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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neunzehntes Kapitel

Es war ein glückliches Jahr. Sie waren stolz, einer auf den anderen und auf den stattlichen Hof, dem sie mit gravitätischem Ernst vorstanden.

Der alte Uhl hatte die Herrschaft über seinen Körper nicht wieder bekommen, hatte sich aber von seinem schlafähnlichen Zustande soweit erholt, daß er auf einem Lehnstuhl die Tage verbrachte. Das Essen schmeckte ihm gut, die Pfeife auch; die Sprache hatte er soweit wieder bekommen, daß die Hausgenossen seine gröhligen Ausrufe verstehen konnten. Der Jüngste kam täglich in die Stube und erzählte, hin und her gehend, ohne den Vater anzusehen, was im Laufe des Tages an Arbeiten vor sich ging. Der Vater schwieg dazu. Wenn der Sohn die Stube aber verlassen hatte, nannte er alles, was er gehört hatte, dumm und verkehrt. Wenn er aber im besten Reden und Schimpfen war, fing Wieten Klook an, von seiner Frau zu sprechen: »Einmal, da sagte die Frau« . . . oder: »Einmal war kein Mensch im Hause, bloß ich und die Frau, da wurde sie gemütlich und erzählte« . . . oder: »Als damals die kleine Elsbe geboren werden sollte, die nun an den Lumpen, den Harro Heinsen, 347 weggeworfen ist . . .« Oder sie lobte Lena Tarn und das mühsame, fleißige Leben auf dem Hofe. Dann wurde er still und saß mit halbgeschlossenen Augen; der schiefe Mund war noch mehr verzogen. Das fröhliche, wohlwollende Lachen, das er früher gehabt hatte, war ihm ganz vergangen.

Der junge Bauer war schon längst wieder an die Arbeit gegangen und sorgte während der Arbeit um morgen und übermorgen, ob er Korn oder Vieh jetzt oder später verkaufen sollte, ob er die gewaltige Zinsensumme zum 10. November beisammen haben würde. Er war wohl sehr glücklich und stolz, wenn er daran dachte, daß ein großes Vertrauen ihm, dem Vierundzwanzigjährigen, solchen Hof übergeben hatte, und daß eine so blühende, fröhliche und tüchtige Frau neben ihm arbeitete. Aber er kam nicht zum Genuß seines Glückes. Er trank wie ein Hirsch, der gejagt wird, der rasch am Wasserlauf sich aufs Knie legt und, erst halb satt, schon wieder aufspringt, weil er Jäger und Hunde hört.

Die junge Frau sorgte nicht. Aber sie »strebte«, vom frühen Morgen bis in die Nacht. Die Arbeit flog ihr aus der Hand. Sie gab keinen Groschen unnütz aus. Thieß hatte ihr zur Hochzeit einige Meter grauen Lüsterstoff geschenkt. Daraus hatte sie sich selbst zwei schlichte Kleider gemacht, mit weiten Ärmeln, die unten am Handgelenk aufgeknöpft werden konnten. Darin arbeitete sie nun, immer gesund, immer munter, immer mehr aufblühend, die Arme meist braun und bloß bis zum Ellenbogen, und summte dazu.

Nun war sie in der Küche. »Grethje,« sagte sie, »mach' flink! Je flinker du die Hände rührst, desto eher kriegst du einen Mann.«

»Das ist auch recht 'was!«

»Wenn er gut ist?«

»Giebt's gute?«

348 »Deern, willst du mir meinen Mann schlecht machen?«

»Ja! Der Bauer!«

»Still jetzt! Meinst du, ich will mit dir über meinen Mann handeln? Sieh zu, wie du einen kriegst: es ist ein Kunststück, sag' ich dir . . . Ich muß zu den Kälbern.«

Nun war sie im Stall beim jüngsten Kalb. »Gleich haben sie dich von der Mutter weggerissen, du armer Rotkopf. Saug' . . . oder ich schlag' dich. Ich bin die Stiefmutter . . . So . . . Jetzt geht es schon gut. Bist satt? Dann leg' dich hin und schlaf! Soll ich dir vorsingen? Ich weiß Wiegenlieder genug für die Zeit, daß ich sie brauche. Sieh mich nicht so dumm an, Rotkopf, ich habe keine Zeit. Wenn der Bauer mit seinen langen Beinen an dir vorüberstapft, dann grüß ihn und sage ihm, er wäre ein Schelm. Wenn du größer wirst, mußt du mit ihm in den Burggraben sausen, wie es im vorigen Jahre dein Bruder that. Er hat es redlich um mich verdient. Was hat er aus mir gemacht?«

Es kamen die kleinen Kinder des Arbeiters, als sie an der Waschbalje stand, und fingen an, zutraulich mit ihr zu plaudern. Sie redeten eine Weile miteinander; dann spitzten die Kinder die Ohren. Sie hatten ein leises Piepen gehört.

»Du, Neusche (das heißt Nachbarin), was piept da?«

»Hört zu!«

»Du, Neusche, wo piept das?«

»Hört zu!«

»Du, Neusche, da bei dir piept es, da in deiner Brust.«

Da kniete sie vor den Kindern nieder, öffnete das Kleid an der Brust und zeigte ihnen das kleine Hühnerkücken, das sie halberfroren gefunden hatte und zwischen ihrer Brust wärmte. Es piepte laut, als sie es mit dem Wolltüchlein auf die Erde setzte.

Die Kinder staunten, und Lena Tarn lachte und sagte: 349 »Ihr müßt zu eurer Mutter sagen: ›Mutter, bei Neusche piept es.‹«

Das ist eine landläufige Redeweise, wenn eine junge Frau guter Hoffnung ist.

Gegen Ende der Erntezeit kam die Dreschmaschine ins Dorf. Da war da eine habgierige Bauernfrau, die hatte, wie sie meinte, zu viel Geld für ein seidenes Kleid ausgegeben und müßte den Verlust nun bei den dreißig Arbeitern an der Maschine wieder gut machen. Auch hatte sie noch einen Topf mit ranzigem Fett stehen. Also buk sie Pfannkuchen, steif und hart, in schlechtem Schmalz. Die Leute rochen daran, bissen hinein, standen von den Bänken auf und nagelten die sämtlichen zweiundsiebzig Pfannkuchen an das große Scheunenthor, legten Stricke um die schwere Maschine und zogen sie mit lautem Singen von der Hofstelle. Nun ging der Maschinenmeister unterwegs und suchte rasch neue Arbeit und wußte wohl, daß er sie schwer bekäme: der eine Bauer, dessen Frau sparsam kochte, wollte einen Druck ausüben; der andere meinte, schlau zu sein, wenn er das Korn noch in der Garbe ließe. Vor allem aber setzten sich die Frauen auf: »Ich kann doch jetzt nicht ohne weiteres und so auf den Pfiff dreißig Mann mehr satt machen? In zwei Stunden ist Mittag.«

Da kam der Meister in seiner Verlegenheit zu Jörn Uhl gelaufen. Der lief in die Küche. »Was sagst du, Lena Tarn?«

»Ist es dir recht?«

»Sehr, du. Ich fahre die Bohnen mit fünf Gespannen vom Felde her direkt an die Maschine.«

Sie drehte sich einmal rasch herum, sah durch die Küche und in die Richtung des Kellers: »Laß sie kommen! Sie müssen eine Stunde später essen.«

350 Nach einer halben Stunde surrte und brummte die Maschine. Die Garben flogen, und das schwere Schwarzkorn rauschte in die Säcke.

Sie hatte keine Anlage zum Sorgen und Grübeln. Sie lebte wie ein Kind vom Tage. Darum hatte sie ihm auch wohl so sehr gefallen, weil sie in diesem wichtigen Punkte so anders war als er. Sie lebte sorglos wie ein Vogel. Seht die Vögel unter dem Himmel an! Sie säen nicht. Und sie werden doch satt. Sie begehrte nichts für sich, machte keine Kosten. So meinte sie, müßte es gut gehen. Sie meinte, sie könnte es mit ihrer treuen Arbeit zwingen.

Einmal, im Herbst, fiel es ihr doch auf, daß er wohl Sorgen hätte. Er kam vom Dorf her über den Hofplatz, und sie bemerkte durch das Thürfenster, daß er im schweren Grübeln stehen blieb. Sie ging zu ihm hinaus und sagte: »Hast du so viel Sorge, Jörn? Komm, setz dich ein wenig her zu mir auf die Bank.«

»Ich sitze hier nicht gern. Es sieht so großartig aus, als wenn die Leute hinsehen sollen: Seht, da sitzt der Bauer und seine Frau.«

»Du bist der Bauer und ich die Frau. Merkwürdigerweise. Ich bin noch als dreizehnjähriges Mädchen mit nackten Füßen durch Sand und Heide gelaufen, und die Hinterwand von meines Vaters Haus war aus Backtorf gemacht.« Sie stützte den Arm auf den Rundtisch und legte die Wange in die aufgestützte Hand und sah ihn sinnend an: »Aber da liegt auch gerade der Fehler. Du hättest eine reiche Frau haben müssen, dann hättest du keine Sorgen, du armer Jörn Uhl.«

Er sagte nichts.

Da fuhr sie leiser fort: »Arbeiten mag ich und kann ich, und lachen kann ich auch. Und wenn es sich bloß ums 351 tägliche Brot und um Kleidung handelte, so wollte ich dich und einige Kinder mit meinen Händen satt machen und kleiden. Aber hier wird mehr verlangt. Mein Händerühren soll Silber machen und mein Singen Gold.«

»Sei man ruhig,« tröstete er. »Ich kriege die Zinsen wohl zusammen. Ich muß freilich die beiden Zweijährigen verkaufen, die hätte ich gerne noch ein Jahr behalten.«

Ihr kam schon wieder das Lachen. »Nachher vergreif' dich man nicht und verkaufe nicht deine eigenen Kinder.«

»Was wird das kosten?«

»Ach, du armer Jörn Uhl! Was wird das kosten? Nicht viel. Ich lege mich in Wietens Kammer; dann muß Wieten vier oder fünf Tage lang für zwei Kranke sorgen. Dann stehe ich wieder auf und gehe an meine Arbeit.«

Er war von Kind an gewohnt, allein zu grübeln. So war er ein Mensch geworden wie ein Haus mit einer hohen Mauer rund umher. Das junge Weib lachte, sang, arbeitete und liebte, und kam mit alledem nur bis vor das Thor seiner Seele. Sie klopfte zuweilen an; er ließ sie nicht ein. Sie war ihm zu gut, zu lieb und zu fröhlich. Was sollte sie in seine dunkle, sorgenvolle Seele sehen?

Wenn sie ein höheres Alter erreicht hätte und hätte sorgenlosere Tage auf der Uhl erlebt, so wäre sie eine von jenen köstlichen Bauernfrauen geworden, die wir hier und da im Lande haben, die mit immer guter Laune, mit raschem Wort und flinken Händen, ziemlich energisch und ein wenig behäbig, der fröhliche und starke Mittelpunkt des ganzen Hofes sind. Aber nun war sie noch zu jung, um zu wagen, mit ihrer ganzen Natur herauszutreten, und war noch zu sehr unter dem Druck ihrer armen Jugend, um selbstbewußt zu sein. Aber: als wenn sie wußte, daß sie nicht viel Zeit hatte, warf sie eine Fülle von Liebe und Freude auf alle, die um sie wohnten.

352 Abends, wenn sie mit ihm allein war, war sie seine Freude. Dann lag sie in seinem Arm und that immer wieder dieselbe Frage: »Heute war's fein, nicht?«

»Ja.«

»Die ganze Wäsche trocken. Du auch?«

»Was? Ich . . . trocken?«

»Ach . . . ich meine, ob du auch viel beschickt hast?«

»Ja . . . das Bohnenstück ist gepflügt.«

»Was denn für Not! Weißt du, was mich ärgert?«

»Ja, ich weiß.«

»Daß ich wegen der Leute nicht singen darf, du. Damals, als ich noch ein junges Mädchen war, da sang ich den ganzen Tag; es ging ja niemand 'was an, auch dich nicht, obgleich du immer so hochnasig an mir vorübergingst. Aber nun muß ich mich zusammennehmen. Ich darf auch nicht alles sagen, was wir gerade einfällt. Das ist fast noch schlimmer.«

»Du hast den ganzen Tag gesummt.«

»Aber nicht gesungen . . . Nun? . . . Sag 'mal 'was!«

»Denn man los! Aber nicht so laut!«

Nun sang sie allerlei alte und neue Weisen, am meisten alte Volkslieder, mit verhaltener Stimme. Dazwischen versteckte sie ihren Kopf zwischen seinem Arm und seiner Schulter und lachte: »Das sollten die Leute wissen.« Dann stützte sie den Kopf in die Hand, und lag gelehnt über ihm und reihte ihre drolligen, bunten Einfälle aneinander, und ließ sie vor ihm spielen, wie die Mutter die bunte Kette über dem liegenden Kind.

Sie hatte am Morgen noch für die Menschen gesorgt und einem neugeborenen Kalb die erste Milch gegeben. Sie hatte eine besondere Liebe und Gabe, dem hilflosen Neugeborenen zu helfen. Dann, in einer unruhigen Eile und mit fliegenden Händen, setzte sie noch Wasser aufs Feuer. 353 Dann kam sie zu Wieten hinein: »Die junge Rotbunte hat ein schönes Kalb geworfen, und nun muß ich . . .« sie wollte lachen, konnte aber nicht.

Wieten Klook stand schon neben ihr und legte die Hände um sie.

»Du bist unvernünftig,« sagte sie. »Komm, leg dich hin. Deine Stunde ist da.«

* * *

Es war ein feiner, aber kräftiger Knabe. Und wenn es auch gegangen war nach dem Wort: »Du sollst mit Schmerzen Kinder gebären,« und wenn sie auch zu ihrer großen Verwunderung matt und müde dalag: am anderen Morgen summte sie doch schon dem Kinde das erste Schlaflied; und obwohl Wieten warnte und von Jörn verlangte, daß er ein Machtwort spräche, stand sie doch am sechsten Tage auf. Sie sorgte den Tag über allein für ihr Kind und ging sogar nach der Küche und trug das Wasser, ihr Kind zu baden, und sang leise, und war stolzer und glücklicher als jemals eine Königin gewesen ist. Jörn Uhl ließ es geschehen. Er war so stolz darauf, daß er eine so kräftige Frau hatte: »nicht so zimperlich wie die anderen.« Jörn Uhl war zu jung und zu dumm.

Es muß Zugwind in der Küche gewesen sein. Es war im Nachwinter, im März, wenn es so feucht und kalt weht, und die Luft so naß und sonnenlos ist, als könnte es niemals Frühling werden. Am selben Abend lag sie schon mit brennendroten Wangen im Bett und war teilnahmlos, und in der Nacht redete sie irre. Sie, die niemand beleidigt hatte, sie, die Freundliche, ging in ihrem Wahn zu jedem im Hause, auch zu dem kleinen Dienstjungen 354 und zu allen Nachbarn, und bat jeden um Vergebung: »Wenn ich dir etwas zu nahe gethan habe . . .«

Wie von ihrer geängstigten, wandernden Seele herbeigerufen, kamen die treuesten Freunde. Thieß Thiessen stand plötzlich in der Stubenthür. Der nasse Märzwind hatte sein verknittertes Gesicht noch mehr zusammengezogen. Er sagte, daß Lisbeth ihn überredet hätte, Hamburg mit ihr zu verlassen und die ersten sonnigen Tage auf dem Heeshof zu erleben. Er trat ans Bett und trat gleich wieder zurück, bebend am ganzen Körper – so erschrak er –, und ging nach der Diele, und ging rastlos hin und her, und rieb die Hände und schüttelte den Kopf.

Am Morgen kam eine helle, junge Gestalt. Sie trat auf Jörn Uhl zu, der ratlos am Bett stand, gab ihm die Hand und sah ihn mitleidig an.

»Du, Lena,« sagte er, »das ist Lisbeth Junker, mit der ich als Junge immer gespielt habe. Ich habe dir davon erzählt.«

Aber Lena Tarn blieb teilnahmlos. Als Wieten ihr das Kind hinhielt, sah sie es mit langem, stillem Blick an. Dann haben Mutter und Kind sich nicht wiedergesehen.

Gegen Abend nahm das Fieber zu. Sie brauchte das ganze große Bett. Sie gingen durch die Stube hin und her, gingen nach der Küche und kamen wieder. Lisbeth Junker stand mit thränenschweren Augen am Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus. Thieß Thiessen stand in der Küche am Herd und stocherte mit der Feuerzange in der Torfglut. Der Arzt kam zum drittenmal und fuhr bald wieder weg. Als der Kutscher, der ihn schon kannte, nach ihm hinsah, sah er in blanke, kummervolle Augen. Der Pastor kam auch und sprach mit Jörn Uhl; er hätte ebensogut mit einem der Eichenständer sprechen können, die in der Diele stehen. 355 Es war eine lange, bange Nacht, eine Nacht ohne Rat, eine Nacht voll Jammer.

Gegen Morgen wurde sie wieder ruhiger, war aber todesmatt und redete mühselig. Er sollte »Vater sagen, daß sie ihn lieb gehabt hätte«.

Jörn Uhl schluchzte heiß auf: »Der hat kein einzig gutes Wort zu dir gesagt, du arme Deern.«

Sie versuchte zu lächeln.

»Du hast nichts wie Mühe und Arbeit gehabt,« sagte er.

Da machte sie ihm mit schwerer Zunge verständlich, daß sie sehr glücklich gewesen wäre. Er beugte sich tief zu ihr nieder. Sie versuchte, seine Hand zu streicheln. Um andere kümmerte sie sich nicht mehr; auch ihr Kind hatte sie vergessen.

Am Nachmittag, als das Fieber wiederkam, erzählte er ihr, daß die beiden neuen Kühe gebracht worden wären. Da wollte sie die Tiere sehen. Sie bat ihn. Sie wollte wohl den Eindruck erwecken, daß sie noch Interesse hätte und ihn dadurch trösten, und griff im Fieberwahn falsch und kam auf diesen Wunsch.

Da führten der Knecht und das Großmädchen mit sicherer Hand die beiden schweren Kühe durch die Stube; sie sah auf und lächelte.

Am Spätnachmittag raste das Fieber von neuem durch ihren Körper, und sie kämpfte mit ihm, bis die Nacht anbrach: da war es mit ihrer Kraft aus. Der Arzt kam durch die Nacht. Die Laternen seines Wagens wehten im eiskalten Winde. Er sah die Kranke und rief Jörn Uhl beiseite und sagte, daß keine Hoffnung mehr wäre. Wenn da noch etwas zu ordnen wäre . . .

Jörn Uhl ging wieder ans Bett zurück, an dem er seit sechzehn Stunden stand. Ja, da war noch etwas zu ordnen. 356 Etwas. Er beugte sich zu ihr nieder, und mit seinen schwerfälligen Worten sagte er ihr, wie lieb er sie gehabt hätte.

Sie versuchte, ihn anzusehen. Es sollte ein langer, verwunderter Blick sein. Sie sah ja zum erstenmal in seine Seele. Aber die Augenlider waren zu schwer.

Nach Mitternacht wurde sie ein wenig wacher. Sie sagte einige Worte, welche andeuteten, daß sie in ihrer Kindheit auf der Heide von Todum wäre. Man hörte etwas von: »Du hast bloße Füße« . . . und: »Da sind Schlangen« . . . und: »Hier sind wieder welche, schöne, blaue« . . . Zuerst waren ihre Schulkameraden aus der Todumer Schule noch mit ihr. Es ging von Strauch zu Strauch. Endlos dehnte sich die Heide. Da wurden die anderen mutlos und wollten umkehren. »Ja,« sagte sie, »denn muß ich ja allein gehen?« Da gab sie allen die Hand. Und als sie so von einem zum anderen ging, da waren es mit einem Mal nicht Schulkinder, sondern da stand der alte Lehrer Karstensen, und seine schönen, dunklen Augen blitzten gerade so wie manchmal in der Religionsstunde, wenn er Luthers Katechismus beiseite schob und frei heraus von der Treue und dem Mut des Heilandes erzählte. Er strich ihr über die Stirn, die vom Sonnenbrand heiß war, und sagte: »Nun geh' ja richtig, daß du die Uhl nicht verfehlst.« Und Jörn Uhl stand da und gab ihr zum Abschied die Hand, und küßte sie und weinte, und sie begriff nicht, wie der große, mächtige, starke Mann dazu kam, so kindlich zu weinen. Deutlich hörte sie es. Und Wieten Klook war auch da und ging mit einem Kinde, das eben gehen konnte, durch den Garten. Und noch viele andere waren da und weinten. Deutlich hörte sie das bittere Aufschluchzen rund um sich. Da wandte sie sich ab und ging also von den Menschen weg allein über die Heide, immer weiter. Und es war einsam, und es wurde dunkel, und ihr wurde bange. 357 Aber wie sie weiter ging, wurde es wieder heller, als wenn eine schwere, schwarze Wolke die Sonnenseite des Himmels verdeckt hatte und nun zur Seite wich. Und allmählich, in der wachsenden Helle, kam auch wieder Gesellschaft. Es kamen von beiden Seiten unauffällig, um nicht zu erschrecken, einzelne Gestalten, und gingen von hinten her schräge und lautlos auf sie zu. Sie waren Menschen ähnlich; aber sie hatten viel reinere Augen und hatten einen Gang, als hätten sie nie Sorgen gehabt, und Gewänder wie von weißer Seide. Die kamen zuletzt so nahe und waren so viel, daß sie ganz umringt war, und waren sehr freundlich mit ihr. Da wollte sie lachen. Aber sie sagten, das dürfe sie noch nicht. Der Weg stieg an; von vorne kam es wie Licht oder wie Gesang. Es kam ihr entgegen wie Milde und Stärke. Von vielen Händen angefaßt und vorwärts geleitet, kam sie vor eine ernste, heilige Gestalt, die beugte sich weit vor und sah sie freundlich an. Da streckte sie die Hand aus und hatte plötzlich einen großen Strauß von leuchtenden, roten Blumen in der Hand, und gab ihm die und sagte: »Das ist alles, was ich habe. Ich bitte dich, laß mich bei dir bleiben. Ich bin furchtbar müde. Nachher will ich arbeiten, soviel ich kann. Wenn du es hören magst, möchte ich gern dabei singen.«

Als es im Dorfe bekannt wurde, daß Lena Tarn im Kindbett gestorben war, entstand ein großes Frauengelaufe, von Haus zu Haus, unter allen Linden, und es hub ein großes Trauern an. Es war kein Haus in Sankt Mariendonn, in dem nicht das Fenster rechts von der Hausthür mit weißem Laken verhüllt wurde. Selbst der alte Jochen Rinkmann, der sonst immer gerade das Gegenteil von dem that, was alle thaten, der so widerhaarig war, daß er bei einem Hausbrande immer seine eigene Ecke löschte und den anknurrte, der auch da löschen wollte: selbst der nahm seine 358 blaue Tischlerschürze, da er sonst nichts zur Hand hatte, und verhängte das Fenster seiner kleinen Werkstatt, das der Hausthür am nächsten war, und arbeitete den ganzen Tag im Halbdunkel. Und er sollte nicht einmal den Sarg machen.

* * *

Als Jörn Uhl am vierten Tage vom Kirchhof heimkam, sah er die Knechte und Mädchen bei einander stehen; er wies sie an ihre Arbeit. Auf der Mitteldiele blieb er stehen und horchte. Er hatte hier oft gestanden und gehorcht, aus welchem Raum das Summen käme und der leichte, tapfere Schritt, ob sie in der Stube oder in der Küche wäre. Als er noch so horchte, hörte er das hohe Weinen des Kindes. Da ging er in die Stube. Da saß sein Vater hinterm Ofen und hatte die kalt gewordene Pfeife in der hin und her fliegenden Hand und schalt, daß Wieten nicht für ihn sorgte, und am Bett stand Wieten und beugte sich über das Kind. Und es war unordentlich in der Stube. 359

 


 

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