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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunundzwanzigstes Kapitel

Jahre kamen und gingen.

Jörn Uhl hat dem Kriegskameraden die Fabrik eingerichtet und hat an dem gewaltigen Kanal mit gearbeitet, der quer durch unser Land geht, auf den wir so stolz sind als auf einen deutlichen Beweis der Stärke des Vaterlandes, und baut Schleusen an der Stör und Buhnen auf Sylt und Röm, und unterrichtet im Wintersemester an einer großen Fortbildungsschule in Zeichnen und Mathematik, und gilt überall im Land für einen Mann, auf dessen Kenntnisse und Worte man sich verlassen kann. Der Knabe, welcher damals in der Stube des Pedellen gesagt hatte: »Einerlei, Thieß, oben oder unten: ich will 'was lernen!« der hat zweimal von unten angefangen, ganz von unten. Das Leben ist lang genug, etwas aus sich zu machen, wenn einer Zutrauen hat und starken Willen.

Ohne Narben ist es nicht abgegangen.

Jörn Uhl wird zeitlebens etwas Brüchiges in seinem Charakter behalten. Obwohl seine Frau sein Wesen klug durchschaut, und obgleich sie so heiter und stark ist und 514 immer lieb mit ihm, hat sie dies Brüchige, das von bösen Zeiten her in ihm entstanden ist, nicht beseitigen können.

Als sie ihm das erste Kind gebar, und Heim Heiderieter, der eingeladen war, wieder einmal eine Behauptung aufgestellt hatte, über die alle lachten, weil sie viel zu waghalsig war, und es ein wenig vergnügt herging, da ging Jürgen Uhl hinaus. Frau Lisbeth vermißte ihn gleich und suchte ihn im ganzen Haus, und fand ihn draußen im Dunkeln stehen, trat zu ihm und fragte: »Was stehst du hier, Jörn, und kommst nicht wieder herein?« Da wollte er erst nicht mit der Sprache heraus. Dann sagte er ihr, er könnte das Fröhlichsein und Lachen nicht vertragen; dann ständen gleich alte Bilder vor ihm. Er wolle sich aber zusammennehmen und gleich wieder hineingehen; sie solle ja nichts sagen. Sie herzte ihn, und redete ihm freundlich zu, und streichelte ihn und ging wieder hinein. Er kam dann auch bald hinter ihr drein, und saß erst still und bedrückt da, und hörte mit einem aufmerksamen Gesicht zu, was geredet wurde. Aber dann hob er sein Glas und nickte einem Gast freundlich verlegen zu, und dann erzählte er eine kleine Geschichte, und dann sah er auf seine Frau. Da waren Lisbeth Junkers Augen blank von Thränen, und sie nickte ihm zu. Als sie ihm dann noch ein wenig halfen, gelang es ihm, mit ihnen fröhlich zu sein.

Es kam vor, daß er von irgend einer Reise wie verfroren nach Hause kam, mutlos, still und müde. Wenn er dann noch dazu, ins Haus tretend, zufällig lautes Kinderlachen hörte, dann that er so steif, wie weiland der lange Sott unter der Dachlecke. Dann sahen sie sich an; liefen zur Mutter in die Küche, beredeten sich heiß und kurz, und kamen wieder in die Stube, und waren sehr ernst und still, und dann kam einer mit irgend einem Leid, und der andere bat um irgend eine Hilfe, und alle thaten schön mit ihm. Dann 515 lächelte der erste. Nun wagte es der zweite. Und nun liefen sie in die Küche: »Mutter, Mutter! Vater taut auf!« Dann schüttelte er den Kopf und drohte ihnen und wurde fröhlich.

* * *

Jahre kamen und gingen.

Da kam eines Tages über Heim Heiderieter die Unruhe, und er beschloß, die Gegend von Ringelshörn und Wentorf zu besuchen, und kam ohne Abenteuer bis an die Häuser von Sankt Mariendonn, welche am Rande der Heide liegen, und sah da einen jungen Matrosen von der kaiserlichen Marine, der in grauem Drillich Heidekraut, das er gemäht hatte, in einen Sack stopfte. Seine Mutter, eine kleine, abgearbeitete Frau, harkte den Rest zusammen.

»Woher, Seemann?« fragte Heim.

»Ja,« sagte der, »ich war mit einem Kreuzer in China und habe nun vier Wochen Urlaub bekommen.«

Heim setzte sich ein wenig am Abhang des Hügels, und der Seemann erzählte. Zuletzt, als Heim weiter wollte, fragte er: »Wie ist denn der Name?«

»Stoffer Krey,« sagte der Seemann.

Heim dachte: »Na, das fängt gut an,« und ging weiter.

Als er die ersten Häuser erreicht hatte, wurde ihm zweifelhaft, welchen Weg er wohl wählen sollte, ob er den Goldsoot wohl finden würde, wenn er weiter auf den Heidehöhen entlang ging. Bisher war er immer von unten her, von der Marsch her, nach dem Soot gekommen.

Er fragte also gleich beim ersten Hause einen Mann, der vor seiner Hausthür einen Baum vierkantig hieb, daß er ein Heckpfahl würde. Der kehrte sich um, sah nach den braunen Höhen, die jenseits des Dorfes aufstiegen, und sagte: »Das ist einfach. Sie gehen an dem Bauernhaus 516 da links vorüber; rechts an dem Baum dort . . . sehen Sie ihn? . . . gehen Sie den Fußsteig hinein. Wo der sich gabelt, quer über das Roggenstück! Dann gehen Sie immer geradezu auf das graue Pferd los, das da ganz oben in der Heide geht . . . sehen Sie? Dann gehen Sie auf den Höhen entlang und halten sich rechts, immer dicht am Rande, bis da eine große Mulde in die Marsch hinuntergeht. In der Mulde liegt der Goldsoot.«

Heim Heiderieter nickte bedächtig, obwohl er von der ganzen Rede nichts verstanden hatte, und fragte im Fortgehen: »Wie ist Ihr Name?«

»Stoffer Krey,« sagte der Mann.

»So!« sagte Heim, und nickte zustimmend, und ging weiter und dachte: »Nun soll mich bloß wundern, was ich heute noch erlebe.«

Er kam glücklich durch das obere Dorf, ohne an irgend einem Menschen hängen zu bleiben, und zielte nun auf den Schimmel, der da oben in der Heide stand. Als er aber so ging, kam er nach seiner leidigen Gewohnheit ins Träumen und ging, die Augen an der Heide zu seinen Füßen, so dahin. Als er wieder erwachte und aufsah, war der Grauschimmel weg.

»Natürlich!« sagte er. »Da haben wir's. Verschwunden ist er. Merkwürdig, daß die Natur gleich aus Rand und Band ist, sobald ich unterwegs bin. Das war Wodans Schimmel.«

Er traute den guten Geistern und drang auf die braunen Höhen los, und stand zuweilen still und sah sich um und dachte sich nach seiner Gewohnheit viel bei allem, was er sah, und fand sich zuletzt in lauter Eichengestrüpp und wußte nicht, wie er hineingekommen war, und dachte: 517 »Den Goldsoot finde ich nicht. Versteckt ist er. Sie wollen nicht, daß ich ihn sehe, und halten mich zum Narren.«

Er war aber nicht traurig darum, sondern pfiff vielmehr und lachte kurz auf und dachte: »Ihr verderbt mir nicht meine Laune,« und fand es reizend genug, hier oben auf den Höhen, mit dem Blick über die weite Marsch, durch Heide und Eichengezweig zu stolpern. Dabei wandte er sich einigemal um; denn ihm war, als riefe einer hinter ihm. Er dachte: »Das ist natürlich alles nichts als Hohn und Spott,« hörte wieder einen Ruf, drehte sich um, sah nichts und sagte zu sich selbst: »Siehst du wohl?«

Aber nun hörte er doch leichte, eilige Schritte hinter sich und kehrte sich erschreckt um. Da stand ein barfüßiger Junge mit hellem Haar hinter ihm und sagte: »Ich soll Heim Heiderieter sagen, daß er verkehrt geht. Hier muß er gehen.« Und er ging rasch voran in den schmalen Fußsteig hinein, der sich durch das hüfthohe Eichengezweig wand. Heim ging still hinterher und wunderte sich, daß der Junge nicht anstieß: es bewegte sich kein einziger Zweig und es raschelte kein einziges dürres Blatt. So führte der Junge ihn auf schrägem Abstieg in das kleine Thal, das zur Marsch hinunterneigte: »Hier ist der Goldsoot.«

»Nun?« sagte Heim. »Woher weißt denn du, daß ich den Goldsoot suche?«

»Mein Vater hat mich hierher geschickt,« sagte der Junge.

Heim sah ihn mißtrauisch an. Es war so etwas Frisches und Freies an dem Jungen, dazu so etwas Ungelenkes, Neues, als wäre er eben noch eine Wurzel gewesen und nur so zeitweilig und zum Notbehelf ein Menschenkind geworden. Heim hoffte, ihn zu fangen und sagte: »Wie heißt dein Lehrer?«

»Brodersen,« sagte der Junge.

518 »Siehst du?« sagte er, »das ist nicht wahr. Hermann von Rhein heißt er und ist mein alter Schulkamerad. Ich bin nicht so dumm wie andere Leute, mein Junge! Sag' man gerade heraus, was es mit dir ist.«

Der Junge lachte und steckte die Spitze seines nackten Fußes ins Wasser des Soots. Heim machte große Augen und dachte: »Nun springt er hinein, und weg ist er.«

»Der Lehrer, den Sie meinen, der ist ja nach Brunsbüttel gekommen,« sagte er. Er zog den Fuß aus dem Wasser und wartete, bis der Spiegel wieder heil war. »Nun kann ich den Frosch sehen,« sagte er.

»Welchen Frosch?« sagte Heim und legte sich ins Knie.

»Da ist ein grauer Frosch in dem Soot. Sieh . . . da am Grund! Da sitzt er im Moos.«

»Wahrhaftig,« sagte Heim. »Noch niemals habe ich einen grauen Frosch gesehen. Hol' ihn 'raus.«

Der Junge lachte. »Ich glaube,« sagte er, »er ist tot, und bloß gebleicht.«

»Was?« sagte Heim. »Ein gebleichter, toter Frosch? All mein Lebtag habe ich so 'was nicht gehört . . .« Er sah den Jungen wieder mißtrauisch an: »Der Dümmste in der Schule bist du nicht,« sagte er.

»Nein,« sagte der Junge und nickte ihm zu.

»Jung',« sagte Heim und richtete sich auf, »kannst du das Einmaleins. Sag' 'mal auf: einmal sieben.«

Der Junge that es.

»Na ja,« sagte Heim. »Das stimmt ja . . . du kannst nun gehen und sollst Dank haben. Und hier sind zwei Groschen.«

»Geld soll ich nicht nehmen, sagt Vater.«

»Was? Ihr könnt wohl kein Geld brauchen? Was? Habt da unten wohl mehr als ich? Bezahlst sonst wohl mit 519 buntem Kiesel und Goldquarz, was? Ich glaube . . . ich glaube wahrhaftig, du bist nicht sauber. Sag' 'mal, was hast du heute gegessen?«

»Bohnen mit Speck,« sagte der Junge und zeigte alle Zähne.

»Das ist allerdings menschlich.«

Der Junge sprang auf und lief die Höhe hinauf.

Heim Heiderieter ihm nach. »Junge,« rief er, »sag' 'mal: hast du vorhin den Schimmel gesehen, der hier lief?«

»Schimmel?« rief der Junge, »Schimmel? Ist ja gar kein Schimmel. Ist ja 'n weißer Sandfleck. Sieh . . . dort. Sieht bloß so aus wie 'n Schimmel.«

Heim Heiderieter sah mit dummem Gesicht bald nach dem Sandfleck, bald nach dem Jungen, der über die Heide trabte. »Merkwürdig,« sagte er, »daß ich immer so sonderbare Dinge erleben muß. Richtig war das nicht mit dem Jungen.«

Er stieg wieder in die Mulde hinunter und legte sich neben dem kleinen, klaren Wasser ins lange, graue Gras.

Da hörte er Schritte von unten herauf kommen und sah einen Mann in den besten Jahren, so in den Vierzigern, dessen Bart und Haar ist wie Roggenstroh, das reif zur Ernte, und das Gesicht ist lang und die Augen sind merkwürdig tief und wahr. Halb ist es ein Gelehrter und halb ein Bauer.

Da erkannte er Jörn Uhl und sprang auf.

Nachdem sie sich tüchtig die Hände geschüttelt hatten, legten sie sich ins Gras und hatten den Soot zwischen sich und fingen an, von den Bekannten zu sprechen. Sie hatten sich seit zwei Jahren nicht gesehen.

»Wieten ist ja tot,« sagte Jörn. »Du kennst ja die Alte.«

520 »Mensch, ob ich die kenne! Weißt du, wie sie da auf dem Heeshof zusammenlebten? Thieß saß zwischen Tisch und Ofen, und studierte ostasiatische Verhältnisse, und setzte die Füße gegen den Ofen, immer höher hinauf, und redete über das, was er gelesen hatte. Und dabei ist der Mensch in den letzten zehn Jahren, seit Elsbe wieder daheim ist, nicht weiter vom Heeshof weg gewesen als bis zum Dorf. Wieten saß am Ofen und strickte und stopfte wie weiland auf der Uhl, als sie zwischen dir und Fiete Krey saß.«

»Woher weißt du das alles?« fragte Jörn Uhl.

»Meinst du, daß ich Wieten Penn nicht besucht habe? Wieten hatte eine bunte Welt in sich, Jörn. Was in den letzten fünfzig Jahren in dem kleinen Dreieck geschehen ist, das zwischen diesem stillen Wasser und der alten Stadt da drüben und dem Kirchturm von Schenefeld liegt – und das ist nicht wenig – das wußte sie und das sah sie deutlich vor sich. Und das interessierte uns, Jörn: das ist uns mehr als die ganze Mandschurei. Sie war ziemlich verschlossen, Jörn. Sie hatte rund um ihre bunte Welt eine hohe Mauer bauen müssen, weil dumme Menschen lachten, wenn sie hineinsahen. Aus diesem Grunde sind viele ernste und tiefe Menschen schweigsam, Jörn. Aber mir, Jörn, mir hat sie zuweilen dies Thor geöffnet und mir das ganze Haus gezeigt. Du weißt es, Jörn: es ist ein gutes, altsächsisches Bauernhaus, ein wenig niedrig vom Boden und mit dunklen Winkeln, aber fest und fromm . . . Was sagst du über Elsbe, Jörn?«

»Sag' du!«

»Ich hatte gedacht, daß sie Fiete Kreys Frau würde. Und gefragt hat er sie, Jörn; aber sie hat nicht gewollt. Weißt du, was sie sagte?«

»Hast du mit ihr darüber gesprochen?«

521 »Ja, Mensch, warum nicht? Wir sind ja alte Freunde? ›Sieh, Heim,‹ sagte sie, ›er ist ein Krey; und die sichersten Leute sind die Kreien nicht. Und ich brauche ihn auch nicht, Heim: ich habe ja genug zu bemuttern.‹ . . . Sie ist Herrin vom Heeshof, Jörn, und wirtschaftet besser als Thieß jemals gethan hat; besonders hält sie auf sechs bis sieben gute Milchkühe. Thieß muß ihr gehorchen und thut's gerne. Über die Mandschurei darf er frei reden, auch vor ihr; das ist sein Separatsparren, an dem sie nicht rüttelt. Wenn er aber anderweitig Gedanken über Menschen, Gott und Welt aussprechen will, dann wartet er, bis ich komme, und dann gehen wir hinaus. Im Sommer sitzen wir am Wall am Heesrand, im Winter gehen wir nach dem Kuhstall . . . Es ist schade, Jörn, daß Elsbe nicht heiratet; sie wäre eine von den Frauen geworden, die weder Mann noch Kinder frieren lassen.«

Jörn Uhl sah in Gedanken vor sich hin. »Sie ist zufrieden,« sagte er, »und Fiete Krey auch. Was er als Junge geträumt hat, ist ja in Erfüllung gegangen. Er sitzt auf der Uhl und sieht über den Weg das niedrige, kleine Vaterhaus. Er hat Schulden genug, fast so viel, wie ich derzeit hatte; aber er wird leichter damit fertig; der Bahnbau hat ihm mächtig geholfen. Sein Handel mit allem, was Leute brauchen können, mit Bauholz und Stackholz und Kohlen und Sand und womit sonst, geht gut. Leid ist mir meine gute, reinliche Hofstelle; wüst und bunt sieht es da aus, und ich bin froh, daß das alte Haus nicht mehr steht. Sonntags fährt er zuweilen nach dem Heeshof hinüber, und trinkt dort Kaffee und plaudert mit Elsbe und mit dem Alten. Ich glaube, so wird es bleiben. Sie werden alt werden und werden es nicht merken; und zuletzt werden sie davongehen.«

522 »Du hast Schweres durchgemacht, Jörn. Ich möchte wohl wissen, was du selbst darüber denkst.«

»Willst du meine Lebensgeschichte schreiben, Heim? Es ist wohl nicht der rechte Stoff.«

»Dein Leben, Jörn Uhl, ist nicht ein geringes Menschenleben. Du hast eine stille und mit bunten Bildern geschmückte Jugend gehabt. Du bist, als du heranwuchst, einsam gewesen, und hast als ein einzelner, ohne Hilfe, mit des Lebens Rätseln wacker dich herumgeschlagen, und wenn du auch nur wenige hast raten können: die Mühe ist doch nicht vergeblich gewesen. Du bist für dieses Land, das rund um diesen Quellbrunnen liegt, in den Krieg gezogen: da bist du in Feuer und Frost gehärtet worden und hast einen Fortschritt gemacht im Wichtigsten: den Wert der Dinge zu unterscheiden. Du hast heiße Frauenliebe kennen gelernt und damit das Zweithöchste, was das Leben geben kann. Du hast Lena Tarn in den Sarg gelegt und Vater und Brüder, und hast in jenen Stunden dem menschlichen Jammer ins Weiße des Auges gesehen und bist demütig geworden. Du hast mit hartem, widrigem Geschick gekämpft und bist nicht unterlegen, hast dich herausgearbeitet, obgleich es lange dauerte, bis Hilfe kam. Du hast dich mit zusammengebissenen Zähnen und hohem Mut in die Wissenschaft hineingearbeitet, in einem Alter, da etliche daran denken, Rentner zu werden. Und obgleich Bauen, Graben und Messen nun seit Jahren deine Arbeit und Freude ist, so bist du doch nicht einseitig geworden, kümmerst dich immer noch um all das Land, das jenseits deiner Meßketten liegt, kümmerst dich sogar um die Bücher, die dein Freund schreibt, der Heim Heiderieter heißt. Was soll man denn erzählen, Jörn, wenn solch schlichtes, tiefes Leben nicht erzählenswert ist?«

523 Jörn Uhl sah ihn freundlich sinnend an: »Du redest gut darüber,« sagte er. »Und wenn ich länger mit dir reden würde, könntest du mir wohl manches in Ordnung stellen, was in mir in dumpfem Gefühl unordentlich umherliegt. Mir wird immer sein, als wenn an meinem Leben etwas zerrissen ist.«

»Ich weiß,« sagte Heim und streckte den Arm über den Goldsoot hin auf ihn: »Sieh 'mal, wenn du die gute, kluge Fürsorge deiner Mutter gehabt hättest, und wärst so eben und glatt in die Naturwissenschaften geraten: dann, meinst du, wäre dein Leben richtiger verlaufen, nun ist da, wie du ganz richtig sagst, ein Bruch. Du hast so das Gefühl, als wärst du früher einmal, vor Jahren, falsch gefahren und führest nun noch auf einem Nebenwege und sähest die rechte Straße, die du fahren solltest, von ferne. Aber ich sage dir, Jörn, du kannst alle ernsten Menschen fragen, es ist in jedem Menschenleben etwas, was nicht stimmt. Und weißt du, warum? Wenn es genau stimmen würde, würde es dünn klingen, Jörn; und wenn wir so gehen würden, wie Mutter gerne wollte, würden wir glatt und platt werden, Jörn. Wir müssen alle in Sandwege hinein, Jörn, damit die Geschichte Fülle und Tiefe bekommt.«

»Ja,« sagte Jörn Uhl. »Zutrauen haben: das ist alles.«

»Siehst du? Das ist alles!«

»Heim! Heim!« sagte Jörn Uhl. »Es kommen Jahre, wo es nicht leicht ist.«

Heim langte wieder über den Soot. »Ich weiß,« sagte er, »woran du denkst. Aber kam nicht rechtzeitig die Hilfe? Wieten ging neben dir her, und dein kleiner Junge lachte auf deiner Hofstelle. Es öffnete sich die Thür zum Pastorat, die breite, grüne Thür mit dem Klopfer von Messing. Da hast du dir viel Mut geholt, Jörn. Danach kam der 524 Tod und mußte dir Hand- und Spanndienste thun, daß dein Weg ebener wurde. Es kam das stolze, feine Mädchen, und stellte sich neben dich und läuferte mit dir am Rugenberge. Es kam das Studium: da wehte dir frischer Wind über den Weg.«

Jörn Uhl nickte und sagte: »Du weißt alles.«

»Ich weiß wenig, Jörn, und mag die nicht leiden, die thun, als wenn sie alles wüßten. Aber schön ist es, recht und auch klug, auch aus den Wolken, die über den Himmel ziehen, Gutes zu deuten.«

»Ich kann mich nicht so aussprechen, wie du,« sagte Jörn Uhl; »aber ich freue mich, daß ich mit dir einer Meinung bin. Als ich ein Junge war, richtete ich mir eine Lade und eine Kammer ein, wie sie mir gefiel, und hielt sie für den Mittelpunkt der Erde, und besah von da aus Gott und die Welt und nannte beide du; aber je älter ich werde, desto unwissender werde ich und desto größer wird mein ehrfürchtiges Staunen.«

»Da hast du recht,« sagte Heim, »es ist verkehrt, viel und lange zu reden. Man soll alles in Thaten deutlich machen, nicht in Worten. Aber da wir beide schon einige Arbeit hinter uns haben, durften wir wohl ein Wort darüber reden. Nach der Schlacht ist es wohl erlaubt, daß die Kriegsgefährten einander sagen, wie sie die Schläge pariert und wie sie zugeschlagen haben. Ich will gehen. Wo gehst du hin?«

»Ich habe in Brunsbüttel eine Schleuse besehen,« sagte Jörn Uhl, »und will nun zu Fuß nach dem Heeshof. Grüße Frau und Kinder, Heim.«

»Das thu' du auch. Grüße besonders deine Zweite. Ein schmuckes Kind, Jörn.«

»Wenn du uns besuchst, sag' es weder ihr, noch ihrer Mutter.«

525 Sie gingen die Mulde hinaus nach dem Heideweg.

»Und wenn ich dein Leben erzählen wollte,« sagte Heim, »was soll ich als Titel darüber schreiben?«

Jörn Uhl stand still und sagte ernst: »Meine Frau hat einmal vorgeschlagen: ›Der gescheite Hans.‹«

»Da liegt Sinn darin, Jörn. Wahrhaftig! O, die Frauen, Jörn! Aber falsch ist es ohne weiteres! Es ist immer nur halb wahr, was sie sagen, Jörn. Sie sehen alle Dinge platt, selbst ein Ei, Jörn. Weil sie nicht rund herum gehen, Jörn.«

»Es ist etwas Wahres daran, Heim. Ich weiß nicht, ob es daran gelegen hat, daß ich in den bedenklichsten Jahren keine Führung hatte: es ist mir nicht leicht geworden, das Rechte zu finden; ich habe das Gefühl, daß ich weite, unnötige Umwege gemacht habe.«

Heim schüttelte den Kopf. »Das Gefühl haben alle die, welche nicht auf andere hörten und schwuren, sondern sich selbst eine Weltanschauung suchen.«

»Nun,« sagte Jörn Uhl, »wenn es mit dem gescheiten Hans denn nichts ist, so gieb mir irgend einen guten, deutschen Namen nach deiner Erfindung und sage zuletzt: obgleich er zwischen Sorgen und Särgen hindurch mußte, er war dennoch ein glücklicher Mann. Darum, weil er demütig war und Vertrauen hatte. Aber sei nicht zu weise, Heim. Wir können es doch nicht raten.«

 


 

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