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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundzwanzigstes Kapitel

Die Uhl ist tot. Die Menschen, die auf einem toten Hofe wohnen, werden meist geizig und schmutzig.

Das geschieht auf der Uhl nicht.

Wieten hat ihr Haar glatt und ordentlich gestrichen; der kleine Junge ist sauber gekleidet, wie das Kind eines Arbeiters, der eine ordentliche Frau hat; der Bauer geht im Sommer in Blauleinen, im Winter in englisch Leder, die Weste bis an den Hals zugeknöpft. In der Lade, ganz zu unterst, liegt unbenutzt der dunkelblaue Anzug, den er sich machen ließ, als er mit Lena Tarn Hochzeit machen wollte.

Auch innerlich verrohen die Leute auf der Uhl nicht. Dafür sorgt schon das Andenken Lena Tarns, der Gütigen, und das ernste, stille Wesen Wieten Klooks; dafür sorgt bei dem Bauern der angeborene Sinn für das Ehrenwerte, Reinliche.

Aber eine andere Gefahr ist da: die, daß der Bauer ein Einsiedler wird, ein Wunderlicher. Er war schon einmal in dieser Gefahr, damals, als seine erste Liebe ein so unglückliches Ende nahm. Jetzt kommt die Gefahr wieder. In der traurigen, sorgenvollen Einsamkeit bricht wieder mit Macht der starke Trieb hervor, zu grübeln, zu ergründen, zu 375 erkennen. Und jetzt kommt diese Gefahr über einen Mann, dessen Seele müde, verbittert und fast verzweifelt ist. Aber während er damals alles allein in sich verarbeiten mußte, den langen Leib auf dem strohgeflochtenen Stuhl, so halfen ihm jetzt Menschen und Sterne.

Gut war's, daß er nicht nötig hatte, weg- und zwecklose Gedankengänge zu machen wie jener Bauernjunge, der einen ganzen Tag lang kreuz und quer über die Wodansheide galoppierte und patzig und tiefsinnig sagte: er thät's, weil er's müßte. Gut war's, daß er nicht aufs Geratewohl ins Abstrakte und Unsinnliche hinab zu taumeln brauchte, als wenn ein Mensch einen Anlauf nimmt und von der Erde ins Weltall hinunterspringt . . . Es zogen oben am Himmel noch immer die goldenen Heerhaufen vorüber, quer auf dunkler Straße hunderttausend Mann, mit blanken Kürassen und funkelnden Lanzen. Auf diese konnte er sein gutes Rohr richten und in stillen und ernsten Gedanken zielen.

Hinten im Apfelgarten, am Rande des Burggrabens, stand ein Gartenhaus, dessen Mauern noch gut waren. Aber das Dach war verfallen. Er riß es herunter und zimmerte selbst ein neues, das drehbar war, und machte Spalten darin und baute in dem Rundraum zwei gute, steinerne Pfeiler, und stellte auf den einen den Refraktor und auf den anderen das Passageinstrument, und stellte Bücher und Uhr aufs breite Fensterbrett und nagelte Tabellen und Sternkarten an die Wand. Das alles that er selbst, ohne jemandes Hilfe.

In dem Gartenhaus hatte der Vater mit lauten Gästen gelacht und gespielt, und die Brüder hatten nachts mit liederlichen Mädchen darin gesessen: nun stillte dort der Jüngste seinen Durst nach Wissen. Er saß zuweilen die halbe Nacht hinter Karte und Okular, und sah tief in ein 376 gewaltig gelehrtes Buch, und schüttelte oft den Kopf und hatte die Stirn voll Furchen, und schlug zuweilen, erstaunt über das, was er gefunden hatte, mit der flachen Hand aufs Knie, daß es schallte. Und so war's gut. Es war ein Sprung aus einem Feld voll Dornen und Disteln auf einen hohen Wall, wo den staubbedeckten Arbeiter ein frischer Wind umwehte.

Und Menschen halfen ihm.

Das Kirchspiel wollte eine neue Entwässerung der ganzen Gemarkung vornehmen, eine Sache, die genaue Vorarbeiten nötig macht, sich durch Jahre hinzieht, vielen Arbeitern Brot giebt und viele Tausend Mark kostet. Sie hatten drei Jahre lang darüber nachgedacht, wie sie es am schlausten und billigsten ins Werk setzten, ob sie es nicht ohne gelehrte Leute durchsetzen könnten, die bekanntlich heidenmäßige Rechnungen schreiben. Da kamen sie zu dem jungen, schweigsamen, gelehrten Bauern, der auf der Uhl saß wie in Spinneweb, und fragten ihn um Rat. Der überlegte die Sache acht Tage lang und zeichnete auf den großen Grundbuchkarten der Gemeinde die halben Nächte durch, wobei er den langen Zeigefinger oft an die lange Nase legte, als ob er genau messen wollte, wer länger wäre. Dann trat er vor die Kirchspielsherren und erklärte ihnen: er, er selbst, wolle die ganze Ausführung leiten, unter ihrer eigenen Oberaufsicht; und sie sollten ihm seine Arbeit bezahlen, so und so, immer zu Neujahr, wenn das Jahrespensum zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt wäre. Sie erstaunten sehr und baten ihn, hinaus zu gehen, und berieten lange und lebhaft. Mit knapper Stimmenmehrheit wurde sein Anerbieten angenommen.

Er führte die ganze Arbeit in fünf Jahren aus, wie er mit ihnen abgemacht hatte, und hatte den doppelten Nutzen, daß er eine kleine Beihilfe für seine große, immer 377 leere Kasse gewann, und daß er eine Arbeit mehr hatte, welche zweckloses Sorgen und schwerblütiges Grübeln unterbrach.

Die Arbeit wurde noch dazu Veranlassung, daß er in Botanik und Mineralogie hineinkam. Auf den vielen Gängen über die Gemarkung der Gemeinde, die Geest und Marsch, Moor und Heide hatte, sammelte er Kraut und Unkrautsamen und erfreute den Professor in der Stadt mit guten, sauberen Präparaten; und als sie die neuen, tiefen Gräben durchs Land zogen, erfaßte ihn die Neugier, die verschiedenen Erdarten und -schichten zu untersuchen und zu bestimmen, und der alte Professor bekam saubere Zeichnungen und peinlich genauen Begleitbericht.

Menschen halfen ihm.

Der kleine Junge wuchs heran und lief mit unermüdlichen Fragen im kurzen Trabe neben dem Vater her durch Haus und Scheune, und ritt und fuhr mit ihm zur Schmiede; und eines Tages ging er allein ins Dorf und brachte einen kleinen Jungen als Spielkameraden mit, so wie die einsame Taube sich einen Genossen holt. Von da an bewirkte der Verkehr mit Kindern, daß Gedanken und Reden kindlich wurden. Und Jörn Uhl, der bisher vergeblich versucht hatte, den rechten Ton der Unterhaltung zu treffen, saß nun zwischen den beiden, kleinen Kerlen auf der Bank neben dem großen Scheunenthor und hörte klug zu, wie sie miteinander redeten, und fand den Ton, und baute ihnen einen Kaninchenstall, halb in der Erde, halb über der Erde, wie es sich gehört.

Als er fünf Jahre alt war, trug er dem Vater von Feld zu Feld Meßkette und Stäbe nach. Und als er sechs war, und er im Anfang der Ernte hörte, daß sein Vater gegen Wieten klagte, er müßte wohl einen Dienstjungen eigens wegen des Zwischenfahrens annehmen, da behauptete 378 der kleine Kerl, er getraue sich wohl, das zu thun. Und dann hat er während dieser heißen und hilden Ernte vier Wochen lang den ganzen Tag den Erntewagen gefahren. Und war stolz wie ein König, und lachte hell auf und trampelte vor Vergnügen mit den Füßen, als der alte Knecht den letzten vollen Wagen am Heckthor des Aukrugs umschmiß, da, wo die Einfahrt so beschwerlich ist. Das war ihm nicht widerfahren. Jörn Uhl stand an der Ecke des Weges und sah des Jungen Freude und hätte fast gelacht.

Von Wuchs waren des Kindes Eltern gleich gewesen, groß, weit gebaut und gelenkig; aber die Augen hatte der Junge von seiner Mutter; und es schien, daß er auch viel von ihrer freundlichen Natur und ihrem hilfbereiten Sinn geerbt hatte. Wenn er, mit dem Hofhund oder den Kindern spielend, einmal hell auflachte, trat der Vater aus der Thür und sah mit verlorenen Gedanken auf das Kind.

Menschen halfen ihm.

Eines Abends – es war ein Jahr nach der Unterhaltung in der Kirche – wagte Jörn Uhl es und ging übers Feld nach dem Kirchensteig ins Pastorat. Es war nach dem Abendbrot. Die rissen die Wohnstubenthür auf, verwundert, wer da noch käme. Da stand Jörn Uhl da, in seinem guten, dunkelblauen Anzug und in seiner ganzen, stattlichen Eckigkeit. Er wurde hereingebeten und trat ein, indem er sich unter der niedrigen Thür des alten Hauses tief bückte.

Es stand in der Mitte der niedrigen Stube ein viereckiger Tisch, und alle vier Seiten waren besetzt. An der einen saß der Pastor und las. An der anderen saß seine Frau; die war schmuck und ein wenig zart, und war kinderlos; die las auch. An der dritten Seite saß die Stütze der Hausfrau, irgend ein junges Ding, meist so um 379 achtzehn herum, und meist eines Lehrers Tochter, und meist in guter Laune; die las auch.

An der vierten Seite saß der Vater des Pastors. Er war ein alter Mann, war in seiner Jugend mit bei Idstedt über die Koppel gesprungen und verwundet worden, und hatte auch nachher im weiteren Leben als Handwerker auf dem Lande allerlei Buntes erlebt und noch Bunteres gesehen, und pflegte zu sagen: »Ich brauche nicht mehr in Büchern zu lesen; mein Leben ist ein Buch.« Er saß seitlich am Tisch und rauchte und erzählte; und niemand hörte danach. Nur wenn es ihnen neu war und interessant, sahen sie von ihren Büchern auf und fragten: »Wie war das, Vater?«

Irgendwo in die breiteste Lücke gedrängt, saß ein kleiner, munterer Junge von zehn Jahren. Er hatte keine Eltern und ging beim Pastor auf die Fohlenweide. Der las auch.

Nun kam Jörn Uhl, nachdem er gebückt eingetreten war. Und es war kein Platz für ihn. Zuletzt stand das junge Mädchen auf und gab dem Jungen verstohlen einen Wink, und beide setzten sich im Hintergrunde der Stube auf das Sofa, stellten ein Spiel zwischen sich, und spielten eifrig, und langten abwechselnd mit spitzen Fingern in eine große Rosinentüte, die aus Versehen auf dem Sofa stehen geblieben war.

Also hatte Jörn Uhl nun richtig einen Platz, und die Unterhaltung konnte vor sich gehen. Und zuerst, da der Pastor meinte, der Besuch hätte ein bestimmtes Anliegen, redete er ein wenig Allgemeines und wartete auf das Besondere. Das ging spärlich. Dann, als das Besondere nicht kam, und der Gast seßhaft blieb, merkte der Pastor, daß Jörn Uhl wirklich und wahrhaft gekommen war, bloß um einige gemütliche Stunden zu verleben, wozu er seit Jahr 380 und Tag mehrfach eingeladen worden war. Nun kam das Gespräch auf Weltbegebenheiten und stieg von da, auf Veranlassung der Frau, zu den Sternen empor. Und es kam an diesem Abend bis dahin, daß Jörn Uhl ein Blatt Papier vor sich hatte, und mit einem Bleistift, den er wie einen Forkenstiel anfaßte, eine flüchtige Karte entwarf und in bedächtigem und richtigem Hochdeutsch, mit langsamen Schritten und in ruhiger Unterhaltung, mit dem gesamten Pastorat die Milchstraße entlang, immer der Nase nach, quer über den Himmel spazierte.

Das Pastorat atmete erleichtert auf, als sie die Hausthür hinter ihm zugemacht hatten. Der Pastor sagte: »Habe ich zuviel gesagt? Ist er nicht ein feiner und kluger Mensch?« Die Frau sagte: »Diesmal hast du recht gehabt: es ging sehr gut.«

Er kam nach vierzehn Tagen wieder und kam dann immer so ungefähr alle vierzehn Tage. Wenn die Unterhaltung nicht recht mehr wollte – da weder Jörn Uhl, noch der Pastor, noch seine Frau Gesellschaftsmenschen waren –, so wurde ein Buch genommen und vorgelesen. Ja, es geschah, daß der Pastor so wild auf ein Buch war, in dem er gerade las, daß er gleich sagte: er könne heute abend nicht davon lassen. Dann sprach Jörn Uhl mit dem Alten über Krieg und Kriegsfahrten, oder mit der Frau über allerlei Lebensschicksale.

Mit den Büchern, die vorgelesen wurden, griff der Pastor erst ganz und gar fehl. Er kam mit »Faust« und las vor, danach mit Reineke Fuchs. Jörn Uhl hörte zu; aber als sie fertig waren und er um seine Meinung gefragt wurde, schüttelte er ganz stark den Kopf. »Nein, Herr Pastor,« sagte er, »das ist nichts für mich; mit solchen Dingen hat Wieten Klook mich in meiner Kindheit 381 überfüttert. Sie pflegte gerade solche wilde und unzuverlässige Geschichten zu erzählen wie diese, und Fiete Krey, der bisher in Wisconsin eine Butterfarm gehabt hat und nun in Chicago einen Holzhandel anfängt – er hat es mir geschrieben –, der und meine Schwester, die hörten genau zu; aber für mich war das nichts. Ich machte unterdes Schwellen aus Stopfnadeln und legte Schienen aus Wietens Strickwieren und baute eine Eisenbahn, und als ich etwas älter wurde, las ich in Littrows ›Wunder des Himmels‹. Solche Dinge sind meine Neigung. Aber ich habe immer etwas anderes thun müssen.«

Da versuchte es der Pastor mit Reisebeschreibungen und Lebensgeschichten. Und das ging. Sie lasen die Reise eines Nordpolfahrers und eines Wüstenwanderers, und die Lebensgeschichte eines Staatsmannes, die er selbst erzählt hat, und die Lebensgeschichte Jesu, die Markus erzählt hat. Sie lasen dies Büchlein, wie sie die anderen gelesen hatten, und stritten sich sehr.

Zuletzt, im dritten Jahre des Verkehrs, kam es soweit, daß der Pastor sagte: »Wir haben beide friesisches Blut in uns, Uhl. Sind wir aber Friesen, so müssen wir Weltweisheit verstehen können; das kann nicht anders sein. Wir wollen die Zähne zusammenbeißen und ein dickes und schweres Buch lesen, das ein Bauernjunge aus Langenhorn zusammengeschrieben hat, der jetzt ein großer Professor ist.«

Und so geschah es. Und manchmal sahen die beiden sich dumm an. Und manchmal schien es, daß der Bauer mehr davon begriff als der Pastor. Der ist niemals ein Weltweiser geworden.

So halfen Menschen und Sterne, daß Jörn Uhl über böse, einsame Jahre hinweg kam. 382

 


 

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