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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel

Wir wollen in diesem Buche von Mühe und Arbeit reden. Nicht von der Mühe, die der Bierbrauer Jan Tortsen sich machte, der versprochen hatte, seinen Gästen einen besonders guten Eiderfisch vorzusetzen, und sein Wort nicht halten konnte und darüber tiefsinnig wurde und nach Schleswig mußte. Wir wollen auch nicht von der Mühe reden, welche jener reiche Bauernjunge sich machte, dem es trotz seiner Dummheit gelang, seines Vaters Geld in vier Wochen durchzubringen, indem er tagelang die Thalerstücke über den Fischteich schunkte.

Sondern wir wollen von der Mühe reden, auf welche Mutter Weißhaar zielte, wenn sie auf ihre acht Kinder zu sprechen kam, von denen drei auf dem Kirchhof lagen, einer in der tiefen Nordsee, und die übrigen vier in Amerika wohnten, von welchen zwei seit Jahren nicht an sie geschrieben hatten. Und von jener Arbeit, über welche Geert Doose klagte, als er am dritten Tage nach der Schlacht bei Gravelotte noch nicht sterben konnte, obgleich er die furchtbare Wunde im Rücken hatte.

Aber obgleich wir die Absicht haben, in diesem Buche von so traurigen und öden Dingen – wie viele sagen – 2 zu erzählen, gehen wir doch fröhlich, wenn auch mit zusammengebissener Lippe und ernstem Gesicht, an die Schreibung dieses Buches; denn wir hoffen, an allen Ecken und Enden zu zeigen, daß die Mühe, die unsere Leute sich machen, der Mühe wert gewesen ist.

* * *

Wieten Penn, das Großmädchen auf der Uhl, hatte gesagt, daß in diesem Winter noch eine große Gesellschaft zusammenkommen würde. »Aber das Merkwürdige ist,« sagte sie, »daß die Leute ankommen werden wie zu einem großen Fest und fortgehen werden wie von einem großen Begräbnis.« So sagte Wieten Penn. Sie hatte ein tiefdenkerisches Wesen und wurde darum Wieten Klook genannt.

Klaus Uhl, der große Marschbauer, stand mit glänzendem, wohlwollendem Gesichte, in weißen Hemdsärmeln, vor der Hausthüre und sah in die Marsch hinein und wartete auf die Gäste und lächelte behaglich, indem er an die kommenden Freuden dachte, an das flotte Kartenspiel, an den guten Trunk und an manch starkes Scherzwort.

Die kleine, blasse Frau hatte sich in den Stuhl gesetzt, der am weißen Kachelofen stand, und übersah die festlich geschmückten stattlichen Stuben. Sie erwartete die Geburt ihres fünften Kindes und war müde vom vielen Gehen.

Die drei ältesten Knaben, große Jungen, nicht weit von der Konfirmation, standen mit langen, ungelenken Gliedern an einem der Spieltische, schmale, hellhaarige, herrische Köpfe. Sie hatten ein Kartenspiel, das da lag, in die Hände genommen und stritten sich mit lauten, oft groben Worten über die Art des Spieles und rissen Hans, dem Jüngsten, das Kartenspiel aus den Händen und nannten ihn einen dummen Jungen.

3 Die Thür ging auf, und der kleine dreijährige Jürgen lief auf die Mutter zu: »Mutter, sie kommen. Ich kann die Wagen sehen.«

»Mutter,« sagte Hans, der sich an irgend jemand für die erlittene Unbill rächen wollte, »der Jörn sieht ganz anders aus als wir. Er sieht gerade so aus wie du, mit so langem Gesicht und mit eingesunkenen Augen.«

Sie strich dem Kleinen über das starre, helle Haar und sagte: »Mir ist er hübsch genug.«

Der Kleine legte die Hände auf ihren Schoß und sagte: »Du, Mutter, Hinnerk sagt, ich bekomme nun bald einen ganz kleinen Bruder oder eine Schwester. Ich will eine Schwester haben. Wann kommt sie? Wenn sie kommt, mußt du es gleich sagen.«

Die beiden Großen spielten weiter, stießen sich an und lachten.

»Du, Mutter,« sagte Hans, »der Knecht sagt: heute Nacht sind die Pferde furchtbar unruhig gewesen. Er hat es nicht mehr anhören können und ist aufgestanden. Als er dann in den Stall gekommen ist, haben sie alle mit gehobenen Köpfen gestanden, und am Ende des Stalles hat es geklirrt, als wenn jemand eine Kette nachschleppt. Nun hat die dumme Wieten Klook natürlich gesagt: ›Das bedeutet was.‹ Was soll das wohl bedeuten?«

»Es bedeutet sicher was!« sagte Hinnerk und lachte. »Du sollst sehen, daß es was bedeutet. Es kommt gewiß ein Pferd mehr in den Stall, und dann wird der Hafer dünner. Siehst du? das bedeutet es.«

Sie warfen einen raschen Blick auf ihre Mutter und gingen hinaus, stießen sich an und versuchten ihr Lachen zurückzuhalten.

Nun war sie allein mit dem kleinen Jürgen, der sich still neben sie gesetzt hatte.

4 »Es ist nicht gut,« sagte sie leise, »so spät noch. Wenn die andern schon so groß sind und so klug. Sie sind hart wie der Vater und reden auch so hart. Sie gönnen dem kleinen Wesen das Leben nicht, ehe es da ist.«

Sie sah über die Tische hin und auf die Berge von Tellern und blanken Gläsern, und durch die Zimmer mit dem prächtigen, halb bäuerischem, halb städtischem Staat. Und da sie das Gefühl hatte, wieder einmal, daß sie zu diesem Gepränge und zu diesem großen, lauten Hause nicht passe, flog ihre Seele auf und davon und flog über kurzen, dürren Heidewald und kam auf den alten Hof im Moor. Ja, da gehörte sie hin.

Vier Menschen waren sie unter dem langen Strohdache gewesen, das zwischen Moor und Wald stand: Vater, Mutter, der Bruder Thieß und sie. Und Vater und Mutter waren so merkwürdige drollige Menschen gewesen; sie hatten Schelmerei miteinander getrieben bis an ihr Ende. Wenn der Vater vom Freitagsmarkt mit den mageren Pferden aus der Stadt heimkam, dann hatte er schon von ferne mit der Peitsche gedroht und war im Wagen aufgestanden und hatte gerufen: »Heute sollst du aber vernünftig sein!« Oder er schrie: »Drinnen! Nicht draußen!« Aber die Mutter war nicht vernünftig gewesen, obgleich sie damals doch schon vierzig Jahre alt war. Sobald er die Füße auf den Erdboden gesetzt hatte, draußen, so daß ein Mann, der im Heeser Moor arbeitete, es sehen konnte, sprang sie an ihm in die Höhe und herzte und küßte ihn. Dann hatte der kleine, hagere Mann mit dem kleinen, feinen Webergesicht gelacht. Sie hatten nie ein böses Wort zu einander gesagt; immer waren sie traut und froh miteinander gewesen wie ein Schwalbenpaar im Frühling. Sie waren beide tot. Und Bruder Thieß saß hinterm Heesewald allein, ein 5 Junggeselle, und hatte das kleine Gesicht des Vaters und sein freundliches, drolliges Wesen. Sie aber war als ganz junges Ding in die fette Marsch hinuntergestiegen und war die Frau von Klaus Uhl geworden.

Und nun hatten im Stall die Ketten geklirrt.

»Die drei Großen werden sich selbst helfen. Sie haben sich schon von mir gelöst, wie die Füllen sich von der Mutter lösen und sie nicht mehr kennen.« Aber der kleine Jürgen und das, dessen Kommen sie erwartete . . . »Wieten muß bei den Kleinen bleiben.«

Die Wagen kamen: drei, vier hintereinander. Die starken Dänen hoben und senkten die Köpfe, und jedesmal, wenn sie sie hoben, stieg der Dampf auf, und jedesmal, wenn sie sie niederwarfen, glitzerte das Silbergeschirr in der klaren Luft. Das war die Sippschaft der Uhlen, die jährlich um diese Zeit zum Stammhof heraufzogen, um die Zusammenkunft der Uhlen, das Uhlfest, zu feiern.

Sie kamen schon nahe, und Klaus Uhl wollte gerade mit lachendem Gesicht von der Hausthür herab auf den niedrig gelegenen Hof hinuntergehen, da kam ein altmodischer, klappriger Wagen vom Dorfe her auf die Hofstelle.

»Ach je,« sagte Uhl, »da kommst du, Schwager?«

Thieß Thiessen hielt an und lachte: »Mein Spannwerk paßt schlecht zu den andern, die da kommen!« sagte er, »ich selbst passe auch nicht zu ihnen; ich fahre aber bald wieder davon. Ich habe im Dorfe ein paar Kälber gekauft und will nur bloß 'mal nach meiner Schwester und nach dem kleinen Jörn sehen.«

Der kleine Mann sprang mit einem mächtigen Satze von dem hohen Wagen herunter, führte das Gespann bedächtig in die Scheune und kam zu seiner Schwester. Sie saß mit dem kleinen Jürgen in der Hinterstube und freute sich. 6 »Komm,« sagte sie, »setze dich ein wenig! Hier sind wir ganz sicher. Ach ja! Sicher vor den großen Uhlen!« Sie lachte. »Komm, setze dich hier an den Tisch. Was machen die Kühe? Hast du den großen Schwarzen vorgespannt? Nun sage doch was! Als wenn du die ganze Heese mitgebracht hast!« sagte sie.

Er stand ihr Rede und Antwort. Es war eine heimliche, gemütliche Unterhaltung, während von den Vorderzimmern her Geschirrklirren, Laufen und Reden klang.

»Nun will ich 'mal sehen,« sagte er, »was sie in der Küche machen und im Stall. Wieten soll mir ein wenig Essen auf den Küchentisch stellen, und der Knecht soll mir die Kälber und Fohlen zeigen. Den Jörn nehme ich mit. Du bleibst hier.«

Er nahm den Kleinen an der Hand und ging hinaus. Am Eingange der Küche lief ihm ein kleiner, breiter Junge gegen die Knie.

»Ein Krey ist es,« sagte Thieß, »man sieht es am rötlichen Dickkopf.«

»Das ist Fiete Krey,« sagte Jürgen, »der spielt immer mit mir.«

»Dann soll er auch mit uns essen,« sagte Thieß, und er setzte sich auf den Küchentisch. Sie gaben ihm einen Teller voll Fleisch, den nahm Thieß Thiessen zwischen die Kniee. Die beiden Kinder saßen bei ihm.

»Ist dies dein Junge, Trina Krey?« sagte er.

Die Arbeitsfrau wandte ihr heißes Gesicht vom Herd zu ihm hin: »Ja,« sagte sie, »er ist der fünfte. Sechs habe ich.«

»Genug an der Raufe, Trina, für einen Arbeitsmann, der im Winter Heidebesen und Bürsten macht.«

»Na,« sagte die Frau, »ich bekomme hier allerlei vom Hofe.«

7 »Gehst nicht leer übern Weg, Trina?«

»Nein.«

»Wer sorgt dafür, Trina?«

»Deine Schwester, Thieß Thiessen.«

»Wollt' ich hören, Deern! Wollt' ich hören!«

»Hast du eben gesehen, Jörn?« schrie Fiete Krey laut, »wie meine Mutter in den Fetttopf gelangt hat? So'n Stück, als mein Kopf!«

»Trina! der Junge trachtet nach hohen Dingen. Er ist ein echter Krey und wird seine Tage nicht unter dem Strohdach verbringen, darunter er jetzt wohnt.«

»Er wird in Dienst müssen,« sagte die Mutter, »und wird ein Knecht werden wie sein Vater und im Winter Bürstenbinder.«

»Wer weiß?« sagte Wieten.

»Oha, nun kommt Wieten!« sagte Thieß Thiessen. »Vergreife dich nicht, Wieten! Prophezeie ihm Gutes, Deern! Er hat helle Augen in seinem Rundkopf und starke Phantasie.«

Wieten Penn war sonst zurückhaltend und schweigsam; aber mit dem Heesebauer, der für alles eine ernste und große Neugier hatte, sprach sie gern ein Wort. »Es kann einem Menschen merkwürdig ergehen,« sagte sie gedankenvoll. »Da ging 'mal einer von den Wentorfer Kreihen aus seines Vaters Haus, war eines Arbeiters Kind, und kam zu den Unterirdischen, die unter den Heesetannen wohnen. Die luden ihn voll Gold und führten ihn wieder hinaus, und er kam wieder in Wentorf an. Er meinte, es wäre gestern gewesen, daß er davon ging. Sie sagten ihm aber, er wäre vierzig Jahre fort gewesen. Und er mußte es wohl glauben; denn als er in den Spiegel sah, war sein Haar grau geworden. Auch ist er bald danach gestorben. Theodor Storm, der alles besser wissen wollte als ich, sagte damals zu mir: 8 ›Diese Erzählung wolle sagen, daß einer in die Fremde und in die Sorgen und in das Gelderwerben hineingegangen und erst wieder zur Ruhe und zur Besinnung gekommen wäre, als das Leben dahin war.‹ Aber das glaube ich nicht. Es ist einfach eine Geschichte, die geschehen ist.«

»Jörn!« schrie Fiete Krey. »Wieder so'n Stück Fett! Jörn, der König . . . der König ißt den ganzen Tag schier Talg.«

»Jung,« sagte Thieß Thiessen, »nun sei still! Sag' du was, Jörn.«

»Ich kann bloß:

Adebar ester,
Bring mien sütt Swester,
Adebar oder
Bring mien lütt Broder.«

»Das wollen wir zusammen singen,« sagte Thieß, und sie sangen und schlugen mit den Hacken gegen den Küchentisch. Darüber bemerkten sie nicht, daß Wieten aufhorchte und herausging und daß das Kleinmädchen fortgeschickt wurde. Erst als Wieten Penn zu Trina Krey trat, die fleißig am Herd gearbeitet hatte, und diese nach Frauenweise die geballten Hände vor die Brust zusammenschlug, schrak Thieß Thiessen auf.

»Was habt ihr?« sagte er. »Wieten, was ist los?«

»Der Adebar steht schon auf dem Schornstein.«

»Waas?« rief Thieß . . . Mit aufgerissenen Augen starrte er Wieten Penn an. »Der Adebar ist da?« Mit einem Satze war er vom Küchentisch herunter, riß die Thür auf, die auf den Hof führte, und lief in den Stall.

Nach zwei Minuten kam er wieder, in seinem alten dünnen, graubraunen Wagenrock und die Fuchsmütze mit den großen Ohrenklappen tief in die Stirn gezogen. »Steht ihr beiden meiner Schwester gut bei!« sagte er hastig. 9 »Hört ihr? Steht ihr gut bei! Es soll mir auf einen Thaler wahrhaftig nicht ankommen, obgleich der Torf und die Kälber billig sind.«

»Willst du nicht warten, Thieß, wie es abläuft?«

»Nein, nein . . . grüße sie! Ich habe schon angespannt, ich . . . ich kann das nicht ansehen. Alles Glück! Alles Glück!«

Er schüttelte den Kopf über sich oder über seine Schwester oder über die ganze Welt und ging eilig davon. Sie hörten ihn mit seinen großen, schwerfälligen Stiefeln über die dunkle Diele trampen und stolpern.

* * *

Sie hatten gegessen und getrunken und saßen an den Spieltischen. Lauter große und schmucke, einige stolze und schöne Gesichter. Die drei großen Jungen standen hinter den Spielenden, sahen in die Karten, wurden zuweilen wohlwollend um Rat gefragt, nickten verständig, stimmten in das Lachen ein und schenkten den Punsch ein.

Sie fingen an, laut zu werden, während des Spieles Geschichten zu erzählen und leichtsinnig zu spielen. Stattliche Haufen Silbergeld wurden lachend und scheltend hin und her über den Tisch geschoben.

Einige wenige blieben ruhig und nüchtern. Das waren die rechten Spieler, die ein Stück Geld mit nach Hause nehmen wollten. Sie saßen getrennt voneinander an verschiedenen Tischen; denn sie konnten einer vom andern nichts gewinnen. Zwei von ihnen waren von Natur kluge, ruhige Spieler; sie sitzen auch heute noch auf ihren schönen, lindenbeschatteten Höfen in der Marner Marsch. Zwei aber waren schlau und schlecht; sie sahen den Leichtsinnigen in die Karten und betrogen sie. Der eine ist später samt seinem Hof und seinen Kindern Hamburger Agenten verfallen, die noch schlauer und schlechter waren als er; der andere spielt jetzt, 10 ein Achtziger und halbblind, mit dem Knechte seines Sohnes im Kuhstall Sechsundsechzig um halbe Groschen und wird weidlich betrogen.

Die Leichtsinnigen wußten, daß sie mit Betrügern spielten, aber sie waren zu großartig, gutmütig und leichtsinnig. Es sagte wohl einer, da er hart verloren hatte: »Höre du, du machst lange Augen.« Aber dann lachten sie wieder und spielten weiter.

Reden war nicht ihre Sache. Sie überließen das Reden dem Pastor und dem Lehrer. Nur Klaus Uhl, der in seiner Jugend in die Lateinschule hineingesehen hatte, pflegte dann und wann ein Wort zu sagen. Er stand auf und sprach in der wohlwollenden Laune, die man an ihm kannte, einige Worte. Er fing damit an, seine Frau zu entschuldigen, daß sie sich nicht gezeigt hätte und nun zu Bette gegangen wäre. Sie sollten sich darum nicht kümmern, sondern zusehen, daß jeder ein Häufchen Thaler mit nach Hause nähme.

Man lachte: »Geht nicht an!«

»Besonders mir selbst, dem Gastgeber, ist ein guter Gewinn zu gönnen: Ihr verzehrt meinen Braten und trinkt meinen Wein und habt, heute wie immer, guten Schluck und guten Trunk. Ihr wißt, ich erwarte das fünfte Kind.«

Da warfen sie die stattlichen, schweren Oberkörper gegen die Stuhllehnen und schrieen durcheinander und lachten überlaut: »Du hast ja Land genug! Und Thaler im Schrank! Und der Weizen steigt . . . Laß die Jungs studieren. Ja, den Jörn . . . Laß den Jörn Landvogt werden.«

Klaus Uhl lachte und stieß mit seinen Gästen an. August, der Älteste, dem der Punsch den Kopf verwirrt hatte, lächelte dumm vor sich hin.

Da ging Hinnerk, der zweite, in trunkenem Sinne hinaus, und kam wieder hinein und hatte den kleinen Jürgen 11 aus dem Bette genommen und hielt ihn hoch und sagte: »Das ist der Landvogt.« Er wollte den Gästen eine Freude machen und sich über den Spätgeborenen belustigen.

Aber sie standen alle mit Lärmen auf, lachten und riefen: »Ein klein feiner Kerl ist das.«

Das aus dem Schlafe gerissene Kind fuhr mit der Hand in dem kleinen Gesicht umher und sah verwundert um sich. Das kurzgeschorene steile Haar, hellblond, stieg rund um die Stirn in so starker Hebung auf, daß man bis zum Hinterkopf sehen konnte.

»Der soll einmal unser Landvogt werden!« schrieen sie. »Der Landvogt lebe!«

Hans, der dritte, kam mit verschlafenem, mopsigem Gesicht vom Flure her, trat von hinten an seinen Vater und sagte: »Ob du 'mal zu Mutter kommen willst.«

Uhl achtete nicht darauf, und der Junge ging gleichgültig träge wieder hinaus.

»Meine Gäste haben recht,« sagte Klaus Uhl und sah mit klugen, lachenden Augen über die Tische: »Ich kann ja freilich allen meinen Jungen Höfe kaufen, wenn sie soweit sind. Aber ich habe so viel in die Bildung hineingesehen und so viel vom Latein gerochen, daß ich wohl weiß: Wissen geht über alles. Darum danke ich für euren Glückwunsch. Was an mir liegt, so soll der kleine Jürgen der erste Bauernsohn im Lande sein, der ins Landschaftliche Haus einzieht. Wir als Bauern können wohl erwarten und verlangen, daß einer der Unsern über uns regiert; und wenn wir das verlangen können, so wüßte ich nicht, aus welchem anderen Geschlechte man den Landrat nehmen sollte, wenn nicht aus dem der Uhlen.«

Die Thür öffnete sich wieder. Hans stand wieder da. Er blieb an der Thür stehen und sagte laut in das Lärmen hinein: »Vater! Mutter sagt: du mußt zu ihr kommen.«

12 »Junge, laß mich in Ruh! . . . Nachher! . . . Er wird eine weiche Jugend haben, er wird immer Geld genug haben, er wird klug fein und schmuck, sonst wäre er nicht mein Sohn. Er wird das Leben leicht nehmen wie ich. Sorgen wird er nicht kennen. Kommt, wir stoßen auf den Landvogt an! Jörn Uhl soll leben!«

»Der Landvogt soll leben!«

»Vater! Die Frau, die bei Mutter ist, sagt, wir sollen einen Wagen bereit halten.«

Das drang durch.

»Pferde? . . . Nanu? . . .«

»Steht es nicht gut?«

»Dann legen wir die Karten hin. Es ist auch schon nach elf.«

»Kommt, ich gehe.«

»Ich auch.«

»Bleibt doch,« sagte Klaus Uhl, »es ist Frauenängstlichkeit.«

»Nein, doch nicht . . .«

»Nein . . . wir wollen gehen.«

Sie gingen hinaus. Einige sprachen noch vom Spiel und bedauerten, daß es so rasch abgebrochen war.

»Ich kehre noch ein wenig im Wirtshaus ein.«

»Ich auch. Wißt ihr was! Wir gehen zu Fuß nach dem Krug und lassen unsere Wagen nachkommen.«

»Es thut mir leid,« sagte Klaus Uhl, »daß ich nicht mit euch gehen kann.«

»Wenn du mitgehst, kommen wir sicher nicht vor morgen früh nach Hause.«

»Komm mit! Du hast ja Leute genug im Haus.«

Einer trat an ihn heran, gab ihm die Hand und sagte:

»Nein, geh nicht mit uns, bleibe lieber bei deiner Frau.«

13 Er ging zu seiner Frau hinein und fand sie leidlich wohl und hörte, daß man hoffte, den Arzt entbehren zu können, und kam wieder nach der Vordiele und horchte durch die noch offene Thür. Man hörte noch in der Ferne in der stillen Nacht lauten Zuruf und lachende Antwort. Noch einmal ging er langsam in die Tiefe der großen Diele zurück und kehrte wieder um. Dann nahm er die Mütze mit sich vom Haken. Es war, als wenn ein starker Mann ihn an die Schulter faßte und hinauszog. Er trat aus der Thür und ging den andern nach. Einen Überrock trug er beim Gehen nie; er hatte so viel Lebenskraft und Hitze in sich, daß er ihn nicht brauchte.

Gleich darauf gingen August und Hinrich mit einer vollen Punschbowle in die Leutestube. Sie spielten sich sonst als Herren auf und lebten mit den Leuten auf dem Hofe in beständigem Streit. Aber an einem Tage wie diesem waren sie von großmütiger Vertraulichkeit.

Der Großknecht, ein ergrauter Mann, hatte das letzte Gespann besorgt und kam herein. Er setzte sich schwerfällig hin und trank das Glas aus, das sie ihm hinstellten. Der Kleinknecht schnitt mit dem Messer in die Tischplatte und versuchte, dem kleinen Fiete Krey das Geldstück wegzunehmen, das er von den Gästen bekommen hatte. Er war, den Kopf auf den Tisch gelegt, eingeschlafen und hielt das Geldstück fest und sagte nur zuweilen im Schlaf: »Laß das, Jörn.« Und zog die Hand zurück.

Das zweite Mädchen kam herein, sonst ein lustiges junges Ding. Aber sie war nun verstört, und in ihren Augen stand große, helle Frauenangst. »Ist es wahr, Dietrich, daß die Pferde den Lärm gemacht haben, gestern nacht?«

Der Großknecht nickte. »Ich kann es nicht ändern, Jule,« sagte er. »Ich habe es gehört. Was es bedeutet, weiß ich nicht.«

14 »Mit Wieten ist es nicht auszuhalten,« sagte sie. »Sie ist blaß wie eine Leiche und behauptet, es giebt heute nacht noch ein Unglück. Ich will hier nicht mehr bleiben. Ich bleibe keine Stunde länger auf dem Hofe, wenn es schief geht.« Sie griff nach dem Tischrand und setzte sich schwerfällig hin, so schwach waren ihr die Kniee.

»Hallo,« sagte Hinrich, »nun laß dein Reden! Laßt uns essen und trinken und fröhlich sein; denn morgen sind wir tot.« Er schob ihr ein volles Glas hin, stieß es mit unsicheren Händen um und füllte ein neues. »Komm näher heran, Jule.«

»Ich danke,« sagte das Mädchen, »sonst kennt Ihr mich nicht. Ich will nichts mit Euch zu thun haben und Euern Punsch nicht trinken.«

August hob den schweren Kopf. »Ihr sollt nicht lachen, ich bin der Herr im Hause!«

»Du bist gar nichts,« sagte Jule Geerts. »Du bist nicht mehr als ein dummer Bengel.«

»Dummer Bengel? . . . Das sollst du büßen.«

»Was hat Wieten dir gesagt, Dietrich? Sie hat Lichter gesehen? Ist das wahr?« Sie sah mit bangen, weiten Augen auf den Knecht.

Der machte ein verdrießliches Gesicht. Er hatte ein Verhältnis mit Wieten und wohl Neigung, sie zu heiraten, aber es kränkte ihn, daß man von ihr sagte, sie könnte sehen, wenn kommendes Unglück vorwarne.

»Was hat sie gesehen?« fragte das Mädchen zum zweitenmal. Ihr graute schon jetzt. Sie wußte, daß ihre Angst noch größer werden würde; aber sie konnte es doch nicht lassen, es zu hören.

»Als sie vor acht Tagen abends um neun vom Dorfe her gekommen ist, hat sie in der Staatsstube Licht gesehen. 15 Die Lichter haben aber nicht so gestanden wie sonst, wenn sie Karten spielen, sondern höher, so wie sie um einen Sarg gestellt werden, und haben rötlichen Schein gehabt. Sie hat nicht gewagt, hinein zu sehen, hat sich aber ihr Teil gedacht. Nun weißt du es.«

»Dummes Zeug, all dummes Zeug!« sagte Hinrich und wankte mit dem Kopfe.

Die Thüre wurde rasch aufgemacht, Jule Geerts fuhr auf und schrie laut. Sie ist immer eine ängstliche Natur geblieben, auch als sie schon Mutter war. Und als ihre Kinder groß waren und sich Beschwerden des Alters bei ihr einstellten, Schmerzen im Rücken, hat sie immer behauptet, den Grund zu diesen Schmerzen hätte jene Nacht gelegt und der Schreck, den sie bekommen hätte, als Trina Kreys Gesicht in der Thüröffnung der Leutestube erschien. »Wie ein Geist sah sie aus,« sagte sie.

»Dietrich, spann an! Rasch! Hole den Doktor.«

»Scher dich vom Hof!« schrie Hinrich. »Du und dein Junge, weg vom Hof!« Er stieß den Kleinen, daß er erwachte.

»Die ärmste Frau im Lande ist nicht so verlassen wie eure Mutter.«

Der Großknecht war schon hinaus. Jule Geerts ging zitternd hinter ihm her.

Ein eilig Laufen durchs ganze Haus. In der Küche wurde Feuer neu angefacht. In der großen Diele flog der Schein der Laterne wie ein großer roter Vogel hin und her, als suchte er in wilder Angst einen Ausweg. Bald flog er gegen die Holzwand der Ställe, bald gegen die Pferde, daß sie unruhig wurden, bald gegen die starken Balken; bald jagte er an den hohen Strohbergen hinauf. In den Ställen klirrten die Ketten der unruhigen Tiere. Das große Thor wurde aufgerissen, und der Wagen jagte in die Schneenacht hinaus.

16 Die Kranke legte den Kopf unruhig von einer Seite zur andern, horchte und fragte nach ihrem Mann.

»Fremde Leute müssen mir helfen, wenn ich in Not bin. Schlafen die Kinder? . . . Sie haben den kleinen Jürgen in die Stube getragen? . . . Landvogt soll er werden? . . . Rechtschaffen soll er werden und nüchtern. Einerlei, ob Landvogt oder Arbeitsmann.«

Sie hatte die ersten drei Knaben von ihrem Manne empfangen, willenlos, als seine Gaben: da waren es Knaben geworden von seiner Art. Dann waren zehn Jahre vergangen, in denen sie sich mehr von ihm abgewandt und sich auf eigene Füße gestellt hatte. Sie hatte allmählich aufgehört, mit den Augen ihres großen und lauten Mannes Leben und Welt zu betrachten. Unsicher, langsam, aber immer klarer war die Erkenntnis gekommen, daß ihre eigene Welt und Weltanschauung viel schöner, klarer und reiner wäre als die ihres Mannes. Die vier Menschen, die einst hinter der Heese auf dem stillen Moorhof gewohnt hatten: die waren glücklich, rein und klug gewesen; aber die hier auf der Uhl wohnten, die gingen alle in die Irre.

Sie konnte das nicht mehr hindern. Sie hatte den Mann neben sich zu stark werden lassen. Sie konnte nicht einmal ihre eigenen drei Kinder mehr ändern: Die waren ihr über den Kopf gewachsen. Aber sie kam doch noch zu ihrem Recht. Sie gebar noch einmal, einen kleinen feinen Jungen, und konnte leise und stolz und glücklich lachen, als ihr Mann, da er das Kind sah, sagen mußte: »Der ist anders als die ersten drei, der ist von deiner Art; er ist ein Thiessen.«

Und das, was heute nacht zur Welt kommen sollte, das wußte sie; das war auch ein Thiessen.

Und es ist schwer, als ein Thiessen durch die Welt zu kommen. Es ist ein wunderlich nachdenklich Volk.

17 »Die drei Großen brauchen die Ellenbogen; die finden ihren Weg durch die Welt; aber um die beiden Kleinen thut es mir leid, wenn ich sterben muß.« Sie versuchte die Hände zu falten und betete in heißer, bitterer Angst um ihr Leben, daß ihr der Schweiß in hellen Tropfen auf die Stirn trat.

»Wieten soll kommen,« sagte sie.

Das Mädchen trat dicht ans Bett.

»Wieten, ich werde wohl lange krank sein, und vielleicht werde ich nicht wieder gesund. Wenn du auf dem Hof bleiben wolltest . . . ich glaube, es ist auch besser für dich, wenn du nicht heiratest. Kümmere dich nicht um die Großen, die kannst du doch nicht regieren. Aber sorge mir für die Kleinen. Sage meinem Manne, daß ich dich darum gebeten habe, und daß er dir mit den beiden Kleinen deinen Willen läßt.«

Wieten Penn, die sie Wieten Klook nannten, hatte vieles kommen sehen, Glück und Notstunde, diese Frage aber nicht. Kein Mensch kann sagen – sie selbst auch nicht –, mit welcher raschen Kraft sie ihre Zukunft herumwarf. »Ich werde auf die Kinder passen,« sagte sie, »so wahr ich hier stehe. Darauf kann Sie sich verlassen, Frau Uhl.«

Sie trat zurück und ging in die Küche und stand stumm und unbeweglich am Herd.

Da kam Dietrich herein und sagte in seiner biedern, trocknen Weise: »Du brauchst doch nicht die ganze Nacht am Feuer zu stehen. Die Jungen sitzen alle in der Vorderstube; komm ein wenig nach unserer Kammer.«

Sie schüttelte den Kopf: »Es kann doch nichts aus uns beiden werden, Dietrich,« sagte sie; »laß mich lieber meine Wege allein gehn.«

Da ging er wieder auf den Fußspitzen aus der Küche, und schüttelte noch eine Weile den Kopf. Er tröstete sich aber bald und ist ein Junggeselle geblieben.

18 Dann fuhr es donnernd die Auffahrt hinauf, der Arzt ging über die Diele, untersuchte und richtete sich ein. Er kam noch einmal nach der Küche und fragte nach dem Mann.

»Im Wirtshaus!« sagte Trina Krey, »und spielt Karten. Wir haben schon zweimal nach ihm geschickt; aber er kommt nicht.«

Der Arzt warf einen großen Blick auf sie und nannte einige Tiernamen. So hatte noch niemand den großen, stolzen und immer fröhlichen Mann genannt. Dann schrieb er drei Worte auf und sandte das Kleinmädchen in den Krug: »Laufen Sie!«

Im unsicheren Licht der Diele, als sie ein Schultertuch vom Haken nahm, las Jule Geerts das Wort, »Operation«. Da stob sie davon, zitternd und weinend, und sah immer rückwärts, als liefen böse Geister hinter ihr her.

* * *

Gegen Morgen war alles vorüber.

Die Knechte arbeiteten bleich und still an den schweißbedeckten Pferden. Wieten Penn stand, die eine Hand über den Kopf gelegt, am Herd und sah in die Glut und sah nichts als lauter Feuer; denn ihre Augen waren voll von Thränen. Jule Geerts saß auf der Wasserbank und wich und wankte nicht und fürchtete sich vor Wieten und vor jeder dunklen Ecke im Hause und fürchtete sich am meisten vor der kleinen, toten, stillen Frau.

Der Arzt hatte zu Uhl gesagt: »Wäre ich eine Stunde früher geholt worden, so hätte ich vielleicht helfen können. Warum bin ich nicht früher geholt?«

Da hatte Klaus Uhl mit den Zähnen geknirscht und hatte wie ein Tier geschrieen. Nun lag er jammernd vor ihrem Bett und schrie: »Mutter! Mutter!«

19 Als Weib hatte sie wenig mehr für ihn bedeutet. Er nannte sie mit dem Namen: »Mutter!« Die Not der Kinder schrie aus ihm, in dem einen Wort.

Im Nebenzimmer stand Wieten und hatte das Neugeborene im Arm.

»Ein kleines, aber kräftiges Mädchen,« sagte Trina Krey. »Man kann schon sehen, es hat ganz das Gesicht der Mutter. Es hat sogar ihr dunkles Haar.«

»Es weint nicht,« sagte Wieten. »Es ist doch nicht tot?«

»Gieb 'mal her.« Und Trina Krey nahm die Kleine, drehte sie in der Hand um und gab ihr zwei, drei Schläge mit der flachen Hand.

Da schrie das Kind auf.

»Wollen wir es in mein Bett legen?« sagte Wieten. »Ich habe meine Kammer warm gemacht. Jörn liegt schon da.«

Sie gingen hinüber und fanden den kleinen Jörn ruhig im Bett. Er lag da wie ein Igel, zusammengedrückt, den Kopf auf der Brust. Man sah nur wenig von dem kleinen Gesicht, aber man sah den Kopf mit dem steilen, hellen Haar. Und neben ihm lag Fiete Krey, angezogen. Er hatte die Decke ein wenig beiseite geschoben und sich so recht gemütlich hineingewühlt.

»Der Schleef!« sagte Trina Krey, »ist er doch hier geblieben!«

»Laß ihn liegen,« sagte Wieten, »ich lege die kleine Deern ans andere Ende.«

So schliefen die Kinder diese Nacht in einem Bett, zwei oben und das kleine Mädchen zu ihren Füßen. 20

 


 

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