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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Als Jörn Uhl am anderen Morgen, in ziemlicher Frühe, vom Moor zurückkam, wohin er mit Thieß gegangen war, dachte er: »So! Nun sollen die beiden sofort aufstehen und mit mir in die Heese.« Aber als er sie erst in der Stube und dann in der Küche suchte, sagte Wieten zu ihm: »Ich soll dich von den beiden grüßen, Jörn; sie wären erst heute nachmittag für dich zu sprechen: den Vormittag solltest du mit Thieß zubringen.«

»Nein . . . Wieten!« sagte er, »der Junge . . . der macht förmlich schon Komplott mit ihr.«

»Das ist ja kein Wunder, Jörn! Sie ist in dem Alter, daß sie seine Mutter sein könnte; und sie hält viel von ihm. Das ist keine Anstellerei, Jörn.«

Er ging gehorsam wieder nach dem Moor hinunter, und kam erst zu Mittag nach Haus, und fand die beiden eben angekommen.

»Habt ihr euch gut vertragen?« sagte er.

»Wir haben auch nicht ein bißchen Streit gehabt,« sagte der Kleine, »und haben uns fix 'was erzählt. Heute nachmittag darfst du nun 'mal mit uns gehen.«

427 »Das ist schon etwas!« sagte Jörn Uhl.

Lisbeth wurde rot und lachte: »Wir thun mit dir, was wir wollen. Heute nachmittag sollst du mit uns nach dem Rugenberg gehen; wir wollen das Hünengrab sehen.«

»Wo der tote Mann darin gelegen hat.«

»Man los!« sagte Jörn Uhl.

* * *

Sie gingen fast eine Stunde durch die Heese und dann über eine Heide, kamen über Wiesen zu einer kleinen Holzbrücke hinunter und stiegen jenseits durch ein kleines Gehölz wieder hinauf: da lag der Rugenberg vor ihnen.

Es ist eine ansehnliche Anhöhe. Man hat einen Blick über ein weites und breites Moor, bis an jenseitige Höhenzüge. Auf der Spitze, unter jungen Tannen und Buchen, hat man alte Grabkammern geöffnet.

Als die drei hinauf stiegen und bis zu den Buchen gekommen waren, sagte der Kleine: »Du, Lisbeth, wollen wir uns hier ein wenig hinlegen?«

»Wollen wir, Jürgen?«

»Vater, hast 'n Messer bei dir? Denn mach' 'mal rasch ein Läuferloch; wir wollen läufern.«

»Was für 'n Einfall!« sagte Jörn Uhl. »Nun willst du mit einmal läufern? . . .«

»Wir haben's gestern auch gethan,« sagte Lisbeth.

»Weißt du noch?« sagte Jörn Uhl, »wie wir beide zum letztenmal miteinander geläufert haben?«

»Ja, und du fingst Streit an.«

Er lachte: »Das weiß ich doch nicht! Du griffst ins Loch und nahmst die Läufer heraus.«

»Die Läufer waren mein,« sagte sie.

Jörn Uhl rundete das Loch mit dem Messer. »Sie 428 waren nicht dein. Der sechste Läufer war am Rande stehen geblieben. Du sahst das wohl, aber du dachtest: Zulangen fackelt nicht. So warst du immer: vornehm und immer im Recht, sonst: Kopf in den Nacken!«

»So? . . . Ich weiß heute noch, wie die Läufer lagen. Von Zweifel war gar nicht die Rede. Gieb die Läufer 'mal her! Er lag im Loch. So lag er.«

»Der brennt!« sagte der Kleine. »Denn mußt du noch 'mal werfen.«

Jörn Uhl legte sich den beiden gegenüber ins Knie. »Hörst du, was der Junge sagt?«

Sie legte den Läufer noch einmal an den Abhang des Lochs, scharf am Rande: »So lag er.«

Der rollte hinunter.

»Siehst du,« rief er, »kann sich der Läufer da halten?«

Da langte sie rasch mit der Hand aus, riß die Läufer an sich und hielt sie in der geschlossenen Hand im Schoß und sah über ihn weg, als wenn sie mutterseelenallein wäre.

Er lachte: »Just so machtest du es damals! Und da langte ich nach dir und riß dich am Ohr.«

»Na? Und wie konntest du das thun?«

»Weil du das Spiel verdarbst! Aber du . . . du konntest nicht ertragen, daß ich dich anfaßte. Wie kann ein so grober Junge ein so feines Mädchen anfassen!«

»Mich am Ohr zu reißen? Dazu hattest du kein Recht.«

»Nein, ich . . . ich hatte kein Recht! Aber du . . . du hattest immer recht. ›Jürgen, wir wollen spielen! Jürgen, wir wollen 'mal sehen, wie auf Ringelshörn der Wind weht! Jürgen, wir wollen Stichlinge fangen!‹ Aber wenn Jürgen 'mal recht Kamerad sein wollte und wollte dich 'mal anfassen als seinesgleichen, dann gab's ein erschrecktes Gesicht und 429 Zorn. Und das würdest du jetzt noch ebenso machen! So 'n Rühr-mich-nicht-an! Zehn Schritt vom Leibe! Wer dich zur Frau begehrt, der muß ein waghalsiger Mensch sein.«

Er sah sie halb mutwillig und halb verlegen an. Als er aber sah, daß sie ganz verwirrte Augen hatte, sagte er mit dem sanften Ton, mit dem er zu dem zornigen Kinde gesprochen hatte: »Gieb die Läufer her, Heintüüt! Pass' 'mal auf: wir wollen das Spiel 'mal fertig machen. Wer von den sieben Läufern sechs ins Loch wirft, der soll damals recht gehabt haben.«

»Nein,« sagte sie, »ich will nicht. Ich will mein gutes Recht nicht aufs Spiel setzen.«

»Das thäte ich auch nicht,« sagte der Kleine.

»Denn nicht!« sagte Jörn Uhl, »denn nicht!« Und fing an, mit den Läufern, die da noch lagen, einigemal zu werfen. Sie sah patzig geradeaus.

Als sie aber sah, daß er so ängstlich warf, daß höchstens einer hinein lief, da meinte sie, daß ihre Aussichten gut wären. Sie lachte hell auf und sagte: »Denn man zu; ich will!«

Nun warfen sie eifrig und kamen mit den Köpfen immer näher zusammen, und der Junge lag fast überm Loch und machte sich über die schlechten Würfe lustig und rief immer: »Nein doch! Laßt mich 'mal!«

»Nein, Jung', nachher!«

Da gelang es Jörn Uhl, trotz des unebenen Bodens, sechs hinein zu werfen.

Aber im selben Augenblick griff sie mit rascher Hand zu, riß die Läufer an sich und sagte: »Jürgen! Wahrhaftig, du hast betrogen! Du hast den Daumen vorgehalten!«

Aber im selben Augenblick hatte er sie am Ohr und schüttelte sie. Aber er sah sie ängstlich und verlegen an; er dachte: Wie wird das ablaufen!

430 Aber sie beugte den Kopf so, daß seine Hand weich zwischen ihrer Wange und Schulter lag und sah ihn verlegen lächelnd an.

Er zog die Hand langsam zurück und sagte leise und erregt: »Du bist doch anders als ich gemeint habe . . . Wie fein und rein ist dein Gesicht; ich erkenne deutlich das Kindergesicht.«

Der Kleine, dem es langweilig geworden war, war aufgestanden und ein wenig nach der Höhe hinauf gegangen. Plötzlich sagte er von oben herab: »Sieh 'mal, Vater, kannst sehen? Da oben sitzt ein Mann im Gras . . . Weißt, wer das ist?«

»Ich seh' gar nichts, Junge. Wo denn?«

»Da? kannst nicht sehen? Und soll ich 'mal sagen, wer es ist?«

»Wer denn, Jung'?«

»Heim Heiderieter ist es! Der manchmal Kälber an dich verkauft hat!«

»Wahrhaftig!« sagte Jörn Uhl und stand auf. »Siehst du, Lisbeth?«

Da stand Heim Heiderieter schon auf und sah mit großen Augen auf sie hinunter.

»Wer seid ihr?« rief er. »Wodan schrecke euch, und Thor hebe drohend seinen Hammer . . . Aber Freya lenke des Weibes Seele, daß sie mir wohlgesinnt ist . . . Ach, du bist es, Jörn Uhl! Der in der Höhe nach den Sternen sieht; was will der hier, wo die Fußspuren unserer Väter in den Gräbern liegen? Lisbeth Junker: weil er dich mitgebracht hat samt seinem kleinen Jungen, so soll auch er auf dieser sonnigen Höhe willkommen sein.«

Lisbeth und der Kleine liefen vorauf, und Lisbeth gab ihm die Hand und sagte leise und rasch: »Du wirst 431 gehört haben, daß Jürgen den Hof aufgegeben hat. Er ist aber froh darüber, weil er die Sorgen los ist. Rede nicht mit ihm von alten Zeiten.«

»Was pfeift sie da?« sagte Jörn Uhl. »Sie pfeift wie 'n Buchfink am Küchenfenster . . . Was treibst du hier, Heim?«

»Das will ich dir rund und ehrlich sagen,« sagte Heim. »Vor einem Jahre haben der alte Peter Voß von Vaale und ich und einige andere eine Steinkammer hier oben geöffnet, und haben darin einen toten Mann gefunden und haben ihn nach Kiel in unser Museum abgeliefert.«

»Wo lag er?« sagte der Kleine.

»Da . . . Siehst du? In dem kleinen Keller von Grausteinen . . . Nun bin ich neulich in Kiel gewesen und habe mit meinem lieben Freunde, dem Pastor Biernatzki aus Hamberge, zum zweitenmal vor dem kümmerlichen Skelett gestanden und vor den armseligen, schwarzen Resten des Bootes, darin sie den Mann damals begraben haben. Da sagte Biernatzki – du kennst Biernatzki doch, Jörn? Wir haben dich 'mal auf der Uhl besucht: ein langer, schwarzer Mensch? Er sagte: ›Heim‹, sagte er, ›du mußt 'mal erzählen, was der Mensch erlebt hat.‹

Ich sage: ›Warum? Weil er so 'n merkwürdig starkes Gebiß hat, was? Hast schon gesehen? Seine Vorderzähne sind wie seine Backenzähne, an der Krone abgeplattet.‹

›Nein,‹ sagt er, ›nicht wegen seiner Zähne! Sondern weil er einen guten Hinterkopf hat! Ich glaube, der Mann hat einen sonderlichen Geist gehabt.‹

So sagte er. Und seht, ihr drei: darum bin ich hierher gegangen . . . Und – was meint ihr?« er schlug mit der Hand ins Gras: »Hier, an dieser Stelle, wo sie ihn vor dreitausend Jahren begraben haben, da habe ich erfahren, was er erlebt hat!«

432 Da rief Jörn Uhl: »Junge, Heim! . . . Nun geht es wieder mit dir durch!«

Aber Lisbeth Junker sagte: »Weißt du was? Du sollst es uns erzählen! . . . Hier auf der Stelle! Man zu, Heim!«

»Du sollst dich mir gegenüber setzen,« sagte er; »denn ich mag dich gerne ansehen. Und Jörn Uhl soll nicht so 'n hochmütiges Gesicht machen! Der meint natürlich, ich phantasiere alles zusammen. Aber ich sage dir, Jörn: es liegt ebensoviel Wahrheit in dem, was ich von dem Toten erzählen will, als wenn du von Erdschichten redest oder von Unkrautsamen. Ich will die reine Wahrheit berichten.«

»Gott bewahre!« sagte Jörn Uhl. »Denn man zu! Zeit genug haben wir!«

Da legte Heim Heiderieter sich lang hin, stützte den krausen Kopf in die Hand und erzählte:

 

»Wenn man von diesem Hügel dort hinunter geht, dann kommt man an einen verlassenen Bachlauf. In jedem Frühling und Herbst staut sich dort noch heute das Wasser und schwemmt noch heute allerlei Erde zusammen, und das Thal des Baches ist in magerer Umgebung ein breiter grüner Strich.

Vor dreitausend Jahren lief dort ein kräftiges Wässerlein; denn alle diese Höhen rund umher waren mit einem dichten Waldgewirr überdeckt: Linden und Buchen, Birken und Eichen wuchsen und kämpften nebeneinander. Hasel und Schlehen und wilde Äpfel wuchsen und wühlten unten an den Knieen der großen Brüder; wo ein Großer im Herbststurm gestürzt war, machten sie sich breit und drängten sich an die Sonne.

Der Wald auf den Höhen und das Wasser in den Tiefen waren damals Herren im Lande. Der Mensch 433 bedeutete noch nicht so viel wie jetzt; doch hatte er es schon so weit gebracht, daß er die Tiere, die mehr Kräfte hatten als er, nicht so sehr mehr fürchtete. Hier und da, wo zwischen Wasser und Wald ein wenig Freiplatz war, standen selten und vereinzelt ihre Hütten. Junge Baumstämme waren auf dem nackten Erdboden als Sparren gegeneinander gestellt und mit Reth vom Moorrand überdeckt. Schwere Bulte von Grassoden lagen oben auf der First, dem Gebäude Schwere zu geben gegen anstürmenden Herbstwind, und dem andauernden Regen das erste Hindernis zu bieten.

Am schmalen Bach, unter den hängenden Buchenzweigen, wohnte damals ein Mann in erster bester Kraft. Er hatte früher irgend einen anderen Namen gehabt, aber seit seinen ersten Jünglingsjahren wurde er Bootsmann genannt, darum, weil er mit unermüdlichem Eifer aus Lindenholz kleine Boote höhlte und kleine Segel von Bast darauf setzte und sie im Bach erprobte. Wenn er dann ausgeprobt hatte, machte er nach dem Modell ein großes Boot mit einem großen Segel aus Rindshaut und erprobte es in der Elbbucht, welche jetzt das Moor ist, das dort liegt. Er war so in seinem Arbeiten und Probieren versunken, daß er sich den ganzen Sommer hindurch nicht um die Mädchen bekümmerte, die sich mit Geschrei an der Bachbiegung badeten. Auch kümmerte er sich nicht um das Feld, noch um Kuhhaltung, noch um Jagdtiere für den Winter. Und war also, wie alle Erfinder, leichtsinnig, unpraktisch, und dem Winter nicht gewachsen.

So bastelte er und probte er den ganzen Sommer. Wenn aber der Winter da, und der Hunger groß war, sprang er im eiligen Laufe durch Schnee und kalten Ostwind – denn sein Wolfsfell war dünn und schäbig – zu der Hütte, die zu unterst am Bach lag. Dort wohnte ein Graubart, der den ganzen Sommer nichts anderes that, als 434 daß er auf sein Gerstenfeld in der Sonne paßte und auf seine Schweineherde unter den Eichen, und im ganzen Winter nichts anderes, als daß er diese Gerste in einem großen Suppentopf kochte und austrank und, vom Herdfeuer sich aufrichtend, nach oben in den blaugrauen Dunst langte, wo breite und schwere Speckseiten hingen. Dort lag der Bootsmann den ganzen Winter, zwischen Feuer und Rauch, kochender Gerste und Speckseiten, und führte tiefsinnige Gespräche: ob Thors Hammer von Gold oder von Erz wäre, . . . ob auch die in Wodans Halle kämen, die jung in der Hütte stürben, ohne tapfere Thaten gethan zu haben, . . . ob die Menschen es noch 'mal so weit bringen würden, daß sie ein Boot bauen könnten, so groß, daß es hundert Menschen trüge. Und dergleichen mehr.

Wenn aber die ersten Frühlingstage kamen, tauchte der Bootsmann aus dem Rauch auf, stieg in den Bach, wusch sich Rauch und Fettkruste ab, die sich beim langen Liegen angesetzt hatte, und ging, glänzend blank und mit straffer Haut, wieder an seine Arbeit.

Einmal nun, mitten im Arbeiten, kam ihm ein großer Gedanke. Der Gedanke kam so auf ihn herabgeschossen, daß er nach dem Häher aufsah, der gerade über ihn wegflog, als hätte der ihn fallen gelassen. Er wollte ein ganz anderes Boot bauen, er wollte schlanke, junge Stämme in Bootrundung biegen, mit Riemen schnüren und mit Ochsenfell überkleiden und so ein großes, leichtes, bisher unerhörtes Boot gewinnen. Er baute den ganzen Sommer daran und war zuweilen so mutlos, daß er den Kopf zwischen die Kniee steckte, und war zuweilen so ausgelassen, daß er um das Holzgerippe tanzte. Alle waren neugierig, was das wohl würde. Die meisten lachten ihn aus. Die Mädchen kamen, und jede für sich sagte: ›Es wird sehr 435 schön, Bootsmann!‹ Wenn sie aber alle bei einander waren, sagten sie alle: ›Es wird nichts.‹

An einem rauhen Herbsttage schleppte er das neue Boot ins Wasser. Sie standen alle am Ufer und sahen zu. Und wie es so geht: Der erste Versuch mißlang, es hing schief, es tanzte wie ein Blatt im Wind, es schlug um. Er mußte weit und mühsam schwimmen. Am Ufer wurde er empfangen mit dem lauten, jubelnden Hohn, mit dem man allezeit die Erfinder, ob Dichter, Techniker oder Staatsmänner, empfangen hat, die verunglückten.

Er ging nicht hin und erhängte sich. Aber es kam ein starker, grimmiger Zorn über ihn: er setzte sich seinem Herdfeuer gegenüber auf den Feldstuhl und saß so wochenlang. Sein hellblonder Bart wuchs; er rührte sich nicht. Sein hellblonder Bart wurde lang; er saß noch da. Sein hellblonder Bart wurde so dicht, daß man die zusammengekniffenen Lippen nicht sehen konnte, und so lang, daß er breit auf der Erde vorm Herde lag; er saß noch da. Er saß auf seinem Feldstuhl und grämte sich. Doch stand er an jedem Abend, wenn die Dämmerung da war, auf und ging in Sturm und Schnee bis in die halbe Nacht und kämpfte mit dem Wolf um den Hasen und das Huhn und mit der Otter um den Fisch, und verschaffte sich so die notdürftige Nahrung, und wurde wetterhart und stark und klug im Vor- und Seitensprung. So trieb er es bis in die Mitte des Winters.

Da vermißten ihn die Leute der Siedelung. Denn seit der lustige Baldermann, der noch im weißen Haar in jedem Frühling den Mädchen neue Reigenlieder gesagt hatte, tot war, hatte der junge Bootsmann genau den Tag bestimmt, wann die Sonne sich zum Frühjahr wandte. Dann hatten sie auf sein Wort das Julfest gefeiert. Sie schickten also 436 einen zu ihm, der hatte ein freundliches Wort im Munde und das Hinterviertel eines Kalbes in der Hand. Aber kaum sah der Bootsmann den Eintretenden, da sprang er auf und warf ihn lautlos hinaus. Das Hinterviertel flog hinterher.

Da feierten sie das Julfest, indem sie sich auf das Wort der alten Mutter Gruhle verließen, welche sagte, jetzt müsse die Zeit des Festes da sein; denn sie hätte nur noch fünf Töpfe Schwarzsauer unterm OkenDer spitze und immer dunkle Winkel, den Fußboden und Strohdach bildet. stehen, und um die Zeit hätten sie immer das Fest gefeiert.

Als sie nun das Fest begingen und ziemlich tranken, und nach der Gewohnheit, die sie damals schon hatten, anfingen, von Hütte zu Hütte zu gehen, da hatten sie den trunkenen Mut, auch zu Bootsmann hinab zu steigen. Sechs Mann stolperten in seine Hütte und schwenkten mit Gröhlen ihre Kuhhörner. Bootsmann sah sie erst rundum an, plötzlich aber sprang er auf und warf sie zu zweien aus der Hütte, daß sie, Füße voran, über das Eis des Baches rutschten.

Da wurde es allen bedenklich; denn noch nie war es im Lande vorgekommen, daß einer die Julfreude verschmäht hatte.

Es war ein starker und langer Winter. In den rauchigen Hütten wurden die Augen trübe; vom langen Liegen wurden die Leiber ungelenk; von dem ewigen Starren gegen das Dachreth wurde der Geist stumpf. Darum, als endlich der Frühling kam, waren sie überfroh. Sie waren viel froher, als wir jetzt sind. Einige rissen mit großem Geschrei die steile Vorderwand der Hütte nieder; andere banden Birkenreiser um die Hüften und tanzten im Reigen; andere sprangen in den Bach; andere zogen in den Wald zur Jagd. Die Kinder aber machten alles nach, 437 spielender Weise. Nur allein der Bootsmann blieb in seiner Hütte. Als sie das sahen, daß er selbst der Sonne am Himmelshaus und der Freya im Walde böse war, da war es klar, daß er von bösen Geistern bethört war.

Nun war in der Siedelung ein Mädchen, die war von Körper so geschmeidig wie eine Katze, und konnte allerhand Faxen machen, und war ein Schelm. Sie konnte alle Spiele auf der Wiese am allerbesten, konnte unter Wasser schwimmen wie die Otter, und konnte, indem sie ihre verschlungenen Hände zwischen Herdfeuer und Rethdach hielt, Schattenbilder gegen das Dach werfen, die wie Tiere und Menschen aussahen, und konnte Geschichten erzählen von Bäumen, Tieren und Menschen. Der fiel es eines Morgens ein, im Bade: ›Ich will hingehen und seinen langen Bart sehen!‹

Also stieg sie aus dem Bach, zog das helle, lose Wollkleid an, darin sie mit dem Saft der wilden Kirsche dunkle Streifen gemacht hatte, gürtete sich mit dem Lederriemen, der voll von feinen, verschlungenen, bunten Linien war, und hatte es so eilig, daß die kleine Axt, die in schöner Lederscheide daran hing, heraus zur Erde fiel. Um den bloßen Arm legte sie oben und unten starke Spangen von rotem, blanken Erz. Und lief zur Mutter in die Hütte: ›Mutter, wir wollen spielen, wie Freya böse Feen besiegt, und ich soll Freya sein: Gieb mir deine Brustschilder und die gelbe Perlenschnur.‹ Da gab ihr die Mutter mit Schelten die beiden roten Schilder, handgroß, die sie rasch anlegte, und die Perlen, die sie in das lose, helle Haar schlang. Und schlich sich unter den hängenden Buchenzweigen nach seiner Hütte.

Sie trat gebückt ein und suchte mit großen Augen neben dem geringen Herdfeuer seine Gestalt, mit klopfendem Herzen; denn nun war ihr Schelmenmut doch gering geworden. Als sie aber gar die tiefen Augen voll Groll 438 und Zorn sah, die schweigend auf sie starrten, da wußte sie sich keinen anderen Rat: sie griff rasch über ihren Gürtel in ihr Kleid, wo sie immer einiges Spielzeug trug, legte sich in die Kniee und fing an, mit sechs Schweineknüsseln Fang zu spielen. Und spielte weiter und immer weiter und dachte: ›Da hast du dich schön in die Nesseln gesetzt! Wärst du bloß wieder hinaus!‹ Und spielte; und er starrte sie immerfort an. Zuletzt konnte sie den Schmerz in den Schultern nicht mehr ertragen; die Knüssel rollten vor den Herd. Da hielt sie ihm die leeren Hände hin und sagte: ›Die Sonne scheint, die Vögel lachen, wir spielen den ganzen Tag am Bach.‹

Da sagte er endlich seit einem halben Jahre das erste Wort: ›Wer hat dich hergeschickt, du Botterhexe?‹

Als sie das hörte, war sie auf hohem Pferde und lachte: ›Ich bin von selbst gekommen,‹ sagte sie; ›ich mochte nicht haben, daß du hier so sitzt und so schwarz und sauer wirst! Gittigitt: sei doch kein Maulwurf, Mensch! komm doch hinaus!‹

›Geh deiner Wege,‹ knurrte er.

›Du solltest bloß sehen,‹ sagte sie, ›wie du aussiehst! Bart wie 'ne alte Tanne! Soll ich dir 'mal zeigen, wie du aussiehst?‹

Sie rüttelte mit dem Eichenstock das verschlafene Feuer wach, verschlang ihre Hände und sah nach dem Schatten an der Wand. ›Guck 'mal hin,‹ sagte sie, ›so ungefähr!‹

Er sah flüchtig hin. ›Ist nicht wahr,‹ brummte er.

›Ist's auch nicht! Warte 'mal! . . . So! Jetzt ist's richtig! Nun sieh 'mal hin.‹

Er sah wieder flüchtig hin. ›Ist nicht wahr,‹ sagte er.

›Ist nicht wahr? Das kann jeder sagen. Sieh 'mal deinen eigenen Schatten, da, am Dach, sieh doch bloß 'mal: das Gesicht!‹

439 Er drehte den Kopf hin: da war Nase und Bart weg, da war da bloß eine große, schwarze Kugel.

Sie schlug die Hände zusammen, daß die Armbänder klirrten. ›Du bist zu dumm!‹ sagte sie. ›Komm 'mal her!‹ Sie griff in seinen Bart und hielt ihn fest. › Nun drehe die Augen vorsichtig nach der Wand! Kannst sehen?‹

Er schüttelte stark den Kopf und zog ihn zurück. ›Laß meinen Bart los,‹ sagte er, ›und mach', daß du weg kommst.‹

Sie sah ihn beobachtend an und dachte: ›So kriege ich ihn nicht mit,‹ und fing an, langsam die Schweineknüssel aufzusammeln. Und plötzlich hielt sie ihm die geschlossene Hand hin und sagte: ›Eben oder uneben? Rätst du's, so gehst du mit mir; rätst du's nicht, so‹ . . .

›So bleibst du bei mir!‹ sagte er . . . ›Uneben!‹

Sie wollte ›nein‹ schreien und aufspringen; aber er hatte die Hand gefaßt und aufgerissen.

Da waren vier darin.

Sie atmete so hoch auf, daß das Wollhemd auf der Brust sich strammte. ›Du hast verloren! Freya! Was bekam ich einen Schreck! Nun mußt du mit mir gehen.‹

›Behext sind deine Schweineknüssel,‹ schrie er. ›Ich will sie mit meinen Zähnen zerbeißen und hier bleiben, oder ich will an einer Weidengerte hinter dir durchs Dorf traben.‹

›Thu's!‹ sagte sie zornig. ›Mit deinem Wolfsgebiß!‹

Da biß er zu und . . . knacks . . . zersprang der Zahn, aber der Knüssel blieb heil.

›Gewonnen hab' ich!‹ rief sie. ›Zweimal! Ich hol' die Gerte, und du mußt mit.‹

Sie lief hinaus und kam wieder herein und streifte mit geringter Hand die Blätter von einem langen Weidenzweig. ›Auf!‹ sagte sie.

440 Als er gehorsam aufstand, konnte sie sich nicht länger halten. ›Meinst du,‹ sagte sie, ›daß du so mit mir auf die Wiese sollst? Daß sie wieder alle über dich lachen, wie damals, als das Boot umschlug? Ich bin nur gekommen, daß du das Bocken aufgiebst und aus der Hütte gehst!‹

›Gieb die Gerte her! Ich will so mit dir hinaus gehen. Sie sollen über mich lachen.‹

Aber sie sah ihn mit blitzenden Augen an: ›Will ich nicht!‹ sagte sie.

›Denn geh' ich nicht mit dir.‹

Da schossen ihr die Thränen des Zorns in die Augen, daß ihr die ganze Hütte in Feuer stand: ›Denn bleibe, bis du schwarz wirst!‹ sagte sie, warf die Gerte auf die Erde und lief hinaus.

Drei Tage lang versteckte sie sich unter den dichten Zweigen einer Weide, die schräg überm Ufer hing, und sah mit träumenden Augen in den Bach, und sah durch das Wasser hindurch seine Augen. Aber am vierten Tage, morgens, dachte sie: ›Was nicht ist . . . ist nicht.‹ Und fing an, aus ihrem Versteck heraus mit der Stimme des Kauzes zu rufen, daß erst die Kinder zusammen liefen, dann die Alten. Dann wurde sie entdeckt und bekam von den alten Frauen Schelte, weil sie den Totenvogel nachgeahmt hätte. Sie aber lachte, mischte sich wieder unter die anderen, und war wie zuvor.

Im Laufe dieses Sommers kam eine solche Trockenheit übers Land, daß junge Leute von den jenseitigen Höhen, von den Dietmargos, zu Fuß durch die Bucht gingen, sich in die Wälder schlichen und von der Höhe hinab den Bachlauf erspähten und die schöne Weide, und die Rinder sahen. Der Platz gefiel ihnen; denn sie wohnten da drüben ziemlich bedrängt, am Rande des Moores oder auf kahlen Höhen. 441 Die fruchtbare Marsch war damals noch nicht vorhanden; die lag noch im Meer.

Also rückten sie eines Tages mit Springen, Waten und Schwimmen über die Bucht, verloren unterwegs im Wasser drei Mann, die im Schlamm versanken, und gelangten, gegen hundert Mann stark, unten an den Bachlauf.

Da liefen junge Knaben von Herd zu Herd und riefen alle zum Kampf. Aber sie liefen durcheinander wie gestörte Ameisen; denn sie hatten keinen Häuptling. Der war im Winter an schwerer Gliederkrankheit gestorben.

In des Bootsmanns Hütte, oben am Bach, riefen sie zu allerletzt: ›Auf, Feinde im Thal!‹

Da sprang er auf, reckte seine Glieder und freute sich der Stunde, die ihn der Sonne und den Menschen wiedergab. Er legte den breiten Gurt an, an dem Schwert und Dolch herunter hingen, griff nach Eichenschild und Eschenspeer und sprang barhaupt aus seiner Hütte. Die anderen waren schon hinunter gezogen.

Als er aber am Bachlaufe hinunter eilte, sah er von ungefähr – es war ein Herbsttag – ein großes, überreifes Blatt der Blaubeere im Wasser treiben. Es war länglich rund und zur Mulde gewölbt, und mitten drin, auf dem Boden, lag ein Häuflein Beeren, gleich einer Bootslast. Sicher und glatt trieb es im Sonnenschein quer über den Bach. Als er das sah, fiel plötzlich vom Himmel herab der Gedanke auf ihn: So mußt du Boote bauen. Mit Stiel und Rippen, und Last auf dem Grunde, so kannst du groß bauen, so groß du willst . . . und fest und sicher wird der Gang. Er warf sich auf die Kniee und besah das zierliche Ding und grübelte: ›Wie fange ich das an? Wie führe ich das aus? Das wird ein anderes Boot als aus einem Eichenstamm!‹ Schild und Esche lagen neben ihm im Grase.

442 Als er noch so lag, hörte er wildes Schreien von unten her den Bach herauf kommen. Er sah die Seinen fliehend ihm entgegenkommen. Da rannte er gegen die Feinde an, hob Schild und Speer und schrie: ›Ich und der Häuptling!‹

›Bist du der Häuptling?‹ schrie der Feind.

Da riefen sie alle, Angst in den Knochen: ›Ja . . . Bootsmann ist unser Häuptling. Jetzt wählen wir ihn!‹

Da waren die Feinde großmütig. ›Ein Volk ohne Weisel,‹ sagten sie ›das ist kein Volk.‹ Und steckten die Schwerter rund im Kreise in die Erde. Und die beiden kämpften dort am Bachrande und waren gleiche Gegner, gleich gewandt, gleich stark, und gleich an Mut. Und so kam es, daß beide, an schweren Wunden todkrank, zusammenbrachen.

Alte Frauen kamen hinzu, mit schwerem und dichtem Spinneweb das Blut zu hemmen, versuchten auch Kraut und Heilwort; aber das Blut sickerte doch durch. Da sagte Bootsmann: ›Wer zuerst ins Totenland geht, der hat verloren.‹

Da lagen sie einander gegenüber, die Augen nach oben gerichtet, und wehrten sich gegen den Tod. Zuweilen aber erhob sich bald der eine, bald der andere mit Hilfe der Genossen und durchsuchte des anderen Gesicht, ob der bald dahinfahre. Zuletzt aber, als die Sonne zur Rüste ging, traten die schwarzen Schatten so nahe an sie heran, daß es ihnen dunkel vor den Augen wurde. Und der Fremde starb zuerst; dann Bootsmann.

Da zogen die Feinde wieder ab.

Drei Tage lang sangen am Bach vor seiner Hütte die Weiber langsame Totengesänge, während die Männer hier oben auf dieser Höhe schwere Steine herbei schleppten und behieben und ein stattliches Häuptlingsgrab bauten.

Dann legten sie ihn in voller Kleidung und im Schmuck 443 seiner Waffen in das Eichenboot, das er selbst als letztes gemacht hatte, und trugen ihn, unter lautem Weinen der Weiber, zu dieser Höhe hinauf. Hinterher ging mit schwerem Gang seine rotbunte Kuh, die den Opferschmaus liefern sollte. Zu allerletzt humpelte die alte Gruhle vom Brook, seitwärts gegen die Brust gedrückt den besten und größten Topf mit Schwarzsauer.

Sie ließen den Toten in seinem Boot ins Grab hinunter. Sie stellten den Topf mit Schwarzsauer zu seinen Füßen, damit er auf der Reise ins Totenland zu essen hätte. Sie stellten seinen Feldsessel mit den hölzernen Kreuzbeinen daneben, daß er unterwegs ruhen konnte, denn die Reise ging über weites, dürres Land. Sie zogen sein gutes Schwert aus der Scheide, daß er gleich danach langen konnte, denn das Land war voll wilder Tiere. So, meinten sie, würde es ihm wohl gelingen, die selige Heimat aller guten und tapferen Menschen zu erreichen.

Zuletzt trat auch das Mädchen heran, das einst des Toten Augen drei Tage lang im Bach gesehen hatte, riß mit starkem Stoß ihr feines Hammermesser vom Gurt, und legte sich ins Knie und ließ das schöne, goldglänzende Ding hinunter gleiten. Sie wollte das Ihrige thun, daß er gut und heil ankäme. Es fiel neben das Haupt des Toten, mit der Spitze nach seinem Ohr weisend.

Sie standen alle ums Grab, und alle Weiber weinten und lobten seine Schönheit und seine Boote und seinen letzten, tapferen Kampf. Und das Mädchen weinte auch sehr.

Dann legten sie schwere, genau abgepaßte Decksteine säuberlich über die Kammer, machten aus Feldsteinen einen Herd darüber, töteten die Kuh, gaben guten und bösen Geistern Euter und Beinknochen, und behielten für sich selbst Achterviertel und Schulter und die breiten Lagen an den 444 Rippen, und brieten, und begannen seitwärts vom Grabe – hier, wo wir sitzen – den Leichenschmaus, und wurden allmählich vergnügt und froh. Es war ein Herbstabend wie heute.

Nach der Mahlzeit, als die Alten noch um die Feuer lagen, da drückte sich die erwachsene Jugend ein wenig zur Seite, nach ihrer Weise, und saß um das frische Grab und plauderte. Und das Mädchen saß in der Mitte und erzählte, wie sie vor etlichen Monden bei dem Bootsmann gewesen und wie sie vor ihm mit den Knüsseln gespielt hatte. ›Nein, Kinder!‹ sagte sie, ›was hatte ich eine Angst! ihr wißt, er war immer ein wunderlicher Mensch!‹ Und wie sie ihn am Bart gefaßt hatte: ›Nein, Kinder! Das Gesicht!‹ Und wie sie daran dachte, kam ihr das Lachen. Sie lachte so sehr, daß sie mit den Händen auf die Steinplatten schlug und den Kopf darauf legte. Sie lachte noch, als sie in der elterlichen Hütte den Gurt löste und die Wolfsdecke zurück warf, unter der sie schlief.

So ging dieser Mann zu Grunde. Man kann sagen: weil er ein Künstler war. Denn die Menschen haben die Gewohnheit, die Künstler aus der Welt zu ekeln. Vielleicht aber ist dieses Hinausekeln gar nicht der Menschen Bosheit, sondern Gottes heiliger Wille. Denn wenn der Kreisel nicht geschlagen wird, dann brummt er nicht.

Vielleicht kann man aber sagen: er ging zu Grunde, weil er die Dinge nicht reinlich auseinander hielt. Als er das Boot gebaut hatte, was ging ihn das Lachen der Menschen an? Als das Mädchen ihre schönen, hohen Augenbogen in Liebe und Zorn auf ihn spannte, was ging ihn die Gerte an? Als er gegen den Feind lief, was ging ihn das Blaubeerenblatt an, das im Bach trieb? Die Menschen haben immer Neigung, mehrere Dinge zusammen 445 zu mengen und eine Suppe daraus zu kochen, daran sie sich zu Tode essen.

Oder ich weiß nicht, woran er zu Grunde ging. Wer kann es wissen? Man kann nicht auf die Ursache hinzeigen wie auf einen runden, schwarzen Punkt Fliegendreck und sagen: Da liegt's. Man kann auch nicht einen einzelnen Satz darüber schreiben und sagen: Das ist die Idee; daran ging er zu Grunde. Das Menschenleben ist viel bunter und breiter als eine Ursache oder eine Idee.

Im vorigen Jahre öffneten wir das Grab. Wir hätten ihn ja liegen lassen können; er lag da gut von all seinen Enttäuschungen. Aber wir wollten gern wissen, wie die Menschen vor dreitausend Jahren gelebt haben.

Als wir ihm das Schwert von der Brust nahmen und es zum erstenmal wieder in der Sonne hielten, hatte es noch den alten Glanz. Von dem Feldstuhl war Holz und Ledersitz verschwunden; nur die beiden erzenen Bolzen, welche die Kreuzbeine gehalten hatten, lagen auf den Steinen. Der Schwarzsauertopf der alten Gruhle stand da wohlbehalten, war aber leer. Die zierliche Axt des Mädchens wies nach dem Ohr.«

* * *

Die Sonne stand zwischen den jenseitigen Höhen, als wär's eine runde Laterne, wie die Kinder sie an Herbstabenden singend durchs Dorf tragen.

Da hatte Heim Heiderieter seine Geschichte beendet, stand behende auf und sagte: »Wehe dem Menschen, Jörn Uhl, der nur ein Jäger ist nach Brot, Geld oder Ehre, der nicht eine einzige Liebhaberei hat, wo, wenn auch nur auf schmaler Brücke, die Mutter Natur mit Gesang und bunten Kränzen in sein Leben einzieht . . . Ich muß nach Haus. Ihr habt gut zugehört. Auch du, Kleiner.«

446 »Wird dir der Weg nicht lang?« sagte Lisbeth.

»Ich habe drei Stunden zu gehen,« sagte er, »durch Moor und über Sand, dann durch stille, kleine Geestdörfer und zuletzt über eine Heide. Es ist unterwegs genug vorhanden, was man besehen und bedenken kann; dazu weiß ich: wenn ich zu Hause ankomme, dann freuen sie sich . . . Gute Nacht, alle drei! Grüßt Thieß Thiessen und Wieten! Ich habe mich so sehr gefreut, daß du so blanke Augen hast, Jörn! Und du, Lisbeth Junker, hast ein rotes Ohr; wer hat dich daran gerissen?«

»Das hat Vater gethan,« sagte der Kleine.

Da lachte Heim Heiderieter, und nickte immerfort, und weidete sich an Lisbeth Junkers Verlegenheit und ging davon.

* * *

Sie standen noch und sahen ihm nach, wie er zum Moor hinabstieg; da fuhr Jörn Uhl auf, als käme er jäh aus tiefem Schlaf, und sagte: »Dieser Mensch! Vier Jahre lang war er auf der Universität und kam ohne Examen wieder. Er hatte mit der Wissenschaft Streit bekommen. Natürlich! Frau Wissenschaft ist eine nüchterne, ehrbare Frau. Aber solche brotlose Künste: die kann er.«

»Es ist doch ein fein Ding um solch Erzählen, Jürgen. Du hättest sieben wissenschaftliche Bücher über unsere Vorfahren lesen können und sieben andere über das Wesen der Menschenseele: und hattest vielleicht nicht so viel Erkenntnis und Freude gewonnen, als durch das kleine, bunte Bild, das er uns eben gemalt hat.«

»Ach,« sagte Jörn Uhl, »ein Greuel ist er. Er hat uns gesehen, wie wir unter den Buchen saßen. Da hat er die Geschichte erfunden. So 'n Tühnkram!« Er drehte sich rund 447 um, ging nach dem Grabe, sah hinein und sah wieder auf Lisbeth. »Was sagte er? Schweineknüssel! Wie kommt der Mensch auf Schweineknüssel! Das sage mir um alles in der Welt. Und wie lang wurde der Bart? ›Der hellblonde Bart!!‹ Wie er das sagte! Immer länger und länger wurde er, ich glaube sieben Ellen. Beweisen kann er das, sagt er? Was sagt er? Es wäre so wahr, wie Erdschichten und Unkrautsamen? Unglaublich!«

»Und doch hast du gern zugehört!«

»Das muß ich zugeben. Es war, als wenn man vom lieben Herrgott ein wenig in seine Werkstatt geladen wäre, um sich dies und das 'mal anzusehen; man zog ganz von selbst seinen Sonntagsrock an, um an einem solchen Ort nicht schäbig zu erscheinen.« Er drehte sich wieder um und sah nach dem Moor hinunter, wo in der Ferne Heim Heiderieter wanderte. »So 'n Mensch!« sagte er zornig. »Lügt einem die Haut voll, und am Ende bedankt man sich noch dafür. Er soll beweisen, was er gesagt hat! Beweisen soll er's,« rief er.

Lisbeth lachte und sagte: »Nein, Jürgen! Dein Zorn ist köstlich. Nun komm . . . Was wollen wir morgen beginnen?«

»Morgen? Wir wollen bei einander sein, weiter nichts.«

»Ich kann nicht dabei sein,« sagte der Kleine. »Ich muß morgen mit Thieß nach Meldorf . . . auf dem Torfwagen.«

»Also müssen wir auf dich verzichten,« sagte Jörn Uhl. »Was meinst du, Lisbeth? Mir scheint, wir fahren morgen zu dem Kriegskameraden. Wir werden stundenlang gemütlich miteinander im Wagen sitzen, und der Kriegskamerad wird dir gefallen.« 448

 


 

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