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Jörn Uhl

Gustav Frenssen: Jörn Uhl - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleJörn Uhl
authorGustav Frenssen
year1902
firstpub1901
publisherG. Grote'sche Verlagsbuchhandlung
addressBerlin
titleJörn Uhl
pages525
created20160309
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Neuntes Kapitel

Um diese Zeit hatten die Bauernsöhne den sogenannten Jungeleuteball angesetzt, und auch Jörn bekam die übliche Einladung. Wäre sie vor vierzehn Tagen gekommen, so hätte er diese Einladung verständnislos angestarrt und beiseite gelegt. Was sollte er auf einem Balle? Er wäre sich lächerlich vorgekommen. Aber die Erlebnisse dieser letzten acht Tage hatten seine Seele von Grund aufgestört. Diese acht Tage hatten in dem jungen Blut so gearbeitet, als wenn ein Garten, der am Abend noch in stiller Ruhe lag – es rührte sich kein Blatt am Baum, alle Zweige waren voll von dichtem, blankem Laub, und alle Steige waren rein –, aber gegen Mitternacht setzte ein Sturm ein und tobte bis an die Morgenfrühe. Da lag am Morgen alles zerzaust, unrein und verwüstet. Aus Ruhe und Frieden war Not und quälige Unruhe geworden.

Die Brüder lachten und spotteten, als sie hörten, daß er mit zum Balle wollte. Elsbe aber freute sich. »Ich freue mich,« sagte sie, »daß du nun doch auch munter wirst. Du warst so ein recht Langweiliger. Einen guten, neuen Anzug hast du ja! Du kannst zuerst mit mir tanzen, damit 160 du es wagst. Nachher mußt du auch mit Lisbeth tanzen.« Sie nickte ihm zu und tanzte ein wenig zur Probe um den Tisch, und tanzte so lange vor ihm, bis sie gegen die Thür fiel und in die Kniee sank und lachte. Er sah ihr zu und dachte: »Sie ist ein liebliches, kleines Ding, lauter Leben; und immer geradeaus ist sie und wahr und freundlich.« Er ging ganz allein hin, scheu, als ginge er auf schlechtem Wege.

In der Ecke an der Tonbank stellte er sich hin und stand da stundenlang. Viele kannten ihn gar nicht, da er noch nie ein Wirtshaus betreten hatte. Sie waren stutzig und fragten, wer das wäre. Und als sie hörten, es wäre der Jüngste von Klaus Uhl, wunderten sie sich und sagten: »Nun, der soll ja ein Träumer sein.« Einige Mädchen nahmen sich vor, mit ihm zu tanzen. Sie dachten: »Ei, das ist ein schmucker Junge, und was für ernste Augen er macht! Das muß fein aussehen, wenn die lachen.«

Er stand da und fiel von einem Gedanken in den anderen. Bald war er bedrückt und suchte in den Gesichtern derer, die vorübergingen, ob sie ihn auch beobachteten. Und wenn einer ihn mit einem Blick streifte, sah er an sich herunter und fand, daß er eine lange, unbeholfene Figur abgäbe, oder er meinte in den Gesichtern zu lesen, daß sein Verhältnis zur Sanddeern bekannt wäre. Dann wieder sah er stolz darein und dachte: »Wenn ihr wüßtet, daß das schöne, große Mädchen mich geküßt hat.« Er hatte von den Brüdern und von Elsbe manches Urteil über Mädchen gehört; aber er hatte kein Interesse an diesen Unterhaltungen gehabt. Das war seit acht Tagen ganz anders. Er erinnerte sich aller dieser Worte und besah die vorübertanzenden Mädchen und fand sie schmuck oder häßlich.

Eine Zeitlang, wie er so stand und nichts geschah, sah er im Geiste seine Kammer, wie sie sich darstellte, wenn er 161 sie vom Bett aus übersah. Er dachte sich im Bett liegend, mit dem Gefühl, das er so oft gehabt hatte: noch so jung und doch schon so voll Sorgen zu sein und ein so Verständiger. Aber dann sah er wieder die blühenden Mädchen vorübertanzen, sah die schönen Bewegungen und die frischen Gesichter. Nun suchte er Lisbeth mit den Augen und nahm sich vor, sie zu gewinnen.

Und bei dem Gedanken blieb er. Er malte sich aus, wie er sie nach Hause brachte. Dann, unter den verschwiegenen Linden, wollte er sie ebenso anfassen, wie er die Sanddeern angefaßt hatte. Sie sollte nicht so von ihm fortkommen, wie neulich im Baumgarten.

Dann sah er Lisbeth schräg durch den Saal kommen; sie setzte sich zu Elsbe, die ihr entgegengesprungen war. Er sah und sah immer hin. Es war ihm, als wenn er sie noch nie gesehen hätte, so hatten diese wenigen Tage seine Natur verändert. Er verfolgte die blaue Schleife, die sie am weißen Kleide an der linken Schulter trug, während sie durch den Saal tanzte. Er beugte sich vor, um ihre ganze Gestalt zu sehen, und immer heißer wurde der Wunsch, sie diesen Abend an sich zu reißen. Es hielt ihn aber etwas zurück, ein Gefühl, er dürfe es nicht wagen, ihr so zu nahen, und er konnte den Mut nicht gewinnen, sie zum Tanz zu bitten.

Einige Paare gingen schon an ihm vorüber, um in den vorderen Zimmern gemeinschaftlich Wein zu trinken. Sie grüßten und neckten sich und beredeten, in welchem Zimmer sie sitzen wollten, faßten sich an den Händen und gingen vorüber.

Da kam auch Elsbe daher, ließ die Hand eines jungen Landmanns los und kam auf ihn zu. Ihr junges Gesicht war von Freude verklärt, ihr schweres, dunkles Haar war aufs Kleid heruntergesunken, ihre volle, kleine Gestalt war 162 in Tanzen und Wiegen. »Du, Harro Heinsen ist nicht da; er hat keinen Urlaub bekommen können! Ich geh' mit Hans Jarren, er ist fast noch ein Junge; aber das macht nichts. Wir wollen eine Flasche Wein trinken. Geh' doch hin und hol' dir Lisbeth und komm' zu uns.«

Er that trotzig und sagte: »Ich mag nicht tanzen.«

»Du hast bloß keinen Mut, mein Jung'! Trink ein paar Glas Punsch: dann wird es besser.«

Weg war sie. Da forderte er sich richtig ein Glas Punsch, und noch eins und wieder eins; und als er vier Gläser von dem schweren Getränk genommen hatte, da hatte er den Mut und ging auf Lisbeth zu.

Sie hatte noch nicht viel getanzt. Da sie nämlich eine so anmutige, zierliche Haltung hatte und so wenig und ruhig mit hoher, feiner Stimme zu sprechen pflegte, wobei sie den, mit dem sie sprach, mit sonderbar erstaunten Augen ansah, so hielten sich die meisten von ihr zurück, wußten auch nicht, was sie mit ihr reden sollten. Ihr Haar war sehr hell und lag, glatt und blank wie rohe Seide, um den zierlichen Kopf. Ihr Kleid war frisch und zart wie weiße Blüten und schien, wie ihr Gesicht, den Schmelz von Blüten zu haben. Sie sah so unberührt aus, so fein und frisch, wie ein sonniger, stiller Sonntagmorgen, wenn man keine Sorgen hat.

Er paßte nicht zu ihr. Vor acht Tagen paßte er zu ihr, trotz seiner Ungelenkheit. Aber jetzt gehörte er nicht mehr neben sie.

Als er zum Tanzen ansetzte und es ihm nicht gleich gelingen wollte, den Takt zu finden, sah er sie mit Auflachen an, und als sie unsicher fragte: »Was hast du?« da sagte er herausfordernd: »Es hat ja gar keinen Zweck, daß wir tanzen. Es ist ein albernes 163 Umeinanderherumspringen. Laß uns zu den anderen gehen und Wein trinken: das mußt du auch lernen.«

Da erschrak sie vor ihm und trat von ihm ab und sagte: »Das thu' ich nie.«

»Ach, sei nicht so sipp!« Er versuchte, sie am Arm mit sich fort zu ziehen; aber da riß sie sich mit ängstlichen Augen los.

»Na, denn bleib hier,« sagte er, »du dumme Deern!«

Das sahen und hörten einige und lachten.

Da ließ er sie stehen, und ging an die Tonbank zurück und setzte sich wieder hin und trank, und wühlte sich in einen verbissenen Trotz hinein und sah mit verächtlicher Miene um sich.

Einige, die von Natur dem weiblichen Geschlechte abgeneigt waren, und die andere Leidenschaft, die des Trunkes, hatten, und andere, die gleich ihm Absage bekamen, setzten sich zu ihm; und bald gab es ein wildes Reden und Singen um ihn her. Er saß still unter ihnen und sah finster vor sich hin; dann lachte er wieder spöttisch bei sich selbst und trank viel.

Sein Bruder Hans, der schon betrunken war und nur in diesem Zustande der Wahrheit ehrlich ins Gesicht sah – nüchtern war er ein großer Prahler und Selbstbetrüger –, der kam herzu, warf sich neben ihn auf einen Stuhl und fing laut an zu weinen. »Ich dachte, du würdest ein nüchterner und ehrbarer Mensch bleiben. Ich bin immer stolz auf dich gewesen, obgleich ich that, als wenn ich dich verachtete. Aber nun sehe ich, daß du ein Lump bist, wie ich und die anderen Brüder und wie unser Vater.«

Da fuhr der Junge auf, als hätte er hinterm Zaun gelegen und auf das Wort »Lump« gewartet. Er schlug auf den Tisch, lärmte, trank und schrie, und war der 164 Schlimmste am Tisch und sagte: »Alle Uhlen sind Lumpen. Es hat gar keinen Zweck, dagegen anzugehen. Der Sohn von Klaus Uhl muß ein Trinker werden.« Er lärmte und schlug auf den Tisch und rief laut: »Wer kann über die Uhlen?« und versuchte, ein Trinklied mitzusingen, das angestimmt wurde. Er kannte aber weder Text noch Ton.

Einige Verständige, die gerade vorüberkamen, wurden auf den Lärm aufmerksam, und einer sagte: »Ist das nicht Jörn Uhl? Bisher war er eine Stalljacke und konnte nicht bis drei zählen, und nun ist er der Schlimmste von allen Uhlen.« Aber da war einer, Otto Lindemann – das ist der, welcher nachher auch mit bei Gravelotte war; er ist jetzt schon lange Amtsvorsteher und sitzt seit Jahren im Landtag –, der war damals schon ein guter Menschenkenner und hatte ein starkes Interesse an dem, was seine Augen sahen. Der schlug dem Wilden auf die Schulter und sagte: »Nein, Jörn Uhl, du magst noch so laut schreien: du hast doch kein Talent zum Lumpen. Es kommt alles unnatürlich heraus. Du wirst noch 'mal ein tüchtiger Kerl, Jörn Uhl!« Und er schüttelte ihn, daß die Gläser vom Tische tanzten.

Gegen Morgen taumelte er nach Haus und schlief bis an den Mittag.

Da kam Wieten in seine Kammer, trat an sein Bett und sah ihn mit großem Kummer an und sagte mit traurigem Kopfschütteln: »Deinetwegen und wegen Elsbe bin ich hier im Hause geblieben. Um Elsbe ist mir immer bange gewesen: aber auf dich hatte ich große Hoffnung gesetzt.« Sie setzte sich auf den Bettrand und fing an zu weinen. »Ich habe kein Glück in der ganzen Welt. Als ich fast noch ein Kind war, habe ich das ganze Hans zu Grunde gehen sehen, in dem ich damals lebte. Da konnte 165 ich wohl hoffen, ich hätte genug Leid gesehn und getragen für mein ganzes Leben. Aber nun ich grau werde, muß ich so durch lauter Leid und Unruhe waten, und muß ein Mensch werden, der gar keine Hoffnung hat. Ich werde mit leeren Händen aus der Welt gehen. Ich werde Gott meine leeren Hände hinhalten und werde sagen müssen: Lieber Gott, alles, was ich lieb hatte, ist mir unterwegs verloren gegangen und in den Schmutz gefallen.« So klagte sie und rang die Hände im Schoße und weinte bitterlich.

Er hörte es mit geschlossenen Augen an, und sie ging wieder hinaus.

Er blieb bis gegen den Abend im Bett, die Augen immer geschlossen: so sehr schämte er sich vor seiner Kammer. Erst als es dunkel wurde, stand er auf und ging hin und her.

Als es Nacht war, schlich er sich hinaus und lief nach Ringelshörn, nach dem Hause an der Sandkuhle, stellte sich unter das Fenster und rief ihren Namen. Als es lange still blieb, kam der ganze Jammer, den er bisher noch mit Trotz und Scham gebunden hatte, so jäh zum Ausbruch, daß er wie ein Junge weinte, der geschlagen wird. Da stand sie auf und öffnete das Fenster, und klagte sich mit harten Worten an: »Ich habe schon gehört, wie du es gestern abend getrieben hast. Ich bin ein Unglücksmensch. Alles, was ich berühre, wird unglücklich, darum will ich weg von hier. Ich habe mein Haus mit allem, was darin ist, heute verkauft und gehe morgen in der Frühe über alle Berge und komme niemals wieder.«

»O du, dann nimm mich mit! Ich kann nicht wieder nach Hause gehen; ich kann nicht. Ich kann mich niemals wieder vor den Leuten sehen lassen. Ich gehe ins Wasser, oder du nimmst mich mit.«

166 Sie redete ihm gut zu und bat ihn viel: er wäre noch jung; was geschehen wäre, würde bald vergessen werden. Er solle sich wundern, wie bald die Wunde vernarbe, die man empfange, wenn man so jung wäre. Er müsse gerade denen, die ihn so laut und so betrunken gesehen hätten, zeigen, was an ihm wäre; es wäre wohl Elend genug, daß sie die Heimat verlassen müßte. Aber er blieb dabei, er höre schon das Lachen seines Vaters und den Hohn seiner Brüder, und Wieten verachte ihn, und alle Menschen sagten: Klaus Uhl ginge mitsamt seinen Kindern zu Grunde, und er, der Jüngste, wäre der Schlimmste. Darum, um sich aus all dem Elend zu reißen und zu retten, wolle er es machen, wie Fiete Krey es gemacht hätte. Über alle Berge wolle er.

Sie tröstete ihn mit allerlei verständigen Erwägungen, besonders mit ihrem eigenen Unglück, das er unerträglich machen würde, wenn er sich ein Leid anthäte oder ihretwegen aus der Heimat ginge. Als er aber dabei blieb, daß er mit ihr gehen wolle, gab sie soweit nach, daß sie ihm erlaubte, morgen in aller Frühe, ehe der Tag graute, oben auf Ringelshörn ihrer zu warten. »Bis zur Heese will ich dich mitnehmen, dann sollst du wieder umkehren.«

Es war eine traurige Nacht. Sowohl für die, welche im Scheine der kleinen Handlampe im Hause hin und her ging und die wenigen Sachen zusammenpackte, die man ihr nachschicken sollte, und die zuweilen verwirrt stillstand und dann kopfschüttelnd wieder an die Arbeit ging, während ihr schwere Thränen über die Wangen liefen. Aber auch für den Jungen, der seinen Sonntagsanzug anlegte und seine Arbeitskleider in ein Tuch packte, und dann stumm am nachtdunklen Fenster saß und die Bedeutung dieser Stunden nicht erfassen konnte, der bald mit stolzem Lächeln hohe Pläne aufbaute und bald Neigung hatte, in Wieten Klooks 167 Stube zu gehen und ihr zu sagen, was er vorhatte, und an ihrem Bett sich auszuweinen und aus ihrem Munde zu hören: »Bleibe hier, mein Junge. Es kann noch alles wieder gut werden.«

Als der Morgen grauen wollte, ging er aus der Hinterthür über die Fohlenweide auf die Heide hinauf und wartete auf einem Stein am Wege, bis sie kam. Sie kam mit festem, frischem Gang, den sie immer hatte, und ihre Augen waren blank und voll verhaltener Fröhlichkeit.

»So!« sagte sie, »das andere habe ich alles überstanden. Hinter mir liegt es.« Sie deutete nach der Gegend zurück, wo am Ende der Heide das Haus ihres Geliebten lag. »Nun kommst du noch; und mit dir werde ich leichter fertig. Ich will dich aber nicht gleich wegschicken; ich will mich noch eine Weile an dir freuen.« Das sagte sie so sicher und mit so heiterer Ruhe, daß er nicht zu widersprechen wagte. Er blieb aber im Herzen dabei, mit ihr zu gehen, und ginge es um die ganze Erde.

Er hatte bisher nichts, das er verehren konnte. Die Religion ihm nahe zu bringen, hatte man nicht verstanden. Die lebensfrische, liebliche und stolze Gestalt des Heilands hatten sie ihm verdorben und vermalt. Eine Mutter hatte er nicht. So war der frische, warmherzige Junge ohne eine Liebe. Wenn der Mensch aber einen regen Geist hat, sucht er ein Ideal, wie einer, der ein gutes Gewehr in der Hand hat und gerne schießt, sich ein Ziel sucht. Da kam dies Mädchen, das alles hatte, was seinem Alter begehrenswert erschien, Mut vor allem und sicheres Urteil, sittliche Reinheit und eine große Güte. Dazu kam der geheimnisvolle, dunkle Zauber, den das Weib in seiner vollen Blüte auf das Jünglingsalter ausübt, ein Gefühl, das sowohl etwas von Anbetung wie von erster, gesunder Sinnlichkeit hat.

168 Sie sprach wieder gütig mit ihm wie am Abend vorher, wobei sie ihn oft ansah und ihm zunickte: »Es ist mir ganz recht, daß du noch bis zum Walde mit mir gehst, daß ich dich noch so lange ansehen kann . . . Du wirst ein schmucker und tüchtiger Mann werden, Jörn, das sollst du sehen. Fürchte nicht, daß du auf die schlechten Wege deiner Brüder kommst.

»Du hast so feste Lippen und so tiefe, ernste Augen, und schlank und stark bist du schon jetzt. Wenn ich dich ansehe, sehe ich dich immer als Mann. Es ist schade: wenn du fünf Jahre älter wärst, dann würde ich sagen: ›Komm mit;‹ aber nun geht es nicht. Denn wenn du jetzt mit mir gingst und kämst nachher in die Mannesjahre und hättest männliche Gedanken, dann würde ich etwas Mütterliches für dich haben und du würdest ungern neben mir gehen. Wahrscheinlich würdest du sogar denken: Die ist eine Schlaue gewesen damals bei Ringelshörn, daß sie mich mitnahm: sie hat möglichst lange einen jungen Mann haben wollen. Beides ist gleich schrecklich. Aber das alles verstehst du jetzt nicht; du wirst es mir aber glauben; denn du hast mich lieb und weißt, daß ich die Wahrheit sage.«

Die Heese lag noch schwarz unter dem dunkelgrauen, lichtlosen Himmel, aber allmählich wurden die Wolken von fernen, verborgenen Feuern blaßrot. Und wie sie noch unter solchen Gesprächen weitergingen, schoben sich mächtige, goldene Radspeichen überm Wald hinauf, die bis oben an den Himmel reichten. Und bald schob es seine rotglühende Achse über den Waldweg.

»Was die Leute über mich reden und reden werden, das sollst du nie und nimmer glauben. Ich bin so rein wie du bist. Wenn wir bei einander blieben, würde ich in deinen Augen sinken und kleiner werden. Wenn ich aber fortgehe 169 und du nichts wieder von mir hörst, wirst du mich in gutem Andenken behalten, ja, du wirst mich höher stellen als ich bin. Ich werde dir schöner und reiner erscheinen, und du wirst stolz sein und stark deswegen, weil du eine so feine Freundin hattest, als du noch so jung warst.

»Du mußt nicht glauben, daß das, was du in den letzten Tagen erlebt hast, verderblich für dich ist. Wir bleiben nun einmal nicht ohne Schuld. Es scheint, das soll nicht sein. Das Schicksal ruht nicht eher, als bis es uns schuldig gemacht hat. Darauf kommt es an, daß du trotz der Schuld den Glauben an das Gute festhältst und Liebe und Treue nicht aufgiebst. Schuldig sein und den Kampf um das Gute aufgeben, das ist Tod. Schuldig sein und doch für das Gute streiten, das ist rechtes Menschenleben. Du bist stark inwendig, darum habe ich dich lieb. Was du in diesen Tagen erlebt hast, das ist für dich nichts anderes, als ein Sturm für einen guten, jungen Baum. Der Sturm wird noch einige Wochen über dich hinwehen; du wirst dich unglücklich fühlen und unruhig, und die Menschen werden dich auslachen. Dann wird es vorüber sein, und dann wirst du merken, daß du stärker geworden bist und fester stehst und weiter sehen kannst.«

So sagte sie, in ruhiger Sicherheit, während sie frisch und wie sorglos fröhlich neben ihm herging. Sie sahen sich an beim Gehen, und ihr Haar, das hell wie seins war, war rot vom Widerglanz des Himmelsfeuers. Er meinte, daß er nie wieder solch hohe Stunde erleben würde, so voll Leid und so voll Freude; denn er wußte nun auch, daß geschieden sein müßte. Unter ihren ernsten, festen Worten war ihm der innere Wert und die innere Notwendigkeit des bitteren Scheidens aufgegangen.

Sie zeigte nach der Sonne, die mit großen, grauen, 170 zerrissenen Wolken einen stillen, heißen Kampf führte. »Siehst du? da steht es wie ein großes, graues Haus. Aber darin glüht es; und das Feuer fliegt aus Fenstern und Thüren. Der Meister schmiedet dadrinnen; das glühende Eisen liegt breit und dick auf dem Amboß. Ich bin nicht bange um dich. Es wird uns wohl noch irgendwo ein Glück beschieden sein . . .

»Nun geh'! Geh' rasch, daß wir uns nicht quälen.«

Er stand mit zuckendem Munde vor ihr und sah sie an.

»Es ist nicht leicht, Junge! Komm her!« Sie küßte ihn herzlich und stürmisch. »Werd' ein tüchtiger Mann!« Sie sah ihn noch einmal von oben bis unten an. Ihre Augen waren heiter. »Um dich bin ich nicht bange.« Dann ging sie mit leichten Schritten, als ginge sie zu einem Feste, den Waldsteig hinunter und verschwand am ersten Haselbusch.

Er stand noch eine Weile mit angehaltenem Atem und nassen Augen; dann ging er mit langen Schritten davon. Er fand das Kleiderbündel an der Hecke, wohin er es vorhin gelegt hatte, und zog im Schutz des Walles das Arbeitszeug an. Dann lief er in langen Sätzen quer über die Heide, sprang den Abhang hinunter und holte Pferde von der Weide. Im raschen Trabe kam er auf die Hofstelle geritten, ging nicht erst ins Haus hinein, schirrte die Pferde an und arbeitete den ganzen Tag draußen auf dem Felde.

Aber so leichten Kaufes kam er nicht davon.

Am anderen Tage sahen ihn die Brüder, höhnten und spotteten, daß er so feige gegen die dumme »Schulmeisters Deern« gewesen wäre, und daß er sich nachher wie ein Wilder benommen hätte.

Am Nachmittage, als er zum Pferdewechsel auf die Hofstelle ritt, hatten sie alles erfahren. Sie sagten ihm, er hätte sich und seine ganze Familie mit der Sanddeern 171 unsterblich blamiert. Es wäre besser gewesen, wenn er mit ihr auf und davon gegangen wäre. Das ganze Dorf wäre toll und voll von dieser unglaublichen Geschichte. Er wäre fünf Nächte bei ihr gewesen, bei diesem Frauenzimmer. Sie könnten sich seinetwegen im Dorfe nicht sehen lassen; er selbst aber wäre für alle Zeit, und rund umher, fertig und verloren.

Und als er abends, um den Augen der Hausgenossen zu entgehen, einen einsamen Gang durchs Feld machte, tauchte in einem Graben am Feldwege ein roter Kopf auf, und August Krey, der für seine Ziege Gras schnitt, nickte ihm zu und sagte: »Du, Jörn, ich soll dir von Vater sagen: Der eine, soll ich dir sagen, habe seine Not mit den Weibern, der andere mit dem Gelde. Und er glaube nicht, daß du das bessere Teil erwählt hättest. Das soll ich dir sagen, Jörn.«

In der Nacht hatte er einen seltsamen Traum: Er saß wieder am Stein an der Landstraße auf der Heide, auf dem er gestern morgen gesessen hatte. Da kamen drei Leute des Weges. Der in der Mitte war ein alter, würdiger Mann, und die links und rechts waren seine Kinder, ein junger Mann und ein junges Mädchen. Das Mädchen war die, mit der er gestern gegangen war; den jungen Mann hatte er noch nie gesehen. Er sah aus wie ein kriegerischer Landmann, hatte einen starken, freien Gang, war von edler Schönheit, und in seinen Augen lag Mut und Güte, wie er denn überhaupt seiner Schwester, die an der anderen Seite ging, sehr ähnlich war.

Als die drei an ihm vorübergingen, blieben sie stehen und sprachen über ihn, wie man in Gegenwart eines Schlafenden spricht. Das Mädchen sagte: »Soll ich ihn wecken, daß er mit mir geht?« Der alte Mann sah mit einem seltsam tiefen Blick in seine Brust und sagte: »Du 172 kannst bis an den Waldrand mit ihm gehen. Zeige ihm die Sterne, wie sie reisen, und wie die Sonne aufgeht und was das für Vögel sind, die im Haselbusch sitzen.« Der junge Mann sagte: »Wenn es dir recht ist, möchte ich auch mit ihm gehen: er ist ja mein Bruder.« »Noch nicht,« sagte der alte Mann. »Wenn er in den Wald hineinkommt, dann wird es dunkel, dann kannst du mit ihm gehen. Sorgt dafür, Kinder, daß er gut nach Hause kommt; er hat seinen besten Anzug an.« Das Mädchen sagte: »Sollen wir Lisbeth holen? Er hat sie sehr lieb.« »Noch nicht,« sagte der alte Mann, »er kann noch nicht ordentlich pflügen.« Der Sohn sagte: »Sollen wir den Vater mitnehmen?« »Noch nicht,« sagte der alte Mann, »er soll ihn noch eine Strecke tragen. Er soll erst 'mal so langsam vor sich hingehen, ganz allein, und immer schaufeln, bis er den Wagen voll hat.«

Er hörte dies alles, wie einer, der aus dem Schlafe kommt und noch nicht ganz bei der Sache ist. Der alte Mann ging fort, er hörte deutlich die Schritte auf der Straße. Die beiden Jungen blieben bei ihm am Steine stehen. Er vergaß sie aber; denn auf einmal hörte er Wietens Stimme, die sagte: »Ich hätte es doch nicht für möglich gehalten, daß der liebe Gott so am hellen Tage auf dem Wentorfer Heidewege geht. Er sieht aus wie ein Dithmarscher Bauer; man erkennt ihn aber gleich am Gange.«

Da meinte er, er könnte ruhig wieder einschlafen, und das that er.

Er schlief, bis Wieten ihn weckte und zu ihm sagte: »Jörn, wenn du die Brache heute fertig pflügen willst, mußt du aufstehen, mein Junge. Die Sonne steht schon hinter Ringelshörn.« 173

 


 

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