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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreizehntes Kapitel

Doppelt einsam war Jörn Uhl, einmal, weil Vater und Brüder, Alters- und Standesgenossen andere Wege gingen. Zum zweiten, weil im Innersten seiner Seele eine große, feine Sonntagsstube war oder eine Kirche. Er begehrte, diese Stube oder Kirche, die leer war, auszustatten und schöne Feste darin zu feiern. Er wußte aber nicht, wie er das anfangen sollte. Es war kein kluger und guter Mensch da, der ihm die Wege wies.

Da kam ein Nachmittag, da waren alle Hausgenossen ausgeflogen und nach Meldorf zu Markt gefahren, bis auf Wieten, welche in der Stube saß und nähte. Da ging er, als der Abend kam und es dämmerte, die Diele entlang, so recht in jener Stimmung, wo die Gedanken sogar keine Spitze haben, sondern so weit und breit, so eben und endlos daliegen, wie die weite und breite, endlose und stille Marsch. Es ist aber fruchtbares Land. Da, wie er so über die lange, hohe Diele nach der offenen Halbthür zuging, lag auf der Diele wie ein Teppich von Gold und Silber der Mondschein. Er trat heran und sah nach dem Mond, der im dritten Viertel stand: wie er über Ringelshörn heraufkam und in 228 seiner ganzen goldenen Herrlichkeit auf der Erde lag, auf der schwarzen Heide im Eichengestrüpp am Goldsoot.

Jörn Uhl stand und sah auf ihn, und seine liegenden Gedanken richteten sich auf, langsam und mit steifen Gliedern, und spitzten sich zu. »Mare nubium« sagte er leise, und es huschte ein wenig Schelmerei über sein Gesicht, als wenn man nach langer Trennung bei einem alten Freunde die Sonderbarkeiten seiner Jugend entdeckt. Nachdem er noch eine Weile hingesehen hatte, kehrte er sich bedächtig um, ging nach seiner Kammer und kramte aus der Lade ein langes Fernrohr mit starken Beulen. Das hatte er im ersten Soldatenjahr in Rendsburg um ein Billiges erstanden und noch nie gebraucht. Er stand wieder in der Halbthür und sah nach dem Mond hinauf; und alle die guten Geister, die ihn da in seiner kurzen, blauleinenen Jacke stehen sahen, die Hausgeister der Uhl, die auf den Balken reiten, und jenes Gezeug, das in der Nacht auf der Hausfirst hockt und sich auf den Pappelzweigen wiegt, und auf der alten Heide die dunklen, liegenden Gestalten, die an Körper und Seele zwischen Tier und Menschen stehen, weitsehende, schwer bewegliche, ruhevoll träumende Wesen, und alles, was sonst in der Nähe war, von jener Art, die der Astronomie und jeglicher anderen Wissenschaft spottet, der Natur versippt ist und an ihren Brüsten glucksend, schnalzend, lachend, wehend und weinend sich nährt, das alles freute sich über Jörn Uhl: »Glück auf! Jetzt hat er wieder eine Liebe.«

Jörn Uhl starrte nach dem Mond hinauf und nannte die einzelnen Meere mit ihren Namen und erkannte die Gebirge und freute sich, daß er auch ihre Namen noch wußte. Und plötzlich, während er genau hinsah, sah er kraft des Fernrohrs zum erstenmal deutlich die einzelnen Krater und schrie leise auf, als er klar und leuchtend sah, wovon das 229 alte Buch geredet hatte, das er in der Lade hatte: Er sah da oben am blauen Himmel, wie die Berghöhen am mare nektar in der Morgensonne glühten.

Da blieb er lange so stehen. Und allmählich, um die Freude in Ruhe recht auszukosten, traten seine Gedanken ein wenig zur Seite und unterhielten sich am Wege darüber, wie er doch ein ganz anderer Kerl wäre, als die anderen jungen Leute, die jetzt auf dem Meldorfer Markt tranken und hinter den Mädchen herliefen. Er dagegen hatte den ganzen Tag gepflügt und sah abends noch nach dem Mond und trieb hohe Wissenschaft.

Unterdes, während Uhls Gedanken so hohe, halsbrecherische Wege gingen, lebte es rings um ihn, überall, in der Luft, in den Bäumen und am Heideabhang, und er wußte und sah es nicht.

Oben, unweit des Goldsoots, wohin Jörn Uhl sein Fernrohr in den Mond richtete, in einer kleinen Mulde, von Eichenkratt umgeben, auf altem, vorjährigen Eichenlaub, geschützt vorm Westwind, lagen sieben von schöner Art bei einander, Kinder der Heide, immer jung, mit brauner Haut und dunklem, schlichtem, langem Haar und unergründlich tiefen Augen, die nach Menschenurteil ein wenig dumm und glasig glänzen, auch zu langwimperig sind. Wer sie gesehen hat, der weiß es. Sie erzählen sich von den Mädchen, die heute nachmittag mit sinnigen und mit lustigen Augen den Heideweg entlang zu Markt gezogen waren, und kamen auf Elsbe Uhl zu sprechen. Denn sie sprachen gern von Elsbe Uhl, weil diese ihnen ähnlich war und nahe stand, darum, weil sie schwach an Willen war, sich der Gegenwart hingab und ihre Liebe für ihr Recht hielt. Die Sieben hatten gesehen, daß Harro Heinsen vor einigen Nächten auf seinem blanken Braunen quer über die Heide geritten war, und daß 230 er den Braunen an die Weißbirke gebunden hatte, die vorm Heeshof unter Thieß Thiessens Fenster stand, und daß Thieß Thiessen geschlafen und nichts gehört hatte, gar nichts, und wußten, daß klein Elsbe heute mit Harro Heinsen auf dem Markt zusammentreffen wollte; und sie sagten: »Heute nacht kommt sie hierher und heute nacht fällt sie hier am Goldsoot in seine Hände.« Und darum waren sie zusammengekommen. Und wie sie daran dachten und das besprachen, veränderten sich ihre Gesichter nicht: sie blieben langwimperig und schläfrig, gleichgültig und traurig träge wie immer. Sie lagen also und warteten, denn sie, unverfälschte Kinder der Natur, sehen gern an Menschen natürliche Kräfte.

Und sie vertrieben sich die Zeit und erzählten von alten und neuen Geschichten: Von jenem alten und schmutzigen und geizigen Bauern, der vor dreißig Jahren einmal mit Spaten und Hebebaum gekommen war und mit rohen, falschen Worten versucht hatte, dem Goldsoot seine Schätze zu nehmen. Den hatten sie erschreckt. Die wilden, braunen Leiber hochgereckt und die Augen wie ausgehende Kohlenglut, waren sie über den Rand des Thales erschienen, daß er aufkreischend und mit gesträubtem Haar davonstürzte und am dritten Tage nach wilden Träumen starb. Und von jenem schmucken Jungen, der vor sechs Jahren an einem rauhen Frühlingsabend in den Soot stieg und dann über alle Berge ging. Und sie dachten daran, heute nacht wieder einen Menschen, der des Weges käme, nach ihrer Gewohnheit zu bezaubern, daß er Vorsicht und Bedachtsamkeit, und was ihm an Ziererei anhaftete, fahren ließ, und der Natur, die in ihm war, ihren Willen ließ, sowie einst Fiete Krey gethan hatte und in derselben Nacht jenes Mädchen, das wohl lieben, aber nicht heiraten konnte.

Und als der Abend vergangen und die Nacht gekommen 231 war und sie noch beredeten, was und wie es geschehen würde – denn dieses Geschlecht ist schwankend und schwerfällig im Willen, schwer und breit in der Ausführung; Träumen ist seine Stärke, Leiden seine Wonne – da kamen zwei junge Menschen des Wegs und gingen Hand in Hand den Fußsteig nach dem Goldsoot hinunter, der im Mondschein weißlich glänzte. In ihren jungen Gesichtern lag jene heilige, ernste Freude, mit welcher ein Menschenantlitz geschmückt wird, wenn inwendig in der Seele alles Gute aufgestanden ist und mobil gemacht hat. Von dem Heiligsten und Schönsten, was in ihnen war, von Vertrauen und Liebe und gutem Willen strahlten ihre jungen, unschuldigen Gesichter, und in ihren Augen blitzte es wie von goldenen Waffen, gegen alles Böse zu streiten.

* * *

Vor etwa zwanzig Jahren, bald nach der Waffenstreckung des heimatlichen Heeres, war eine Familie von den Wentorfer Kreien nach Südafrika ausgewandert und war später mit einem Zug trekkender Buren, unter denen sich Deutsche befanden, bis an den Krokodilfluß hinaufgezogen, und hatten dort ihr niedriges Steinhaus mit langem Gras gedeckt und waren nach Burenweise zu bescheidenem Wohlstand und etwas schläfriger Behäbigkeit gekommen. Sie hatten einige Kinder aus Wentorf mit hinübergenommen, von denen aber nur ein Sohn und eine Tochter am Leben geblieben waren. Die Tochter war an einen jungen Holländer verheiratet worden; der Sohn war noch ledig. Er war etwas tiefdenkerisch von Natur als ein Krey und schien sich nicht entschließen zu können, eine Holländerin zu nehmen. Er pflegte seinen Eltern, die ihn zur Ehe drängten, zu sagen: »Ich bin zu alt gewesen, als ich die Heimat 232 verließ; ich war schon zehn Jahre. Nun kann ich mich an diese fremden Mädchen nicht gewöhnen. Wenn ich eine Deutsche fände, so wollte ich es schon wagen.«

Da machten sie ihm, nachdem sie die schwierige Sache im geheimen sorgfältig beredet hatten, eines Tages den Vorschlag, er möge nach Holstein hinüberreisen und die Mädchen der Verwandtschaft besehen, danach, wenn ihm von diesen keine gefiele, die anderen Kinder der Heimat, und möchte die Gefundene dort gleich zu seiner Frau machen und dann hierher zurückkommen. Er ging darauf ein, nachdem er seiner Mutter lächelnd mit dem Finger gedroht hatte; denn diese hatte den Plan ersonnen. So reiste er also nach fast zwanzig Jahren nach der Heimat, wie weiland der Erzvater Jakob, der auch auf Frauensuche ging.

Er kam nach Sankt Mariendonn, ging von Haus zu Haus, bestellte Grüße, wurde ausgefragt und erzählte gern und offenherzig von dem unbekannten Lande und von der Lage der Eltern und verhehlte zuletzt auch nicht, zu welchem Zweck er die weite Reise gemacht hatte. Aber dadurch wurde seine Stellung eine schiefe und die Absicht durchzuführen schwer; denn nun sahen ihn alle Menschen als einen Freiersmann an. Einige Eltern, die fürchteten, er könnte ihre heiratsfähige Tochter durch sein schmuckes Aussehen überreden, mit ihm zu gehen, behandelten ihn unfreundlich. Die besser Gestellten unter den Verwandten kamen nach der Lage der Dinge auf den Gedanken, der Fremdling habe es auf ihr Kind abgesehen und wollte mit ihrem Vermögen zerrüttete und wilde Verhältnisse aufbessern. Einige, die waghalsiger waren oder mehr Vertrauen hatten, oder die einige Töchter an den Wänden der Stube sitzen hatten, machten ungeschickte Versuche, den jungen Mann mit ihrem Kinde zusammenzubringen, die beiden Teilen peinlich waren. 233 Zuletzt kamen gar zwei alte Leute, die ein Stück Geld verdienen wollten, und erklärten sich bereit und befähigt, ihm ein Mädchen mit einem bestimmten Vermögen zu verschaffen. Durch alle diese Erlebnisse wurde der junge Mann so abgestoßen, daß er mißmutig beschloß, seinen Plan aufzugeben und mit dem nächsten fälligen Schiff, das nach sechs Tagen nach Kapstadt abfuhr, wieder davonzureisen.

Da wurde er von einem Schelmen, der ihm von Herzen gute Verrichtung seiner Absicht wünschte, auf den Markttag hingewiesen, der am folgenden Tage in Meldorf abgehalten und von den Töchtern der ganzen Umgebung besucht würde. Dieser Menschenfreund war ein Student der Theologie aus der nahen Marsch, eines Handwerkers Sohn, der als ein lebensfrisches Gemüt und ein Kind aus dem Volke und bestimmt, mitten im Volke zu stehen, mit seinen Kameraden aus der Volksschule Freundschaft und Umgang fortsetzte und mit ihnen die allbekannten Wege ging, wie junge Leute sie lieben. Obwohl er in dieser Gesellschaft manche fröhliche Nacht erlebt hat und manchen Ritt in der Nacht auf geliehenem Bauerngaul zu Tanze gemacht hat und manchem Mädchen in die lustigen Augen gesehen, ist er doch – Gottes Wunder – keine Schande seines Standes geworden.

Obwohl schon mißmutig und fast scheu geworden – da es immer bekannter geworden war, was er vorhatte, auch schon Briefe ohne Namen an ihn gelangten –, entschloß er sich doch, diesen letzten Versuch zu machen, den er für aussichtslos hielt. Denn wie sollte sich ein junges Mädchen nach kaum wöchentlicher Bekanntschaft entschließen, mit ihm, dem Fremden, in ein Land zu gehen, das durch beides erschreckte, durch seine Entfernung und durch seine Wildheit? Aber er wollte seinen Eltern gar zu gern die Freude einer gelungenen Fahrt machen; auch sehnte er sich nach einem Weibe.

234 Nun war da ein junges Mädchen zu Tanz gekommen, die war groß und blond und von schlichter Schönheit, vom friesischen Geschlecht, im Anfang der Zwanziger. Sie war die Tochter eines Landlehrers der Nachbarschaft, der viele Kinder hatte, und hatte nun schon jahrelang in dem großen Haushalt eines stolzen Marschbauern bei Sankt Mariendonn eine arbeitsreiche und freudlose Stellung als Stütze der Hausfrau. Sie war eine tiefsinnige Natur, von weicher Empfindung und mit allerlei eigenen Gedanken im Kopf, die um so eigener und um so zarter und scheuer wurden, als sie gar keine Gelegenheit hatte, sich anderen Menschen zu äußern.

Sie hatte nicht die Absicht gehabt, den Markt zu besuchen. Weil aber ihre Herrin etwas von oben herab zu ihr gesagt hatte: sie sollte nur zu Hause bleiben, sie würde doch schwerlich zum Tanzen gebeten werden, da sie nicht Bauerntochter wäre, kam ihr der Trotz; es drängten sich auch bunte Bilder wunderlicher Hoffnung vor ihre Seele, durch den Hochmut der Frau herbeigerufen. Also bestand sie darauf, nach dem Markt zu wollen, und kam da an und kam in das Tanzhaus, und es war ihr wie ein Traum. Sie wußte aber von nichts.

Sie wurde anfangs von niemandem zum Tanz gefordert und saß mit stillem Gesicht da, gleich dem Nachthimmel, der von leichtem Nebel überzogen ist; nur einige helle Punkte sind hier und da, leuchten schwach und matt und deuten viel verborgenes Feuer an. Wenn sie die Augen hob, sah sie auf der anderen Seite des Saales unweit der Thür einen jungen Mann stehen, der mit seiner dunklen Hautfarbe und blauer, seemännischer Kleidung fremdartig aussah. Er hatte ein schmuckes, ernstes und ein wenig finsteres Gesicht.

235 Und bald darauf bemerkte sie, daß er sie ansah. Und, von einer Macht, die sie nicht kannte, gezwungen – sie meinte, es wäre der Wunsch zum Tanzen – sah sie ihn mit ruhigen, stillen Augen wieder an und hatte Wohlgefallen an ihm. Da kam er durch den Saal auf sie zu, machte seine Verbeugung und stellte sich in die Reihe der Tanzenden, die sich langsam vorwärts bewegte, und sagte mit einiger Verlegenheit, indem er ihre hohe Gestalt und ihren Gang musterte: »Ich hatte nicht gedacht, daß Sie so groß und stattlich wären, so wie Sie da saßen. Wenn ein Mann zu Pferde sitzt, kann man wohl seine Größe merken, aber nicht, wenn eine Frau sitzt.« Sie wunderte sich über diese Rede, sagte nichts, sah ihn nur an und nickte ihm zu. Dann, als das Tanzen angehen sollte, sagte er: »Ich bitte um Entschuldigung, Fräulein, daß ich Sie aufgefordert habe; ich habe das Tanzen nicht gelernt und niemals geübt. Es ist daher meine Meinung, daß wir uns nicht zum Spott machen, indem wir schlecht tanzen. Ich habe eine andere Bitte an Sie. Vorher aber muß ich fragen, ob Sie wissen, wer ich bin.«

Sie schüttelte den Kopf, daß die hellen Locken an den Schläfen tanzten, und sagte, von seinem schlichten Ernst nahe zu ihm hingezogen: »Sie brauchen mir nicht zu sagen, wer Sie sind. Sagen Sie mir nur, was Sie von mir wollen. Wenn es nichts Unrechtes ist, will ich es wohl thun.« Da sagte er: »Sie haben wohl gemerkt, daß ich Sie vorhin längere Zeit angesehen habe, und Sie haben mich auch angesehen. Viele Menschen werden sagen: das ist gar nichts. Ich glaube aber: für uns beide bedeutet es etwas, nämlich, daß wir Gefallen aneinander haben. Ist das so?«

Sie sah, daß alle Augen auf sie und ihn gerichtet waren, und hinter sich hörte sie eine Stimme laut sagen: »Mensch, weißt du das nicht? Das ist der Afrikaner.« 236 Gleich darauf kam eine kleine, dunkle Schöne mit übervollem Herzen und heißen Augen an das Mädchen herangesprungen, legte den Arm um sie und sagte leise und rasch: »Du! Wenn du ihn lieb hast, dann kümmere dich um weiter gar nichts in der ganzen Welt! Geh mit ihm, wohin er dich mitnimmt. Kennst mich nicht? Ich bin Elsbe Uhl.«

Er nickte der kleinen Elsbe lebhaft und freundlich zu, trat mit seiner Genossin aus der Reihe und stellte sich so, daß er mit ihr reden konnte, ohne von anderen gehört zu werden. Da erzählte er ihr in kurzen Worten, ohne irgend eine Verheimlichung, von seiner Reise, von ihrem Zweck und ihrem Mißerfolg, und von seiner schon festgesetzten Abreise und schloß: wenn sie nun, nachdem er ihr dies geoffenbart hätte, noch weiter mit ihm reden wollte oder vielleicht gar mit ihm hinausgehen wollte, so würde er das als einen starken und deutlichen Beweis auffassen, daß sie ihm vertraute, und würde ihr weiter jede Rede und Antwort stehen.

Schwerlich ist ein Mädchen in unseren Tagen in einer so eigentümlichen Lage gewesen. Denn was sie beide verhandelten – das sahen sie wohl – das war allen bekannt, die im Saal waren. Es tanzten nur ein oder zwei Paare; alle anderen beredeten und beobachteten die beiden Menschen, so daß ein Gesumm im ganzen Saale war. Und es war jedem zu Mute nach seiner Art. Viele Oberflächliche witzelten miteinander; viele Ernste bedachten, daß dort zwei Menschenschicksale entschieden würden; einige Mädchen machten ein finsteres Gesicht. Wenn sie jetzt mit dem Fremden hinausging, und sie lehnte ihn nachher ab oder er täuschte sie, dann haftete hier in der Heimat zeitlebens Makel und Lächerlichkeit an ihr. Der Gedanke an ihre ehrenwerten, frommen Eltern machte sie zaudern; und alle ihre vielen Geschwister, alle blondhaarig und blauäugig, 237 standen vor ihrer Seele. Aber das Gute in ihr siegte, und die falsche Scham verschwand. Sie sagte: »Ich habe Vertrauen zu Ihnen. Ich bin bereit, weiter mit Ihnen zu reden.«

Wie durch eine Gasse gingen sie zwischen Menschen und Blicken durch den Saal. Hinter ihnen schloß sich die aufs höchste gestiegene Aufregung der Menschen wie zusammenstürzende Wellen. Draußen vor der Thür, im Angesicht der stillen, einsamen Nacht, atmete das Mädchen hoch und schwer auf, und als er fragte, wohin sie gehen wollten, antwortete sie nicht, ging aber vorwärts. Er ging stumm neben ihr, und sie kamen aus der Stadt auf dem Wege nach Sankt Marien, beide mit schweren Gedanken so beschäftigt und von dem bitteren Ernst und der Wunderlichkeit der Stunde so hingenommen, daß sie willenlos gingen, als würden sie geführt.

Zuletzt, als die Häuser hinter ihnen waren, und sie auf ebenem, grauem Weg eine Weile still nebeneinander gegangen waren, nun, wo der Drang des Augenblicks nicht so stark war und die Gegenwart fremder Menschen den Mut nicht benahm, fingen sie an, mit schüchternen, zaghaften Worten einer dem anderen von seinen Verhältnissen zu offenbaren. Dabei bewirkte die Erregung und die Überfülle des Herzens, daß eine klare, objektive Darstellung nicht zu stande kam, sondern was ihnen lieb und leid war, darüber sprachen sie. Sie sprachen über Dinge, die gegenüber der Wichtigkeit dieser Stunde lächerlich klein waren; dadurch kam aber der beste Erfolg zu stande. Nämlich sie hatten Gelegenheit, einer dem anderen nicht in den Geldkasten, auch nicht in den Kopf, sondern in das Herz zu sehen, und wurden einander rasch nahe geführt, wie fremde Kinder, die beim Spielen zusammenkommen.

Nachdem das Mädchen zuerst allerdings mit einer gewissen Härte gesagt hatte, daß sie gar kein Vermögen besäße 238 und daß sie die siebenhundert Mark, die sie sich verdient hätte, für ihren Bruder bestimmt hätte, der Lehrer werden wolle, er aber geantwortet hatte, das wolle er nicht wissen: da erzählte sie von ihren Eltern, daß der Vater weicher wäre als die Mutter, daß die Mutter aber besser mit dem Gelde umzugehen wisse und sehr tüchtig und klug haushalte. Dann kam sie auf ihre Geschwister, auf die Pläne der großen Jungen und die Art der kleinen Mädchen: daß die zweitjüngste ein Kätzchen so gern hätte, daß sie es eines Tages mit in die Schule genommen, und wie der Vater erst spät, da er zufällig an der Bank vorübergegangen wäre, das Tier entdeckt hätte, das ganz klug auf den Tisch gesehen, und wie die Allerkleinste zu sagen pflegte: sie wolle Königin werden. Und wurde eifrig und erzählte mit heißen Wangen und baute Luftschlösser, was aus den Kindern werden solle. Und wurde ganz beredt; denn zum erstenmal nach langer Zeit war ihr, als hätte sie einen Gesinnungsgenossen neben sich. Ihr Herz war geöffnet und ihre Zunge gelöst. Zuletzt erschrak sie und sagte: »Nun erzähl' du. Was ist deine Mutter für eine Frau?«

Da fing er an, daß seine Mutter nicht allzu stark wäre, auch etwas zu weichlich für das einsame und ein wenig rauhe Leben, sie würde wohl besser in eine stille, freundliche, holsteinische Stadt passen, nach seiner Meinung, als auf dem Veldt am Krokodilfluß. Aber unglücklich wäre sie doch nicht; denn es wäre nun seine und seines Vaters stille Übereinkunft, die Mutter zu verhätscheln und zu necken, überhaupt ein wenig wie ein Kind zu behandeln, was sehr drollig wäre. So zum Beispiel nennten sie die Mutter nicht anders als »Uns' Lüttje« und ruhten nicht eher, als bis sie täglich dreimal herzlich gelacht hätte; und wenn sie das nicht hätten durchsetzen können, wenn auch der alte Kaffer, 239 der Hirte, das nicht hatte erreichen können, dann ritte er Sonnabends zu seiner Schwester hinüber, und dann käme die am Sonntag samt ihrem Manne und ihren fünf Söhnen, alle sieben zu Pferde und alle sieben die Haare in der Stirn, und dann müßte sie lachen.

Da lachte sie hell auf und sagte: »Das ist gut; das mag ich alles sehr gern leiden. Denn ich bin seit Jahren in einem großen Bauernhause, wo es an Gesundheit und an Brot nicht fehlt. Aber das Freundlichsein und das Lachen sind da zwei verächtliche und fast sündige Dinge. Ich meine aber: Das ist das Beste auf der Welt, daß man freundlich und lieb miteinander ist und mit allen Menschen.«

Er nickte und gab ihr lebhaft recht und sagte: »Du paßt sehr gut zu den Meinen. Du mußt mit mir gehen.«

Nun war sie wieder still.

Nach einer Weile fing sie wieder an, mit zurückhaltender Stimme zu sprechen von den Großeltern, welche Landleute gewesen, und von dem Ansehen des Vaters im Dorf, und von dem klugen Ernst der Brüder, in dem stillen, unschuldigen Wunsch, ihrem Begleiter klar zu machen, daß sie ein Kind guter Familie wäre, daß er nicht glaube, er hätte sie hier auf der Straße gefunden.

Da sagte er ihr, daß ihre Erscheinung und ihr Wesen den Eindruck auf ihn gemacht hätten, daß eine von den besten Töchtern des Landes neben ihm ginge, und daß er von Herzen froh wäre, ihr Vertrauen gewonnen zu haben, und nun neben ihr gehe. Sie hätte ihn nicht enttäuscht, im Gegenteil, sie gefalle ihm immer besser, sie wäre ihm schon wie ein guter Kamerad, und er möchte gern so weiter mit ihr wandern, wenn sie wollte.

Sie sagte nichts. Aber wie sie weiter ging und sie einmal in der Dunkelheit den Fußsteig am Wege nicht sah, 240 nahm er ihre Hand und legte sie auf seinen Arm und hielt die Hand fest, und sie duldete es. So gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander, während er zuweilen ihre Hand streichelte, und ihre Herzen mit immer größerer Zutraulichkeit, langsam, ohne Worte, einander entgegenkamen.

So wanderten sie schon geraume Zeit auf dem Heideweg und näherten sich dem Goldsoot. In undeutlichem Mondlicht sahen sie die Thalmulde und den kleinen, runden Spiegel der Quelle. Sie gingen Hand in Hand zum Soot hinunter. Vor dem Wasser blieben sie stehen und sahen hinein. Und sahen, da die Wolken vorm Mond vorüberfuhren, im klaren, blauen Licht ihr dunkles Abbild. Und sahen wieder herauf und sahen sich an. »Ich bin durstig,« sagte das Mädchen und lachte leise. Er bückte sich, schöpfte Wasser in seine zusammengelegten Hände und hielt sie hin, und sie trank mit spitzem Mund aus seinen Händen und nickte ihm dankend zu. Da nahm er die Gelegenheit wahr und legte seine beiden nassen Hände an ihre Wangen und küßte sie vorsichtig. Und als er merkte, daß sie ihm den Mund darbot und ihre Hände sich willig auf seine Arme legten, umfaßte er sie und sagte: »Nun weiß ich, daß du mit mir gehst.«

Nun gab sie sichere und ernste Antwort. »Ja, ich will mit dir gehen; ich habe dich so lieb und kenne dich so gut, als wärest du zehn Jahre lang mein Schatz. Vater und Mutter werden mich ziehen lassen, so schwer es ihnen wird; denn sie haben immer erwartet, daß ich ein besonderes Geschick haben würde; und ich kann dir sagen, daß ich mit besonderer Ahnung und Hoffnung zu Markt gegangen bin, als ob ich etwas erleben oder doch etwas Besonderes sehen sollte.«

Soweit hatte sie gesprochen, da schrie sie plötzlich 241 leicht auf: »O,« sagte sie, »da oben im Eichengestrüpp floß es wie Blut.«

Er beruhigte sie und sagte: »Es ist der Mondschein, man sieht es deutlich.«

»Oder war es dein Mund?« sagte sie und lachte. »Er ist ganz rot.«

Er küßte sie vielmal, was sie still duldete, und fragte, ob sie nun satt wäre.

»Noch lange nicht,« sagte sie lachend. »Ich bin sehr hungrig gewesen.«

Da küßte er sie wieder.

Dann nahm er sie in seinen Arm und ging mit ihr in die Marsch hinunter und beruhigte sie, und brachte sie bis vor die Thür des Bauernhofes, in dem sie diente.

Am anderen Tage verlobte sie sich mit ihm in ihrem elterlichen Hause; und die Eltern und die hellhaarigen Geschwister sahen ernst, aber freundlich darein, und zwei von den Knaben behaupteten noch am selben Tage, sie wollten einst nach Südafrika auswandern. Einer von ihnen hat es auch gethan; der andere ging früh ins Grab.

Das junge Paar ging am sechsten Tage an Bord. In Kapstadt wurden sie Mann und Frau. Es ist ein glückliches Zusammenleben gewesen. Sie hat in keiner Stunde bereut, daß sie mit dem fremden Mann in das fremde Land ging. Sie hat es auch dann nicht bereut, als man ihr dreißig Jahre später die Nachricht brachte, daß ihr dritter Sohn bei Colenso im Vorrücken gefallen war. Sie hat damals auch nicht an das Blut gedacht, das ihr die Kinder der Heimaterde am Goldsoot gezeigt hatten.

* * *

242 An jenem Abend, bald, nachdem der Afrikaner und seine Liebe die Thalmulde verlassen hatten, hielt oben am Heideweg ein Wagen still, und Harro Heinsen sagte: »Komm, wir wollen ein wenig nach dem Goldsoot hinuntergehen! Alles, was Uhl heißt und mit ihnen verwandt ist, hat jetzt Gold nötig; vielleicht, daß wir etwas finden.« »Wie du willst,« sagte Elsbe. Sie sprang vom Wagen in seine Arme, und er hielt die kleine, geschmeidige Gestalt fest und trug sie den Fußsteig hinunter. Und am Goldsoot, im grauen Grase, wurde sie sein Eigen.

* * *

Jörn Uhl stand in seiner blauleinenen Jacke und starrte nach dem Mond hinüber, nach diesem alten, verrosteten und verdorrten und unfruchtbaren Gesellen, und achtete nicht auf alles das, was da rings um ihn in den Bäumen und auf den Feldern und oben auf der Heide lebte und liebte. Er trieb hohe Wissenschaft. Als er aber noch so nach den leuchtenden Bergspitzen sah, die am Rand des mare nektar in der vollen Sonnenglut standen, gingen plötzlich zwei Menschengesichter, Wange an Wange, durch den Mond. Da ließ er verblüfft das Rohr sinken und sah und horchte in die Nacht hinaus. Dann schloß er die Thüren und ging in seine Kammer und dachte an die Arbeiten, die er morgen zu thun hatte.

* * *

So vergingen Winter und Frühling, und es ging dem Sommer entgegen, und Jörn Uhl sorgte um die Arbeit des Tages und wartete auf den Schicksalsschlag, der seine Familie vernichten würde. Aber es geschah nichts. Es schien, als wenn die Verhältnisse der Uhl noch gut waren. 243 Es kam zwar ein Schlag für Jörn Uhl; der kam aber von einer anderen Seite.

Es war im Juli in der Heuernte; da flog ein Gerücht von Völkerunruhe und Krieg durch das Land. Und das Land und die Menschen hoben die Sinne und horchten mit Gier auf das dumpfe Rauschen und Tosen. Die Volksseele zog den Lärm in sich. Denn es war da eine alte, stille, lange schon schlafende Hoffnung, die konnte nun erfüllt werden; und es war da ein alter Streit, eine lange Reihe von alten, bösen Klagen und Prozessen, die konnten nun geschlichtet werden. Der einzelne Mensch dachte an diese Dinge nicht; der einzelne Mensch war in Sorge und Not und sah mit Bangen, was da in der Ferne wühlte und toste. Aber in der gewaltigen Volksseele, einem Ding ohne Raum und Zeit, ohne Vergessen und Sterben, wühlten und grübelten diese Gedanken einer alten Vergangenheit und einer Hoffnung, mit der sie wohl tausend Jahre schwanger ging.

Der Jüngste auf der Uhl hörte nicht viel davon; es ging ihm auch nicht zu Herzen. Es war noch nicht die Zeit für ihn gekommen, weiter zu sehen; er sah nicht weiter, als bis zum letzten Graben der Uhl.

Da kam ein Tag im Juli, da gab es ein hildes Arbeiten im Heu am Deich. Geert Dose, der sich als Großknecht auf der Uhl verdungen hatte, stach mit der Forke tief in die Diemen und sagte: »Diese Franzosen sollen ja hochnasige Leute sein. Also ist es richtig, daß wir ihnen zeigen, was 'ne Forke ist. Und was denn? Es ist 'mal 'was anderes.« Der Kleinknecht fragte, ob er alt genug wäre, um als Freiwilliger mitzugehen. Er war eben achtzehn.

Jörn Uhl schüttelte den Kopf: »Seid man still,« sagte er, »da kommt nichts danach.«

Am anderen Morgen wachte er früh auf und sah seine 244 Kammer hell von Mondschein und dachte: »Es ist noch zu früh, die anderen zu wecken; aber ich will aufstehen und will einmal nach dem Mond sehen.« Er hatte den Winter über eifrig in Littrow gelesen und an der Beobachtung der Sterne desto mehr Freude gewonnen, je größer seine Erkenntnis wurde. Er hatte sich Zeichnungen von dem Mond und von den Stellungen der Gestirne gemacht und sich gefreut, daß sie mit Littrows Zeichnungen übereinstimmten, und hatte mehrere Bogen Papier mit gewaltigen Meilenrechnungen gefüllt. Diese ganze Beschäftigung stillte seinen Drang nach Wissen und füllte die freudlose Leere seiner Seele.

Er nahm also das Fernrohr, das nun immer bereit oben in der Lade lag, und ging aus der Kammer über die Diele und öffnete die Thür und wollte hinaustreten, das blanke Rohr in der Hand, da kam der alte Amtsdiener im blauen Rock mit blanken Knöpfen, sah ihn ein wenig verwundert an und sagte dann: »Ich hatte mir wohl gedacht, Jörn, daß du schon aufgestanden wärst; ich habe hier zwei Papiere, eins für dich und eins für Geert. Ihr sollt morgen früh um zehn Uhr in Rendsburg sein, es wird mobil gemacht. Ich muß gleich weiter. Komm gesund wieder, Jörn!«

Jörn Uhl sank das Fernrohr nieder, und er atmete hoch. »Na so!« sagte er und kehrte sich um und ging über die Diele in seine Kammer, legte das Fernrohr an seinen Ort und setzte sich auf die Lade.

»Das kann lange dauern,« dachte er. »Es ist ein mächtiges und tapferes Volk, und es wird hart hergehen. Es ist eine alte, böse Feindschaft . . . Hans wird zu Hause bleiben; Hinnerk muß mit. Wer wieder kommt, das weiß kein Mensch . . . Es wird hier bunt hergehen. Hans und der Vater . . . Elsbe . . . Das muß ich Thieß noch alles 245 sagen. Ich gehe über den Heeshof. Heut nachmittag um drei müssen wir fortgehen . . . Jasper Krey muß als ständiger Arbeiter angenommen werden. Er wird nicht allzu viel schaffen; aber er wird nichts verkommen lassen. Wo Fiete Krey wohl ist? . . . Es ist ein böser Strich durch meine Rechnung. Aber was sein muß, muß sein. Wenn sie uns nicht in Ruhe lassen wollen, dann müssen wir sie erst schlagen; dann kann man nachher wieder pflügen. Es kann ein Jahr dauern und darüber. Jasper Krey ist der einzige, zu dem ich ein wenig Vertrauen habe. Ich will ein vertrauliches Wort mit ihm reden und ihm hundert Mark extra versprechen, wenn ich alles in Ordnung wiederfinde. Ein Jammer ist es: ich habe Vater und Brüder und muß zum Nachbar laufen und ihn bitten: Verwahre mir das Unsrige.«

Dann stand er auf, sah sich in der Kammer um und ging und weckte alle und sagte: »Steht auf. Wir müssen heute noch viel besorgen. Ich und Geert sind zur Fahne gerufen.«

* * *

Gegen sechs Uhr abends kamen er und Geert den Waldweg hinunter und warfen einen Blick auf den Heeshof. Da sahen sie Thieß Thiessen mit einem schweren Sack über die Schulter vom Hof weg dem Dorf zugehen und sich immer wieder umdrehen. Sie fingen beide an, zu rufen, und er blieb stehen. Als er Jörn erkannte, schüttelte er trostlos den Kopf, Thränen stiegen ihm in die Augen, und er sagte von ferne: »Jörn, Jörn, ich habe etwas Schlimmes angerichtet! Elsbe ist seit vierzehn Tagen nicht mehr hier, sondern mit Harro Heinsen in Hamburg. Ich habe nicht gewagt, es dir zu schreiben. Und nun schreibt sie, er will mit ihr nach Amerika, und sie fürchtet sich vor Amerika, und sie nimmt Abschied von uns allen, besonders von dir.«

246 Jörn sah mit großen Augen auf Thieß. »Gieb den Brief her!« sagte er.

Thieß Thiessen warf den Sack hin, den er auf der Schulter trug, wischte sich das heiße Gesicht und suchte nach dem Brief, und kehrte sich um, während er suchte, und sah nach dem Heeshof zurück.

»Was willst du mit all den Papieren? Wo willst du hin?

»Frage doch nicht, Jörn,« jammerte er; »nach Hamburg will ich, und wenn ich sie da nicht finde, will ich nach Amerika.«

Geert Dose hatte den Sack befühlt: »Es sind zwei gute Schinken darin,« sagte er, »und zwei Speckseiten. Die sind aber von einem kleineren Schwein. Und ein Schweinskopf.«

»Für die Reise,« jammerte Thieß.

»Bis Hamburg?« fragte Geert Dose höflich.

»Bis Amerika,« sagte Thieß schluchzend.

»Das läßt sich hören,« sagte Geert.

Jörn hatte den Brief gelesen und sah stumm auf Thieß: »Und nun willst du hinterher? Nach ihrem Schreiben muß sie schon von Hamburg abgefahren sein, und wenn sie auch noch da wäre, du kannst sie nicht hindern, mit ihm nach Amerika zu gehen.«

»Sie soll sich von ihm trennen und soll bei mir bleiben, und kein Mensch soll ihr ein Wort sagen.«

Jörn Uhl sann nach: »Du weißt wohl nicht, daß wir Krieg mit Frankreich haben und nach Rendsburg einberufen sind?«

»Ach Gott!« sagte er. »Auch das noch. Ein Unglück über das andere.«

»Wir haben keine Zeit, lange zu überlegen,« sagte Jörn. Er schüttelte den Kopf; er konnte die Nachricht noch nicht 247 fassen. Die kleine Elsbe mit diesem großen, rohen Menschen in die Welt hinaus? Plötzlich kam ihm ein Gedanke: »Es ist möglich, daß das Schiff wegen des Krieges nicht hat abfahren können. Wenn du sie noch triffst, so thue, was du kannst, und bringe sie hierher nach dem Heeshof.«

»Meinst du,« sagte Thieß, »daß es glückt?« Er sah sich nach seinem Hof um und schluchzte, und die Thränen liefen ihm über die schmalen Wangen.

»Na,« sagte Jörn, »nun tröste dich doch! Du hast dich immer so gesehnt, eine Reise zu machen, doch wenigstens Hamburg 'mal zu sehen. Nun kommst du 'mal heraus aus deinem Moor.«

»Ja, ja,« sagte er und blieb wieder stehen und sah nach seinem Strohdach. »Es ist eine bitterböse Sache.«

Da ging Jörn Uhl eine Ahnung auf. »Thieß,« sagte er, »was fehlt dir?«

Sie waren auf der Anhöhe angekommen, von wo man den Heeshof zum letztenmal sieht. »Ich weiß nicht,« sagte er weinend, »mir ist so beklommen zu Mut.«

»Thieß! Mit deiner Reisewut, und mit all deinen Landkarten, und mit Brasilien und mit Japan: Das alles ist Schwindel und Einbildung gewesen. Du hast Heimweh.«

»Nein, nein! . . . Ich gehe schon mit euch.« Er schwankte wie ein Trunkener.

»Kehr' um, Thieß, du kannst es nicht übers Herz bringen.«

»Ich kann nicht schlafen,« jammerte der kleine Mann, »ich habe sie die ganze Nacht im Elend gesehen und muß hinter ihr her. Und ich kann auch nicht vom Heeshof weggehen.«

»Wenn Thieß nicht mehr schlafen kann,« sagte Geert Dose, »dann steht es schlecht mit ihm, dann verliert er auch bald die Eßlust. Was soll er dann mit den Schinken?«

248 »Ich muß los,« jammerte Thieß, »es hilft alles nichts. Ich will mit Eckert Witt fahren, weißt du, dem Torfschiffer. Laßt mich in Ruh und quält mich nicht: es muß sein.«

»Gut, denn geh! Wir haben auch keine Zeit mehr.«

Am Kreuzweg gaben sie ihm die Hand und standen und sahen ihm nach.

»Er trägt zu schwer an dem Sack,« sagte Geert. »Sieh 'mal, er schwankt ordentlich.«

»Es greift ihn so an,« sagte Jörn, »daß er fort muß.«

»Du, sag 'mal: was ist Frankreich für 'n Land? Ich meine, ist da 'was zu holen? Machen sie da Schweine fett, oder weißt du das nicht? . . . Siehst du? Er hat den Sack hingelegt. Es ist 'ne Quälerei für den Alten, Jörn. Der Sack ist ihm zu schwer.«

»Er steigt auf den Wall,« sagte Jörn Uhl, »er will versuchen, ob er den Hof noch 'mal sehn kann. Und der kennt in Hinterindien jeden Katzensteig!«

»Ich spring' rasch 'mal hinüber, Jörn. Ich glaube, es ist der Sack.«

Geert sprang quer durch die Buchweizenkoppel und kam nach einer Weile zurück, die beiden Speckseiten unterm Arm. »Was sollte ich ihm eine lange Rede halten?« sagte er. »Er hat's gar nicht gemerkt. Er steht und jappt nach dem Hof hinüber . . . Wer weiß, wie es uns noch gehen wird. Diese beiden Speckseiten sind das einzig Sichere, was wir besitzen; alles andere ist in Wirrwarr.« 249

 


 

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