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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Wieten Penn rief laut über den Hof: »Die Kinder wollen schon wieder zu Thieß Thiessen.«

Klaus Uhl, der im Wagen saß, um in die Stadt zu fahren, wie er jeden Nachmittag that, lachte und sagte: »Laß sie laufen, wohin sie wollen! Wenn sie lieber im mageren Moor hausen als in der fetten Marsch, dann halt sie nicht auf, Wieten.«

»Ihr könnt doch wenigstens so lange warten, bis ich Brot für euch zurechtgemacht habe.«

Sie traten von einem Fuß auf den anderen, so ungeduldig waren sie. Nun kam Wieten mit dem Brot.

»Fiete!« sagte sie, »komm 'mal her!« Er trat an sie heran, und sie hob die geballte Hand und sagte leiser: »Du nimmst dich in acht und lügst den Kindern nichts vor!« Dann steckte sie Jörn das Brot in die Tasche. »Du bist der vernünftigste, Jörn. Wenn ihr ankommt, sagst du gleich zu Thieß, daß er nicht so viel Dummheiten mit euch macht und euch zur rechten Zeit wieder auf den Heimweg schickt.«

»So!« sagte Fiete. »Nun geht es endlich los!« Er steckte zwei Finger in den Mund und that einen gellenden Pfiff zu den beiden Mädchen hin, die schon nach Ringelshörn 60 zu hinaufgingen. Und die eine von den beiden Mädchen sah sich um und winkte, und das war Elsbe Uhl. Aber die andere kletterte ruhig weiter und achtete darauf, daß ihr Kleid nicht schmutzig wurde, und das war Lisbeth Junker.

Sie ging mit den anderen Kindern in die Schule; sie hielt sich aber etwas gesondert und sprach hochdeutsch. Es war Fiete Krey nicht recht, daß sie mitging. »Sie ist zu sipp,« sagte er. »Wenn ich 'mal ein grobes Wort sage, dann piept sie gleich: ›O, Fiete, was sagst du da?‹ Sie ist immer bange, daß ihre Hände schmutzig werden oder ihr Haar sich vertesselt.«

Aber Jörn hatte sie gern und wollte, daß sie mitginge. Sie war etwas jünger als Elsbe und war immer gleich in Not. Dann bat sie ihn mit hoher, feiner Stimme um Hilfe: »Jörn, willst du mir helfen?« Und das war wohl der Hauptgrund, daß er sie gern hatte.

»So,« sagte Elsbe, als die Jungen oben auf der Heide angekommen waren, »nun man zu! Wohin nun, Fiete?«

»Immer der Nase nach!« sagte Fiete Krey. »Wir wollen auf den Baum da zugehen.« Und er deutete auf einen Baum ganz fern am Horizont.

Unbegreiflich ist ihnen, und es ist Fiete Kreys großer Ruhm, daß sie immer, obgleich sie so ins Geratewohl hineingehen, erst über die weglose Heide, dann durch den Wald, wo sie ihn gerade treffen, doch immer bei Tieß Thiessen ankommen, der irgendwo hinter dem Walde im Moore wohnt.

Daß sie nicht zu Menschenfressern kommen! Oder in die Raubhöhlen geraten, die es noch immer im nördlichen Teile des Waldes giebt! . . . Fiete Krey ist auf seinen Handelswegen zweimal auf eine solche Höhle gestoßen, und einmal hatte denn ja richtig die schwarze Margret davor gestanden. Sie hatte ihn gesehen und hatte das Zeichen 61 gemacht, das ihn an die Stelle festbannen sollte, wo er stand. Aber er hatte glücklicherweise das Zauberwort gekannt, das ihn von ihrer Macht befreite. »Dreimal muß man es sagen,« sagte er, und er sagte es dreimal. Es war ein sehr grober Ausdruck.

»O, Fiete!« rief Lisbeth. »Was sagst du da?«

Fiete machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. »Das wilde Weib wurde wütend und warf nach mir. Kommt 'mal mit! Da hinüber! Ich will euch die Steine zeigen, die liegen da noch.«

Aber Lisbeth wollte nicht mit.

»Ihr könnt ruhig mitkommen,« sagte Fiete Krey.

Mit großen Augen gingen sie hinter ihm her; Lisbeth am weitesten zurück.

»Ich gehe nicht weiter,« sagte sie.

Jörn kehrte sich nach ihr um und zog sie an der Hand mit. »Wie ein Vogel piepst du, Heintüüt.«

»Ich mag dich gar nicht mehr leiden,« sagte sie, »ich will wieder umkehren.«

»Wir kommen gleich wieder,« sagte er, »bleibe hier stehen.«

Sie setzte sich auf den niedrigen Wall, und die anderen gingen hinüber und fanden richtig, in Heidekraut halb versteckt, den Haufen Steine, den Sonne, Wind und Regen gebleicht hatten.

»Junge!« sagte Jörn. »Die muß aber eine ordentliche Faust gehabt haben, wenn sie die Steine hat werfen können.«

»Wie eine gute Schlachtermulde!« sagte Fiete Krey nachlässig.

Da kommt von ungefähr ein Windstoß vom Walde her. »Rasch!« ruft er, und sie stieben durch die Heide davon 62 und kommen atemlos an den Wall, auf dem Lisbeth Junker ängstlich steht, bereit, davonzulaufen. Da lachen sie über Lisbeth und legen sich alle an den Wall.

»Was war es doch mit der alten Margret?« fragte Elsbe.

»Ja,« sagte Fiete, »es sind schon ein paar Jahre her, da war ich 'mal mit Bürsten und Zeugkneifern nach Kuden und Bokholt gefahren, und es wurde Abend, ehe ich zurückkam. Da ging ich ganz leise an den Tannen entlang. Hindurch wollte ich nicht; denn es war da zwischen den Stämmen alles schwarz; und es ging zwischen den Stämmen so hin und her, so lang und dünn wie Windelbäume, und so langsam als der Pastor zum Altar geht. So kam ich an die große Sandkuhle, wißt ihr, nicht weit von Großenrade, dort, wo der Pastor steht.«

»Was ist das?« fragte Elsbe. »Welcher Pastor?«

»Na . . . Wollt ihr das erst hören? Denn kann ich das andere nachher 'mal erzählen . . . Also: der Pastor von Kuden soll einem Kranken in Großenrade das Abendmahl geben. Als er nun bis an die Sandkuhle gekommen ist, da sieht er sich 'mal so um. Man kann da ja weit sehen, bis nach Hamburg. Ja, einmal, als helles Wetter war, konnte ich sehen, was auf dem Kirchturm von Hamburg die Uhr war. Also der Pastor sieht sich 'mal um und, was meint ihr, was sieht er? Sein Haus brennt! In vollen Flammen! Nun hat er aber Bücher in seinem Hause, die kann man sonst in der ganzen Welt nicht kaufen. Es giebt nämlich Bücher, in denen die geheime Kunst steht, durch die man furchtbar klug und reich werden kann. Solche Bücher hatte der Pastor. Da stand er nun. Sollte er umkehren und die Bücher retten, oder sollte er dem Kranken das Abendmahl geben? Na gut. Er hält zu viel von seinen Büchern, kehrt 63 um und rettet sie, und der Kranke stirbt ohne Abendmahl. Von der Zeit an kann der Pastor nicht mehr einschlafen und muß also bald nachher sterben, und kommt in die Hölle. Aber der Teufel will ihn da nicht haben und stellt ihn in die große Sandkuhle.

»Na, da also kam ich nun dicht heran. Bange war mir schon. Erst schrie eine Krähe, die saß auf einer Tanne und schrie: Marks, Marks! Aber ich merkte nichts. Dann schrie eine Eule, die saß auf einer Birke. Weißt du, eine von den kleinen, die schrie hoch und laut: Hüt! Hüt! Aber ich dachte: ›Vorbei mußt du.‹ Dann schrie eine Katze, die saß auf einem Heckpfahl und sagte: Au! Au! Aber ich dachte: ›Laß kommen, was will.‹ Da stand richtig der Pastor oben an der Sandkuhle. Er trat von einem Bein aufs andere; und wenn er auf das linke Bein trat, sah er nach Kuden, und wenn er auf das rechte trat, sah er nach Rade.«

Fiete Krey sah von einem zum anderen.

»Nun wolltest du von der alten Frau erzählen?«

»Das erzähl' ich ein ander Mal,« sagte er. »Wir müssen nun wahrhaftig weiter, sonst kommen wir zu spät nach dem Heeshof. Wo wollen wir nun in den Wald hinein? Hindurch müssen wir! Aber wo?«

Ja, nun war es wieder wie immer. Wenn sie in den Wald hinein mußten, hatte er sie glücklich so weit gebracht, daß die Mädchen in großer Angst hineingingen und selbst Jörn unsicher war. Dicht aneinander gedrängt, gingen sie hindurch. Fiete Krey sah mit spähenden Augen nach links und rechts in das Dunkel, als erwartete er jeden Augenblick das Hervorbrechen toller Geister. Elsbe hatte seine Hand angefaßt und sah ängstlich zu ihm auf. Lisbeth Junker ging so dicht hinterdrein und sah sich so eifrig nach allen Seiten um, daß sie den Vorangehenden auf die Hacken 64 trat. Jörn ging als der Letzte. Er hatte Neigung, Fiete Kreys Geschichten für unwahr zu halten oder doch für übertrieben. Er wagte das aber nicht zu sagen, da er der Erfahrung und dem Wortreichtum Fiete Kreys lange nicht gewachsen war. Aber er wollte doch seine Verachtung zeigen, darum sagte er zu Lisbeth: »Geh voran! Ich will als der Letzte gehen.« Aber oft sah er sich plötzlich um, weil er deutlich Schritte hinter sich hörte.

Endlich schien die Helle des freien Feldes vor ihnen durch die Stämme. »Nun lauft!« sagte Fiete. Und so rasch sie konnten, liefen sie zwischen den Stämmen durch, erreichten den freien Weg, sahen den Heeshof unten im Moore liegen und schrieen und riefen und winkten mit Mützen und Taschentüchern.

Ein Erdwall läuft in Windungen wie eine mächtig lange Schlange zwischen den Feldstücken ins Moor hinab. Es ist schlecht auf ihm zu gehen: Heide, Ginster und Brombeergestrüpp rankt sich dicht über ihn. Aber gerade darum gehen sie oben auf ihm entlang, ins Moor hinunter. Zuletzt, als es gar zu schwierig wird, springen sie mit einem waghalsigen Satze vom Wall ins Gestrüpp hinab, Lisbeth Junker mit Jörns Hilfe, und gehen auf die Torfhaufen zu, die neben den breiten, schwarzen Gräben liegen.

Und da liegt Thieß Thiessen im Schatten eines Torfhaufens im Grase, die Mütze aufs Gesicht gelegt, das Gewehr neben sich.

Sie schleichen auf den Fußspitzen herbei und stehen rund um ihn.

»Er hat uns entgegengehen wollen,« sagte Elsbe leise. »Da hat er sich erst 'mal hingelegt und ist eingeschlafen. Er ist ein Siebenschläfer und macht alles verkehrt.«

65 »Wir müssen mit einem Male alle laut aufschreien,« sagt Jörn, »dann bekommt er einen tüchtigen Schreck. Paßt auf!«

»Hollo . . . oh.«

Wie ein Hase aus seinem Lager springt, nein, steil, geradeaus, ohne Kniebeuge, wie ein Pfahl: so fliegt Thieß Thiessen aus der Erde heraus.

»Was?« schreit er.

»Thieß!« schreit Elsbe, »mach' ein anderes Gesicht. Dies geht nicht länger.«

Da nimmt er das Gewehr auf und findet auch die Sprache wieder: »Ich wollte euch entgegengehen; aber dieser Platz schrie mich förmlich an: ›Thieß!‹ sagte er, ›sie kommen noch nicht! Lege dich noch eine Weile hierher.‹« Sein trockenes, kluges Webergesicht strahlt, und seine kleinen, blanken Augen funkeln und flimmern. »Mensch, Fiete, es ist zu nett, daß ihr da seid.«

»Ist das Boot fertig, Thieß?«

»Fix und fertig,« sagte er, »und ein feines Boot . . . Ich wollte ja eigentlich Seemann werden, Kinder! Aber ich wurde schon seekrank, wenn ich auf dem Deich stand und die Elbe sah. Da ging ich zu dem Schiffszimmermann Klausen in Brunsbüttel in die Lehre, und es wäre alles gut gegangen und ich hätte jetzt eine große Werft und wäre ein reicher Mann, wenn die verdammte Schlafsucht nicht gewesen wäre. Lache nicht, Fiete, du bist zu dumm dazu. Ich verstehe das ganz gut, was da in der Geschichte von Dornröschen erzählt wird, daß sie alle miteinander hundert Jahre lang geschlafen haben: ich kann ein Lied darüber singen. Dazu kam, daß ich in den Jahren nicht allmählich, sondern schier gewaltsam in die Höhe schoß, wie ein Windelbaum, lang und schmal, ohne Aufenthalt und ohne Taille, bloß um möglichst bald an die Decke zu kommen. So lange 66 wir den Kiel streckten, ging es noch; da hielt ich mich leidlich munter. Aber sobald die erste Planke saß! Es war, als wenn die Planke sich bog, Fiete, als wenn sie sich für mich zurechtlegte und zu mir sagte: ›Leg' dich hin, Thieß Thiessen!‹ Genug, es ging nicht! In den Jahren ging es nicht. Ich habe noch das Zeugnis im Hause, Kinder, das Klausen mir mitgab. ›Wegen krankhafter Schlafsucht u. s. w.‹ Ehe ich dies alte Strohdach erreichte, schlief ich drüben im Heesewald dreizehn Stunden unter den Brombeeren.

»Nachher dachte ich, ich wollte die Lateinschule besuchen; denn ich wollte durchaus in die Fremde. Ich dachte: Einem Gelehrten steht die ganze Welt offen; kommst du auf die Schule, lernst du Latein: das ist so viel, wie schwimmen lernen. Also hin! Na, nicht gleich hin! Sondern erst in die Privatstunde bei Pastor Friedel. Das ging ganz gut; denn er kannte meine Natur und legte die Stunden so zwischen sechs und acht morgens und vier und sechs abends, wo ich am muntersten war. Ich lernte wirklich was: ihr wißt es. Ich kann noch manches lateinische Wort sagen.«

»Adsum!« sagte Fiete Krey, »das bin ich.«

»Du brauchst dich gar nicht darüber aufzuhalten, Fiete. Willst du sagen, daß dies mein einziges lateinisches Wort ist? . . . Aber nachher, auf der Schule! Ihr habt den alten Professor Chalybäus nicht gekannt. Chalybäus heißt eisern, Fiete. Siehst du? Der hat manch liebes Mal zu uns gesagt: ›Es ist kein Leben in euch Dithmarschern.‹ Aber über mich, Fiete, hat er manchmal gesagt: ›Bei Thieß Thiessen, da ist Leben, aber es schläft.‹ Na, um kurz zu sagen: es ging nicht, Kinder. Diese Wissenschaften . . . Man hat eine ganz verkehrte Vorstellung davon. Man meint, es ist so eine Art – was soll ich sagen –, so eine Art Weg, auf dem es immer heller wird. Aber das Gegenteil. Mir schien, es 67 war so eine Art Tunnel, so eine Art Fuchsbau. Mau geht hinein, wie der Dackel, und man weiß nicht, wo oder ob man wieder herauskommt. Na . . . ich stob wieder zurück: ›Es ist eine Erleichterung,‹ sagte der Fuchs, ›da ließ er das Hinterbein im Eisen und hinkte auf drei Beinen davon.‹ Ich bekam wieder ein Papier; ich habe es noch. Es ist nichts daran zu sehen.

»Nun war ich denn ja wieder auf dem Heeshof, stand bald an der Küchenthür und bald zu Osten unter der Wand und plante weite Reisen und wollte in die Welt hinaus; aber mein Vater hatte es satt. Er nahm mich beim Kragen und gab mir den Dreschflegel in die Hand, und stellte mich neben unseren alten Tagelöhner Klaus Suhm, der gerade auf die langen Hafergarben losschlug, die auf der Moorkoppel gewachsen waren; und wenn ich später einmal von Reisen sprach, so hielt er mir gleich die geballte Faust vor die Augen. So war es mit allen Reiseplänen vorbei, und so ist es gekommen: Ich, der ich am liebsten eine Fußtour durch Rußland über China nach Bangkok gemacht hätte, bin hier auf dem Heeshof sitzen geblieben und habe nicht einmal Hamburg, ja nicht einmal Rendsburg gesehen. So gut es ging, habe ich mir mit Lesen geholfen. Ich kaufte mir den Handatlas von Stieler und kaufte mir Grubes Charakterbilder und Gerstäckers Romane und allerlei Reisebeschreibungen, und habe die Reisen, die ich in Gedanken machte, an die Kalkwand meiner Schlafstube gemalt. Ihr wißt es, Kinder.«

»Nun laß dein Reden sein!« sagte Elsbe. »Wir wollen nun nach dem Fuchsbau.«

»Ja, der Fuchsbau! Denn man rasch, Kinder! Wir müssen ein bißchen flink zugehen. Trina hat das Essen gewiß schon fertig. Es giebt Mehlbeutel mit Schweinskopf.«

68 Da hatte er am Wall die beiden Fuchslöcher entdeckt, unter der Heide halb versteckt, in gelblichem Sand.

»Schieß 'mal hinein,« sagte Elsbe.

»Das nützt nichts, Kind!«

»Das ist ja einerlei,« sagte sie und sah ihn zornig an, »schieß 'mal hinein!«

Thieß Thiessen mußte leider immer thun, was klein Elsbe sagte. So wie er vor zwanzig Jahren seiner Schwester, ihrer Mutter, jeden Willen that, so that er jetzt ihrer kleinen Tochter zuliebe, was sie wollte. Er legte das Gewehr hinein. Sie standen alle und schauten bedenklich in das gelbsandige Loch und warteten auf den Schuß. Lisbeth zog sich ein wenig zurück. Jörn, der immer gleich sah, was Lisbeth trieb, neckte sie, lief zu ihr, ergriff ihre Hände, und wollte sie zu den anderen heranziehen.

Da legte sie, um ihn von seinem Plane abzubringen, mit niedlich bittender Gebärde die Arme um seinen Hals und hielt sich ganz still und hielt ihn so fest. Er wußte nicht, was er thun sollte, da sie so mit ihrer Brust gegen ihn andrängte. Er legte unbeholfen die Arme um ihren Leib und sah sie an.

Sie hatte mehrmals, wenn sie beim Spiel auf dem Schulplatze von Knaben ergriffen wurde, laut geschrieen und sich in Angst losgerissen. Er hatte sie noch nie so angerührt.

»Wenn wir bei Thieß sind, bist du immer ganz anders,« sagte sie und nickte ihm zu. »Zu Hause bist du manchmal so ernst und so mopsig; aber hier bist du vergnügt. Ich mag dich heute gerne leiden.«

Sie drängte sehr gegen ihn an. Er brauchte zwar lange nicht seine ganze Stärke; aber er wunderte sich, daß sie so viel Kraft in den feinen Gliedern hatte, und war verlegen, daß sie so gegen ihn anging, und hielt sie sanft fest und sagte: »Ich will nun immer Heintüüt zu dir sagen.«

69 »Warum?« fragte sie.

»Weil du so eine hohe, piepende Stimme hast wie ein Regentüüt . . . Du weißt doch? Auf Hochdeutsch heißt es Regenpfeifer. So piepst du.«

Sie hielten sich noch fest und sahen sich noch lächelnd an: Da fing auf einem nahen Baum von ungefähr eine Meise an zu pfeifen. Sie pfiff so ängstlich und laut, daß sie alle aufmerksam wurden und sie suchten. Sie saß auf dem höchsten Zweige einer niedrigen Kiefer, warf den Kopf hin und her und äugte seitwärts nach unten. Und als sie dahin sahen: da stand da etwas Bräunlich-Gelbes im hellen, trockenen Grase. Zwei brennende Augen sahen unendlich klug aus dem dreieckigen Kopf auf die Fuchsjäger, die standen mit offenem Munde. Thieß hielt das Gewehr mit steifem Arm und zusammengezogenem Gesicht weit von sich und schoß wild in das Sandloch hinein. Fiete Krey griff mit beiden Händen nach seinem eisenbeschlagenen, grauen Schuh, riß ihn vom Fuß und warf ihn mit Wucht hinterdrein.

»Donnerwetter!« sagte Thieß. »Der hatte einen mächtigen Schwanz.«

Elsbe schlägt in beide Hände: »Das sagst du nun! Aber so geht es immer, wenn wir hier sind; alles, was du anstellst, geht schief.«

»Na,« sagte er, »denn kommt! Denn wollen wir essen.«

* * *

Das Haus, in dem Thieß Thiessen fast sein ganzes Leben zugebracht hatte, und der Kopf, den Thieß Thiessen auf den Schultern trug, hatten eine unzweifelhafte Ähnlichkeit miteinander. Unaufgeklärt blieb allerdings für alle Zeiten, wer sich nach dem anderen gerichtet hatte, ob Thieß' Kopf im Laufe der vielen Jahre dem geliebten alten Hause 70 ähnlich geworden war, oder ob das Haus sich etwas nach Thieß gerichtet hatte.

Das Haus Thieß Thiessens war lang und schmal; das hohe, dunkle Strohdach hing über die kleinen; blinkernden Fenster tief herab; vorne war ein kleiner, waghalsiger Giebel. Der Kopf Thieß Thiessens war sehr lang und schmal, und das lange, dunkle Haar hing tief über Ohren und Stirn hinab bis an die blanken, blinkernden Augen; seine Nase war klein und wenn nicht waghalsig, doch kühn; eine feine, geschwungene Nase in einem kleinen, verwitterten, vertrockneten und verknitterten Webergesicht.

Elsbe sagte es oft zu ihm: »Du hast gerade so'n Kopf wie dein Haus.«

»Kann wohl nicht anders sein,« sagte er dann. »Wir sind nun schon über vierzig Jahre bei einander; das Haus und ich, und immer allein.«

Dicht aneinander gerückt saßen sie um den runden Tisch, in diesem selben großen Zimmer mit den weißen Kacheln an den Wänden, wo diese selben Menschen zwanzig Jahre später einen so traurig-frohen Weihnachtsabend verlebt haben.

»Kinder!« sagte er, »über die Heide gehen und dann Dithmarscher Mehlbeutel mit Schweinskopf essen, das ist das Beste in der Welt.« Er nickte ihnen zu und legte das erste Stück auf Elsbes Teller.

»So?« sagte Elsbe, »das Beste in der Welt? Das weiß Lehrer Peters doch wohl besser, mein Junge! ›Das Beste in der Welt,‹ sagt er, ›ist die Liebe,‹ und das glaube ich auch.«

Thieß hielt die Gabel auf halbem Wege still. Er riß die kleinen Augen auf, und die Augenbrauen verschwanden unter dem Stirnhaar. Er dachte: Genau so sagte deine Mutter auch. Die sprach auch schon mit zwölf Jahren von 71 Liebe. Die Liebe ist ihr teuer zu stehen gekommen . . . »Die Liebe?« sagte er, »zu wem?«

Sie hatte wohl nichts Bestimmtes gedacht. Aber flink, wie sie war, sagte sie: »Die Liebe zu Gott.«

Nun war er geschlagen. »Ja,« sagte er und wiegte den Kopf hin und her: »Ich glaube, Elsbe, damit kannst du nicht recht was anfangen. Liebe zu Gott? Wie willst du das machen? Wenn er hier neben dir säße!« . . .

»Was das heißt?« sagte Elsbe. »Wir sollen alles das lieben, was gut ist. Das heißt es.«

»Dieser Schweinskopf ist gut, Elsbe,« sagte er. »Ich bin ganz mit dir einverstanden.« Seine Augen sind wie kleine, reine, blanke Fenster in der hellen Morgensonne. »Jörn,« sagte er, »sage du, was du meinst. Fiete Krey schweigt, weil ihn nichts anderes interessiert, als Schweinsköpfe, Heidebesen und alte, Steine werfende Weiber. Aber du, Jörn, bist ein Grübler. Du bist ein Grübler, Jörn; wenn auch nicht in dem Grade, wie die indischen Fakire, die sich in die Ecke hocken und so lange auf ihren Bauch sehen, bis sie die tollsten Erscheinungen haben. Rede, Jörn!«

»Das Beste in der Welt ist die Arbeit,« sagte Jörn, »weißt du das?«

Thieß ließ die Gabel sinken und sah bedrückt vor sich hin. »Jürgen Uhl!« sagte er, »alles hatte ich erwartet: das nicht. Die Arbeit? . . . Was steht in der Bibel auf dem zweiten Blatt, nachdem sie aus dem Paradies vertrieben sind? Wie heißt das Wort, das hinter den beiden armen Menschen dreinfährt wie Hagelwetter? Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen! Ist das ein Segen, Jörn, oder ein Fluch? Die Arbeit, Jörn? Die Arbeit ist ein Fluch, Jörn. Und du nennst sie das Beste in der Welt? Ich habe Zeit meines Lebens nichts heißer gewünscht, als 72 daß ich auf den Pesander-Inseln oder aus Suruaci im Molukkenmeer geboren wäre, wo das Arbeiten einfach verboten ist. Verboten, Jörn! Weil da sonst nämlich zu viel Bananen wachsen! Und ich danke Gott alle Tage, daß ich den Heeshof habe und also so ziemlich unter dem Fluch heraus bin; bloß in der Heuernte und wenn wir Torf backen, da muß ich mit 'ran. Und du sagst: Die Arbeit ist das Beste in der Welt!«

Da schwiegen sie alle, da er ihnen so die Bibel an den Kopf warf.

Aber nun wurde Thieß Thiessen waghalsig und ging vom festen Grund in das Moorige. »Kinder,« sagte er, »ich lese, so lange ich denken kann, die ›Itzehoer Nachrichten‹. Wißt ihr, worauf ich jedesmal neugierig bin, jedesmal, wenn Peter Siemsen um die Ecke kommt, die Thüre aufreißt und sagt: Die Itzehoer? Daß die Arbeit weniger wird! Daß die Arbeit ganz aufhört! Daß wir alle aus dem Fluch herauskommen! So.«

»So!« sagte Jörn und legte die Faust auf den Tisch. »Das wird eine schöne Geschichte! Nun erzähle man weiter!«

»Was ist schon alles erfunden worden! Und jede Erfindung hat die Arbeit weniger gemacht. Die Spinnmaschine! Ich sehe meine alte Mutter noch, wie sie den ganzen langen Wintertag hinter dem Spinnrade saß. Die Dreschmaschine! Ich sage euch: in die Erde hinein haben wir die Diele geschlagen, ich und Klaus Suhm. Wenn ich sage: Klaus Suhm hat in seinem Leben zwanzig Lehmdielen in die Erde hineingehauen, so ist das wenig. Jetzt kommt die Maschine, einen Tag lang, und alles Korn ist gedroschen und gesichtet! Und die Eisenbahnen, und die Telegraphen! Früher hieß es: ›Wo sind meine Schmierstiefel, Lise? Spann den Wagen an, Krischan!‹ Und nun will ich euch was sagen: 73 Weniger wird die Arbeit. Klaus Suhm stand im Winter um zwei Uhr auf und klopfte um drei Uhr an mein Fenster. Wo geschieht das jetzt? Aber wundern thut's mich, ich kann nicht sagen wie sehr, daß die Arbeit nicht noch viel weniger geworden ist und bald ausstirbt.«

»Na? Und was denn?« sagte Jörn und beugte sich über den Tisch. »Wenn sie nun weniger wird? Was willst du dann in der freien Zeit thun?«

»Das kann jeder nach Belieben einrichten,« sagte Thieß Thiessen. »Ich, für meinen Teil, bin für einen langen Schlaf im Schatten eines Torfbergs.«

»So,« sagte Jörn. »Und andere,« sagte er, »andere« – er wurde ein wenig verlegen –, »die werden den ganzen Tag im Wirtshause liegen.« Er schüttelte den hellen Kopf. »Du bist überhaupt zu dumm. Meinst du, daß Adam und Eva vor dem Fall nicht gearbeitet haben? ›Sie haben den Garten Eden gepflegt,‹ steht da, und haben miteinander gespielt. Wir würden auch arbeiten und schön miteinander spielen, nicht Lisbeth? Aber nun sind viele unartig und schlecht. Und darum müssen wir alle in die Schule gehen und, wenn wir groß sind, in die Arbeit. Und du, du solltest man hingehen und den braunen Wallach umkoppeln: Da oben an den Tannen hat er kein Gras mehr.«

Die kleine Lisbeth hatte während der Unterhaltung, die sie nicht verstand, Jörn fortwährend mit spitzem Finger an die Schulter getippt: »Seht 'mal seine Augen!« sagte sie. »Sie sitzen wie Füchse in ihren Löchern und lauern, und die Haare stehen ihm zu Berge wie einem Igel.« Und sie sprang rasch von hinten auf ihn zu und legte ihren Kopf an den seinen. Und ihre Haare waren gleich hell.

»So!« sagte Elsbe. »Nun seid still. Ich mag die Rederei nicht mehr hören.«

74 Thieß nickte langsam und sagte zu Fiete Krey: »Es ist immer gut für mich, wenn ihr kommt, Fiete. Es ist für mich wie ein Schups von hinten. Wir wollen den Wallach wahrhaftig herunterholen. Aber erst müßt ihr sehen, was ich in diesen Wochen für eine großartige Reise gemacht habe.«

Sie gingen hinter ihm her nach seiner Schlafstube, einem großen, kahlen Zimmer mit weißgekalkten Wänden, in dem nichts weiter stand als Thieß Thiessens Bett und eine Lade und zwei Stühle. Auf den Wänden waren von oben bis unten mit starken Blaustiftlinien die fünf Weltteile und die beiden Halbkugeln der Erde gezeichnet. Ein Stapel von Büchern lag auf den Stühlen. Hier machte Thieß Thiessen seine weiten Reisen und stillte seinen Hunger nach der Fremde. Er zeigte ihnen in einem kurzen Vortrage, wie er in dieser Woche mit Livingstone durch Mittelafrika an manchem Nachtfeuer gesessen und von getrocknetem Ziegenfleisch sich mühselig genährt hatte. Er nahm das Buch her und las ihnen den Höhepunkt der Reise vor, die Stelle, wo der englische Missionar und Forscher den Friedensvertrag mit dem schrecklich wilden Negerkönig schließt. Er hatte die Hände erhoben und las mit feierlich getragener Stimme.

Aber es half alles nichts: Elsbes Interesse war wieder weg. »Wenn wir so beibleiben zu quasseln,« sagte sie geringschätzig, »dann kriegen wir heute überhaupt nichts fertig.«

Sie gingen hinaus und brachten den Wallach auf die untere Koppel, wobei sie im Heckthor ins Gedränge kamen, weil sie alle zugleich samt dem jungen Braunen hindurchgehen wollten. Der Braune war aber fromm und that ihnen nichts, wurde auch nicht unruhig, als die kleine Lisbeth, der er zu nahe kam, laut aufschrie.

»Nun zu dem Boot!«

75 »Es ist ein feines Boot, Kinder. Es ist das beste und größte, das ich je gebaut habe.«

Es lag im bräunlich-dunkeln Moorwasser, ordentlich angekettet, und hatte eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Kälbertrog, und roch auf zehn Schritt nach Pech, das in all die Ritzen gegossen war. In der Mitte ragte über dem Mitteldeck ein Mast mit einem gelbseidenen Wimpel, der aus Großmutters Umhängetuch geschnitten war, und auf dem Deck standen vier Kanonen aus Mannesmannröhren, vom Dorfschmied zugeschweißt, mit blankgefeilten Luntlöchern.

Es war großartig! Und alle lobten Thieß und sagten, da habe er 'mal wirklich was Gutes zu stande gebracht. Jörn schlug sich vor Vergnügen auf die Kniee und wollte gleich hineinsteigen. Bloß die kleine Lisbeth äugte mißtrauisch auf das vielgeflickte bunte Ding, reckte ihren kleinen, hellen Kopf und sagte: »Ich gehe da nicht hinein.«

Da wollte Jörn sie wieder greifen, da er Lust hatte, sie wieder anzufassen; aber sie trat zurück und schüttelte mit so lieblich ernster Gebärde bittend den Kopf, daß er gleich abstand.

Thieß war wieder oben auf. Er wollte sich den Ruhm nicht verkleinern lassen und sagte: »Die erste Fahrt mache ich allein.«

Er stieg bedächtig hinein und setzte sich sehr vorsichtig platt in den Trog, in dem er die ausgestreckten Beine unter das Mitteldeck schob.

Elsbe hatte sich auf den Stumpf einer Weide gesetzt, die überm Wasser hing, und fing an zu unken. »Wenn du umkippst, was dann? Dann hängst du schön da: mit dem Kopf nach unten; und mit den Beinen sitzst du fest.«

»Ich? Umkippen?«

»Junge, Thieß! Es geht schief.«

»Thieß! Du weißt, du hast immer Unglück!«

76 »Unglück? Schief? Es geht all mein Tag nicht schief.« Er grabbelte in der Westentasche und legte drei schwärzliche Zündhölzer vor sich aufs Deck.

»Junge, Thieß! Laß es bleiben! Gerade wenn du dich zeigen willst, hast du immer Pech.«

»Laß ihn doch! Er sitzt ja schon mitten im Pech.«

Thieß hob sich ein wenig: es gab einen klebrig schmierigen Ton. Die Kinder lachten und sahen sich an und nickten sich zu. Fiete Krey, der das Unglück am deutlichsten kommen sah, wand sich vor Lachen. »Thieß, du stürzt um, so wahr wie was.«

Mit zwei vorsichtigen Stößen kam Thieß richtig vom Ufer ins dunkle Wasser. Er legte das Ruder bedächtig vor sich hin und langte nach den Zündhölzern. Das Fahrzeug schwankte leicht, gerade als wenn es Neigung hätte, sich anders hinzulegen. Er versuchte, die Hölzer an dem Mitteldeck anzureiben, aber sie fingen kein Feuer. Da hob er nach alter Gewohnheit das eine Bein, um am gewohnten richtigen Orte das schlafende Feuer zu wecken. Der Trog schwankte. Es flammte auf. An die Lunte mit dem brennenden Holz! Der Trog schwankte. »Kinder! So war es am 5. April bei Eckernförde.« Er wollte rasch ein wenig beiseite rücken, weil es dringend zu empfehlen war. Blitz und Rauch! Noch einmal! Thieß kann nicht rücken; er sitzt fest im Pech. In Rauch und Schwefel kehrt sich das Boot um, und Thieß Thiessen kehrt sich mit um.

Jörn Uhl stand bis ans Knie im Wasser. Fiete Krey sagte leise: »Es blübbert noch.« Elsbe sagte: »Aber das Pech!« Lisbeth lief weinend davon. Es kam eine schwüle Stille. Das Moor und die Menschen hielten den Atem an.

Da fing das Wasser an zu brodeln und zu kochen. Es liefen runde Wellen auseinander. Es kam etwas 77 Schwammiges, Schwarzes, wie der Rücken eines großen schwarzen Fisches. Spuckend, stöhnend, schluckend und prustend kommt es auf allen Vieren an das Land.

Er riß sehr an seinen Augen. Er schüttelte sich und stampfte und warf Rock und Stiefel von sich; die Kinder standen mit großen, ängstlichen Augen um ihn. Fiete Krey rollte auf der Erde hin und her und schrie. Lisbeth, die gerade still gestanden hatte, kehrte sich um und lief weiter.

»Na,« sagte er und spuckte: »Dies war, was bei den besten Schiffen vorkommt: eine natürliche Kenterung mit wunderbarer Rettung der ganzen Besatzung. Es war übrigens eine neue Konstruktion, Jörn. Wie es scheint, etwas zu schmal. Na, jedenfalls haben wir etwas gesehen und erlebt und erfahren.«

»Was du wohl gesehen hast!« sagte Elsbe.

Er sah ins Wasser zurück, wo das Boot wie eine treibende Schildkröte lag. »Da hast du ganz und gar recht,« sagte er und spuckte wieder. »Da unten ist's fürchterlich. Es wurde mir gleich schwarz vor den Augen, und ich hatte jede Richtung verloren. Ich kam erst auf Umwegen wieder auf den Gedanken, wo oben wäre. Ihr müßt bedenken, daß ich mit allen vier Elementen zu thun hatte, zuerst mit Feuer, Schwefel und Pech, dann mit Wasser und Erde. Von diesem allen war zu viel da. Zuletzt mit der Luft: davon hatte ich zu wenig. Wenn ich davon nicht zu wenig gehabt hätte, wäre ich sobald noch nicht wieder gekommen, denn ihr glaubt nicht, was für merkwürdige Beinverrenkungen ich da unten gemacht habe, um aus dem Schiff herauszukommen.« Nachdem er das gesagt hatte, spuckte er noch einmal und ging nach Haus, um sich umzukleiden.

Als er in der Küchenthür verschwunden war, sagte Jörn: »Das ist ganz einerlei: wir mögen kommen, wann 78 wir wollen, auf dem Heeshof giebt es immer Spaß.« Dann lief er hinter Lisbeth her, ergriff sie bei der Hand und redete ihr Gutes vor, bis sie lachte.

Sie blieb aber ängstlich und wollte nach Haus. Da ging er mit ihr zu den anderen und sagte es.

»Siehst du?« sagte Elsbe, »nun sitzen wir da wieder her. Immer will Lisbeth zu früh nach Haus.«

»Ich sage immer wieder,« sagte Fiete, »sie muß nicht mit uns. Sie ist zu klein und zu zimperlich. Aber du willst sie immer mitnehmen.«

Die Gescholtene stellte sich neben Jörn und weinte.

»Ich gehe mit ihr nach Haus,« sagte Jörn. »Jetzt gleich! Ihr könnt thun, was ihr wollt.«

Da wollten sie doch lieber alle miteinander gehen. Sie warteten, bis Thieß wiederkam. Er brachte sie durch den Wald bis an den Rand der Heide, hielt die Hand über die Augen und sah ihnen nach, bis die Abendsonne, die durch Nebel und Wolken schwach herüberleuchtete, ihm die Augen blendete.

Die Kinder sahen sich nicht mehr nach ihm um; sie gingen eilig und still in die Richtung nach Ringelshörn über die Heide. 79

 


 

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