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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel

Die Erlebnisse dieser Tage wirkten jahrelang auf ihn.

Sie wirkten auf ihn, wie ein bitterkalter Winter mit wundervollen Sternennächten auf den jungen Baum. Vom Frost bis ins Mark getroffen, zieht er sein Leben in sich hinein und führt es still zwischen Wachen und Schlafen weiter, zwischen hellen Ängsten und süßen Träumen. Allmählich, wie die Sonne ihm lange schmeichelt, stundenlang ihre weiche Wange an seine Rinde legt, taut er auf und wird fröhlich. So verschloß der Junge das Schöne und das Traurige, das er in jener Morgenfrühe am Heesewald erlebt hatte. Er schloß Augen und Mund, um inwendig ungestört zu sein. Er wurde ein stiller, wortkarger Mensch. Einige Narren sagten, er wäre dumm. Wer ihm aber in diesen Jahren begegnete und ein kluger und feiner Mensch war, und hat nur einen einzigen Blick in diese scheuen, tiefliegenden, bitterernsten Augen gethan, der hat wie in eine alte Bauernkirche hineingesehen, in Dämmer und Dunkel, goldene Sonnenstrahlen schräg durch hohe Fenster; und ganz hinten hat er auf dem goldglänzenden Altar hohe, stille Lichter brennen sehen.

174 Er war ohne Freunde und ohne Bücher, ganz auf sich selbst angewiesen. Da hat er sich seine Seele bunt ausgestattet, nach seinem eigenen Geschmack.

So wie Jan Reepen that, welcher Knecht bei Volkmar Harsen war. Der war ein Philosoph oder ein Dichter oder ein Taugenichts. Der bemalte die Kalkwände seiner kahlen Kammer, von oben bis unten hin, zuletzt auf dem Bauche liegend und auf dem Tische stehend, mit allem, wie er sagte: ›was es in der Welt giebt, von jeder Gattung eins‹. Da waren Menschen und jede Tierklasse. Er verstieg sich aber auch zu den Elementen und zu den Himmelskörpern und zu den bösen und guten Engeln und bis zu der Dreieinigkeit. Und für alles und jedes fand er eine bezeichnende Form. Man hat nie erfahren, was in ihm stak, denn er starb in derselben Kammer an Gehirnentzündung, nachdem er in der letzten Nacht über seine Bilder in schönen und wilden Phantasien geredet hatte.

So bunt stattete auch Jörn Uhl seine Seele aus.

Vielen Bauernsöhnen in unserem Lande, die nach dem Willen des strengen Vaters durchs Gymnasium und auf die Universität laufen müssen, wird es bittersauer, den Hof zu verlassen, wenn die Ferien zu Ende sind. Es kommt wohl vor, daß der Bauer den großen Jungen im letzten Fach des Pferdestalles findet, wo er still vor sich hin weint, und daß er den Peitschenstiel brauchen muß, um die Hofstelle von ihm zu befreien. Auf der Schulbank ist er nachher noch tagelang nur körperlich zugegen; seine Seele wandelt durch die großen Scheunen und Dielen. Das Brummen des Religionslehrers – viele Religionslehrer brummen; sie sollten fröhlich sein – ist ihm Anlaß, sofort die Ohren zu spitzen und das satte Brummen der Fetten zu hören; und wenn der Direktor mit den Fäusten auf der 175 Pultplatte den Takt der Oden schlägt, hört er winterlichen Drescherschlag. Wenn das Schicksal es gut mit ihm meint, setzt es ihn nachher in dörfliche Umgebung, und er kann, seinen Sohn an der Hand, am Sonntagnachmittag einen Ausflug machen und am Heckthor stehen bleiben, und im Winter durch den vollen Stall eines befreundeten Bauern gehen, der seine landwirtschaftlichen Reden verachtet, und kann dabei denken: »Warum hat dein Vater dich nicht König werden lassen? Nun mußt du ein Knecht sein.« Wenn das Schicksal aber hart ist, daß er sein Gelehrtenbrot in einer großen Stadt zwischen hohen Mauern suchen muß, verfällt er in seiner Not auf den Plan, sich eine kleine Wirtschaft anzulegen, und fängt mit zwei Tauben an und fährt mit Kaninchen fort und kommt zuletzt mit einer Ziege nach Haus und verfällt in Kündigung und schweres Ärgernis.

Es giebt aber auch solche Bauernsöhne – und sie sind in diesem Lande, bei diesem nachdenklichen Geschlechte der Friesen und Sachsen, nicht sehr selten –, die einen heißen Hindrang zum gelehrten Wissen haben, welche aber nach dem Willen des eisernen Vaters auf dem Hof und am Pfluge bleiben müssen. Diese Leute sind fast unglücklicher als jene. »Vater,« sagt der Junge, »ich will was lernen.« Aber der Vater sagt: »Du wirst Bauer.« Denn der Vater scheut die Studiengelder, oder er hält den Bauernstand für den besten in der Welt, oder er denkt, es sei ein Jungeneinfall, der vorübergehe wie der langweiligste Regentag; oder er ist den Büchern abgeneigt: »Was fällt dir ein? In die Bücher starren? Halt den Mund! Geh' nach dem Schmied und frage, ob er das Pflugeisen fertig hat.«

Also wächst der Junge auf dem Hofe auf, in den Ställen und hinterm Pflug, heute die Forke in der Hand 176 und morgen die Leine, den ganzen Tag. Und während der Arbeit fängt der unruhige Geist an, zu wühlen, zu laufen, zu rennen. So wie ein edles, freies Tier in der Gefangenschaft unruhig und rastlos am Gitter hin und her geht, hin und her, in trostloser, vergeblicher Unruhe und Verzweiflung, so geht sein Geist auch unterwegs und sieht zwischen all den Gitterstäben durch, und sieht und sieht. Und ungelehrt und ungeführt, sieht und spintisiert und ergrübelt er wunderliche und verdrehte Dinge. Da der Menschenschlag des Landes vorwiegend für Philosophie und Mathematik beanlagt ist, kommt er bald auf blankes Eis und kommt leicht zu Stellen, wo unter dunkler, durchsichtiger Decke die grünliche, unermeßliche Tiefe gähnt, in der es von Gestalten wimmelt, die er nicht bewältigen noch deuten kann. Dann geht er wohl einen scheuen, schweren Gang zum Buchhändler in der Stadt und fordert ein Buch über: »Die Menschheit, wie sie entstand und was 'mal daraus wird,« oder: »Ob es wohl ein Buch giebt über Berechnung aller Flächen und über den Bau des Weltalls.« Dann sitzt er bis in die Nacht hinein beim trüben Schein der Stalllampe über dem Buch und verwirrt sich und meint, er versteht's, und lebt in einer wirren Welt der Gedanken und kommt da immer tiefer hinein. Die um ihn wohnen, verstehen ihn nicht: seine eigenen Brüder nennen ihn einen lateinischen Bauern. Für die Mädchen, die um ihn blühen und nach ihm sehen, hat er keine Augen; und wenn er einmal zugreift, ist er so tapsig, wie der junge Hund, der unter die Hühner springt. Seine Augen richten sich immer mehr nach innen. Dort sehen sie immer Wunderliches. Endlich sehen sie dort deutlich und klar in greller, roter Schrift das Wort: »Geh' in den Tod. Du taugst nicht unter den Menschen.« Dann bringen sie mit stattlichem Bauernbegräbnis, nach der Größe des 177 väterlichen Hofes, den Bauernjungen zu Grabe und wundern sich weiter nicht viel und sagen: »Es ist ihm durcheinandergegangen.« Und noch innerhalb der Kirchhofspforte reden sie von Kornpreisen und Landpacht.

* * *

Es war ein Städter nach der Uhl gekommen, hatte nach Altertümern gefragt und hatte die Lade gesehen, die im Pferdestalle stand, und hatte ein Angebot gemacht und war weggeschickt worden. Jörn, der gemerkt hatte, daß das alte Möbel dem Mann wertvoll schien, besah es zum erstenmal in seinem Leben, fand Gefallen daran, reinigte es an einem stillen Sonntagnachmittag, machte das Schloß in Ordnung und brachte die Truhe in seine Kammer und legte seine Sonntagskleider hinein. Dann lag da noch ein Gesangbuch und das alte, abgegriffene Lesebuch von Klaus Harms und noch ein altes Buch mit gelbem, zerfetztem Umschlag: Littrow, Wunder des Himmels. Das Buch war mit Jörns Mutter vom Heeshof her ins Haus gekommen und war eine Art populärer Astronomie. Mehr lag nicht in der Lade.

Wenn es nun Feierabend war oder Sonntagnachmittag, dann setzte Jörn Uhl sich in den alten, sächsischen Stuhl mit Seitenlehnen und strohgeflochtenem Sitz und legte die Beine auf die Lade und zündete die kurze Pfeife an und sah sich in der Kammer um, die an den weißgekalkten Wänden weiter keinen Schmuck hatte, als einen kleinen Spiegel, und sah von dem Fenster in den Apfelgarten und rauchte, und machte ein sehr ernstes und langes Gesicht und baute seine Seele aus.

Heiraten wollte er nicht. Das war nun vorbei. Er hatte in dem Fache mehr Erfahrung gesammelt als mancher 178 alte Mann. Es stand freilich so, daß es schön sein mußte, eins von diesen merkwürdigen Wesen mit den weichen Augen und losen Gliedern zu gewinnen; aber für ihn war das nichts. Er war eben eine merkwürdige und seltene Ausnahme. Das war traurig, aber leider wahr. Er hatte es ja erfahren. Die eine, die einst in Kindertagen sein Kamerad gewesen war, war eine Fremde geworden; sie hatte ihn von oben herab gönnerhaft angesehen und war, mit Angst im Gesicht, von ihm zurückgetreten, als sie in seinem Gesicht das gesehen hatte, was die andere geweckt hatte. Diese andere aber, vor der er mit wilder Unruhe und mit heißem, neuem Begehren gestanden hatte, war eine Heilige gewesen. Die Scham stieg ihm ins Gesicht, wenn er an beide dachte. So wollte er nicht wieder vor einem Mädchen stehen. Er wollte diesem ganzen argen Gebiet des Menschendaseins immer fern bleiben. Er wollte Junggeselle bleiben. »Thieß ist es auch,« dachte er. »Es liegt in der Familie.«

So war nun also dies abgethan, ein für allemal. Die Tochter vom Nachbarhof kam zuweilen, mit der Milchtracht auf der Schulter, an ihm vorüber, wenn er mit den Gespannen auf dem Felde war. Sie grüßte und wollte ein Wort mit ihm reden. Sie kam auch am Sonntagnachmittag zu Elsbe und ging vor seinem Fenster vorbei durch den Apfelgarten und nickte ihm zu und sah ihn klug und gut an. Sie war ein schmuckes, freundliches Mädchen. Aber er, wenn er sie kommen sah, zog die Brauen zusammen, wie einer, der über sehr schwierige und harte Dinge hart nachdenken muß und als ein Sechzigjähriger nicht Zeit und Interesse für junge Mädchen hat. Es fiel ihm wohl zuweilen in den Sinn: Merkwürdig, wie sie die Füße ansetzt; oder bei einer anderen: Die ist rank und schlank, und zierlich und flink, wie unser dreijähriger Littauer; oder bei 179 einer anderen: Schmuck sieht das aus, wie sie die Hüften biegt unter der Milchtracht. Aber weiter nicht. Hinaus mit den Gedanken aus der Seele! Diese Sorte Menschen bringt nur Unruhe, Zeitverlust und Spott.

Aber zwei- oder dreimal widerfuhr ihm dies: Es war beide Male am Sonntag. Er hatte den ganzen Nachmittag ohne Arbeit zugebracht und war gegen Abend allein übers Feld gegangen. Da hatte er seine Gedanken nicht bändigen können, sie waren zu der Sanddeern gelaufen. Er durchlebte noch einmal alles wieder. Er kam so ins Träumen, sah so deutlich die schöne, starke Gestalt und ihre ruhigen Augen und hörte ihre tiefe Stimme, daß er nicht eher wieder herauskam, als bis er plötzlich seine eigene Stimme hörte und merkte, daß er mit raschen Worten auf sie einredete. Er stand an einem Heck gelehnt und wußte nicht, wie er dahin gekommen war. Da rüttelte er sich auf und das Blut stieg ihm zu Kopf. Den Rest des Abends brachte er in Unruhe zu. Er setzte sich zu Pferde und ritt nach den Füllen, die auf dem Vorland grasten, und kam wieder zurück und ging im Apfelgarten von Baum zu Baum, faßte die Stämme an und strich Moos von ihrer Rinde und sah in die Zweige hinauf, und lächelte, und fühlte sich wieder unglücklich und wollte etwas, und wußte nicht was, und schämte sich und wäre gern in die weite Welt gelaufen, in irgend ein buntes Leben, eine Arbeit oder einen Streit, um dem zu entgehen, was ihn in solche Zwietracht brachte.

Und da, in der Nacht, ob im Traum oder im Wachen, kam das Mädchen in die Kammer in der ganzen, starken Schönheit, die sie damals hatte, als sie sich ihm gegenüber über den Tisch gebeugt hatte, und wie damals kam sie dicht an ihn heran, und war lieb und zärtlich und sagte, sie sehne sich so nach ihm. Da küßte er sie, so lange und 180 so heftig, immer lieber und immer heißer, bis die Erregung ihn wach machte. Da schämte er sich sehr. Er ging tagelang mit finsterem Gesicht seiner Arbeit nach und redete kein Wort und war besonders gegen Elsbe unfreundlich.

Und eines Tages, als er eine Ladung Korn nach der Stadt gebracht hatte und zur Wohnung des Maklers durch die Straße ging, sah er im Papierladen ein handgroßes Bild mit zwei jungen Frauen, die links und rechts an einem marmornen Brunnen saßen. Sie waren hoch und kräftig gebaut und selbst die, welche fast nackend war, hatte ein feines und freundliches Gesicht. Sie hatten etwas Vornehmes und Adeliges an sich, und er konnte nicht verstehen, wie sie dazu gekommen waren, sich so abbilden zu lassen. Darunter stand in lateinischen Buchstaben: Himmlische und irdische Liebe, von Tizian. Er stand lange davor und sah es an, und plötzlich gab er sich einen Ruck und ging in den Laden und wurde sehr verlegen, als er darin eine junge Frau fand, die nach seinem Begehr fragte. Er machte ein hochmütig, nachlässiges Gesicht und zeigte mit dem Peitschenstiel auf das Bild, und erstand es für einige Mark. Er verbarg es als einen großen Schatz sorgfältig zwischen Rock und Weste und brachte es nach Haus und versteckte es zu unterst in der Lade; und Sonntagnachmittags, wenn er rauchend und sinnend in seiner Kammer saß, nahm er es heraus und stellte es auf die Lade, seinem Sitz gegenüber, und betrachtete es lange, und war immer in großer Sorge, daß jemand das Geheimnis dieses Bildes entdecken könnte.

Schwerer als mit den Weibern wurde Jörn Uhl mit der Welt fertig. Man kann sich von der Welt nicht so leicht abwenden: man dreht sich um: sie ist da; man dreht sich noch einmal um: sie ist noch immer da. Man hält sich die Augen zu, so hört man ihr Summen und Schreien; 181 man hält sich die Ohren zu, so macht sie vor unseren Augen ihre Fratzen und Sprünge. Man muß Stellung zu ihr nehmen, Frieden halten oder Streit anfangen. Er, bei seinen Jahren und in seiner Stimmung, dazu aus einem Volksstamm, der von jeher im ganzen Lande für streitsüchtig gehalten wird, fing Streit an: »Frau Welt! Alt bist du und häßlich! Verkehrt und verdreht ist alles an dir, von deiner Sohle bis zu deinem Scheitel. Ich bin Jörn Uhl von Wentorf« . . . Er hatte die Brauen seiner Augen zu tief zusammengezogen, da sah er die großen Wunder nicht; und er trug die Nase zu hoch, da achtete er nicht der großen Schönheit.

Es gab kein Ding in der Welt, alles, was kriecht oder fliegt, glänzt oder trauert, Rock trägt oder Schürze, rund oder vierkantig ist: Jörn Uhl hatte über alles ein gerechtes und strenges Urteil. Darum sah er es deutlich kommen, daß kein Platz für ihn in der Welt wäre. Reinliche Scheidung zwischen ihm und der Welt: das war das einzig Richtige. Also beschloß er, in der Verborgenheit dieser Kammer und des Uhlschen Hinterhauses ein Knecht zu sein, zuerst bei seinem Vater, danach bei seinen Brüdern, sich aber einen jährlichen Lohn zahlen zu lassen. Das, was er also verdiente, wollte er in der städtischen Sparkasse anlegen, davon er gehört hatte, daß sie durchaus sicher wäre. Danach, als ein ältlicher Knecht, wollte er mit dem Ersparten einen kleinen, einsamen Hof kaufen und mit Wieten fern vom Treiben der Welt leben, bis an seinen Tod. Und also wollte er der Welt zugleich entgehen und zugleich trotzen.

Nun also, wenn die Welt mit allen ihren natürlichen und menschlichen Einrichtungen Jörn Uhls Anerkennung nicht fand, so mußte, der Himmel und Erde gemacht hat, nicht gut wegkommen.

182 Er ging freilich in die Kirche. Er that es seit einem halben Jahre; denn er sah, daß die Sparsamen, Nüchternen und die ein wenig altmodischen Leute in die Kirche gingen; und er hatte sich fest vorgenommen, gerade ein solcher Mann zu werden. Der alte Dreyer ging in die Kirche, der als Knecht angefangen hatte und nun ein reicher Mann war. Und der alte Klempner Reder ging in die Kirche. Er galt zwar für hartherzig und geizig; aber es empfahl ihn, daß er noch den Rock trug, mit dem er schon vor fünfzig Jahren zum Abendmahl gegangen war. Und die Frau von Thomas Lucht, die das gemeinsame Schlafgemach, in dem ihre Kinder lagen, verließ, wenn ihr Mann von wildem Trunk und Kartenspiel nach Hause kam: die saß mit zusammengepreßten Lippen und strengem Gesicht jeden Sonntag in ihrem Familienstuhl. Diese und ähnliche Leute, altehrbare und sparsame, gingen in die Kirche. Aber die Jungen und die Wilden und die Staatmacher, die gingen nicht hin.

Jörn Uhl ging in die Kirche, weil er ein Ordentlicher sein und bleiben wollte. Er wollte das schon äußerlich anzeigen, darum ging er in die Kirche.

Er ging in die Kirche und langweilte sich. Zuerst nahm er Anstoß und konnte durchaus nicht darüber hinwegkommen, daß der Mann, der seit dem vorigen Jahre in der Kirche das große Wort führte, in der ganzen Gegend als ein fester Trinker und ein sicherer Kartenspieler bekannt war. Dreyer hatte ihm zwar gesagt: »Es kommt nicht auf den Mann an, Jörn, und auf seine Lebensführung, sondern darauf, daß er das richtige Wort Gottes predigt.« Das wollte schon in Jörn Uhls Verstand nicht hinein. Aber davon ganz abgesehen: eben diese rechte Lehre, die der kleine, starke Mann verkündigte, die ging Jörn Uhl ganz und gar gegen den Strich. Es hieß da nämlich immer: »All unser 183 Dichten und Trachten ist böse von Jugend auf,« und: »Wer auf sein Leben und seine Werke baut, der wird ewig verdammt,« und: »Die Dreieinigkeit, gelobt in Ewigkeit,« und: »Der Sohn Gottes von Ewigkeit geboren,« und: »Glaube nur, so wirst du selig werden.« Das war so der Inhalt der Predigten.

Jörn Uhl saß und hörte aufmerksam zu und konnte ganz und gar nicht entdecken, was diese Lehren mit dem wilden Leben im Dorfe und mit seinem eigenen Pflügen und Eggen zu thun hatte. Er wunderte sich im stillen, daß Gottes Wort so durchaus unpraktisch war. Nach seiner Ansicht mußte es heißen, ein Vers nach dem anderen, ungefähr so: »Der Bauer, der die Quäke und den Senf in seinem Feld nicht jätet, wird nicht selig.« »Der durch fleißige Arbeit und ehrbar nüchternes Leben sein Vermögen verdoppelt, der kommt obenan.« »Jeden Abend, den ein junger Mann im Wirtshaus sitzt, wird ihm ein Jahr der Seligkeit abgezogen« u. s. w. So ungefähr hätte er die Bibel gemacht.

Zuweilen, wenn der kleine Mann vom Altar her oder auf der Kanzel mit singender, wogender Stimme die vorgeschriebenen Bibelstellen vorlas, klang es Jörn Uhl, als wenn er etwas anderes hörte, als was der Mann nachher predigte. Es war ihm, als wenn er alte, tiefe Weisheit hörte und große, starke Gedanken, mitten aus dem Menschenleben. Da war ihm wie einem Menschen, der am Waldrande liegt, umsummt und umsurrt von Vögeln und Mücken, und hört in der Ferne im Walde einen Brunnen rauschen mit vollem und schwerem und reinem Wasser. Aber bei der Unselbständigkeit seiner Jugend und bei seiner innerlichen Schwerfälligkeit kam er nie auf den Gedanken, einmal den Matthäus oder Markus durchzulesen und 184 nachzusehen, ob der kleine Mann vielleicht ein gutes Stück vom Evangelium unterschlug und ein anderes fälschte.

»Du mußt immer auf demselben Platz sitzen,« hatte der alte Dreyer gesagt. »Sechzig Jahre lang sitze ich jeden Sonntag auf meinem Platz in der dritten Reihe, bloß die zwei Jahre abgerechnet, als ich gegen die Dänen im Felde lag.«

Also saß Jörn Uhl jeden Sonntag auf demselben Platz.

Und so blieb nichts weiter nach, als daß Jörn Uhl darum etwas auf Gott hielt, weil derselbe so 'was Altmodisches hatte.

* * *

Im Herbst des anderen Jahres aber ereignete sich etwas, das wie ein Tau in seine innere Welt hineinfiel. Und das war gut. Denn sie war in Gefahr, zu verdorren, wie ein junges Weideland, wenn im April vier Wochen Ostwind weht.

Zu der Zeit, als die Felder sich von Korn leerten, verwilderten einige Jagdhunde, deren Besitzer weder nüchtern noch geschickt genug waren, auch nur ein Tier zu erziehen. Also vertrieben sich die Hunde die Zeit auf dem Felde; die Bauern die ihre im Wirtshaus.

Bald wurde es bekannt, daß Schafe zerrissen und Hühnerhöfe verwüstet waren. Die Kinder der Arbeiter, die längs dem Kirchensteig in die Schule gehen mußten, gingen zitternd ihres Weges. Eins von ihnen kam atemlos und ganz verängstigt ins Dorf und behauptete, verfolgt worden zu sein. Es geschah aber nichts gegen das Übel; denn die Besitzer der Hunde lachten; es wagte niemand gegen sie vorzugehen, denn sie waren die ersten Leute im Dorf, saßen in der Sparkasse und konnten im Guten und Bösen Vergeltung üben. Da traf es sich, daß an einem Sonntag 185 morgen die Kinder vom Kamp, die den Kirchensteig entlang gingen, sahen, wie die Hunde das Kalb eines Kamper Arbeiters hetzten. Die Kinder des Arbeiters fingen an zu weinen und jammerten, sie hätten nur das eine Kalb, und ermunterten zwei große Jungen, mit ihnen gegen die Hunde anzugehen. Aber die fürchteten sich. Da gingen die beiden Kleinen in ihrer Angst allein vor, da sie wohl auch im kindlichen Unverstand meinten, sie würden von den Eltern Schläge bekommen, wenn sie das Kalb nicht retteten. Als die Kinder nun aber, vor Angst schluchzend, näher kamen, wichen die Hunde nicht, sondern gingen vielmehr auf das kleine Mädchen zu, das an das Kalb heran wollte und mit den Händen schlug und immer rief: »Mien Bülle, mien Bülle.« Da sank den großen Knaben ganz der Mut, und sie liefen schreiend dem Dorfe zu, das fern lag. Die beiden Kinder aber standen allein, und die Hunde fingen an, mit ihnen zu spielen. Sie duckten sich, sprangen vor, sprangen wieder zurück und duckten sich wieder und zerrten an den Kleidern der Kinder, und das eine Kind fiel, und es war nahe daran, daß Furchtbares geschah.

Da kam Jörn Uhl aus den schwarzen Bohnenhocken hervor in seinem Sonntagsstaat, und sah, was da geschah, und biß die Zähne zusammen und dachte: »Verflucht sind sie! Soweit ist es gekommen: die Kinder des Dorfes werden von Hunden gefressen.« Sein Gesicht wurde dunkel vor Zorn, und seine Augen brannten. In drei langen Sprüngen war er zur Stelle. Der eine wich; der andere, der in heller Wut, mit gesträubtem Haar, stehen blieb, bekam die harte Stiefelspitze in die Seite. Aufheulend sprang er mit schäumendem Maul gegen Jörn Uhl an, der bückte sich nach dem Kinde. Und gerade, als er sich aufrichten wollte, traf ihn der Ansprung des Tieres, und da er keinen rechten 186 Halt hatte, riß es ihn durch Gewicht und Wucht in die Kniee. Mit einem harten Griff seiner großen, knochigen Hand drückte er das wilde Tier gegen seine Brust und hielt es mit genauer Not von seiner Gurgel ab, nach der es mit wilder Anstrengung, mit schrecklich aufzuckendem Körper und bloßem, geiferndem Munde auslangte. Mit Mühe, kreideweiß im Gesicht, gelang es ihm, sich aufrecht zu halten. Als er aber gut und sicher kniete, schrie er wild und laut auf, nahm seine junge Kraft zusammen, erfaßte mit zustoßender Hand die Gurgel des Tieres, bückte sich und brach ihm im Zorn die Knochen.

Von dieser That ist noch Jahre nachher viel geredet worden. Er selbst auch sprach in späteren Jahren, als durch glücklichere Verhältnisse das Freundliche, das Thiessensche in seiner Natur, mehr zum Vorschein kam, lieber von diesem Ereignis neben dem Bohnenstoppel am Kirchensteig, wo er einem Hunde die Knochen brach, der ein kleines Mädchen anfiel, als von jenem anderen Tage, da er gebückt über der Lafette stand und zackige Eisenstücke gegen Menschen warf, die, wie er leiser hinzusetzte, »mir persönlich nichts gethan hatten, auch nicht schlechter waren als ich«.

Als das Ereignis am anderen Tage durch die Schulkinder auch auf den Hof drang, merkte er wohl, daß das Großmädchen ihn mit Staunen ansah. Und der Knecht erzählte, daß die Jungen in den Spielstunden sich lebhaft stritten, wie er auf den Knieen gelegen und die Hand ausgeworfen hätte, und überall ständen Gruppen von Jungen, und einer von ihnen läge in den Knieen und zeige die Handgriffe. Und der Lehrer hätte seinen gelben Köter aus den Klauen der Jungen retten müssen.

Nach acht Tagen ging er wieder, feldüber nach dem Kirchensteig, der Kirche zu und kam den Kindern vom Kamp 187 nach, die auch unterwegs waren. Sie traten von den Rotsteinen ins Gras und sahen zu ihm auf. Aber die Kleine, die er gerettet hatte, schob stumm ihre Hand in die seine und ging im kleinen Trabe neben ihm bis an die Kirchenthür, ohne einen Ton zu sagen. Er ging hinein und hörte die Predigt über den Glauben, und daß die sogenannten guten Werke und das sogenannte ehrbare Leben meist verdächtig wäre: »Glänzendes Laster.«

Als er aus der Kirche heraustrat, kam ihm der alte Schneider Rose nachgelaufen, der zu den Stillen im Lande gehörte. Er trippelte neben Jörn Uhl her; denn er war schon ein alter Mann, sprach ein wenig vom Wetter, stand wieder still und fing an, in seiner verlegenen Weise mit weichen Fingern nach Schneiderart seinem Begleiter vorn auf der Brust über Rock und Weste zu fahren.

»Bring die Jacke zu mir, Jörn,« sagte er. »Der Hund hat sie dir ganz verkratzt; ich will sie dir mit Seide heil machen. Ich thu's umsonst, Jörn . . . Aber, Jörn, was wollte ich noch sagen? Es kommt nicht auf die Jacke an, Jörn, sondern auf das Herz unter der Jacke, das muß Gott gehören.«

Jörn Uhl wurde verlegen. Wo redet in diesem Lande ein gewöhnlicher Mensch über diese Dinge? Über Gott und Seele zu reden ist Sache des Pastors, wenn er auf der Kanzel steht.

»Ich wollte den Kindern helfen,« sagte Jörn Uhl, »ich war giftig auf die verdammten Hunde.«

»Du mußt alles thun um Gottes Willen, als Gottesdienst.«

Das verstand Jörn Uhl nicht. »Ehrlich gesagt, ich dachte nur an das kleine Ding, das schrie wie besessen.«

»Du hast dies eine Mal das Gute auf eigene Faust 188 gethan, und das war schön. Wenn du aber durch dein ganzes Leben und immer das Gute thun willst und willst rechte Freude haben, dann mußt du mit Gott Handschlag wechseln und aus Liebe zu ihm das Gute thun. Du mußt es nicht thun, weil du giftig warst auf die Hunde, oder weil du die Angst der Kinder nicht ansehen konntest, sondern weil Gott neben dir stand und dich ansah und sagte: ›Spring' zu, Jörn Uhl! Rette das Kind! Faß den Hund an, Jörn Uhl!‹«

»Ja . . . das ist ja doch einerlei, ob ich es mit oder ohne Gott thue.«

»Lange nicht, Jörn. Denn sieh 'mal: Wenn du es auf eigene Faust thust, wirst du stolz und bildest dir 'was ein, wirst ein Breitspuriger und vielleicht ein Narr. Auch thust du nicht immer das Gute; auch triffst du nicht immer das Rechte; auch hast du keine rechte Freude daran, weil du es nicht um seiner selbst, sondern deinetwegen und wegen der Leute thust. Wenn du dich aber an Gottes Seite stellst und alles so von Gottes Seite aus thust, dann bleibst du fein demütig, lachst, freust dich, weißt sicher, daß du gerade das Richtige thust, und hast für alles Verständnis und trotzest und freust dich der ganzen Welt. Unser Herz bei Gott, Jörn, und unsere Hände gegen die Hunde, gegen alles Schlechte: das ist das Christentum.«

»Das laßt sich hören,« sagte Jörn, »bei Gott stehen und dann, von da aus, das Gute thun: wahrhaftig, das ist nicht übel. Ich meine aber . . .«

»Der Heiland hat es auch so gemacht, Jörn. Immer an Gottes Seite und immer gegen die Hunde! Bloß daß zuletzt zuviel Hunde da waren: sie wurden ihm über und zerrissen ihn. Was hat er sonst gewollt und gethan, als mit Gott auf Leben und Tod für das Gute streiten?«

189 »Das ist gut,« sagte Jörn Uhl wieder. »Gewissermaßen im Bunde mit Gott.«

»Auf Treu und Glauben, Jörn.«

»Ganz recht, auf Treu und Glauben gegen alles Böse, gegen Hunde und Faule, gegen Trinker und schlechte Pflüger.«

»Ganz recht, Jörn, und zuerst gegen die eigenen Fehler.«

»Das ist klar,« sagte Jörn Uhl.

»Siehst du?« sagte der Alte. »Bring' mir morgen die Jacke, Jörn, ich mach' es umsonst.«

Er nickte viele Mal und ging, noch nickend, davon.

Jörn Uhl dachte plötzlich: »Den mußt du 'mal fragen, was er über die Predigten denkt, die hier drinnen gehalten werden.« Er kehrte sich um. Aber der Alte war in einen gelinden Trab verfallen und verschwand hinterm letzten Kirchenbaum.

Als Wieten Klook am anderen Morgen den Anzug forderte, um ihn nach ihrer Gewohnheit zu bürsten, erzählte er ihr, daß der Alte die Jacke ausbessern wollte und zwar umsonst.

»Das ist ein wunderlicher Heiliger,« sagte sie. »Was hat er gesagt?«

Jörn Uhl sah bedenklich vor sich hin. »Es war an der Kirchenecke etwas windig. Wenn ich ihn recht verstanden habe, so sagte er: ›Das wäre das beste Menschenleben, wenn einer für andere das Eisen aus dem Feuer holte.‹«

»Das ist mir ein Heiliger! Gott steh' mir bei, Jörn. Der alte Mann wird noch ganz unklug.«

»Na,« sagte Jörn, »warum gleich das? Er ist fleißig und nüchtern; kein Mensch kann ihm etwas nachsagen; er ist immer vergnügt und freundlich, und du weißt, daß er dem kleinen Dierksen den Konfirmandenanzug umsonst gemacht hat.«

190 »Ja, was ist das alles? Hat er sich einen Groschen erobert? Arbeitet den ganzen Tag. Hat er 'was?« Sie gab ihm das Bündel und sagte: »Schier dich mit deiner Jacke!« und er ging aus der Küche.

Auf der Diele dachte er: Das sind nun drei Meinungen. Was der in der Kirche predigt, kann ein verständiger Mensch nicht für richtig halten. Was der alte Schneider sagt, das hat Sinn. Aber was Wieten sagt, das hat auch Sinn. Der Schneider sagt: Für andere sorgen, in Gottes Namen. Wieten sagt: Für sich selber sorgen, im eigenen Namen.

Plötzlich blieb er stehen, besann sich und kehrte wieder nach der Küche um. Sie stand, von der Thür abgewandt, am Handstein, und arbeitete. »Du,« sagte er, »du sagst, der Schneider hat Blech geredet? Aber denn sage mir 'mal: Wie ist das mit dir selbst? Du arbeitest für nichts und wieder nichts in diesem öden Hause, wo drei Trinker ohne Sinn und Verstand darauf loswirtschaften, und plackst dich täglich mit den widerhaarigen Mädchen?«

Sie drehte sich flink um und sah ihn groß an. Er redete zum erstenmal als ein selbständig Denkender zu ihr, und sie konnte sich da nicht so schnell hineinfinden. »Jung',« sagte sie, »tühn nicht! Geh' deiner Wege und werde nicht hintersinnig.«

Da ging er nachdenklich mit seinem Bündel davon.

* * *

Sein äußeres Leben war wahrlich nichts als Mühe und Arbeit. Der Vater pflegte zu sagen: »Er hat zu viel von den Thiessens und wird zeitlebens der Tagelöhner seiner Brüder sein.« Heute pflügen, morgen säen, übermorgen schwere Arbeit im Hause: das war sein Tag. Morgens der erste und abends der letzte: ein Mensch, der keinen 191 Feierabend und kaum einen Sonntag hat. Die Augen fielen ihm zu, wenn das Abendbrot eingenommen war. Dann ging er bald in die Kammer und schlief traumlos.

Der Leib schoß hoch und hager auf, der Schritt wurde vom Gehen in dem schweren Pflugland stark und schwerfällig. Die Muskeln wurden stark von Sehnen. Es machte ihm keine Mühe, den ganzen Tag ohne Ablösung, Furche ab, Furche auf, hinter den vier Pferden herzugehen, den Pflugsterz in den Händen; und es war dem noch nicht Achtzehnjährigen nicht zuwider, wenn er in der Weizenernte statt einer Garbe drei auf die Forke spießte. Seine Schultern wurden breit, wie nach den Seiten hin ausgebaut, und sein Gesicht wurde braun von Sonne und Salzwind. Sein Wesen und Wort hatte jene langsame Bestimmtheit und schwere Beharrlichkeit, welche dem schwerfällig grübelnden Geist eigen ist. Sein Kirchenbesuch wurde seltener, aber an jedem zweiten und dritten Sonntag hielt er in blauem, gutsitzenden Jackanzug, hochaufgerichtet, mit stillem, stolzen Gesicht, seinen Kirchgang.

Die Ereignisse des Herbstes wirkten wohlthätig auf ihn. Er hatte einige Jahre lang gedacht: Fleißig, nüchtern, sparsam, so der Nase nach bis in den Tod: das ist der ganze Witz. Aber die Unterhaltung mit dem Heiligen und das Nachdenken und Vergleichen, das danach folgte, machte, daß er die Augen ein wenig aufriß und noch einmal genauer zusah. Und da entdeckte er, daß die Sache so einfach nicht lag. Es gab noch andere Dinge von Wert, als Ehrbarkeit und Geld. Er wurde ein wenig aufgeschlossener, weicher und milder.

Er gewann eine stille, wortkarge Zuneigung zu etlichen Arbeiterkindern vom Kamp, und saß zuweilen am Sonntagnachmittag mit ihnen am Ufer der Au und schnitzte ihnen 192 Flöten aus Weidenzweig und half den Kleinsten, welche mit ungeschickten Händen aus den Stengeln des Löwenzahns Ketten machten. Im Winter aber bewahrte er Äpfel zu unterst in der Lade im Stroh und lachte; wenn die Kleinen auf ihrem Schulwege am Hof vorüberkamen und husteten oder laut redeten und sich auf jede Weise bemerkbar machten; denn sie wagten nicht, ihn geradewegs mit einer Bitte anzusprechen. Dazu war er ihnen zu ernst und zu lang.

Zuweilen, an Winterabenden, holte er den Littrow hervor, besah die Himmelskarten, die dem Buche angehängt waren, und ging in den sternklaren Abend in den Apfelgarten hinaus und suchte die gezeichneten Sterne und merkte sich ihre Namen. Wenn er aber entdeckte, daß es ihn fortriß, daß er gierig wurde, dies alles und mehr zu erkennen, wenn er merkte, daß die Lust am Lernen ihm wie Wein heiß zu Kopf stieg, dann erschrak er und legte das Buch wieder in die Lade, ganz zu unterst, unter das Stroh, wo die Äpfel lagen.

Die Entdeckungen, die er an Menschen und Ereignissen machte, verschloß und verstaute er, wie ein Schiffer die Ladung unten im dunklen Schiffsraum verstaut. Sie schien nicht vorhanden zu sein. Ohne Bedeutung und zwecklos schien sie; aber sie war nur verborgen. Sie hatte den Besitz seiner Seele bereichert, lag da und war sein Eigentum, und das Fahrzeug ging tiefer und sicherer.

So kam ein Erlebnis nach dem anderen, ein Mensch nach dem anderen. Sie traten an ihn heran und gaben ihm ein Stück neuer Erkenntnis und Erfahrung und gingen wieder davon. 193

 


 

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