, darin zu schlafen, zahlen solle. Ich wäre gern einmal sorglos gewesen. Ich konnte Ganna nicht unrecht geben, wenn sie fand, die vielen kleinen Lebensplagen würden mich langsam aufreiben. Aber es fiel mir nicht ein, deswegen nach den reichbesetzten Tafeln der Wohlhabenden zu schielen, ihren gefüllten Weinkellern und eifersüchtig bewachten Geldschränken. Eine Welt schied mich von ihnen.

Jedoch war eine meiner verhängnisvollsten Eigenschaften die, daß ich gegen einen Willensmenschen hauptsächlich deshalb unterlag, weil mich das Phänomen der Willenskraft an sich in so nachhaltiges Staunen versetzte, daß ich mich zu einem Entschluß erst dann aufraffte, wenn der andere bereits über mich verfügt hatte. Dann redete ich mir ein, ich hätte das meinige getan, und war froh, daß mir die Mühsal weiteren Kampfes erspart blieb. Und Ganna verfügte über mich. Ihre Augen hatten in diesen Tagen einen Ausdruck, den man bei Wettläufern beobachtet, die um jeden Preis siegen wollen und den Blick mit unheimlicher Starrheit gegen das Ziel richten. Was erfüllte sie mit solcher Verlustangst, solcher Zeitangst? Ich bemühte mich, ihr Ruhe einzuflößen. Sie dankte mir überschwenglich, doch sah es aus, als sei in ihrem Innern alles wund. Mir ahnte, wie sehr sie die Gefangene ihrer Triebe war, und wenn ich nicht als trauriger Stümper vor ihr stehen wollte, mußte ich trachten, sie aus ihrem Kerker zu befreien. Dadurch wurde ich selber an die Kette geschmiedet.

An einem regnerischen Nachmittag kam sie wieder einmal abgehetzt und keuchend auf ihrem Rad daher, stürmte in meine Stube hinauf, warf sich mir an die Brust, stemmte die Arme gegen meine Schultern und schaute mich an, wie wenn sie in derselben Stunde aufs Schafott geschleppt werden sollte. Ich fragte erschrocken, was ihr sei, sie schüttelte mit geschlossenen Augen den Kopf. Sodann riß sie sich los, lief auf den kleinen Balkon, erstieg mit einem Satz die Brüstung, drehte sich zu mir zurück und sagte mit einem hysterischen Klirren in der Stimme: »Wenn du mich nicht zu dir nimmst, spring' ich hinunter ins Wasser; auf Ehre und Seligkeit, ich tu's. Entweder heiratest du mich, oder ich spring' hinunter.« – »Ganna!« rief ich sie an. Das Haus lag dicht am See. An die Westmauer klatschte das Wasser. Ein Sturz von sechs Meter Höhe war unter allen Umständen kein Spaß. Ihrer Tollheit war es zuzutrauen. »Ganna!« rief ich noch einmal. Sie sah mich an, halb verklärt, halb fanatisch, und streckte die Arme aus. Ich packte sie am Knöchel und sagte unwillig: »Ich bitte dich, laß das, Ganna.« – Und sie: »Willst du, oder willst du nicht?« – Ich wußte nicht, sollte ich lachen oder zornig sein. »Ich will ja, ich will ja«, sagte ich hastig, nur um die peinliche Szene abzukürzen, doch war mir im selben Moment zumut, als hätte ich unversehens etwas Giftiges geschluckt. Sie sprang zurück, fiel vor mir auf die Knie und bedeckte meine Hand mit Küssen.

Später, viel später dachte ich oft über diesen Vorfall nach. Genaugenommen, so überlegte ich mir, war es nicht viel anders als ein Überfall mit dem Revolver. Hände hoch, oder es wird geschossen. Ob der Revolver geladen war, tut nichts zur Sache. Es war auch nicht mehr festzustellen. Schlimm, wenn er geladen war, schlimmer, wenn er nicht geladen war. Aber damals, da es geschah, war ich vollkommen arglos. Der Gedanke, es könne sich um ein Manöver handeln, kam mir gar nicht in den Sinn. Manöver, mit einem so groben Wort wäre es auch nicht abzutun gewesen. Ich jedenfalls sah eine von ihrer elementaren Empfindung Hingerissene. Ich kann nicht mehr ergründen, ob es geschmeichelte Eigenliebe oder Erbarmen war, aber ich sagte mir, ich dürfe sie nicht von mir stoßen, wenn ich sie nicht für immer zerstören wollte. Ich glaubte die Verantwortung nicht übernehmen zu können, wenn sie sich ein Leid antat. Ich bewunderte ihren Mut, ihre Entschlossenheit, dies kühne Alles-oder-Nichts. Und seltsamerweise war mein hastiges Ja die Folge eines sinnlichen Reizes gewesen. Während ich ihren schmalen Knöchel umfaßte, war mir zumut als hielte ich den bebenden, glühenden Leib in meinen Armen. Sie erschien mir so zart, so gebrechlich. Das Zarte und Gebrechliche an Frauen hat stets meine Zärtlichkeit erweckt und mein Blut entzündet. Bis dahin hatte ich mich nur still dem Ansturm ihres Gefühls gebeugt.

Ich weiß nicht, ob ich das mit dem Revolver nicht besser verschwiegen hätte. In ihrer inneren Verworrenheit konnte sie nicht unterscheiden zwischen dem, was zulässig und was verwerflich war. Der Trieb beherrschte sie, der blinde, kreatürliche Trieb. Der vom Berghang fallende Stein überlegt nicht, ob er den Kopf eines Wanderers treffen wird. Und dieser Trieb, diese stumme Wucht wirkte auf mich wie ein Naturereignis.

Fedora

Wir waren eine kleine Kolonie dort, die sich aber, weil die Jahreszeit schon vorgeschritten war, nach und nach aufgelöst hatte. Nur meine Freundin Fedora Remikow war geblieben, eine junge Pianistin aus Petersburg, und mit ihr der Doktor Eduard Riemann, ein außerordentlich gescheiter und unterrichteter Mensch in meinem Alter, Philosoph, Privatgelehrter, wohlhabender Lebemann. Ihm schloß ich mich immer fester an, denn einen klareren Kopf und einen unbestechlicheren Geist habe ich selten getroffen. Den beiden, die auch untereinander in freundschaftlicher Beziehung standen, war mein zerstreutes und unzufriedenes Wesen aufgefallen, und da sie mich mehrmals in Gannas Gesellschaft gesehen hatten, glaubten sie nicht fehlzuschließen, wenn sie in ihr die Ursache meiner Verstimmung erblickten. Fedora stellte mich offen zur Rede. Ich wich ihr aus, aber eines Tages fragte ich sie, ob ich das Mädchen mit ihr bekannt machen dürfe. Ich wollte Fedoras Urteil erfahren. Ich wollte wissen, wie Ganna auf einen so reinen und unbefangenen Menschen wie Fedora wirke. Wir verabredeten ein Zusammensein zur Teestunde. Auch Riemann sollte dabeisein. Der Versuch fiel ziemlich unglücklich aus. Ganna war über die Maßen aufgeregt. Sie hatte das Gefühl, als solle sie von meinen Freunden auf Herz und Nieren geprüft werden. Sie ging hin wie eine Angeklagte zur Gerichtsverhandlung. Im Bemühen, sich von der vorteilhaftesten Seite zu geben, verkrampfte sie sich. Fedora spürte ihre Gepreßtheit und schaute sie mitfühlend an. Zufällig kam das Gespräch auf das damals vielgelesene »Buch eines Rembrandtdeutschen«, und es entspann sich eine Debatte zwischen Ganna und Eduard Riemann, der das Buch nicht sonderlich schätzte; wenn ich mich recht erinnere, nannte er es eine Paradoxensammlung für den geistigen Mittelstand. Ganna widersprach. Leider übernahm sie sich dabei. Sie war dem gründlichen Wissen und der überlegenen Logik Riemanns in keiner Weise gewachsen, wollte es aber nicht wahrhaben und kehrte etwas backfischhaft die philosophisch Geschulte heraus. Riemann wippte gutmütig lächelnd auf seinem Stuhl. Seine Repliken waren schonungsvoll, aber vernichtend. Fedora verhielt sich schweigsam. Wenn sich unsere Blicke begegneten, war ein befremdet fragender Ausdruck in ihren Augen. Ich bewunderte Gannas Mut, ihre Belesenheit und Schlagfertigkeit. Die Mißbilligung der Freunde empfand ich schmerzlich. Wie wenn ich selbst verkannt würde, wie wenn widrige Umstände verhindert hätten, daß sich Ganna mit ihren wahren Vorzügen zeigte, fühlte ich mich solidarisch mit ihr.

Ganna hatte gemerkt, daß sie nicht den ersehnten Eindruck auf Fedora und Riemann gemacht, und trachtete ihn zu verbessern. Das hätte sie nicht tun sollen. Weiß Gott, warum sie sich einbildete, sie müsse in Fedora eine Parteigängerin gewinnen. Darin mangelte ihr schon damals jeder Instinkt. Sie handelte immer so, als ließen sich Sympathien erzwingen. Sie brachte Fedora selbstgepflückte Blumen und schrieb ihr Briefe mit heftigen Erklärungen ihrer Liebe. Anfangs war sie der Meinung gewesen, zwischen mir und Fedora habe ein innigeres Band als bloße Freundschaft bestanden. Als Fedora sie mit ein paar kühlen Worten aufklärte, ungefähr, wie man eine falsche Zeitungsmeldung richtigstellt, fiel ihr Ganna um den Hals und küßte sie ab. Ein unverzeihlicher Fehler. Kurz darauf, einen Tag vor Gannas Abreise nach Wien, Ganna war gekommen, um sich von ihr zu verabschieden, beging Fedora ihrerseits einen schweren Fehler. Sie war töricht genug, Ganna von der Ehe mit mir abzuraten; sie suchte sie zum Verzicht zu bewegen. Sie sagte: »Wenn nicht um Ihretwillen, so doch um seinetwillen.« Da antwortete Ganna mit empört blitzenden Augen: »Was fällt Ihnen ein, Fedora? Wie können Sie so etwas sagen? Alexander und ich gehören für die Ewigkeit zusammen.«

Fedora erzählte mir dies ein paar Tage nachher mit kaltem Auflachen. Ich sehe sie noch, wie sie in der Einbuchtung des Flügels lehnte, das weiße Taschentuch vor dem Mund. Da sie an krankhafter Verfettung litt und beim Spielen häufig Asthmaanfälle bekam, hatte sie sich angewöhnt, das mit einer lösenden Flüssigkeit getränkte Taschentuch regelmäßig zum Mund zu führen. Sie besaß aber trotz der unförmigen Figur viel Anmut; auf dem fülligen Körper saß ein wahres Belliniköpfchen mit durchdringend klugen Augen. Sie fragte mich, was nun geschehen würde, wie es zwischen Ganna und mir stehe. Ich erwiderte, Ganna werde mit ihrem Vater reden. Sie wollte wissen, ob ich Ganna dazu ermächtigt hätte. Und als ich es bejahte: Ob mein Gewissen dabei ruhig sei. Ich verlor die Geduld und warf ihr vor, sie sei ungerecht gegen Ganna, verstehe nicht deren großangelegte Natur, sperre sich zu in weiblicher Ungroßmut. Sie zuckte die Achseln und entgegnete leise: »Es sind subtile Dinge, Freund, furchtbar subtile Dinge ...«

Am andern Morgen bekam ich einen Brief von ihr. Ich habe ihn jahrzehntelang aufgehoben, bei der Übersiedlung nach Ebenweiler ist er mir verlorengegangen. Sie habe Angst um mich, schrieb sie. Ich solle den Schritt, den ich zu tun gedächte, reiflich überlegen. Ich solle mich prüfen, ich solle warten, ich solle nichts überstürzen, sie bitte mich innig darum. »Sie lieben doch Ihre Zukunft«, hieß es weiter, »Sie müssen sie lieben, wie eine Schwangere ihr unbekanntes Kind liebt. Sie tragen eine gewaltige Verantwortung in sich. Sie setzen so Ungeheures aufs Spiel. Respektieren Sie, was das Schicksal mit Ihnen vorhat. Ich bin tief betrübt. Es ist die bitterste Enttäuschung, wenn ein Freund nicht hält, was er der Freundschaft versprochen hat, denn das hat er der Welt versprochen. Haben Sie sich also bereits endgültig gebunden, so ist mir das wie Verrat, und wir wollen uns lieber nicht mehr sehen.«

Diese Sätze sind mir genau in Erinnerung geblieben. Sie riefen aber nicht die Wirkung hervor, die Fedora beabsichtigt hatte. Ich war innerlich erkältet. Ich suchte nach Beweggründen, die dem makellosen Charakter Fedoras fern lagen. Ich stellte mich völlig und nicht ohne Trotz auf die Seite Gannas. Mich dünkte, es genüge nicht, ihre Liebe zu erwidern, sondern ich müsse auch ihr Ritter und Beschützer sein. Am Tag darauf hörte ich, daß Fedora mit Riemann abgereist sei.

Ganna schwört

Etwas habe ich vergessen zu berichten, obwohl es keine besondere Wichtigkeit hat. Nur damals hatte es eine gewisse Bedeutung für mich, da es mir an jeder Welterfahrung gebrach. Am vorletzten Abend vor der Trennung von Ganna saßen wir am Seeufer. Nach einem langen Schweigen kehrte ich mich ihr zu und sagte: »Schön, Ganna. Es sei, wie du es willst. Unter einer Bedingung. Du mußt mir feierlich geloben, daß du mich freigibst, sobald ich es von dir fordere.« Ganna, ganz unschuldiges Kind, gekränktes und mißhandeltes Kind, antwortete vorwurfsvoll: »Ach Alexander, wie kannst du nur denken, ich würde mich weigern! Da wäre ich ja deiner nicht wert.« – »Nichts da, ach Alexander«, beharrte ich, »du mußt es mir geloben. Du mußt es vor Gott geloben.« Sie sah mich an mit dem magdhaften Blick und, die Hand erhoben, gelobte sie es vor Gott. Ich war beruhigt.

Ihr mögt es glauben oder nicht, ich war beruhigt. Welche Verkennung des Wortes und dessen, was die Zeit bewirkt, und dessen, was der Name Gottes in einer philosophisch aufgeklärten Seele wie der Gannas war! Es war der Einfall eines Toren. Wann hätte je ein liebender Mann einer solchen Zusicherung bedurft und wann ein Weib, das einen Mann haben will, sie nicht unbedenklich gegeben, vor Sonne und Mond und Gott und allen Engeln des Himmels? Die Jahre verwandeln den heiligsten Schwur in einen Spaß, und das Gedächtnis ist ein gefälliger Kuppler.

Und als sie weg war, dachte ich mit großer Zärtlichkeit an sie. Es gab Augenblicke, da ich dieses Gefühl für Liebe hielt, aber dann sagte ich mir wieder: Liebe ist eine Quecksilberkugel, sich ihrer zu versichern kostet das halbe Leben, will man sie fassen, zerteilt sie sich, man kriegt nie das Ganze. Kameradschaft lockte mich. Übereinstimmung der Seelen, redete ich mir ein, macht Liebe entbehrlich. Sich lieben lassen kann keine Sünde sein, wenn man imstande ist, etwas dafür zu geben. Und was ich geben konnte, war eben Zärtlichkeit, zärtliches Verständnis, zärtliche Schonung, zärtliche Führung, zärtliches Vertrauen. Das war der Weg. Ich war überzeugt, es sei der rechte Weg. Ich merkte nicht, daß ich mich in eine Kasuistik der Gefühle verlor.

Verwunderung im Hause Mewis

Ganna hatte mir versprochen, über unser Verlöbnis zu schweigen, aber sie konnte sich nicht bezähmen, nach drei Tagen wußten es alle, die Schwestern, die Mutter, die Bekannten, die Verwandten. Frau Mewis verhehlte ihre schweren Besorgnisse nicht. Heute sehe ich ja die Dinge anders als vor dreißig Jahren; vieles Lächerliche fand ich durchaus in der Ordnung. Es gehörte zu den Abgeschmacktheiten der Epoche, daß man in den reichen Bürgerfamilien von Mesalliancen sprach, wie in der Hocharistokratie. Der einzige, der die längste Zeit nichts wußte, war der Professor. Frau Mewis zitterte Tag und Nacht. Verweigerte er seine Einwilligung, so waren die gräßlichsten Szenen zu gewärtigen, und die Schuldige war wie immer sie. Sie hatte Vorschub geleistet, hatte Ganna nicht in Zucht gehalten. Die Angst vor ihm, unter der sie seit Beginn ihrer Ehe litt, hatte nach und nach ihr Gemüt zerrüttet. Der auf ihr lastende Druck glich dem, den das Wasser auf ein versunkenes Schiff ausübt. Es ist eine Frage der Zeit, wann das Wrack in Stücke fallen wird. Die Aufmerksamen unter den Töchtern beobachteten seit langem wiederkehrende Zeichen seelischer Krankheit an ihr. Es war die Krankheit von vier Fünftel aller Frauen der bürgerlichen Gesellschaft, die Krankheit des leeren Betriebs, der hohlen Repräsentation, des automatischen Kindergebärens. An dem Tag, da Ganna ihrem Vater das Geständnis machte und unerklärlicherweise alles glimpflich ablief, atmete die alte Dame auf. »Ich dachte, er wird sie erschlagen«, sagte sie zu Irmgard und Traude; »ein Schriftsteller; ein Mensch, der nichts ist und nichts hat. Eigentlich verstehe ich Väterchen nicht.« Irmgard hat mir das später berichtet.

Wie es kam, daß der Professor die Mitteilung seiner Tochter Ganna gefaßt und unerzürnt aufnahm, kann ich mir selbst nicht erklären. Gut, er hatte mein Buch gelesen. Sicherlich hielt er mich nicht für ein so überflüssiges und hoffnungsloses Subjekt, wie es seine Gattin tat. Aber ein leutselig geduldeter Bücherschreiber und ein offizieller Schwiegersohn, das sind sehr verschiedene menschliche Positionen. Er hat mir später einmal unter schallendem Gelächter versichert, er habe Ganna kein Sterbenswort geglaubt; er sei fest überzeugt gewesen, das phantastische Geschöpf sei die Beute von Einbildungen, und habe zunächst abzuwarten beschlossen, ob ich mich melden würde. »Na, und du hast dich ja gemeldet«, rief er triumphierend und schlug mir auf die Schulter, daß mir alle Knochen weh taten. Es war ein wenig verräterisch. Ich sah daraus, wie glücklich er gewesen war, Ganna los zu sein. Die Schwestern aber konnten sich nicht lassen vor Verwunderung. Sie sagten: »Den Alexander Herzog hat sie herumgekriegt, den Vater hat sie herumgekriegt, da muß sie schön gehext haben, die gute Ganna.« Hexen hieß in der Sprache der Schwäne dasselbe, was ich als Gannas dunkle pythische Macht empfand.

Freier

Das Gespräch mit dem Professor habe ich mir damals in den Hauptpunkten in meinem Tagebuch notiert. »Sie wollen also meine Tochter heiraten?« begann er, als ich ihm gegenübersaß. – »Ich will es eigentlich nicht, Ganna will es«, sagte ich. Er schaute mich groß an. »Bon«, versetzte er nachgiebig, »sagen wir also, Sie sind im Prinzip nicht dagegen.« – »Nein, im Prinzip nicht.« – »So dürfen wir also die praktische Seite der Angelegenheit ins Auge fassen. Ich nehme an, Sie können eine Frau ernähren.« – »Diese Illusion muß ich Ihnen rauben, Herr Professor. Ich kann nicht einmal mich selbst ernähren.« – »Eine lobenswerte Aufrichtigkeit. Aber das dürfte doch nicht immer so bleiben.« – »Sie irren. Es wird sich voraussichtlich nicht ändern.« – »Wie das? Sie sind als Autor bekannt und geschätzt.« – »Trotzdem besitze ich nichts.« – »Aber wovon leben Sie?« – »Von Schulden.« – »Wie hoch sind die Schulden?« – »Ungefähr dreitausend Mark.« – »Das geht an. Sie sind noch jung. Eines Tages wird sich der äußere Erfolg einstellen.« – »Möglich, aber ich fürchte ihn.« – »Sie fürchten ihn?« – »Es wäre ein Zeichen, daß ich Konzessionen gemacht habe. An den Geschmack. An die Mode. Ich will keine Konzessionen machen.« – »Ein Standpunkt, den ich achte. Allein, wie stellen Sie sich dann die Ehe mit meiner Tochter vor?« – »Um ehrlich zu sein, Herr Professor, ich dürfte nicht daran denken, sie zu heiraten, wenn ich nicht wüßte, daß sie Vermögen besitzt.« – Der Professor lachte in seiner dröhnenden Weise. »Sie meinen, daß ich Vermögen besitze?« – »Ja, das meine ich.« – »Sie sind ein Mann, dem vor der Wahrheit nicht bange ist.« – »Das ist mein Beruf, Herr Professor. Ich mache mir nichts aus Geld. Ich mache mir nichts aus Wohlleben. Ich will Ganna zur Lebensgefährtin haben. Ich glaube, wir passen zueinander. Aber ich müßte auf sie verzichten, wenn von mir verlangt wird, daß ich im bürgerlichen Sinn Brotarbeit leiste. Ganna weiß, daß ich in dieser Beziehung frei sein muß. Ich bin auch nicht gekommen, Sie, wie man so sagt, um Gannas Hand zu bitten, obgleich es so aussieht. Ich wollte Ihnen offen meine Verhältnisse darlegen, weil Ganna davon durchdrungen ist, daß sie nur mit mir glücklich werden kann.« – »Schön; Ganna. Und Sie?« – »Ich habe Ganna sehr lieb. Ich erwarte das Höchste von ihr. Aber für mich ist die Ehe keine conditio sine qua non.« – »Ich verstehe. Aber Sie wollen mit alledem doch nicht sagen, daß Sie nicht irgendwann, in Jahren vielleicht, zu einem Ihrer Begabung entsprechenden Einkommen gelangen werden?« – »Ich halte es nicht für wahrscheinlich. Ausgeschlossen ist es nicht. Es gibt solche Zufälle. Nicht immer ist die Strenge der Haltung eines Schriftstellers von Einfluß darauf. Wir leben in einem barbarischen Zeitalter, Herr Professor.« – »So? Das ist mir neu. Ich dachte, wir lebten im Schoße einer glücklichen, einer wachsenden Zivilisation.« – »Ich fürchte, das ist eine Täuschung.« – Der Professor erhob sich. »Der Zinsenertrag des Kapitals, das ich meiner Tochter mitgebe, schützt euch beide vor Not. Das ist aber auch alles.« – »Mehr ist nicht erforderlich.« – Der Professor streckte mir die Hand entgegen und sagte mit Wärme: »Dann sind wir also gewissermaßen einig. Dann darf ich Sie also als Mitglied meiner Familie begrüßen.« Am selben Tage hatte er noch eine kurze Unterredung mit Ganna, nach der sie, vor Glückseligkeit lachend und weinend, sein Zimmer verließ.

Negerdorf

Jede Familie ist ein Saugapparat. Gierig saugt sie den Fremdling in sich auf, der ihr angehören soll und sich, durch Scheu gehemmt, dagegen sträubt. Als ich die fünf künftigen Schwägerinnen, die drei Schwäger, die verschiedenen Onkel und Tanten, die Enkelkinder, die Hausfreunde kennengelernt hatte, brauchte ich geraume Zeit, um sie alle voneinander zu unterscheiden und mit den richtigen Namen oder Titeln zu benennen. Es war wie in einem personenreichen Theaterstück, wo man anfangs immer den Zettel studieren muß, um nachzusehen, welcher Schauspieler auf der Bühne steht. Daß ich selber mitspielen sollte, vergaß ich. Schwer wurde mir die Zeremonie der allgemeinen Verbrüderung. Ich sah keinen zwingenden Grund, weshalb ich zu Leuten, die mir bis jetzt ganz unbekannt gewesen, plötzlich du sagen sollte. Die Selbstverständlichkeit, mit der man es erwartete und mir gegenüber übte, versetzte mich in das größte Erstaunen. Ich erfuhr eine Fülle neuartiger Sitten. Das meiste von dem, was ich tat oder sagte, war ein unbeabsichtigter Verstoß gegen diese Sitten. Sie sollten mir als etwas Geheiligtes erscheinen, aber in den ersten Tagen und Wochen kamen sie mir wie die Konventionen eines Negerdorfes vor, und manchmal war mir auch zumute wie einem Reisenden in einem Negerdorf. Das ganze Treiben schüchterte mich ein. Die Bankette, die Familientage, die gemeinsamen Unternehmungen, die Gespräche waren ebenso lärmend wie anstrengend. Aber allmählich verlor sich diese Empfindlichkeit. Man hält im allgemeinen den Vorgang der Anpassung für etwas Segensreiches, ich weiß aber nicht, ob er nicht in vielen Fällen auf einer Trübung der Sinne und einer Abstumpfung der Nerven beruht. Ich war eine ungeschliffene Person in ihren Augen, und sie machten sich mit Emsigkeit daran, mich zu schleifen. Bereitwillig und vielleicht sogar ein wenig geschmeichelt, nahmen sie mich in den sakralen Kreis der Verwandtschaft auf, zugleich hatten sie aber Angst vor meiner Fremdlingsnatur und brachten mich in einer Art unsichtbarem Käfig unter, dem Familienkäfig, wie ein exotisches Tier, das man gegen Eintrittsgeld zeigt, auch wenn es noch so zahm ist und nicht daran denkt, auszubrechen.

Das sind posthume Betrachtungen, und ich könnte deren noch mehr hinzufügen, wenn ich nicht fürchtete, daß die Härte meines heutigen Urteils in allzuschroffem Gegensatz steht zu meinem damaligen Verhalten und Gefühl. Denn alsbald war ich ganz und gar der ihre, gehörte ganz und gar dazu. In meiner Neulingsnaivität ließ ich mich umstricken und mit ihren Interessen füllen, in ihre Beziehungen flechten, mir den Geschmack an ihren Vergnügungen beibringen und glaubte allen Ernstes, das Negerdorf, in dem sie sich geschäftig tummelten, sei die große Welt. Ich war begeistert von ihnen. Der Luxus, an dem ich teilnehmen durfte, umnebelte meinen Blick. Jedes der prunkvollen Häuser, in denen ich präsentiert wurde, erschien mir wie ein Abbild des kaiserlichen Hofes. In jedem Bankdirektor erblickte ich einen Mann von allmächtigen Befugnissen. Die Öde ihrer Gesellschaften entging mir; in ihren Gesichtern die geistlose Spannung von Menschen, die mit einem Strohhalm zwischen den Lippen Seifenblasen machen und sich eifervoll überbieten, wer die größte und schillerndste verfertigen kann, entging mir. Daß sie die Werte nicht unterschieden; daß alles Tun eine Richtung ins Folgenlose hatte; daß sie äußerlich zusammenhielten wie die Kletten und im Innern kein Gefüge war: ich sah es nicht, und wenn ich es sah, ließ ich mich einlullen wie ein Schläfriger von einer Schmeichelmusik. Ich begriff noch nicht das Gesetz des Krals, die unheimliche Macht des Krals, obwohl er mich bereits mit seinen Fangarmen umschlungen hatte. In allen Familien war es das gleiche: Schwestern, Brüder, die Angeheirateten und deren gesamter Anhang, die Neffen und Nichten, die sich Jahr für Jahr vermehrten, sie alle zählten zum Kral, ihr Wohl und Wehe war des Krals Wohl und Wehe, die Welt außerhalb war etwas Feindliches, Beargwöhntes und eigentlich Unbekanntes. Was faszinierte mich denn daran so? Wenn man einem wilden Präriepferd den Lasso um den Hals wirft, beginnt es zu zittern und rührt sich nicht mehr vom Fleck. Aber war das wirklich meine Situation? Nicht vielmehr die eines Überläufers, eines Abtrünnigen? Ich gab mir nur keine Rechenschaft darüber. Ich kann aufrichtig sagen, ich wußte es nicht. Freilich, ganz sicher war ich meiner selbst nie. Diese heimliche Unsicherheit wird wohl der Grund gewesen sein, weshalb ich Freund Riemann bei Mewis einführte. Der Vorwand bot sich leicht, ich hatte Ganna, ihren Schwestern und einem der Schwäger, den ich besonders schätzte, versprochen, einige Kapitel aus meinem neuen Buch vorzulesen. Dies geschah auch, und mich dünkte, daß ich mich über Mangel an Verständnis nicht beklagen konnte. Oder war es nur Gannas leidenschaftliches Entzücken, das mich über die Wirkung auf die andern täuschte? Nahmen sie es nicht ein bißchen auf wie Erwachsene, die den bewegten, aber unzweifelhaft erfundenen und deshalb belächelnswerten Erzählungen eines indianerspielenden Knaben zuhören? Oder wie Leute, denen eine magische Laterne die Bilder kleiner Spielfiguren auftanzen läßt, Engelchen und Teufelchen? Allerdings, in eine Seele, die abgewendet gewesen war, fiel der Same und ging auf: in die Irmgards. Aber das erfuhr ich erst nach Jahren.

Das Zerflossene

Mit Ganna hatte sich indes eine wunderbare Veränderung ereignet. Keine Aufsässigkeit mehr, keine Szenen, nichts mehr von Sargnagel. Eine fügsame Tochter, eine liebevolle Schwester. Wenn der Vater am Abend nach Hause kam, stürzte sie in sein Schlafzimmer, holte die pelzgefütterten Schuhe, kniete nieder und schnürte die Bänder seiner Stiefel auf. Den Vormittag über stand sie in der Küche, diesem vordem gemiedenen Ort, Schauplatz des Ungeistes, und bestrebte sich zu ergründen, was man mit Mehl, Öl, grünen Blättern, Zucker und Gewürz alles zaubern kann. Es war nicht interessant, sie würde es bestimmt niemals lernen, nicht wie man ein Ei kocht, würde sie lernen, aber man mußte es tun, es war der Brauch, die Eingeweihten behaupteten, es gehöre zu einer guten Ehe. Unter dem Einfluß der Zeitliteratur und als gläubige Jüngerin Nietzsches und Stirners hatte sie die Familie und alle Familientraditionen aufs tiefste verachtet. Nun aber vergoldete das Glück, das sie wie eine Sonne im Busen trug, den Geringsten im Hause, den letzten Dienenden. Sogar die alte Kümmelmann, mit der sie in Feindschaft gelebt, seit sie denken konnte, erfreute sich der besorgtesten Rücksicht von ihr. »Was hast du aus unserer Ganna gemacht?« fragten mich die Schwestern und die Mutter. »Sie ist nicht wiederzuerkennen.« Wenn man mir erzählte, wie händelsüchtig, wie unbotmäßig sie immer gewesen, was für tolle Streiche sie angestellt, machte ich ein ungläubiges Gesicht, denn ich wußte ja von keiner anderen Ganna als von der, die ich sah, einer sanften, verträumten, lächelnden, zarten und zärtlichen Verlobten.

Sonderbar berührte mich nur eines. Wie konnte es geschehen, daß ihr Gehirn, bis jetzt erfüllt von Versen, großen Namen und idealem Ehrgeiz, plötzlich zum Register von zwanzig bis dreißig Geburtstagen, Sterbetagen, Ehrentagen und Familienjubiläen wurde? Daß sie von heute auf morgen eine weichherzige Pietät gegen die entlegensten Anverwandten in sich entdeckte und jeder verschollenen Kusine, jedem Vatersvetter, jeder Schwagersmutter einen Besuch abstattete? Die Schwäne sagten: Sie will ihr Glück spazieren tragen, sie will mit ihrem Alexander Herzog renommieren. Eine boshafte Auslegung. Vielleicht war es eine Wiedergutmachungsaktion. Sie hatte so lange als frecher Racker und enfant terrible gegolten, daß es sie jetzt drängte, für ein gutes Gedenken zu sorgen.

Ich weiß nicht, warum mich dieser neue Zug an ihr beunruhigte. Ich sah etwas Krampfhaftes darin, etwas Hektisches, eine ungesunde Mischung von Politik und Sentimentalität. Es fiel mir auf die Nerven. Aber ich hatte nicht den Mut, es ihr zu sagen. Wenn sie merkte, daß mir etwas an ihr nicht recht war, geriet sie gleich in die größte Verzweiflung und fragte mich so lange aus, bis ich vorzog, alles abzuleugnen, nur, um nicht ihre unglücklichen Augen sehen zu müssen. Bei einem bestimmten Anlaß konnte ich mich aber doch nicht enthalten, ihr meinen Verdruß zu zeigen. Da wohnte in einer Winkelgasse der inneren Stadt ein greises Ehepaar namens Schlemm, das auf schwer feststellbare Weise mit einem abgestorbenen Zweig der westfälischen Lottelotts zusammenhing; denn es gab auch kölnische Lottelotts. Diese Schlemms waren unsagbar langweilige Personen; er schwerhörig und schwachsinnig, sie geschwätzig wie eine Henne. Ganna machte ihnen den Hof, redete ihnen nach dem Mund, streichelte ihnen die runzligen Hände, sagte Onkelchen und Tantchen, schwärmte von ihrer weisen Abgeklärtheit und ihren herrlichen Charakterköpfen. Eines Tages ließ ich mich bereden, mit ihr zu Schlemms zu gehen. Sie sagte, die lieben Alten hätten nur den einzigen Wunsch, mich vor ihrem Tode einmal zu sehen. Das hatte sie sich so ausgedacht. Nun, ich ging mit ihr hin, was verschlug's. Es war wie in einem Marionettentheater, wo die Puppen das alleridiotischste Zeug reden. Die halbe Stunde nahm kein Ende. Geradezu qualvoll war mir aber Gannas gerührte Zerflossenheit. Ich begriff sie einfach nicht. Wo war das Motiv, wo der Sinn? Zwei seelenlose, alberne Gerippe, und dieser Aufwand an Gefühl? »Sie tun mir so leid«, entschuldigte sie sich nachher, als ich meinen Ärger nicht bezähmen konnte, »Onkelchen hat immerfort Leberschmerzen, und Tantchen pflegt ihn schon seit dreiundvierzig Jahren.« Sie sah mich mit einem schmelzend-bittenden Blick ihrer großen, blauen Augen an, und mir wurde ein wenig bang, ich wußte nicht recht wovor.

Der Ehevertrag

Zwischen Weihnachten und Silvester, einige Tage vor Anbruch des Jahres 1901, und damit des zwanzigsten Jahrhunderts, wurde ich vom Anwalt der Familie Mewis zu einer benannten Stunde in dessen Kanzlei gebeten. Als ich hinkam, war der Professor bereits da, der Advokat, ein forschtuender Herr mit einem Feldwebelgesicht, begrüßte mich nicht ohne Feierlichkeit, und auf einem lederbezogenen Kanapee, wo er sich einen Platz aus Akten und juristischen Zeitschriften ausgegraben hatte, saß, eine Virginiazigarre im Mundwinkel, der Notar. Dieser überreichte mir ein kalligraphisch vollendet ausgeführtes Dokument, damals waren Schreibmaschinen in den Kanzleien noch nicht im Gebrauch, und dieses Schriftstück hatte ich durchzulesen. Ich gab mir Mühe, es zu tun. Die Höhe der Mitgift war ziffernmäßig bezeichnet; die vermögensrechtlichen und eherechtlichen Bestimmungen waren in einem vollkommen unverständlichen Deutsch abgefaßt. Es stand auch etwas da von einer Widerlage im Fall der Ehetrennung. Was das Wort zu bedeuten hatte, wußte ich nicht. Da ich nicht fragte, fand sich niemand bemüßigt, mich aufzuklären. Es langweilte mich. Ich unterschrieb. Ich dachte: Der Professor ist ein Ehrenmann, weshalb sollte ich nicht unterschreiben? Es erschien mir nicht anständig zu fragen. Fünfundzwanzig Jahre später erfuhr ich, was ich unterschrieben hatte. Ein Vierteljahrhundert verstrich, bevor mir ein Licht darüber aufging, daß man mich hineingelegt hatte. Im Geist der Familie natürlich und durchaus loyal. Ich hätte ja fragen können. Ich hätte ja auch meinerseits zu einem Anwalt gehen können. Aber dergleichen kam mir gar nicht in den Sinn. Es war das erstemal, daß ich mit einem Notar zu tun hatte. Ein Notar, dachte ich, das ist das Gesetz in Person, da kann einem nichts geschehen. Dafür mußte ich büßen.

Riemann

Mit unbehaglicher Verwunderung hatte ich wahrgenommen, daß die Freunde, mit denen ich bis jetzt verkehrt, sich von mir zurückgezogen, auch Fürst und Muschilow gebrauchten allerlei Ausflüchte, wenn ich ihnen ein Beisammensein vorschlug. Ich ahnte natürlich den Grund; sie billigten meine Heirat nicht, allerlei Klatsch und Gerede über Ganna war unter ihnen im Gang, einer schrieb mir sogar einen empörten Brief, worin er mir, fast wie Fedora, die Freundschaft kündigte und die impertinente Bemerkung machte, daß ich im Begriff sei, mich wegzuwerfen. Ich schmiß den Brief ins Feuer. Schmerzlicher berührte es mich, daß Eduard Riemann mich seit einiger Zeit mied, ich wollte eine Aussprache herbeiführen, und da ich wußte, daß er allabendlich im Schachklub war, zu dessen Mitgliedern ich gehörte, ging ich eines Nachts hin, es war schon reichlich spät, bat ihn in ein Zimmer, wo wir allein waren, und stellte ihn klipp und klar zur Rede. »Ich weiß, was Sie gegen mich haben«, begann ich heftig, »die gute Fedora hat Sie aufgehetzt. Ich verstehe nichts, nichts, nichts. Es ist eine Verschwörung. Wodurch hat sich Ganna eure Ungnade zugezogen? Genügt es nicht, daß ich sie liebe? Hätte ich erst euern Konsens erbitten sollen?« – »Die Frage stellt sich nicht so, mein lieber Alexander«, erwiderte er mit seiner komisch nasalen Stimme, »so liegen die Dinge nicht. Sie haben ein paar Dutzend Freunde, hier und anderswo, die Ihren Weg mit ganz bestimmten Erwartungen verfolgen. Sehr hohen Erwartungen. Denen ist der Gedanke, daß Sie sich verkaufen, verzeihen Sie, daß ich es so unverblümt heraussage, schwer erträglich.« – »Verkaufen? Riemann! Das kann doch nicht Ihr Ernst sein. Verkaufen! Bedenken Sie doch, was Sie reden!« – »Was sollen wir uns aber vorstellen? Wir finden nicht, daß Ganna Mewis die Frau ist, die zu Ihnen paßt.« – »Warum nicht?« – »Das läßt sich allerdings nicht erklären. Wir fürchten für Sie. Sie kommen in eine falsche Bahn. Sie kommen in ein falsches Milieu. Wir fürchten, daß Sie gegen Ihre Überzeugung handeln.« – »Es gibt keinen Preis der Welt, Riemann, für den ich mich, wie Sie es nennen, verkaufen würde. Kennen Sie mich nicht? Muß das erst beteuert werden?« – »Direkt würden Sie es gewiß nicht tun.« – »Wie denn indirekt?« – »Die Formen sind oft sehr verschleiert, die Möglichkeiten der Selbsttäuschung unbegrenzt.« – »Ich habe mich redlich und lange geprüft.« – »Glaub' ich Ihnen ohne weiteres. Trotzdem: Machen Sie es ungeschehen. Fahren Sie auf und davon. Jetzt. Sofort. Fahren Sie nach Indien, nach Kapstadt, wohin Sie wollen, und wenn Sie die Mittel nicht haben, ich stelle Ihnen jede Summe zur Verfügung. Ich übernehme auch die Lösung der Angelegenheit.« – »Aber Mensch! Um Gottes willen! Was für ein Unsinn! Dazu ist es auf alle Fälle zu spät.« – »Bestreite ich.« – »Ich ... ich kann aber ohne Ganna nicht leben.« – »Das ist etwas anderes, aber ich glaube es nicht.« – »Was soll das alles, Riemann? Ich bin ja nicht angeschmiedet. Geht die Sache schief, kann ich immer noch Schluß machen.« – Riemann betrachtete mich mit seltsamer, wohlwollender Ironie. »Sie werden niemals ein Menschenkenner sein, Alexander«, sagte er, »meinen Sie wirklich, daß es da ein Loskommen gibt?« – Ich war bestürzt; ich wollte zornig aufbrausen, aber er fuhr gelassen fort: »Und noch etwas, mein Bester. Haben Sie sich einmal die Mutter genau angesehen? Die Frau ist psychisch schwer irritiert. Und da drücke ich mich noch schonend aus. Eine solche Erbbelastung ... Gewiß, es sind viele Kinder ... Aber Ganna ist von der absteigenden Linie. Ihr seelisches Gleichgewicht ... Ich weiß nicht ... wenn man Augen dafür hat ...« – Die Andeutung war mir peinlich. Ich schob das Argument von mir weg. Leider habe ich das bei unbequemen Argumenten stets getan. »Darüber will ich nicht nachdenken«, erklärte ich, »das führt zu weit, das hieße, Gott ins Handwerk pfuschen.« – »Das können wir ohnehin nicht lassen, lieber Freund, das ist seine Manier, uns in Bewegung zu bringen.«

In dieser Nacht ging ich nicht mehr zu Bett. Erst lief ich durch Wind und Schnee ziellos durch die Gassen, dann saß ich bis zum Morgengrauen in einer Vorstadtkneipe, wo Fuhrleute und Marktweiber verkehrten.

Geschenke

Ich stand mit Ganna vor den aneinandergeschobenen Tischen, auf denen die Hochzeitsgeschenke zur Schau gestellt waren. Da gab es grellbunte Sofakissen mit sezessionistischen Mustern, abenteuerlich geformte Lampenschirme, verdrehte Bronzefiguren, metallene Frösche und Hunde als Kerzenhalter, Stephansturm und Mediceergrab als Briefbeschwerer, Nymphen mit Löchern im Kopf als Parfümflaschen, venetianische Gondeln als Schreibtischgarnituren, Fotografierahmen mit goldenen Tannenzapfen. Daneben auch Nützliches, Praktisches, Bücher, Tafelsilber, Porzellan, Anweisungen auf Wäsche und Mobiliar. Wir wollten uns ja nicht häuslich niederlassen, sondern zunächst ein Jahr lang auf Reisen gehen. Ich war sehr erbaut von den Geschenken. Noch nie hatte ich über ein solches Warenlager von Habe verfügt, von richtiger Habe. Alles erschien mir schön, alles erschien mir gut. Freilich hatte ich nicht die Empfindung von Wirklichkeit. Was war mir denn wirklich? Nicht einmal mein Hemd, nicht einmal meine Schreibfeder. Die beständige schweigende Übereinkunft mit jenen, die das bloß Scheinende als Wahres nahmen, war ungeheuer anstrengend. Nicht nur das. Es kam mir bisweilen vor, als mordete es etwas in mir. Ich wußte nicht, was es war, aber bestimmt mordete es etwas. Folgerichtigerweise konnten sie ja nicht anders, als das Wahre für Schein nehmen, es war ihre Natur. Hier, am Auslagentisch der Geschenke, quälte mich hinter all der törichten Sachfreude zum erstenmal die Furcht, auch Ganna könnte an den fortgesetzten kleinen Mordversuchen beteiligt sein, sie, die ich führen, die ich in mein Leben aufnehmen sollte. Denn was bedeutete das Leuchten in ihren Augen, was bedeutete der Jubel? Gewiß, sie lebt mit zerteiltem Bewußtsein, halb unter den Menschen, halb unter den Sternen. Eine Prinzessin, die Hochzeit macht. Ein Märchenwesen, das in unbekannte Glückseligkeitsregionen entschwebt ist. Sie erkennt niemand mehr. Sie verwechselt Gegenstände mit Gesichtern und umgekehrt. Wenn man frühmorgens mit dem Gefühl erwacht, man ist eine Rose oder eine besonnte Wolke, kann man nicht in der gewohnten Sprache mit den Menschen verkehren, man stammelt, man redet ein wenig irre. Falsche Gotik, falsches Barock, falsche Renaissance: was kümmerte einen das? Es waren Liebeszeichen, Siegeszeichen.

»Schau her«, sagte sie andächtig, »das ist von Tante Jettchen, und das von Onkel Adalbert, und das von der Hofrätin Pfeifer, wie lieb, daß sie daran gedacht hat!« Und Gannas Entzücken teilte sich mir mit, als hätte sie mir einen Zaubertrank eingegeben.

Die Hochzeit

Und der blieb auch am Tag der Hochzeit wirksam, einem schneedurchwirbelten Januartag. Meine Erinnerung, laßt mich nachdenken, ruft mir stundenlangen, unbeschreiblichen Lärm zurück. Kreischende Frauenstimmen, mißtönige Männerstimmen, Tellergeklirr, Stühlerücken, Pfropfenknallen, Bratengerüche, süßen und sauren Geschmack auf der Zunge, unabläßliches Auf und Zu von Türen und Kommen und Gehen, phrasenhafte Telegramme, Hände, die man drücken mußte, trockene und feuchte, fleischige und dürre, warme und kalte, rauhe und glatte, bewegliche und starre. Eine Trauungszeremonie, demütigend und verletzend, weil hohle Formeln sich anmaßten, die sittliche Freiheit zu beschränken, wie wenn man einem Sträfling die Gefängnisordnung vorliest. Das Bild einer Ganna ferner, die, weiß angetan, schlafwandlerisch über dem Erdboden zu schweben schien und mit dem eigentümlich schamhaft wissenden Lächeln der konventionellen Bräute an der Tafel saß. Das Bild der Mutter auch, wie sie den Arm um meine Schulter legte, mich in eine Fensternische und auf eine dort befindliche Bank zog und, umtobt vom Getriebe, mit schreckhaft abirrenden Augen und unheimlichem Lachen krause, unerwartete Dinge sagte, Gespenst in einer Festversammlung, von niemand gehört und wahrgenommen außer von mir. Es war ein beharrender, weiterbohrender Eindruck.

Dann Tischrede auf Tischrede. Reden der Schwäger, die mit Bildung und Gelesenem prunkten; der Hausfreunde, die sich darauf vorbereitet hatten, witzig zu sein; eines Kollegen des Professors, von der philosophischen Fakultät, der wie bei einer Denkmalenthüllung mit Donnerstimme Gannas Tugenden pries; eines Feldzeugmeisters schließlich, leibhaftigen Generals, noch nie war ich mit einem General bei Tisch gesessen, der den »begabten und sympathischen jungen Gatten« hochleben ließ und den Wunsch ausdrückte, er möge »fürderhin wie bisher auf der Bahn der Wissenschaft und Kunst fortschreiten«. Alles zusammen, überleg' ich's heute, war wie der konzentrierte Abriß einer Sittengeschichte der Zeit. Leben des reichen Bürgers als Nachmittagsvorstellung unter Begleitung eines leicht angesäuselten Orchesters von vier Mann. Ich fühlte mich aber durchaus nicht als unbeteiligter Zuschauer. Ich war im Spiel, ich wirkte tätig und ergriffen mit. Als zuletzt die sechs Töchter und die eingesessenen Schwiegersöhne nebst einem halben Dutzend eigens zu dem Zweck herbeigeholter Enkelkinder am Stuhl des Professors vorüberdefilierten, um ihn nach seiner markigen Schlußansprache auf die Stirn zu küssen; als er sich dann erhob, ragend in ihrer Mitte, königlicher Patriarch und unumschränkter Herr des Krals, so daß man im Geist die Geschlechterreihe bis ins nächste Jahrtausend fortgesetzt sah, zu welcher Zeit seine Person schon Sage und Symbol sein würde; und als Ganna, überwältigt von der Größe des historischen Augenblicks, ihm an die Brust sank und schluchzend für alles dankte, was er ihr gegeben, da war ich selber hingerissen und blickte zu dem rotbärtigen Stammvater empor wie zu meinem Schirmherrn.

Sodann hastiges Verschwinden, Aufatmen in frischer Winterluft, Fahrt zum Bahnhof in einem rumpelnden Wagen, allein mit Ganna, die jetzt Ganna Herzog hieß.

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