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Josephine Siebe: Joli - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleJoli
publisherVerlag von Levy & Müller
illustratorPaul Leuteritz
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140605
projectid64542dc7
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Sechstes Kapitel.

In der neuen Heimat.

»Nun sind wir im richtigen, echten Urwald,« sagte Lieselinchen, als sie an diesem schönen Tage in Bubenhöslein an des Bruders Seite einhertrabte. Dietrich schaute sich mit blitzenden Augen um. Es gab aber auch so viel, so viel zu sehen und zu hören hier in dem wunderbaren Wald, durch den ihr Weg sie führte. Einmal lockte ihn ein riesengroßer Schmetterling, dem er am liebsten nachgelaufen wäre, dann ein bunter Vogel oder noch nie gesehene Blumen.

Aber jedesmal, wenn er verweilen wollte, drängte der Führer, Herr Johnson: »Vorwärts, vorwärts, damit wir bei guter Zeit an Ort und Stelle sind.«

Seit Tagesanbruch marschierten die Wanderer durch den Urwald der neuen Heimat zu. Nach einer langen Seereise, auf der es keinen Sturm und kein Unwetter gegeben hatte, war die Familie Hesse in Brasilien gelandet, gerade zur Frühlingszeit, in der ein neues Blühen begann, während daheim im alten Vaterland schon der Herbst eingezogen war. Eine mehrtägige Landreise hatte die Auswanderer nach einer großen deutschen Ansiedlung geführt. Hier sollte die Mutter mit den Kindern einstweilen bleiben, der Vater wollte mit Fabian einen Teil des Gepäcks in den Urwald schaffen und dort die ersten Ansiedlungsarbeiten tun. Der Onkel Kapitän hatte die Familie an einen Herrn Johnson gewiesen, dem gehörte das Nachbarland.

.

Herr Johnson war gern allen neuen Ansiedlern ein tatkräftiger Freund, er nahm sich auch der neuen Nachbarn hilfreich an. Er sorgte dafür, daß Frau Hesse in dem kleinen Ort ein gutes Unterkommen fand, und er selbst geleitete die Fremden auf dem kürzesten Wege nach der neuen Heimat. Er hatte auch, zu der Mutter Beruhigung, erzählt, daß auf dem Hesseland am Rand des Urwaldes schon ein kleines Haus erbaut sei. Vor länger als einem Jahr wären Ansiedler gekommen und hätten von dem Land, dessen Besitzer fern waren, einfach Besitz ergriffen; nachher wären sie aber doch fortgezogen. Nun stand das Häuschen unbewohnt da; es mochte schon etwas verfallen sein, immerhin würde es für die erste Zeit Schutz bieten. Daß das Haus da war, war allen lieb, das Einrichten würde schneller gehen, und die Mutter konnte bald mit den Kleinen nachkommen. Nur Dietrich ärgerte sich ein bissel über das Haus. »Robinson fand auch keins vor,« sagte er zur Schwester.

Doch diesmal stimmte ihm Lieselinchen nicht zu: sie freue sich auf das Haus, gewiß war es ein reizendes, gemütliches Häuschen; und während sie durch den Urwald ging, träumte sie von der neuen Wohnung. Dietrich und Lieselinchen hatten eigentlich auch bei der Mutter bleiben sollen, aber auf Herrn Johnsons Zureden, der meinte, sie könnten schon tüchtig mit bei der Hauseinrichtung helfen, hatte der Vater sie mitgenommen. Nun trug Lieselinchen Bubenhöslein und marschierte tapfer mit auf Wegen, die eigentlich keine Wege waren.

»Schade, daß Joli noch nicht mit ist,« sagten Bruder und Schwester zueinander, als sie an der Lianenlaube der Affenurgroßmutter Itohu vorübergekommen waren.

»Den hättet ihr auch in Deutschland lassen können, von der Sorte gibt es hier genug!« rief Herr Johnson lachend. »Seht, da sitzt gleich wieder einer, und ein alter, würdiger Herr ist es sogar.«

Neugierig schauten die Kinder hin; sie ahnten freilich nicht, daß sie vor dem Schulbaum standen und Herrn Rosso, den Lehrer, in höchsteigner Person sitzen sahen. Der rührte sich nicht. Itohus Ruf: »Sie kommen als Freunde,« war auch zu ihm gedrungen. Forschend schaute er nun die Fremden an, namentlich Dietrich und Lieselinchen.

»Er sieht uns an, als möchte er mit uns reden,« flüsterte Lieselinchen dem Bruder zu.

Der nickte. »Er hat so kluge Augen, er gefällt mir,« tuschelte der zurück.

»Geht nicht zu nahe, Affen sind heimtückisch,« warnte Herr Johnson.

Hui! blitzten da des Affenlehrers dunkle Augen auf, gerade als wollte er sagen: »Was redest du, Mensch, du kennst mich ja nicht!«

Die Kinder fürchteten sich nicht, und Lieselinchen nahm rasch aus dem bescheidenen Reisevorrat ein Stücklein Schokolade und hielt die Herrn Rosso hin. »Er lacht!« jubelte sie vergnügt, und wirklich lächelte der würdige Herr ein wenig über die Einfalt des Mädelchens. Er stieg aber doch langsam von seinem Ast herunter und nahm das dargebotene Geschenk ganz sacht aus Lieselinchens Hand. Dabei schauten seine Augen sehr forschend das blonde, zierliche Kind an. Würde es nicht schreien und davonlaufen?

Aber Lieselinchen hatte keine Furcht, und Dietrich nahm noch rasch eine schöne Frucht und reichte die auch Herrn Rosso. Der nickte dankend, nahm beides und stieg wieder auf seinen Ast zurück. Die Kinder ahnten nicht, daß sie sich einen sehr guten Freund gewonnen hatten.

Weiter ging es. Die Männer trugen schwer an den Lasten, am schwersten Fabian.

»Was ist nur in dem Paket, das du noch trägst?« fragte Lieselinchen immer wieder.

Jedesmal knurrte Fabian nur: »Wirst schon sehen.«

Es gab Stellen, wo das Dickicht so unentwirrbar war, daß die Männer kräftig die Axt schwingen mußten, ehe der Weg fortgesetzt werden konnte. Der Fluß wendete sich jetzt nach rechts; hier wurden seine Ufer breiter, und der Wald trat mehr zurück. Ein Stück freies Land kam. Der Wald bildete nach der freien Seite wieder eine dichte, grüne Wand, die schon jetzt mit Hunderten von Blüten überzogen war. Still und friedlich lag der Erdenwinkel zwischen Wald und Fluß, und jenseits des Flußes zogen sich mäßig hohe Berge hin. Das Stück Land trug schon die Spuren von Menschenarbeit, ein angefangener Zaun, ein paar gefällte Bäume, da und dort etwas Anpflanzungen. Herr Johnson sagte hier fröhlich: »Das ist schon Hesseland. Wir sind am Ziel.«

»Das ist das Haus?« schrie Dietrich, und erstaunt folgte Lieselinchen den Blicken des Bruders. Sie hatten gedacht, ein hübsches, kleines Haus mit rotem Dach und grünen Fensterläden zu finden, aber da stand ja nur ein etwas windschiefes, plumpes Holzhäuschen, das gar nicht sehr einladend aussah. Herr Johnson sah die Enttäuschung und sagte tröstend: »Sei froh, Mädel, daß du überhaupt eine Hütte findest. Als ich zuerst hierherkam, habe ich lange unter freiem Himmel geschlafen, und einmal hat es so geregnet, daß ich am Morgen in einem richtigen Tümpel lag. Ich baute mir dann eine Hütte aus sogenannten Palmiten und kam mir wie ein König vor, der ein neues Schloß hat, als ich da hineinziehen konnte. Dabei waren die Wände so dünn, daß man erst gar keine Fenster brauchte, man fuhr einfach mit dem Kopf durch die Wand, wenn man Luft schnappen wollte.«

»Das Haus ist sein, 'ne Villa kann's ja nicht sein,« brummte Fabian, der mit der neuen Wohnung zufrieden war. »Laßt mich nur machen.« Was, sagte er nicht, er grinste nur höchst geheimnisvoll.

»Es soll bei uns auch bald gemütlich werden,« sagte der Vater und stieß die halb offene Türe auf. Alle traten neugierig und erwartungsvoll in einen nur matt erhellten großen Raum. In diesem Augenblick erhob sich drinnen ein fürchterlicher Lärm. Surrrrr ging es los. Es raschelte, kreischte, huschte, fauchte, schrie und lief wild durcheinander. Aus jedem Winkel kam etwas hervorgestürzt. In einer Ecke glühten ein paar helle Augen, ein großer Vogel flatterte Lieselinchen an den Kopf, ein ganz merkwürdiges Tier rannte zwischen Dietrichs Beinen hindurch, und der lange Fabian rieb sich die Nase, an die etwas rangeflogen war, und brummte sehr erstaunt: »Nanu, das nenne ich unverschämt.«

Herr Johnson lachte: »So was kommt im Urwald vor. Na, ein tüchtiger Rauch soll das Gesindel bald verjagen!«

Unter seiner Anleitung wurde nun Holz zusammengetragen und in dem Haus ein Feuer angezündet. Darauf wurden Erdstücke und ein paar Arme voll Kräuter gelegt, die er selber pflückte. Ein schwelender, scharf riechender Qualm erfüllte bald alle Räume, und husch kamen aus allen Ecken und Winkeln Vögel und kleine Vierfüßler heraus, seltsames Getier, das die Kinder noch nie gesehen hatten.

An einen Einzug in das Haus war an diesem Tage natürlich nicht zu denken. Da und dort mußte ausgebessert werden, man mußte erst lüften und reinigen. Es blieb nichts anderes übrig, als ein Zelt zum Schutze für die Nacht herzustellen. Herr Johnson drängte zur Eile, er selbst hieb junge Bäume ab, und mit Hilfe von einigen mitgebrachten Segeltüchern wurde schnell ein Zelt errichtet. Dann wurde ein Feuer angezündet, ein schnelles Mahl bereitet und noch Holz herzugetragen, damit das Feuer in der Nacht weiterbrennen konnte.

Die Kinder wunderten sich über die Eile, es war doch noch sonnenheller Tag. Aber dann kam die Nacht so merkwürdig geschwind angelaufen, daß es im Umsehen dunkel wurde. Sie fühlten nun auch, daß sie müde waren, und Herr Johnson meinte: »Jetzt marsch ins Zelt, und schließt eure Ohren!«

Die Kinder kicherten, beim Schlafen pflegte man doch besser die Augen zu schließen, und Lieselinchen flüsterte: »Herr Johnson ist so spaßig.«

»Ich komme mir vor wie Robinson,« sagte Dietrich stolz und kuschelte sich vergnügt in seine Decke.

»Fein ist's,« plauderte Lieselinchen, »so was hab' ich mir gewünscht.« Das Zeltwohnen erschien ihr sehr lustig, etwas bänglich meinte sie nur: »Hoffentlich kommt kein Tiger oder so etwas!«

»Unsinn!« brummte Fabian, der die erste Wache am Feuer übernommen hatte. In diesem Augenblick aber ertönte ein langgezogenes Brüllen, dem ein kreischendes Angstgeschrei folgte. Und jäh wurden Hunderte von Stimmen laut. Ein so wilder Lärm erhob sich im Walde, daß nicht die Kinder allein, sondern auch der Vater und Fabian erschrocken aufsprangen. Nur Herr Johnson streckte und dehnte sich behaglich auf seinem Lager. »Urwaldmusik,« sagte er ruhig, »daran gewöhnt man sich. Jetzt streitet und bekämpft sich das Waldgesindel untereinander.«

»Pfui, wie gräßlich,« rief Lieselinchen und kroch zitternd unter ihre Decke. Sie ergriff angstvoll Dietrichs Hand, ihr Herz schlug laut und bang, und auch dem Buben wurde der Wald immer unheimlicher. Schauerlich ertönte das Gebrüll, einmal näher, einmal ferner, und unwillkürlich dachten die Auswanderer an die stillen, friedsamen Nächte in der alten Heimat. Da hatten höchstens einmal die Hunde gebellt oder im nahen Tümpel die Frösche gequakt, da war ihnen schon der Schrei eines Käuzchens unheimlich gewesen.

»Sie kommen gewiß alle und fressen uns,« schluchzte Lieselinchen und rollte sich wie ein Igel zusammen. Doch plötzlich schrie sie laut auf, etwas Warmes fuhr ihr über das Gesicht. Es war Fabian, der mit seiner großen Hand die Kleine streichelte und tröstend sagte: »Wer dich fressen will, den fresse ich zuerst.«

Da mußten die Kinder doch in aller Angst lachen, wenn sie sich Fabian als Raubtierfresser vorstellten. Das Lachen dämpfte ein wenig die Angst, aber trotzdem schliefen sie nicht ein. Auch Herr Hesse und Fabian lagen wach, nur Herr Johnson schnarchte behaglich. Für ihn hatte der Urwald schon längst seine Schrecken verloren.

Gegen Morgen wurde es endlich stiller, da schwiegen die Raubtiere und Affen, nur die Vögel, namentlich die Papageien, schwatzten lustig in den jungen Tag hinein.

Ein wenig kleinlaut und niedergedrückt saßen die Kinder beim Frühmahl. Es war ebenso sonnenhell und warm wie am Tage vorher, aber heute kam ihnen der Urwald gar nicht mehr so lockend vor.

. Zum Nachdenken und Heimweh hatten sie aber keine Zeit; es galt tüchtig zufassen. Herr Johnsohn schied bald von seinen Schützlingen, um nach seinem drei Stunden flußabwärts gelegenen Haus zurückzukehren. Von dort aus wollte er ihnen allerhand nötige Sachen senden; er versprach auch, in einigen Wochen zu kommen, um die Mutter, Lina und die Kleinen nach der neuen Heimat zu holen. Bis dahin mußte das Haus ausgebessert und ein Garten eingezäunt werden, denn die Mutter sollte es wohnlich finden. Da galt es freilich, sich rühren und nicht mutlos in den Tag hinein träumen. Die Kinder mußten mitarbeiten, und das war schwerere Arbeit, als das Obst auflesen daheim. Bald hallten Axtschläge durch den Wald, und Dietrich und Lieselinchen gruben Löcher, in die die Zaunpfähle eingerammt werden sollten. Fabian wirtschaftete aber förmlich wild innen im Hause herum. Er räucherte und säuberte, suchte alle Ecken und Winkel ab, hobelte, hämmerte und füllte Löcher und Ritzen aus. Am vierten Tag war es, da entströmte dem Hause ein seltsamer Duft. Erstaunt ließ Herr Hesse seine Axt sinken. Was war denn das? Die Kinder schnupperten wie ein paar Mäuse, und Dietrich rief endlich: »Das riecht nach Farbe!«

Der Vater schüttelte den Kopf, aber auch er ließ seine Arbeit im Stich und eilte mit den Kindern in den Raum, in dem Fabian arbeitete.

Ein dreifacher Ruf des Erstaunens ertönte. Da stand Fabian mit einem großen Malerpinsel in der Hand und strich die ziemlich roh behauenen Holzwände himmelblau an. Auf dem Boden aber stand ein großer Farbentopf; es war das geheimnisvolle Gepäckstück gewesen, das Fabian so mühsam durch den Urwald geschleppt hatte.

»Die Frau muß doch ihre blaue Stube haben,« brüllte Fabian und fuhr wild mit dem Pinsel Wand auf, Wand ab.

Das Lieblingszimmer im abgebrannten Gärtnerhaus hatte eine altmodische blaue Tapete gehabt. Um es nun der Familie heimisch im fremden Land zu machen, hatte der treue Fabian eine große Büchse Farbe mit in den Urwald geschleppt.

»Wenn's nur reicht,« ächzte er, und klatsch! bekam der Fußboden einen großen Fleck.

Lieselinchen schaute ganz andächtig drein. »Wie schön, oh wie wunderschön, Fabian!«

»Hm, gelt ja?« brummelte der. Immer wieder strich er die Wand entlang, immer himmelblauer wurde es im Haus und immer gemütlicher. Mit der himmelblauen Farbe schien alle Lust und Freude am Urwaldleben zurückgekehrt zu sein. Die schon ein wenig verzagten Mienen hellten sich auf, und die Schrecken der Nächte verblaßten.

Der Gedanke, noch etliche Nächte im Zelt schlafen zu müssen, war Lieselinchen nun nicht mehr so schauerlich. Von der himmelblauen Stube drinnen gingen ihre Blicke in die blühende Wildnis hinaus, und sie sagte ganz vergnügt: »Es ist doch hübsch hier!«

.

Das Mittagsmahl, das meist aus Büchsenfleisch und Maismehlbrei bestand, schmeckte allen immer vortrefflich, heiter saßen dann alle vier zusammen auf einem gefällten Baumstamm und schmausten.

Der Urwald lag in tiefem Schweigen. Nur ein leises schwirrendes Summen war hörbar, Millionen von Insekten tanzten in der heißen, flimmernden Luft ihren Mittagsreigen. Doch kein Vogel, kein anderes Tier ließ seine Stimme hören, und die Bäume standen wie erstarrt.

»Wir wollen alle etwas schlafen,« ermahnte stets der Vater. Herr Johnson hatte es dringend geraten, über Mittag die Arbeit ruhen zu lassen. Wenn auch noch keine Sommerhitze herrschte, so mußten doch die Auswanderer vorsichtig sein im veränderten Klima und Überanstrengung meiden. Mäßig essen, mäßig trinken und auch mit Maß arbeiten ist das beste, hatte der freundliche Helfer geraten.

»Ich muß die Stube streichen, oder ich muß dies oder das tun,« brummelte dann wohl Fabian. Er schalt noch ein Weilchen über den Unsinn, schlafen zu wollen; dann gähnte er, sank um und schnarchte gleich darauf so fest, daß es ordentlich rasselte. Dietrich und Lieselinchen streckten sich lachend im Zelt aus, und in wenigen Sekunden schliefen auch sie fest. So holten sie die schlaflosen Stunden der Nacht wieder ein.

Einmal, fünf Tage nach der Ankunft war es, da legten sich alle besonders müde hin. Plötzlich fühlte Lieselinchen, die gerade im Traum den alten Schulweg zurücklegte, wie ihr etwas Rauhes über die Wangen strich. Sie öffnete nur ein wenig die Augen und sah einen Affen über sich, der ganz wie Joli aussah. Sie lächelte halb im Schlaf, streichelte das Tier und flüsterte traumumfangen: »Joli, mein guter Joli!«

Dann schlief sie weiter, fest und süß, als läge sie im weichsten, molligsten Federbettlein.

Die Zeit verrann. Herr Hesse richtete sich einige Male auf, immer sah er Fabian und die Kinder in festem Schlafe liegen, und drüben im Wald herrschte die gleiche tiefe Stille. Dann schloß er immer wieder beruhigt seine Augen, denn er war auch müde von den schlaflosen Nächten.

Endlich wachte Fabian auf. Wie ein Stehaufmännchen schnellte er empor und sah sich wild um. Im ersten Augenblick wußte er gar nicht, wo er war, dann fiel ihm plötzlich die himmelblaue Stube ein, und er schrie laut los: »Ich muß streichen, ich muß streichen.«

Sein Geschrei weckte die andern. Herr Hesse griff rasch nach dem Gewehr, er dachte nicht anders, als Indianer oder wilde Tiere nahten sich ihnen.

Lieselinchen kreischte entsetzt los; sie hörte Fabian brüllen, sah den Vater das Gewehr ergreifen, und sie flüchtete schreiend in das Haus: »Ein Tiger, ein Tiger!«

Dietrich wollte ihr folgen, er wollte sie beschützen; im Eifer riß er an einem Zeltmast, und klatsch fiel das ganze Zelt über Fabian zusammen.

»Uff!« stöhnte der und lag platt am Boden, vom Zelt ganz überdacht.

Der Vater sah seinen Buben an, der schaute verdutzt zum Vater auf, und beide brachen in ein lustiges Lachen aus. Da kam Lieselinchen geschwind zurück, und als sie sah, was geschehen war, lachte sie mit. Fabian aber zappelte, krabbelte, stöhnte und schimpfte wütend unterm Zelt. Und je toller er es trieb, desto mehr verwickelte er sich in das Segeltuch. Die andern wollten helfen; lachend, tröstend suchten sie ihn zu befreien, aber immer ungebärdiger wurde der lange Bursch, strampelte mit Armen und Beinen, riß dabei den letzten Zeltmast um und kam erst nach einer ganzen Weile heiser und zornig aus der Umhüllung heraus.

»Potztausend,« schalt er fuchswild, »wie kanns dem Zelt einfallen, mir auf die Nase zu fallen? Wenn's fallen wollte, brauchte es doch nicht zu fallen, wenn ich drin bin. So eine verdrehte Fallerei! Hopsa!« Fabian hatte aufstehen wollen, war aber wieder hingepurzelt. Nun mußten ihn Herr Hesse und Dietrich aufziehen, damit er nur wieder auf die Beine kam. Dann rannte er freilich sehr geschwind wieder in das Haus hinein und strich mit wildem Eifer die himmelblaue Farbe auf die rauhe Holzwand.

Draußen stellten Vater und Sohn das Zelt wieder auf. Lieselinchen wollte helfen, dabei entdeckte sie auf dem Platz, auf dem sie gelegen hatte, eine wundervolle hellrote Blüte. Die saß wie ein großer, strahlender Schmetterling auf einem schwankenden Stengel, und Herr Hesse sah erstaunt die schöne Blüte in der Hand seines Kindes.

»Welch köstliche Orchidee!« rief er bewundernd. »Wo hast du die gepflückt?«

»Ich habe sie gar nicht gepflückt, sie lag auf einmal hier. Vielleicht hat Fabian sie gefunden!«

Aber Fabian wußte nichts von der Blüte, und weil er nur an seine himmelblaue Stube dachte, schaute er gar nicht recht hin, sondern brummte nur: »Hab' sie gewiß mit dem Holz zusammengetragen. Mach' doch nicht so viel Lärm um eine Blume! Aus dem Wege, jetzt kommt Farbe!« Und klatsch flog ein dicker Farbenklecks an Lieselinchen vorbei und tropfte auf den Boden nieder.

Die Kleine flüchtete schnell, die schöne Blüte aber stellte sie in ihren eigenen Trinkbecher, und oft ruhten ihre Blicke bewundernd darauf. Auch Herr Hesse sah die Blume immer wieder an. »Ich wollte, ich wüßte, wo sie wächst,« dachte er; »Fabian muß mir zeigen, wo er das Holz geholt hat. Aber wunderbar ist es doch, daß er dabei die Blume mitgebracht hat, ohne sie zu sehen.«

Auch Lieselinchen dachte viel an die schöne Blume, sie kam ihr vor wie ein liebes, schönes Märchen. Woher war sie nur?

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