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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Er hatte es gewagt und hatte dreißig Hektar vom besten Land mit Weizen besät. Er wollte einen tüchtigen Zug thun. Wenn es glückte, konnte er nach der Ernte zum erstenmal von der großen Hypothek abtragen; bisher hatte er sich mit den Wechselschulden der Brüder geplagt. Der Weizen kam gut durch den Winter. Der Weizen schoß regelmäßig und dicht auf. Die Hoffnung war sehr groß. Die Hoffnung war sehr nahe. Da fiel sie ins Wasser. Das Jahr wurde das berüchtigte, schlechte Weizenjahr.

Was Jörn Uhl widerfuhr, ist mehreren widerfahren. Wir erzählen die Geschichte vieler. Es ist uns, als wenn viele vergrämte und harte Gesichter auftauchen und sagen: »Du erzählst unser aller Leid.«

Es war noch die Zeit, da ein Drittel der ganzen Landschaft mit Weizen besät war und der Weizen den Ausschlag gab, da ein Jahr den Landmann fest in den Sattel setzte und ein Jahr den Schwachen herauswarf. Jetzt ist es anders geworden. Jetzt wogt die Marsch nicht mehr von Weizen, der schwere Wellen hat, wie jenseits des Deiches 383 das Meer. Die Marsch ist grün geworden. Wir fangen an, Viehzüchter zu werden, und wir fangen an, dumm zu werden.

Von einem Bauern jenseits der Eider erzählt man, daß er jeden Morgen mit seiner Meerschaumpfeife hinausging, seine Ochsen zu besehen, wie ein ordentlicher Züchter täglich thun muß. Und wenn er sie traf, trat er unter sie und sagte: »Guten Morgen, alle miteinander,« und fuhr fort, mit ihnen zu reden, etwa dermaßen: »Kinder,« sagte er, »nun dauert es nicht mehr lange, dann seid ihr fett. Mit dir, mein Lieber, steht es allerdings schwach im Achterviertel, was doch die Hauptsache ist. Aber einerlei: ihr kommt nun weg, alle miteinander. Ihr kommt nach Husum; das ist eine feine Stadt, da steht Haus an Haus. Dann kommt ihr auf die Eisenbahn: da geht es immer puff, puff. Nach Rheinland geht ihr hinunter. Da werdet ihr euch wundern! Lehnsmann Olders ist dagewesen und erzählt tolle Dinge: Schornstein an Schornstein, und überall wird geglüht, gehämmert und gefeilt. Und dort . . . dort werdet ihr . . . Ja . . . dort bekommt ihr einen anderen Herren, und ich . . . ich bekomme mein Geld. Und dann sind wir vergnügt, alle miteinander.«

So sprach er laut und bedächtig, zwischen den Zähnen hindurch, mit denen er die Meerschaumpfeife hielt; denn er hatte beide Hände in den Taschen. Ein Tagelöhner, den er nicht sah, stand arbeitend im nächsten Graben. Der hörte genau zu und brachte die Geschichte unter die Menschen, nachdem er sie ein wenig ausgeschmückt hatte. Und alles Volk wunderte sich über die Worte, die Lehnsmann Soderbohm zu seinen Ochsen gesagt hatte. Denn zu Menschen sprach er nie. Es kam nie etwas aus seinem Munde, es sei denn Rauch seiner Pfeife und zur Seite fliegender Priemtabak.

384 Solche Leute werden wir hier auch werden. Darum hat, der diese Geschichte von Jörn Uhl erzählt, sich einen Landbesitz oben auf der Geest gekauft, vier Fuß breit, acht lang. Wenn man sich dort still hinlegt – und das denkt der Erzähler zu thun –, dann hört man im Sommer den Roggen rauschen.

So Ende Juli ging Jörn Uhl eines Abends in die Marsch hinunter und begegnete dem alten Dreier. Der blieb stehen, stützte sich schwer auf seinen Stock und atmete laut. »Du, Jörn,« sagte er, »hast du schon gesehen, daß die Mäuse im Weizen sind?«

»Nein,« sagte der. »Ich war vorgestern da und habe keine einzige gesehen.«

»Vorgestern waren es wenige; gestern waren es viele; heute sind es eine schwere Menge. Mir ist bange um den Weizen, Jörn. Alle fünfzig Jahre sind sie da. Vor hundert Jahren, hat mir mein Vater erzählt, haben sie drei Jahre lang den Weizen und die Weiden verdorben; da hat ein guter dithmarscher Bauernhof nicht mehr gekostet als eine Pfeife Tabak und einen Weidenstock.«

Jörn Uhl ließ den Alten stehen und kam an dem Hafer vorüber und sah noch nichts, ging weiter und stellte sich ans Heckthor und sah in seinen Weizen. Rechts von ihm, so daß er den Wasserspiegel sehen konnte, floß die ziemlich breite Au. Als er noch so stand und über das weite, wogende Feld sah, war ihm, als wenn nicht weit von ihm ein Weizenhalm plötzlich verschwand, und wieder . . . nun da . . . nun da. Als wenn eine Hand leise aus der Erde langt und ihn herunterzieht. Er wischte sich mit der Hand über die Augen; er meinte, es wäre Augenverblendung. Aber da sah er es: wie eine Maus sich auf die Hinterbeine hob, ein Biß, noch einer: der Halm fiel herunter und lehnte 385 sich schräg an seinen Nebenmann. Es war eine feine, zierliche Arbeit. Er sah übers Feld und sah wohl mehr, als zu sehen war: als wenn das ganze Feld lebt.

»So!« denkt er. »Das ist das Ende.«

Er steht noch so in Gedanken: da hört er es im dunklen Wasser rieseln und leise plätschern; und wie er hinuntersieht, schwimmen, ziehen und wandern sie da quer durchs Wasser tausend und abertausend. Da kehrt er sich kurz um und geht nach Hause.

»Wenn nun der Vater tot wäre. Wenn der nun sterben wollte, heute oder morgen! Soll der noch in seinem Lehnstuhl vom Hofe getragen werden? Sollen alle Leute die Armut sehen, die wackligen Möbel und die zerrissenen Polster?«

Er geht gleich in die Stube, um zu sehen, wie es dem Vater geht. Wieten kommt ihm entgegen: »Es geht wie gewöhnlich, Jörn; aber er will heute nicht aufstehen; ich glaube, er bildet sich jetzt ein, daß er im Bett am sichersten ist.«

»Im Bett sicher! Ach, Wieten! Wieten, es giebt ein Mäusejahr! Ein Mäusejahr, wie in diesem Jahrhundert noch keines gewesen ist. Die Mäuse sind im Weizen; sie sind auf der Hofstelle, sie nagen am Bettpfosten, sie fallen uns bei lebendigem Leibe an. Es geht mit uns zu Ende, Wieten.«

»Jörn!« sagte sie. »Ach Gott, Jörn; nun rede doch nicht so!«

Sie schüttelt den Kopf und geht hinaus. Klein ist sie und geht etwas vornüber und hat etwas Unbeholfenes und Verschüchtertes. Arme Wieten, dein ganzes Leben eine einzige Sorge. Rasch nachdenken! Nachdenken! Denn in jeder Sekunde fallen zehn Weizenhalme. In jeder Minute ärmer! . . . Ja, was hilft nachdenken! Nachdenken hilft nicht mehr. Ein Wunder hilft noch.«

386 Er ist wieder einmal hinuntergegangen, um den Jammer zu sehen. Es kommt ihm einer entgegen, der hat auch ein Weizenfeld da unten und hat auch Schulden bis an den Hals. Der ist ordentlich alt geworden in den paar Tagen.

»Was sagst du, Jörn?«

»Ja, was soll ich sagen, Peter? An unserem Pflügen hat's nicht gelegen. Es ist außer unserer Macht.«

Der nickt und geht an ihm vorüber. Er hat fünf Kinder im Hause.

Im Anfang August fängt es an zu regnen, und es ist Hoffnung vorhanden, daß eine Krankheit unter die Mäuse kommt und sie so rasch wegsterben, wie sie gekommen sind. Aber der Regen ist warm und weich und anhaltend. So recht ein Regen, bei dem selbst Kinder es aufgeben, auf gut Wetter zu hoffen, und in Haufen unter der Dachtraufe stehen und sich 'was erzählen: Damals, als die Sonne noch schien . . . So eine Woche, noch eine Woche, nun die dritte. Es ist ja Erntezeit? Wann soll denn die Sichel in der Sonne blinken?

Es ist ja nur kleines Leben, das da unten in den Weizenfeldern wühlt und arbeitet. Aber was ist da für ein Unterschied: klein oder groß? Es ist ein unnatürliches Leben: die Mäuse im lockeren Erdboden treiben Unzucht; und das Korn, das der Regen auf die weiche, nasse Erde gelegt hat, lernt es von ihnen. So jung es ist, noch in der Wiege, treibt es aus. Die geile, überreife Ähre wird Mutter. Erste und zweite Frucht wühlt und gährt durcheinander.

Nun hat es keinen Zweck mehr, nach den Weizenfeldern zu gehen: da ist nichts mehr zu suchen.

Er kam wieder nach Hause und fühlte einen dumpfen Kopfschmerz und dachte bei sich selbst: »Ich grüble mir noch den Kopf kaput . . . Es ist dumm, immer zu fragen: 387 warum? wohin? aber es ist merkwürdig: ich kann nicht davon weg kommen. Es ist gerade, als wenn man in ein dunkles Haus geschleppt wird. Man rennt wieder heraus an die Sonne; aber gleich wird man wieder ins Haus hinein geschleppt und muß durch jedes muffige Loch kriechen.«

Er ging in seine Kammer, setzte sich in den Stuhl und warf die Beine auf die Lade, daß es krachte. »Was steht da auf der Lade? ›Der Segen des Herrn machet reich ohne Mühe?‹ Das wäre! Na, denn man zu! Ich bitte um etwas Segen ohne Mühe! Ich bitte um etwas Segen mit Mühe! Wenn der Spruch in der Bibel steht, ist die ganze Bibel nichts wert und der Herrgott auch nichts.«

Er fuhr mit der Hand über den Kopf, als müsse er dort öffnen und freimachen, was unter schwerer Last lag. Wie ein Mensch, der unter einem schweren, hohen Haufen Stroh liegt, und immer mehr wird aufgepackt, und dumpfer wird der Kopf, und ängstlicher wird das Atmen. Er blieb so sitzen, und grübelte mühselig und angstvoll, und fuhr sich immer über das Haar, als suchte er dort Wirbel; Klinken und Schlösser, die er lösen könnte, um frei von dem schweren Druck zu sein; und kam in einen dumpfen Schlaf und wachte wieder auf.

Da war ihm, als wenn er in seinem Leben verirrt war. Es war ein Augenblick: als wenn ein Knecht, der unweit seines Wagens steht, sieht, daß seine Pferde wild auffahren und im Todesschreck davon rasen wollen. Jörn Uhl sprang heran und warf sich seinen Gedanken entgegen. Er riß an schäumenden Gebissen; seine Zähne knirschten; er sah aus wilden Augen in noch wildere hinein. Aber er wurde zurückgestoßen, daß er in die Kniee sank. Nun rasten sie davon. Hei, wie sie jagen und stürzen! Wer kann die halten? Hei, laß laufen, was laufen will . . .

388 Wie war das doch? Er war ja doch auf der Lateinschule gewesen? Wie war es denn nun geschehen, daß er doch hier in Sorgen saß? Wer hatte doch den Hof bekommen? Hinrich nicht, der war tot; den hatte er tot im Sarge gesehen. Wer denn? Der Älteste natürlich. Aber wie war es möglich, daß er das nicht wußte? »Ich habe wohl eine schwere Krankheit durchgemacht,« dachte er, »da gehen manchmal die Gedanken weg; das kommt nachher alles wieder in Ordnung.« Aber das war doch sicher: er hatte doch auch lange Jahre auf dem Hofe gelebt. Wie kam das denn? Ja . . . das kam so . . . richtig! . . . Der Vater trank, und da mußte er das Gymnasium verlassen und mußte schwere Jahre durchmachen. Aber nun war alle Not vorüber: mit Lena Tarn war das Glück gekommen. Er hatte die Stelle an der Sternwarte bekommen, so als Diener des Professors. Er ging hin und her, und wollte sich darüber freuen, und war doch in großer Unruhe, und machte die Thür auf und wollte Lena Tarn fragen, ob sie mit dem kleinen, festen Gehalt von neunhundert Mark auskommen könnte und dachte: die lacht natürlich übers ganze Gesicht und sagt: »Kleinigkeit! Macht Spaß! Alle Tage Pfannkuchen in Fett umgekehrt!« Als er aber die Thür öffnete, ging gerade der Knecht über die Diele. Da stutzte er und machte die Thür wieder zu. Dabei stieß er mit einem harten Gegenstand gegen die Thürpfosten. Er sah hin, was er da unter dem Arm hätte: da war es das Fernrohr samt dem Wolllappen, mit dem er die Metallstücke des Rohres zu reinigen pflegte, und er wußte nicht, wie er beides in seine Hand bekommen hatte, da es das alte Rohr war, das ganz zu unterst in der Lade lag. Er biß die Lippen zusammen und wurde blaß, und seine Stirn wurde naß von furchtbarer Angst.

»Verrückt,« sagte er.

389 Er ging wieder hin und her, in furchtbarer Not, in schrecklicher Angst. Er suchte, was er eben gedacht hatte, und quälte sich mit der Vergangenheit und konnte sich nicht zurechtfinden. »Es ist mir wohl nichts geglückt,« dachte er. »Es ist alles schief gegangen . . .«

»Das sagte der alte Klaus Johann auch, der sein Leben selbst verbrüddelt hatte; der erzählte jedermann: er hätte kein Glück gehabt . . . so ist es auch mit mir.«

Und plötzlich erschien ihm sein Leben so: nicht als lauter Mühe und Arbeit, sondern als lauter Irrtum und Sünde. Die schlechten Gedanken, die bei allen guten Menschenwerken, auch bei den besten, nebenan laufen, wie häßliche, schwarze Hunde neben edlen, trabenden Pferden, die wurden riesengroß. »Wo ist deine Schwester Elsbe? Du hast nicht auf sie geachtet, nun ist sie verloren gegangen. Wo ist dein Bruder Hinnerk? Du hast ihn geschlagen und vom Hofe gejagt; auf der staubigen Landstraße ist er ein Trinker geworden; du wolltest den Hof allein haben. Wie war das mit dem Pflugeisen: wolltest du, daß dein Vater hineinfiel? Wo ist Lena Tarn? Du verbotest ihr wohl das Singen? Du sagtest, sie solle vom Bett aufstehen, sonst wolltest du sie schlagen. Du bist ein schlechter Mensch und ein Mörder. Du bist es siebenfach wie Timm Thode. Sie kommen! Hör' . . . sie suchen dich. Sie wollen dich wegschleppen . . . durchs ganze Dorf!«

»Ich muß 'mal sehen,« sagte er mit fliegender Stimme, »ob das alles wahr ist, was sie sagen.« Er nahm das Rohr und ging nach dem Gartenhaus hinunter und legte das Rohr auf, alles mit fliegender Hand, und dachte nicht daran; den Schutzdeckel abzunehmen, der überm Objektiv lag, und sah hindurch und sprach überstürzend bei sich selbst: »Schwarz wie die Nacht. Es ist wirklich wahr. So ist meine Seele. 390 Nichts, gar nichts Gutes. Kein Fünkchen Licht und kein Stern am ganzen Himmel. Das ist nicht zu ertragen. Wenn es so steht, wo soll man denn hingehen? Man kann ja keine drei Schritt vor den Augen sehen. Das ist ja 'n Leben wie 'n Maulwurf. Hinnerks Leiter steht im Mittelfach in der Scheune. Ich will weg hier. Hier will ich weg, eh' die Leute es merken. Es muß doch irgendwo Licht sein . . .«

Er schob das Instrument mit derselben Eile wieder zusammen und wollte hinaus: da sah er einen Schatten vor sich und sah erschreckt auf. Da stand Wieten Klook in der niedrigen Thür und sah mit verzweifelten Augen auf ihn.

Da wußte er, daß er kein Verbrecher war, sondern ein Irrer. »Gott sei Dank!« sagte er. »Gott sei Dank!« Und wollte rasch verbergen, daß es so dunkel und wirr in ihm war, und sagte mit verzerrtem Gesicht, als wollte er lachen oder freundlich sein: »Ich wollte 'mal nach einem Stern sehen, dort . . . über den Cirruswolken.«

Aber sie trat rasch an ihn heran und sah ihm hart in die Augen: »So?« sagte sie . . . »So? Nein, das nicht! Das geht nicht!« Sie ergriff seine Hand und führte ihn durch den Garten. »Nein, Jörn . . . das geht nicht! So hat Lux nicht gefiedelt! Das fehlt noch gerade! Hier heißt es: Kopf hoch, mein Junge. Dein Sohn soll nicht sagen, sein Vater hätte sich das Leben genommen. Da kommt nichts danach. So den Pflug mitten auf dem Stück stehen lassen und am hellen Mittag davon laufen. Bist dreißig Jahre alt? Das ist ein schlechtes Feierabendmachen.«

Er that zuerst ganz erstaunt. Dann wurde er verlegen. Endlich kam er aus weiter, dunkler Ferne wieder in sich selbst hinein; es wurde heller um ihn, und er fühlte wieder den dumpfen Druck im Hinterkopf. Er wußte wieder, wo er war und wie es um sein Leben stand.

391 »Schwer ist es,« sagte er mühsam.

»Warte!« sagte sie, »ich hole dir kaltes Wasser. Du sollst frieren. Bleibe hier sitzen, hörst du? Bleibe hier sitzen! Ich komme gleich wieder, dann will ich den ganzen Abend bei dir bleiben.«

Sie lief in die Küche und war so ruhig dabei, daß die beiden Mädchen nicht merkten, in welcher Not sie war. In der Wohnstube riß sie den Jungen an sich und lief mit ihm über die Diele zurück. Er saß da noch auf der Lade. Sie gab ihm zu trinken, und als er die Schale hoch aufatmend vom Munde setzte, stand der kleine Junge an seinen Knieen und sagte: »Jung', Vater, was bist du aber blaß! Nun sieh man zu, daß du nicht krank wirst!«

»Was soll das alles helfen, Wieten?« sagte er.

»Ja, ja, Jörn. Du hast recht. Aber einerlei, schwer oder nicht; die Sache muß durchgeführt werden. Kommt Zeit, kommt Rat. Nun sollst du dich hinlegen und einen tüchtigen Schlaf thun. Flink: ich weiß, was sich gehört. Sieh 'mal, wie müde du bist! Leg' dich rasch hin! Schlafe wie jener: der kam in den Schlafberg und schlief sieben Jahre. Schlafe, mein Junge.«

Es war ihm eine Wohlthat, daß die beiden, die ihm gehörten, um ihn waren und so schön mit ihm thaten. Er lächelte müde und stand mit schweren, steifen Gliedern auf, legte die Jacke ab und legte sich hin. Sie blieben neben seinem Bett sitzen.

Als er nach zwei Stunden nach schwerem Schlafe erwachte, da eine Stimme ihn rief, stand der ältliche Knecht vor seinem Bett. Es war Abenddunkel, und der Knecht sagte: »Wir wissen nicht, wo Wieten ist: sie ist vor einer Stunde weggegangen, wir meinten, zum Nachbar. Sie ist aber nicht da. Nun sagt das Kleinmädchen, sie sei den 392 Feldweg nach Ringelshörn hinaufgegangen. Was kann sie da wollen? Da wohnt ja kein Mensch; und es ist dunkel, und die Gräben sind voll Wasser; und sie sagt selbst, daß sie im Dunkeln nichts mehr sehen kann.«

»Wo ist der Kleine?«

»Der spielt in der Stube bei seinem Großvater.«

Jörn Uhl sprang aus dem Bett und fuhr in die Jacke. Er war plötzlich ganz gesund. »Ich gehe ihr nach,« sagte er und sprang aus dem Hause. Der kalte Regen schlug gegen seinen unbedeckten Kopf und erfrischte ihn. Er ging den breiten Weg hinauf, und dann in den Fahrweg hinein bis an den Fuß von Ringelshörn, und fand nichts. Da er wegen der schweren, regnerischen Luft nicht viel sehen konnte, stand er ratlos und wollte gerade ihren Namen rufen, da kam ihm der Gedanke, noch den Fußsteig hinauf zu gehen, der durch die Mulde hinaufführt. Als er eben in das Thal hineingegangen war, sah er vor sich am Goldsoot eine kleine, gebückte Frauengestalt stehen und wußte gleich, daß sie es war und was sie da suchte.

Er ging auf sie zu; aber sie hörte ihn schon kommen und kam ihm entgegen und sagte traurig: »Es ist nichts damit. Ich habe mich zu lange nicht darum gekümmert, oder ich bin zu alt und stumpf dazu.«

Er legte den Arm um ihre Schulter und nahm sie mit: »Komm rasch wieder nach Haus. Du wirst ja ganz durchnäßt. Komm, ich will dir meine Jacke übern Kopf legen. So.«

Sie ging gebückt und mühsam neben ihm. »Früher,« sagte sie schämig, »als ich noch ein junges Ding war, da waren alle diese Dinge lebendig; aber nun ist das so allmählich gestorben.«

»Was wolltest du?«

393 »Ich weiß nicht. Ich wollte 'mal sehen, ob ich etwas erreichen könnte; aber es sah mich alles stumm und tot an.«

»Es ist nichts damit, Wieten!«

Sie schwiegen eine Weile. Er hatte den Arm um ihre Schulter gelegt und leitete sie auf die trockenen Stellen des feuchten Weges.

»Das kommt,« sagte sie, »weil man nicht mehr daran glaubt. Das weißt du auch selbst: wenn einer kein Interesse mehr an Sonne, Mond und Sternen hat, dem sagen sie auch nichts mehr; und wenn man nicht mehr am Hausstand arbeitet, verfällt er. Das ist mit allem so. Die Gleichgültigkeit macht alles tot; die Liebe macht alles lebendig. Ich habe diese Dinge lange vergessen gehabt, nun sind sie vom langen Liegen gerostet.«

»Du bist nun ganz mutlos, Wieten, das mußt du nicht sein.«

»Ja, siehst du, Jörn . . . vorhin, als ich dich da in deinem Gartenhaus fand, da dachte ich: Wenn es so wird, was dann? Und da bin ich in meiner Angst hierher gelaufen.«

»Wieten, dies hier hilft uns nicht. Heide und Wasser, Wind und Regen: das ist wohl alles noch hilfloser als der Mensch. Da muß man nicht hingehen und Hilfe suchen.«

»Sage das nicht, Jörn! Es liegt hinter unserem Leben ein Geheimnis. Wir leben nicht wegen dieses Lebens, sondern wegen des Geheimnisses, das dahinter liegt. Und es muß möglich sein, das Geheimnis zu raten, und wer es rät, hat Klarheit und Wahrheit. Und in solchen alten, heiligen Dingen und Geschichten: da muß es doch am ehesten liegen. Von alters her haben unsere Vorfahren es da gesucht, und einige haben es gefunden.«

»Ja, Wieten, da hast du recht: das mit dem Geheimnis, ich glaube, das ist wohl so, wie du sagst. Aber ich glaube 394 nicht, daß wir es finden und raten können. Das ist gerade so, als wenn ein Mensch über sich selbst wegspringen will. Mensch bleibt Mensch, Wieten, Esche bleibt Esche. Und zum Menschen gehört, daß wir dies alles nicht wissen noch sehen. Es kann gern sein, daß es ganz offen, und breit und lebendig, rund um uns liegt oder steht, lacht oder weint; aber wir haben keinen Sinn, es zu sehen oder zu hören.«

»Es mag wohl sein,« sagte sie gedankenvoll und traurig. »Man muß dann eben so weg arbeiten, bis es Abend wird, und immer gut und lieb sein, soviel man kann.«

»Richtig, Wieten: das steht im Neuen Testament.«

Sie hob den Kopf ein wenig, während sie kurzatmig neben ihm herging. »So? Steht das da? Was steht da denn . . . weißt du . . . von dem Geheimnis?«

»Ja . . . soviel ich verstanden habe, Wieten, denn steht da: daß wir hier nicht dahinter kommen; wir sollen aber das beste Zutrauen haben, daß alles einen inwendigen, guten Sinn und Zweck hat. Danach, nach dem Tode, sollen wir es weiter bringen, daß wir hinter das Geheimnis kommen und die Dinge sehen, nicht wie sie scheinen, sondern wie sie sind.«

»So, das sagt Christus? So . . . das wundert mich. Das mag denn wohl so sein. Aber ich bin von Kind an immer so heißhungrig gewesen: ich wollte immer wissen, was es wohl mit uns und allen Dingen eigentlich wäre, und habe immer gemeint, man müßte es finden können. Damals, als ich bei Jörn Stuhr in Schenefeld diente, haben wir eigentlich nichts anderes gethan, als daran herumgespürt. Aber wir konnten auch nichts finden. Und Hans Stuhr mußte in die Mergelkuhle hinein.« Sie fing an zu weinen.

»Das Suchen ist vergeblich, Wieten. Ich meine, daß Christus selbst gesagt hat, daß auch er nicht alles wüßte. 395 Er sagte, es wäre auch nicht nötig, daß wir's wüßten; wir sollten nur immer Vertrauen haben und rein und lieb sein. Er war gegen alles Verknittert- und Verbittertsein, gegen alles Von-oben-treten und Alles-wissen-wollen, gegen alles Hassen und Hartsein. Habt Zutrauen, sagte er, und seid rein und barmherzig.«

»Na ja . . . und man kann wohl zu dem, was er sagt, Vertrauen haben; denn er war klug und gut; und es ist kein Zweifel, daß er das Beste gewollt hat, und er ist dafür gestorben, als er noch ganz jung war. Also müssen wir uns daran wohl halten, Jörn, und sehen, wie es abläuft.«

»Ja, Wieten: denn wollen wir man zusammenstehen und den Nacken steif halten, du liebe, alte Deern.«

Als er sie bis an die Küchenthür gebracht hatte, gelüstete es ihn, noch eine Zeitlang mit bloßem Kopfe in der frischen Luft zu gehen.

Der Regen hatte aufgehört; Wind war nicht. Als er sich weiter vom Hofe entfernte, verloren sich die letzten Töne, welche die Stille des Herbstabends störten. Er kam in Träumen an Ringelshörn heran und stieg hinauf und ging langsam, ziellos schräg über die Heide, die in ödem Graudunkel um ihn lag. Allmählich, als er so ging, löschte der Tag das letzte Licht, so daß er nichts wie Nacht sah, rings um sich. Da kam er noch einmal in ein trauriges Grübeln über Vergangenes und über seine Zukunft. Und, wie er da tief hinein kam, war ihm, als wenn die Heide sich zu beiden Seiten hob, daß sie wie schwarze Höhen wurde, an denen hohe, finstere Tannen hinaufstiegen, und als wenn er also in einem tiefen Thal dahin ging. Und es war so einsam und so dunkel und tot, und er kam in eine solche Tiefe, daß er sich fast so sehr fürchtete wie vorhin im Gartenhaus. Dazu erschreckten ihn Erscheinungen, 396 die wie körperlich waren. Sein Bruder Hinnerk ging mit bösem Gesicht nicht weit von ihm, und Lena Tarn ging vorüber, als kennte sie ihn nicht, und Geert Dose stand da mit der blutigen Biese, und viele andere gingen ruhelos und ziellos und traurig vorüber. Und die Erscheinungen und die Landschaft, durch die sie gingen, hatten etwas Schauriges und Verzerrtes.

Aber als er noch so in großer, furchtbarer Einsamkeit, doch auch nicht ohne heimliches Behagen – wie ein Kind vor Gespenstern –, mitten im Land der Schmerzen dahinging: da dachte er an das Wort, das er vorhin selbst gesagt hatte, daß man an das Gute glauben müsse, es möge laufen, wie es wolle. Und gleich, als er das gedacht hatte, wurde es ein wenig heller, und die Gestalten bewegten sich ruhiger und bekamen freundlicheres Aussehen, und er sah einen schmalen Weg, der hinauf führte, der ging erst zwischen hohen Tannen durch, die wie stolze Männer standen, so daß er sich schämte vor den Bäumen, und seinen Stock fester aufstieß und gerader und mutiger ging. Es kam ein frischer Wind und stärkte ihn, und er kam wieder zu der Fläche der Heide hinauf und sah deutlich die Linie am Horizonte, wo die Heide aufhört und man zur Marschebene hinunter steigt. Da stand er still und horchte.

Und als er so stand, da alles um ihn still war, kein Wind wehte, kein Vogel schrie: da hörte er ganz hinten vom Walde her ein schweres Stoßen und Dunsen, als wenn mit langsamen Schlägen viele schwere Hämmer dumpf auf schweres Holz und Eisen niederfielen; die fielen so schwer und gewichtig, als schmiedete jeder Schlag ein ganzes Menschenleben. Vom Walde her aber kamen über die Heide her viele leise, rasche Füße, daß es wie ein großes, tiefes Rauschen war, als wären zehntausend unterwegs, die 397 Stellungsbefehle, noch heiß vom Feuer, kleinen Menschenkindern in die Hände zu drücken.

So stand er eine Zeit und lauschte auf das Arbeiten der ewigen, verborgenen Mächte. Dann wandte er sich ab und ging in stillen, gefaßten Gedanken nach Haus.

Als er in die Küche trat, um nach Wieten zu sehen, begegnete sie ihm, und sah zu ihm auf, und wunderte sich über sein stolzes, schönes Gesicht, daß sie erschrak.

* * *

Am anderen Nachmittage kam der Weißkopf auf den Hof und fragte freundlich nach dem Befinden des alten Uhl. Als er dann mit Jörn Uhl in der Kammer war, wurde er noch freundlicher und machte den Vorschlag, daß der Bauer ihm etliche Kornvorräte heimlich überließe, es solle sein Schade nicht sein. Aber Jörn Uhl lachte ihm ins Gesicht. »Was denken Sie,« sagte er. »Unglücklich bin ich; nun soll ich auch noch schlecht werden? Haben Sie das gedacht? Sie haben ganz falsch gedacht, alter Mann. Machen Sie, daß Sie von der Hofstelle kommen.«

Als der schleunig gegangen war, sah Jörn Uhl ein wenig zu seinem Vater hinein, sprach mit Wieten und sah in die Bibel, die da offen lag. Als er sah, daß es das Kapitel von den ägyptischen Plagen war, lächelte er Wieten an und sagte: »Sei man ruhig. Die Letzte davon habe ich eben vom Hofe gejagt.« Darauf ging er nach seiner Gewohnheit in seine Kammer, um allein zu sein, und dachte wieder, doch mit einem gewissen zähen Gleichmut: »So, nun muß ein Wunder kommen.« 398

 


 

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