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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Nein, es geschah kein Wunder. Es geschah etwas sehr Gewöhnliches. Es kam ein Unwetter, und es kam der Tod. Das gab frische Luft, daß Jörn Uhl den letzten Druck verlor, der noch auf seinem Kopfe lag.

Der Regen ging vorüber; es kamen Tage voll heißen, grellen Sonnenscheins. Und an jedem Tage, gegen Abend, lag über der Elbe eine schwere, dunkle Wolke und grollte kurz auf. Einige sagten allerdings, es würde bei Cuxhafen von den Kriegsschiffen geschossen; aber ältere Leute wußten genau, daß da ein Gewitter gebraut würde: »Das kann bloß nicht über die Elbe kommen.«

Am Abend des dritten Tages meinte man sicher, es käme. Es war eine laurige, weiche Luft. Die Tiere auf dem Felde hörten auf zu grasen und standen wartend an den Hecken. Aber es geschah wieder nichts.

Der Kleinknecht vom Nachbarhof ritt nach dem Abendbrot zum Schmied und rief den Mädchen auf der Uhl, die am Backhaus standen, zu: »Heute nacht hat mir geträumt, die Uhl stände in hellen Flammen. Am Westgiebel brach es heraus und lief so bedächtig, wie eine Katze, den First entlang«.

399 Am anderen Morgen war große Aufregung im Hause. Es war Sonntagmorgen, und Wieten hatte in gewohnter Weise abends vorher ihr Hemd gewechselt und hatte, nach einem alten, guten Glauben, das ausgezogene Hemd vor ihr Bett auf den Fußboden gelegt. Und am Morgen lag da, wo das Hemd gelegen hatte, Asche verstreut. Mädchen und Knechte liefen zusammen und beredeten den Fall; es gab ein Hin- und Herreden und Lachen, und das Mädchen, das mit Wieten in derselben Stube schlief, schüttelte den Kopf und wunderte sich, daß sie von dem Brandgeruch nicht aufgewacht war. Wieten ging mit ängstlichen Augen unruhig umher und sagte nichts. Die Leute gingen ein jeder an seine Arbeit und brachten die Geschichte am selben Abend noch ins Dorf.

Thieß Thiessen war wieder einmal von Hamburg gekommen und einige Tage auf der Uhl geblieben. Er ging den ganzen Tag neben Jörn Uhl her und redete auf ihn ein und suchte ihn an den Gedanken zu gewöhnen, daß er die Uhl aufgeben müßte.

»Ich will dir gern mit einigen tausend Mark helfen, aber du weißt, der Heeshof kann nicht viel Schulden tragen.«

»Du sollst mir nicht helfen,« sagte Jörn Uhl; »aber das andere, das Davongehen: das ist auch nicht leicht. Dort auf dem Osterkrug habe ich gepflügt, als ich zwölf Jahre alt war, der Pflugsterz schlug hin und her, daß mir fast schwindlig wurde; und jedesmal, wenn ein Pferd den Kopf vorstreckte, riß es mich nach vorn; denn ich hatte die Leine um den Hals gelegt. Todmüde war ich von der Angst und dem Gehen in der Furche.«

Er zog den Kleinen, der neben ihm ging, näher an sich heran. »Als ich später vom Feldzug zurückkam und Lena Tarn meine Frau wurde, da ist kein Ständer im Haus und 400 keine Latte, da ist kein Rethhalm auf dem Dache, dem ich nicht zugenickt habe und habe gesagt: ›So, nun seid ihr in guter Hut, nun sorge ich für euch.‹ Es ist wohl nicht anders, Thieß, ich muß den Hof fahren lassen, aber leicht ist es nicht: ich lasse Lena Tarns mühselige Arbeit fahren, und ich verkaufe ihr fröhliches Singen an fremde Leute. Und all die bitteren Jahre, die dann kamen . . . ich mag nicht darüber reden. Und, Thieß: Wenn nun eines Tages Elsbe aus dem Elend wiederkäme, und wildfremde Menschen öffnen ihr die Thür? Ich weiß wohl, ich muß hinaus: ich kann keine Zinsen mehr zahlen; aber leicht ist es nicht.«

Am anderen Morgen ging Thieß wieder fort.

An diesem Tage zog das Gewitter herauf.

Am Spätnachmittag hob sich eine tiefdunkle Wolke aus dem Meer, stand hoch über der Marsch und warf im Zorn gerade Blitze wie goldene Speere in das Land. In der Ferne am Seedeich leuchtete ein Feuer auf. Die Wolke kam höher und näher und stand gegen sieben Uhr abends, voll zum Bersten, gerade über Sankt Marien. Die Männer, die auf den Feldern gearbeitet hatten, suchten im raschen Gang ihre Häuser; die Frauen standen an den Thüren und sagten: »Ist gut, daß du kommst;« die Kinder liefen von ihren Spielplätzen in die Thüren.

Da brach es los.

»Das war ein Schlag!«

»Das hat eingeschlagen!«

Die Leute traten heraus und sahen sich um und sagten einer zum anderen: »Es ist nichts zu sehen.« Gleich daraus fing es an zu gießen. Die mächtige Wolke brach und fiel auseinander und überdeckte, blaß und grau geworden, den ganzen Himmel.

Es war nichts geschehen.

401 »Siehst du, Wieten?« sagte der alte Knecht, »das mit dem Hemd . . .«

»Sei du still,« sagte Wieten.

Wieten ging wieder in die Küche, und der Knecht kletterte die Leiter hinauf, um Heu hinunterzuwerfen. Da kam der Kleine mit seinem fünfjährigen Spielkameraden auf die Diele gesprungen und sagte: »Kassen, wir wollen mit hinauf.«

»Junge,« sagte der Alte, »du weißt, ihr dürft das nicht.«

»Ach was! Wir gehen mit!«

Da stiegen sie hinter dem Knecht die Leiter hinauf und kletterten den schrägliegenden Heuberg hinauf bis ganz nach oben.

»So,« sagte der Kleine, »nun können wir nicht weiter. Komm her, ich will dich aufheben, daß du durchs Uhlenloch sehen kannst.«

Bald darauf kamen sie beide wieder herunter, und der Knecht sagte: »Na, habt ihr's schon satt?«

Es wurde acht Uhr, und Wieten schickte den Jungen zu Bett. »Du,« sagte er, »ich muß dir man 'was sagen: Ich bin auf dem obersten Heuboden gewesen, zusammen mit Fritz Hanssen.«

»So . . . das hat dein Vater dir verboten.«

»Wenn ich dir aber 'was erzähle, sagst du es nicht nach.«

»Was du wohl zu erzählen hast.«

»Soll ich 'mal sagen? Fritz Hanssen ist da ganz oben gewesen, weißt du, wo am Dach das kleine Fenster ist; und was meinst du: da hat eine furchtbar große, schwarze Katze gelegen. So groß wie 'n Kalb. Die hat zwei glühende Augen gehabt und ist auf ihn losgeschlichen.«

»Nun leg' dich hin und schlafe,« sagte sie, ging hinaus und sprach mit Jörn Uhl. »Jörn,« sagte sie, »hat man nicht 402 schon erzählt, daß ein Blitz stundenlang in einem Hause gelegen hat, ehe er zündete? Es war ein furchtbarer Schlag. Auch redet der Junge so sonderbar. Thu' mir den Gefallen und geh' noch auf den Heuboden; mir ist so ängstlich zu Mut.«

Der stieg auf den Boden, kam wieder herunter, ging um Haus und Scheunen und fand nichts Verdächtiges.

Es wurde zehn, und sie waren alle zur Ruhe.

Da meinte der Blitz, daß Haus und Menschen sein wären, und machte sich leise auf den Weg. Er wand sich mit langem, glattem Leib, blank wie ein gut gebrauchter Spaten, langsam zwischen Heu und Dach. Wo er, mit den dünnen Armen vorlangend, hingriff, schwelte rote Glut auf. Als er sah, daß, aus Mangel an Luft, Flamme nicht aufkommen konnte, glitt er schwelend bis ans Fenster. Das Fenster zersprang. Die Eule, die im Giebel saß, flog mit lautem Uhschrei auf.

Wieten war von ihrem Bett aufgestanden, schlich sich aus der Stube auf den Mittelgang und sah durch die Scheiben der Verbindungsthür auf die große Diele. Alles dunkel und still. Da ging sie wieder hinein und setzte sich auf den Rand des Bettes, in dem der Knabe schlief und horchte.

»Es sind Menschen im Haus . . . vier hier . . . drei da . . . zwei in der Knechtskammer . . . und Jörn . . . Mehr doch nicht? . . . Doch nicht mehr? Nein, mehr nicht. Das Kind zuerst. Ja den Alten nicht vergessen! Zehn Menschen . . . zehn . . . zehn . . . Die Tiere sind auf der Weide bis auf einige . . .«

Sie hörte einen Ton von der großen Diele her und stand wieder gerade aufrecht.

»Es muß etwas unterwegs sein, irgend etwas. Ich fühl's in allen Gliedern. Vielleicht hat mich der furchtbare Schlag so aufgeregt; vielleicht ist es etwas anderes.« Sie 403 stand wieder auf und horchte mit vorgebeugtem Leib. »Hör', hör' . . . es ist doch nicht ruhig im Haus. Es schleppt und wühlt; sie tragen mit ihren Siebensachen, mit Ketten und Töpfen . . .« Sie schlich wieder nach der Thür. »Ich wußte früher einen Spruch, wie hieß er noch?

Gott und Petrus gehen übers Land,
Sie sehen brennen einen Brand,
Brand, du sollst nicht hitzen,
Brand, du sollst nicht schwitzen,
Bis die liebe Mutter Gottes
Ihren andern Sohn . . .«

Ehe sie ausgesprochen hatte, als sie die Thür noch öffnete, kam von der großen Diele ein knisternder Ton, als wenn man junges Holz in eine helle Glut wirft.

»Feuer!« schrie sie, »Feuer!«

Das Mädchen, das in der Stube lag, hob sich jach im Bett: da lag ihr schon das Kind im Arm: »Du gehst mit dem Jungen nach Jasper Krey und siehst dich nicht um.«

»Jörn! Jörn! . . .« Die Stimme konnte wohl Tote wecken.

Was ist das für ein Greifen nach der Kleidung, für ein gewaltiges Arbeiten des Gehirns, für ein Hin- und Hergreifen der Hände. Und nachher weiß man nicht, was man gedacht und gethan hat.

Jörn konnte später nicht sagen, warum er zuerst nach der alten Lade griff, und wie er das schwere Ding, das weder Griff noch Handhabe hatte, und auf welchem Wege er es hinausgetragen hatte. Er erinnert als erstes, daß er wie einer, der von draußen zur Rettung in ein fremdes Haus stürzt, in die Stube gelaufen ist und den schweren, alten Mann, der vor Angst um sich schlug und laut schrie, in die Bettdecke gewickelt, auf den Hofplatz und über den Weg 404 getragen und in Jasper Kreys Stube in die eingemachte Bettstelle gelegt hat, die auf der anderen Seite des Ofens ist.

Dann lief er zurück, und nach dem Gefühl, das dem Landmann inne wohnt, rannte er in den Stall, schnitt die drei Pferde los, die da standen, und führte die wild sich hebenden Tiere einzeln hinaus.

Es stand schlecht um ein Fohlen; der Knecht und herzugelaufene Nachbarn konnten nicht mehr zu ihm kommen, aber da war eine Thür, die war jahrelang nicht geöffnet. Daran dachte er und nahm einen Windelbaum, der da zufällig lag und schlug mit zwei Stößen die Thür ein und holte das Tier glücklich heraus.

Nun war nichts mehr zu machen. Als er mit angesengtem Haar und blutender Hand noch einmal hinein wollte, stellte sich ihm der Lehrer, der gerade angelaufen kam, in den Weg: »Menschenleben ist mehr wert.«

Da warf er mit verzweifelter Bewegung das Messer weg und ging nach vorne, um das Brüllen der Kuh nicht zu hören, die mit ihrem neugeborenen Kalb hinter den Flammen stand.

Vom abschießenden Rethdach getroffen und von dem Rauch, der von der großen Scheune herkam, bedrängt, mußte er weiter von den Gebäuden weggehen und kam nach der Einfahrt. Die Spritze jagte an ihm vorüber in den Hof; dicht vor den Pferden lief der kleine Junge quer über den Weg auf ihn zu und schrie weinend: »Vater, ist das Fohlen verbrannt?« und umklammerte seines Vaters Beine.

Jasper Krey kam zu ihm, geschwärzt an Gesicht und Händen, und sagte: »Wir haben die Kuh auch noch gerettet. Durch Küchenthür und Backhaus;« und ging wieder fort.

Jörn Uhl stand und sah in die Flammen; sein kleiner Junge stand neben ihm.

405 Die Böden des Vorderhauses bogen und wanden sich, und nun langte eine feurige Hand in die Staatsstuben der Uhl. Auch an die Thür schlug es und glitt und brannte, und die obere Füllung sprang auf, und die glühende Hand langte nach dem Griff. Der Kronleuchter stürzte klirrend auf den Tisch, der Tisch brannte, und plötzlich sprang der gelbe Gast mit Katzensprung aufs Fensterbrett, hob die Gardine und schlug die Fenster ein. Da gab es frischen Zug! Die ganzen Decken stürzten in die Stuben; der Nachthimmel schien hinein.

In dieser Stunde, als die Staatsstuben der Uhl in rotem Feuer lohten und auffahrende Feuergarben die nachtdunklen Weiden erhellten, welche im Halbkreis um Wentorf liegen, kam von Sankt Mariendonn her, längs dem schmalen Kirchensteig, an der Au entlang, der Tod. Er mied den Feuerschein, indem er auf der Fohlenweide den Steig verließ. Er ging schräg hinüber, stracks auf Jasper Kreys Haus zu, das, klein und niedrig, mitten im roten Schein unter den hohen, hellerleuchteten Pappeln lag. Wieten Penn, die vor dem Bett stand und auf ihn wartete, trat mit weitgeöffneten Augen zur Seite und machte ihm Platz. Er trat heran, legte seine Hand mit festem Griff auf die Schulter des Schlafenden. Der zuckte zweimal. Da stand der Atem still.

Da fing Wieten Penn an, mit Trina Kreys Hilfe alles zu verrichten, was nötig war.

Hunderte von Leuten standen und gingen um die hohen, brennenden Gebäude und sahen dem sinkenden Feuer zu. Aber selten trat einer zu Jörn Uhl und seinem Kinde. Er hatte immer etwas Wunderliches gehabt, etwas Nachdenkliches und Wortkarges, mit einem Stich ins Hochmütige.

»Nun, da er nicht aus noch ein gewußt hat, hat er nach dem letzten Rettungsmittel gegriffen und ist ein Brandstifter geworden.«

406 »Wahrhaftig, er steht da mit einem Gesicht wie ein Verbrecher. Seht, was für ein Gesicht!«

»Mensch, was sagte er zu dir? . . . Ich muß sagen, ich hätte es ihm nicht zugetraut.«

»Mensch, was willst mit dem reden? Es ist doch klar . . . na, du kannst dir denken, was ich meine.«

Namentlich von den Arbeitern, welche geneigt sind, in dem Leben des Bauern das Böse deutlich zu sehen, das Gute aber nicht zu finden, redeten viele so über ihn. Er war ja immer knapp und wortkarg gegen sie gewesen und fast geizig. Er hatte ja immer Sorgen und Geldnot gehabt.

Also stand Jörn Uhl stundenlang unter den Pappeln, da, wo der Fahrweg nach den Scheunen umbiegt, da, wo er an dem Abend gestanden hatte, als er vom Feldzuge heimkehrte.

Aber als Mitternacht vorbei war, kamen die beiden Knechte von Hargen Folkens und sagten: Als sie heute abend um sieben vom Felde gekommen wären und der furchtbare Schlag gefallen wäre, hätten sie deutlich gesehen, daß die Uhl getroffen worden wäre. Sie hätten gesehen, wie ein brennender Pappelzweig oder Pappe von der First, oder was es gewesen wäre, aufgeflogen wäre. Sie hätten auf der Stelle Halt gemacht und hätten gewartet, daß Feuer auffahren würde, und sich sehr gewundert, daß es nicht geschah. Auch der Kleinknecht auf der Uhl sagte, daß der Schlag ihn fast umgeworfen hätte, als er zwischen Haus und Scheune unterwegs gewesen wäre, und daß er um den Giebel einen leichten Rauch bemerkt hätte und auf der Hofstelle brenzlichen Geruch. Diese Reden verbreiteten sich rasch. Da traten viele Männer und Frauen an Jörn Uhl heran und erzählten ihm, was sie gehört hatten, wußten auch von ähnlichen Blitzschlägen zu sagen und sprachen ihm mit herzlichen Worten Mut zu.

407 Als die Kälte des Morgens kam, verliefen sie sich.

Als der Himmel grau wurde, ging Jörn Uhl über den Weg zu Jasper Krey. Einige Sterne standen noch hoch am Himmel, wie übermüde, glänzende Augen in einem blassen, überwachten Gesicht. Als er in die Stubenthür trat, stellte Wieten sich ihm in den Weg. Aber er sah ja weit über ihre kleine Person weg und sah die Lichter und die hingestellten Vorbereitungen. Er drängte sie sanft zur Seite und trat ans Bett und sah seinen Vater lange an. Dann ging er auf Wieten zu, griff nach ihrer Hand und hielt sie lange fest und sagte weich und leise: »Es ist nur gut, daß meine alte Mutter noch lebt.«

* * *

Am zweiten Tage danach, als er wegen der Beerdigung und wegen des Brandes alle Wege gethan hatte, stieg er gegen Abend nach Ringelshörn hinauf und setzte sich auf einen Stein, der neben dem sandigen Wege im langhaarigen, grauen Grase lag, und holte hoch und tief Atem, und ließ seine Gedanken gehen, wie sie wollten, und wunderte sich, wie ruhevoll und schön die Welt war.

Als er lange so gesessen hatte, hörte er um den Hügel herum ein Gefährt kommen. Der Fahrer redete laut mit seinen Gäulen: »Noch ein wenig Trab! Trab, alle meine Pferde. Die Uhl ist abgebrannt, und Klaus Uhl ist tot, und dies ist ein Abschnitt in der Lebensgeschichte von Jörn Uhl. Über den Rest kann ich sagen . . . Hallo, Jörn! Da sitzt du? Und kannst ein wenig lachen?«

»Thieß!« sagte Jörn . . . »Laß uns erst den Toten begraben, wie es sich gebührt. Danach will ich sehen, wie mir zu Mute ist.«

* * *

408 Nach dem Begräbnis, als das lange Gefolge der Uhlen und ihre Sippe sich vom Kirchhof verlaufen hatte und das Grab schon zugeschaufelt war, kamen Jörn Uhl und Thieß Thiessen und der Kleine von Lena Tarns Grab her noch einmal zu dem Erbgrab der Uhl. Das neue Grab war mit vielen Kränzen hoch bedeckt.

»Weißt du, Jörn,« sagte der Heesebauer, »was ich diesem Manne am meisten übel genommen? Nicht sein Geldwegwerfen, nicht sein Saufen, sondern sein Lachen: daß er alle Menschen anlachte, bloß meine arme Schwester nicht. Es giebt nicht wenige solche Menschen, Jörn Uhl, die gegen Fremde freundlich sind, auf der Straße und im Wirtshause, aber gegen die Ihren sind sie Teufel. Es ist gut, Jörn, daß es einen Tod giebt, denn darin liegt die einzige Gewähr einer Gerechtigkeit. Meinst du, daß dieser unbestraft bleibt, der meine kleine Schwester so quälte, und die schönen Felder verkommen ließ und im Lande umherfaulenzte und lachte? Ich sage dir, Jörn: Er wird in dem anderen Land schwer pflügen müssen. Er wird ein zähes Stück Marschland überkommen und vier alte Gäule mit Spat und allen Schikanen, und den größten Schelm von allen Engeln als Pferdejungen. Sieh 'mal! Meine Schwester hat keinen einzigen Kranz!« Er bückte sich, faßte zwei Kränze und legte sie auf das Grab seiner Schwester.

»Jörn, sie war das lustigste und bescheidenste Ding von der Welt. Sie setzte sich als Kind auf die Ecke eines Baumstumpfes, ganz beiseite, sie hing nur eben darauf, und sagte: ›Setz' dich, Thieß, sieh 'mal, wie viel Platz!‹ Sie war so bescheiden, sie begehrte nichts weiter vom Leben als eine kleine, gemütliche Sitzgelegenheit in der Sonne. Der hier hat's ihr verweigert; er wies sie in den Schatten.« Wieder legte er einen Kranz auf das Grab seiner Schwester.

409 »Jörn . . . wenn sie aufstehen könnte, diese hier« – er nahm schon wieder zwei Kränze auf, – »so würde sie sagen: ›Geh weg vom Hof, mein Jörn, geh heute noch nach dem Heeshof . . .‹ Gieb die Uhl auf, Jörn! Die Uhl hat dich arm und krank gemacht. Komm mit mir nach der Heimat deiner Mutter; ich glaube, da wirst du gesund werden. Komm mit, Jörn . . . ich bitte dich im Namen deiner Mutter. Du, Kleiner! Steh' mir bei! Willst du mit nach dem Heeshof?«

»Man zu, Vater!« sagte der Kleine, »Vater, das wird 'n Spaß!«

»Jörn . . . ihr steigt zu mir auf den Wagen: du und der Kleine und Wieten. Und die Lade stellen wir hinten ins Wagenstroh. Dann hast du alles, was du besitzest, auf dem einen Wagen!«

Jörn Uhl wendete sich ein wenig ab und sah mit einem langen Blick nach Lena Tarns Grab hinüber.

»Denk' bloß an die Lade, Jörn! Da ist dein guter Anzug darin und das Fernrohr und die Karte von Sonne, Mond und allen Sternen, und die krausen Bücher, und das alte, geschnitzte Mangelholz von meiner Großmutter, der alten Trienke Thiessen, geborenen Stührmann. Ich meine wenigstens, daß du das Mangelholz hast, Jörn, sonst hat Peter Voß von Vaale es . . . alles dies, Jörn, die Menschen und die Lade: alles das ist dein, wenn du mit mir nach dem Heeshof fährst. Hier gehörte es der Uhl und ihren Sorgen; dort auf dem Heeshof wird es dir gehören. Ach, Jörn, ich bitte dich, komm mit uns! Ich bitte dich, Jörn: reiße deine Seele aus der Uhl heraus und nimm sie endlich einmal für dich selbst in Gebrauch. Ich bitte dich, lieber Jörn, komm mit mir! Sonst, das sage ich gerade heraus, sonst ist mir bange um den Rest.«

Jörn Uhl sagte nichts. Er atmete schwer und sah bald 410 nach dem Grabe von Lena Tarn, bald nach den beiden Gräbern zu seinen Füßen. Die drei Gräber redeten mit lauter Stimme.

Als sie eine Weile unbeweglich gestanden hatten, sagte Thieß: »Nun komm! Nun wollen wir noch diese drei Kränze auf Lena Tarns Grab legen, jeder einen.«

»Lena Tarn?« sagte der Kleine, »wer ist das? Lena Tarn sagst du? Das ist ja meine Mutter.«

»Ja, Junge! Was hattest du für eine Mutter!«

* * *

Am anderen Vormittag ließ Jörn Uhl die Knechte und Mädchen kommen und bezahlte einem jeden den Lohn, den er verdient hatte, und ging zu den Handwerkern und bezahlte die kleinen Summen, die er schuldig war, und sagte, als sie ihn verwundert ansahen, in seiner kurzen, kargen Weise: »Ihr sollt keine Laufereien haben nach eurem Gelde oder gar darum betrogen werden.« Da verstanden sie ihn und strichen das Geld rasch ein, und geleiteten ihn zur Thür, und riefen ihre Frauen und sahen ihm nach, wie er hoch und aufrechter als sonst unter den Linden entlang ging. Dann ging er noch einmal über die wüste Brandstätte und stand noch einmal an der geschwärzten, halb niedergebrochenen Hausmauer, unweit der Küchenthür, wo er oft gestanden hatte; denn man hat von da einen weiten Blick über das Kornland der Uhl.

Da kam Thieß Thiessen über den Schutt hingestolpert, den kurzen Wagenrock angethan und die Peitsche in der Hand, und rief von weitem: »Der kleine Jürgen sitzt schon auf der Lade im Wagenstroh und baumelt mit den Beinen, und Wieten legt schon ihr braunkarriertes Umschlagetuch 411 um . . . Wie steht es Jörn? So ist's recht! Dein Gesicht gefällt mir, mein Junge.«

»Thieß,« sagte Jörn Uhl und wandte sich zu ihm, »ich bin nun fertig damit! Ich lasse die Uhl nun fahren, samt allen ihren Sorgen. Ich bin ein Mensch . . . ich habe in fünfzehn Jahren keinen Sonntag gehabt; ich glaube: ich bin ein armer, unglücklicher Narr gewesen . . . Aber nun, wahrhaftig, nun will ich wirklich versuchen, was du gestern sagtest: ich will sehen, daß ich meine Seele wiederbekomme, die hier in der Uhl gesteckt hat. Her mit meiner Seele! Her mit meiner Seele! Die gehört mir! . . . Komm schnell, Thieß.«

Der Kleine saß auf der Lade, und Wieten stand gebückt neben dem Wagen. »Vater,« sagte der Junge, »was schriest du da? Schaltest du oder lachtest du?«

»Beides!« sagte Jörn Uhl . . . »Komm her, Wieten, ich will dich hinaufheben . . . Willst du etwas sagen, Wieten?«

Sie sah ihn mit ihren ernsten, dunklen Augen sinnend an. »Ich dachte an die Geschichte von dem, Jörn, der hundert Jahre bei den schwarzen Erdmännern war, und als er wieder herauskam, war er alt. Es ist doch viel Wahrheit in den alten Geschichten, Jörn.«

»Ja, Wieten!« sagte er. Und er schüttelte sich, als wenn ihn ein Grauen überkam. 412

 


 

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