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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

Jürgen hieß der kleine borstige Junge, und das kleine Mädchen hieß Elsabe. So trug der Pastor ins Taufbuch ein. Das Taufbuch redet hochdeutsch. Aber die Menschen um die Kinder her reden alle die plattdeutsche Sprache. Sie nennen ihn Jörn, und das Mädchen in der Wiege nennen sie Elsbe. Und das sind ihre Namen, mit denen sie noch heute genannt werden, Jörn und Elsbe Uhl.

Das Haus ist für Jörn Uhls Augen weit und groß. Wenn er in der großen Diele steht oder durch die Scheune stolpert, so sieht er überall ins Schwarze. Er glaubt auch nicht, daß es da irgendwo ein Ende giebt. Die Diele ist so groß wie die ganze Welt.

Die großen Menschen, die bald aus dieser Thür kommen, bald aus jener, die bald diese, bald jene sonderbare Hantierung vorhaben, und das alles mit ernstem Gesicht thun, ohne zu schreien oder zu traben oder zu weinen: das ist erstaunlich. Alle sind anders als er, bloß der weiße Spitz, der neben ihm durch den ungeheuren Raum geht, der ist wie er. Sie essen zusammen; und sie schlafen dicht nebeneinander. Und von Zeit zu Zeit, das ist am Sonnabend, werden sie 21 zusammen von Wieten in die große Waschbalje gesteckt, bis an die Ohren ins Wasser.

Sie sind alle anders. Man denke an die Pferde, an die Menschen, an die Kühe. Bloß er und Spitz sind ganz gleich.

Einmal hofften sie, sie bekämen einen richtigen Gesinnungsgenossen. Ein Fohlen graste neben der Mutter auf der Hofstelle. Daß das Mutterpferd zu den sonderbaren ernsten Wesen gehörte, das erkannten sie beide sofort. Aber in dem Fohlen spürten sie verwandte Weltanschauung. Aber als der Spitz dem Fohlen zu nahe kam, schlug es aus. Hei, wie schlug es aus! Heulend stoben die beiden ins Scheunenthor. Dort standen sie, sahen ängstlich auf das Fohlen und bellten. So sagte er nämlich. Er sagte nicht: Wieten hat gescholten, sondern: Wieten hat gebellt. So sehr war der Spitz sein Kamerad und Gleichgenoß.

Es war kein Mensch da, der Jörn Uhl an die Hand nahm und ihm die Erscheinungen deutete. Wieten hatte nicht Zeit, und die anderen hatten keine Lust. Daß es so war, war wohl gut. Denn nun hieß es nach Robinsons Weise: Auf, entdecke dir selbst Land, Wasser, Geräte und Nahrung!

Er und Spitz jagten eines sonnigen Tages mit lautem Hallo in den Burggraben, um eine Wasserratte zu fangen, die da schwamm. Sie wurden beide herausgezogen, bekamen beide von Wieten ihre Schläge, wurden beide nebeneinander ins Bett gesteckt und bellten sich einander an. Das war so eine Entdeckungsfahrt.

Sie wußten beide nicht, was ein Keller war. Sie meinten, es wäre eine Tiefe ohne Boden, mit großen Eidechsen als Balken und Ständern. Eines Tages, als sie eine Wette gemacht hatten, wer am ersten ans andere Ende der Diele käme, und losstürmten, kam plötzlich vor ihnen 22 eine drohende Stimme aus der Erde. Große Runkelrüben flogen rechts und links herauf. In gewohnter Eintracht flogen sie beide dem Knechte auf den Kopf. Nachher saßen sie, heulend und bellend, an der Leiter, die am Pferdestalle stand, und erzählten sich die schrecklichen Dinge, die sie gesehen hatte.

So entdeckten sie zusammen alles, was sie umgab, und bekamen eine bedeutende Erfahrung.

Aber eines Tages wurde das Verhältnis zu Spitz ein anderes.

Sie waren bisher beide, so drei- oder viermal am Tage, in die Hinterstube gelaufen und hatten das kleine Mädchen, das in der Wiege lag oder im Stuhle saß, gestreichelt und umwedelt, und waren dann wieder hinausgelaufen und hatten sich weiter um das Kind nicht gekümmert. Aber eines Tages, als er mit Spitz im schönsten Sonnenscheine von der Weide kam, stand das kleine Mädchen draußen vor der Küchenthüre und sah mit großen, ängstlichen Augen in die Umgebung. Niemals haben zwei sich so gewundert, als Jörn Uhl und Spitz. Daß so etwas möglich war! Sie nahmen das kleine Ding gleich in die Mitte und gingen mit ihm auf den Weg, wo in den Wagenspuren schönes, lehmiges Wasser war, und fingen an, Gräben zu ziehen und Deiche zu bauen.

Von der Zeit an verlor Spitz an Bedeutung. Jörn spielte nun den ganzen Tag mit dem kleinen Mädchen. Der Hund war immer weniger Kamerad; er wurde immer mehr nur Spielzeug.

Das kleine Mädchen lernte die Umgebung rascher kennen als derzeit der Junge. Der Junge hatte Spitz zum Führer gehabt, einen unsicheren, unzuverlässigen Führer; aber das kleine Mädchen hatte den Bruder zum Führer. Der wußte 23 und konnte alles. Der führte sie durch das ganze Haus und nach dem Backhaus und nach der Scheune und über den Steg nach der Weide, wo die Kälber liefen. Und eines Tages sagte er: »Komm, wir wollen nach Ringelshörn hinauf.«

Er nahm sie an die Hand; Spitz lief bellend voraus. So gingen sie den Fahrweg hinauf, bis das alte Land vor ihnen aufstieg.

»So, nun man zu!«

Mühsam steigen sie hinauf. Es geht schwer und steil aufwärts durch die Heide. Sie müssen unterwegs Rast machen. Da kommt Jörn auf den Einfall, dem Spitz, der doch immer voranläuft, das Segelgarn ans Halsband zu binden, das er in der Tasche trug. Der soll sie hinaufziehen. So geht es höher, immer höher. Nun ein Sandloch, nun wieder Heide, nun hoher Ginster, an dem sie sich halten können. Da ruhen sie ein wenig. Endlich sind sie oben und wollen die Hände heben und Juhu rufen. Da packt sie der Ostwind, von dem sie unten nichts gemerkt haben. Hier oben auf der Heide hat er frei Feld. Er fährt dem kleinen Mädchen in die Haare und in den Rock, und stößt sie an und wirft sie um. Jörn springt zu, um sie wieder auf die Füße zu stellen, aber Spitz versteht das alles ganz falsch. Er ist zu dumm. Er meint, sie wollen wieder hinunterklettern, und springt den Abhang hinunter. Da verwickelt Jörn sich in das Tau, und die drei kollern, spatteln und purzeln den Abhang hinunter, bis sie im nächsten Sandloch bei einander liegen. Und oben steht mit seinen dicken Backen der Ostwind und beugt sich über den Rand und lacht.

»So!« sagt Jörn, nachdem sie eine Weile geheult haben. »Das ist gut abgelaufen.«

Sie steigen wieder hinaus. Aber der Hund will nicht mit. Er wird gelockt; er wird mit schweren Worten an seiner 24 Ehre angefaßt; es wird ihm eine Zeit des Hungers drohend vor die Seele gestellt; er wird mit Sand und Erdbulten beworfen. Er versteht das alles, denn er wedelt und zittert und bellt jämmerlich um Entschuldigung. Aber er hat nicht den Mut. »Laß ihn, Elsbe, er ist 'n Bangbüx.«

Sie setzen sich oben in den kalten Wind in die Heide, und sehen eine Weile still in die weite, ebene Marsch hinab und auf die Gebäude der Uhl zu ihren Füßen.

»Du,« sagt die Kleine, »warum haben wir keine Mutter? Alle haben Mütter, bloß wir nicht . . . Du, Jörn, was thut die Mutter?«

»Was meinst du?«

»Ja . . . ich meine mit den Kindern?«

»Sie thut so, so . . . immer so hin und her, auf den Armen, und dann sagt sie: ›Mien lüttje Witte! Mien lüttje Popp,‹ und so was. Ich habe es gestern noch gesehen, als ich Hinnerks Stiefel vom Schuster holte.«

»Eine Mutter muß überhaupt nicht tot bleiben,« sagte Elsbe.

»Thut sie auch nicht. Bloß, wenn sie nicht aufpassen.«

»Wer hat denn nicht aufgepaßt?«

»Vater nicht! Und die anderen auch nicht! Es sind ganz viele Leute im Hause gewesen, und haben gegessen und bloß ans Essen gedacht.«

»Vater auch?«

»Ja.«

»Weißt du das gewiß, Jörn?«

»Ja, Fiete Krey hat es mir gesagt.«

Elsbe stößt mit dem Fuß auf die Erde und ist so eifrig, daß sie nicht über die erste Silbe hinwegkommen kann: »W . . . weißt du das so gewiß? So furchtbar gewiß als ich hier stehe?«

25 »Ja.«

»Warum hat er denn nicht aufgepaßt?«

Jörn springt ein wenig hinunter in die Heide und sagt ganz laut mit abgewandtem Gesicht: »Weil er besoffen gewesen ist.«

Sie wissen beide noch nicht ganz, was das Wort im Munde führt. Aber sie haben oft im Hause von den Brüdern Worte gehört, wie: »Der besoffene Lümmel,« oder: »Du warst gestern auch besoffen.« Sie fühlen, daß es etwas Schreckliches ist, und reden nicht weiter, und Jörn sagt: »Du . . . weißt du was? Wenn Wieten heute abend zu uns in die Stube kommt, dann wollen wir beide mit einem Mal sagen: Mutter Klook.«

»Ja! . . . Und wenn Fiete Krey kommt, sagen wir: Vater Krey.«

Nun steigen sie lachend den Abhang hinunter, von Bult zu Bult, am Heidekraut sich haltend.

* * *

Als sie älter werden, beginnt abends ein neues Leben für sie: Sie dürfen nach dem Abendbrot noch zwei Stunden aufbleiben. Dann sitzen sie in Wietens Stube, um den viereckigen Tisch. Und alle vier Seiten des Tisches sind besetzt: an der einen sitzt Wieten, an der anderen sitzt Jörn, an der dritten sitzt Elsbe. Und an der vierten Seite, zwischen Jörn und Elsbe, sitzt Fiete Krey.

Tagsüber kann Fiete Krey nicht kommen. Dann muß er mit dem Hundefuhrwerk unterwegs weithin in die Marschdörfer, und muß Bürsten und Heidebesen, Striegel und Leuwagen verkaufen. Und zuweilen geht er in die Schule. Aber abends kommt er.

26 Er kommt an jedem Abend. Er ist im Winter ein wenig verfroren und im Sommer ein wenig müde; aber er ist immer guter Dinge. Besonders im Winter ist es gemütlich.

Es fängt immer in derselben Weise an. Wieten legt einen ganzen Haufen Strümpfe und Knäuel und Flickwerk auf den Tisch, setzt die Lampe in die Mitte und schiebt das Flickwerk zur Seite. Und dann liegt ein großes Stück Brot, mit derbem Speck belegt, vor Fiete Krey. Er greift danach. Niemals hat Jörn Uhl diesen raschen, starken Griff vergessen und die magere, verfrorene Knabenhand, die nicht immer ganz sauber war.

Einer der Brüder kommt herein, Hans oder gar August: »Fiete, du sollst mit uns Karten spielen. Uns fehlt der vierte Mann.«

Aber Jörn und Elsbe schreien: »Nein, nein!« und halten ihn fest.

Dann tritt Hans wohl an den Tisch und sagt drohend: »Wenn du nicht mitkommst, sage ich zu Vater, daß du hier jeden Abend satt gefüttert wirst. Du gehörst überhaupt in die Leutestube.«

Aber da sieht Wieten den langen, dummen, unfertigen Jungen über die Brille weg scharf an und deutet nach der Thüre: »Scher dich! Hier ist mein Reich. Und wenn du noch einmal wiederkommst, sage ich deinem Vater, daß du junger Lapp in der vorigen Nacht unterwegs gewesen bist, du Nichtsnutz. Du wirst noch der Schlimmste von allen dreien.« Und zuweilen hebt sie noch drohend die Hand und sagt: »Ich weiß es, du und deine Brüder: ihr müßt euch noch 'mal euer Brot auf den Stoppeln suchen.«

Dann lacht er und schilt und geht davon. Und nun haben sie Frieden.

27 »Und nun soll Fiete erzählen, was er erlebt hat,« sagte Jörn.

»Nein,« sagt die Kleine wichtig, »erst soll Wieten erzählen, und dann will ich erzählen, und dann soll Fiete erzählen.«

»Na, denn man los!«

Wieten wühlt in dem Flickhaufen, greift nach diesem und jenem Knäuel und zieht die Fäden über das Loch, das im Strumpfe klafft, und erzählt morgen jene Geschichte und heute diese:

»Als ich in Schenefeld war, da erzählte die Frau: Da wär 'mal ein Bauer gewesen, der hat mit dem Teufel zusammen einen Krug Land geheuert auf zwei Jahre. Da sagte der Teufel zu dem Bauern: ›Du sollst das Land bestellen. Wir wollen aber darum würfeln, wer das haben soll, was über der Erde wächst, und wer das haben soll, was unter der Erde wächst.‹ Na, das ging denn ja los. Und der Teufel hatte natürlich die meisten Augen und sollte nun alles haben, was oben wuchs. Da ging der Bauer hin und bestellte das Feld mit lauter Runkelrüben. Und als der Herbst da war, bekam der Teufel die Blätter.

Na, . . . im nächsten Jahre würfeln sie denn ja wieder. Und der Teufel wirft nun ja natürlich die wenigsten Augen, und soll ja denn nun alles haben, was unter der Erde ist. Da ging der Bauer hin und bestellte das Feld mit lauter Weizen. Und als der Herbst da war, bekam der Teufel die Wurzeln.

Nun schimpfte er denn ja natürlich dem Bauern die Haut voll. Und zuletzt sagte er: ›Morgen komme ich wieder. Dann sollst du dich mit mir kratzen.‹ Da wurde der Bauer denn ja bange.

Aber seine Frau merkte, daß er immer mit der Hand 28 hinterm Ohr saß und traurig war. Da fragte sie ihn: ›Was ist dir in den Nacken geflogen?‹ Da sagte er ihr: ›So und so. Und morgen soll ich mich mit dem Teufel kratzen.‹ Da sagte die Frau: ›Sei man ganz ruhig. Ich will schon mit ihm fertig werden.‹

Also, was zu thun? . . . Sie setzt sich hin und wartet und thut, als wenn sie giftig ist.

Richtig kommt der Teufel und sagt: ›Was fehlt Ihr denn, kleine Frau?‹ ›Ach,‹ sagte sie, ›sieh doch bloß 'mal diesen großen Riß in meinem schönen Eichentisch! Mein Mann sagt: Er soll sich mit einem andern Mann kratzen. Da hat er zur Probe mit dem Nagel von seinem kleinen Finger diesen großen Riß gerissen.‹

Der Teufel sah nach der Thür und sagte: ›Wo ist er denn jetzt hin?‹

›Wo soll er sein? ‹ sagte die Frau. ›Er ist nach dem Schmied gegangen und läßt sich die Nägel schärfen.‹

Da ging der Teufel sachte nach der Thür und machte, daß er fortkam.«

Fiete Krey und die kleine Elsbe saßen still, unbewegliche Augen auf Wieten gerichtet; Jörn hörte nicht mehr. Er versuchte, zwei Wollknäuel aufeinander zu stellen, und versuchte es immer wieder, und atmete hoch auf, als es ihm gelungen war.

»Wenn er gekommen wäre,« sagte Elsbe, »hätte der Bauer ihn tüchtig gekratzt. So!« Und sie fuhr mit gekrümmtem Finger über den Tisch und machte ein grimmiges Gesicht dazu.

»Mit dem Teufel ist das nichts,« sagte Fiete Krey, »aber die Unterirdischen, das sind gute und freundliche Leute. Die haben schon manchen Menschen reich gemacht; aber 29 merkwürdig ist, daß ich noch niemals einen von ihnen gesehen habe. Nicht einen einzigen. Ich bin doch manchmal mit meinen Hunden ganz allein durch die Heese gekommen und am Wodansberg vorbei. Und manchmal habe ich den Wagen auf dem Wege stehen lassen und bin in den Wald geschlichen; aber ich habe nichts gesehen.«

»Im Wodansberg wohnen sie,« sagte Elsbe.

»Ich glaube es nicht,« sagte Jörn.

»Du glaubst gar nichts!« sagte Wieten.

»Einmal,« sagte Fiete Krey, »war es so heiß. Da ließ ich die Hunde mit dem Wagen im Schatten stehen, nicht weit vom Wodansberg, wo der Weg nach dem Tunkmoor umbiegt. Ich ging ein bißchen in den Wald hinein und legte mich auf das trockene Laub, nicht weit von einem großen Haselbusch, und bin ja wohl eingeschlafen. Ich wurde davon wach, daß es in dem Laube raschelte. Und als ich die Augen so eben aufmachte, schien mir, daß drei oder vier kleine Leute, bißchen größer als Eichhörnchen, in den Haselbusch hineinliefen. Gleich danach rief es aus dem Busche, als wenn sie sagten: ›Schlafmütz‹. Ich sah mich um, und wühlte das ganze Laub auf; aber da lag weder Gold noch Geld.«

Wieten sah den Erzähler bedenklich an. Die Erzählungen Fiete Kreys sind ihr immer ein Gegenstand der Sorge. Er ist immer gleich so praktisch wie alle Kreyn. Er begnügt sich nicht damit, daß der und der Teufel überteufelt oder daß der und der, früher 'mal, von den verborgenen Schätzen bekam, sondern er, Fiete Krey, wartet darauf, daß er auf diesem Wege Geld bekommt. Er liegt hinter jedem Busch, und lauert hinter jedem Stamme, und wartet auf das Erscheinen des blanken Goldes.

Jörn sieht von seinem Spiele zweifelnd auf und sagt 30 bedenklich: »Es sind gewiß Eichhörnchen gewesen; und was du gehört hast, das sind Mäuse gewesen: die haben gepiept.«

Fiete Krey schüttelt verächtlich den Kopf. »Wenn man bloß wüßte,« sagte er, »wie man an sie herankommen könnte.«

»Die Frau in Schenefeld,« sagte Wieten, »bei der ich diente, als ich jung war, die sagte, daß sie alle miteinander ausgewandert sind, mit Pack und Sack, mit Frau und Kindern.«

»So?« sagte Fiete. »Wohin denn?«

»Ja, genau kann ich das nicht sagen. Ich glaube, sie sind ins Vaalermoor und in die Gegend der Wilstermarsch gezogen; vielleicht gar über die Elbe. Aber Theodor Storm: der behauptete immer, sie wären nach Dithmarschen gekommen.«

»Theodor Storm: sagst du immer? Wer war denn das?«

»Wer es war? Er sagte, er wäre ein Student. Er kam damals öfter in die Gegend von Schenefeld. Er und ein gewisser Müllenhoff. Sie stahlen dem lieben Gott die Zeit, lagen in den Dörfern umher und hörten am liebsten solche alte Geschichten. Und besonders auf mich hatten sie es abgesehen, weil sie wußten, daß meine Frau viele Geschichten kannte. Die aber wollte ihnen nichts erzählen. Da kamen sie zu mir. Jeden Abend, wenn ich nach der Rethkoppel ging und die Kühe molk, standen sie schon da und wollten Geschichten hören. Dabei tranken sie mir einen halben Eimer Milch aus.«

»Was sagten die denn?«

»Ich habe es dir ja schon gesagt. Sie meinten, sie wußten alles besser. Jeden Spruch kannte der Storm anders; und jede Geschichte erzählte er anders. Er sagte, er wollte von diesen Geschichten ein Buch schreiben. Ich habe ihn mehr als einmal einen dummen Jungen genannt 31 und da stehen lassen, wo er stand, und bin mit meinen Milcheimern davongegangen.«

Fiete Krey sah sie mit zusammengekniffenen Augen an: »Was meinte der denn, wo die Unterirdischen geblieben sind?«

»Was der meinte? Was geht mich das an? Ich gebe gar nichts darauf. Meine Frau in Schenefeld erzählte so:

›Der Fuhrmann an der Hohner Fähre wird eines Nachts herausgerufen, und als er hinausgeht, sieht er keinen einzigen Menschen und meint, er hat geträumt, und geht wieder zu Bette. Da aber wird Erde oder Sand gegen das Fenster geworfen, und er steht wieder auf und geht hinaus. Da grimmelt und wimmelt es vor seinem Hause, bis an das Wasser hin, von lauter kleinen, grauen Leuten. Und einer mit einem langen Bart, der sagt zum Fährmann, er solle sie über die Eider setzen, sie könnten den Kirchengesang und das Glockengeläute nicht länger ertragen; sie wollten nach der Marsch auswandern: da waren damals noch keine Kirchen. Der Fährmann machte die Fähre los, und nun kamen sie alle in den Prahm hinein, Männer und Frauen und Kinder, mit Betten und Kochgeschirren, und mit Silber- und Goldgerät, alles dicht aneinander gedrängt, daß der Prahm ganz voll ist. Und so geht es die ganze Nacht hindurch, hin und her, Prahm nach Prahm, und immer war die Fähre gleich voll. Als sie dann endlich alle hinüber sind, und er wieder zurückgefahren ist, da ist auf der anderen Seite das ganze Feld voll von vielen Lichtern. Sie hatten alle kleine Laternen angesteckt, und so zogen sie weiter nach Westen zu. Als aber der Fährmann am Morgen nach der Fähre hinuntergeht, liegen auf dem Steinrand viele tausend kleine Goldpfennige. Da hat jeder von den Unterirdischen seinen Fährlohn hingelegt.‹

32 Storm sagte damals, sie hätten ans Fenster geklopft; ich aber sagte, sie haben Sand dagegen geworfen. Darüber haben wir uns gestritten. Ich ließ ihn schließlich stehen, wo er stand, und kümmerte mich nicht um sein Nachrufen.«

»Was rief er denn, Wieten?« fragte Elsbe.

»Er wollte mich ärgern und rief immer: ›Dreh dich nicht so! Dreh dich nicht so!‹ Aber wenn man eine Milchtracht hat von zwei großen, vollen Eimern, und Tracht und Eimer mit Messing beschlagen, dann soll man wohl einen schweren Schritt bekommen.«

»Wo ist dieser Storm jetzt?« fragte Fiete.

»Wo mag der sein? Ich glaube, er sagte, er wolle Landvogt werden. Der und Landvogt! Aus dem ist nie was geworden.«

»Hat er das Buch auch nicht geschrieben?«

»Der? Der war so faul, daß er einmal einen ganzen Nachmittag lang auf der Wiese lag, so lang er war, von einer Milchzeit bis zur anderen. Er sagte, er thät's um den Wald, der sähe so fein aus im ersten Laube. Der hat sicher kein Buch geschrieben und ist auch nicht Landvogt geworden.«

»Jörn hört gar nicht zu!« sagte klein Elsbe, und stieß ihn an. »Hör doch zu, Jörn!«

»Sieh 'mal!« sagte Jörn. Er hatte aus drei Scheren und aus Wietens Brillenfutteral eine Brücke vom Nähkorbe hinab zum Tische gebaut und drückte mit der Hand darauf und zeigte, wie stark sie war, und sah mit Stolz auf die andern.

»Du, Wieten, was sagte Storm von unserem Goldsoot? Sagte er ebenso wie du, oder sagte er anders?«

»Ich merke schon,« sagte sie, und sah Fiete Krey scharf an: »Du glaubst dem Storm mehr als mir. Du mußt 33 immer was Neues haben . . . Von dem Goldsoot . . . von dem wußte ich damals noch gar nichts. Von dem habe ich erst gehört, als ich hierher kam und ihn hier gesehen habe.«

Fiete Krey stützte den Kopf in die Hand und sah gerade auf Wieten. Seine runden Knabenaugen, die sonst so keck und frech in die Welt blickten, sahen schwer grübelnd darein. Der Goldsoot lag nicht weit vom Dorfe in einer Mulde am Rand der Geest. Es war seine große, geheime Hoffnung. »Du, Wieten, erzähle es noch einmal!«

»Willst du mir glauben oder dem langen Husumer?«

»Dir!« sagte Fiete Krey und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Na, denn hör zu! Das ist so gewesen . . . Es soll hier in der Gegend ein schwerreicher Mann gelebt haben, der ist ohne Kinder gestorben. Vorher aber ist er in einer dunklen Nacht nach der Mulde am Geestabhang gegangen und hat all sein Geld in den Quellbrunnen geworfen. Nun sagen sie: Wenn man mit einem Stocke hineinstößt, klingt es hohl, und einige sagen: Wenn man in den Grund der Quelle hinabsieht, kann man zuweilen einen kleinen, grauen Mann da sitzen sehen, der hat einen dreieckigen Hut auf. So ist es . . . Und einmal, da haben sich drei Männer in der Nacht aufgemacht, haben stillschweigend die Quelle aufgegraben und sind auf einen großen Braukessel gestoßen. Da legten sie einen Windelbaum quer über das Loch, und legten Stränge um die Ohren des Kessels und wollten ihn gerade hinaufziehen. Da kam ein ungeheures Fuder Heu, mit sechs grauen Mäusen bespannt, von der Marsch herauf, sauste an ihnen vorbei und raste nach Ringelshörn hinauf. Sie bissen die Zähne aber zusammen und schwiegen still. Sie zogen an und hatten den Kessel schon bis fast an den Rand hinaufgezogen: da kam ein grauer Mann auf einem alten 34 Schimmel von der Marsch herauf, an ihnen vorüber und bot ihnen einen guten Abend. Na . . . sie behielten die Besinnung und antworteten keinen Ton. Da hielt der Mann mit dem Schimmel an und fragte, ob er wohl dem Fuder Heu noch nachkommen könnte? Da wurde der eine von den dreien giftig und sagte: ›Den Deubel! Du Schrackel?‹ Im selben Augenblick brach der Windelbaum; der Kessel stürzte wieder in die Tiefe, und der graue Mann war verschwunden.«

»Aber neulich,« sagte Elsbe, »hat Fiete von der Hexe Gold bekommen. Weiß du wohl, von der Hexe, die in den Hooper Tannen wohnt!« Sie nestelte an ihrem Kleide und brachte eine blanke Münze hervor und legte sie vor sich auf den Tisch.

Fiete Krey sah mit starrem Blick auf die Münze; dann sah er, wie gezwungen, wie ein Verbrecher, der an der Schulter herangeschleppt wird, in Wietens Augen.

Die hob die Hand und sagte: »Wenn du Dummheiten machst, haue ich dir die Strümpfe um die Ohren; und mit dem Butterbrot ist es ein für allemal aus und vorbei.«

Er sah vor sich auf den Tisch und war einen Augenblick bedrückt und still. Dann fing er an, Elsbe den Inhalt seiner Tasche zu zeigen. Und dann mußte er seine Kunststücke machen.

Jörn schob sein ganzes Spielzeug, Bindfaden, Scheren und Holzstücke weg und sagte: »Man zu, Fiete!«

»Kunststück!« sagte Fiete Krey. Und während seine flinken Hände unterm Tische arbeiteten, flogen zwei bunte Kiesel, die er unterwegs in der Sandkuhle gefunden hatte, über die Ecke des Tisches hin und her.

»Noch eins.«

»Kunststück!« sagte Fiete Krey. Er zeigte seine leeren 35 Hände und steckte sie wieder unter den Tisch, und gleich darauf glitt ein graues Tierlein mit langem Schwanz, husch, husch über die Tischecke auf Elsbe zu, daß das kleine Ding sich mit erschrockenem Gesicht zurückbog. Als es aber zum zweitenmal vorüberhuschte, griff Jörn danach und hielt es lachend hoch und sagte: »Das ist ja Elsbes altes Taschentuch!«

»So,« sagte Wieten, »nun haben wir für diesen Abend Kunststücke genug gesehen. Nun müßt ihr zu Bett.«

Da gingen die drei ohne Widerrede in die Ecke, wo das Bett stand, und die beiden fingen an, sich zu entkleiden, und Fiete mußte der Kleinen die Bänder des Rumpfes aufmachen und die Strümpfe ausziehen. Dabei mußte er erzählen, was er an diesem Tage auf seinen Fahrten erlebt hatte: ob der große Hund auf der Hofstelle gewesen wäre, ob er auf irgend einem Hofe Mittagessen bekommen hätte, ob die Jungen in den Marschdörfern seine Hunde gereizt und ihn selbst mit Steinen geworfen hätten.

Er erzählte mit verhaltener Stimme, daß die Jungen da unten in der Marsch ihn wieder nicht in Ruhe gelassen hätten.

»Konntest du dich wehren?« sagte Elsbe.

»Nein . . . Sie kamen gerade aus der Schule und standen mit einem Male rund um meinen Wagen.«

»Waren es Uhlen?« fragte Jörn.

»Natürlich, lauter Uhlen. Von Dickhusen, von Neudeich und da herum.«

»Konntest nicht auskneifen?« fragte Elsbe.

»Die Leine hatte sich vertütert. Darum konnten die Hunde nicht laufen.«

»Was thatest du? Haben sie dich geschlagen?«

»Sie wagten sich nicht recht an mich heran, weil meine 36 Hunde auf dem Sprunge standen. Ich sage euch, die hätten zugebissen, wenn sie mich angerührt hätten. Aber es war doch eine schlimme Sache für mich: die Steine flogen mir man so um den Kopf.«

»Junge! Junge!« sagte Elsbe. »Was thatst du nun.«

»Ich besann mich rasch und sagte: ›Jungens,‹ sagte ich, ›kennt ihr die Geschichte von den Uhlen und Kreihen?‹

›Nee‹, sagten sie.

Da sagte ich: ›Ja, seht. Da waren 'mal vier Kreihen, die saßen auf einer Esche bei einem alten Bauernhause. Das dauerte nicht lange, da sah die Eule, die da wohnte, aus ihrer Thüre im Giebel und sagte: ›Guten Tag!‹

›Guten Tag,‹ sagten die Kreihen.

›Habt ihr Zeit,‹ sagte die Uhl. ›Denn könnt ihr euch einen Groschen verdienen.‹

›Gern,‹ sagten die vier; denn es lag ein alter, dicker Schnee über dem ganzen Lande, und da war wenig zu verdienen.

›Was mein Compagnon ist,‹ sagte die Uhl, ›der alte Tohms Geehl: der ist gestorben. Nun dachte ich, ihr solltet ihn zu Grabe tragen. Als mein alter Freund noch lebte, hat er manchmal zu mir gesagt: ›Jan Uhl,‹ sagte er, ›laß mich anständig begraben! Anständig gelebt, anständig zur Erde,‹ sagte er, denn er war ein gebildeter Mann. ›Nun seht: ihr vier habt gute, schwarze Röcke an und seid ehrbare Leute.‹

›Denn man zu! ‹ sagten die Kreihen und krochen hinter ihm her ins Uhlenloch.

Nun war es halb dunkel auf dem Boden. Und das Strohdach war niedrig. Sie konnten aber den alten Tohms Geehl doch bald liegen sehen: er lag im Heu und streckte alle Vier von sich und rippte und rührte sich nicht. Die 37 Uhl stellte sich zu seinen Häupten, und die Kreihen hüpften heran, schräg, als hüpften sie vorm Winde im jungen Weizen.

›Manche Maus haben wir hier auf diesem Boden zusammen gefangen, Tohms Geehl, das weißt du,‹ sagte die Uhl. ›Immer sind wir gute Freunde gewesen, und manchen Jux haben wir miteinander gehabt. Nun ist das alles aus und vorbei. Junge! Junge! Tohms Geehl! Was würdest du dich freuen, und was würdest du in die Höhe springen, wenn du noch lebtest, und ich zu dir sagte: ›Tohms, vier dumme, schwarze Kreihen stehen rund um dich . . .‹

Da sprang der Kater auf, und es gab eine tolle Kreihenjagd.

De eerst kunn nich mehr sehn,
De tweet verlor en Been,
De drütt de harr een tweien Rock,
De verte flog uut Uhlenlock.

›Und das bin ich!‹ sagte ich. Ich hatte das Tau in Ordnung gebracht, sprang auf den Wagen, und weg war ich.«

»So,« sagte Wieten, »nun geh nach Hause, Fiete.«

Da schlich sich Fiete Krey aus der Küchenthüre über den Weg unter seines Vaters niedriges Strohdach.

Dann geht auch Wieten Penn schlafen.

Gegen Mitternacht oder drüber hinaus kommen der Vater und die großen Brüder aus wüsten Gesellschaften nach Hause. Dann schlafen die Kinder schon lange in Frieden. 38

 


 

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