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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebzehntes Kapitel

Wenn ein großes Ereignis plötzlich unter die Menschen tritt, als ein finsterer Riese, und im Eintreten sie mit seinem Ärmel streift, dann zucken die Seelen der Berührten und bleiben in einer zitternden Bewegung, die je nach der Größe und Plötzlichkeit des Ereignisses andauert. In diesem Zustand zeigt sich der Charakter der Menschen offener; ihr Mund ist redseliger; ihre Ohren sind wacher. Sie sind wie tiefgepflügtes Land, aus dem der starke Geruch frischer Erde aufsteigt.

Sie saßen in der Kammer. Goldgeränderte Tassen mit blauen Blumen standen auf der Lade. Die beiden Alten hatten ihre kurzen Pfeifen angezündet und trösteten vom hohen Standpunkt ihrer Erfahrung und ihrer gesicherten Lebensstellung herab das bedrückte junge Blut.

»Wir wollen dein Glück,« sagte der Weißkopf und machte sein freundlichstes Gesicht, »und wir wollen unser Geld.«

»Besonders das letztere!« sagte Thieß.

»Jetzt,« sagte der Alte, »ist der Hof etwas über Wert belastet; denn da sind noch einige Wechselschulden, und das Inventar ist nicht das beste. Wir würden also Geld 305 verlieren, wenn wir den Hof zum Zwangsverkauf brächten. Darum lassen wir dir den Hof.«

»Du sollst ihnen das Geld verdienen, Jörn,« sagte Thieß.

»Ja. Das soll er. Und sich selbst den Hof. Denn wenn die Preise etwas steigen, was nach jedem Kriege geschieht, wird er sich allmählich aus den Schulden herausarbeiten, bis er sagen kann: Der Hof ist mein.«

»Was sagst du dazu, Jörn?« fragte Thieß.

»Was ich sage?« rief Jörn Uhl und machte zum erstenmal in seinem Leben beim Sprechen eine lebhafte Handbewegung, indem er seine beiden großen, leeren Hände ausgebreitet hinhielt. »Soll Vater im Bett vom Hof getragen werden? Soll ich die Uhl fahren lassen? . . . Was ich thun kann, daß ich hier bleibe, das werde ich thun. Das kannst du glauben, Thieß.«

»Gut,« sagte der Weißkopf. »Nun laßt uns von 'was anderm reden.« Er rauchte kräftig aus der kurzen Pfeife und sah wohlwollend auf Jörn, der wieder mit geschlossenem Gesicht dasaß.

»Du mußt heiraten,« sagte er. »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, weder bei Tag, noch bei Nacht, weder in der Not, noch in der Freude. Du hast Anlage, ein Einspänner zu werden.« Und er fragte, halb ernst, halb im Scherz, ob er ihm eine vorschlagen sollte. »Auf der Geest,« sagte er, »weiß ich Nester mit goldenen Eiern. So wäre dir und uns mit einem Mal geholfen.«

Aber Jörn sagte: »Die Haushälterin bleibt bei mir; ich brauche keine Frau.«

Als er das sagte, war das rotblonde Mädchen hereingekommen, mit dem Rahmguß in der Hand. Sie hörte, was der neugebackene junge Bauer sagte, und machte ein hochmütiges Gesicht und dachte: »Was redet der altklug!«

306 »Weißt du,« sagte der Alte behaglich, »daß ich deine Haushälterin schon vor vierzig Jahren gekannt habe? Ich habe Lust, euch zu erzählen, und besonders dir, was ich von ihrer Jugend weiß.«

Als Lena Tarn hinausgehen wollte, sagte er: »Wenn du Zeit hast, bleibe hier und höre zu. Es kann dir nicht schaden, die Geschichte zu hören. Es ist etwas wie aus alter Zeit: als wär's aus dem Rugenberg gegraben, in dem die Hünengräber liegen. Die Geschichte ist so weit wie die Welt und so tief wie das Menschenleben. Ich könnte es lang und breit erzählen: ich will aber kurz sein und nur das berichten, was Wieten Penn angeht.«

Also sagte der Alte, hatte die Augen weit geöffnet, sog vergeblich an seiner Pfeife und legte sie neben sich. Das junge Mädchen setzte sich neben Thieß Thiessen, den sie heute samt dem Weißkopf zum erstenmal sah, und dachte: »Das ist ein merkwürdig Kleeblatt,« und sah während der Erzählung mit drollig neugierigem Mienenspiel von einem zum anderen. Die Menschen, unter denen sie saß, interessierten sie mehr als die Geschichte. Es muß aber gesagt werden, daß sie am meisten nach Jörn hinsah, und sein stilles, langes Gesicht mit den tiefen, klugen Augen mit stillem Verwundern, ohne Scheu, mit zutraulicher Neugier betrachtete.

»Nun, da war in meiner Jugend in Schenefeld ein Sohn armer Eltern, ein schmucker, stolzer Junge, der ging mit mir in die Volksschule und wurde nachher aus angeborener Liebe zu den Pferden Hengsteknecht, und diente in diesem Beruf zuletzt auf einem großen Hof bei Schenefeld. Er war sehr tüchtig und ging immer ein wenig finster einher, sagte kein Wort zu viel und schien nur Leben zu bekommen und Feuer zu zeigen, wenn er auf dem Wege, der rund um den Hof lief, die Hengste ritt. 307 Dann sah die einzige Tochter des Hofes mit großen Augen nach ihm hinaus, ging von einem Fenster zum anderen, rund um den Hof herum, je nachdem er ritt, und ihre Augen wurden glänzend und ihre Wangen rot. Er aber achtete nur auf die Pferde.

Eines Tages, nachdem sie ihn wieder so mit den Augen verfolgt hatte, kam sie, als er den Hengst ins Haus zurückgeführt hatte, zu ihm in den Stall, wo er dabei war, die Tiere zu striegeln, und versuchte, mit ihm zu reden. Aber es war immer dasselbe: Er redete mit ihr kalt; aber mit den Tieren redete er freundlich.

Da beschloß sie, ein übriges zu thun. Sie wollte ihm zeigen, daß er auf falscher Fährte wäre, wenn er meinte, sie achtete ihn gering, weil er ein Knecht war, und er müßte den Hochmut zeigen, den die ehrliche Armut hat. Also sagte sie ihm bei schicklicher Gelegenheit: ›Du sollst wissen, daß du in meinen Augen mehr bist als alle Bauernsöhne.‹ Als sie das gesagt hatte, lief sie davon, und lief auf den obersten Boden nach dem Taubenschlag und kam erst nach zwei Stunden wieder herunter.

Man weiß nicht genau, wie sehr das feurige und schwärmerische Mädchen ihm entgegengekommen ist. Genug, eines Tages sprang sie ihrem Vater an den Hals und sagte, sie hätte schon drei Nächte lang nicht schlafen können; sie müßte und wollte den Knecht heiraten. Der Vater war weichherzig, und sie war sein einziges Kind: so gab er sein Jawort. Er soll es mit Sorgen gegeben haben.

Sie war ihm wohl zu weit entgegengekommen, also, daß er gering von ihr dachte. Sie war nicht das Weib, dessen Bild er – wie jeder junge Mann das seine – im Herzen trug. Sie war ein weiche Träumerin, eine heißblütige Grüblerin. Es hätte zu ihm eine Frau gepaßt, 308 welche bei großer, stattlicher Figur ruhiges, klares Wesen und viel stolze Frauenwürde gehabt hätte.

Schon am Tage nach der Hochzeit stand er den ganzen Nachmittag zwischen seinen Pferden, musterte, rangierte aus und fuhr am folgenden Tage zu Markt, tauschte und kaufte. Sie stand am Fenster der Schlafstube und schaute ihm nach, die Augen voll zorniger Thränen.

Es wurde dann zwar ein Mädchen geboren, dann ein Knabe, aber das hatte sie auch nicht näher gebracht. Im Gegenteil. Denn nun, da sie Kinder um sich hatte, meinte er, er könnte noch mehr seine eigenen Wege gehen. Seine Wege waren die eines eifrigen, tüchtigen und ehrenhaften Geschäftsmannes. Er handelte und wandelte besonders in Pferden, bekam einen Ruf darin, vergrößerte sein Vermögen und wurde im Laufe der Jahre durch den Verkehr mit den Offizieren des Reiterregiments, die von ihm kauften, ein Mann von guter Weltkenntnis und von guten, sicheren Formen.

Je mehr Erfolg er hatte und je besser sich der frühere Knecht im Leben zurechtfand, um so mehr kam er in die angeborene Neigung hinein, nur das kluge, nüchterne Vorwärtsstreben für menschenwürdig zu halten und alles, was man so das Ideale nennt, gering zu achten. Er kam aber um so mehr in diese Einseitigkeit hinein, als er so viel weiches, schwärmerisches Leben – so erschien es ihm – in seinem eigenen Hause, an seiner Frau und bald auch an seinen Kindern sehen mußte.

Der Mann war unterwegs; die beiden Kinder waren ganz und gar in den Händen der Frau. Eine Schule besuchten sie nicht; die Mutter unterrichtete sie. Das geschah ganz unschulgemäß, aber doch mit solch günstigen Resultaten, daß die Behörde keine Ursache hatte, dagegen anzugehen. 309 Der hauptsächlichste Teil des Unterrichts bestand in der freien Erzählung und ebenso freien Wiedergabe von Phantasien und Märchen. Dabei hatte sie die Weise, daß sie die stoffgebenden Bücher wohlverschlossen in einem Schrank hielt und den Kindern keins davon in die Hände gab. Allen Bitten der Kinder, namentlich des Knaben, die Bücher selbst kennen zu lernen, widersetzte sie sich. Zuweilen, an besonderen Tagen, an schönen Sommertagen oder an christlichen Festtagen, kleideten sich die drei in Gewänder der Großeltern, die auf dem Hausboden in den Koffern lagen, und machten sich pomphafte Trachten und verwandelten das Erzählte in Dargestelltes, oder sie gingen in einfacher Verkleidung in den Wald und verlebten den Nachmittag in einer Waldblöße, um ein Feuer gelagert, und dachten sich als Zigeuner, Flüchtlinge oder was ihnen sonst einfiel. An diesen Verkleidungen und Streifereien ließen sie ein junges Ding, eine Waise, teilnehmen, die vom Armenverband dem Hof zur Ausnutzung übergeben war. Das war Wieten Penn.

Es war ein Leben wie in einem guten Märchen: Das Menschenleben selbst mit seiner ganzen Fülle von Kraft und Saft und mit seiner ganzen bunten Mannigfaltigkeit war in eine Umgebung und in eine Natur hineingestellt, die für äußerliche Augen aus Rand und Band geraten schien, die aber in Wahrheit nur mit tieferen und freieren Augen angeschaut war. In diesem Leben fand die vereinsamte Frau ein wenig Ersatz für die verlorene Mannesliebe und kam zu einem leidlichen Glück; doch mangelte dem ganzen Treiben das innerliche Gleichgewicht, die Ruhe und die Ständigkeit, weil die Hand des Mannes fehlte. Der schüttelte den Kopf oder spottete, und ging seine Geschäftswege und vergaß in Handel und Wandel Frau und Kinder.

Die Mutter sah nicht, daß der Knabe, der allzuviel von 310 ihrer Natur hatte, immer tiefer in eine Welt hineingeriet, die nur im Traum vorhanden war. Wenn er am Leben geblieben wäre, hätte er wohl noch viel von sich reden gemacht: er hatte eine solche Erkenntnis, daß ihm das Wesen der Dinge klar war wie Glas. Aber es fehlte ihm jeder Wille; und es fehlte des Vaters führende Hand. So wuchs er auf, wie man zuweilen einen jungen Birnbaum sieht, der nicht gestutzt wird: allzu schlank, allzu gertenhaft.

Die Mutter war allmählich körperlich schwach geworden: sie war aber zu willenlos und auch zu scheu, um einen Arzt zur Hilfe zu rufen. So brachte eine langwierige Krankheit ihr den Tod. Damals war das Mädchen etwa sechzehn, der Knabe und Wieten Penn etwa vierzehn Jahre alt.

Von Stund an, da die Augen der Mutter geschlossen waren, waren die drei Kinder haltlos und verwehten. So lange die Leiche über der Erde war, saßen und standen sie rat- und thatlos umher und mieden es, den Vater anzusehen, der ihnen ein fremder Mann war. Abends schlichen sie mit Wieten Penn auf den Boden und betrachteten die alten Kleider, die sie in den Spielen gebraucht hatten, und sprachen leise miteinander, welches Spiel das beste wäre. Dann vergaß der Knabe den Tod der Mutter; er erging sich mit sprühenden Augen in großen, überschwenglichen Bildern, riß die Kleider an sich und wollte damit in den Saal hinuntergehen, wo sie immer gespielt hatten, bis sie ihn anriefen, daß er leiser redete.

Als aber der Tag des Begräbnisses kam und das ganze Haus leer war – nur die Schwester des Vaters war zurückgeblieben –, wagten sich die Kinder hervor, schlichen sich in Verkleidungen in den Saal, wo vor einer halben Stunde noch der Sarg der Mutter gestanden hatte und noch Blumen und Sargkränze verstreut lagen, und spielten da mit leiser 311 Stimme. Da die Mutter immer so gern und so harmlos gerade an dieser Stelle mit ihnen gespielt hatte, auch in den letzten Wochen vom Tode geredet hatte, als wäre sie zu einem Gartenfest im Mai geladen, so lag es ihnen ganz fern, zu denken, sie könnten dem Andenken der Mutter mit ihrem Spiel eine Schmach anthun.

Während sie da also spielten, vergaßen sie die Eile der Zeit und waren noch beim Spiel, als der Vater von der Beerdigung zurückkam. Er war in bitterer Laune, weil der Pastor in seiner Grabrede deutlich gesagt hatte, daß die Verstorbene durch seine Verschlossenheit auf ihren einsamen und fast unheimlichen Weg gedrängt worden sei. Auf der Diele erzählte ihm seine Schwester, wo die Kinder sich befänden und was sie trieben. Da verlor er den Rest von Gerechtigkeit und Selbsterkenntnis und lief in blindem Zorne in den Gedanken hinein, daß diese unselige Frau ihm diese unseligen Kinder gebracht hätte. Er trat unbeachtet an das offene Saalfenster, und sah dem Spiel der Kinder zu, und trat hinein und züchtigte den entsetzten Knaben, den er als den Haupturheber erkannt hatte, und sperrte sie alle drei in die Häckselkammer.

Von nun an hielt er die Kinder strenge. In der richtigen Meinung, daß ihr Zusammensein zerstört werden müsse, ließ er das Mädchen unter Aufsicht der Tante den ganzen Tag im Hausstand arbeiten. Der Knabe mußte pflügen, Kühe holen und was es sonst an Arbeit gab. Dabei zeigte es sich, daß ihm zu dieser Arbeit jegliche natürliche Geschicklichkeit fehlte: er faßte die Gegenstände unbeholfen an; auch konnte er die Teile einer Arbeit nicht miteinander verbinden, stand dann verwirrt da, bis die Knechte ihm spottend die Einfachheit der Sache zeigten. Wenn seine Seele sich aufthun wollte, sich freundlichen und bunten 312 Eindrücken öffnen wollte, kam solch eine Ungeschicklichkeit, eine praktische Not, ein unfreundlicher Spott, ein verächtlicher Hohn, und seine Seele, die in einem so hellen, leichten und luftigen Hause wohnte, machte erschrocken und tief verletzt alle Thüren zu, und verhängte alle Fenster und saß und brütete im Finstern finstere, quälige Dinge. Wenn es den Kindern einmal gelang, etwa an einem stillen Sonntagnachmittag, zusammen nach dem Boden hinaufzugehen, kramte er gedankenvoll in den alten Sachen, nahm die bunten Mäntel und die papiernen Königskronen – die glücklicher machen und also wahrer sind als manche goldene – und die roten Schuhe mit den Schellen, besah sie lange mit verträumten Augen und legte sie still wieder hin, während ihm Thränen über die Wangen liefen.

In diesem Frühling – es war so im April, wenn der Frühling ausbrechen möchte und kann noch nicht, weil an jedem Abend kalte Nachtwinde gegen ihn losfahren und ihn zurückdrängen –, da pflügte er den ganzen Tag fern vom Dorf auf einer großen Koppel, welche, sich von oben herabsenkend, unten an ihrem Saume eine Wüstenei hatte, in der zwischen hohem Gras und allerlei niedrigem Gestrüpp alte, verlassene Mergelgruben lagen, die in der Tiefe viel Wasser hatten. Die Leute, besonders Kinder, mieden die Gegend, welche für unheimlich galt und auch wirklich unheimlich war. Die wüste Erde, uneben und mit wildem, dichtem Unkraut bedeckt, dazwischen diese steilen Gruben, in denen tief unten das immer stille Wasser stand, erweckte in den Leuten das unheimliche Gefühl, als wenn die Erde hier tiefe, offene Wunden hätte, welche die Menschen ungeheilt ließen, und als hockten und lauerten in den bloßgelegten Tiefen dunkle, böse Erdkinder, die Leiden der Mutter zu rächen.

Er pflügte dort drei ganze Tage, vom Morgen bis zum 313 Abend, indem er sein Mittagbrot morgens mitnahm und dort auf dem Felde verzehrte, und kam an jedem Abend trauriger heim. Als die Kinder am dritten Tage Gelegenheit hatten, auf dem Boden ein Stündchen beisammen zu sein, erzählte er seinen beiden Gespielen, nachdem er lange stumm dagesessen hatte, daß er am frühen Morgen, ehe die Sonne käme, und am Abend, wenn sie hinter dem Hügel verschwände und die Mergelgruben in Schatten kämen, aus der Wüstenei heraus eine Stimme gehört hätte, wie eine Mädchenstimme oder wie die Stimme einer alten, schwachen Frau, die riefe immer: ›Komm her, komm her.‹ Er habe große Angst ausgestanden, so daß er sich den Schweiß von der Stirn gewischt habe, habe aber auch große Sehnsucht gehabt, hinzugehen; Furcht und Liebe habe ihn hin und her gezogen . . . So sagte er, stützte den Kopf in die Hand und sah sie an.

Seine Schwester schüttelte zuerst den Kopf, als sie das hörte, dann den ganzen Körper, als griffe schon eins der Ungeheuer aus den Mergelkuhlen nach ihrer Hüfte, und sah ihren Bruder ängstlich an. Dann lachte sie laut und nannte das Ganze einen großen Unsinn.

Denn mit ihr war seit dem Tode der Mutter eine Wandlung vorgegangen. Die tägliche Arbeit, zu der sie jetzt angehalten wurde, welche auch den Verkehr mit allerlei Menschen mit sich brachte, weckte und stärkte in ihrem Wesen das, was von ihrem Vater darin lag. Was den ungewandteren und zarteren Bruder erschreckt und seine Seele verfinstert hatte, dem war sie nach Mädchenart neugierig, gewandt und schmiegsam nähergetreten und hatte es sich angesehen. Sie sah, wie aus schweren, schönen Träumen erwachend, in das wirkliche Leben, wie es sie umgab, und sie hatte ihre helle, große Freude daran. Da sie sich aber noch 314 nicht so rasch von den bunten Träumen erholen konnte, da sie also gewisserweise noch mit Königsmantel und roten Schellenschuhen ins wirkliche Leben hineinging, schritt sie nicht hinein, sondern taumelte hinein, noch schlaftrunken, und taumelte um so mehr, als sie von der Leidenschaftlichkeit der Mutter ein gut Teil geerbt hatte. Sie hatte auch deren junge, braune Augen bekommen, die immer feucht glänzten. Also taumelnd aber hatte sie Glück. Sie traf auf einen jungen Mann aus dem Dorfe, den Sohn eines Handwerkers, der zur Erholung in der Heimat war, nachdem er als jüngster Steuermann auf einem Frachtdampfer seine erste große Fahrt gemacht hatte, auf der er erkrankt war. Das junge, frische Blut, das sich eines Tages auf einsamem Feldweg sah und ein paar thörichte Worte miteinander sprach, hatte sich so ineinander versehen und verliebt, daß die übrige ganze Welt für sie im Nebel lag. Darum mußte sie herzlich lachen, als sie aus jener unwirklichen Welt der Phantasie diese Stimme des Bruders hörte. Sie ging auch bald danach aus der Kammer in die Tiefe des Apfelgartens, wo hinter den dichten Schlehen der Steuermann stand.

Die andere Gespielin aber, die kleine Wieten Penn, horchte mit heißen Wangen und offenem Munde auf diesen Bericht, nach welchem die geheimen Mächte, die bisher immer stumm und mit geschlossenen Augen fern im Nebel gestanden hatten, nun zum erstenmal Stimme und Augenwinken gaben. Dazu hatte sie den Knaben herzlich lieb, weil er so gut und klug war und so seltsam spiegelnde Augen hatte, und hatte hart getrauert, daß sie in den letzten Wochen so selten mit ihm hatte sprechen können, und hatte schon einmal in der Nacht herzklopfend an seiner Kammerthür gestanden, und hatte ein wenig mit ihm plaudern und spielen wollen. Nun 315 war sie froh, unbewußt, daß seine Schwester fortgegangen war und daß sie eine gemeinsame, geheime Sache mit ihm hatte. Sie klagte, daß er so blaß aussähe und so traurig wäre, und fing an, ihm mit scheuer Hand die Wange zu streicheln, und zuletzt küßte sie ihn. Und das gefiel ihm über die Maßen. Denn obwohl in den Stücken, die sie gespielt hatten, so oft von Küssen die Rede gewesen, hatte er es doch nie erlebt. Nun probierten sie es in kindlicher Weise, ob es so oder so besser ginge, und wurden eifrig und lachten und waren wie die Engel im Himmel. Und fast hätte das zutrauliche Kind mit seinen jungen, roten Lippen ihn da auf der Stelle gesund geküßt; aber er hatte zu viel von der Schwäche seiner Mutter. Er fiel wieder in seine bange Verstörtheit zurück, zitterte und zagte und fragte: ›Was soll ich thun? Soll ich hingehen, wenn es wieder ruft?‹ Da versprach sie ihm, sie wolle morgen früh von der Kuhkoppel her, wo sie zu melken hatte, zu ihm hinüberlaufen.

An demselben Abend bat er seinen Vater mit herzbewegenden Worten, er möchte die Arbeit auf jener Koppel einem anderen geben, redete aber von der Ursache dieser seiner Bitte nicht. Der Vater sah wohl die Angst des Knaben, wollte ihn aber mit Härte in das Joch der sogenannten ›Lebensarbeit‹ spannen, wurde auch durch die Bitte an alte Schuld erinnert und versagte ihm seine Bitte mit höhnischem, stummem Kopfschütteln.

Und so geschah das Unglück.

Es war ein kalter, rauher, dunkler Frühlingsmorgen. Breite Nebel lagen noch wie große, faule Tiere, dumm und stumm, in den Senkungen der Felder. Dennoch lag etwas über dem Land wie erstes Regen, als wartete viel junges, schlafendes Leben auf ein leises, klares Schöpfungswort. Westwind wehte ruhig und gleichmäßig vom Meere her als 316 Lied vor dem Schauspiel, das kommen sollte. Aber doch war die Nacht noch Königin, und ihre Grauen noch Fürsten, und begehrten, noch dunkle Thaten zu thun, ehe das Reich verloren ging.

Da kam das Kind von der Kuhkoppel her schräg übers Feld auf ihn zugelaufen. Er pflügte gerade bergunter, so daß er sie nicht sah. Er ging unruhig hinter den Pferden, neigte den Kopf, als wenn er horchte, nickte mit dem Kopf, schüttelte ihn dann wieder und ballte die Hände, wobei er den Pflug losließ. Sie meinte, er redete mit den Pferden, nach Pflügerweise, und kam ihm laufend näher. Aber plötzlich hob er beide Hände und rief laut: ›Ich komme,‹ und lief seitwärts des Pfluges und der Pferde und rief: ›Ich komme! ich komme!‹ und war in einigen Sprüngen im Gestrüpp. Sie sah undeutlich in der Dämmerung, wie er stürzte und verschwand. Da verlor sie die Besinnung; im Vorwärtslaufen fiel sie. Die Sonne ging auf.

Eine Stunde später kam das Großmädchen, das Kind zu suchen, auf die Koppel, da sie dachte, sie wäre zu dem Pflüger gelaufen und verplaudere nach Kinderweise die Zeit, und fand das Gespann stillstehend, ohne Führer, und das Kind auf dem Leibe ausgestreckt, nicht weit hinterm Pflug, im frisch gepflügten Lande liegend, die Hände vor sich in die Erde gekrallt, als wollte sie sich halten. Sie wurde wieder zur Besinnung gebracht und erzählte zitternd und zuletzt laut weinend, was sie gesehen hatte. Nachher lag sie Tag und Nacht im Fieber. Gegen Mittag fand man den Knaben in einer der Gruben ertrunken.«

Der Weißkopf griff nach seiner Pfeife und streckte die Hand nach Thieß aus, ohne ein Wort zu sagen. Der verstand ihn, rieb ein Zündholz an und gab es ihm.

»Was soll ich lang und breit erzählen? Der Vater 317 kam spät abends nach Haus und fand den Knaben im Saal auf zwei Brettern liegen. Er beugte sich vor und sah ihn groß an, und wurde immer steiler und stand zuletzt gerade auf. Als die Nachbarn ihm am Begräbnistage ihr Mitleid aussprechen wollten, sagte er: ›Warum? Meine Frau und ihr Sohn waren zwei unbrauchbare Sonntagsmenschen. Sie sind im stillen, thatenlosen Grabe an dem Platze, wo sie hingehören.‹

Acht Tage später erfuhr er das Liebesverhältnis, das seine Tochter hatte. Er forderte kurz und hart, daß sie von ihrem Geliebten lassen sollte. Sie war aber ein Hartkopf wie er und sagte ihm, sie wolle glücklicher werden als ihre arme Mutter, sie wolle von ihrem Steuermann nicht lassen. Da jagte er sie vom Hofe.

Von da an ging es rasch mit ihm bergab. Acht böse Wochen lang ist Wieten Penn, das unerfahrene Kind, noch allein bei ihm gewesen. Er hat sie nicht angesehen und kein Wort mit ihr geredet. Zuerst war er noch viel unterwegs und versuchte, in alter Weise zu kaufen und zu handeln. Aber weil er neben dem Handel Zustimmung zu seinen harten und finsteren Gedanken suchte, zogen sich seine alten, guten Geschäftsfreunde von ihm zurück. Statt ihrer kamen unlautere Menschen, drängten sich an ihn heran, stimmten ihm laut zu und führten ihn tiefer in Trotz und Dunkel. Zuletzt sah er sich vom Bösen umstrickt wie von einer Schlange; aber Blutschuld und Trotz hinderten ihn, daß er die Stricke zerriß. Als es ihm immer deutlicher wurde, daß sein Streit ein Streit gegen das Ewige war, gegen das, was allem zu Grunde liegt, und daß dieser Streit vergeblich war, weil er unmenschlich ist: da ekelte und graute es ihn vor sich selber. Das arme Kind hat dann noch vier Tage und vier Nächte allein mit ihm gehaust. Mit bitterer Angst 318 hat sie sein ruheloses Wandern angesehen und seine verzweifelten Selbstgespräche angehört. Am fünften Morgen hat sie ihn tot gefunden.

Siehst du, Jörn, das ist die Jugend von Wieten Penn, die jetzt am Bett deines Vaters sitzt. Sie kam in die Marsch herunter und wurde hier auf der Uhl Jungmädchen. Durch all das Schreckliche, das sie erlebt hatte, war ihre Jugend wie eine Blüte abgebrochen; sie hatte Erscheinungen und sogenannte Vorwarnungen, war verwirrt und verdüstert. Unverständige Menschen gaben ihr den Namen Wieten Klook und thaten das Ihre, daß sie sich in sich selbst einschloß. Aber deine Mutter, Jörn, die freundlich und zutraulich war, hielt die Hand über ihr und half ihr wieder zurecht; doch ist sie sonderlich ernst geblieben, und oft ist sie bedrückt. Sie ist kein Umgang für einen Menschen wie du, Jörn, der dasselbe schwere Blut hat wie sie; du brauchst, zumal jetzt, da du eine schwere Sache anfaßt, einen guten, jungen Kameraden.«

* * *

Als der Weißkopf seine Geschichte also beendet hatte, griff er nach seinem Stock und sagte, er wolle gehen. Er ließ anspannen und fuhr mit Thieß Thiessen in die Stadt. Jörn Uhl ging an seines Vaters Krankenbett und löste Wieten Penn ab. Als sie aus der Stube hinausging, sah er ihr mit einem langen Blick nach.

Er verbrachte die Nacht in dem großen Lehnstuhl, in dem seine Mutter an Winterabenden gesessen hatte, und wachte über den unruhigen Schlaf seines Vaters. Und wie er so saß und grübelte, wanderten seine Gedanken nach zwei Richtungen. Bald sann er nach, wie er nun diesen oder jenen Teil der Wirtschaft einrichten wollte, und wie sich nun wohl die ganze Zukunft gestalten würde: bald aber war er 319 mitten in den wunderbaren, erschütternden Begebenheiten, die der Weißkopf erzählt hatte.

Und allmählich, wie das Dunkel der Nacht vorrückte und die Mitternachtsstunde kam – in den Pappeln wühlte und rauschte der Westwind und warf schweren Sprühregen schräg gegen die Fenster, der Kranke starrte mit ausdruckslosen Augen nach oben, Jörn Uhl dachte an das Urteil des Arztes: »Er kann lange so hinleben; aber die Herrschaft über seinen Körper wird er nicht wieder bekommen« –: da kam zum erstenmal in Jörn Uhls Seele das Gefühl der Unzulänglichkeit der Menschenkraft, das Gefühl der Bedürftigkeit, das Gefühl: Wohin, meine Seele, in deiner schrecklich großen Einsamkeit und Verlassenheit. Und nun war es doch gut, daß er in der Schule von dem ›Vater im Himmel‹ gehört hatte; sonst hätte er sich in dieser Stunde vor den übergewaltigen, dunklen Gestalten, die feindlich rings um ihn standen in der Nacht, allzusehr gefürchtet, ja er hätte sie vielleicht angebetet. Aber nun lief er in bangem Vertrauen zu den unsichtbaren, starken, segnenden Mächten, die im Evangelium sind.

Und das war ein gewaltiger Schritt, den der bisher immer noch so sichere Jörn Uhl da machte. Denn nur dem Demütigen giebt Gott Gnade, wie ein kluger Mann richtig gesagt hat. Nur denen, die tief forschen, viel und ernst fragen, nur denen, die bewundern, staunen und demütig verehren: nur denen öffnen sich die Pforten zu einem ganzen, weiten Menschendasein. Zu den Weiten und Tiefen des Menschendaseins, den wunderbaren, schönen, gelangen nur die Nichtwissenden. 320

 


 

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