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Josephine Siebe: Joli - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJosephine Siebe
titleJoli
publisherVerlag von Levy & Müller
illustratorPaul Leuteritz
yearo.J.
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140605
projectid64542dc7
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Fünftes Kapitel.

Im Urwald.

»Morgen fängt die Schule an,« kreischte ein kleiner, schwärzlicher Affe. Er kletterte auf einem Riesenbaum, der am Rande eines südamerikanischen Urwaldes stand, herum; von Ast zu Ast sprang er, schaukelte sich hin und her und schrie immer lauter in das Dunkel des Waldes hinein: »Morgen fängt die Schule an, haio, haio, die Schule fängt an!«

Aus dem Wald heraus kamen andere Stimmen, die den Ruf wiederholten, manche klangen lustig, manche weinerlich; nicht alle Äffchen schienen sich auf den Schulanfang zu freuen.

Ein kleiner Affenbube, der seinen Schwanz um einen dicken Baumstamm geschlungen hatte, kreischte mit gellender Stimme: »Ich will nicht in die Schule, ich will nicht in die Schule!«

.

»So, da möchte ich doch wissen, was du eigentlich willst,« rief die alte Affengroßmutter Itohu ärgerlich, die in einer von feurig blühenden Lianen gebildeten kleinen Laube saß, und der schon die Ohren weh taten von all dem Geschrei.

»Ich möchte in die weite Welt gehen,« rief Bimbo, der kleine, faule Affenjunge, übermütig, »nicht immer hier im Urwald sitzen bleiben, das ist mir viel zu langweilig.«

»Haio, haio, hört den Bimbo an,« schrieen große und kleine Affen entsetzt.

Ein paar Papageien, die wie große, bunte Blüten auf den Bäumen saßen, kreischten scheltend dazwischen, und aus der Tiefe des Waldes tönte das zornige Brummen Tamandus, des Ameisenbären. Sie waren alle entsetzt über Bimbos vermessenen Wunsch, selbst ein paar Wildtauben gurrten mißbilligend.

Itohu, die Affengroßmutter, aber schüttelte ernst ihr Haupt; sie sagte mahnend: »Kind, Kind, es wird dir noch wie Tohubohu ergehen!«

»Wie ist es denn dem ergangen, gut?« fragte Bimbo keck. Er war wirklich der frechste Affenbube im ganzen Wald, der höchstens seinen Mund hielt, wenn ein Jaguar seinen Schrei ertönen ließ. Vor dem fürchtete er sich doch etwas.

»Bitte, bitte, Urgroßmutter, erzähl' von Tohubohu!« bettelte ein kleines Affenmädel, das himmelgern Geschichten hörte. Kaum hatten die andern Äfflein die Bitte vernommen, da kreischten sie: »Urgroßmutter, bitte, erzähl' uns von Tohubohu!« All das kleine Affengesindel hopste und sprang von Baum zu Baum, von Ast zu Ast, aus der tiefsten Waldestiefe kamen sie heraus zu Itohus Lianenlaube geklettert; denn alle Affenbuben und -mädel im ganzen Urwald hatten es schrecklich gern, wenn die Urgroßmutter erzählte, sie wußte so viele wunderfeine Geschichten. Sie hatte noch die allerersten Ansiedler gesehen, die sich am Urwaldrand, dort wo ein großer Fluß floß, Hütten gebaut hatten. Jetzt wohnten schon hie und da Menschen, und die Axt des Holzfällers dröhnte oft genug durch den Wald. Jedesmal erschraken dann alle Tiere sehr. Die Kleinen und Schwachen unter ihnen verkrochen sich in die Tiefe, da wo ein fast undurchdringliches Dunkel herrschte und ururalte Baumriesen standen. Die großen und wilden Tiere aber brüllten drohend auf, und wehe dem Ansiedler, der ihnen unbewaffnet entgegentrat. In dem Urwaldwinkel aber, in dem Itohu und ihre Verwandten hausten, gab es noch keine Ansiedler, und die Tiere freuten sich ihres ungestörten Lebens.

Bald war Stille im Walde, als die Urgroßmutter Itohu zu erzählen begann. Sie brummelte zwar etwas über das Gebettel der Kleinen, der Tag war warm, und sie hätte gern ein Mittagsschläfchen in der Lianenlaube gehalten. Aber als nun auch noch ihre Urenkelin Ama, das zierlichste, vergnügteste Affenmädel im ganzen Wald, herbeikam, da ließ sie sich erbitten und erzählte. »Tohubohu war der unnützeste kleine Affenjunge im ganzen Walde. Seine Eltern, die schon beide tot sind, hatten einen wundervollen Brotbaum; eine schönere Wohnung besaß keine Affenfamilie im ganzen Walde. Doch Tohubohu war ein Schlingel, er wollte es immer noch besser haben, er wollte nur immer klettern und springen und nicht in die Schule gehen. Nun ist es freilich recht gut und nützlich, wenn ein Affenjunge ordentlich klettern kann, aber die Schule darf er darüber nicht versäumen. Das tat aber Tohubohu oft. So war er auch nicht in der Schule, als der Lehrer gerade erzählte, daß Jäger in den Wald gekommen seien, Menschen, die die Affen fangen wollten, um sie in ein fernes Land zu entführen.«

»Was machen sie da mit ihnen?« fragte Bimbo rasch.

Itohu rief ärgerlich: »Du mußt mich nicht immer unterbrechen! Aufessen tun sie die Affen.«

.

»Haio, ua, ua,« schrieen alle Affenbuben und Affenmädel entsetzt, Ama fing gleich an zu weinen, und die Urgroßmutter mußte ihr mit einer Lianenblüte die dicken Tränen vom schwärzlichen Gesichtlein abwischen. Die Kleinen taten alle, als sollten sie sofort mit Haut und Haar aufgegessen werden, und es dauerte eine ganze Weile, ehe die Urgroßmutter sie beruhigen konnte. Die sagte: »Na, tröstet euch nur, euch geht es gewiß nicht so. Ganz genau weiß ich es auch nicht, was die Menschen mit den gefangenen Affen machen, von denen ist aber noch keiner zurückgekehrt, der es erzählen könnte. Glücklicherweise ist seit vielen Jahren aus unserm Wald kein Affe entführt worden. außer Tohubohu. Der hatte es nämlich mit dem Schuleschwänzen so arg getrieben, daß der Lehrer beschloß, einmal selbst zu seinen Eltern zu gehen. Tohubohu sah ihn kommen, und weil er fürchtete, Schläge zu bekommen und in den hohlen Baum gesetzt zu werden –«

»Was ist es denn mit dem hohlen Baum?« fragte ein Affenmägdlein neugierig, die so brav war, daß sie noch nie bestraft worden war.

»Hm,« sagte Itohu ernst, »das ist eine schlimme Sache. In den hohlen Baum werden die Kinder gesteckt, die nicht gefolgt haben. Sie mußten ein paar Stunden im Dunkeln sitzen.«

. »Haio, das ist nicht schlimm,« kreischte Bimbo vergnügt, »ich sitz gern im Dunklen.«

»So?« sagte die Urgroßmutter streng. »Na, ist recht, du sollst nachher auch in den hohlen Baum kommen. Darin sind nämlich viele Ameisen, die zwicken und zwacken unfolgsame Kinder ordentlich.«

»Ua ua!« kreischte Bimbo erschrocken. Er nahm vor lauter Angst seinen Schwanz in das Maul und versprach zitternd: »Ich will artig sein, ich will artig sein, ich will nicht in den Baum!«

Die Urgroßmutter lächelte nur ein wenig und erzählte weiter: »Also Tohubohu riß einfach aus, um der Strafe zu entgehen, dabei wurde er gefangen, – er fiel in Menschenhände. Kein Affe weiß, wie es geschehen ist; ein paar Affenfrauen haben ihn nach einer Weile fürchterlich schreien hören, und später haben die Vögel erzählt, die Menschen hätten Tohubohu auf einem Wagen mitgenommen. Es hat ihn niemand mehr gesehen.«

»Armer Tohubohu,« flüsterte Ama, und dicke Tränen standen in ihren schwarzen Äuglein.

Die Affenkinder schauten einander entsetzt an. Brrrrr, das war ja eine schreckliche Geschichte gewesen, so eine hatte ja die Urgroßmutter noch nie erzählt. Selbst Bimbo war still geworden. Mit leisem Schauer dachte er an Tohubohus Schicksal und nahm sich vor, morgen ganz brav in die Schule zu gehen. An diesem Abend waren aber auch alle andern Affenbuben und Affenmädel sehr brav; sie kletterten alle sehr folgsam auf ihre Bettäste und balgten sich nicht mehr miteinander und störten durch ihr Geschrei nicht die Ruhe der andern. Manch ein Affenpapa staunte über die ungewohnte Artigkeit, und manche Affenmama dachte seufzend: Ach, wären sie doch immer so!

Am nächsten Morgen hatten die Kinder freilich ihre Angst alle miteinander verschlafen.

»Ach was, die Geschickte von Tohubohu war sicher nur ein Märchen gewesen. Mich fängt niemand,« schrie Bimbo. Er war nun wieder der frechste und unnützeste Affenjunge im ganzen Wald, und mit sehr viel Geschrei eilte er mit seinen Kameraden in die Schule.

Rosso, ein alter, ungeheuer kluger Affe, war der Lehrer. Er wartete in der weitverzweigten Krone eines riesigen Wollbaumes auf das Schulkindervolk. Es waren wunderliche Wege, die zu dieser Schule führten; Schlingpflanzen, Lianen genannt, hatten sich zu Brücken und Leitern verstrickt, von ihnen hernieder hingen leuchtend blaue, goldgelbe und rosenfarbene Blütentrauben, wie Sterne strahlten andere große, bunte Blumen aus dem Grün heraus. Über diese blühenden Brücken und Stege sprangen die Affenkinder. Manch ein wilder Bube hing sich erst noch einmal an eine blühende Schlingpflanzenschaukel und schwang sich hin und her. Große Schmetterlinge, deren Flügel schimmerten, als wären sie aus tausend Edelsteinen zusammengesetzt, umflatterten die Schulkinder, und die kleinen, jungen Papageien kreischten schadenfroh: »Koko, koko, wir sind froh, ihr müßt in die Schule, wir nicht!«

»Ja freilich,« schrie Bimbo trotzig und schwenkte sein Palmenblatt hoch; das war für ihn, was für die Menschenkinder eine Schiefertafel ist.

»Ja, wir gehen in die Schule; wir sind die klügsten Tiere im Urwald, und darum haben wir eine Schule. Wenn wir nichts lernen, bleiben wir so dumm wie die Papageien.«

.

Huh, wurden diese nun böse! Sie krächzten, kreischten, schlugen mit den Flügeln und zerhackten mit ihren dicken, krummen Schnäbeln vor Wut die Äste.

Der Schulbaum stand am Urwaldrand, dort, wo sich ein Fluß den Weg durch die Wildnis gebahnt hatte. Die Flüsse waren die einzigen natürlichen Wege, die durch die Wildnis führten, das Innere des Waldes war fast undurchdringlich. Wollte ein Mensch hindurchgehen, so mußte er sich erst mit der Axt mühsam einen Weg bahnen.

Je näher die Affenkinder dem Schulbaum kamen, desto sittsamer wurden sie, im Schulbaum setzte sich jedes ganz brav auf seinen Ast. Sie hatten alle einen gewaltigen Respekt vor Herrn Rosso. Nur Bimbo, der Schelm, kam mit einem Purzelbaum in die Schule geschossen, und wenn Ama sich nicht noch rasch an einen Lianenzweig festgehalten hätte, wäre sie von ihrem Sitz gefallen, so heftig prallte der Bube an sie an.

»Er ist zu frech!« sagten selbst die Kinder entrüstet, und der Lehrer nahm ganz geschwind eine Rute aus getrockneten Palmenblättern und verwichste den kleinen Wildling tüchtig. Der schrie gar jämmerlich, und etliche Papageien, die neben dem Schulbaum wohnten, lachten schadenfroh.

.

»Ko, ko, ko, ko, ko, der Bimbo lernt so viel, er weiß nun schon, was Schläge sind. Kluger Bimbo, bravo Bimbo! Ko, ko, ko, ko, ko!«

Da schämte sich Bimbo gewaltig; er setzte sich ganz still in eine Ecke und nahm sich vor, nun ganz schrecklich artig zu sein. Er hätte es vielleicht auch getan, wenn nicht just in diesem Augenblick ein großer Schmetterling an seiner Nase vorbeigeflogen wäre.

»Den muß ich erst ein bißchen necken,« dachte Bimbo und schlug mit der Pfote nach ihm. Das ärgerte den Schmetterling, er flog nun gerade noch einmal an Bimbo vorbei; der schlug wieder nach ihm, aber der Schmetterling war schneller, – husch, war er vorüber, und husch kam er schon wieder.

Platsch schlug Bimbo in die Luft, dabei verlor er aber das Gleichgewicht und purzelte von seinem Ast herunter. Er riß im Fallen einen andern Affenbuben mit, an dessen Ast er sich festhalten wollte; der wollte sich wieder an einem dritten Affen festhalten, der an einem vierten, so ging es fort. Mit einem Male sauste die halbe Schule vom Baum herunter, und Bimbo, der Unheilsstifter, fuhr mit einem Bein sogar noch durch die Palmenblattschiefertafel einer kleinen Äffin.

. Was zu viel ist, ist zu viel. Herr Rosso schrie wütend: »Na warte, Bimbo, mein Söhnchen, du kommst drei Stunden in den hohlen Baum, und Schläge gibt es als Zugabe.«

Schwupp ergriff er den unnützen Buben, zog ihn hinauf und band ihn vorläufig mit seinem eigenen Schwanz auf einem Aste fest.

»Der hohle Baum und die Schläge kommen nachher,« sagte er streng, »jetzt aufgepaßt die Schule beginnt.' Wehe, wenn eins schwatzt oder lacht, es kommt auch in den hohlen Baum!«

Die Affenkinder saßen nun alle mucksmäuschenstill. Wenn Herr Rosso so sprach, dann war die Sache bedenklich. Sie hätten an diesem Morgen gewiß sehr viel gelernt, wenn nicht plötzlich etwas Seltsames geschehen wäre.

Ungewohnte Laute drangen durch den Urwald, und die alte Urgroßmutter Itohu rief angstvoll: »Menschenstimmen, es kommen Menschen in unsern Wald.«

Ein wildes Geschrei und Gekreisch erhob sich. Alle Affen, Vögel und kleineren Tiere, die nahe am Waldrand wohnten, brachen in wildes Jammergeheul aus, und aus der Tiefe des Waldes kam das drohende Brüllen der Raubtiere.

»Geht nach Hause, Kinder,« sagte Herr Rosso, »für heute ist die Schule aus. Aber macht keine Umwege, springt alle rasch zum rechten Baum; ich fürchte, ich fürchte, es droht uns große Gefahr!«

Der Lehrer band Bimbo los. »Geh auch du! Heute sei dir die Strafe erlassen, aber wehe dir, wenn du einen Umweg machst!«

Bimbo versprach Gehorsam und sprang den andern nach. Auf halbem Wege aber hatte er die Mahnung und sein Versprechen schon vergessen. Menschen kamen. Es war fein, nun würde er endlich einmal Menschen zu sehen bekommen. Aber vielleicht mußte er wieder zu Hause bleiben, denn Mutter sagte stets: »Kinder brauchen nicht alles zu hören und zu sehen!«

»Nein, das tu' ich nicht,« dachte Bimbo trotzig, »ich will die Menschen sehen. Ach, und fein, schulfrei ist, und wenn schulfrei ist, braucht man nicht zu Hause zu sitzen!«

Der Bube hatte das kaum gedacht, da kletterte er schon auf einer mit lila Blüten dicht überwachsenen fliegenden Brücke auf einen andern Baum; es war nicht der Weg, der ihn nach Hause führte.

»Wo springst du hin?« rief ihm Juju, auch so ein unnützer Bube, nach.

Bimbo grinste und zeigte alle seine Zähne. »Ich mag nicht nach Hause, wenn schulfrei ist, ich will die Menschen sehen.«

»Er will die Menschen sehen,« tuschelten sich die Affenbuben und Mädels zu und einige der kecksten liefen auch über die schwankende Blütenbrücke.

»Wir kommen mit, wir kommen mit!«

»Ach, tut es doch nicht, es ist ja verboten,« bettelte Ama ängstlich, »ihr werdet sonst gefangen wie Tohubohu.«

Die andern lachten nur.

»Pah, das war ja nur ein Märchen. Kommt, kommt, wir wollen die Menschen sehen.« Sie sprangen geschwind davon, ohne noch auf der andern Bitten zu hören. Im Süden des Waldes war von Menschen eine Straße angelegt worden, die zu Ansiedlungen führte. Dahin eilten die unnützen Affenkinder, denn sicher würden dort die Menschen kommen.

Die Mädels und Buben aber, die brav waren, liefen erst nach Hause, erzählten, daß sie schulfrei hätten, und baten um die Erlaubnis, zu der Großmutter Itohu zu gehen. Das wurde ihnen auch gewährt, und bald saßen drinnen in der Lianenlaube und draußen vor der Laube die Affenkinder und baten: »Urgroßmutter, erzähl' uns eine wahre Geschichte, was von Menschen!«

Itohu erzählte, wie eines Tages Axtschläge den Wald durchhallt hätten. Große, starke, weiße Männer wären gekommen und hätten Bäume gefällt, dann hätten sie ein Feuer angezündet und die Bäume verbrannt; dadurch wäre ein freier Platz entstanden, auf dem sie Hütten gebaut hätten. Die Häuser der Menschen seien von Holz gewesen und hätten Dächer von getrockneten riesigen Palmenblättern gehabt. Um die Häuser herum aber hätten die Ansiedler Felder angelegt und Gärten, da wären die köstlichsten Früchte und Gemüse in verschwenderischer Fülle gewachsen. Gar mancher Affe hätte schon heimlich in der Nacht dort Früchte geholt, aber wehe, wenn das die Menschen merkten! Sie hätten ein langes Rohr, das nannten sie Gewehr, mit dem machten sie »Puff« und –

»Urgroßmutter, was kommt dort?« flüsterte Ama ängstlich. Den Flußlauf entlang kamen noch nie gesehene Gestalten, und Itohu sagte tief erschrocken: »Das sind Menschen, sie kommen hier vorbei. O Kinder, seid ganz ganz still, vielleicht bemerken sie uns nicht.«

Den Flußlauf entlang kamen ein paar Männer. Sie steckten in grauen Leinenhosen und -Jacken und trugen auf dem Rücken schwere Rucksäcke und Gewehre. Einer trug noch ein großes Paket über dem Rucksack, und man merkte es ihm an, daß diese Last nicht leicht war. Mit Äxten bahnten sie sich ihren Weg, da wo zu dichtes Buschwerk ihnen den Pfad versperrte. Der Fluß war seicht und nicht sehr wasserreich, er hatte auch nicht so große, gefährliche Stromschnellen wie viele seiner Brüder in diesem Land. Die Wanderer kamen daher ganz gut auf diesem Wege vorwärts, selbst ein paar Buben, die mit dabei waren. Der eine von ihnen war feiner und zierlicher als der andere, er hatte lichtblonde Haare und veilchenblaue Augen, die des größeren waren nußbraun.

Einer der Männer wandte sich manchmal um und fragte: »Ist dir der Weg auch nicht zu schwer, Lieselinchen?«

Jedesmal antwortete der kleine Bube, der eigentlich ein Mädel war, mit hellem Stimmlein: »Nein, Vater. Ach, es ist so wunderschön hier! Gelt, Dietrich, dir gefällt es auch?«

»Na ob!« Die Augen des größeren Knaben blitzten, und heiter schwang er die Axt. »Hier gefällt's mir. Wenn wir nur erst da wären!«

Ein großer, starker Mann mit sonnenverbranntem Gesicht lachte: »Ja, so geschwind wie im lieben deutschen Vaterland kommt man hier freilich nicht vorwärts. Nicht wahr, Mister Fabian?«

»Hm,« brummte der Angeredete nur. Er war in ein Dornengestrüpp geraten und mußte sich erst mit ein paar kräftigen Axthieben befreien.

Die Affengroßmutter Itohu spähte ängstlich aus ihrer Lianenlaube heraus, und zitternd schmiegten sich ein paar Buben und Mädel an sie an.

»Menschen, da sind sie!« flüsterten sie leise. »Woher kommen sie denn?« wisperte ein kleines Affenmädel.

»Ich weiß es nicht, aber sie sehen nicht böse aus,« sagte die Großmutter leise, »vielleicht tun sie uns nichts!«

»Affen, ach Vater, Dietrich, seht doch, Affen! Fabian, sieh nur! Alle sehen aus wie unser Joli!« schrie das in Bubenkleidern steckende Lieselinchen Hesse auf einmal.

Sie standen alle vor Urgroßmutter Itohus Lianenlaube und sahen in lauter erschrockene, entsetzte Affengesichter.

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»Unnützes Gesindel,« brummte Herr Johnson, der die Auswanderer führte und schon lange im Lande war. Er wollte sein Gewehr von der Schulter nehmen und auf die Affen schießen, aber Lieselinchen und Dietrich baten beide: »Bitte, ach bitte, nicht schießen! Sie sind so lieb und sehen alle wie unser Joli aus. Sie tun uns doch auch nichts!« Und Lieselinchen nickte den Affen zu, als wären sie alle ihres Jolis Brüder.

. Herr Johnson ließ das Gewehr sinken und lachte: »Meinetwegen, du kleines, deutsches Mädel. Aber nun vorwärts! In einer Stunde können wir an Ort und Stelle sein, in eurer neuen Heimat.«

Die Wanderer zogen weiter durch die blühende Wildnis, und all die schwarzen Affenaugen schauten ihnen voll Bewunderung nach.

»Sie sind gut,« sagte die Affengroßmutter Itohu, »wir wollen sie auch beschützen. Hört ihr alle, seid lieb zu ihnen, sie kommen als Freunde, und sagt es auch den andern Tieren.«

An diesem Tage sprachen die Tiere im Walde viel von den Menschen, und daß sie gut wären. Nur Bimbo und seine Genossen wollten gar nichts von ihnen hören. Es war ihnen recht schlecht ergangen; sie hatten die Fremden nicht gesehen, und für ihr Ausreißen hatten sie noch tüchtige Prügel bekommen.

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